Route:

Dresden→ Prag→
	Brasov→ Bukarest→
		Russe→ Sofia→
			Skopje→ Ohrid→
				Belgrad→ Novi Sad→
					Győr→ Tábor 
						

Zeit: Sommer 2003

Tag 1: Halle→Dresden → Prag

Da war es wieder soweit, eine kleine Tour zu machen - diesmal allerdings hatten wir gerade mal zwei Wochen Zeit. Endlich sollte es mal nach Rumänien gehen. Das wurde auch Zeit - alles rundherum schon mehr oder weniger oft bereist, nur dieses grosse, mysteriöse Rumänien ebend nicht. Und Moldawien sollte es auch noch sein - liegt ja quasi um die Ecke. Und eine Adresse - über x-Ecken bekommen - hatten wir auch. Wie immer wollten wir mit dem Zug fahren, um unterwegs was zu sehen. Ist gar nicht mal so billig, da es keine Ermässigungen für Rumänien gibt. Einfache Fahrt von Halle nach Brasov kostet somit inkl. Schlafwagenzuschlag 145 €.

Von Deutschland scheint es keinen direkten Zug mehr zu geben, und so fuhren wir abends nach Dresden und von dort nach Prag - mal wieder mit ordentlicher Verspätung. In Prag Hl.n. kommen wir nachts um 11 an - genug Zeit zum umsteigen.

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Tag 2: Prag → Brasov (Rumänien)

Schnell im Bahnhof noch Marschverpflegung gekauft und ab zum Zug - der fährt kurz vor Mitternacht ab. Er ist nur nach Budapest ausgeschrieben, und natürlich sind die Wagennummern in völliger Unordnung angebracht. Murphy's Gesetz entsprechend ist unser Waggon der allerletzte. Ein Kurswagen nach Warna in Bulgarien. Bei uns im Abteil - zwei grosse Wanderburschen aus Tschechien. Ansonsten ist der Schlafwagen zwar alt, aber ganz in Ordnung und nicht ausgebucht.

In Budapest wachen wir gegen 8 Uhr auf - mit dunkler Erinnerung an ein paar Grenzkontrollen während der Nacht. Der Zug wird neu geordnet - die meisten Wagen fahren nach Bukarest. Ich suche erstmal Kaffee. Unser Schlafwagenschaffner schläft noch. Der nächste Wagen ist ein slowakischer - dort kostet der Kaffee 40 Cent. Ist aber keiner da. Der nächste Wagen ist ein ungarischer. Dort kostet der Kaffee einen Euro. In unserem tschechischen Wagen kostet er 80 cent. Interessantes Preissystem.

Erster Eindruck von Rumaenien
Erster Eindruck von Rumaenien

Je mehr wir uns Rumänien nähern, desto schlechter wird das Wetter. In Rumänien fängt es dann auch an zu regnen. Um 12 erreichen wir die Grenze. Die Grenzer sind sehr, sehr nett und sprechen etwas deutsch. Stempel rein, willkommen! Und weiter geht es. Es wird bergiger. Der Regen wird stärker. Alles sieht wesentlich schmutziger und heruntergekommener aus als in Ungarn. Unsere zwei Wanderburschen verlassen irgendwann den Zug. Bei dem Wetter kann ich mir schöneres vorstellen. Irgendwann gehen unsere Vorräte zur Neige und wir gehen in den Restaurantwagen. Dort gibt es Soljanka. Der Koch ist richtig dick, hat eine fettige Schürze und ein Metzgergrinsen. Wir bestellen zwei Soljanka, und die kommen auch gleich. Zwei Terrinen mit...sieht aus wie Hundefutter. Gelb. Mit Brocken. Und lauwarm. Dazu gibt es scharfe Paprikapaste, die den Dosengeschmack gottseidank übertönt. Endlich haben wir uns das Essen runtergeqält, da kommt Freund Koch mit noch zwei Terrinen. Wie jetzt!? Naja, da die ganze Dose nicht in die Terrine passt, besteht eine Portion ebend aus zwei Terrinen. Schluss, fertig.

