Das Herz am RECHTEN Fleck?

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    Hashimoto Tōru. Quelle: Wikipedia
    Hashimoto Tōru. Quelle: Wikipedia

    Eindeutig nationalistische Aussagen sind in Japan ein alltägliches Phänomen, doch selten schlugen Aussagen so hohe Wellen wie die des Politstars, Bürgermeisters von Ōsaka und Gründungsmitglieds und Vorsitzenden der Partei „日本維新の会“ (Partei zur Erneuerung Japans), 橋下 徹 Hashimoto Tōru. In der vergangenen Woche gab Hashimoto bei einer Pressekonferenz seine Meinung zum Thema 慰安婦 (ianfu – Trostfrauen) kund. Zur Erinnerung: Im Zweiten Weltkrieg rekrutierte die japanische Verwaltung in den besetzten Gebieten Frauen, auf das jene in Militärbordells in der Etappe den Soldaten dienen sollten. Diese wurden euphemistisch „Trostfrauen“ genannt, und sie waren nicht freiwillig dort: Wer Pech hatte, wurde ausgesucht und dementsprechend monate- bis jahrelang von unzähligen Soldaten vergewaltigt. Alles unter staatlicher Kontrolle der Besatzungsmacht. Viele Trostfrauen kamen aus China oder Korea, aber es waren zum Beispiel auch niederländische Trostfrauen betroffen, die zumeist in Indonesien aufgegriffen wurden. Einige Trostfrauen leben heute noch, doch es sollte bis Ende der 1990er dauern, bis sich die japanische Regierung zaghaft entschuldigte. Reparationen hindes? Fehlanzeige. Und etliche Politiker, auch in der jetzigen Regierung, distanzieren sich von der Entschuldigung und versuchen, zu relativieren.

    So auch der knapp 40-jährige Anwalt und von vielen Japanern als charismatisch eingeschätzter Hashimoto. Er sah die Sache mit den Trostfrauen ganz „pragmatisch“ und sagte, dass in der damaligen Zeit Trostfrauen „notwendig waren“ – als Ventil für die Soldaten und um zu verhindern, dass die Armee Greueltaten an Zivilisten verübt (was sie freilich trotzdem tat). Diese Aussagen wurden natürlich sofort von chinesischen und koreanischen Medien aufgenommen und aufs schärfste verurteilt. Auch im weiten Ausland fanden Hashimotos Aussagen Beachtung und ernteten durch die Bank weg Kritik. Doch Hashimoto dachte nicht daran, seine Aussagen zurückzunehmen oder zu bedauern – im Gegenteil, er legte bei mindestens zwei weiteren Gelegenheiten nach. Interessanterweise wurden dieses Mal auch die japanischen Medien richtig aufmerksam und machten die Aussagen zum Tagesthema. Dies wiederum blieb vom Rechtspopulisten, ehemaligen Governeurs von Tokyo und Co-Parteivorsitzendem oben genannter Partei, Ishihara, nicht unbemerkt, und so trafen sich beide auf eine Aussprache am Sonntag. Das Ergebnis des Treffens war die Einsicht, dass man offensichtlich in der Beurteilung der Geschichte Differenzen aufweist, sowie – eine Entschuldigung. Natürlich kein echter Kotau, sondern eher ein kleinliches „Ich habe nicht damit gerechnet, dass meine Aussagen auf solche Resonanz stoßen würden“.

    Welch Ironie! Ishihara Shintarō, ein Rechtspopulist vor dem Herrn, pfeift seinen jungen Parteigenossen wegen einer nationalistischen Aussage zurück! Was ist denn da passiert? Nun, man darf bezweifeln, dass Ishihara seine Gesinnung in seinem hohen Alter geändert hat. Grund für die Aussprache dürfte eher die Erkenntnis sein, dass die Aussagen in Japan weit höhere Wellen schlugen als üblich. In einer heute veröffentlichten Umfrage¹ gaben 71% der Befragten an, nicht mit den Aussagen einverstanden zu sein. Nur 21% gaben an, den Aussagen zuzustimmen. Das muss jeden Vertreter einer Partei, die im Parlament vertreten ist und Ambitionen hat, alarmieren.

