Tokyo Station … und eine gelangweilte Armee

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    Eigentlich ist Tokyo Station kein so großer Bahnhof. Wenn man ihn mit anderen Bahnhöfen in Tokyo vergleicht. Weltweit ist Tokyo Station „nur“ auf Rang 8 der weltweit meistfrequentierten Bahnhöfe: 396 Millionen Passagiere, also über eine Million pro Tag, steigen in Tokyo Station ein, aus oder um. Es gibt jedoch 4 Bahnhöfe in Tokyo, die noch mehr Passagiere aufbringen (einsamer Spitzenreiter seit langem: Shinjuku mit 1.4 Milliarden Passagieren pro Jahr – mehr Zahlen siehe hier). Der Berliner Hauptbahnhof bringt es gerade mal auf 100 Millionen.

    Tokyo Station ist trotzdem etwas besonderes, denn das Hauptgebäude stammt aus dem Jahre 1914 und hat einiges durchgemacht. Zuletzt eine Generalüberholung im Jahr 2012, um den für Tokyoter Verhältnisse wahrhaft historischen Bau erdbebensicher zu machen. Seitdem soll das Bauwerk sogar einen Direkttreffer der Stärke 7 (auf der Richterskala) wegstecken können.

    Nebenher hat man in den vergangenen Jahren auch gleich noch ein paar kleinere, aber recht noble Hochhäuser am Bahnhof hochgezogen und den Untergrund mit zahlreichen Ladenpassagen „veredelt“. Ein idealer Ort, wenn es mal regnet. Wer in der Regenzeit in Tokyo weilt oder prinzipiell einfach mal Pech mit dem Wetter hat, kann das das folgende machen:

    1.) Von der Marunouchi-Linie (U-Bahnlinie) zur Keiyō-Linie laufen. Es gibt zwei Routen, und beide sind ca. 600 Meter lang und komplett unterirdisch. So lange wiederholen, bis man sich nicht mehr verläuft, und schon hat man einen halben Tag rum.

    2.) Sich in den Ladenpassagen unterhalb der Yaesu-Ausgänge herumtreiben. Dort gibt es viel zu sehen – und natürlich viel zu essen. Wo der Bahnhof aufhört und wo das nagelneue Daimaru-Kaufhaus anfängt, ist dabei schwer zu sagen.

    Tomica-Laden
    Tomica-Laden

    Wer sich allerdings mit Kindern, vor allem solchen, die in Japan aufwachsen, in die Eingeweide von Tokyo Station wagt, sei gewarnt: Man kommt nur schwer wieder raus. Dazu sorgt zum Beispiel dieser Laden hier: Tomica ist die japanische Variante von „Matchbox“ (kleine Modellautos), und kleine Jungen lieben sie einfach.

    Wenn man kleinen japanischen Jungs das geschickt gemachte Tomica-Lied vorspielt, passiert in etwa das hier:

    Die Anziehungskraft ist enorm. Mein Sohn, gerade 2 geworden, kann zwar noch nicht „Toilette“ sagen, aber dank Tomica & Co. kann er immerhin schon „Krankenwagen“ sagen. Nun ja, fast. Eigentlich heißt der Krankenwagen auf Japanisch nicht „Kyūkyūta“ sondern „Kyūkyūsha“, aber immerhin.

    Precure-Shop
    Precure-Shop

    Damit die Kindern auch gleich in die richtigen Rollen gepresst werden, gibt es gleich gegenüber vom Tomica-Geschäft den Precure-Shop, und man muss schon zwei Bedingungen erfüllen, um dort nicht seinen Verstand über Bord zu werfen: Man muss ein kleines Mädchen sein, und man muss in Japan aufwachsen. Das Originallied von Suite Precure will ich Euch nicht antun, deshalb hier die Variante der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte. Ich glaube, die sind alle auf Drogen. Panzer und Hubschrauber im Hintergrund, und im Vordergrund spielt die Kapelle „Suite Precure“. Was soll man dazu noch sagen.

    Mehr zum Bahnhof Tokyo irgendwann man mal wieder. Ich glaube, ich bin vom Thema abgewichen…

    18 COMMENTS

    1. Alles klar, wenn Nord-Korea angreift schicken sie den Sailor Moon Verschnitt „Suite Precure“ rüber und bewaffnen sich hier mit Quietschentchen. Groteske Vorstellung mit Panzer im Hintergrund. Schlimmer könnt’s nicht kommen denkt man, aber glücklicherweise spielen sie die Opening Melodie und nicht das Ending…

      • Wieso bloß muss ich nun an diese eine Folge aus Monty Python’s „Wunderbare Welt der Schwerkraft“ über den Einsatz eines tödlichen Witz an der Westfront gegen die Wehrmacht denken?

    2. Na, da hast du ja gleich doppelt Glück. Aber da du diesen feinen Beitrag schreiben konntest, hast du zumindest nicht den Verstand verloren. Ich hoffe, deinen Kindern geht es gut ;-)

    3. Hallo aus Wien!

      Ich lese ja schon seit einiger Zeit Dein Blog und finde es sehr interessant und informativ; bis jetzt hab ich aber noch keinen Kommentar geschrieben. Also dann.

