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Irgendwohin

Japan-Almanach

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Wahnsinn Religion

11.03.10 16:07:41 Kategorien: Kultur Umfang: 606 Wörter Gelesen: 113 mal

Mein kurzer Abstecher nach Shikoku vergangenes Wochenende war mal wieder eine Gelegenheit, ein kleines bisschen Buddhismus zu erleben - schliesslich haben wir ja auch im Tempel übernachtet und ausgiebig Zeit gehabt, uns jenigen genau anzusehen.

Buddhismus ist und bleibt für mich ein Buch mit sieben Siegeln - es gibt so viele Lehren und Sekten, dass mir das Christentum dagegen paradiesisch leicht verständlich vorkommt. Das ist freilich eine völlig unfundierte Aussage und sehr objektiv - wenn ich behaupten würde, das Christentum halbwegs zu verstehen, würde ich lügen.
Einen gewissen Reiz kann man dem Buddhismus nicht absprechen, und viele Asienreisende verfallen diesem Reiz: Die Religion hat etwas friedfertiges, es gibt scheinbar keine aufdringlichen Missionare, die Tatsache, dass der Mensch unvollkommen ist, wird als gegeben hingenommen und man muss nicht immer zur Beichte rennen, wenn man mal was ausgefressen hat. Zudem sehen die Tempel alle schön und exotisch aus, der Dalai Lama ist ein guter Mann, der immer lächelt, und von fanatischen, bombenlegenden Buddhisten, denen alles egal ist, da ja im Paradies 18, wenn nicht noch mehr, Jungfrauen auf einen warten, hat man auch noch nicht gehört.
Schaut man sich das scheinbar gelassene, farbenfrohe Leben in Tempeln in Indien, Thailand und sonst noch wo an, sieht Buddhismus wie eine vernünftige Lebenseinstellung aus, die man nicht unbedingt verstehen, aber doch zumindest bewundern kann.

Dachte ich mir früher so. Bis ich von einem buddhistischen Phänomen hörte, das mir eine ordentliche Gänsehaut bescherte: Das lebendige Mumifizieren. Das Konzept: Als Mensch in seiner sterblichen, unperfekten Hülle kann nicht die höchste Stufe erreichen - wie man sich auch anstrengt, man wird nicht zum Buddha. Zumindest eine Strömung im Buddhismus versucht dieser doch essentiellen Einschränkung zu entgehen. Sie schlägt vor, dass, wer sich lebendig mumifiziert (und - kleines, aber bedeutendes Detail - bis zum Ende in sitzender Position verbleibt), doch zum Buddha werden kann.

Die Prozedur ist schmerzvoll - und dauert lange: Der Regel nach 2'000 Tage, also über 5 Jahre. In den ersten tausend Tagen assen die Mönche nur noch gewisse Wurzeln und Nüsse und trieben viel Sport: Ziel war, jegliches Gramm Fett loszuwerden, denn jenes ist bei einer Mumifizierung nicht dienlich. In den folgenden tausend Tagen tranken die Mönche dann einen eigentlich giftigen Tee aus den Stoffen des Lackbaums - jener Tee hatte zur Folge, dass der Körper zu giftig wurde, um Würmer und dergleichen als Speise zu dienen. Danach ging es im Lotussitz in ein dunkles, enges Grab - mit einer Glocke und einem Schlauch zur Aussenwelt zum Luft holen. Jeden Tag klingelte der Mönch dann mit dem Glöckchen - so er noch lebte. 1'000 Tage nach dem letzten Klingeln schauten die Mönche schliesslich nach, ob die Mumifizierung gelungen war oder nicht: Bei den meisten wohl nicht, denn bisher sind nur um die 20 gelungene Beispiele bekannt. Die, die es geschafft hatten, wurden umgehend zu Buddhas erklärt.

Diese Praxis fand wohl vor allem in Nordjapan statt - aber nur bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts: Heute ist das ganze nicht mehr zeitgemäss und wird dementsprechend nicht mehr praktiziert. Sagt man.
Diese Praxis ist gelinde gesagt beeindruckend: Wie willens- und glaubensstark muss man sein, um dies 5 Jahre durchzustehen? Und welche Leichen hat der Buddhismus noch im Keller versteckt?

Diese kleine Geschichte soll keine Wertung sein - aber eine Warnung, fremde Religionen mit Respekt und EhrFURCHT zu behandeln: Als Fremder lernt man wirklich nur die Spitze des Eisberges kennen. Mit Religionen ist eben nicht zu spassen.

Das Wort des Tages: 即身仏 sokushinbutsu (sofort-Seele-Buddha) - der Name für die Prozedur.




