Einschulung

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    Am Dienstag war es soweit. 6 Jahre Zuckerschlecken sind nun vorbei – was folgt, sind 12 Jahre Schule. Naja, theoretisch 9 Jahre, denn die letzten drei Jahre sind nicht Pflicht, aber in Japan absolvieren rund 97%¹ aller Jugendlichen auch die Oberstufe, die damit also nicht als Vorbereitung zum Unibesuch, sondern wirklich als quasi-sozialer Zwang fungiert. Ob die Schüler dann an der Oberstufe auch was lernen, steht auf einem anderen Blatt, aber ich schweife ab.

    Meine Tochter wurde am 1. Januar 6 Jahre alt, und alle Kinder, die zwischen dem 1. April des vorangegenen Jahres und dem 31. März dieses Jahres 6 Jahre alt wurden, sind am 8. oder 9. April “einberufen” worden. Ja, die Schule startet in Japan Anfang April – und so auch die Universität und so auch die Arbeit in den Firmen. Gegen 9 Uhr machten wir uns auf den Weg zur Schule. 20 Minuten Fußmarsch, und dann waren wir dort. Der Weg ist vertraut – der Kindergarten liegt direkt daneben. Nur, dass man Kindergartenkinder zum Kindergarten begleiten muss, Schulkinder hingegen nicht zur Schule begleiten darf. Ausser bei der Einschulung, versteht sich.

    Klassenzimmer in der Grundschule
    Klassenzimmer in der Grundschule
    Die Schule ist mittelgross. 6 Jahrgänge werden dort unterrichtet, unterteilt in 5 Klassen pro Jahrgang, und im Durchschnitt 30 Schüler pro Klasse. Das geht sogar noch – Klassen können in Japan bis zu 40 Schüler haben. Die Schulhöfe sind im unter chronischen Platzmangel leidenden Japan übrigens großzügig angelegt. Das hat durchaus seine Gründe – Schulhöfe dienen oft auch als Evakuierungsplätze im Katastrophenfall. Am Eingang stehen 5 große Schilder, eins pro Klasse (組 – Kumi), darauf die Namen aller Schüler. Und zwar in Hiragana geschrieben, denn die Kinder können ja noch keine Schriftzeichen lesen (dafür aber meistens schon zwei, manchmal sogar drei Alphabete). Dieser Moment ist spannend, da fast alle Kinder des benachbarten Kindergartens auf diese Schule wechseln. Etliche Kinder kennen sich entsprechend, und erst jetzt erfahren die Kinder (und Eltern), mit wem die Kinder in eine Klasse kommen. Meine Tochter hat Glück: 2 ihrer 3 besten Freundinnen sind in der gleichen Klasse. Der Lehrer tut mir jetzt schon leid.

    Es gibt eine kurze Registrierung, und schon wird unsere Tochter freudestrahlend von zwei 5-Klässlerinnen in Empfang genommen. Die beiden wohnen bei uns im Haus. Neben mir steht ein 11 oder 12-jähriger Junge – ein ハーフ – wörtlich Halber, also ein Kind zwischen einem Japaner und einem Ausländer. In seinem Fall ganz offensichtlich ein afrikanischer oder afro-amerikanischer Ausländer. Er sieht fröhlich aus, das beruhigt micht. Zusammen mit den anderen Eltern werden wir vom Frischfleisch getrennt und laufen in die Turnhalle. Dort soll die Einschulungszeremonie stattfinden. Und die geht recht flott voran, zumindest anfangs. Begrüßung. Alle aufstehen. Man brüllt 礼! (rei!) (in etwa: Gruß), und alle verbeugen sich. Kurze Reden, Aufstehen, Rei! Hinsetzen. Aufstehen. Rei! Fast wie ein Fahnenappell im Altersheim. Die Kinder marschieren in die Halle, in Klassen unterteilt und sichtlich verschüchtert. Selbst meine Tochter, kein großer Freund der Stille, kneift die Lippen zusammen. Ob sie was ahnt? Andere Schüler begrüßen die Neuankömmlinge mit einem einstudierten, unterhaltsamen Programm. Diverse Vertreter unterschiedlicher Organisationen begrüßen die Kleinen. Auch der Direktor hält eine Rede, und gar nicht mal schlecht, denn er redet die an, die am betroffensten sind: Die Kinder. Nicht die Eltern. Das ist mir sympathisch, denn viele andere Reden sind offensichtlich weniger an die Kinder gerichtet.
    Nach 45 Minuten ist die Zeremonie auch schon wieder vorbei. Die Kinder verlassen die Halle. Was folgt, ist Elternaufklärung: Es möchten doch ja alle das Schulessen (knappe 40 Euro pro Monat) bezahlen. Die PTA rekrutiert neue Mitglieder. Und so weiter. Darauf folgen die offiziellen Klassenphotos.

