Das grandiose Mißverständnis der Japaner Teil soundso

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    Am 12. Januar kam es nur vier Kilometer von der Stadt Sanjō-Tsubame (Präfektur Niigata) entfernt zu einer der längsten Verspätungen der japanischen Bahngeschichte: Ein Vorortzug mit rund 430 Passagieren der JR East-Linie blieb mitten auf dem Feld in einer Schneewehe stecken, und so sehr man sich auch mühte — man konnte auf die Schnelle nichts dagegen machen. Der Zug blieb geschlagene 15½ Stunden dort stehen (dies schloss eine Nacht mit ein), bis man die Passagiere evakuieren konnte. Das Zugpersonal hatte es dabei nicht leicht: Einige Passagiere wollten den Zug verlassen, um sich bis zur Stadt durchzuschlagen, aber die Anweisungen an das Personal lauteten, niemanden gehen zu lassen, da es draußen zu gefährlich wäre. Das hatte seinen guten Grund, denn die Schneefälle in der Nacht waren enorm und ein Fußweg, egal ob während des Tages oder in der Nacht, wäre sehr gefährlich gewesen.

    Die Haltung des Personals wurde kontrovers diskutiert. Zwar hatte der Zug Strom und sogar eine Toilette, ausserdem konnte JR East Notrationen und Wasser bis zum Zug bringen, aber einige Passagiere empfanden das fast schon als Freiheitsberaubung. Dem Triebwagenführer selbst wurde jedoch Heldentum bescheinigt, musste er doch über 15 Stunden lang mehr als 400 Passagiere beschwichtigen (und wer weiss, wie viele Male er sich in der Zeit entschuldigte). Die Lage war einfach verfahren: Es schneite heftig, aber der Zug hatte eine Schneevorrichtung integriert, und es wurde entschieden, dass der Zug weiterfahren kann. Er kam aber nur ein paar Hundert Meter weit, danach wurden die Schneefälle so heftig, dass auch kein Schaufeln mehr half. Und da es sich um eine eingleisige Strecke handelte, gab es schnell weder ein Vor noch ein Zurück.

    Im Wochenmagazin Mr.サンデー (Mr. Sunday), einem Nachrichtenrückblick mit Hintergrundanalysen auf Fuji TV, wurde gestern, am 14. Januar, ausführlich darüber berichtet. Unter anderem berichtete man über die Hilfsbereitschaft unter den Zugpassagieren während der langen Stunden: Der Zug war nämlich voll, nicht alle konnten sitzen. Also wechselten sich ein paar Passagiere ab, man tauschte Handybatterien aus und so weiter und so fort. Man interviewte zu dem Thema auch eine Oberschülerin, die ganz beeindruckt von der Solidarität unter den Passagieren war – mit dem Fazit, es war zwar lang, aber alles in allem eine gute Erfahrung. Doch dann fiel der Kommentar des Tages einer der Sprecherinnen:

    Diese Hilfsbereitschaft unter den Menschen ist etwas, das es so nur in Japan gibt.

    Und hier liegt es — eines der grandiosen Mißverständnisse. Nein, Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit sind keine japanischen Erfindungen. Viele Japaner wissen das, aber es ist sehr beachtlich, wie japanische Medien immer und immer wieder versuchen, dieses verquere Bild zu vermitteln. Das ist für einen ausländischen Betrachter jedes Mal verstörend, zumal es mit der Hilfsbereitschaft im Alltag nicht gerade rosig aussieht – erst recht nicht in vollbesetzten Zügen.

    Der Grund, warum mir das übel aufstieß, war eine Anekdote, die mir ein guter Freund erst im vergangenen Herbst erzählte: Als sein Zug auf freier Strecke aufgrund eines umgestürzten Baumes stecken blieb, kamen ziemlich bald die Bewohner eines nahegelegenen Dorfes und luden Familien mit kleinen Kindern zu sich ein – ausserdem organisierten sie Fahrgemeinschaften, damit die Leute weiterkamen. Natürlich gibt es überall Hilfsbereitschaft, und auch Gastfreundlichkeit. Zum Glück.

    6 COMMENTS

    1. Klassischer Fall von „Eigenlob stinkt“. Es war auch meine Erfahrung dass die Japaner hilfsbereit sind, daher kann ich da auch zustimmen. Aber sich selbst als Nonplusultra darzustellen ist schon arg hochnäsig.

    2. Dem Freund ist das wo passiert?

      Ich find es süß (darf ich das so sagen?), dass dir das noch aufstösst.
      „Only in Japan“ ist bei mir zu Hause ein „running gag“.
      Die Medien alleine sind aber meiner Meinung nach nicht schuld, viele Japaner glauben schon, dass Japan ganz einzigartig ist. Übrigens war ja auch der letzte Nobelpreisträger für Literatur natürlich Japaner, auf den man ganz stolz sein kann.

      • Nobelpreisträger Ishiguro ist aber mehr Engländer als Japaner – seit Kindheit in England aufgewachsen und spricht ein überragendes Englisch – aber so wie die Japaner halt sind – werden seine Kindeskinder sicher auch noch Japaner sein – auch wenn die dann eventuell nicht einmal mehr japansich lesen können.

      • Die besonders krassen Kommentare regen mich immer noch auf, das wird sich nie ändern. Bei uns zu Hause ist das allerdings auch schon ein running gag. – genauso wie das „shikashi“ in fast jeder Sportmoderation :)

    3. Hat sich die Geschichte deines Freundes in Japan oder in Deutschland abgespielt? :)

      Ja, es ist schön, wenn in solchen Situationen die Menschen dann hilfsbereit sind, aber das als Tugend Japans auszuschmücken ist natürlich völliger Blödsinn – wie so manch anderes auch. ;)

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