Route:

Wien→ 
	Belgrad→
		Novi Pazar→ 
			Prishtina→
				Prizren→ 
					Kukës→
						Tirana→ 
							Shkoder→
								Bar→
									Belgrad
						

Zeit: Sommer 2005

Tag 1: Halle → Wien

Vor dem Umzug nach Japan galt es, noch einen alten Traum zu erfüllen - und zwar, das wilde Land der Skipetaren zu bereisen. Zwar rennt das Land nicht weg, aber es ist doch anzunehmen, daß Albanien wesentlich leichter von Deutschland als von Japan zu erreichen ist. Leider konnte jedoch dieses Mal meine Frau und treue Reisebegleiterin nicht mitkommen. Deshalb, und aufgrund der Arbeit, hatte ich nur 10 Tage Zeit. Wie kommt man nun von Deutschland nach Albanien? Mit dem Flugzeug kostet es gute 300 €. Aber der sportliche Ehrgeiz liess mich doch den Überlandweg wählen, denn nur so kommt man 'wirklich' dort an, wo man hin möchte. Und es lässt Zwischenstationen zu. Um Albanien und auch Serbien besser zu verstehen, sollte man sich sicher auch im Kosovo umsehen. Was gar nicht so einfach ist: Die Route Albanien-Kosovo-Serbien zum Beispiel verbietet sich, da man Probleme bei der Ein- oder Ausreise in Serbien bekommen würde.

Aufgrund eines guten Hinweises beschloss ich nunmehr, erst nach Südserbien zu fahren, und von dort in den Kosovo einzureisen. Das gab mir auch die Gelegenheit, mehr von Serbien zu sehen als nur Belgrad und Novi Sad. Zufälligerweise wollte ein Freund am gleichen Tag mit dem Auto nach Wien fahren. Und Wien liegt halbwegs auf dem Weg nach Serbien. Und so begann diese kurze Tour ausnahmsweise mal im Auto - über Dresden, Zinnwald und Prag ging es dann also gen Wien. Das kam mir entgegen, denn so richtig Gelegenheit hatte ich noch nicht, mir das Habsburger Kronjuwel anzusehen. Nun kann man mit dem Auto in 6, 7 Stunden durchheizen, oder so ziemlich jede Tankstelle mitnehmen, um sich einen Espresso oder sonstwas zu genehmigen. Beim letzteren kann es schon mal 11 Stunden dauern. An der tschechisch-österreichischen Grenze hatten wir dann auch die Gelegenheit, beim Vorbeifahren einen irrwitzig grossen amerikanischen 'Themenpark' im Niemandsland zu bewundern. Wer's mag...

 

Tag 2: Wien → Belgrad

Einen ganzen Tag, um Wien etwas näher kennenzulernen. Am Vorabend kamen wir erst gegen halb zehn abends und reichlich ausgezehrt an - das liess den Fahrkartenkauf für das Ticket nach Belgrad in den Hintergrund rücken. Das sollte sich bitter rächen. Das ansonsten recht günstige CityStar-Ticket ist nicht am Tag der Abreise erhältlich, weshalb der volle Preis von 73 € fällig wurde. Plus € 13 für ein Bett im 6-Mann-Abteil. Diese 13 Euro sind allerdings eine lohnende Investition, wie ich bei vorherigen Reisen lernte.

Große Pferdetränke vor der Hofburg
Große Pferdetränke vor der Hofburg

Nun hatten wir also einen ganzen Tag Zeit, die Stadt zu erkunden - bei über 30 Grad Celsius. Viele Sehenswürdigkeiten, so die Votivkirche und der Stephansdom, waren leider eingerüstet. Was uns nicht davon abhielt, die Wendeltreppe zur Aussichtsplattform des Doms hochzustürmen. Die Hofburg, die Oper usw. waren freilich in der Tat äußerst sehenswert. Wien ist ein Touristenmagnet, und das aus gutem Grund. Interessanter fand ich persönlich jedoch die eher 'normalen' Wohnviertel, zum Beispiel rund um das Hundertwasser-Museum, die zwei gigantischen Flaktürme, die man nach dem Krieg nicht geschafft hatte zu sprengen, und das nett gestaltete Heizkraftwerk nahe des Franz-Josephs-Bahnhof. Ferner war es interessant zu sehen, wie wenig man teilweise mit Hochdeutsch zurecht kommt. Als ich ein 24-Stunden-Ticket für 5 € für die Bahn kaufen wollte, näherte sich jemand von der Seite und erklärte mir, daß er mir sein Ticket für 2 € überlassen würde, das für einige Tage eigener Wahl gültig sei, und das bereits für den hiesigen Tag entwertet hätte. Klingt kompliziert? Genau! Und das ganze auf Wienerisch. Aber schliesslich kamen wir ins Geschäft. Wie auch immer - die Metropole ist vielschichtig und definitiv einer der Orte, der in Europa nicht auf dem Speisezettel fehlen sollte.

Der Zug nach Belgrad fuhr gegen 20:00 vom Westbahnhof ab. Obwohl mitten im Juli, waren es nicht allzu viele Passagiere - zumindest nicht im Schlafwagen. Die meisten Abteile waren leer, aber clevererweise hatte man die wenigen Passagiere alle in einen Verschlag gesperrt. Und so saß ich mit fünf Serben in einem Abteil, während die anderen Abteile leer - und abgeschlossen - waren. Die Serben waren nett, aber so ganz sah ich die Sache nun nicht ein, und fragte deshalb den Schlafwagenoberchef, ob ich mich in ein anderes Abteil setzen dürfte. Na klar, war die Antwort. Und ich könne dort ruhig auch schlafen. Eine Kulanz, die nicht unbedingt selbstverständlich ist. Und auf ging es erstmal nach Budapest. Eine riesige Horde von Rucksacktouristen stürmte den Zug, zumal der auch Kurswagen nach Sofia und Bukarest hatte. Die Abteiltür ging auf, und hinein kam eine junge, glubschäugige Frau, deren Rucksack bald grösser war als sie selbst. Ob hier frei wäre, fragte sie. Prinzipiell schon. Aber schon stürmte die Schlafwagenschaffnerin heran und verscheuchte die Leute. Die verzogen sich nur murrend, denn alle Sitzplätze im Zug waren schon besetzt. Von Budapest bis Sofia im Gang stehen - ich sag ja, die 13 Euro sind gut angelegt.

Relevante Links: →Ungarn | →Budapest

 

Tag 3: Belgrad → Novi Pazar

Ungünstigerweise erreichten wir die Grenze nachts gegen halb drei. Also turnten erst die ungarischen Grenzbeamten, und eine halbe Stunde später - man war gerade wieder eingedöst - die serbischen Grenzbeamten durch den Zug. Gegen 6:45 morgens erreichten wir Belgrad. Es stiegen erstaunlich wenige Rucksackbepackte aus - die serbische Hauptstadt scheint noch immer kein populäres Ziel zu sein. Wie schon vor zwei Jahren genehmigte ich mir erstmal einen türkischen Kaffee im Bahnhof und ging dann zum Busbahnhof nebenan. Noch immer gibt es keine Geldautomaten in und um den Bahnhof, aber ich hatte dieses Mal mit genügend Bargeld vorgesorgt. Am Schalter sagte ich "Ein Mal nach Novi Pazar bitte". "Pol'devet?" (Halb neun?) war die Gegenfrage. Das war der nächste Bus dorthin und genau richtig. Da war noch genug Zeit für ein kurzes Burek-Frühstück und einen weiteren Kaffee.

