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Irgendwohin

Japan-Almanach

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iPad - Lust & Frust

28.05.10 00:15:03 Kategorien: Alltag Umfang: 290 Wörter Gelesen: 526 mal

Morgen ist es also soweit - das iPad wird ab dann in Japan erhältlich sein. Ab 48'800 yen, also 400 Euro, ist man dabei. Bei uns laufen seit einer Woche dementsprechend auch die Maschinen auf Hochtouren, denn morgen wollen wir einen für den japanischen Markt konzipierten "Reader" für den iPad herausbringen. So weit, so gut. Heute noch einmal den ganzen Tag dran gearbeitet, bis alles gut aussah und die Anwendung so lief, wie sie laufen soll.

Schnell noch mal bei diversen Stellen nachgelesen, was andere so über das Einreichen einer iPad-Anwendung bei Apple so durchlebt haben - und plötzlich stiess ich da auf einen Kommentar, der besagt, dass Anwendungen, die sich beim Gerätedrehen nicht mitdrehen, abgelehnt werden. Oha. Wie jetzt. Alles ist komplett auf Hochkant getrimmt und sieht nur so bestens aus - und das soll nicht mehr reichen? Au weia. Nochmal die Anleitungen von Apple durchgescannt, und siehe da - es steht dort klipp und klar: "Mit wenigen Ausnahmen sollten alle Anwendungen sowohl bei vertikaler als auch bei horizontaler Stellung funktionieren". Ja, das ist doch mal eine klare Feststellung! "Mit wenigen Ausnahmen"! "Sollten"! Hallo? Ich bin eine Ausnahme, was soll ich tun?

Wie auch immer - man darf gespannt sein, welche Umsatzzahlen das iPad im technikbegeisterten und markenbewussten Japan erreichen wird. Seit ein paar Wochen kann man ja schon aus den USA importierte iPad für gute 70'000 Yen kaufen, und neulich stand doch da auch just ein Poser neben mir in der U-Bahn, der freudestrahlend mit seinem iPad spielte... und zwar Mahjongg. Na, das nenne ich doch mal gut angelegtes Geld! Ob er mit dem vor Verkaufsbeginn ergatterten Gerät mehr Chancen bei Frauen hatte?

Das Wort des Tages: 威張る ibaru. Auf Deutsch: angeben, protzen.




Gelbhemden auf Okinawa: Hatoyama erntet wütenden Protest

24.05.10 22:54:38 Kategorien: Neues aus Nippon Umfang: 349 Wörter Gelesen: 208 mal

Die Debatte zog sich so lange hin, doch im Prinzip war alles umsonst: Es ging seit Jahren darum, den US-Marines Stützpunkt im Herzen der Hauptinsel von Okinawa zu verlegen. 2006 gab es dazu eine erste Absichtserklärung zwischen Japan und den USA: Man verlegt den Stützpunkt zwar, aber er bleibt auf der Insel, und zwar am Kap von 辺野古 Henoko. Dort befindet sich schon ein Stützpunkt (Camp Schwab), aber nun muss man zwecks Verlegung dort einen Militärflughafen bauen - in die Lagune herein.

Dann siegten die Demokraten um Hatoyama Ende vergangenen Jahres, und damit begann ein aussichtsloser Kampf. Die Demokraten versprachen den Insulanern, sich um eine andere Lösung zu bemühen. Eine (von Japan bezahlte) Verlegung nach Guam war im Gespräch - Amerika lehnte erbost ab. Dann war eine Verlegung auf die Insel Tokushima (zwischen Okinawa und Kyushu) im Gespräch - erwidert mit heftigem Widerstand seitens der kompletten Inselbevölkerung. Immer wieder zögerte Hatoyama dabei eine Entscheidung heraus, und er bezog Prügel von allen Seiten.

"Alea iacta est" hiess es dann schliesslich Ende vergangener Woche: Der Stützpunkt wird verlegt, und zwar - trara - nach Henoko. Die ganze Diskussion war umsonst (und Hatoyama, dass man sollte man hier anmerken, konnte eigentlich nur verlieren).
Der Empfang für Hatoyama war dementsprechend "begeistert": Geschätzte 1'000 Protestler (zu erkennen an den gelben T-Shirts) hielten Schilder mit dem Zeichen 怒 (Ikari - Zorn) hoch. Man kann nur hoffen, dass sich die Gelbhemden kein Beispiel an den Rothemden nehmen.

Wie so oft hat aber auch diese Geschichte ihre andere Version: Es ist nicht so, dass die komplette Bevölkerung von Okinawa gegen die Stützpunkte ist - die Arbeitslosigkeit auf Okinawa ist auch mit Stützpunkten die höchste in Japan, doch ohne die Stützpunkte könnte man galopp gesagt die Insel gleich ganz zumachen, und das wissen auch viele Insulaner.

An der Stelle soll noch ein Mal betont werden, dass die USA nicht für die Stützpunkte bezahlt - Japan bezahlt. Das ist der Preis für ein unilaterales Sicherheitsabkommen mit den USA.




