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Irgendwohin

Japan-Almanach

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Ein Held verlässt den Ring: Asashōryū wirft den Obi hin

05.02.10 20:26:06 Kategorien: Neues aus Nippon Umfang: 380 Wörter Gelesen: 182 mal

Einer der beiden Yokozuna (Grossmeister im Sūmo) hat nun die Schnauze voll und wirft das Handtuch - Dolgorsürengiin Dagvadorj, besser bekannt als 朝青龍 (Asashōryū) verlässt nach 9 Jahren in der obersten Liga den Ring und kommt damit dem allmächtigen Sumoverband zuvor. Schon seit Tagen hatten sich Medien und Sumoverband auf den 29-jährigen Mongolen eingeschossen. Asashōryū hatte mehrere Jahre lang das Sumogeschehen dominiert - so war er unter anderem der Erste, der alle sechs Wettkämpfe eines Jahres gewann.

Asashōryū war schon seit geraumer Zeit für, nun ja, derberes Verhalten bei Trinkgelagen bekannt. Vor ein paar Tagen gab es einen neuen Skandal - er hatte mutmasslich einen Clubbesitzer geschlagen. Der zog zwar eine Anzeige zurück, doch der Sumoverband schaukelte sich mehr und mehr daran hoch - schliesslich fiel sogar der Begriff Entlassung. Würde er jedoch entlassen werden, hätte Asashōryū keinen Anspruch auf seine "Ringerrente", und so kam er heute der Entscheidung zuvor und zog sich zurück. Wahrscheinlich in Bälde sogar aus Japan, denn er hat nicht, wie viele andere Sumōringer aus dem Ausland, die japanische Staatsangehörigkeit angenommen und muss daher früher oder später das Land verlassen.

Schade. Asashōryū hat sehr, sehr viele Fans in Japan. Das liegt nicht nur an seiner Kampfkunst, sondern auch an seiner Gestik vor den Kämpfen, getreu dem Motto "Dich mach ich doch locker fertig!" Ich habe mich bei seinen Kämpfen fast jedes Mal aufs neue gefragt, woher er immer die Kraft gegen Ende der Kämpfe nimmt: Urplötzlich hebt er sein nicht selten um die 200 kg schweres Gegenüber hoch und trägt oder wirft ihn aus dem Ring. Hier eine Zusammenfassung seiner Kämpfe des Sommertourniers 2009:

Ein Bekannter, Besitzer einer Bar in Naha (Okinawa), hatte mir erzählt, dass er ein paar Tage vor Weihnachten letzten Jahres mit Asashōryū und ein paar anderen Leuten in einer Bar auf Okinawa war, wo sich der Mongole aus Spass mit einigen GI's anlegte - die wussten nämlich nicht, wen sie vor sich hatten. Schon damals hatte er wohl kräftig gegen den Sumoverband gewettert.

Eins ist sicher - Sumo wird durch seinen Rücktritt nicht unbedingt spannender.

Das Wort des Tages: 引退 intai. Der Rücktritt.




Schnee von heute

01.02.10 17:26:07 Kategorien: Neues aus Nippon, Alltag Umfang: 132 Wörter Gelesen: 322 mal

Jaja, das folgende Bild ist für viele in Deutschland - zumindest in Nordostdeutschland - ein "least wanted". Aber eine geschlossene Schneedecke in Tokyo ist nun mal relativ selten. Im vergangenen Winter hat es bis auf ein paar Krümel im März zum Beispiel gar nicht geschneit. Heute legt der Winter allerdings ordentlich zu:

Schnee in Tokyo

Das Photo habe ich vor 5 Minuten vor unserem Haus aufgenommen. Warum nachts? Weil morgen früh wahrscheinlich alles Matsch ist. Selbst im Stadtzentrum von Tokyo lag vorhin eine geschlossene Schneedecke - ein seltener Anblick. Und Tokyo liegt ja immerhin südlicher als zum Beispiel Tunis, aber das kann man freilich nicht so leicht vergleichen.