Enge Strassen, viele Autos, alte Häuser: Novi Pazar
Enge Strassen, viele Autos, alte Häuser: Novi Pazar

Der Bus war schon etwas älter und nahezu voll besetzt. Erstaunlich schnell hatten wir die Hauptstadt Richtung Süden verlassen und folgten der Autobahn gen Niš. Irgendwann bogen wir ab Richtung Kragujevac, einer relativ großen Stadt im Zentrum Serbiens. Dort bemerkte ich, daß die junge Frau vor mir gerade den Lonely Planet über Osteuropa las. Ach was, noch jemand in die Richtung unterwegs? Ich war überrascht. Sie kam aus Belgien und nahm an einem internationalen Programm teil, infolgedessen sie als Freiwillige in einer montenegrinischen Stadt für ein paar Wochen weilen würde. Auch keine schlechte Idee. Ich hatte nur die vorherige Version des Lonely Planet vorbei - schon ziemlich zerfleddert und deutlich abratend von den Destinationen, die ich im Blick hatte. In Serbien waren gerade mal Belgrad und Novi Sad beschrieben, von Nordalbanien eigentlich gar nichts.

Der Bus hielt kurz am kakerlakenverseuchten Busbahnhof von Kragujevac und fuhr dann weiter gen Westen nach Kraljevo. Hinter Kraljevo wurde die Landschaft spektakulär. Aus Hügeln wurden steile Berge, aus Flüssen reißende Bäche und aus verfallenden Industriekombinaten alte Festen, die hoch über der engen Klamm thronen. Naturgemäß ging es nun langsamer voran, aber das war ob der Landschaft schon recht. Nach ziemlich genau fünf Stunden erreichten wir Novi Pazar. Hier mußten alle aussteigen, denn der Bus war angeblich kaputt. Aber für mich war hier sowieso vorläufig Endstation. Als erstes versuchte ich, eine Fahrkarte für den nächsten Tag nach Prishtina im Kosovo zu bekommen. Ich wählte den Bus kurz nach Mittag. Was in Novi Pazar erstmal unangenehm auffiel, war die im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubende Luft und der furchtbare Verkehr. Nach einem kurzen Fußmarsch war ich im Zentrum und suchte nach einer Bleibe. Das auffälligste Hotel war zugleich das preisgünstigste Hotel mit zudem witziger Architektur.

Hier hatte ich also nun fast 24 Stunden Zeit. Die Stadt bot eine seltsame Melange aus eigenwilliger, wenn auch zerbröckelnder Betonarchitektur und türkischer Basaratmosphäre mit etlichen Minaretten. Getrennt durch einen Fluß. Und einer Menge Nachtleben, welches auch den Ruf der Muezzine, wie lange hatte ich das nicht mehr gehört, beinhaltete. Daß außerhalb Kosovo's auch solch muslimisch dominierten Städte existieren, war mir bis dahin nicht bewußt. Ein gutes Buch bei einem serbischen Bier im erstaunlich kühlen Hotelzimmer beschloß den Abend; garniert von serbischer Volksmusik, denn im Riesensaal des Hotels war eine Hochzeitsfeier zugange.

Relevante Links: →Serbien | →Belgrad | →Novi Pazar

 

Tag 4: Novi Pazar → Prishtina → Prizren

Bis Mittag war sehr viel Zeit. Also lief ich erstmal ziel- und planlos durch die türkisch-angehauchte Altstadt und immer weiter Richtung Süden. Das war allerdings nicht allzu ergiebig. Also beschloß ich, mir mal die Stadt von oben anzusehen und kletterte auf den nächstbesten Berg. Novi Pazar ist ziemlich groß und die Berge im Westen sind sehr hoch. Nach dieser Erkenntnis kletterte ich wieder herunter - dieses Mal einen kürzeren Weg. Irgendwann landete ich direkt im Hintergarten eines Hauses, in dem auch noch die Türen offen standen. Aber glücklicherweise hat mich wohl niemand bemerkt. Nach einer kleinen Stärkung ging es schließlich zum Busbahnhof. Dort war noch Zeit für einen türkischen Kaffee. Der Cafébesitzer sprach fließend Deutsch, und wir unterhielten uns ein bißchen. Er hatte einst illegal in Deutschland gearbeitet. Vorher war er Polizist, wurde aber, da Moslem, nach dem ersten Krieg gefeuert. Nach dem ersten Krieg kamen viele Flüchtlinge aus Bosnien in die Stadt. Und nach dem zweiten Krieg kamen viele aus dem Kosovo. Ja, es gibt enorme Probleme und Spannungen in der Stadt. Ja, der Konflikt zwischen den Religionen ist in Novi Pazar ein ernstzunehmendes Problem. Sein Fazit klang resigniert: C'est la vie.

Blick auf (Kosovska) Mitrovica
Blick auf (Kosovska) Mitrovica

Der Bus fuhr pünktlich ab, und ich hatte die komplette hintere Hälfte für mich allein. Endhaltestelle des Busses war Skopje, also durchquerte er den kompletten Kosovo von Nord nach Süd. Erst ging es ein Stück zurück entlang der Straße, von der ich am Vortag gekommen war. Dann ging es gen Kosovo. Die serbische Polizei kontrollierte halbherzig die ausreisenden Fahrzeuge, nicht aber die Fahrgäste. Einen knappen Kilometer später kam der KFOR-Checkpoint. Ein amerikanischer !? Offizier bestieg den Bus. "Where are you going?" und "Do you work for the UN?" waren seine einzigen Fragen. Außer mir saßen auch zwei Franzosen im Bus. Nur unsere Pässe wurden eingesammelt. Später brachte sie ein sehr netter rumänischer Offizier zurück - im Pass steckte eine Karte mit einem Einreisestempel: KFOR Entry point 1. Und schon ging die Fahrt weiter. Die ersten Dörfer waren scheinbar von Serben bewohnt, denn alles stand in Kyrillisch da. Irgendwann fuhren wir an einer scheinbar stillgelegten, riesigen Fabrik vorbei. Dahinter lag Kosovska Mitrovica (für Albaner nur Mitrovica). Eine Stadt, in der es nachwievor sehr gefährlich ist. Deshalb fuhr der Bus auch nicht in die Stadt, sondern hielt nur an der Umgehungsstrasse.