Shikoku die Dritte: Viele Wolken, viel Buddhismus

08.03.10 17:38:27 Kategorien: Über diesen Blog Umfang: 757 Wörter Gelesen: 192 mal

An diesem Wochenende sollte es wieder nach Shikoku gehen - das ist die kleinste der vier Hauptinseln Japans. Für mich war es die dritte Reise durch Shikoku - an die ersten beiden Reisen denke ich sehr gerne zurück, denn diese Insel bietet alles, was micn interessiert: Berge, Meer, nette Menschen, viel Kultur - und die Tatsache, dass ein Grossteil der Insel sehr ländlich und ursprünglich ist.

Dieses Mal ging es allerdings nicht zum Vergnügen hin, sondern aus einem ernsteren Anlass: 法事 Hōji stand auf dem Programm - ein "Todesgedenktag", der den buddhistischen Regeln zur Folge zum Beispiel 33 Jahre nach dem Ableben von den Familienangehörigen gemeinsam begangen wird. Wie es der Zufall so will, war jenes Familienmitglied der Vorsteher eines buddhistischen Tempels, welcher heuer vom Sohn geleitet wird. Jener Tempel steht in der tiefsten Provinz in Shikoku: Der nächstgelegene Flughafen / die nächstgelegene Grossstadt liegt gute 2 Stunden mit dem Auto entfernt, und das auch nur, seit in den vergangenen Jahren neue Tunnel, Schnellstrassen usw. gebaut wurden.

Hinter den 7 Bergen...


Am Sonnabend ging es also erst zum Flughafen Haneda (Tokyo), dann mit dem Flieger um 7:20 (!) nach Matsuyama und von dort mit dem Auto gute 2 Stunden entlang der Küste gen Süden. Im "Familientempel" versammelten sich nach und nach die Familienmitglieder - die meisten hatte ich in den vergangenen Jahren schon getroffen, aber neue Gesichter waren auch dabei. Darunter auch insgesamt sechs Kinder.
Um 15 Uhr begann die Zeremonie, und ich kann mit Stolz (!?) sagen, dass meine gerade 3 Jahre alt gewordene Tochter zielstrebig wusste, wie sie die ganze Zeremonie, nun ja, wie soll ich sagen, interessanter als üblich gestaltete: "この人誰?" (kono hito dare? - "Wer ist das denn"? Sagte sie laut-fröhlich, als der Gehilfe des Priesters (genauer gesagt - sein Sohn) hereinkam. Als der Priester ein Opfer zum Schrein brachte, war sie drauf und dran, hinterherzurennen - in Erwartung, es gäbe etwas zu essen und aus Angst, sie würde nichts abbekommen.
Zum Ende trug eine Gruppe von gut 10 Frauen und Männern gemeinsam eine Sutre vor. Als sie fertig waren, kam von ihr der Zwischenruf: "皆逃げてるよ!" - "minna nigeteru yo" - "Schau mal, jetzt rennen alle weg". Aber es wurde ihr verziehen - die Gruppe, die meisten kannten den Verstorbenen und seine Familie, hatten sich schon vorher darauf gefreut, sie zu sehen.


Klein aber fein: Das Schloss von Uwajima


Die ganze Tokyo-Gesandschaft hatte beschlossen, dass es doch zu schade wäre, schon nach nur einer Nacht wieder abzureisen - also blieben wir eine weitere Nacht, also bis Montag abend. Damit war Sonntag und Montag noch Zeit, sich die Gegend ein bisschen anzusehen. Das Wetter war recht durchwachsen: Viel Regen, niedrige Wolken, aber wenigstens annehmbare Temperaturen von ca. 12 Grad. Aber das kann auch recht reizvoll sein: Tieffliegende Wolken zwischen hohen Bergen können durchaus eindrucksvoll sein.

An der Westküste der Insel machte man früher aus der Not eine Tugend: Die Rias-Küste von Westshikoku bietet eigentlich kaum Platz zum Leben, geschweige denn zur Landwirtschaft - die Berge gehen bis direkt ans Meer und sie sind fst ausnahmslos sehr steil. Also machten sich die Bewohner damals daran, die Hänge in Terassen umzuwandeln und landwirtschaftlich zu nutzen. Die Felder sind dabei gerade mal so breit wie ein Badehandtuch. Das ist prinzipiell gesehen natürlich clever: Von oben gesehen wird so aus einem steilen Berg eine einzige Ackerfläche. Von der Seite gesehen sieht man hingegen nur eines: Steine. Das Modell (durchaus auch in Europa, wenngleich dort aus anderen Gründen - nämlich um Weinstöcken so viel wie möglich Sonne angedeihen zu lassen - bekannt) ist sehr arbeitsintensiv und heutzutage mit Sicherheit ein Anachronismus, denn für die maschinelle Landwirtschaft ist schlichtweg kein Platz vorhanden.