      Zu den Passagen mit den ganzen Bento und anderen wunderbaren Mittagessen bzw. Snacks zum Mitnehmen hätte ich eine Frage. Ich denke ja, daß die gestreßten Angestellten der diversen Büro-Hochhäuser diese Dinge gleich an ihrem Schreibtisch essen, aber wo kann man die als Tourist essen?

      In Tokyo scheint es kaum Gelegenheiten zu geben, sich einfach irgendwo auf eine Bank setzen und ein Bento oder auch nur ein Onigiri essen zu können. Vielleicht ist Essen auf der Straße verpönt, oder es ist Paranoia gegenüber (den ohnehin recht wenigen) Obdachlosen, aber hättest Du da einen Tip?

      • Also es essen schon viele in den Parks, aber die meisten sind sehr wetterfühlig hier – sobald es etwas windig oder kälter wird, geht keiner mehr raus. Was aber Bento im Bahnhof Tokyo betrifft – das stimmt schon, da gibt es weit und breit nichts, wo man sich niederlassen könnte. Das nächste dürfte wohl der Hibiya-Park sein.
        Viele nehmen übrigens ihr Bento mit nach Hause. Und noch mehr essen es im Shinkansen – das gehört irgendwie zum Shinkansen-Fahren dazu.

        • Wetterfühlig? Also ich war ganz erstaunt, wie viel an einem regnerischen Samstag noch in Odaiba los war. Na ja gut, in den Kaufhäusern ist’s ja trocken…

    4. > Stärke 7 (auf der Richterskala)

      Wirklich? Die Richterskala geht doch nur bis 6,5. Das wäre ja eher nicht so hoch. Oder doch JMA, oder Moment-Magnitude.

      • Naja, ursprünglich geht sie bis 6.5, aber im Prinzip ist die Richterskala nach oben offen. Das Tōhoku-Beben vor zwei Jahren war ja eine 9.0, und bei einem direkten Treffer in Tokyo rechnet man mit ungefähr 7.0.

    5. Eine Kleinigkeit zu Precure. „Man muss ein kleines Mädchen sein, und man muss in Japan aufwachsen.“ ist tatsächlich nicht ganz korrekt. Precure hat auch eine andere (beabsichtige) Zielgruppe: (Junge) männliche Erwachsene. Da möchte ich auch mal dezent auf das Bild aufmerksam machen. Ich weiß nicht, ob die alle für ihre Töchter einkaufen.

      Magical Girl ist schon ein seltsames Phänomen. Es gibt tatsächlich sogar Serien der Art, die nur für Erwachsene gedacht sind, und dementsprechend gegen Mitternacht im TV liefen. (z.B. http://en.wikipedia.org/wiki/Magical_Girl_Lyrical_Nanoha )
      Der größte Unterschied dürfte wohl sein, dass die Mädchen weitaus weniger über Jungs schwärmen, wenn sich das auch noch Männer antun sollen. Papa mags ja auch oft nicht, wenn die kleine anfängt über Jungs zu.. nein. Und die kleinen Mädchen störts wenig. Precure ist beliebt. Bei allen möglichen Leuten. Was sicherlich nicht so offensichtlich ist. Nunja, Precure ist und bleibt natürlich auch primär eine Serie für sie. Der Rest ist ein Bonus, der gerne genommen wird. Bringt anscheinend auch gut Geld.

      • Erinnert mich an ‚My little Pony‘, das ja unbeabsichtigt (?) gerade unter männlichen Erwachsenen beliebt war.

        Wir hatten sogar einen Kollegen im Clan, der ganz verrückt nach der Serie war. xD

    6. Niedlich, dein kleiner Mann. Erinnert mich an meinen Kurzen. Der hat mittlerweile so ziemlich alle Tomica Mini Cars (locker über 100) und macht mich immer höchst zielgerichtet auf Neuerscheinungen aufmerksam. Naja, immerhin sind die Autos nicht soooo teuer. Und die Sammlereditionen machen auch dem Papa Spass. Richtig teuer wird es erst, wenn z.B. „Kikansha Thomas“ (Tomy Tomica) ins Spiel kommt.

    7. @Tabibito Ich kann mich erinnern, dass es in der Naehe vom Bahnhof Tokyo einen kleinen Park gibt. Habe da mal ein Bento gegessen. (Im Ernst jetzt.) Waren so ungefaehr 10 Minuten wie der Deutsche laeuft.
      Precure = プリキュラ? Falls ja, dann *wuerg*, hehe. Sohnemann ist zum Glueck noch zufrieden, wenn er getrockneten Tintenfisch zum Rumkauen bekommt. Nur, dass das Zeug so mueffelt …

      @Kiru Jap, es gibt solche Magical Girl Anime im Nachtfernsehen und es gibt tatsaechlich biologisch erwachsene Menschen, die sich den Kram ansehen. Aber du kannst mir glauben, Leute, die spaet Nachts Magical Girl Anime sehen, sind auch in Japan ziemlich seltsam …

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