Mit etlicher Verspätung kommen wir nach 21 Uhr in Brasov an. Wir schauen nach einer Touri-Info, aber die ist zu. Ein älteres Ehepaar fängt uns ab. Es sind Maria und Greg, die selbst in Reiseführern erwähnt werden. Sie zeigen uns einige Reiseführer als Referenzen und bieten Unterkünfte an. Greg ist mir sympathisch - er ist ruhig und gelassen. Muss er auch, denn Maria schnattert, was das Zeug hält. Auf Englisch. Auf brüchigem Japanisch. Und ein paar Wörter deutsch. Wir hören uns das Angebot an. 10 Euro pro Nacht und Person in einer Wohnung - warum nicht. Sie fragt, was wir alles sehen wollen. Und wohin wir danach fahren. Moldawien!? So weit??? Wie jetzt weit - wir kommen gerade direkt aus Deutschland, das ist doch kein Vergleich. Sie rechnet mir sogar noch vor, wieviel Geld ich am besten am Automaten ziehe. Ja, Mama. Worauf wir aufpassen sollen. Ja, Mama. Sehr nette Frau, aber mehr als eine Stunde würde ich es nicht ertragen. Wir ziehen noch 400'000 Lei (ich bin reich!) am Automaten und gehen mit.

Nach einer kurzen Fahrt mit dem Auto und viel hektischem Gerede kommen wir an. Sehr saubere Wohnung. Schöne Küche. Schönes Bad. Wirklich empfehlenswert - und wir haben unseren eigenen Schlüssel. Wir zahlen und werden in Ruhe gelassen. Dann im Regen raus, etwas zu essen suchen. Finden wir auch - ein türkisches Restaurant. So gute lahmacun wie da hab ich selbst in der Türkei nicht gegessen. Kostet mit Bier und allem zu zweit gerade mal 3 Euro. In der Wohnung dann die heissersehnte Dusche. Neben uns kampieren hier noch ein holländisches und ein schottisches Päarchen.

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Tag 3: Brasov (Kronstadt) → Bran → Rasnov → Brasov

Kaffee kochen und los - wir wollen zu den Burgen in Bran und Brasov. Maria bot uns am Vortag an, uns für 5 Euro eine Tour zu beiden Orten zu vermitteln. Lehnen wir ab. Die beiden Schotten machen es. Wir laufen im Regen zum Busbahnhof und finden den Bus auch prompt. Und sind eine halbe Stunde später dort. Dort dann strömender Regen, dazu ist es auch noch kalt. Toll. Dann ins sogenannte Dracula-Schloss. Nett, aber kann man sich eigentlich schenken - es ist nichts besonderes und reichlich kitschig. Unsere Schotten sind inzwischen auch eingetroffen.

Schade um die schöne Aussicht
Schade um die schöne Aussicht

Das Freilichtdorfmuseum am Fuss der Burg ist nicht schlecht, aber der Regen nervt. Aber es gibt dutzende streunende Strassenköter, die die Sache unterhaltsam machen. Wir nehmen den nächsten öffentlichen Bus nach Rasnov. Die Burg thront auf einem Berg, und wir finden den direkten Aufstieg nicht. Laufen deshalb hintenrum quer durch den Wald. Macht ja nichts - es giesst ja nur in Strömen. Meine Füße gaben mir schon lange vorher zu verstehen, dass die Schuhe nicht gerade wetterfest sind. Rasnov, auch Rosenau genannt, gefällt uns - eine wirklich schöne, ursprüngliche Burg. Als wir mit der Besichtigung fertig sind, kommen unsere Schotten auch schon an. Und ärgern sich, dass sie die 5 Euro vergeudet haben, denn wir sind freier, schneller und zahlen weniger.

Ein aufwärmendes Mahl am Fuss der Burg entschädigt - das Essen schmeckt im kleinen Restaurant "Intim". Wieso eigentlich "intim"? Egal. Wir fahren mit dem Bus zurück nach Brasov. Und staunen. In Bran dachten wir, dass es nicht mehr viel stärker regnen kann. Kann es aber. Das reicht, wir probieren ein Taxi. Ohne Taxometer. Hmm...Als wir ankommen, fragen wir nach dem Preis - er zuckt mit den Schultern! Das hab ich noch nicht erlebt. Ich gebe ihm ca. 60 cent, und er freut sich und wünscht einen schönen Tag noch.

Nachmittags schauen wir uns die Innenstadt an. Sieht wirklich sehr deutsch aus und ist ansehnlich. Aber bei dem Regen... Als es dunkel wird, laufen wir zurück. Unterwegs kehren wir in ein Restaurant in einem Betonklotz ein. Sah von aussen billig doch von innen ziemlich nobel aus. Das Essen dort - nur lappiges, frittiertes Zeug. Nun gut, das Essen war zwar überhaupt nicht gut, dafür aber wenigstens teuer. Das reicht dann auch für heute...