    Nun habe ich mit Japanern über die Aussage gesprochen, und ich war überrascht, Einverständnis zu hören. Und das von Leuten, die eigentlich weder rechts noch links denken. „Aber im Krieg ist das doch bestimmt nun mal so! Das ist eben Krieg!“. Richtig. Im Krieg herrschen eigene Regeln. Aber Verbrechen an der Menschlichkeit zu begehen, um Verbrechen an der Menschlichkeit zu vermeiden (und das noch nicht einmal erfolgreich), ist eine seltsame Argumentation. Das Einverständnis, dies sollte ich noch erwähnen, erfolgte dabei jedoch unter der Voraussetzung, dass Hashimoto nicht bewusst war, dass die Trostfrauen zwangsrekrutiert wurden. Dies allerdings war ihm durchaus bewusst.

    Bei einer Pressekonferenz am heutigen Tag² vermerkte Hashimoto nun zur Resonanz im eigenen Land: Dass Japanern nun also diese Problematik bewusst ist, hat doch auch seine gute Seite sowie: Vielleicht reifen so auch die Japanisch-Koreanischen Beziehungen. Seine Aussagen als solche nimmt er dabei jedoch nachwievor nicht zurück. Nun, zumindest mit der ersten Aussage hat er recht. Ob so aber die ohnehin schon sehr angespannten Beziehungen mit China und Südkorea reifen, darf bezweifelt werden. Die Nachbarn werden sich eher bestätigt fühlen in ihrer Vermutung, dass man in Japan offensichtlich nicht dazu lernt.

    ¹ Siehe hier: Mainichi JP: 毎日新聞調査:橋下氏慰安婦発言「妥当でない」71%
    ² Siehe hier: Sankei Shinbun: 一転取材応じた橋下市長 慰安婦・風俗発言撤回せず

    9 COMMENTS

    1. mhh

      als Staatsangehöriger von einem Land das im letzten Jahrhundert abartige dinge zuverantworten hat, muss ich mich fragen ob dieser Typ und seines gleichen überhaupt bei klarem Verstand sind.

      Aus der Politik bin ich inzwischen ja schon manches gewohnt aber sowas? Sind die Japanischen Wähler noch Geistig zurechnungsfähig wenn sie solche Leute an die Macht lassen?

      Gegen einen gewissen Nationalstolz habe ich nichts einzuwenden, jedoch wenns in so ne Richtung geht kommt mir die Galle hoch.

      Ich versteh nicht warum diese Leute und Japan als ganzes nicht endlich mal die Rolle die ihr Land im letzten Jahrhundert inne hatte akzeptieren und kucken dass sie eine Aussöhnung mit ihren Nachbarn zustande bekommen und mal ECHTE Reue für die Taten ihrer Vorfahren zeigen.

      Gibt es einen wirklich guten grund der gegen eine aussöhnung sprechen würde? (denke sowas kanns nicht geben aber lasse mich gerne belehren)
      oder ist das ganze einfach nur eine art Feigheit um nicht irgendwelche Fehler einzugestehen?

      Auf dauer ist die Richtung die sie fahren entweder aufs Abstellgleis (z.b. Wirtschaftlich sinkender handel mit china und korea) oder eine in den Abgrund (Chinas Militärische Leistungsfähigkeit wird ja auch nicht gerade kleiner).

      Aber es ist trotzdem schön zulesen dass wohl nicht alle die Meinung von Herrn Hashimoto teilen. (evtl ein silberstreif am horizont?)

      MFG
      Proti

    2. Naja soviel wie ich über die Japaner mittlerweile mitbekommen habe sind die meisten eher sehr gut darin Sachen zu „ignorieren“… Fortschritt geschieht hier nur langsam^…. *vorsichtig die Hand am Feuer vorbei halten xP*

    3. Tja, so ist das: nicht je oller, desto doller, sondern je hoeher, desto ….!

      Aber auch er wird noch fallen(-gelassen werden). Ich hatte ihn ja in seiner „Anfangszeit“ noch irgendwie geschaetzt – endlich mal frischer Wind.

      Aber dann ging’s los: verheiratet aber mit Freundin, Taetowierungen bei den Angestellten der Stadt Osaka nicht erlaubt, dann die „Trostfrauen“ und dass US Soldaten auf Okinawa doch bitte die oertlichen „Etablissements“ benutzen sollten … mal sehen, was als naechstes kommt.

