Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XVII

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    Schon Teil 17… mittlerweilen bekomme ich wirklich allmählich Lust, mal wieder über etwas Anderes zu schreiben.
    Seit dem Erdbeben sind nun schon gute 5 Wochen vergangen, aber noch immer bestimmen die Folgen hier die Nachrichten und die Gedanken. Deshalb mal wieder ein paar Informationen dazu, was in Japan gerade passiert in punkto Erdbeben – verbunden mit ein paar wichtigen Schlagwörtern.

    Lage im Norden
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    Es scheint mehr oder weniger schnell voranzugehen im Norden. Am 30. April soll wohl die gesamte Shinkansen-Strecke im Norden wieder freigegeben werden – man arbeitet mit Hochdruck daran, die teilweise zerstörten Trassen (ein grosser Teil verläuft ja auf Stelzen) wieder herzurichten. Sicher gibt es wichtigere Dinge als funktionierende Shinkansen, aber eine gewisse Bedeutung, und nicht zu vergessen Symbolkraft, haben sie schon. Auch erste Flughäfen (Sendai) und Häfen können wieder benutzt werden, womit der Transport von Hilfsgütern schneller vonstatten gehen sollte.
    Mittlerweilen untersuchen mehr und mehr Forscher die direkten Folgen und beginnen zu verstehen, was wirklich geschah: Mittlerweilen weiss man, dass der Tsunami an einigen Stellen – vor allem im Inneren kleiner Buchten – mit einer Höhe von bis zu 40 Metern auf die Städte und Dörfer prallte. Nun war man sich der Gefahr durch Tsunamis schon seit jeher bewusst und hatte entsprechend Dämme errichtet, aber ein 10 Meter hoher Damm hilft bei einer 40 Meter hohen Wasserwand nicht viel. Dazu tauchte unlängst das folgende Video auf. Der Mann im Hintergrund klagt immer wieder: “Was ist mit dem Damm? Wozu haben wir den Damm?”

    Wissenschaftler haben bei GPS-Vermessungen des weiteren zwei weitere Dinge festgestellt:

    – das Absinken ganzer Küstenlandschaften, genannt 地盤沈下 jiban chinka, erreicht mancherorts mehr als einen Meter – das ist in Gegenden katastrophal, wo die einzigen Ebenen bereits vorher auf Meeresniveau lagen. Kleinere Sturmfluten bzw. eine etwas erhöhte Flut reicht aus, um zahlreiche Ortschaften und sehr viel Ackerland volllaufen zu lassen.

    – die Plattengrenze ist noch immer in Bewegung, und man kann, trotz nachlassender Nachbeben, noch nicht von Entwarnung sprechen. Es ist sehr gut möglich, dass in absehbarer Zukunft – dies können allerdings auch Jahrzehnte sein – ein weiteres starkes Beben im Bereich 8+ folgt.

    Man baut derweilen mit Hochdruck provisorische Unterkünfte – hat jedoch gleichzeitig in einigen besonders tief gelegenen Ortschaften teilweise einen Baustopp erlassen.

    Lage in Fukushima
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    Auf Druck der Politik veröffentlichte TEPCO, der Betreiber des AKW Fukushima, einen vorläufigen 工程表 kōteihyō Baufahrplan: Demzufolge will man das AKW innerhalb der nächsten 6 bis 9 Monate stabilisiert haben – will heissen, man will bis dahin einen cold shutdown aller Meiler erreicht haben und die weitere Ausbreitung radioaktiver Substanzen verhindert haben. Sofort nach Veröffentlichung hagelte es skeptische Kommentare. Bekräftigt wurden die Kritiker allein durch heutige Meldungen, in denen es erst hiess, dass das radioaktiv stark belastete Wasser innerhalb eines Blockes 20 cm hoch sei – diese Zahl aber Stunden später auf 5 m korrigiert wurde. Das ist kein unwesentlicher Unterschied und nicht gerade ein Beweis dafür, dass TEPCO auf dem richtigen Wege sei.

    Im Grossraum Tokyo nimmt die radioaktive Belastung ansonsten permanent ab – wobei hier nochmals ausdrücklich erwähnt werden sollte, das die Belastung zu keinem Zeitpunkt gefährliche Werte erreichte. Aber keine (bzw. nur natürlich verursachte) Radioaktivität ist natürlich besser als geringfügig höhere Werte.

