Wahnsinn Religion

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    Mein kurzer Abstecher nach Shikoku vergangenes Wochenende war mal wieder eine Gelegenheit, ein kleines bisschen Buddhismus zu erleben – schliesslich haben wir ja auch im Tempel übernachtet und ausgiebig Zeit gehabt, uns jenigen genau anzusehen.

    Buddhismus ist und bleibt für mich ein Buch mit sieben Siegeln – es gibt so viele Lehren und Sekten, dass mir das Christentum dagegen paradiesisch leicht verständlich vorkommt. Das ist freilich eine völlig unfundierte Aussage und sehr objektiv – wenn ich behaupten würde, das Christentum halbwegs zu verstehen, würde ich lügen.
    Einen gewissen Reiz kann man dem Buddhismus nicht absprechen, und viele Asienreisende verfallen diesem Reiz: Die Religion hat etwas friedfertiges, es gibt scheinbar keine aufdringlichen Missionare, die Tatsache, dass der Mensch unvollkommen ist, wird als gegeben hingenommen und man muss nicht immer zur Beichte rennen, wenn man mal was ausgefressen hat. Zudem sehen die Tempel alle schön und exotisch aus, der Dalai Lama ist ein guter Mann, der immer lächelt, und von fanatischen, bombenlegenden Buddhisten, denen alles egal ist, da ja im Paradies 18, wenn nicht noch mehr, Jungfrauen auf einen warten, hat man auch noch nicht gehört.
    Schaut man sich das scheinbar gelassene, farbenfrohe Leben in Tempeln in Indien, Thailand und sonst noch wo an, sieht Buddhismus wie eine vernünftige Lebenseinstellung aus, die man nicht unbedingt verstehen, aber doch zumindest bewundern kann.

    Dachte ich mir früher so. Bis ich von einem buddhistischen Phänomen hörte, das mir eine ordentliche Gänsehaut bescherte: Das lebendige Mumifizieren. Das Konzept: Als Mensch in seiner sterblichen, unperfekten Hülle kann nicht die höchste Stufe erreichen – wie man sich auch anstrengt, man wird nicht zum Buddha. Zumindest eine Strömung im Buddhismus versucht dieser doch essentiellen Einschränkung zu entgehen. Sie schlägt vor, dass, wer sich lebendig mumifiziert (und – kleines, aber bedeutendes Detail – bis zum Ende in sitzender Position verbleibt), doch zum Buddha werden kann.

    Die Prozedur ist schmerzvoll – und dauert lange: Der Regel nach 2’000 Tage, also über 5 Jahre. In den ersten tausend Tagen assen die Mönche nur noch gewisse Wurzeln und Nüsse und trieben viel Sport: Ziel war, jegliches Gramm Fett loszuwerden, denn jenes ist bei einer Mumifizierung nicht dienlich. In den folgenden tausend Tagen tranken die Mönche dann einen eigentlich giftigen Tee aus den Stoffen des Lackbaums – jener Tee hatte zur Folge, dass der Körper zu giftig wurde, um Würmer und dergleichen als Speise zu dienen. Danach ging es im Lotussitz in ein dunkles, enges Grab – mit einer Glocke und einem Schlauch zur Aussenwelt zum Luft holen. Jeden Tag klingelte der Mönch dann mit dem Glöckchen – so er noch lebte. 1’000 Tage nach dem letzten Klingeln schauten die Mönche schliesslich nach, ob die Mumifizierung gelungen war oder nicht: Bei den meisten wohl nicht, denn bisher sind nur um die 20 gelungene Beispiele bekannt. Die, die es geschafft hatten, wurden umgehend zu Buddhas erklärt.

    Diese Praxis fand wohl vor allem in Nordjapan statt – aber nur bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts: Heute ist das ganze nicht mehr zeitgemäss und wird dementsprechend nicht mehr praktiziert. Sagt man.
    Diese Praxis ist gelinde gesagt beeindruckend: Wie willens- und glaubensstark muss man sein, um dies 5 Jahre durchzustehen? Und welche Leichen hat der Buddhismus noch im Keller versteckt?

    Diese kleine Geschichte soll keine Wertung sein – aber eine Warnung, fremde Religionen mit Respekt und EhrFURCHT zu behandeln: Als Fremder lernt man wirklich nur die Spitze des Eisberges kennen. Mit Religionen ist eben nicht zu spassen.

    Das Wort des Tages: 即身仏 sokushinbutsu (sofort-Seele-Buddha) – der Name für die Prozedur.

    10 COMMENTS

    1. @Juergen
      Natürlich objektiv. Mea culpa!

      @Bastian
      Das war nicht nur ein Mönch sondern viele.

