Abgemahnt wegen „verfrühter Schwangerschaft“

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    Ein Leserbrief für die „Otoko-no-kimochi“ („Männergefühle“)-Rubrik der Zeitung Mainichi Shimbun trat Anfang dieser Woche eine (erneute) Diskussion über das Thema Mutter/Arbeit-Beziehung los. In dem Brief berichtete ein Mann aus der Nähe von Nagoya, das seine schwangere Frau von ihrem Arbeitgeber, einer privaten Kindertagesstätte, abgemahnt wurde. Der Grund: Die 28-jährige habe sich nicht an die Abmachung gehalten und sei früher als abgesprochen schwanger geworden. Das Paar ging dabei sogar zur Leiterin der Einrichtung und entschuldigte sich bei ihr, und dennoch gab es eine Abmahnung.

    Das allein ist schon schlimm genug, aber die Geschichte wurde auch von Fernsehsendungen aufgenommen, und dort äußerte eine Expertin sogar Verständnis für die Kitaleiterin – in einer von Frauen dominierten Arbeitsstelle bürde die (plötzliche) Schwangerschaft nun mal den Kolleginnen eine große Last auf. Sicher, aus unternehmerischer Sicht hat sie ja vielleicht recht, aber das auch nur bei oberflächlicher Betrachtung. Doch der Gedanke gehört zu denen, die besser gar nicht erst gedacht werden sollten. Die Idee, Frauen vorzuschreiben, wann sie zu heiraten und wann sie Kinder zu bekommen haben, ist schlichtweg pervers, ganz besonders dann, wenn es sich um Japan, einem Land mit genozidverdächtig niedriger Geburtenrate, handelt.

    Während einer Sendung kam auch eine 26-jährige Mitarbeiterin eines Kosmetikunternehmens zu Wort. Sie berichtete, dass von einer Vorgesetzten ein „Abteilungsgeburtenplan“ per Email eintrudelte. Dort wurde allen 22 Mitarbeiterinnen detailliert vorgelegt, wann sie schwanger werden dürfen. In ihrem Fall war sie erst im Alter von 35 Jahren an der Reihe. Die Email war auch mit der Drohung versehen, dass jeder, der gegen den Plan verstoße, diszipliniert werden würde.

    Diese Fälle sind absolut keine Einzelfälle. Interessant an der Sache ist jedoch, dass so etwas plötzlich durch einen zufälligen Brief (und einen Reporter mit Gespür für heiße Themen) thematisiert wird. Vor allem für Kitas sind diese Zustände jedoch „völlig normal“ – quasi 暗黙な了解 anmoku na ryōkai (stillschweigendes Einverständnis) und Fragen nach dem Familienstand und Kinderwünschen bei Einstellungsgesprächen ohnehin gang und gäbe (sicher ist das nicht nur in Japan so). Nicht wenige Bekannte in meinem Bekanntenkreis erzählten auch, dass sie regelrecht Angst davor hatten beziehungsweise haben, den glücklichen Umstand ihrem Arbeitgeber/den Kollegen bekanntzugeben.

    Etliche Arbeitgeber sind diesbezüglich auch knallhart. Als meine Frau in der hiesigen Stadtbibliothek ihre Stelle antrat, und nach ein paar Monaten schwanger wurde, forderte der Arbeitgeber sie sofort nach Bekanntwerden, im erst 4. Monat, auf, sofort mit der Arbeit aufzuhören, „da die Arbeit in der Bibliothek ein zu grosses Gesundheitsrisiko für Schwangere darstellt“. Ohne Aussicht auf Rückkehr nach der Schwangerschaft, wohlgemerkt.

    Wie sich angesichts solcher Zustände Politiker noch über die zu geringe Geburtenrate wundern bleibt ein Rätsel. Und wirtschaftliche Gründe hin oder her – meines Erachtens nach verletzen solche Regeln die Menschenrechte.

    6 COMMENTS

    1. Bei dem in der japanischen Gesellschaft nicht ganz unüblichen Nationalkonservativen Einschlage hätte ich eher gedacht, dass von Frauen erwartet wird eigentlich ständig Kinder zu kriegen. Aber gut, dass ist eine Erklärung für die, wie im Beitrag erwähnt, genozidverdächtigen Geburtenraten.

      • Die Frauen sollen ja auch Kinder kriegen. (Man erinnere sich an einen freundlichen Zwischenruf im Parlament vor einigen Jahren…) Nur nicht gleichzeitig arbeiten.

    2. „Japan, einem Land mit genozidverdächtig niedriger Geburtenrate“
      gemessen am internationalen Standard ist die japanische Geburtenrate nicht extrem niedrig. Länder wie Spanien oder Italien haben eine – zwar nur geringfügig, aber immerhin – noch niedrigere Geburtenrate. In Deutschland hat die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund wohl ebenfalls eine etwas niedrigere Geburtenrate als die Bevölkerung in Japan.

    3. Meine Dauer-Freundin-Bekannte aus dem Raum Tokio schrieb mir ende der 80er Jahre einmal zum Thema Heirat / Kinder … so in etwa, „sollte ich nach der Heirat schwanger werden, so erwartet man von mir, dass ich mich ins Privatleben zurückziehen werde und mein Mann als Alleinverdiener für das Auskommen zu sorgen hat“ … so in etwa war der Text. Und das obwohl sie in einem Namhaften großen Unternehmen tätig ist / war.

      Es hat sich also nichts geändert. Irgendwie schrecklich.

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