​ Paris ist nicht gleich New York. Oder Tokyo.

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    Schlagzeile in der Klatschpresse: Der Tag, an dem Tokyo zum Terrorziel wird.
    Schlagzeile in der Klatschpresse: Der Tag, an dem Tokyo zum Terrorziel wird.
    Man kann es nicht leugnen – Japaner sowie in Japan wohnende Ausländer haben einen sehr bequemen Platz in der hinteren Reihe, um sich das ganze Getümmel im von Japan aus gesehen Mittleren und Fernen Westen anzusehen. Flüchtlinge? Geht uns absolut gar nichts an. Islamisten im Land? Eher nicht. Japan produziert lieber seine eigenen religiösen Fanatiker, die dann auch noch mangels Schusswaffen zu Alternativen greifen müssen.

    Das Konzept des Islams ist weitgehend unbekannt und so auch der Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten. Das Gemeinwissen beschränkt sich darauf, dass der Islam monotheistisch ist und Alkohol und zahlreiche Nahrungsmittel verboten (die letzteren Einschränkungen sind den meisten modernen Japanern schon mal sehr suspekt).

    9/11 jedoch, auch wenn sich dies ebenfalls in grosser Ferne abspielte, hinterliess einen tiefen Eindruck. Das lag zum einen daran, dass der Anschlag spektakulärer war als der von Paris. Auch in Shinjuku steht ein Twin Tower (das Rathaus von Tokyo in Shinjuku). Auch in und um Tokyo herrscht reger Luftverkehr. Mit nur ein bisschen Phantasie kann man die Gefahrenlage nachvollziehen. Das große Interesse an 9/11 fusste jedoch eher darauf, dass es in den USA stattfand. Was dort geschieht, beschäftigt Japan sehr. Wenn der Riese USA niest, bekommt Japan umgehend einen Schnupfen. Ganz anders im Nahen Osten oder in Europa: Aufgrund des wirtschaftlichen Einflusses interessiert es die Allgemeinheit hier sehr wohl, ob in China ein Sack Reis umfällt. Ob jedoch die Golanhöhen angegriffen werden oder ob Mossul fällt, ob die Redaktion eines kleinen Satireblattes mitten In Paris niedergemetzelt wird oder ob in Deutschland ein Fussballländerspiel abgesagt wird, ist in Japan ziemlich egal. Das alles ist weit weg, irrelevant und flackert höchstens mal kurz ins öffentliche Bewusstsein – so zum Beispiel wenn ein Landsmann, wie die beiden von Daesh enthaupteten Journalisten, betroffen ist.

    Sicher, in den Nachrichten werden auch die Bilder der Flüchtlinge und der Attentate gezeigt. In jüngster Zeit werde ich sehr häufig auf die Flüchtlingsproblematik angesprochen – das ist nicht verwunderlich, denn Japan nimmt höchstens ein paar Dutzende im Jahr auf, so dass man hier mit Unglauben auf die aktuellen Zahlen aus Deutschland reagiert (die Kommentare meiner japanischen Mitmenschen sind diesbezüglich meistens wertungsfrei, also weder positiv noch negativ). Was jedoch zum Beispiel in Japan fehlt, ist die Welle der (Pseudo)solidarität unter ganz normalen Menschen, gut zu sehen in den sozialen Medien, wo plötzlich jeder zweite Facebook-Nutzer sein Profilbild mit der Tricolore belegt. Mit guter Absicht natürlich, aber Pseudo deshalb, weil in diesen Momenten nahezu jeder zu vergessen scheint, dass das Attentat in Paris nicht einzigartig ist, aber wer schmückt sein Profilbild schon mit der libanesischen oder nigerianischen Flagge (um die Frage selbst zu beantworten – unter meinen Facebook-Kontakten genau Einer).

    Und so bleibt Paris weit entfernt. Niemand ist wirklich geschockt – jedenfalls nicht so geschockt wie der durchschnittliche Mitteleuropäer, mich eingeschlossen, denn die Anschläge waren Anschläge auf das, was wir als die schönen Dinge im Leben bezeichnen: Konzerte und abends in Strassencafes und Restaurants abhängen. Anders gesagt, ein Anschlag auf den für uns selbstverständlichen Luxus.

    Kann das gleiche auch in Japan geschehen? Kategorisch kann man das nicht ausschliessen. Aber es ist doch weit weniger wahrscheinlich als in Deutschland zum Beispiel. Momentan gibt es keine konkreten Gefahren. Das wird sich auch so schnell nicht ändern, zumindest nicht durch Flüchtlinge aus dem arabischen Raum. Als Ministerpräsident Abe bei einer Pressekonferenz in New York am 29. September gefragt wurde, ob Japan bereit wäre, (mehr) Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen, wurde geantwortet, dass man das Problem des demographischen Wandels anders anzugehen gedenke: Man wolle erst dafür sorgen, dass Frauen und ältere Menschen bessere Arbeitsbedingungen vorfinden sowie die Geburtenrate erhöhen. Dass es bei der Aufnahme von Flüchtlingen nicht um Japans stark alternde Gesellschaft geht sondern um eine humanitäre Geste, spielte da nicht die geringste Rolle. Die humanitäre Rolle Japans sieht man mit der Zahlung von Entwicklungsgeldern als erledigt an.