      Über den Zeitraum gibt es verschiedene Angaben – die deutsche Wiki bezieht sich zum Beispiel auf diesen hervorragenden Artikel http://www.sonic.net/~anomaly/japan/dbuddha.htm
      :

      The first step is a change of diet… () …this diet had to be stuck to for a 1000 day period.
      In the second stage, the diet became more restrictive… () …This had to be endured for another 1000 day period

      Japanische Quellen machen unterschiedliche Angaben – zum Beispiel diese hier: http://www5f.biglobe.ne.jp/~syake-assi/newpage209.html
      besagt, dass einige 1’000 Tage, andere wiederum 5’000 Tage mit der Vorbereitung verbrachten:

      これらの木喰行は千日から三千日続けるが、人によっては五千日行う場合もある。
      山籠りは三年、六年、九年と千日単位で行い、長いものになると二千日、三千日と行を続ける。

      Diese hier – http://www.fukimbara.com/jmb/jmb056.html
      – wiederum gibt 1,000 bis 5,000 Tage nur für die erste Stufe an:

      これらの木喰行は千日から三千日続けるが、人によっては五千日行う場合もある。

      Was die Buddhawerdung noch in Lebenszeit (即身成仏) anbelangt, warnt die japanische Wiki (http://ja.wikipedia.org/wiki/%E5%8D%B3%E8%BA%AB%E6%88%90%E4%BB%8F
      und viele andere Webseiten davor, dies mit Sokushinbutsu zu verwechseln – das Prinzip ist ein völlig anderes:

      即身仏(修行者が生きたままミイラになること)と混同されがちであるが、即身成仏と即身仏とは全く別物である。

    2. Der besagte Mönch gehört zur Tendai-Schule, das Ritual geht über 1000 Tage.

      Ich bin mir nicht ganz sicher, glaube aber, dass es eigentlich sokushin jôbutsu 即身成仏 heißen müsste.

      So oder so empfinde ich diese Rituale eher als spannend, denn als abstoßend oder gar gefährlich, schließlich sind sie selbstbezogen und nicht auferlegt (wie etwa das Geißeln).
      Man muss sich halt immer vor Augen halten, dass hier noch eine ganz andere Weltsicht den Grundstein allen Wissens gelegt hat. Die Idee, noch in diesem Leben Buddha werden zu können war sicherlich für einige genau so verlockend wie die Aussicht, durch ein schlichtes Gelöbnis (nenbutsu) ins Reine Land einziehen zu können.

      Buddhismus ist für mich immer wieder spannend!

    3. Früher haben die Religionen ja noch weitere Aufgaben aufgepackt bekommen, z.B. Gesetzgebung, Ethik usw.. Gerede wenn man an den Buddhismus denkt, ist der Grundgedanke relativ einfach. Aber das ich bestimmt auch beim Christentum so. Wenn man so sieht was im Laufe der Zeit aus diesen Gedanken wird… naja, wir alle kennen das Spiel „Stille Post“. Da kommt viel Interpretation dazu.

      @Stefan
      Das mit dem wandernden Mönch, ich denke der war noch keine 30, habe ich auch gesehen. Seine Strecke hat sich immer erweitert und vor jedem Tempel (auch wenn es nicht zu seiner Religion gehörte!) hat er ein Rithual vollzogen.
      Also wenn ich Mönch wäre, würde ich (so denke ich) sogar versuchen daraufhin Arbeiten, dass ich das machen darf.

      @Tabibito
      Du meinst wohl subjektiv statt objektiv :-)

    4. @ Micha Mir hat ein Christ (Evangelist) mal gesagt, als ich sagte „ich interessiere mich z.Z. für Buddhismus & Schintoismus“. Die Hauptsache ist doch zu glauben!
      Gruß Enrico

    5. @Jens
      Nicht das ich eine Lanze für das Christentum oder den Islam brechen wolle, aber beide Religionen sind gesehen von ihrem Hauptlehrbuch (Bibel und Koran) durchaus harmlos, es ist die menschliche Bodencrew die da den Mist verzapft.
      Die Thora ist schon an sich etwas „blutrünstiger“ angelegt.
      Andere Zeiten andere Fritten sagt man, glaub ich ;)

      Aber es stimmt vom öffentlichen Gebaren her wirkt der Buddhismus natürlich wie der reine Segen.

      Nur genug Irre hat auch der schon produziert. (z.B. SokaGakai IIRC)

      Jede Religion gemischt mit Fanatismus ist von übel!
      IMHO

      Ich selber habe schon mich z.B. mit recht extrem streng-gläubigen Moslems unterhalten und nach einer langen Diskussion, wo ich meine Ansicht von Gott vertrat (und die ist definitiv auch keine Christliche!) wo ich aber auch genauso klar sagte, dass ich nie ein Moslem werden könnte und ich sagte das ich bevorzuge lieber ohne Religion zu sein als ein vortäuschen.
      Dann ein „Du versuchst nicht mir einen falschen Glauben vorzuspielen und du sagst, du glaubst nicht, aber Mohammed (PBUH) sagt ER erkennt seine wahren Gläubigen am Herzen und nicht an dem was sie nach außen tun!“ zu hören bekam.

