Untersuchung: ​ Sturm könnte ein Drittel von Tokyo überschwemmen

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    Flutgefährdete Bereiche in Tokyo
    Flutgefährdete Bereiche in Tokyo

    Wo wir erst neulich beim Thema Erdbebengefahr in Tokyo waren – nun wurden von der Stadtverwaltung auch Risikountersuchungen bezüglich der Gefahr von Sturmfluten veröffentlicht¹, und selbst für Menschen, die das Risiko in Tokyo und Umgebung bereits kennen, sind die Ergebnisse ein sehr deutliches Alarmsignal. Zwar ist allgemein bekannt, dass einige Stadtviertel aufgrund der Trockenlegung der Flussauen und aufgrund des Gewichts der Bebauung auf selbigen Flächen unter Meeresspiegelhöhe liegen. Die Simulation ist trotzdem erschreckend. Das der Untersuchung zugrunde liegende Szenario ist ein schwerer Taifun, der direkt auf die Hauptstadt trifft, gepaart mit dem Scheitelpunkt der Flut, denn auch in der eher seichten Bucht von Tokyo gibt es einen durchschnittlichen Tidenhub von 2 Metern. Das Szenario ist auch nicht von weither geholt – 1910 zum Beispiel setzte das 明治43年の大水害 Meiji 43-nen no daisuigai grössere Teile Tokyos unter Wasser, und im Jahr 1947 sorgte der Taifun Kathleen mit Windgeschwindigkeiten von knapp 200 Stundenkilometern und Niederschlägen bis zu 500 mm (also einen halben Meter!) innerhalb weniger Stunden der kriegsgebeutelten Hauptstadt arg zu.

    Der Untersuchung zufolge muss man in 17 der 23 zentralen Stadtbezirke (都内 tonai) mit ernsten Überschwemmungen rechnen. Besonders betroffen wären die vier Stadtviertel im Nordosten – Koto-ku, Sumida-ku (rund um den Tokyo Sky Tree), Edogawa-ku und Katsushika-ku, aber auch die küstennahen Bereiche in Shingawa, Minato und Ōta. Ganz dicke kann es da für die Gebiete entlang des 荒川 Arakawa (-kawa = Fluss) kommen – dort könnte das Wasser mehr als zehn Meter (!) tief stehen; die Gegend würde volllaufen wie eine Badewanne, und das Wasser würde nur sehr langsam wieder abziehen. Insgesamt rechnet man damit, dass rund 4 Millionen Bewohner direkt betroffen wären. In der unteren Karte wird zudem ersichtlich, wie lange das Wasser bleiben würde: Orange steht für eine Woche, dunkelblau für einen Tag. Da vor allem in den stark gefährdeten Bereichen viele Häuser aus Holz gebaut sind, wären die Folgen katastrophal – eine unglaublich große Menge an Baumasse müsste nach dem Hochwasser ersetzt werden. Die neuesten Ergebnisse dürften deshalb auch einen großen Einfluß auf den Immobilienmarkt haben.

    Geschätzte Hochwasser-Verweildauer: Orange = eine Woche, dunkelblau: 1 Tag
    Geschätzte Hochwasser-Verweildauer: Orange = eine Woche, dunkelblau: 1 Tag. Quelle: Tokyo Stadt

    Die Gefahr wird zudem immer realer, denn aufgrund der Erderwärmung, ob man nun daran „glaubt“ oder nicht, wird die Wahrscheinlichkeit schwerer Taifune zunehmend grösser (früher rechnete man mit einem schweren Taifun in Tokyo in Jahrzehnten, jetzt muss man in Jahren rechnen), und der Anstieg des Meeresspiegels tut sein Übriges. Mit anderen Worten, Tokyo wird eine der Metropolen sein, die sehr schnell unter dem Klimawandel leiden werden.

    Meliorationstechnisch wird dabei sehr viel getan in Tokyo – es gibt ein weitreichendes und sehr ausgeklügeltes Netz von unterirdischen Flussläufen, riesigen Zisternen, Deichen und dergleichen, doch wenn das Meer mit Wucht in die Bucht drückt, wird es brenzlig. Dank aufwändiger Untersuchungen wie der oben genannten werden auch stetig neue Maßnahmen bestimmt und durchgeführt, doch es wird ein Wettlauf gegen die Zeit sein.

    ¹ Siehe unter anderem hier (offizielle Bekanntmachung der Stadt Tokyo), hier (Tokyo Shimbun) und hier (Huffington Post).

    5 COMMENTS

    1. Kurze Verständnisfrage bezüglich der Niederschlagsmenge während des Taifuns Kathleen: 500 oder 5000 mm? ;-)

    2. Danke, das ist gut zu wissen. Ein Ferienhaus in den Bergen wird bald mehr wert sein als ein Haus in Tokyo. Mal ganz abgesehen vom Mehrwert der Erholung.

    3. Meine Gegend scheint Gott sei Dank weit genug im Westen zu liegen. (Außerdem wohnen wir im neunten Stock.) Trotzdem wäre ein Hochwasser in Tokyo natürlich furchtbar. Mich wundert, dass Odaiba nicht betroffen zu sein scheint. Und dass die Japaner sich trotzdem so wenig um die globale Erwärmung scheren und immer noch auf Teufel komm raus heizen und kühlen…

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