Dahinter wurde es bunter und moderner. Alle Werbungen und sonstigen Schilder waren nunmehr auf Albanisch; nur die Ortsschilder waren zweisprachig. Hier und da sah man relativ frisch verbrannte oder sonstwie zerstörte Wohnhäuser - wahrscheinlich dereinst von Serben bewohnt. Zahlreiche Fahrzeuge der KFOR, mit der schwedischen, der spanischen oder einer anderen Flagge bestückt, gesellten sich zum normalen, dichten Verkehr. Da wir nun entlang des Kosovo Polje, einem langen und breiten Tal, fuhren, kamen wir schnell voran. Nach weniger als drei Stunden kam Prishtina, der Hauptort Kosovo's, in Sicht. Die Stadt kündigte sich bereits durch nagelneue Firmen und Hotels entlang der Straße an. Die Stadt schien nur aus modernen, bunt angemalten Wohnblöcken zu bestehen. Das sah nicht sehr verlockend aus, und da es schneller als erwartet voranging, entschied ich mich dafür, ins angeblich schöne Prizren weiterzufahren. Der Busbahnhof von Prishtina lag sowieso am Stadtrand.

Alle 10 bis 15 Minuten fuhr ein Bus nach Prizren. Ein Fahrer drängelte schon und sagte, in fünf Minuten sei Abfahrt. Ich hatte anfängliche Probleme mit dem albanischen Wort für danke: Faleminderit. Mir fiel partout kein vergleichbares Wort ein. Der Bus war dieses Mal moderner, hatte sogar Video an Bord und eine Klimaanlage. Wohin man auch schaute - überall gab es neue Firmen und unzählige Tankstellen. Und sehr viele neugeschaffene Gedenkstätten am Wegesrand, mit einer unübersehbaren albanischen Flagge darüber wehend. Manchmal sahen wir einen Autokonvoi, offensichtlich Hochzeitsgesellschaften, wobei auch hier mindestens aus einem Auto die rote albanische Flagge mit dem doppelköpfigen Adler wehte. Welch entfesselte Kraft. Und was hier an Geldern geflossen sein muß!

Abends tobt der Bär in Prizren
Abends tobt der Bär in Prizren

Kaum anderthalb Stunden später waren wir schon in Prizren. Am Busbahnhof bemühte ich mich dereinst wie immer erstmal um die Weiterfahrt. Was sich als recht schwierig erwies, und daß nicht nur aufgrund von Kommunikationsproblemen. Es gab keinen zentralen Schalter. Stattdessen musste man zu den einzelnen Büros der Busunternehmen. Ich wollte nur ins rund 35 km entfernte Kukës in Albanien fahren. Im ersten Büro hieß es "Kein Bus dorthin". Im zweiten Büro hatte man Busse. Morgens um 8, um 9 und um 21 Uhr. Die ersten beiden schienen schon voll zu sein. Und als Preis wurden mir 15 € genannt. Komisch, von Prishtina bis Prizren, immerhin wesentlich weiter, waren es nur 3 €. Nach einer langen Diskussion und etlichen Anrufen später hieß es nunmehr 10 €. Aber 21 Uhr war mir zu spät. Irgendwelche Instinkte sagten mir, daß es besseres gibt, als spät in der Nacht in einer mir völlig unbekannten und unbeleuchteten Provinzstadt zu landen. Ich wußte ja noch nicht mal, ob es dort überhaupt ein Hotel gibt.

Notgedrungen zahlte ich mangels Alternativen die zehn Euro und trabte ins Zentrum. Dort fiel mir sofort eine schöne Burgruine auf. Leider gab es da nur ein Problem - unterhalb der Festung lag ein offensichtlich vor gar nicht so langer Zeit geplündertes und gebrandschatztes Wohnviertel. Man mußte kein Kosovo-Experte sein, um zu erkennen, wessen Häuser dies waren. Wie kommt man dann dorthin? Auf der zentralen Brücke standen zwei Soldaten der Bundeswehr, sonnenbebrillt und mit Sturmgewehr und scheinbar recht entspannt. Nervig schienen nur die ganzen schönen Frauen zu sein, die andauernd mit ihnen Fotos machen wollten. Ja, muss wohl eine harte Mission sein. Wie und ob man zur Festung kommt, fragte ich. Ja, man könne dorthin gehen. Aber nicht zur niedergebrannten Kirche. Aber er wolle sich genau erkundigen. Leider funkte aber das Funkgerät nicht. Wenn ich schon mal da bin, kann ich ja auch gleich fragen, ob sie wissen, wo es ein Hotel gibt. Kopfschütteln und "was weiß ich" war die Antwort. Also drehte ich mich um und lief dorthin, wo die meisten Menschen so hinliefen. Nach 20 Metern stand ich vor zwei Hotels...

Einchecken ging schnell, und es war sogar preiswerter als gedacht. Der Mann an der Rezeption sprach hervorragend Deutsch, und mit ihm unterhielt ich mich angeregt über die Stadt und den Kosovo. Ja, das niedergebrannte serbische Viertel sei eine Schande. Erst recht, da das Viertel nach dem Abzug der Serben, quasi in Friedenszeiten, gebrandschatzt wurde. Aber er versicherte mir, daß das Leute von außerhalb gewesen sein müssen. Sofort ging ich wieder auf die Strase, um einen Espresso zu trinken. Kaum niedergelassen, sprach mich auch schon der Erste auf Deutsch an. Unzählige Albaner aus dem Kosovo waren in Deutschland, und so sprechen viele Deutsch. Alles in allem hatte die Stadt eine schöne Atmosphäre. Nachts ging es dann richtig los. Scheinbar ausnahmslos jeder Bewohner flanierte durch das Zentrum, alle Strasencafés waren randvoll mit jungen Leuten - meistens allerdings nur mit Männern. Die Stadt schien zu einer einzigen Partymeile zu werden. Wer hätte das gedacht.

Relevante Links: →Serbien | →Novi Pazar | →Kosovo | →Prizren

 

Tag 5: Prizren → Kukës

In der Nacht hatte ich mich noch weiter mit dem Rezeptionist unterhalten. Was mein nächstes Ziel wäre, fragte er. "Kukës" antwortete ich. Und fragte, ob er die Stadt kennt - und ob er dort eventuell ein Hotel kennt. Aber nein, er war noch nie in Albanien und hat sogar kein Interesse, jemals dorthin zu fahren. Und was er über die Brüder und Schwestern jenseits der Grenze zu berichten hatte, klang nicht gut. Rückstandig seien sie, und etliche drehen krumme Geschäfte im Kosovo. So viel zur Annahme, der Kosovo, Verzeihung, Kosova, könnte sich einmal mit Albanien vereinigen.

Nun hatte ich also bis 21 Uhr Zeit, mir die Stadt anzusehen. Erstmal ging es rauf zur Festung. Erster Weg - Sackgasse. Stacheldraht, davor ein Warnschild der KFOR. Also einen anderen Weg entlang. Der führte direkt zur Kirche. Vor der Kirche lag ein Beobachtungsposten der Bundeswehr. Ging man weiter hinauf, kam man, am stacheldrahtgesäumten Serbenviertel vorbei, zur Festung. Die war größer und kaputter als gedacht, lieferte aber einen grandiosen Ausblick auf die Stadt und die rund 2500 m hohen Berge rundherum.

Hier geht es jedenfalls nicht weiter...
Hier geht es jedenfalls nicht weiter...

