Andersen-Park und Ortsnamenverwirrungen

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    Heute ging es zum Bespassen der lieben Kleinen zum アンデルセン公園 Andersen-Park in Funabashi (Chiba) – natürlich dem dänischen Schriftsteller Hans Christian Andersen gewidmet. Nun ist das mit den Freizeitparks in Japan immer so eine Sache. Oftmals sind die Parks sehr kitschig, und vor allem wird alles nur erdenkliche getan, den Eltern auf irgendeine Art und Weise das Geld aus der Tasche zu ziehen. Beispiel Zoo in Chiba: Direkt neben dem Zoo befindet sich ein älterer Vergnügungspark, in den man nur gelangt, wenn man auch Eintrittsgeld für den Zoo bezahlt hat. Natürlich kosten alle Attraktionen extra. Im Idealfall sollte der Zoo als Attraktion freilich genügen, aber dank des Vergnügungsparks lernen die lieben Kleinen natürlich schon mit drei Jahren, durch die Blume zu reden: „Mama, Papa, ich möchte in den Zoo!“ Klar. Was gemeint ist, ist natürlich: „Mama, Papa, nach zwei Minuten Schnelldurchlauf durch den ollen Zoo möchte ich in den Vergnügungspark“. Ganz grosses Kino, dem man sich natürlich auf Dauer nur schwer erziehen kann: „Das Karussell musst Du Dir schon verdienen! Und zwar mit dem Anstarren von apathischen Gorillas, Antilopen und Schuhschnäbeln“.

    Andersen-Park: Manchmal möchte man selbst wieder Kind sein....

    Ich schweife ab. Andersen-Park. Ich war positiv überrascht. Man bezahlt 900 Yen Eintritt, aber man hat sich wirklich Mühe gegeben. Unglaublich viele Spielgelegenheiten, oft nur aus Holz und Seilen gebaut, mitten im Wald. Früher nannte man sowas Sturmbahn. Elendig lange Rutschen. Die meisten bringen ihre eigenen Essenspakete und Zelte (!) mit, und wir verstanden, warum. Hier verbringt man ruck-zuck einen ganzen Tag. Um den Namen Andersen zu rechtfertigen, hat man sich auch etliches einfallen lassen – zum Beispiel eine dänische Windmühle, und den Nachbau einer dänischen Dorfschule, in der die Kinder basteln, Andersen-Märchen sehen und lesen können und so weiter.

    Das Highlight ist jedoch das „Kinderkunstmuseum“. Jenes ist in verschiedene Komplexe untergliedert: Töpferei, Stoff, Basteln mit Holz, Essen zubereiten usw. Für einige der Materialien muss man extra bezahlen, aber die Preise sind zivil. Wir waren uns sofort einig: Wir werden hier Stammkunden. Ein schöner, riesengroßer Spielplatz im Grünen, abseits von Mickey Mouse und Konsorten. Ach ja, und eine dänische Hot-Dog-Bude! Und die war auch noch richtig gut! Wer also Kinder hat in Japan und in oder in der Nähe von Tokyo lebt – Andersen-Park! Es lohnt sich.

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    Narashino in Funabashi? Oder wie jetzt?

    Die Anfahrt zum Park verwirrte mich allerdings etwas. Und hier muss ich etwas ausholen: Es geht um die Gemeindestruktur in Japan. In Japan gibt es 47 Präfekturen, und die sind in sogenannte 区市町村 Ku-shi-chō-son unterteilt. -ku sind Stadtbezirke in Großstädten wie Tokyo, Osaka, aber auch Hiroshima, Chiba und so weiter. Shi sind kreisfreie Städte, chō (einzeln gelesen: machi) sind kreisangehörige Städte und son sind kreisangehörige Dörfer. Sprich, im obigen Wort wird es von links nach rechts immer ländlicher. Jedoch: 2012 gab es in Japan 787 kreisfreie und 748 kreisangehörige Städte – aber nur 184 kreisangehörige Dörfer. Das ist schon seltsam, da rund 80% Japans sehr ländlich sind. Der Grund: Seit Jahrzehnten wird in Japan eingemeindet, was das Zeug hält. Hinzu kommt, dass Städte in Japan seit jeher viel „ausgefranster“ sind als Städte in Deutschland zum Beispiel. Es gibt keine Ortseingangsschilder – irgendwie beginnt die Stadt irgendwo. Was wo anfängt und wo aufhört, ist schwer zu sagen. Die größte „kreisfreie“ Stadt (flächenmäßig) in Japan ist zum Beispiel Takayama – die Stadt hat gut 90,000 Einwohner, ist aber über 2’000 km² groß. Das sagt natürlich gar nichts über die Stadt aus – der Großteil des Gebietes ist unwegbares Gebirge mit vereinzelten Weilern hier und dort.
    Die Eingemeindungen scheinen dabei recht willkürlich zu sein, und das fiel mir heute besonders auf. In der Präfektur Chiba gibt es die benachbarten Städte 船橋 Funabashi und 習志野 Narashino. Um zum obigen Park zu gelangen, fährt man, so man auf den Zug angewiesen ist, zum Bahnhof 北習志野 Kita-Narashino (Kita=Nord). Man sollte jetzt freilich meinen, dass dieser Bahnhof zur Stadt Narashino gehört. Tut er aber nicht. Er gehört zur Stadt Funabashi. Auch der Bahnhof Narashino selbst liegt nicht etwa in Narashino (was für eine kindliche Vermutung!), sondern mitten in der Stadt Funabashi. Will heißen: Es ist absolut keine Schande, sich in Japan zu verlaufen! Das machen die meisten Japaner auch gern. Und die exzessiven Eingemeindungen tun ihr übriges dazu.

    4 COMMENTS

    1. Das liest sich nicht schlecht. Gibt es auch eine Hompage oder anderweitige im Netz nachzulesende/-anzuschauende Informationen? Ist denn das Interesse in Japan nach nichtjapanischer Kultur groß oder nur einer verschrobenen Minderheit (vorzugsweise ausländisch geprägt) zuzuordnen.

      Apropos Hot-Dog-Laden, bei uns um die Ecke gibts auch einen prima schmackhaften Stand – ich frag mich nur, was die ganzen Möbel dort sollen ;-)

    2. Webseite gibt es, aber nur auf Japanisch:

      http://www.park-funabashi.or.jp/and/index2.htm

      Das Interesse an nichtjapanischer Kultur ist durchaus groß hier – viele Japaner kennen sich mit deutscher Klassik besser aus als die Deutschen. Die meisten werden allerdings nicht wegen Andersen in den Andersen-Park kommen, aber die Betreiber haben sich sichtlich Mühe gegeben, den Schriftsteller zu würdigen.

      Ja, Hot-Dog-Laden. Bei den Blau-Gelben kostet der Hot Dog hier nur umgerechnet einen Euro. Und guten Käse und schwedisches Bier gibt’s da auch. Deshalb fahren wir da auch gelegentlich hin, und zwar selten wegen Knut und Konsorten. Der Hot-Dog im Andersen-Park kostet hingegen gleich mal 4 Euro…

    3. ^^ schöner post. Vor allem da ich dieses Jahr genau mit Narashino Stadt und Narashino Bahnhof reingefallen bin. Im Sommer war ich täglich am Narashino Bahnhof eingestiegen und wollte einen Seven Eleven in der Nähe suchen. Also einfach mal Seven Eleven und Narashino bei google eingegeben und war dann sehr über das Ergebnis überrascht.

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