Geschichte - kurzer Überblick

Tschechien befindet sich an der Schnittstelle des deutschen Einflussbereiches und dem der slawischen Nationen. Und das seit über einem Jahrtausend. Im Gegensatz zu anderen Ländern war Tschechien nie wesentlich grösser als heute - spielte jedoch trotz seiner relativ geringen Grösse oft eine gewichtige Rolle. Der Name "Tschechien" an sich tauchte erst später auf - in den Annalen findet man mehr die Namen Böhmen (Westtschechien) und Mähren (Osttschechien).

Ursprünge

Wahrscheinlich im 4. Jhd. u.Z. siedelte ein keltischer Stamm namens Boii in der Region und gab selbiger ihren Namen - "Böhmen". Dann kamen germanische Stämme sowie seit dem 5. Jhd. westslawische Stämme, die seitdem das Gebiet dominierten. 830 vereinigten sich die Stämme, um das Grosse Mährische Reich zu gründen. 863 vollzog sich die Christianisierung - angestossen von den Mönchen Method und Kyrill, die damals von →Ohrid aus fast ganz Osteuropa christianisierten.

Nach 995 dominierte die Adelsfamilie der Přemysl's - sie schufen das Böhmische Reich, welches im 12. Jhd. zum Königreich wurde und immerhin selbst das heutige →Slowenien beinhaltete. Allerdings starb die Přemysl-Dynastie 1306 aus. Durch die Verbindungen zwischen den einzelnen Königshäusern Europas wurde Böhmen ab 1310 ein Teil des Deutschen Reiches. →Prag wurde Hauptstadt der Region, und dort wurde so auch 1348 die erste deutsche Universität gegründet.

Zizka-Statue in Tabor
Žižka-Statue in Tabor

Religionskriege

Der Religionsreformer Jan Hus brachte Anfang des 15. Jhd. die Hussiten-Bewegung ins Rollen. Jan Hus selbst wurde 1415 verbrannt, doch die Bewegung lebte weiter. Zentrum war die historische Stadt →Tabor, von wo die Hussiten unter der Führung von Jan Žižka Böhmen bekehrten. 1434 kam das Ende der Hussiten, doch der starke, reformatorische Einfluss blieb. Ab 1526 vereinnahmten die katholischen Habsburger den Thron. 1618 begann der verheerende 30jährige Krieg mit dem berühmten Prager Fenstersturz. Seitdem wurde das Land zwangskatholisiert - und germanisiert.

Das Ende der Habsburger

1526 begann die Herrschaft der Habsburger, zu deren Reich später u.a. →Ungarn, Teile →Rumäniens, die →Slowakei, Teile der →Ukraine usw. gehörten. Böhmen blieb fast vierhundert Jahre unter dem Einfluss der Habsburger. 1848 gab es den Versuch einer Demokratischen Revolution, die jedoch nicht erfolgreich war. Allerdings schritt die industrielle Revolution umso schneller voran.

Während des Ersten Weltkrieges gab es erste Anregungen slowakischer und tschechischer Nationalisten, einen gemeinsamen, unabhängigen Staat zu gründen. Die Niederlage Deutschlands und Österreich-Ungarns kam dem entgegen - 1918 konnte das Ziel erfüllt werden. In der neu gebildeten Tschechoslowakei lagen nun ¾ des industriellen Potentials von Österreich-Ungarn. Und drei Millionen Deutsche blieben im Land - die meisten entlang der Grenzgebiete zu Deutschland und Österreich. Diese Gebiete wurden Sudetenland genannt.

Die Katastrophe

Lange währte die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei nicht. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland gelang es Hitler mit der Zustimmung Grossbritanniens und Frankreichs zum Münchner Abkommen, die Annexion des Sudetenlandes international zu legitimieren. Das war 1938. Den Rest holte sich Hitler schon 1939 und schuf das Protektorat Böhmen und Mähren. Die →Slowakei wurde zu einem profaschistischen Marionettenstaat. Wie auch in den anderen besetzten Gebieten wurde fast die gesamte jüdische Bevölkerung vernichtet - erst wurden die Juden nach →Terezin (Theresienstadt), von dort dann zu grossen Teilen in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Nur wenige überlebten. 1942 erschossen Attentäter den Reichsprotektor Heydrich - mit fatalen Folgen. Aus Rache wurde das Dorf Lidice nördlich von →Prag nahezu ausradiert.

Noch nach der Kapitulation Deutschlands wurde in Prag gekämpft - erst sehr spät konnte Westböhmen von amerikanischen Truppen und der Rest des Landes von der Roten Armee eingenommen werden. Nun entlud sich die Rache der Tschechen an den Sudetendeutschen - es gab vereinzelt Massaker an Zivilisten und eine konsequente Vertreibung der Sudetendeutschen. Und das waren ja immerhin fast drei Millionen.