Das Wort des Tages: . yuki. Der Schnee. Keine Seltenheit in Westjapan, aber nicht allzu häufig an der Ostküste.




Kugeln für Politiker

29.01.10 20:00:10 Kategorien: Neues aus Nippon Umfang: 654 Wörter Gelesen: 259 mal

In letzter Zeit sind laut Polizei und Mr. Hatoyama persönlich vermehrt Drohbriefe eingegangen - einige davon enthielten echte Gewehrmunition. Natürlich ist der Ministerpräsident darob arg empört. Wer Kritik üben wolle, solle es laut sagen, und nicht sowas unanständiges machen.
Als zivilisierter (?) Mensch ist man natürlich gegen Gewalt, Androhung von Gewalt usw. usf. Aber eine Stimme ganz tief in mir drin hegt starke Sympathien für die Briefeschreiber. Was sich momentan rund um den Ministerpräsidenten Hatoyama und den Generalsekretär der regierenden Demokraten, Ozawa, abspielt, ist nicht nur unschön, sondern moralisch sehr verwerflich.

Obama hielt am 28. Jan seine mit Spannung erwartete State of the Union Address. Hatoyama hielt gestern vor dem Parlament seine 施政方針演説 Shisei Hōshin Enzetsu - die "Ansprache über die Verwaltungspolitik". In der mangelte es nicht nur an irgendwelchen wenigstens ein kleines bischen konkreten Ideen. Stattdessen glänzte er mit halbseidener, fadenscheiniger Rhetorik: Laut einer (zugegebenermassen sehr seichten) Nachrichtensendung benutzte er über 20 Mal das Wort いのち (Inochi = Leben) - gross ankündigend, dass er etwas für die Wirtschaft und die Arbeitslosen tun möchte, denn schliesslich geht es um das Leben der Leute usw. usf.

Unter anderem kam auch der Ruf nach Prinzipien in der Politik (理念なき政治はばらまきになります - in etwa: Ohne Prinzipien geht die Politik vor die Hunde). Das sagt genau der Richtige. Das ist in etwa so, als ob Nachbars Metzger über die Vorzüge veganen Algenbreis schwadroniert (oder der sturzbetrunkene Marokkaner, der mich mal als ungläubigen Hund beschimpfte und angehen wollte, aber das ist eine andere Geschichte).

Statt für das Wohle des Volkes zu arbeiten, ist Herr Ministerpräsident momentan mehr damit beschäftigt, sich und seinen Generalsekretär Ozawa zu verteidigen. Hatoyama hatte bis 2008 von seiner leiblichen Mutter (eine der Bridgestone-Erben) einige Millionen Euro als Spende erhalten - und keine Steuern dafür gezahlt. Angeblich wusste er von all dem nichts. Und so einer regiert momentan das Land: Allein aus Gründen der Scham müsste er zurücktreten - wie erklärt man denn bitte schön einem normalen Bürger, dass man zwar mehrere Millionen Euro von seiner Mutter (!) erhielt, aber nichts davon wusste?

Auch Ozawa, die graue Eminenz im Hintergrund, hat ordentlich Dreck am Stecken - in Form von enormen Spendengeldern von Firmen, überreicht in Bargeld, weggetragen in grossen Tüten und verteilt auf diverse Banken. Natürlich wusste auch Ozawa von nichts - stattdessen wurden ein paar seiner Untertanen verhaftet.

Statt mit der Wirtschaftskrise zu kämpfen, erleben wir in Japan, wie man Korruption auf höchster Ebene mit allen Mitteln zu vertuschen versucht. Ein Trauerspiel (Anmerkung: Ich verfolge, so möglich, auch die deutsche Politik mit - und ich kann es versichern: kein Vergleich! Mit diesem Sumpf kann höchstens noch die NPD mithalten).