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Tag 4: Brasov (Kronstadt) → Bukarest

Verkehrskollaps in Bukarest
Verkehrskollaps in Bukarest

Eigentlich möchten wir ja in die Bucegi-Berge bei Sinaia. Aber es giesst immer noch in Strömen und die Wolken hängen sehr tief. Das macht dann keinen Sinn, und so kaufen wir schweren Herzens Fahrkarten bis Bukarest. Der Zug ist voll und unsere Plätze doppelt reserviert, aber wir bekommen sie trotzdem. Im Zug gibt es unglaublich viele Backpacker. Bei Sinaia sieht man wirklich nichts - alles ist wolkenverhangen und es ist sehr kalt. Mit einer Stunde Verspätung kommen wir in Bukarest an und nehmen gleich ein Hotel am Bahnhof, das gar nicht so übel und ziemlich billig ist. Dann ein erster Stadtrundgang. Natürlich regnet es die ganze Zeit, ab und an unterbrochen durch einen Wolkenbruch.

In der Stadt herrscht reines Chaos, und der Verkehr ist wahrhaft mörderisch. Vielleicht liegt es am Wetter, aber auf den ersten Blick mag ich die Stadt nicht. Nachts schleichen schliesslich lackschnüffelnde obdachlose Jugendliche um das Hotel. Wir fragen, ob es in der Nähe ein gutes Restaurant gibt. Natürlich nicht. Gehen deshalb ins Restaurant im Hotel nebenan, und das war richtig schlecht. Miniportionen, kein rumänisches Bier - nur kleine Flaschen Heineken für zwei Euro usw. Die Bar daneben schliesst schon um 8. Die Bar in unserem Hotel hat auch nichts zu essen. Klar ist es praktisch, im Hotel neben dem Bahnhof zu übernachten, aber nachts ist man wirklich angeschmiert.

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Tag 5: Bukarest

Immerhin regnet es am Morgen nicht mehr. Und so laufen wir zum moldawischen Konsulat. Davor ein Wachmann. Ich deute an, dass ich da rein will. Und er herrscht mich an, warum ich nicht vernünftig auf Englisch fragen kann, schliesslich könne er Englisch. Stand nicht auf ihrer Uniform, sage ich ihm und nun ist er richtig sauer. Wir müssten noch warten - jemand sei noch drin, antwortete er schliesslich. Da wir nicht wissen, ob wir die Gebühr in Euro oder Lei bezahlen müssen, nutzen wir die Zeit und gehen Geld holen. Als wir zurückkommen, lässt er uns gleich rein. Laut Internet brauchen weder Japaner noch Deutsche eine Einladung. Pass + Geld = Visum. Denkste. Der Konsul schaut meinen Pass an, sagt "okay". Schaut den Pass meiner Freundin an und sagt "Einladungsschreiben oder kein Visum". Ich diskutiere noch, aber es bringt nichts. Ich frage, ob es per Fax geschickt werden kann. Er sagt ja und gibt uns die Fax-Nummer.

Ceausescu's steingewordener Größenwahn
Ceausescu's steingewordener Größenwahn

Nun gilt es vier Aufgaben zu lösen. Nr 1: Telefonkarte finden. Im 20sten Laden gibt es dann auch endlich welche. Nr 2: Vorwahl von Moldawien rausfinden. Ohne dass wir irgendwelche Reiseführer haben. Wir fragen in einer Wechselstube, und sie geben sich redlich Mühe. Wir stellen fest, dass (wahrscheinlich) Moldawien keine eigene Vorwahl hat, sondern telefontechnisch zu Rumänien gehört. Mit der Provinzvorwahl 02. Aufgabe Nr 3: Telefonzelle finden. Das ging schnell. Auf dem Telefon eine zerschmetterte Melone - heute geht wohl alles schief. Aufgabe Nr 4: Unsere Kontaktadresse in Moldawien erreichen und sie dazu zu bewegen, ein Einladungsfax zu schicken. Wir hören die lustigsten automatischen Ansagen auf rumänisch - davon scheint es viele zu geben. Irgendwann gebe ich entnervt auf. Selbst wenn wir sie erreichen würden - sie leben auf dem Dorf. Ich bezweifle, dass es dort ein Fax gibt. Und ich möchte sie, da ich sie noch nicht mal persönlich könne, nicht hetzen. Wir verlegen Moldawien auf irgendwann.

Was nun? Ich möchte nur raus aus Bukarest, genug davon. Nach Rumänien kommen wir bestimmt noch mal - spätestens wenn wir erneut versuchen, nach Moldawien zu kommen. Aber ich möchte etwas neues sehen. Bulgarien? Schön, aber war ich schon vier Mal. Serbien? Komm ich da rein ohne Visum? Türkei? Zu weit, und wir waren neulich erst dort. Mazedonien! Genau! Soll ja ziemlich schön sein. Also müssen wir doch erstmal nach Bulgarien. Und so besorgen wir Fahrkarten nach Giurgiu an der Grenze - ist ja nicht weit. Und schauen uns Bukarest an. Den Palast des Volkes. Den Piati Unirii. Mein Gott, was hat Ceausescu aus dieser Stadt gemacht!? Auch die Altstadt ist recht chaotisch. Aber es wird viel gebaut und restauriert. Vielleicht wird es ja noch was. Abends fahren wir mit der U-Bahn ins Zentrum, um dort zu essen. War diesmal auch richtig gut, wenn auch etwas teuer. Im Stadtzentrum lässt es sich nachts aushalten.