    Energieversorgung
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    Erwartungsgemäss finden momentan keine Stromabschaltungen mehr statt, da es warm genug ist, Heizungen nicht einschalten zu müssen, und kühl genug, Klimaanlagen nicht benutzen zu müssen.
    Man ist wohl zum jetzigen Zeitpunkt in der Lage, 50 Gigawatt produzieren zu können. Im Hochsommer liegt der Verbrauch bei rund 60 Gigawatt. Man hat noch ein paar Monate Zeit, sich für den Hochsommer vorzubereiten, aber das sollte man auch mit Hochdruck tun: Gibt es wieder einen so langen wie heissen Sommer wie im vergangenen Jahr, würden Stromausfälle unweigerlich zu zahlreichen Todesfällen führen – gerade unter älteren Leuten. Persönlich hoffe ich jedoch, dass man das Problem weniger mit Erhöhung der Kapazitäten als mit Massnahmen intelligenter Stromeinsparung erreichen kann. Denn da hat Japan definitiv noch sehr viel Potential.

    Politik
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    Bei den Kommunalwahlen in einigen Teilen der Region verloren die regierenden Demokraten vielerorts an Boden, und gerade in ausländischen Medien wird viel darüber geschrieben, dass man in Japan sehr unzufrieden mit der Arbeit der Regierung sei. Das stimmt so nicht: Es gibt durchaus sehr viele Japaner, die die Leistung der Regierung unter Kan in dieser Krise anerkennen. Sicherlich gibt es viele kritische Stimmen, aber man muss sich auch vor Augen halten, dass die Regierung auf jeden Fall hier und da nur Prügel beziehen kann: Beschwichtigt man zu sehr, wie in den ersten Wochen geschehen, gibt es Kritik. Nimmt man kein Blatt vor den Mund, auch.
    Immerhin hat man begonnen, die Dinge beim Namen zu nennen: Zum Beispiel durch die “Aufwertung” der Lage in Fukushima zum Unfall der Kategorie 7 (na bitte, also doch ein Super-GAU! Ein bisschen zumindest (!?)) oder durch die Aussage, dass auch einige Gebiete ausserhalb der Evakuierungszone nicht mehr bewohnbar sei.

    Ansonsten
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    So nichts dazwischen kommt, werde ich demnächst mal wieder über etwas anderes schreiben. Insgesamt 20 Katastrophenmeldungen innerhalb der letzten fünf Wochen reichen.
    Ansonsten – in zwei Wochen beginnt die Goldene Woche, und ich werde mich zusammen mit Tochter für eine Woche nach Deutschland aufmachen. Das war schon sehr lange geplant. Wird auch langsam Zeit – der letzte Besuch liegt schon über zwei Jahre zurück. Hoffentlich kann ich mich zu Hause noch halbwegs verständlich artikulieren :)

    12 COMMENTS

    1. Diese Tsunami-Videos haben immer wieder etwas surreales an sich. Häuser die in Straßen vorbeischwimmen – unglaublich.

      “…Meldungen, in denen es erst hiess, dass das radioaktiv stark belastete Wasser innerhalb eines Blockes 20 cm hoch sei – diese Zahl aber Stunden später auf 5 m korrigiert wurde. Das ist kein unwesentlicher Unterschied…” Man merkt, dass du seit längerem in Japan verweilst ;-). Den Unterschied zwischen 20 cm und 500 cm finde ich schon gewaltig und hoffe, dass zumindest zuvor nicht so maßlos untertrieben wurde. Ist das wirklich ein Versehen und einfach ein dummer Versuch, die Probleme herunterzuspielen?

      Und wegen der Verständigungsbefürchtigungen: ich hab hier keine Versorgungsengpässe in Sachen Bier mitbekommen. Vielleicht hilft das ja! Kannst mal Bescheid geben, wann du im Land bist!

    2. Hallo Tabibito,

      hoffentlich brauchst Du tatsächlich nicht mehr zu viele Berichte über die Katastrophe zu schreiben, schön wäre es, wollte nur noch einmal Danke sagen! Es war/ist immer wieder gut Info s quasi von der Quelle zu bekommen! Dir und Deiner Tochter wünsche ich bon voyage und eine schöne Zeit in Deutschland, momentan genießen wir wunderbarstes Frühlingswetter mit Temperaturen um die 18/20°C und strahlend blauer Himmel!

      Also, ich werde auch ohne Katastrophen bei Zeiten mal wieder vorbei schauen, um mehr über das Land der aufgehenden Sonne zu erfahren!