      Das war definitiv besser als das was ich von streng gläubigen (nach eigenem Bekunden!) Christen zu hören bekam, „Du wirst auf immer in der Hölle brennen!“.
      Nachdem ich sagte „Ich glaube nicht an die Christliche Kirche!“

    6. Solche langwierigen Rituale gibt es ja in vielen Richtungen des Buddhismus. Auf 3sat aber ich während der Japan-Themenwoche eine Richtung gesehen, bei der ein Mönch mehrere hundert Nächte lang wandern musste (ich glaube bis zu 80km in einer Nacht am Ende).

      Andere sind mehrere Wochen im Kreis gelaufen, ohne zu schlafen. Ich weiß zwar nicht, wie man das aushalten kann, aber irgendwie muss es wohl gehen.

      Wobei die beiden Dinge zum Glück nicht so schlimm sind wie die Mumifizierung. Die Nachtwanderungen finde ich sogar noch ganz interessant, auch wenn man dabei zu wenig Schlaf kriegt (denn sein normales Leben hat er weiterhin geführt).

    7. Natürlich kann man aus jeder Lehre eine Rechtfertigung für allerlei Humbug ableiten. Zen z.B. wurde in Meiji- bis Showa-Zeiten als backdrop für Nationalismus und Krieg benutzt; und in älteren Zeiten als Philosophie, die es einem leicht machte, das eigene Lebens reuelos im Dienste seines Herrn zu opfern.

      Aber generell ist mir eine Religion/Lebensphilosophie sehr sympathisch, in der es auf mich selbst ankommt, wie ich die Dinge zwischen mir und dem Universum regele, und die ohne Weltenerschaffer und -beherrscher auskommt, ohne Erbsünde und Heiligen Krieg, Auserwählte Völker oder blutige Opfer.

      Zwar hat der Buddhismus am Wegesrand auch einiges an Himmel- und Hölle-Folklore aufgelesen und putzige Rituale entwickelt, aber wenn man sich die aus Buddhas Zeiten überlieferten Lehren anschaut, ist er eine erstaunlich rationale Lehre vom rechten Leben und vernünftigen Umgang mit der Sterblichkeit.
      Ganz im Kontrast zu den totalitären Großreligionen, die aus der Angst der Menschen Gehorsam und Unterwerfung im Austausch gegen Heilsversprechen destillieren: Priester, die Macht im Namen zürnender Götter ausüben etc.
      Dass solche Glaubenssysteme trotzdem geeignet sind, ein Sozialwesen zu organisieren und zusammenzuhalten, ist eher ein „Kollateralschaden“ und spricht für das Weiterwirken der Vernunft trotz Bekenntnis.

      Tja, aber spinnerte Sekten haben sie eben alle.

    8. Ähnliches ist auch aus dem Tibet bekannt, wo wesentlich ältere mumifizierte Mönche gefunden wurden. Leider sind heute nur noch wenige erhalten, da viele hunderte von ihnen die Kulturrevolution nicht ähm überlebten.

      Man muss ja nicht gleich in den Buddhismus einsteigen mit Techniken zur Selbstmumifikation. Ein vergleichsweise milderer Anfang wären da beispielsweise im Zen Buddhismus die Stockschläge des Meisters von hinten während man meditiert ;-)

      Und für die Religions-Touristen unter uns gibt es immer noch die 88 Tempel auf Shikoku, die sich im Hardkore-Modus auch in 1 Monat erwandern lassen.

    9. Hm scheint dass der Spamfilter nicht mag wenn man Hardkore auf Englisch schreibt :-(

      Soweit mir bekannt ist, opferte man sich um das Leid des eigenen Volkes bzw. der Welt zu mindern. Die Verehrung als Buddha erfolgte durch die Zurückgebliebenen, was dann schnell verkehrt gedeutet werden kann.

    10. @Tabibito:
      Der Kommentar zum Tendai-Mönch bezog sich auf die Frage nach der Zugehörigkeit des angesprochenen Marathon-Mönches.
      War im Kontext etwas schwer verständlich.

      Zum „sokushinbutsu“ vs. „sokushinjôbutsu“: muss ich auch noch mal schauen. Habe irgendwo noch nen Haufen Artikel aus meiner Zeit an der Hôsei hier rumliegen, erinnere mich aber leider nur an wenig aus den Kursen. Hab da sicher was durcheinander geworfen.

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