    Nach dem Phototermin gehen die Kleinen, noch immer etwas gedrückt, in ihre Klassenzimmer, Der Lehrer erklärt dies und das, die Eltern stehen im Raum oder drumherum. Nach rund 2 Stunden ist die Einschulung vorbei und alle dürfen gehen. Ab morgen ist Alltag. Schule von 8:00 bis 14:00 Uhr. Die ersten Schulbücher sind auch schon da, und sie sind voller Pokémon und Doraemon und wie sie alle heißen. Willkommen in Japan. Willkommen in der Schule, Tochterherz! Tapfer bleiben!

    Schule ist schön! Erst recht, wenn sie vorbei ist... oder!?
    Schule ist schön! Erst recht, wenn sie vorbei ist… oder!?

    ¹ Siehe offizielle Statistik des MEXT (Bildungsministerum)

    27 COMMENTS

    1. > aber ich schweife ab.

      Sind wir nicht deswegen hier :D

      Ich weiss nicht ob ich froh sein soll oder es schade finden das ich nicht in Japan zur Schule ging (gehen durfte?!?).

      Wenn ich jetzt einfach nochmal Kind wäre, hätte ich bestimmt riesen Spaß :D aber als Kind sieht man das irgendwie anders. Ach ja, wenn man nur in dem Alter schon seine Jugend schätzen würde :P

    2. wie, man DARF Schulkinder nicht zur Schule begleiten? o_O
      Ich meine mich zumindest zu erinnern, selbst in der 1. Klasse noch anfangs begleitet worden zu sein bzw. auch oft abgeholt worden zu sein. In meiner Schule gabs sogar einen eigenen Elternwarteraum.
      Gibt es denn eine Begründung, warum nur Kindergartenkinder begleitet werden dürfen?
      LG

      • Muss man also die Kinder unauffällig 2 Gassen weiter verlassen und abholen, wenn man nicht daneben wohnt? Oder ist’s in Japan üblich die Kleinen sofort mit den Öffis anfahren zu lassen? Bei uns kam das erst nach der Volksschule.

        Die ganze Schule ist doch Zwang. Ein paar Jahre mehr oder weniger macht das Kraut nicht fett. Ist halt leider notwendig geworden.

      • In der Regel, zumindest in der Stadt, liegen die Grundschulen alle in Laufweite. Eine richtige Begründung ist mir nicht bekannt, aber ein Grund dafür könnte sein, dass alle Kinder gleich behandelt werden, sonst werden einige Kinder immer gebracht und andere nicht. Man legt hier auch sehr viel Wert darauf, dass die Kinder miteinander klarkommen, und das funktioniert schlecht, wenn die Eltern immer am Kind kleben. Prinzipiell habe ich jedenfalls nichts gegen die Regelung.

    3. Ich finde die Klassengrößen in Japan schrecklich!
      Fast alle meiner Schüler haben ebenfalls 38-40 Mitschüler. Mir tun da die Lehrer auch leid.

      Danke für das Video! Da ich keine Kinder habe, war ich bisher noch nie auf einer Einschulungszeremonie.

      Fällt deine Tochter eigentlich überhaupt als “Half” aus? Sie sieht gar nicht so aus als hätte sie einen ausländischen Papa, zumindest nicht auf dem Foto! ;)

      • Meine Tochter fällt schon auf. Wenn man sie reden hört, nicht, und von weitem wahrscheinlich auch nicht, aber sie wird von allen sofort als “Half” identifiziert.