Nordkorea versenkt Korvette / Haribo

20.05.10 23:50:57 Kategorien: Neues aus Nippon, Kultur Umfang: 395 Wörter Gelesen: 443 mal

Na, wenn das mal nicht zwei weit auseinanderliegende Themen sind.

Zum ersten - schon aufgrund der geographischen Nähe interessiert man sich natürlich sehr in Japan dafür, was auf der koreanischen Halbinsel so passiert. Da schlugen natürlich auch hier vor rund zwei Monaten die Wellen hoch, als eine Korvette der südkoreanischen Marine an der Seegrenze zu Nordkorea ganz plötzlich explodierte, in zwei Teile zerbrach und sank. Viele Matrosen konnten gerettet werden, doch für 46 Mann kam jede Hilfe zu spät. Südkoreanische Korvette? Grenze zu Nordkorea? Ganz plötzliche Explosion? Man muss kein Da Vinci-Code-Fan zu sein, um da einen Zusammenhang zu mutmassen. Also setzte man eine "unabhängige" Expertenkommission (bestehend aus Südkoreanern und Amerikanern) ein. Explosionsursache? Eindeutig von aussen ausgehend. Sprengstoff? RDX, mit Markern, die auf Nordkorea weisen. Hinzu kommt noch ein Torpedopropeller, mit einer Seriennummer, deren Font hauptsächlich im Norden genutzt wird.
Heute gab die südkoreanische Regierung schlussendlich den Bericht heraus: Die Korvette wurde von einem nordkoreanischen Torpedo versenkt. Nordkorea dementiert. Südkorea kündigt an, harte Massnahmen einzuleiten.
Harte Massnahmen? Da bin ich ja neugierig. Militärische Vergeltung? Das bedeutet, in ein Hornissennest zu greifen. UN-Sicherheitsrat anrufen? Sanktionen? Schon mal einem nackten Mann in die Taschen gefasst? Ehrlich - in der Haut des südkoreanischen Präsidenten möchte ich jetzt nicht stecken: Er ist schlichtweg machtlos, und was immer er jetzt auch machen wird oder besser gesagt nicht machen wird - es wird das Falsche sein.

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Mittags: Geschäftsessen beim Brasilianer mit zwei Engländern in Harajuku. Abends: Meeting mit anschliessendem kurzen Umtrunk mit einem Amerikaner, einem Südafrikaner und einem Engländer in einer japanisch-britischen Bar. Was sehen kurze Zeit darauf meine glasigen, entzündeten Augen direkt über der Tür im Zug? Für einen kurzen Augenblick wurde ich da fast schon sentimental: Eine grosse Werbung für Haribo! Nanu! "グミの国から、やってきました。" verkündet der bekannte Bär dort - "Aus dem Land des Gummis komme ich her!". Aha. Fairerweise sollte ich dabei gleich dazu sagen, dass das hier verwendete japanische Wort für Gummi (gumi) keinerlei Konnotationen hat. "Gumi" steht für Fruchtgummi, basta. Haribo kann man schon seit Jahren in sehr gut sortierten Supermärkten finden, aber eine Werbekampagne habe ich zum ersten Mal gesehen.
Mal sehen, ob sie auch versuchen, Lakritzschnecken zu vermarkten. Das wäre ein Spass.




Bauen im Zeitraffer

17.05.10 23:19:23 Kategorien: Alltag, Kultur Umfang: 588 Wörter Gelesen: 399 mal

Die Vorbereitungen für diesen Artikel begannen im Oktober vergangenen Jahres - als man begonnen hatte, den Hinterhof hinter unserer Firma weiter zuzubauen.
Rückblende: Vor 5 Jahren ergab sich beim Blick vom Balkon unserer Firma folgendes Bild: Linkerhand ein zweigeschossiges Wohnhaus. In der Mitte, eine grosse, flache und ziemlich baufällige Garage und rechterhand und ein paar Meter höher gelegen eine absolute Bruchbude. Zwischen diesen drei Objekten standen viele Bäume und Büsche, die, zusammen mit dem Garagendach, dankend von der hiesigen Katzenpopulation angenommen wurde. An manchen sonnigen Tagen räkelten sich bis zu 5 Katzen auf dem heissen Garagendach. Manchmal schlich eine alte Frau um das Anwesen zur rechten durch die Büsche. Im Sommer machten sich die Zikaden über das Grün her - manchmal musste man im Sommer die Fenster schliessen, da man wegen letzterer sein Gegenüber am Telefon nicht mehr verstand.

Vor vier Jahren verschwand plötzlich das Anwesen nebst Büschen und vielen Bäumen zur rechten. Ersetzt wurden sie kurzerhand mit zwei kalten Betonquadern. Ohne Putz, ohne Isolierung. In Deutschland nennt man so etwas "Zu geizig, um Putz anzubringen" - in Japan hingegen "Designer's Mansion". Die Miete kostet deshalb auch gleich mehr. Kein Witz. Drei Katzen blieben.