Beneš (fortan Benes) -Dekrete

Nachwievor ein Streitpunkt sind die sogenannten Benes-Dekrete. 1945 erliess die vormalige Exilregierung 147 Dekrete, die das Nachkriegsleben regeln sollten. Dekret Nummer 5 und 12 besagen, dass "unzuverlässige Personen" entschädigungslos zu enteignen seien. Als "unzuverlässige Personen" wurden alle Deutschen und Ungarn im Lande definiert. Und entsprechend enteignet und vertrieben - denn ein anderes Dekret sprach allen Deutschen und Ungarn die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft ab.

Ebenfalls strittig ist ein Gesetz aus dem Jahr 1946, in dem allen Personen, die zum Freiheitskampf beitrugen, eine vollständige Amnestie zugesichert wurde. Gilt für Taten zwischen dem 30.9.1938 und dem 28.10.1945. Man schaue sich das letztere Datum an. Wer also aus Rache nach dem Krieg einen Deutschen oder Ungarn ermordete, wurde nicht belangt. Denn die Definition "Beitrag zum Freiheitskampf" ist nicht sehr konkret. Die Benes-Dekrete waren und sind natürlich vor allem den Sudetendeutschen ein Dorn im Auge. Bedingt auch zu Recht - ich kann mir persönlich nicht vorstellen, dass jeder Sudetendeutsche ein Nazi war. Einige Gruppen wollten die Rücknahme der Benes-Dekrete mit der EU-Aufnahme verknüpfen - sprich, wenn Tschechien die Dekrete nicht für nichtig erklärt, kommt sie nicht in die EU. Schlug jedoch fehl - die Dekrete wurden bestätigt.

Nach dem Krieg

Die Kommunistische Partei gewann mit sowjetischer Rückendeckung immer mehr die Oberhand. Klement Gottwald wurde Vorsitzender der Nationalen Front - einem Zusammenschluss aus Kommunisten und Sozialdemokraten. Das kommt einem bekannt vor? Genau! Wie in der DDR. Allerdings stiegen die Sozialdemokraten aus Protest 1948 aus dem Bündnis aus. Das hinderte die Kommunisten freilich nicht am Regieren.

1968 beschloss der Erste Sekretär der KP, Alexander Dubček, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu etablieren. Die Zensur wurde aufgehoben, politische Gefangene auf freien Fuss gesetzt u.v.m. Die Sowjetunion schaute erstmal nur zu, doch als Dubcek den Austritt aus dem Warschauer Pakt forderte, wurde es der Sowjetunion zu bunt. Ca. 200'000 Soldaten aus der Sowjetunion, der DDR und anderen Ostblockstaaten besetzten das Land und beendeten den Prager Frühling. Im Gegensatz zu den Aufständen in →Ungarn und der DDR gab es jedoch vorwiegend nur passiven Widerstand seitens der Bevölkerung - zu gross war die Übermacht.

Eine repressive Zeit begann. 1977 gab es einen Schauprozess gegen eine oppositionelle Rockband. Daraufhin gründete sich eine Oppositionsbewegung im Untergrund, genannt Charter 77. Ihr gehörte u.a. auch Vaclav Havel an.

Perestroika

Die Ereignisse 1989-90 gleichen ein wenig denen in der DDR. Am Anfang stand eine gewaltsam aufgelöste Studentendemonstration. Der folgten weitere grosse Demonstrationen. Schliesslich gab es einen Generalstreik. Das Politbüro trat freiwillig zurück. Die Samtene Revolution war vollzogen. Das Bürgerforum, ein Sammelbecken von Oppositionsgruppen (quasi das tschechische "Neue Forum" bzw. "Bündnis 90"), übernahm die Macht unter dem Interimspräsidenten und Dissidenten Václav Havel. Im Juni 1990 gab es freie Wahlen, bei denen die Kommunistische Partei gerade mal 15.6% der Parlamentssitze errang.

Die Scheidung

→Slowakei hatte wohl genug von der Zentralregierung in Prag in den letzten Jahrzehnten und strebte die Unabhängigkeit an. Das wollte man nicht überstürzen - man gründete erstmal die ČSFR - die Tschechoslowakische Föderationsrepublik mit zwei gleichberechtigten Föderationen. Neues Geld wurde gedruckt. Die Meinungen der Vorsitzenden der jeweils stärksten Partei der beiden Länder, Václav Klaus (Bürgerliche Demokraten, Tschechien) und Vladimir Mečiar (Bewegung für eine demokratische Slowakei), gingen jedoch zu weit auseinander. Zum 31.12.1992 wurde deshalb die Samtene Scheidung vollzogen - Die Slowakei wurde unabhängig.

Wirtschaftlich steht Tschechien heute etwas besser dar als die →Slowakei - zumal Mafia und Klüngelwirtschaft in der Slowakei mittlerweilen zum ernsten Problem geworden sind - verschiedenen Quellen zufolge. Aber auch die Slowakei ist im Aufschwung, was in den Städten nicht zu übersehen ist. Und sie tritt bzw. trat zeitgleich mit Tschechien der EU bei.

 

 

 

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