Es war noch nicht mal Mittag, und so langsam reifte in mir der Gedanke, nicht bis abends auf den Bus zu warten, sondern vorher zu trampen. Nicht die sicherste Variante, erst recht nicht hier, und schade um die 10 € für das Ticket, aber ich würde wenigstens bei Tageslicht ankommen. Beim Abstieg von der Festung begegnete mir noch eine albanische und eine deutsche Familie - letztere besuchten ihre albanischen Freunde im Kosovo. In der Tat ist Deutschland dem Kosovo, äh, Kosova, am nächsten.

Nach der Festigungsbesichtigung war ich voller Tatendrang - auf zum Kiosk, Postkarte kaufen, Briefmarke kaufen, Kaffee trinken, kurze E-Mail absetzen und raus aus der Stadt. Essen brauchte ich nicht - das Abendessen am Vortag war üppiger als gedacht ausgefallen. Quer durch ein altes Viertel entlang des Flusses ging es zur Kreuzung und weiter eine staubige Strase entlang Richtung Tirana. Es wurden immmer weniger Autos, die vorbeifuhren. Unter ihnen ein Bundeswehrfahrzeug mit Bayernfahne. Und es waren nur sehr wenige albanische Autos, leicht zu erkennen am roten Rechteck auf den Nummernschildern, die vorbeifuhren. Nach einer guten halben Stunde war ich am Ortsausgangsschild an einem schattigen Plätzchen. Ich hielt meine Landkarte raus, auf der oben mit großen Buchstaben "Shqipëria" (Albanien) stand. Das zweite Fahrzeug, ein alter Mercedes, hielt. "Kukës?" fragte ich, der Fahrer nickte. Und brauste los. Unterwegs grüßte er ein paar Leute, die auf dem Feld arbeiteten, und erklärte, daß dies seine Familie sei. Obwohl er kein Englisch oder Deutsch und ich kein Albanisch sprechen konnte, klappte die Kommunikation irgendwie. Als ich erwähnte, das ich später nach Tirana fahren würde, sagte er "Hongkong! Hongkong e shqipërisë" (Albanisches Hongkong) oder so ähnlich. Na wenn das man keine Ubertreibung war.

Keine halbe Stunde dauerte es bis zur Grenze. Vor dem UN-Checkpoint hielt der Fahrer an - aha, er fährt gar nicht nach Kukës, sondern war nur so nett, mich zur Grenze zu bringen! Ich bedankte mich mehrfach, und schon fuhr er zurück. Am UN-Checkpoint stand unter anderem ein Albaner. Er fragte mich, wo ich hinmöchte. Ich sagte es ihm, er nickte und ging zum Auto, welches vor mir stand. Das hatte ein KS am Nummernschild, kam also aus Kukës. Und schon hatte ich mein Auto nach Kukës! Wie einfach! Wir fuhren vor zum albanischen Checkpoint. Dort muß nahezu jeder Ausländer 10 Euro Einreisegebühr bezahlen. Aber es schien ein Problem zu geben. Dann erklärte mir der Beamte das Problem: Der Quittungsblock ist voll! Und...ob ich...unbedingt auf eine Quittung bestehe. Da die beiden Albaner im Auto nur auf mich warten mußten, bestand ich nicht darauf. Was auch immer mit den 10 Euro geschehen mochte. Dann gab es einen verwaschenen Stempel in den Pass, und schon ging es im Jeep weiter. Der Fahrer und ein ganz alter Mann saßen vorn. Sie boten mir eine Zigarette an, und ich nahm an. Das war ein Fehler, denn 5 Minuten später gab es die nächste, und Ablehnen ging nicht. Die Straße wurde schmal und etwas schlechter. An einem Stausee vorbei brausten wir gen Westen, links und rechts sah man unzählige, meist bröselige Ein-Personen-Bunker aus alten Zeiten. "Enver Hoxha! Jugoslavija! Albania! Boom Boom!" sagten da die beiden, und formten mit den Händen imaginäre Gewehre. Und erklärten ziemlich deutlich, was sie vom Kommunismus hielten.

Übrigens gibt es in Kukës so viele Mercedes wie Kühe
Übrigens gibt es in Kukës so viele Mercedes wie Kühe

Eine gute halbe Stunde später waren wir bereits in Kukës - in was für einem Kaff bin ich da nur gelandet. Der Fahrer erklärte mir noch, von wo der Bus nach Tirana fährt und wann, nämlich jeden Morgen um 9. Vor einem Hotel stieg ich aus. Dort kostete ein Zimmer 30 Euro, aber das war mir eigentlich zu teuer. Erst mal lief ich Richtung Zentrum, merkte aber schnell, das ich mich schon in selbigem befand. Eine Bank? Eine wurde gerade erst eingerichtet (aber schon bewacht!). Und dann gab es noch die Raiffeisen-Bank am trostlosen, zentralen Platz. Aber die war geschlossen, und die beiden Automaten draußen akzeptierten meine Karte nicht. Also konnte ich weder Geld tauschen noch abheben. So ziel- wie planlos lief ich umher. Bald fand ich ein Schild: "Bar, Restaurant + Hotel Amerika: 200 m". Versteckt in einem heruntergekommenen Wohnviertel fand ich die "Oase", vollgestellt mit Springbrunnen, allerlei Tinnef und einem supermodernen und sauberen Restaurant. Klimatisiert sogar. Schnell fand ich den Manager bzw. er mich. Zimmerpreis? 30 Euro. Ich schien nicht drum herum zu kommen. Und flugs zeigte er mir ein Zimmer: Groß, hell, geräumig. Ein marmorgefliestes Bad mit BD. Klimaanlage. Kabelfernsehen. Kühlschrank. So viel Luxus erschlug mich beinahe. Und kostenloser Internetzugang im Flur. Mangels Alternativen entschied ich, hier zu bleiben.

Ich bezahlte mit einem 50 Euro-Schein und bat, mir das Restgeld in Leke zu geben. Er gab mir 2400 davon und vergaß beinahe, mir den 20-Euro-Schein dafür abzunehmen. Der anschliessende Stadtspaziergang war kurz: Die Stadt war schlichtweg trostlos, aber die Gegend mehr als spektakulär. Unten der Stausee, oben die Berggipfel, in der Mitte die heruntergekommene Stadt. Und gut 80 % aller Autos sind komischerweise Mercedes Benz. Hier und da gibt es ein neues Café - immer mit gutem Espresso. Aber das war es auch schon.

Abends entschied ich dann doch, etwas zu essen. Gebackene Lammkeule klang gut und war mit 3 Euro definitiv erschwinglich. Und ich traf noch einen Engländer, der für das Food-for-Work Programm arbeitete und daher Albanien gut kannte.