    4. Na, dann mal “niyugakushiki omedeto” – oder wie man es auch immer umschreiben mag! (Man verzeihe mir meine ebenfalls mangelnden Romaji-Kenntnisse – und das nach sooooo langer Zeit).

      Jaja, die Einschulung, der Ranzen wird vollgepackt mit Schulbuechern, so um die 5 bis 7 Kilo duerften es wohl sein.

      Und die Zeremonie, irgendwie erinnert sie einen an Komiss! Ist aber nicht nur auf der Grundschule so, bei den weiteren Schulen sieht es ebenso aus.

      Und bedauern, dass man nicht auf eine japanische Schule gehen durfte (Vamp 898) – noe, da gibt’s eigentlich nichts zu bedauern, nur die Kinder, die in diesem System aufwachsen (muessen). Naja, das erste Jahr ist noch halbwegs ertraeglich.

      Und schoen zu hoeren, dass Dein Toechterlein nicht die einzige “half” ist. Das duerfte alles schon einmal etwas erleichtern!

      In diesem Sinne: nochmals Glueckwunsch zur Einschulung und:

      “dat wird schon werden” *_*

      • Ja, das wird schon. Es gibt schon etliche “half” auf der Schule – nur sind die meisten Kinder von Koreanern, Chinesen und Pinoys, die fallen natürlich weniger auf.

    5. Naja als zukuenftig womoeglich Betroffener und jemand, der japanische Grundschulen auch schon gruendlich von innen gesehen hat, muss ich sagen, dass ich mit der Grundschule in Japan jetzt nicht so ein Problem habe. Mittel- und Oberschule sind da ein weit groesseres Problem.

      @Thuruk Das mit dem Verbot wuerde mich jetzt auch interessieren. Ich kann mich, glaube ich, daran erinnern, dass Eltern ihre Kinder bis zur Schule brachten. Uebrigens sind in Japan speziell Grundschulen prinzipiell zu Fuss zu erreichen. Schulbusse gibt es m.W.n. nicht. Ich sehe manchmal Mittelschueler und aufwaerts in Bussen und Bahnen. Grundschueler normalerweiser nur in Gruppen bei einem Schulausflug. Grundschueler alleine in den Oeffis fallen mir als etwas Besonderes auf.

      • Dann ist’s ja gut, mein Schulweg lag immer über 1/2h und teilweise musste ich mit der Schnellbahn anfahren.

    6. Wenn man sich in Deutschland mal den SUV-Verkehr an Schulen und Kindergärten ansieht, macht das Verbot in Japan schon Sinn. Ausserdem stehen freiwillige Helfer während der “Laufzeiten” an jeder Strassenecke und dirigieren die Kids und den Verkehr. Das klappt meiner Meinung nach absolut vorbildlich.

        • Definitiv, vor allem wenn er dann ne Bremsung hin legte und jedes mal jemand ne gebrochene Nase oder so hatte weil keiner mehr ne Möglichkeit hatte sich fest zu halten :D

          Ich denk die Deutschen Schulbusse sind schlimmer als das Bus-System in Indien.

    7. Das japanische Schulsystem hat sicher Vor- und Nachteile. Zum Beispiel hat durch den ganzen Drill Japan eine der niedrigsten Analphabetenraten in den Industrienationen. Auf der anderen Seite kommen meine Meinung nach Dinge wie Kreativität, rational-logisches und kritisches Denken, und Fremdsprachenausbildung deutlich zu kurz.

      Mich würde interessieren, ob tabibito das auch so sieht, und wenn ja, ob er schon Pläne geschmiedet hat, diese Schwächen auszugleichen. Wie sorgt man in Japan z.B. dafür, daß das Kind nach der Schulausbildung eine Fremdsprache (naja, außer Deutsch vielleicht) fließend spricht? Juku? Privatlehrer?

