Erdwärme aus Nationalparks?

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    Bekanntermassen hat Japan ja seit der Dreifach-Katastrophe vom 11. März 2011 ein paar Energiesorgen mehr: Vor dem Ereignis deckte man ein gutes Drittel des Strombedarfs aus der Kernenergie und einen noch grösseren Anteil aus fossilen Brennstoffen. Doch nun stehen 51 der insgesamt 54 Reaktoren still, und der ursprüngliche Plan, den Anteil der Kernenergie noch weiter zu erhöhen, wird man nicht mehr ohne weiteres durchführen können (hoffen zumindest viele). Einen Ausgleich versuchte man nach Fukushima dadurch zu schaffen, alte Gas-, Öl- und Kohlekraftwerke zu reaktivieren bzw. alles, was in Reserve gehalten wurde, permanent zu betreiben. Thailand lieh Japan sogar ein komplettes Kraftwerk damals, um bei der Energieversorgung auszuhelfen.

    Japan hat freilich das Problem, alle seine Energie vorerst selbst erzeugen zu müssen. Mal eben eine Leitung von Südkorea oder Taiwan zu legen geht natürlich nicht, und man kann ja noch nicht einmal Strom von Westjapan nach Ostjapan leiten. Das macht Japan natürlich momentan extrem abhängig von fossilen Energieträgern, und schaut man sich die Lage in und um Iran an, kann einem nur Böses schwanen, denn 10% des importierten Erdöls stammen von dort.

    Geothermie in Japan: Bisher nur durch komplizierte Schrägbohrungen möglich (Quelle: Daily Yomiuri / Yahoo Japan)

    Da hilft wohl nur der Ausbau erneuerbarer Energieformen – Greenpeace hatte ja bereits im September 2011 einen 43%igen Anteil bis 2020 vorgeschlagen. Seit jeher ist da vor allem Erdwärme ein im wahren Sinne des Wortes heisser Kandidat, denn davon hat man in Japan wahrhaftig genug, und Island macht vor vor, wie man davon leben kann (nun gut, die haben auch nur 1/400 der Einwohner Japans).

    Am einfachsten sind Wärmekraftwerke in der Nähe aktiver Vulkane zu errichten – schliesslich liegen dort die Magmakammern näher an der Erdoberfläche als anderswo. Dumm ist nur, dass die meisten Vulkane in Japan von Nationalparks umgeben sind. Und dort darf bekanntlich kein Kraftwerk errichtet werden. Bisher jedenfalls nicht. Das Umweltministerium gab gestern bekannt, dass es diese Regelung kippen möchte – und den Bau von Erdwärmekraftwerken in Nationalparks und Quasi-Nationalparks fortan genehmigt. Natürlich nur nach einer Umweltverträglichkeitsprüfung mit positivem Bescheid.

    Man darf gespannt sein, ob das Auswirkungen haben wird. Momentan werden nur zur 540 Megawatt in Japan durch Erdwärme produziert. Die meisten Kraftwerke befinden sich dabei auf Kyūshū und in Tōhoku (Nordost-Honshū). Stefansson schätzte in seinem Bericht 2005 (World Geothermal Assessment – leider scheint Stanford Univ. das PDF vom Server genommen zu haben, aber ich hatte den Bericht damals schon einmal gelesen), dass man in Japan dauerhaft rund 20 Gigawatt produzieren könnte. In Japan ist man etwas vorsichtiger und schätzt, dass rund 5’200 Megawatt wirtschaftlich sinnvoll sind (Schätzung laut Bericht des Umweltministeriums zu regenerativen Energien 2011, siehe hier). Ein Vergleich ist allerdings ernüchternd: Die Gesamtleistung der sieben Reaktoren im AKW Kashiwazaki (柏崎, Präfektur Niigata) liegt bei 8’200 Megawatt. Geothermalenergie ist in Japan von daher auf Dauer kein Ersatz – sehr wohl aber eine ausbaufähige Energieform in bestimmten Gebieten des Landes: Etliche Kommunen könnten damit ihren eigenen Strom produzieren, ohne über weite Entfernungen Strom übertragen zu müssen.

    8 COMMENTS

    1. Wird höchste Zeit das etwas bewegt wird in dieser Richtung. Bleibt zu hoffen das man sich an die Regeln halten und gewissenhaft Arbeiten wird. Ist es nicht eine Frage von, wo kann man diese Technologie einsetzten, anstelle von wo kann man sie leicht einsetzen? Ich denke so betrachtet ergeben sich mehr Möglichkeiten als in Vulkan Nähe und in Naturparks. Angesichts dessen was Japan blüht wenn noch ein Kernkraftwerke hoch geht. Von den eigenen Ressourcen will ich erst gar nicht anfangen. Stellt sich hier nicht die Kostenfrage. Schade das Stefansson’s Bericht nicht vorliegt der wäre hier sicher sehr interessant. Hat ihn vielleicht jemand gesichert auf dem Rechner liegen?

    2. “Island macht vor vor, wie man davon leben kann (nun gut, die haben auch nur 1/400 der Einwohner Japans)”

      Wobei ein Großteil der geothermischen Energie auf Island ja nicht mal für die Bevölkerung benötigt wird. Teilweise wurden dort Kraftwerke gebaut, deren Zweck fast ausschlisslich darin besteht, die Industrie – insbesondere die sehr energieintensive Aluminium-Verhüttung – mit Strom zu versorgen.

      Allerdings fängt man auch dort langsam an, sie ein wenig Gedanken über Dinge wie Naturschutz zu machen.

    3. Da kommt mir doch gleich wieder ein Gespraech mit einem Doktor der Todai in den Sinn. Auf die Frage, warum Japan nicht deutlich mehr Geld in die Errichtung von Waermekraftwerken investiert, kam die hochinteressante Antwort: “Ich befuerchte, das eine solche Ausnutzung zu veraenderten Druckverhaeltnissen im Vulkangestein und evtl. in den mittleren Erdschichten fuehren wird und damit massiv Erdbeben und Vulkanausbrueche beguenstigt werden. Schlafende Monster soll man nicht wecken….”

    4. Wie siehts eig. mit anderen erneuerbaren Energiequellen aus? Solarkraft, Windkraft? Oder wie gut wären Gezeitenkraftwerke realisierbar?

      • Danke! Wenn es mal so wird können wir schön zufrieden sein. Bis dahin wird es aber sicher ein harter weiter Weg werden. Die Gelinkte Seite in der Zusammenfassung gefällt mir richtig gut.

    5. Und nochmal ein altes Spiel ausgegraben, das auch gut zu dem Thema passt. (letzer post von mir zu dem Thema, ich versprechs!)

    6. “nun gut, die haben auch nur 1/400 der Einwohner Japans” … und sind auch nur ein viertel so groß! Allerdings unterstelle ich den Japanbern auch, dass eine Effizienzerhöhung bisheriger Geothermalkraftwerke durchaus im Bereich des machbaren liegt ;-)
      Und: wenn das selbst in Magdeburg klappt, sollte das erst recht im gut durchgeheizten Erdboden Japans gelingen!

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