    6 COMMENTS

    1. Auch ich habe zu denjenigen gehoert, die auf FB die franzoesische Nationalflagge eingefuegt haben. Diese stand nicht nur fuer Frankreich, sondern ganz allgemein als Zeichen gegen den Terrorismus, also auch fuer die Zwischenfaelle in Russland, Nigeria und vielen anderen Laendern. Und ich lasse mir diese Freiheit auch nicht nehmen, denn wie ich schon auf meiner FB Seite angemerkt hatte: es ist meine Seite und ob ich die franzoesische Fahne, einen Weihnachtsmann oder eine Flasche Sake einfuege, ist ganz alleine mir ueberlassen.

      Hinsichtlich Japan, ja, genau 2 (oder waren es 5) Leute wurden im vergangenen Jahr als Asylanten anerkannt, von ueber 5.000! Man regelt das – wie in fast allen anderen Faellen – lieber mit Geldzahlungen, denn das kann in beliebiger Menge gedruckt werden,nach dem Motto: Papier ist geduldig.

      Bezueglich “Ver- oder Ueberalterung” der japanischen Gesellschaft, da muesste Herr Abe (und seine Kollegen) einiges mehr unternehmen, als das, was sie bis jetzt auf das Tablett gebracht haben, bzw. was sie vorhaben. Denn bisher sind es in den meisten Faellen leider nicht mehr als leere Worte.

      Leider keine positive Resonanz von mir.

    2. Vielleicht haben die Japaner auf lange Sicht gesehen recht, auf ihre Homogenität sehr großen Wert zu legen. Vielleicht ist es ja der letzte verblieben echte Nationalstaat. Das ist nicht einfach in Zeiten der Globalisierung.
      Deutschland hingegen werden die Syrer auf lange Sicht gut tun. Da sind viele junge und gebildete Menschen dabei, viele Kinder. Das deutsche demographisches Problem ist definitiv entschärft. Ich hoffe nur, es gibt keinen Terroranschlag in Berlin oder Hamburg. Dann wird die Stimmung schnell umschlagen. Bislang halten Medien, große Teile der Politik und die Kirchen noch zusammen.

      • Ich bewundere den steten Optimismus der Marke “Wird schon schiefgehen”, denn ich sehe das keineswegs so rosig.

        Die Integration muslimischer Zuwanderer hat in der Vergangenheit schon in weiten Teilen versagt. Nun meint man, man könne diverse Volksgruppen aus der gleichen kulturellen Schiene (nahezu) einbürgern, obwohl man öffentlich sich nicht mal traut zu sagen: Nein, wir haben nicht Arbeit für euch alle. Nein, bei uns gibt es kein Auto einfach mal so.

        Ja, jung sind viele, aber die bisher veröffentlichten Statistiken sprechen bildungstechnisch keine gute Sprache. Selbst Pippi-Langstrumpf-Intro-Cover-Sängerin und Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles spricht von einem durchschnittlich niedrigem Bildungsstand.

        “Dann müssen sie eben ausgebildet werden” ist dann wohl die gut gemeinte Antwort. Dann meine Gegenfrage: Wer finanziert das? Diese Menschen werden zu großen Teilen über viele Jahre am Tropf des Staates hängen, insofern man sie hierbelässt. Sie brauchen Bildung (was zunächst erstmal Deutschunterricht bedeutet, eine ja ungemein leicht zu erlernende Sprache), Nahrung, ein Dach über dem Kopf und Zugang zum Gesundheitswesen. Kurzum: Die Belastungen sind immens.

        Ich empfinde das ganze Unterfangen als sehr abenteuerlich und zu riskant und lehne dementsprechend die aktuell verfolgte Politik ab.

    3. Es gibt im Jahr etwas 30.000 Terrortote auf der Welt.
      Die 20XX Jahre waren die Terrormäßig sichersten in Westeuropa seit dem 2. WK

      Die blödsinnige Panik hat hingegen zugenommen, und wohl auch das auf-Ausländer-geschiebe.

      Wie war das gleich? Die Attentäter in Paris waren (soweit bekannt) alle Franzosen, unter Beobachtung und hatten mit ihren Plänen vorher angegeben.
      Das ist ein Versagen der Sicherheitskräfte, aber nicht wegen fehlenden Datenhaufen.

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