Relevante Links: →Prizren | →Albanien | →Kukës

 

Tag 6: Kukës → Tiranë

Zwar hatte ich meinen Reisewecker, hierzulande oft "Handy" genannt, gestellt, aber mein Kleinhirn wußte, daß ich im Urlaub war, und hatte damit die Ohren auf Durchzug gestellt. Viertel vor neun erwachte ich also, und der Bus sollte um 9 fahren. Mit sehr viel Mühe hätte ich es vielleicht geschafft, aber ungeduscht und unkoffeiniert wollte ich nicht den ganzen Tag lang im Bus sitzen. Nach einer guten Dusche und einem doppelten Espresso fragte ich also den Manager, ob er mir sagen könnte, wie ich nun zur Hauptstadt komme. Mit dem Taxi koste es 4000, mit dem Sammeltaxi 1500 Leke, hieß es. Da brauchte ich noch ein paar Leke. Also tauschte er mir noch einmal Geld zum Kurs 1:120 - ich mußte ihm da einfach mal vertrauen, aber der Kurs stellte sich später als mehr als korrekt heraus - und lud mich plötzlich in seinen Geländewagen ein. Dann fuhr er mit mir zu dem Ort, an dem die Sammeltaxis warten, hielt aber vorher an einem etwas älteren Mercedes. Der Mann der am Mercedes lehnte schien ein Familienmitglied zu sein.

Mehr als typisches Wohnviertel in Tirana
Mehr als typisches Wohnviertel in Tirana

Er würde mich für den gleichen Preis, also für 1500 Leke, in die Hauptstadt bringen - wenn noch zwei andere mitfahren. Logisch. 3x1500 sind 4500 Leke. Einer, er sah aus wie Antonio Banderas in klein, war schon da. Also fehlte nur noch Numero 3. Kommt Zeit kommt Rat. Also ging ich mit Antonio erstmal ins Café daneben. Er nahm einen Brandy, ich einen Espresso. Zwar sprach er weder Englisch noch Deutsch, doch ich hatte einen kleinen Sprachführer dabei, der zu einer kleinen Konversation genügte. Eine Stunde und 100 vorbeifahrende Mercedesse später. Ich wollte zahlen, aber Antonio war schneller. Er sagte etwas wie "Laß uns jetzt den Fahrer zahlen und fahren". Ich erklärte ihm, daß ich bereits bezahlt hätte. Der Fahrer machte auch keine Anstalten, noch einen Fahrgast zu suchen. Noch eine knappe Stunde später tauchte endlich ein weiterer Interessent auf. Und plötzlich ging alles ganz schnell. Rein ins Auto, Gas geben, raus aus der Stadt, über die Brücke und hoch die Serpentinen.

Und dann ging es weiter: die kahlen Berge hoch und wieder runter. Scharfe Linkskurve, scharfe Rechtskurve. Ups, da kam ja ein LKW entgegen! Das war aber knapp! Berg wieder runter. Und wieder hoch. Eine schier unfassbar weite, wenn auch arg zerklüftete Landschaft. Der Fahrer war sehr geschickt, daß mußte man schon sagen. Die Straße war zwar eng, teilweise fehlten auch Begrenzungssteine, die den ungebremsten Fall in rund 500 m Tiefe hätten vermeiden können, aber ansonsten waren sie von erstaunlich guter Qualität. Auffallend war das Fehlen jeglicher Tunnel. Wie lange würde das wohl mit dem Bus dauern? Bis Tirana sind es 100 km Serpentinen und 100 km gerade Strecke. Später erklärte ein Albaner, daß es mit dem Bus 10-12 Stunden dauert. Mit dem alten Benz brauchten wir knappe 6 Stunden. Gut, das ich verschlafen hatte.

Zwei Mal hielten wir. Das erste Mal, als wir den gröbsten Teil der Berge hinter uns hatten, um Mittag zu essen in einem kleinen, sehr sauberen Restaurant. Ein anderer Gast sprach mich dort auf Deutsch an. Er war ebenfalls sehr nett und bot mir an, mich in seinem Auto - mit Diplomatenkennzeichen - mit in die Hauptstadt zu nehmen. Hätte ich gern angenommen, aber das hätte gehießen, dem anderen Fahrer vor den Kopf zu stoßen. Was ich essen möchte, wurde ich gefragt. Mangels Menü nannte ich das, was es überall zu geben schien: Qofte (ähnlich den türkischen Köfte). Aber gerade das gab es nicht. Der Koch lockte mich kurzerhand in die "Küche" und öffnete einen Kühlschrank, wo er auf einen dicken Fleischklumpen deutete und grunzte. Aha, Schweinefleisch. Der Fahrer und ich genehmigten uns ein Bier, und weiter ging es.

Wird gerade gebaut oder abgerissen? Keine Ahnung.
Wird gerade gebaut oder abgerissen? Keine Ahnung.

Zwischenstopp Nummer 2 fand am Ende einer staubigen Nebenstraße statt - vor einer Kaserne der albanischen Armee. Der Wachposten sprach ein kleines bißchen Deutsch, war blond und hatte blaue Augen. Nie im Leben hätte ich gedacht, daß er Albaner ist. Es war Freitag nachmittag, und die Rekruten stürmten in Zivil nach draußen. Ein paar von ihnen küssten und umarmten den diensthabenden Offizier. Was war denn da los!? Die "Familie" schien auch in der Kaserne zu wirken... Es herrschte eine Gluthitze. Von dort ging es nur noch eine gut asphaltierte Straße entlang immer geradeaus. Im Gebirge fühlte ich mich bei dem Fahrer sicher, nun nicht mehr: Er überholte an allen möglichen und unmöglichen Stellen und erntete mehrmals empörtes Hupen. Aber er hatte ein gutes Gespür für die Blitzer: Auf 100 km gab es immerhin vier davon. Zwischen dem Meer und der Küste ging es schnurstracks nach Süden. Tirana kündigte sich bald durch wild wuchernde Wohnsiedlungen und absolutes Verkehrschaos an. Antonio und der andere stiegen eher aus, ich hingegen ließ mich zum zentralen Platz fahren.

Die ganze Stadt sah nicht vielversprechend aus. Im Internet hatte ich von einem neuen Hostel in Tirana gelesen. Das fand ich ziemlich schnell, obwohl kein einziges Schild an der Villa vom Zweck kündete. Drei junge Albaner, die stark nach Studenten aussahen, öffneten. Ob noch Platz wäre, fragte ich. Offensichtlich. Das Hostel hatte erst vor drei Wochen die Pforten geöffnet, und neben mir war nur ein Finne dort. Er hatte einen Schlafsaal für sich und ich einen für mich. Da es schon fast 18 Uhr war, ging ich jedoch schnell wieder hinaus, um mir die Stadt anzusehen. Das ging auch relativ schnell, denn das Zentrum ist kompakt und ... nun ja, nicht sonderlich packend. Aber das Nachtleben im Vergnügungsviertel Blloku war beeindruckend. Wild gestylte Frauen mit Hang zum Exhibitionismus ließen mich kurz vergessen, wo ich war.

Ich hatte zuvor von einem traditionellen albanischen Feuerwasser gelesen, gebrannt aus Maulbeeren. So etwas hatte ich noch nie probiert, also war es an der Zeit. Ich bestellte einen davon, und der Kellner brachte ein Glas mit einer leicht grünlichen Färbung. Aber warum nur starrten mich die Kellner so gebannt an? Ein Schluck verriet des Rätsels Lösung: Das Gebräu hatte um die 80% und war echt atemberaubend.

