Deutschland und Polen als Vorbild für Japan und Südkorea?

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    Ja ja, es geht mal wieder, aber zum ersten Mal seit langem in diesem Blog, um Eilande, für die sich eigentlich kaum einer interessiert. In diesem Fall (mal wieder) um 竹島 (Takeshima, jap. „Bambusinsel“) alias 独島 (Dokdo, kor.: Einsame Insel). Das ist eine Handvoll eigentlich unbewohnter Inseln mit insgesamt nur 0.23 km² Fläche, um die sich (Süd)korea und Japan schon seit Ewigkeiten zanken. Seit 1953 werden die Inseln quasi von Südkorea besetzt – so zumindest die japanische Lesart. Die Inseln liegen zwischen Japan und Südkorea mitten im Japanischen, ach nein, Ostmeer (so der koreanische Name).

    Momentan sehen die Beziehungen zwischen Japan und Südkorea eigentlich ganz gut aus – zumindest wesentlich besser als noch vor zwei Jahren zu Koizumi’s Zeiten. Doch da schlägt das Bildungs- und Wissenschaftsministerium plötzlich zu – und schreibt in einer Richtlinie für Schulbücher plötzlich vor, das besagte Inseln als japanisches Territorium im Unterricht zu erwähnen seien. Bisher fanden die Inseln keine Erwähnung.

    Erwartungsgemässt schluckt man den Köder gern auf der anderen Seite des Meeres – Proteste laufen an, Austauschprogramme werden abgesagt usw. – ach ja, dies passierte alles in dieser Woche.

    Japanische Geschichtslehrbücher sind ein Dauerthema im Zank mit den Nachbarn – regelmässig gibt es grossen Ärger mit China und Korea über verdrehte oder, das ist eher der Fall, einfach ausgelassene historische Ereignisse. In vielen Fällen ist der Ärger begründet, obwohl chinesische Geschichtsbücher mit Sicherheit auch nicht lupenrein sind.

    Doch ach – da tauchte doch gestern tatsächlich ein interessanter Gedanke auf: Der südkoreanische Präsident Lee Myung Bak äussert sich zu dem neuen Streit und rät, einen kühlen Kopf zu bewahren. Und es vielleicht mit dem deutsch-polnischen Weg zu versuchen: Deutschland und Polen arbeiten an gemeinsamen Texten zur Geschichte, um beide Seiten klarzustellen.

    Dieser Vorschlag klingt zwar utopisch in dieser Gegend hier, aber wer weiss: Es ist allemal einen Versuch wert und würde viel zur späten Versöhnung beitragen.

    Um aber noch kurz bei der Deutschland-Polen-Analogie zu bleiben – einen Kaczyński wünsche ich weder Südkorea noch Japan.

    Das Wort des Tages: 教科書 – kyōkasho – „lehren – wissenschaft – schrift“. Das Lehrbuch.

    4 COMMENTS

    1. haha, als pole kann ich da vielleicht mit was zu beitragen…

      ich wünsche ebenfalls keinem land einen „kaczynski“ und man bedenke dass wir ne zeitlang sogar 2 davon hatten :) schön dass herr tusk da jetzt ein wenig aufgeräumt hat.

      es wäre auf jeden fall ein guter ansatz und auch wenn ich bisher von herr lee nicht so viel halte, das ist ja mal wirklich eine sehr sehr positiv zu wertende aussage die ich absolut nur unterstützen kann. utopisch ist es in der hinsicht, dass man sicherlich in japan keine „vergangenheitsbewältigung“ erreichen wird und auch die diskussionsrunden zwischen koreanern und japanern zur festlegung der themen und ihrer darstellung hören sich jetzt schon nach viel viel viel streit an. insbesondere wenn man da auch die hitzköpfigen koreaner mit den kühlen japanern sich an einem tisch vorstellt…

      dennoch, einen versuch wäre das allemal wert. ein geschichtsbuch in dem die sachverhalte neutral objektiv dargestellt werden wäre doch endlich mal ein gewaltiger fortschritt zur nachhaltigen verbesserung der beziehungen, auch wenn die auswirkungen sicherlich erst in einigen jahren spürbar wären…

    2. Zwei Regierungen, die im eigenen Land höchst unpopulär sind, entfachen gemeinsam zwei nationalistische Wogen, jeweils in ihrem Land. Und hoffen darauf, daß der nationalistische Eifer zur Popularität der eigenen Regierung beiträgt.
      Mal wieder Nationalismus als Ablenkung. Es funktioniert immer noch und immer wieder, auch im Jahre 2008.

    3. @Thomas Henne

      In diesem Sinne klappt die Zusammenarbeit zwischen den beiden Koreas, der VR China, Taiwan und Japan doch ganz gut! Ein Konzept, das sich ganz offensichtlich bewährt hat… leider.

    4. wenn ich aber noch was ergänzen dürfte weil es mir beim lesen nochmal aufgefallen ist…

      auf japanischer seite ist das interesse der bevölkerung was „takeshima“ angeht scheinbar wirklich gering, auf koreanischer seite ist man allerdings bei der „dokdo“-thematik, selbst unter total unpolitischen jugendlichen, extrem sensibel. koreaner sind bekannt dafür sich in vieles hineinzusteigern und bei dokdo versteht man keinen spass. habe erst vor ein paar tagen von ein paar freunden aus seoul emails bekommen, wo sie sich über die „neuen frechheiten“ der japaner aufregten und natürlich auch über den schon genannten herr IMB… ^^

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