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Tag 6: Bukarest → Giurgiu → Russe (Bulgarien)

Wir laufen zum Bessarabischen Bahnhof in einem wirklich heruntergekommenen Viertel und fahren mit einem langsamen Regionalzug nach Videle, wo wir umsteigen. In den Zug in die Grenzstadt Giurgiu. Der Bahnhof liegt im Nichts. Wir kommen dort halb elf an und erfahren, dass der nächste Zug erst 14:30 nach Bulgarien fährt. In einer alten, versifften Kaschemme mit zwielichtenen Gestalten fragen wir, wie weit die Grenze entfernt ist. 3 Kilometer, sagt man uns. Na, dass geht doch! So laufen wir los...immer den Schienen nach. Die teilen sich irgendwann. Wir sind unsicher und fragen einen kuhtreibenden Jungen. Der versteht das Wort Bulgarien nicht. Aha. Ich beschliesse, dass das linke Gleis richtig sein muss, denn am Horizont sieht man eine Stadt. Die erreichen wir auch irgendwann.

Und hier soll die Grenze sein!? (Photo: Akiko)
Und hier soll die Grenze sein!? (Photo: Akiko)

Und sind irgendwann im Zentrum. Und irgendwann aus dem Zentrum heraus. Keine Spur von der Donau geschweige denn einer Brücke. Wir fragen mehrmals unterwegs, scheinen aber richtig zu sein. Nach zwei Stunden strammen Fussmarsch frage ich einen Offizier. Er lacht nur, macht einen dummen Witz und sagt grinsend "noch 7000 m". Was? "War ein Scherz. 700 m". Hinter uns Kinder. Vor uns Enten. Eine staubige Strasse ohne Verkehr. Aber nach eins, zwei Kilometern sehen wir den Übergang endlich. Die Ausreise ist unproblematisch. Die Grenze ist eine Donaubrücke - die längste Stahlträgerbrücke Europas! Genau das, was wir jetzt brauchen. Natürlich kaum Verkehr, so dass uns keiner mitnehmen kann. Kurz vor 15 Uhr erreichen wir die bulgarische Seite - immerhin ein paar Minuten schneller als der Zug!

Die Einreise in Bulgarien ist gar kein Problem. Der Grenzer fragt "Woher kommen sie gerade?" und ich antworte "Aus Rumänien". Im nachhinein hat es mich gewundert, dass er darauf nicht reagiert hat - denn dass ich an der rumänisch-bulgarischen Grenze aus Rumänien komme, dürfte klar sein. Aber auf dumme Fragen gibt es nun mal dumme Antworten. Ein sehr unsympathischer Taxifahrer nervt uns sofort. Wir gehen zurück und wollen Geld tauschen, aber ein dicker, schwitzender Beamter erklärt, dass der Kurs schlecht sei. Ist er auch. Er sagt zu mir auf gutem Deutsch "Deine Freundin sieht ganz schön kaputt aus!" und grinst. Ich schaue mich nach ihr um. Stimmt! Ich kann ihm nur rechtgeben. Er fragt, was wir tun wollen - mit dem Bus nach Russe fahren, antworte ich. Er fragt "Habt Ihr einen Euro?", ich gebe ihm den Euro und er gibt uns zwei Lewa. Mehr als genug für den Bus, und der Taxifahrer schaut etwas enttäuscht. Eigentlich wollte ich ja lieber weiter nach Veliko Tarnovo, um dort zu übernachten, denn Veliko Tarnovo ist einer meiner Lieblingsorte in der Region. Aber es ist schon zu spät - wir würden nichts davon sehen. Schnitt. Eine Stunde später. Auf dem schönen zentralen Platz von Russe finden wir gleich eine Bank und dann ein Café. Dort essen wir ordentlich (endlich) und trinken zur Begrüssung ein kaltes Zagorka. Ein Reisebüro vermittelt uns ein Privatzimmer bei einer sehr alten und netten Frau. Kurze Pause - dann schauen wir uns das abendliche Russe an. Sieht besser aus als der Name klingt. Abends essen wir in einem schönen Restaurant am Markt. Irgendwie finde ich, dass die Bulgaren freundlicher geworden sind. Und es ist immer noch unverschämt billig. Da ich zum fünften Mal in Bulgarien bin, fühle ich mich fast wie zu Hause.