An dieser Stelle möchte ich den Report der Eurasia Group (ein Think Tank) über die grössten globalen Gefahren 2010 nicht vorenthalten: Der Reihenfolge nach sehen die grössten Gefahren so aus:

1. US-chinesische Beziehungen
2. Iran
3. Finanzdivergenz in Europa (Stichwort Griechenland)
4. Finanzmarktregulierung in den USA
5. Japan
6. Klimawandel
7. Brasilien
8. Indien-Pakistan
9. Osteuropa - Wahlen & Arbeitslosigkeit
10. Türkei

Klasse! Japan hat es auf Platz 5 geschafft. Der erste Satz der Begründung ist interessant:

What happens when the ruling party loses power in a one-party state? You get a zero-party state.

(Was passiert, wenn die Regierungspartei in einem Ein-Parteien-Land der Macht verlustig wird? Man bekommt einen Null-Parteien-Staat).

Die Aussage hat ihren Grund: Die ganze Bürokratie, die gesamte Regierungsmaschinerie war jahrzehntelang auf eine Partei eingestellt: Die Liberalen. Die sind nun weg vom Fenster - und die jetzt regierenden Demokraten stehen salopp gesagt dumm da.

Für politisch Interessierte: Hier die Originalliste nebst Begründung: Top Risks of 2010. Vorsicht freilich beim Lesen: Dies ist nur einer von zahlreichen Think Tanks.

Das Wort des Tages: 政治とカネ seiji to kane. Politik und Geld. (Geld hier im negativen, anrüchigen Sinne). Diese Floskel geistert momentan massiv durch die Medien des Landes.




Besucht Japan! (so lange es noch steht!?)

27.01.10 16:58:00 Kategorien: Neues aus Nippon, Kurioses Umfang: 379 Wörter Gelesen: 600 mal

Die Bürokraten in der 日本政府観光局 (JNTO - Japan National Tourism Organization) können einem schon fast leid tun: Vor Jahren hatte man sich dort das hehre Ziel gesteckt, bis 2010 jährlich 10 Millionen Besucher anzulocken. Öffnet man deren Webseite, steht dort auch nachwievor ganz gross und an bester Stelle:

日本政府観光局(JNTO)は2010年までに訪日外国人旅行者数1000万人を実現します

(JNTO arbeitet daran, bis 2010 jährlich 10 Millionen Touristen nach Japan zu bringen)

Soweit, so gut. Ein kurzer Blick nach links, und dort steht die neueste Statistik:

2009年の訪日外客数は-18.7%の679万人、出国日本人は-3.4%の1,545万人に

Zahl der Japanbesucher 2009 (im Vergleich zum Vorjahr) um 18,7% auf 6,79 Millionen gefallen. Zahl der ausreisenden Japaner (im gleichen Zeitraum) um 3,4% auf 15,45 Mio gefallen.

Als Gründe, aber das muss man wahrscheinlich nicht weiter ausführen, werden die weltweite Rezession sowie die Schweinegrippe Grippe neuen Typs genannt.
Da hat man aber noch ein gutes Stück Arbeit vor sich: Schliesslich müsste die Zahl der Besucher 2010 im Vergleich zum Vorjahr um fast genau 50% ansteigen.

Eine der Kampagnen, die man zur Erreichung des gesteckten Ziels begonnen hat, ist die "Yokoso! Japan" (Willkommen! Japan)-Kampagne. Als Betreiber dieser Webseite, die sich ja zu einem guten Teil mit Japan beschäftigt, hatte ich da mal einen Anflug von Geschäftssinn und rief das Büro der Kampagnenleiter an. Ich sagte also am Telefon:
"Ich bin Betreiber der Webseite soundso mit soundso vielen Besuchern, dem meistgelesensten Blog im deutschsprachigen Raum und einer Webseite, die bisher rund 100 verschiedene Reiseziele in Japan ausführlich vorstellt. Wäre das nicht eine gute Plattform für Ihre Kampagne?".

Antwort:

"Also mit Betreibern von Webseiten machen wir eigentlich gar nichts, da sind wir nicht so richtig interessiert."