Relevante Links: →Albanien | →Kukës | →Tiranë

 

Tag 7: Tiranë → Shkodër

Heute sollte es nach Shodër im Norden am gleichnamigen See gehen. Man kann mit dem Bus fahren oder mit dem Zug. Über albanische Züge hatte ich so viel Schlechtes gelesen, daß ich sie unbedingt ausprobieren wollte. Und die Strecke von der Hauptstadt in den Norden wäre genau das richtige dafür gewesen. Also trabte ich zum Bahnhof, der von außen kaum als solcher erkennbar war. Innen entnahm ich dem sorgfältig mit der Hand geschriebenen Fahrplan (für ganz Albanien übrigens!), daß es nur zwei Verbindungen am Tag gibt. Eine war schon vorbei, die andere würde erst in ein paar Stunden beginnen. Also leider doch mit dem Bus. Ich lief zu einem großen Platz, der eine einzige große Baugrube war. Umringt vom blanken Verkehrschaos. Zeit, das gerade Erlernte anzuwenden: "Më falni, ku ndalen autobusët për në Shkodër?" (Entschuldigen Sie, von wo fahren die Busse nach Shkoder?). Ein nettes Lächeln und eine prompte Antwort waren die Belohnung. Geht doch.

Genauer gesagt ging es um Minibusse. Einer hatte ein Nummernschild aus Shkoder. Ich fragte "Shkoder?", der Fahrer schüttelte mit dem Kopf - was hier "ja" bedeutete - stieg ein und schon brausten wir los. Wow. Die gleiche Strecke wie am Vortag ging es nun nach Norden. Und wieder gab es unterwegs vier mobile Radarfallen. Noch nicht einmal zwei Stunden später waren wir schon mitten in Shkoder.

Leider blieb nicht viel vom alten Glanz in Shkodër
Leider blieb nicht viel vom alten Glanz in Shkodër

Drei Hotels gab es am zentralen Platz. Eins war definitiv nicht meine Preisklasse. Das zweite schien neu zu sein, und der Preis lag mit rund 20 Euro an der Schmerzgrenze. Das größte (und mit Abstand häßlichste) Hotel war die dritte Adresse. Der Rezeptionist war nett und definitiv kein professioneller Verkäufer: "Wollen Sie ein Zimmer mit Gemeinschaftsbad? Das billigste im ganzen Hotel?" ... "Ähm, ja!" ... "Macht dann 6 Euro!". Und das Zimmer, immerhin ein Eckzimmer mit Waschbecken und Balkon, mit Blick zur Festung, war gar nicht so übel.

Und sofort ging es wieder raus, erst zum Mittag essen, dieses Mal eine Art dünner Teig, zusammengerollt und gefüllt mit Fleisch und Pommes und etwas Grünzeug, dann zum Internetcafé. Ich wollte definitiv zur Festung laufen, aber die liegt abseits der Stadt auf einem Berg. Kein Ort, um während der Gluthitze am Nachmittag aufzubrechen. Danach spazierte ich durch das Viertel im Norden, denn dort gab es noch ein paar alte Ladenstraßen zu sehen. In der Tat, sie waren teilweise eher dalmatinisch-venetisch als albanisch inspiriert. Allerdings war das meiste stark heruntergekommen. Irgendwann landete ich in einem absolut armen Viertel voller Abfall auf den Straßen und Menschen zwischen den Abfällen, die irgendwas zu verkaufen versuchten. Keine Frage: Shkoder ist wesentlich ärmer. Nicht nur als die Hauptstadt. Auch ärmer als Kukës und die anderen Orte, durch die ich durchgefahren war.

Gegen 18 Uhr stand die Sonne etwas tiefer, und so folgte ich der staubigen Hauptstraße gen Süden. Dort ging es steil zur Festung hinauf. Begegnung Nr 1: Ein 11-jähriges Mädchen mit ihrem drei Jahre alten Bruder. "Karamelli!" (also Bonbons) wollten sie. Die ich leider gar nicht dabei hatte. Plötzlich rückte das Mädchen mit ein paar Brocken Deutsch heraus - ich war sehr überrascht. Sie wünschte mir noch viel Glück, der Bruder hingegen erneut "Karamelli!" Wenn ich von der Festung zurückkomme, kaufe ich den Beiden (und mir) ein Eis, nahm ich mir vor. Schwitzend kam ich oben an. Eine grandiose Anlage, und welch faszinierender Ausblick! Ich war restlos begeistert. Es waren sogar eine Handvoll anderer Leute oben. Der Aufstieg hatte sich wirklich gelohnt.

Unterwegs begegnete mir am Straßenrand wieder die blanke Armut. Und erinnerte mich beinahe ein bißchen an gewisse Stadtteile von Bombay, nur natürlich im kleineren Rahmen. Das kleine Mädchen mit ihrem Bruder war leider weg. Aber später auf dem Weg ins Zentrum kam Begegnung Nr 2: Ein alter Mann. Ob ich Deutscher sei, fragte er. Ich bejahte das. Er habe dereinst als Dolmetscher gearbeitet, fuhr er fort. Für DIE Deutschen. Wie, für die Deutschen? Naja, für die Wehrmacht ebend. Das war dann wohl ein paar Jahre her. Aber er sprach beeindruckenderweise immernoch sehr gut deutsch. Mit ihm klönte ich noch eine Weile, bevor mich der Hunger weitertrieb. Begegnung Nr. 3, keine Minute später, hatte ich dann für Stunden am Hals.

Ein junger Mann, der gerade Englisch lernt und sich ein bißchen mit mir unterhalten wollte. So weit so nett. Wir unterhielten uns nett und angeregt über Deutschland, Albanien, Gott und die Welt. Doch irgendwann kam des Pudels Kern. Er wolle unbedingt, ganz unbedingt nach Deutschland. Einmal hatte er es illegalerweise schon versucht, aber bei Mailand hatte man ihn geschnappt. Ob ich ihm nicht helfen könnte. Irgendwie. Bitte, bitte. Ich erklärte ihm, daß ich selbst sehr bald auswandern würde. Und die beiden Möglichkeiten - feste Arbeit oder Hochzeit - könne ich ihm leider nicht bieten. Aber er war auf ergreifende Weise ehrlich, und so erklärte ich ihm ehrlich meine Meinung: Warum sollte ich ihm eigentlich helfen? Wo ich ihn doch kaum kenne? Es war irgendwo ein ergreifendes, zum Schluß allerdings bedrückendes bis belastendes Gespräch.

Gegen 22 Uhr trennten sich schließlich auf mein Drängen hin unsere Wege. Er brachte mich noch zum Hotel, daß ich aber schnell wieder verließ, denn was sollte ich nun in dem heißen und stickigen Zimmer. Ich suchte eine Bar, wo ich gemächlich ein kühles Bier trinken konnte. Aber: Scheinbar klappt man in Shkoder Sehr früh die Bürgersteige hoch. Selbst am Sonnabend abend gegen zehn war so ziemlich alles geschlossen. Irgendwann fand ich doch noch eine Sportwettenbar, die geöffnet war. Mit vier Fernsehern - alle mit unterschiedlichen Sportprogrammen. Überhaupt schienen Sportwetten sehr beliebt zu sein im armen Shkoder.