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Tag 7: Russe → Sofia

Sofia im Aufschwung
Sofia im Aufschwung

Da das primäre Ziel ja nun Mazedonien heisst, fahren wir flink weiter mit dem Bus nach Sofia. Vorher schauen wir in ein Internetcafé, denn ich möchte wissen, ob ich eigentlich von Mazedonien über Serbien zurückfahren kann oder immer noch ein Visum brauche. Braucht man nicht mehr, erfahre ich. Die erste gute Nachricht. Und die Sonne scheint. Was will man mehr. Im Bus sitzen gerade mal sechs Leute - ob sich das rentiert? Unterwegs gibt es schön Zeit zum Kaffeetrinken, und die Fahrt über das Balkangebirge ist mal wieder ein Hochgenuss.

Ein Hotel in Sofia zu finden ist kein Thema. Irgendwann finden wir sogar eine Wechselstube, die unser zahlreiches rumänisches Geld umtauscht. Wir erkunden die Stadt bei schönstem Wetter - Sofia hat sich in den letzten Jahren sehr zum Guten gewandelt und wird zunehmend schöner und attraktiver. Abends sitzen wir noch etwas im Hinterhof unseres Hotels - aber nicht lange, denn eine Walnuss nach der anderen kracht rund um uns herum auf die Tische und den Boden.

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Tag 8: Sofia → Skopje (Mazedonien)

Es scheint nur zwei Busse pro Tag nach Skopje zu geben - einer frühmorgens und einer nachmittags. Wir nehmen den am frühen Morgen. Das heisst um 6 Uhr aufstehen - es ist noch dunkel. Der Bus fährt pünktlich los und hält irgendwann an einer kleinen Raststätte, wo wir Kaffee trinken können.

Klein Istanbul mitten in Europa
Klein Istanbul mitten in Europa

Dann geht es in die Berge. Auf halbem Wege die Grenze: Alle aussteigen, Gepäck raus, vor dem Gepäck antreten und alle Taschen öffnen. Wie beim Militär. Die Grenzer durchwühlen auch einige Taschen - nur für uns interessieren sie sich nicht. Auf der mazedonischen Seite genau das gleiche Schauspiel. Was soll das? Ein Passagier dreht sich zu mir um und fragt auf Englisch "Was hältst du davon?". "Ich mag dieses Spiel nicht!" antworte ich, er nickt und schimpft, dass diese Grenze die schlimmste Europas sei.

Mazedonien - viele Berge. Unleserliche, teils angeschossene Strassenschilder. Gegen ein Uhr nachmittag kommen wir in der Hauptstadt an. Sie ist ganz anders als bulgarische Städte - irgendwie mehr Balkan, mehr Chaos, mehr Ursprünglichkeit. Wir tauschen Geld und suchen etwas zu essen. Ganz schön teuer. Auch die Jugendherberge ist teuer. Wir sehen uns die Stadt an. Eine typische Erdbebenstadt - ein neues Zentrum wurde auf Teufel komm raus aus dem Boden gestampft. Aber die alte Festung und das Basarviertel daneben sind wirklich grandios. Istanbul kann so nah sein. Abends essen wir in der Nähe der Jugendherberge - in einem vollen, lauten Restaurant. Zur Abwechslung gibt es mal wieder gegrilltes Fleisch.

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Tag 9: Skopje → Ohrid

Skopje ist zwar interessant, aber nicht so interessant, hier mehrere Tage zu verbringen. Ausserdem ist es teuer - ich habe den Eindruck, alle 6 Stunden Geld tauschen zu müssen. Wir fahren weiter zum vielgerühmten Ohrid-See. Am Busbahnhof empfängt uns ein dickerer, alter Mann. Fragt, was wir wollen und geleitet uns zum Fahrkartenschalter und zeigt uns alles. Er ist sehr nett und zutraulich. Er sagt, da wir noch Zeit haben könnten wir uns ja in eine Kaffeestube setzen. Ich frage, ob er auch einen Kaffee möchte. Möchte er nicht. Stattdessen erzählt er von seiner gebrechlichen Frau und seinem Kind, das operiert werden muss und überhaupt. Daher weht also der Wind. Aha, sage ich. Muss ja schwer sein. "Ja", sagt er, und "was willst Du dagegen unternehmen?" fragte er mich. Wie jetzt!? Natürlich wollte er Geld. Ich gab ihm schliesslich ein paar Dinar. Diese Tour von hinten rum mag ich überhaupt nicht...