      • Da ist auf jeden Fall was dran. Das Problem ist ja in Japan prinzipiell, dass die Schüler nur für die Prüfungen lernen. Mir wurde damals eingebleut, dass wir nicht für die Schule lernen, sondern für’s Leben – also für uns. Das halte ich für wichtig (damals habe ich es wie jeder andere abgetan, aber wenn man es so betrachtet, motiviert diese Betrachtungsweise schon). In Japan lernt man somit das Lernen, und weniger das Denken. Das wird man in einer Juku nicht korrigieren können. Das kann man wahrscheinlich nur im Elternhaus vermitteln, aber bei den japanischen Arbeitszeiten mache ich mir ernsthaft sorgen, ob die Zeit reicht.
        Was Fremdsprachen, inklusive Englisch, anbelangt, sieht der Plan so aus: Reisen, reisen, reisen…

          • Ich spreche mit meinen Kindern ausschließlich Deutsch. Will heißen, sie verstehen Deutsch… bis zu einem gewissen Grad, und wahrscheinlich momentan auch nur, wenn es “mein” Deutsch ist. Aber das ist besser als nichts, und meiner Tochter erkläre ich jedes Mal an zahlreichen Beispielen, wie nah sich Deutsch und Englisch (zumindest was das Vokabular betrifft) sind.

          • Zweisprachig aufwachsen – kein Problem. Haben meine 2 Toechterleins auch problemlos geschafft – naja, mehr oder weniger, zumindest was die “Kleine” betrifft.

      • Mir kommt es vor, als ob das ganze „drumherum“ an japanischen Schulen etwas besser ist. D.h. z.B. dieses „Heute versuchen wir in kleinen Gruppen, selbstständig mit dem Bus/Zug zu fahren“, oder auch das gemeinsame Mittagessen und zusammen die Schule (inkl. Klo!) putzen. Leider ist das Lernen an sich dann wohl nicht so gut. Eigentlich schade.

    8. Ich finde das ganze Gerede über “Halfs” leicht beunruhigend – muss du befürchten, dass sie in der Schule ausgegrenzt und/oder gehänselt wird? Da scheinen die Japaner das mit der Integration noch nicht ganz am Hut zu haben…

      • Integration!? Mir würde dazu nicht mal ein passendes japanisches Wort einfallen! Bei weniger als 2% Ausländeranteil hat man es nicht so eilig (Ausnahmen gibt es jedoch, zum Beispiel in Kommunen mit vielen Einwanderern aus Brasilien).
        Fakt ist, das man als “Half” ein Stigma hat. Das kann zum Nachteil gereichen (böswillige Kommentare, Schemata, in die man gepresst wird etc.), manchmal aber auch zum Vorteil.

    9. Hehe,
      die Musik kommt mir bekannt vor. Nur der Text fällt mir nicht ein ;)

      Süß sieht sie aus, dein Töchterlein. Noch ahnt sie nix. Tragen die Schüler eigentlich Uniform in Japan?

      Ich denke mal, wenn sie Elternteile unterschiedlicher Kultur haben, sind Kinder doch ganz gut dran. Und ich denke, sie werden es auch irgendwann zu schätzen wissen.

    10. Alles Gute für Deine Tochter zur Einschulung. -:)

      Ich hoffe sie wird eher ein Vorteil als sog. “Half” haben. Ich weiss ja nicht ob Du berichten würdest wenn sie ihre Erfahrungen diesbezüglich machen sollte, wäre interessant. Ich denke es kommt darauf an woher die andere Hälfte kommt. Koreanischstämmige egal, ob ein oder beide Elternteile Koreanisch sind haben es doch wohl immer schwer so weit ich weiß.

      Wenn die Klassenkameraden verstehen, das ihr Vater Deutscher ist und sie was über Deutschland erfahren, dürfte es eher positiv sein. Aber bis dahin dürfe es noch dauern.

      Wie reagieren die Japaner wenn sie erfahren dass du Deutscher bist? Eher positiv (ggf. ausschießlich) oder unterschiedlich? Oder machen die Japaner da ggf. keine Unterschiede.

      Und wirs Du eigentlich auch als Zainichi bezeichnet?

      Gruß aus Berlin

      • Wir haben damals nur Positive Erfahrungen gemacht :D einer meinte sogar die Antworten der deutschen seien immer schlau und gut durchdacht xD da musste ich fast lachen.

        EIner hat auch gedacht das bei uns nie jemand fremd geht weil wir uns immer aan Regeln halten.

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