Ich bohrte weiter - "Wie ist es denn, wenn man das markante Logo der Kampagne benutzen möchte?"

"Hmm, also da müssten Sie einen formalen Antrag bei uns einreichen. Die Seite/der Artikel wird dann von uns begutachtet und schliesslich akzeptiert oder auch nicht".

Wohlgemerkt, bei dem Gespräch ging es gar nicht mal direkt ums Geld. Aber was solls - ich denke, dieser Blog und die dazugehörigen Seiten sind Werbung genug. Also, worauf wartet Ihr noch!

Das Wort des Tages: 訪日 hōnichi. Besuchen-Japan. Der Japanbesuch. Würde mich schon mal interessieren, wie viele Leser dieses Blogs bereits in Japan waren (und wenn ja wie oft) bzw. in Japan sind. Also, meldet Euch mal!




Family Mart schluckt am/pm

24.01.10 19:36:12 Kategorien: Neues aus Nippon Umfang: 351 Wörter Gelesen: 309 mal

Wie heute bekannt wurde, wird ein weiteres bekanntes Gesicht aus den Strassen Japans verschwinden: am/pm, eine Convenience-Store-Kette (Spätverkauf). Die Kette war schon seit einiger Zeit eine Tochterfirma des Convenience-Store-Giganten Family Mart. Damit ändert sich momentan nichts an der Reihenfolge, aber bald könnte es soweit sein:

1. Seven Eleven (rund 12'100 Läden landesweit)
2. Lawson (rund 8'600 Läden)
3. Family Mart (7'300 Läden - nach Übernahme von am/pm 8'400)
4. Circle K Sunkus (6'100 Läden)
5. Ministop (1'900)
6. Daily Yamazaki (1'600)

Die ganzen Convenience Stores überbieten sich übrigens seit einiger Zeit in ihren Nudelgerichten: Da tauchen plötzlich Spezialitäten auf wie frische Pasta mit haste-nich-gesehen-Tomaten, die wohl die besten der Welt sein sollen, Pasta Carbonara mit einem ganzen, halbgekochten Ei drin, Pasta mit Barilla-Nudeln, Peperoncino mit zwei Sorten Würstchen (!), Pasta mit Hokkaido-Lachs, Pasta mit Kartoffeln (pfui) usw. usf.
Die Hungerportionen kosten 330 bis 495 Yen und sind natürlich sehr beliebt - man kann sich die Portionen im Laden selbst oder in der Firma/zu Hause in der Mikrowelle warm machen und - geschmacklich ist das ganze mittlerweilen gar nicht mehr so zu verachten. Natürlich gibt es aber nachwievor all die ganzen Sushirollen & Onigiri.

Allerdings sollte man bei den Convenience-Store-Fertigessen (inkl. der Onigiri) Vorsicht walten lassen: Es gibt sehr viel Gerede in Japan darüber, was da so alles drin ist. Einer der obersten Lebensmittelchemiker bei einer der Ketten hatte darüber mal in einem Buch ausgepackt (und dummerweise fällt mir der Name momentan nicht ein), aber auch anerkannte Journalisten wie Watanabe Yūji warnen vor übermässigem Verzehr: Das Essen der Convenience Stores ist wirklich praktisch und oftmals durchaus geniessbar, aber jeden Tag sollte man sich wahrscheinlich nicht davon ernähren...

Mal sehen, wie sich die Convenience-Store-Landschaft hier entwickeln wird. In einer Reichweite von ca. 300 m von meiner Firma gibt es 5 Geschäfte, und ein 6. hat gerade neu eröffnet: 2 Lawson, 1 Seven Eleven, 2 Family Mart & ein Sunkus. Von meiner Wohnung aus gesehen gibt es im gleichen Umkreis "gerade mal" 3: Seven Eleven, Family Mart & Lawson.

Das Wort des Tages: 合併 Gappei. Der Zusammenschluss, die Vereinigung.



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