Musikantenstadl in Ohrid
Musikantenstadl in Ohrid

Auf der Fahrt nach Ohrid kommen wir an Tetovo vorbei. Eine boomende Stadt und riesige Berge im Hintergrund. In Ohrid dann nähert sich uns gleich ein Mann und bot uns ein Zimmer an. Für 12 Euro, nur 10 Minuten zu Fuss. Er scheint sympathisch und das Angebot ist gut. Plötzlich sprang ein jüngerer Mann dazwischen und sagt "meins ist viel näher!". Egal - wäre wohl unfair, den anderen Mann jetzt wegzuschicken. Und das Zimmer ist besser als die meisten Hotelzimmer, stellen wir fest.

Spaziergang in Ohrid - ein Fest für die Augen. Eine wirklich schöne Stadt mit schöner Umgebung. Kein Wunder, dass Ohrid so gerühmt wird. Ein Mazedonier sagte uns "Was wollt ihr jetzt hier? Jetzt sind doch gar keine Touristen mehr da! Ist doch langweilig!". Ganz im Gegenteil. Obwohll immer noch genug Touristen da sind und uns fast den Sonnenuntergang versauen, in dem sie mit irgendwelchen Booten den ruhigen See aufwühlen und rumkrakeelen.

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Tag 10: Ohrid → Sveti Naum → Ohrid → Skopje

Morgens fahren wir mit einem alten Klapperbus ans Südufer des Sees nach Sveti Naum. Der Bus hält erst dort und fährt dann hoch zur albanischen Grenze. Dumm gelaufen, denn er fährt nicht mehr zurück. Nun stehen wir vor der Grenze und ich möchte hinüber auf die andere Seite - aber unser Gepäck ist in Ohrid und wir hätten sowieso nicht genug Zeit. "I'll be back" murmle ich vor mich hin, denn nach Albanien möchte ich unbedingt (Nachtrag 2005: Endlich habe ich es nach Albanien geschafft!). Notgedrungen laufen wir zurück nach Sveti Naum und schauen uns das schöne Kloster an. Dann geht es wieder zurück nach Ohrid. Dort haben wir genug Zeit für ein ausgiebiges Essen und dann fahren wir weiter nach Skopje. Dort haben wir auch viel Zeit, denn der Zug fährt erst nachts. Also nochmal Stadtrundgang.

Pogradec in Albanien
Da...Albanien!!! Hinwollen!!!!!!!!!!

Im Bahnhof will ich das restliche mazedonische Geld tauschen, aber es gibt weit und breit keine Wechselstube in dem verlassenen Gebäude. Ich kaufe in einer Stampe im Bahnhof Zigaretten und sehe, wie der Wirt mit lauter Währungen herumfuchtelt. Ich frage, ob er tauschen könne. Klar! sagte er. Und dann ging es los: "Wieviel Dinar hast Du?" "Etwa 1000". "Was willst Du dafür?" - "Euro" - "hab aber nur zehn Euro hier...möchtest Du 20 Kanadische Dollar dafür?" "Was soll ich'n damit? Und was ist das da? Serbische Dinar etwa!?" - "Ja, die hab ich auch noch!" usw.usf. Schliesslich bekam ich für die 1000 Dinar (ca. 15 Euro) 10 Euro in lauter griechischen Münzen und ca. 300 serbische Dinar. Ein fairer Deal. Ein Mann am Bahnhof sagte uns, dass man in Serbien sowieso nur mit Euro bezahlt. Was nicht mehr stimmt - wir haben kein einziges Mal mit Euro bezahlt.

Der Zug aus Thessaloniki kam halbwegs pünktlich. Ausser uns gab es nicht viele Passagiere. Der Schaffner - extremer Kettenraucher - war reichlich witzig. Wir bekamen ein grosses, schönes Schlafabteil nur für uns allein. Was will man mehr. Nach keinen zwei Stunden Fahrt die serbische Grenze. Der Grenzer war nicht der netteste, ich fühlte mich wie beim Verhör. "Where to?" - "Belgrade". "Why?" - "sightseeing" - "why Serbia?" - "...". Aber das Verhör war schnell vorbei und schon waren wir in Serbien.

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Tag 11: Skopje → Belgrad

Nach ausreichend Schlaf in einem wirklich bequemen Zug Ankunft morgens um halb acht in Belgrad. Das ist nicht der Balkan, merkte ich sofort - alles ist wie in Mitteleuropa. Erstmal ein Kaffee am Bahnhof, dann ging es auf Hotelsuche. Erstes Hotel - voll.