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Tag 8: Shkodër → Ulcinj (Montenegro) → Bar

Furchtbar früh am Morgen wachte ich durch ohrenbetäubenden Krach auf. Ein Blick aus dem Fenster erklärte, warum. Drei Leute, bewaffnet mit Schaufeln, waren gerade dabei, einen großen Berg leerer Flaschen auf einen leeren Laster zu schippen. Sonntag morgen um halb sechs in Albanien. Sind die irre? Ein Blick auf die rötlich-bläulich schimmernde Morgendämmerung mit der Silhouette der Moschee davor entschädigte aber etwas.

Kaum in Albanien angekommen, mußte ich allmählich schon wieder an die Heimreise denken - ich hatte nur noch drei Tage, und bis Deutschland war es ein weiter Weg. Vor dem Hotel fuhren angeblich Minibusse nach Ulcinj in Montenegro ab. Sollte genau 5 Euro kosten. Der erste fuhr, so stand es auch am Fenster, um 9 Uhr ab, der letzte um 17 Uhr. Erstmal hieß es, sich einen doppelten Espresso im Hotelrestaurant zu genehmigen. "Ist umsonst, da heute Sonntag ist", wurde mir dort gesagt. Auch gut. Anderswo bezahlt man 6 Euro für einen doppelten Espresso, hier gibt's noch das Hotelzimmer dazu. Dann wartete ich auf den Minibus. Einer stand bereit - der fuhr allerdings über Podgoritsa und weiter bis nach Dubrovnik. Alle Achtung - ein weiter Weg! So könnte ich freilich auch heimreisen, aber ein gutes Stück müßte ich dann im Bus zurücklegen.

Bald fand ich zu meinem Leidwesen heraus, daß das mit den Minibussen nicht stimmte. Der erste führe um 15 Uhr, der nächste dann 17 Uhr. Es war gerade einmal 10 Uhr. Aber ich wollte weiter. Mit dem Taxi würde es 20 Euro kosten - für mehr als 50 km und eine Landesgrenze kein allzu vermessener Preis. Trotzdem eher mißmutig willigte ich irgendwann ein. Trampen? Meine sonnengeplagte Haut riet mir davon ab, da es erstmal einen langen Fußmarsch voraussetzen würde. Ein alter, zahnloser Fahrer verfrachtete mich in seinen alten Benz. Wie ein kleines Kind freute er sich über jedes Wort Albanisch von mir, und wenn es nur "Po!" (=ja) war. Immerhin konnte ich ihn dazu bewegen, an einem der Bunker zu halten, um ein Foto zu machen. Vom Bunker. Und ihm. Was für ein strahlendes Lächeln! Schnell waren wir am kleinen Grenzübergang. Der Taxifahrer fuhr gleich vor, und schon gab es eine heftige Diskussion mit den Grenzbeamten. Aber Großväterchen war stark, er konnte sich durchsetzen. Auf der montenegrinischen Seite ging es auch relativ zügig voran - ich mußte nicht einmal aussteigen.

Rannte mir in Alt-Bar über den Weg...
Rannte mir in Alt-Bar über den Weg...

Eine halbe Stunde später war der Grenzübertritt erledigt. Erstaunlicherweise war die Straße auf der montenegrinischen Seite schmaler und schlechter. Aber mit Karacho ging es an winzigen Dörfern vorbei durch eine grandiose Landschaft. Keine zwei Stunden später landeten wir in Ulcinj. Da ich 20 Euro nicht passend hatte, mußten wir erst einen Geldautomaten finden. In Ulcinj war fast alles auf Albanisch ausgeschrieben und viele sprachen Albanisch. Nur daß alles neuer und hübscher war. Spaßeshalber fragte ich in einem Reisebüro nach den Preisen für einfache Flüge nach Deutschland. Gute 300 Euro. Och nö, dann doch lieber mit dem Zug.

Ich wollte weiter nach Bar, obwohl Ulcinj wohl eine attraktive Altstadt hat. Von der man im Stadtzentrum nichts sah. Ich lief also Richtung Bushaltestelle weit außerhalb des Zentrums. Ein weiterer fast zahnloser Taxifahrer - eine Berufskrankheit? - rief mir zu, er nehme bis nach Bar nur 3 Euro, so viel wie ein Minibus. Mit dem würden es zwar nur 2 kosten, aber ich sah vorerst keinen Minibus. Ich willigte ein. Er suchte weitere Passagiere, fand aber nur einen. Mit Höllentempo ging es los. So hatte ich sie in Erinnerung, die montenegrinischen Fahrer: Waghalsig mit Tendenz zur Lebensmüdigkeit. Kein Knopf zum Hupen, sondern zum Unterbrechen der Hupe. Der zweite Fahrgast stieg unterwegs aus, und nun sagte der Fahrer "Da es weniger Passagiere als gedacht sind - wären da 5 Euro auch okay?" Wenn er schon so fragt..."3 Euro waren ausgemacht, dabei bleibt es" war meine Antwort. Er lächelte und schüttelte meine Hand. Als wir ankamen, gab ich ihm einen 5-Euro-Schein, und ohne Anstalten zu machen gab es 2 zurück.

Bar. Hitze. Kein Wetter für Bar, eher für eine Bar (mindestens ein dummes Wortspiel mußte ja kommen). Ich hatte wie immer keinen Plan. Weder einen Stadt-, noch einen, wo ich übernachten könnte. Ich suchte ein Reisebüro. Die schickten mich zum nächsten. Die telefonierten dann lange herum. "Privatunterkunft am zentralen Platz! 10 Euro! Okay?" ... "Aber hallo!". Und sie fuhren mich mit dem Auto hin. Eine ältere, nicht sehr gesprächige Dame öffnete. Gepäck abgelegt und raus aus dem Haus... Nach einem kurzen Mittag lief ich zum Bahnhof. Leider waren die Züge am nächsten Tag von Bar nach Belgrad ausverkauft. Aber ich mußte da mit. 1. Klasse sei noch frei. Für gute 20 Euro. Bei fast 500 km würde ich das nicht als Wucher bezeichnen, also kaufte ich die Fahrkarte. Und bemühte mich, ins mehr als 5 km entfernte Stari Bar (Alt-Bar) zu bewegen, was mangels Verkehrsmittel und Plan nicht einfach war.

Wie viele andere Orte an der montenegrinischen Küste auch, wurde Stari Bar 1979 von einem Erdbeben arg in Mitleidenschaft gezogen. Nahezu eingekesselt von Bergen, bot sich hier eine gigantische Kulisse und eine sehr wilde, urtümliche Ruinenlandschaft. Ich war restlos begeistert. Zwischen den Ruinen sangen, man könnte bald sagen brüllten, die Zikaden ihr monotones "Miii Miii Miiiiiiiii", was die Hitze bald noch unerträglicher werden ließ. 50 Meter laufen, ein Schluck Wasser. Wieder 50 Meter, wieder ein Schluck. Ja, das Kamel brauchte viel Wasser an diesem Nachmittag. Außerhalb der festungsähnlichen, nun als Museum deklarierten Altstadt schien das Leben langsamer abzulaufen. Man saß vor seinen Häusern bei Kaffee, wahlweise Bier, und klönte über dies und das. Auch eine fette Schildkröte passte gut in das Bild. Ich hoffte, daß die Kinder die Schildkröte nicht entdecken würden. Aber bald entdeckten sie das arme Tier...