      Irgendwie scheint dem Herrn seine Karriere nicht so gut zu bekommen – oder er sollte sich mal in psychiatrische Behandlung begeben!

    4. Ich wundere mich auch sehr über diesen Herrn. Speziell, da ich Leute kenne die den super finden (und so gar nicht ins Nationalistische Schema passen).

      Aber in Japan gibt es nicht viele Politiker die klar und offen ihre Meinung sagen. Er scheint Probleme anzusprechen, wie es wenige vor ihm taten. Mir scheint, dass viele Japaner eine Wut im Bauch haben. Über die unfähigen, teils sehr korrupten Politiker, über die stagnierende Wirtschaft (hoffen wir, dass das was wir jetzt erleben nicht nur ein Strohfeuer ist), über die Perspektivlosigkeit der Jugend.

      Guter Nährboden für Populisten aller Farben. Bin sehr gespannt auf dieses Treffen: http://www.japantimes.co.jp/news/2013/05/19/national/former-sex-slave-flies-to-hiroshima-to-slam-osaka-mayor/#.UZt1QjeRH1U

    5. Es gibt im Neu-Deutschen den Begriff des „Fremdschämens“ – das ist das Gefühl, das mich bei diesen chauvinistischen Nachrichten aus Japan überkommt. Von meinen japanischen Freunden habe ich allerdings nicht einen Hauch davon mitbekommen.

      Aus Ungarn kommen neuerdings ähnliche Töne.

      Natürlich schäme ich mich als Deutsche für die Untaten im 3. Reich und mache meinem Mund auf, wenn ich lästerliche oder verunglimpfende Bemerkungen höre. Ich schäme mich auch über die totgeschwiegenen Fakten aus der deutschen Vergangenheit, die fast im Wochenrhythmus veröffentlicht werden. Ich las gerade von der Intervention der Adenauer-Regierung beim Eichmann-Prozess in Jerusalem, um dem Staatssekretär Globke eine Vernehmung als Zeuge zu ersparen.

      Gibt es eigentlich für japanische Schulklassen ein Pflichtprogramm zur Vergangenheitswahrnehmung, vergleichbar einem Besuch im KZ Bergen-Belsen, Dachau, Buchenwald …?

    6. Hashimoto zeigt sehr deutlich die Schwäche des japanischen Politikbetriebes auf: Der Mann ist quasi ohne PR-Mitarbeiter alleine auf Twitter unterwegs und tut seine Meinung vorbei an dieser ganzen Kisha-Club-Clique kund. Dabei sind seine Formulierungen erfrischend eindeutig. Zudem hätte er ohne die vom rechten Flügel entgegengebrachte Unterstützung nie so viel Präsenz in den Medien bekommen. Jetzt kommen ihm eben seine Weibergeschichten in die quere, und die Establishment-Konservativen merken dass TH kein linientreuer, ideologisch gefestigter Reaktionär ist.

      Mit Ishihara passt er aber gut zusammen, der war in den 50ern (bis heute) auch ein weltfremder Schmock mit großer Popularität. Der ist mittlerweile allerdings so tattrig dass er nichtmal mehr ohne Hilfe zur Stimmabgabe gehen bzw. schleichen (ushi-aruki) kann.

      Mir persönlich ist Hashimoto lieber als Abe und sein Tomodachi-Naikaku. Wenn ich da nur an Shimomura Hakubun denke :-\

    7. Japanischer Nationalstolz + deutsche Geschichtsaufarbeitung = für mich eigentlich der fast perfekte Staat (zumindest was das Gefühl der Nation angeht).

      Jemanden wie Hashimoto würde man hier natürlich medial und politisch zusammenfalten, dass er gleich zwei Köpfe kürzer werden würde.

      Persönlich mag ich Menschen, die ruhig offen reden und nicht vor der politischen Korrektheit ducken, demnach habe ich seine Aussagen erstmal in Schutz genommen nachdem ich die Meldung zuerst auf Asienspiegel.ch gelesen hatte. Dass er das System der Trostfrauen jedoch in Ordnung fand, damit Verbrechen an der Zivilbevölkerung verhindert werden, ist mir allerdings neu und kann ich nicht unterstützen, denn diese gab es dennoch und das nicht zu knapp. Damit hat sich Hashimoto diesmal dann doch ins Aus gefeuert.

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