Belgrader Festung Kalemegdan
Belgrader Festung Kalemegdan

Zweites Hotel - zu teuer. Drittes Hotel - zu früh zum Check-in. Also ein erster Spaziergang. Eine überraschende, angenehme Stadt, wie wir schnell feststellen. Wir laufen viel herum, bis wir schliesslich ins Hotel einchecken dürfen. Zimmer inkl. Kakerlaken, aber ich habe wesentlich schlimmere Zimmer gesehen. Die Festung in der Stadt, das Künstlerviertel und alles sind wirklich interessant und die Leute rundum nett. An der Festung steht allerlei Kriegsgerät, und Kinder mit Maschinengewehrattrappen schiessen zum Schein auf uns. Vielleicht bin ich ja etwas überempfindlich, aber genau das möchte ich nicht in Serbien sehen.

Das Kriegsmuseum finden wir nach langem Suchen. Aus dem Inneren tönen Schlachtgesänge - nicht vom Band, sondern live. Ein Bär von Mann herrscht uns an, dass das Museum heute zu sei. Auch gut. Beim Spaziergang stossen wir plötzlich auf arg zusammengeschossene Gebäude - Zeugen des Bombenmarathons der NATO. Ansonsten aber kann man sich nur schwer vorstelllen, dass diese Stadt vor wenigen Jahren mitten im Krieg war.

Abends essen wir im Restaurant nahe des Hotels - der Kellner ist wirklich freundlich und das Essen, obwohl mal wieder gegrilltes Fleisch, richtig gut. Na bitte, es geht doch...

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Tag 12: Belgrad → Novi Sad

Langsam steckt uns diese Tour in den Knochen. Wären wir wie geplant nach Moldawien gefahren, hätten wir überall ein paar Tage bleiben können. Durch die ausschweifende Ausweichroute aber sind wir jeden Tag viel und lange unterwegs und jede Nacht woanders. Immerhin sitzen wir heute nur zwei Stunden im Zug - Richtung Norden, nach Novi Sad. Am Bahnhof sind wir erstmal ratlos. Was machen wir nun? Gleich weiter nach Ungarn? Oder hier bleiben? Wir beschliessen, zu bleiben. Und fahren mit dem Bus ins Zentrum.

Festung und Brückenruine in Novi Sad
Festung und Brückenruine in Novi Sad

Nach langem Suchen finden wir die Touri-Info, die uns ungefragt mit Tonnen von Material beglückt. Jedenfalls war man nett und half uns, ein Hotel zu suchen. Das war zwar teurer als alles andere bisher, aber noch im Rahmen. Novi Sad ist eine quicklebendige, helle Stadt. Ich nenne sie mal Ice Cream City, denn überall gibt es wirklich ansehnliche Eisläden und jeder zweite auf der Strasse isst auch welches. Die Festung bei Novi Sad, die Fußgängerzone, das Donauufer mit den von der NATO zerstörten Brücken - wir haben es nicht bereut, hier Station gemacht zu haben. Dass Belgrad und Novi Sad so schnell zur Normalität zurückkehren, hätte ich nicht gedacht. Aber zwei Tage hier reichen bestimmt auch nicht aus, um hinter die Kulissen zu schauen.

Abends haben wir genug vom Balkan-Grill und gönnen uns italienisches Essen. Carpaccio und Pasta - und es war richtig gut. Auf die Idee hätten wir eher kommen sollen.

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Tag 13: Novi Sad → Győr (Ungarn)

Mit ach und krach erreichen wir unseren Zug - wenn wir den verpasst hätten, wäre es teuer geworden. Im Zug sitzen fast gar keine Leute. Nur das Abteil, für das wir eine Reservierung hatten, war voll. Aber an freien Plätzen mangelte es ja nicht. Schon bald waren wir an der Grenze zu Ungarn. Quasi fast schon zu Hause. Die Ausreise war völlig problemlos. Die ungarischen Grenzer nahmen dann jedoch erstmal mit Akkuschraubern und anderen Werkzeugen den halben Zug auseinander.