Im Oktober vergangenen Jahres rotierte wieder die Kreissäge - etliche Bäume verschwanden, sowie die Garage und die kleine Hütte dahinter. Und, wer hätte das gedacht - ersetzt wurde das ganze mit einem kalten, grauen, unverputzten Gebäude, welches gerade so in die Lücke hereinpasst. Das Dach befindet sich genau dort, wo unser Balkon anfängt - und vom Balkon könnte ich jetzt ganz locker aufs Dach springen, denn das sind keine zwei Meter. Bis zum Anwesen rechterhand sind es ebenfalls rund zwei Meter und bis zur Mauer linkerhand an einigen Stellen rund 50 cm. Die armen Katzen.

Interessant ist es dabei, zu sehen, wie in Japan gebaut wird: In der Regel wird hier nämlich kein Keller gebaut. Stattdessen werden - im Falle eines 2- bis 3-geschössigen Baus - 10 m lange Stahlsäulen in den Boden gerammt. Dann werden Gräben entlang des Grundrisses ausgehoben. Darauf kommt eine dicke Isolierfolie - und dann wird Beton reingegossen. Man lässt in der Mitte also Sockel aus Erde stehen (ich nehme mal an, das diese bei Erdbeben dafür sorgen sollen, dass ein Teil der Schwingungen gedämpft wurde. Der Rest ist dann freilich ähnlich wie in Deutschland: Verschalungen hochziehen, Beton reingiessen, Verschalungen entfernen und oben anbringen, wieder Beton rein usw. Im Zeitraffer sieht das ganze dann so aus (das Video hat auch Musik dazu):

Was ich immer wieder nicht begreife, ist, wieso man in Japan nicht isoliert - weder innen noch aussen. Würde man hierzulande beginnen, richtig zu isolieren (inkl. Doppelglasfenster!), könnte man mit grosser Wahrscheinlichkeit einige AKW's abschalten....

Wem das Video zu schnell war - hier noch die Fotos in chronologischer Reihenfolge:

Get the flash player here: http://www.adobe.com/flashplayer

Weitergehende, sehr empfehlenswerte Literatur zum Thema: BigAl's "Wie man in Japan Gebäude baut - Teil 1, 2, 3 und 4.

Das Wort des Tages: 建設 kensetsu. Das Bauen, der Bau.




Tod und Hungerstreik im Verwahrungszentrum für Ausländer

13.05.10 23:08:59 Kategorien: Neues aus Nippon Umfang: 305 Wörter Gelesen: 514 mal

Laut Artikel der Japan Times sind seit Montag 60 Insassen des 東日本入国管理センター (Immigrationsverwaltungszentrum Ostjapan) in den Hungerstreik getreten.

"Immigrationsverwaltungszentrum Ostjapan" ist dabei (meine) wörtliche Übersetzung des offiziellen japanischen Namens, wobei diese Bezeichnung ein schlichtweg euphemischer Begriff ist: Die Anlage in 牛久 Ushiku in der Präfektur Ibaraki, in der Einflugschneise des Internationalen Flughafens Narita, ist kurz gesagt ein Knast für Ausländer, und mag man den Inhaftierten sowie diversen japanischen Gruppen glauben, so muss das dort die Hölle sein.

Die in den Hungerstreik getretenen Ausländer sitzen zumeist wegen Verstosses gegen das Einreisegesetz in Haft, und gute 200 der fast 400 Insassen sitzen dort bereits mehr als ein halbes Jahr ein. Ohne Verurteilung, wohlgemerkt! Für die meisten läuft der Aufenthalt letztendlich auf Zwangsabschiebung hinaus, egal, ob sie in ihrer Heimat verfolgt werden oder nicht. Die meisten kommen dabei aus Ländern wie Sri Lanka, China, Uganda, Pakistan, der Türkei (Kurden) usw.

Die Streikenden verlangen dabei eine Verbesserung der Lebenssituation, die Verkürzung der Verweildauer dort auf 6 Monate, die Befreiung von unter 18-Jährigen von der Inhaftierung, eine geringere Kaution - die liegt momentan bei guten 5'000 Euro - usw. In der Anstalt gibt es zum Beispiel nur einen Arzt, und selbst der ist nicht immer vor Ort. Brisant wird das ganze auch durch den Selbstmord zweier Insassen dieses Jahr in Ushiku.

Kurzum - was sich Japan da leistet, ist eine Schande. Man mag darüber mutmassen, warum sich nichts ändert - einerseits will man sich wahrscheinlich nicht reinreden lassen, andererseits soll das Ganze bestimmt auch als Abschreckung dienen. Die Verzweiflung der dort Inhaftierten kann man sich jedenfalls wahrscheinlich kaum ausmalen.

Mehr zu lesen über die Anstalt gibt es bei den japanischen Aktivisten des 牛久の会 Ushiku-Vereins in diesem langen Artikel sowie bei der Free Jamal Campaign.

Das Wort des Tages: 収容 shūyō. Die Haft, die Internierung.



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