Die Stadt Bar selbst konnte man hingegen getrost vergessen - zumindest im Sommer. Viele Sommerfrischler und ein selten häßliches, zubetoniertes Zentrum. Da ich in Belgrad eine Fahrkarte nach München kaufen mußte und es am Bahnhof keine Geldautomaten gab, beschloß ich, lieber in Bar Geld abzuheben (na toll, noch ein Kalauer). 100 Euro am Geldautomaten gewählt, und heraus kam...ein 100-Euro-Schein. Na wie praktisch.

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Tag 9: Bar → Belgrad

Landschaft am grossen Shkoder-See
Landschaft am grossen Shkoder-See

Ja, das war wirklich ein Kurzurlaub. Nun ja, "kurz" stimmte, aber "Urlaub" nicht unbedingt. Der Zug sollte morgens um 10 Uhr abfahren. Schnell noch eine Flasche Wasser und ein paar Kekse gekauft und aufgesessen. Die zweite Klasse war restlos ausverkauft, in der ersten Klasse war noch viel Platz. Worin bestand eigentlich der Unterschied zwischen 1. und 2. Klasse? Offensichtlich nur im Preis. Pünktlich ging es los, erst entlang der Küste und dann am großen, scheinbar ziemlich flachen Shkoder-See vorbei. Eine Stunde später kamen wir in Montenegros langweiliger Hauptstadt Podgoritsa an.

Dort füllte sich unser Abteil. Drei ziemlich stabile und äußerst behaarte Frauen, wohl die Mutter mit ihren zwei kolossalen Töchtern, drängten hinein. Nun wurde es eng. Ich beschloß, den Buffetwagen aufzusuchen. Auf den ersten Blick sah es so aus, als ob dort rein gar nichts verkauft werden würde. Ich wagte mich kaum zu fragen, ob es Kaffee gibt. Aber es gab sogar welchen. Ein Montenegriner sprach mich auf Niederländisch an. Ik spreek bijna geen Nederlands, aber für eine kurze Unterhaltung reichte es. Dann unterhielt ich mich mit einem Serben, einem LKW-Fahrer, der oft in Deutschland arbeitete. Und es machte großen Spaß, sich mit ihm zu unterhalten, denn er war kein bißchen polemisch. Auch über den Kosovo sprachen wir, und er ereiferte sich über gewisse Landsleute, die vor langer Zeit ihre Grundstücke und Häuser für viel Geld an die Albaner verkauften und nun "Unrecht! Wir wollen unsere Grundstücke zurück!" rufen. Irgendwie hatte ich ähnliches schon mal in Deutschland gehört.

Dank ihm und der grandiosen Landschaft verging die Zeit recht zügig. Die Montenegriner kontrollierten an der Grenze zu Serbien, die Serben nicht. Der Trucker hatte recht, als er sagte "Überall in Europa verwischen die Grenzen. Außer hier: Plötzlich möchte jeder sich abschotten." Irgendwann wurde es immer flacher. Vorher wähnte man sich aufgrund der vielen Tunnel schon fast in der U-Bahn, doch nun ging es im Hellen voran. Kurz vor 19 Uhr erreichten wir schließlich Belgrad. Flugs ging es zum Fahrkartenschalter. Nach München. Morgens gegen 6 Uhr Abfahrt, es kostete 94 Euro. Ich beschloß, im gleichen Hotel wie vor zwei Jahren zu übernachten - gleich neben dem Bahnhof. Noch mal ein kurzer Stadtbummel. Straßenhändler verkauften verdächtig aussehende DVD's. Wie Originale sahen sie definitiv nicht aus. Ob sie den grandiosen Film "Schwarze Katze weißer Kater" haben? Sie hatten. Für 250 Dinar (zur Info: 1 Euro = 80 Dinar). "Weil es eine Original-DVD ist!" sagte der verschmitzt lächelnde Verkäufer. Das war mir bei dem Preis reichlich egal.

Und wieder verlief ich mich etwas, als ich zum Bahnhof zurückwollte. Und wieder kam ich so am von der NATO zerstörten Gebäudekomplex vorbei. Man hatte nichts daran gemacht. Später erfuhr ich vom netten Rezeptionisten im Hotel, daß dies das Verteidigungsministerium war. Und das jemand den Bau jetzt gekauft hätte, um daraus ein Hotel zu machen. Da hat er aber noch viel zu tun!

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Tag 10: Belgrad → Zagreb → Ljubljana → Munich

Die Nacht war früh zu Ende. Kurz nach sechs Uhr fuhr der Zug nach München ab. Er war sehr modern und nur halb voll. Und klimatisiert. Schnell verließen wir Neu-Belgrad und brausten gen Westen. Irgendwo gesellten sich erst ein Mann, dann eine Frau zu "meinem" Abteil. Daraufhin, die beiden kannten sich eigentlich nicht, entbrannte eine wilde politische Diskussion zwischen den beiden, die bis kurz vor Zagreb anhalten sollte. Beim Verlassen Serbiens hatte ich für kurze Zeit leichte Bedenken - wegen meines Ausfluges in den Kosovo hatte ich ja schließlich zwei Einreisestempel für Serbien + Montenegro, und noch keinen Ausreisestempel. Das bedeutete, daß ich nach serbischem Recht das Land ein Mal illegal verlassen hatte. Aber wohl aufgrund der vielen anderen Stempel fiel es nicht auf.

Viele Orte in Slawonien (Ostkroatien) waren noch immer teilweise zerstört. Daß hier ein heftiger Krieg tobte, war nunmehr kaum vorstellbar. Irgendwann erreichten wir Zagreb. Und später Ljubljana, wo sich das Abteil mit Deutschen füllte. In den österreichischen Alpen sah ich zum ersten Mal seit 10 Tagen wieder richtig viele Wolken und später sogar Regen. In Salzburg war der Zug noch pünktlich, aber irgendwie schaffte es DIE Bahn noch, 20 Minuten Verspätung bis München einzufahren. Macht ja nichts, mein Nachtzug fährt ja erst 30 Minuten später. 10 Minuten sind ja genug Zeit, Fahrkarten und Wegzehrung zu kaufen. Dann der Schock (obwohl keine wirkliche Überraschung): Von München nach Halle mit dem Nachtzug - 74 Euro. Ich sollte irgendwo an der Grenze wohnen, das wäre wesentlich billiger... Morgens um 5 Uhr, nach 2000 km !? und 23 Stunden Zugfahrt (bzw. über 30 von Bar) kam ich schließlich zu Hause an. Von einer wirklich viel zu kurzen Tour.

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