Irgendwann packte uns der Hunger, und wir suchten den Restaurantwagen. Der war österreichisch, und dementsprechend sahen die Speisekarte und vor allem die Preise aus. Aber - wir bestellen ein Wiener Schnitzel, und hören tatsächlich, wie der Koch es weich klopft und danach die Panade macht. Nichts mit Mikrowelle und fertig - es war zwar teuer, aber dafür auch ordentlich gemacht. Kaum in Ungarn angekommen, fing es auch schon an zu regnen. Wir fuhren zwar durch Budapest, wollten hier aber nicht halt machen, denn hier waren wir erst zwei Jahre vorher. Lieber eine kleine, angenehme Stadt. Deshalb fuhren wir weiter nach Győr. Dort kamen wir kurz nach fünf auch an. Das Eisenbahnerhotel direkt vor dem Bahnhof ist zwar nicht sehr schön, aber ausreichend und billig. Das Tageslicht liess uns gerade noch genug Zeit für einen kurzen Stadtbummel - Győr ist wirklich lohnenswert und hat eine intakte, mittelalterliche Altstadt zu bieten - dachten wir, und schon ging das Licht aus und es ward Nacht. Abends in einem Restaurant hörten wir plötzlich deutsch. Und zwar überall. Österreicher! Hunderte Österreicher waren hier zugange. Einige von ihnen benahmen sich der Bedienung gegenüber mehr als unverschämt. Aber das kennt man ja auch von vielen Deutschen im Ausland. Wir sagten dem Kellner auf Ungarisch "danke" und man merkte, wie er aufblühte und sich freute. So einfach kann's sein.

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Tag 14: Győr → Tábor (Tschechien)

Leider kommt man von Győr nur schlecht in die Slowakei oder nach Tschechien. Deswegen beschliessen wir, über Wien zu fahren. Mit einem Bummelzug kommen wir dort auch nach ca. zwei Stunden an. Das erste Mal in Wien! Man eröffnet uns, dass wir, so wir nach Tschechien wollen, ans andere Ende der Stadt müssen. Am besten mit der Strassenbahn. Das tun wir auch und haben so eine kurze Stadtrundfahrt. Sehr beeindruckend - das muss man schon zugeben. Ein Gebäude prächtiger als das andere. Aber für Wien sollte man wohl eine Woche im Gepäck haben. Wir fahren durch und haben noch Zeit bis zur Abfahrt des nächsten Zuges.

Neben dem Franz-Josefs-Bahnhof gibt es ein modernes japanisches Restaurant. Jenes heisst "Akakiko". Was für ein blöder Name - dass ist alles aber nicht Japanisch. Wir schauen kurz rein - alles voller Geschäftsleute. Sehr aufdringliches, chinesisches? vietnamesisches? Personal. Die kommen doch vor Lachen nicht in den Schlaf bei dem Profit, den sie mit dem Aufhänger "japanisches Restaurant" machen. Das Essen sah jedoch beim flüchtigen Ansehen nicht besonders gut aus.

Ich mache noch den typisch deutschen Fehler, im Bahnhof einen "Kaffee" zu bestellen. "Kaffee? Da müssen sie schon genauer sein! Melange? Kurzer? Langer?...usw.usf.". Mit dem Zug geht es schliesslich nach Gmünd in Niederösterreich und dann nach Tschechien. Zum fünften Mal dieses Jahr. Langsam müssten mich die Grenzbeamten aber kennen. Wir entschliessen uns, in Jan Hus' Stadt Tabor zu bleiben. Nach einem relativ langen Fussmarsch in die Altstadt lassen wir uns in der Pension Alfa nahe des Marktes nieder. Und geniessen die Altstadt, die schöne Pension und ein deftiges, tschechisches Mahl. Ein schöner Abschluss.

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Tag 15: Tábor → Halle

Morgens fahren wir nach Prag und dann nach Dresden. Wir sind viel mit dem Zug bei dieser Reise gefahren, und der hatte fast nie Verspätung bisher. Damit sollte ab jetzt Schluss sein, denn wir waren im Revier der Deutschen Bahn. Mit dem ICE sollte es weitergehen nach Leipzig. Dort nach 20 Minuten Aufenthalt dann die Weiterfahrt nach Halle. Denkste. Der ICE hatte aus technischen Gründen eine gute halbe Stunde Verspätung und war zudem innen unglaublich schmutzig - überall Müll. Den hätte man ja während der Verspätung - der Zug stand ja bereits im Bahnhof - ruhig entsorgen können. In Leipzig war unser Zug schliesslich schon weg. In Leipzig heilloses Chaos - spontane Gleisänderungen, Lautsprecheransagen und Anzeigen stimmten nicht überein usw. Wir steigen blauäugig in den Zug, bei dem an der Anzeige "Halle" stand. Der Zug fährt ab, und der Schaffner fragt, ob wir etwa über Dessau nach Halle fahren wollen. Natürlich nicht. Wir müssen bis Bitterfeld mitfahren, dort fast eine Stunde warten und kommen mit zweieinhalb Stunden Verspätung in Halle an. Das tut nicht not...

Eine stressige Tour, aber doch interessant. Moldawien ist dann garantiert beim nächsten Mal fällig!!!

P.S. - Ein Jahr später hatten wir es schliesslich nach Moldau geschafft.

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