      Grüße vom Rhein,
      Phelia

    3. Wegen Besuch in DE:
      Na dann kommt ihr ja wirklich pünktlich zur Walpurgisnacht. Und? Ist deine Tochter immer noch in Sorge wegen den Hexen hier? ;)

    4. @ tabibito

      Stelle Dich mental darauf ein, hier auf sehr viel Unkenntnis gepaart mit guten Ratschlägen über die Situation in “Japan” zu erhalten. Leider hat die Mehrheit der Bevölkerung hier in Europa, nur die reisserischen Schlagzeilen, im Kopf und kaum die ausführlicheren und sachbezogenen Nachrichten, die es selten genug gab, zur Kenntnis genommen.

      Ich selbst habe aufgegeben meinem Umfeld erklären zu wollen, warum es nicht Lebensbedrohlich wäre nach Tokyo zu reisen, oder das das AKW in Fukushima nur der sehr viel kleinere Teil der Katastrophe ist, im Vergleich zu den Verheerungen durch den Tsunami.

      Die Bilder und Meinungen sind gemacht in den Köpfen der Menschen. Nichtsdestotrotz wünsche ich Dir und deiner Tochter einen erholsamen Aufenthalt in Deutschland.

    5. Lieber Matthias, Danke für die unaufgeregten Innenansichten, sie heben sich wohltuend von vielen Berichten ab, die wir hier zu lesen bekommen!

      Viel Spaß mit Deiner kleinen in Deutschland!

    6. Vielen Dank für die vielen Berichte! Ich hoffe auch, dass es bald ein paar angenehmerere Dinge zu berichten gibt.

      Wenn so etwas in Deutschland passiert wäre, würden wir übernächstes Jahr immer noch mit kaputten Schienen rumsitzen – Moment, das tun wir ja sowieso.
      Ein Hoch auf Japan, kann man da wohl nur sagen. (Und Buh für Tepco.)

    7. Ungefährliche Strahlunsgwerte in Tokyo… Daß die Direkstrahlung nicht weit reicht ist ja klar, sie nimmt mit dem Quadrat der Entfernung ab.
      Der Ausstoß an radioaktivem Staub hat sich größtenteils woanders abgesetzt.
      Aber spätestens wenn die Ernsten eingefahren werden nimmt das Zeug seinen Weg in den Kreislauf.
      Ausserdem besteht Japan nicht nru aus Tokyo, auch woanders leben dort noch Menschen. Iitate zum Beispiel.

    8. Jod-131 und Babynahrung

      sind per se nicht kompatibel. I-131 ist ein extrem harter Strahler, dessen Strahlung sehr energiereich ist und daher ganz besonders biotoxisch.

      Für so etwas dürfte es einfach keine “legalen Grenzwerte” geben. Nur bei völliger Abwesenheit dieses Radionuklids kann man von unbelasteter Nahrung sprechen, jedes einzelne Atom ist da schon zu viel.

    9. Auch ich wollte einfach noch einmal Danke sagen für deine Berichte. Sie haben mir (und meiner Familie) sehr geholfen, Nachrichten “gerade zu rücken”.

      Ich wünsche dir frohe Osten (feierst du in Japan überhaupt Ostern?)

      Bine

    10. gibt es in Japan eigentich das Osterfest ????

      Egal; trotzden wünschen wir Dir und deiner Familie Frohe Ostern

    11. Hallo,

      meine Familie möchte Ende Juni nach Tokyo. Meine bessere Hälfte ist leider nicht davon abzubringen. Aufenthalt bei meinen Schwiedereltern (wäre für mich bestimmt auch Grund genug:-).

      Auszug: http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Laenderinformationen/00-SiHi/JapanSicherheit.html

      “..Aus radiologischer Sicht ist ein Aufenthalt im Großraum Tokyo/Yokohama derzeit unbedenklich. Aufgrund der höheren Strahlenempfindlichkeit sollten Kinder und Jugendliche einen Aufenthalt in diesem Raum derzeit jedoch vorsorglich vermeiden, um im Fall nicht auszuschließender höherer Freisetzungen umfassend geschützt zu sein….”

      Meine Kinder sind unter 10J.
      @tabibito: was hältst Du von dem Vorhaben? Gibt es sichtbare Sicherheitsmaßnahmen in Tokyo insbesondere in Bezug auf die Jüngeren? Mit welchen Einschränkungen müssen meine Lieben evt. rechnen?

      Gruß
      kuri

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