Terassenfeldbau in Yusu

Aus diesem Grund verschwinden die sogenannten 段々畑 - dandanbatake - Terassenfelder nach und nach. Man sieht in der Region mehr überwucherte als intakte Terassen. Schade, möchte man da gerne sagen, aber das ist wohl eher der Standpunkt des temporären Besuchers.
Mehr zu Shikoku dann wieder demnächst auf diesen Seiten!

Nachtrag: Mehr Photos hier:

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Das Ende des Nationalurlaubs? Goldene Woche unter Beschuss

04.03.10 15:23:32 Kategorien: Neues aus Nippon Umfang: 518 Wörter Gelesen: 229 mal

Das Japanische Tourismusamt (観光庁 - Japan Tourims Agency) hat am Mittwoch einen interessanten Gesetzesentwurf vorgelegt, der, so er denn angenommen wird, frühestens im Herbst in Kraft treten könnte. Doch bereits am ersten Tag hat der Entwurf für ordentliche Diskussionen gesorgt, und die werden noch eine Weile lang anhalten.

Es geht dabei um vieles und betrifft (fast) alle Japaner: Urlaub. Genauer gesagt geht es um die ゴールデンウィーク (Goldene Woche): Ende April/Anfang Mai gibt es vier Nationalfeiertage kurz hintereinander: den Showa-Tag (29. April), den Tag der Verfassung (3. Mai), den Grünen Tag (4. Mai) und den Kindertag (5. Mai). Je nachdem, wie die Wochenenden liegen und je nach Kulanz der Firmenchefs, hat in dieser Zeit fast ganz Japan frei: Gleichzeitig. Das bedeutet alljährlich unendliche Staus, unbezahlbare Preise für Flugtickets und Stress an jedem noch so kleinen, halbwegs bekannten Ort - Himmel und Hölle sind in dieser Woche losgelassen.

Der Gesetzesentwurf sieht vor, die Goldene Woche von nun an zu staffeln: Kanto hat in der einen Woche Urlaub, Kansai in der nächsten usw. usf. Zwar gibt es zum Beispiel in Deutschland keine Goldene Woche, aber die Staffelung der Schulferien zwischen den einzelnen Bundesländern entspricht genau jener Idee.

Was man sich von der Änderung verspricht: Eine bessere Verteilung und mehr Umsatz in der Tourismusindustrie: Das ist nachvollziehbar, denn es dürfte nicht wenige geben, die aufgrund der unbezahlbaren Preise und/oder des Stresses während der Goldenen Woche lieber auf eine Reise verzichten. Es haben sich jedoch schon zahlreiche Gegner gefunden - aus folgenden Gründen:

- Es würde schwieriger werden für Familien, sich zusammenzufinden: Sehr viele Japaner fahren während der Goldenen Woche zurück zu ihrer Familie (in vielen Fällen aufs Land / in kleinere Städte) oder nutzen die Gelegenheit, alte Freunde zu treffen: Das wird freilich schwerer, wenn die Freunde/Familienmitglieder in unterschiedlichen Gegenden wohnen

- Die Industrie und auch das Finanzwesen würden ihre liebe Not mit der Staffelung haben - jetzt haben Vertrieb und Produktion zur gleichen Zeit frei, doch sollte der Urlaub gestaffelt werden, gäbe es Koordinationsprobleme, wenn nicht sogar Produktionsausfall.

Natürlich gibt es noch mehr Gegner (im Fernsehen wurde ein wild gegen den Entwurf wetternder Kalendarproduzent interviewt - der sagte am Ende nur kauzig: Toll, da müssten wir ja alle schon gedruckten Kalendar für nächstes Jahr einstampfen).

Man darf gespannt sein. Persönlich würde ich die Idee sehr begrüssen, obwohl man in der Region Tokyo wahrscheinlich nicht allzu viel davon hat: Da haben dann noch immer gute 30 Millionen gleichzeitig frei und versuchen, der Metropole zu entfliehen.

Interessanter wird da schon der zweite Grundgedanke des Gesetzesentwurfes: Die dauerhafte Einrichtung der Silbernen Woche im September (ebenfalls mit Staffelung). Die gab es aufgrund einer günstigen Kombination zweier Feiertage mit einem Wochenende letztes Jahr, doch die günstige Konstellation gibt es nur alle paar Jahrzehnte.

Man darf jedenfalls gespannt sein, wie sich die Diskussion entwickelt und ob man sich durchsetzt (persönlich glaube ich eher, dass die Gesetzesvorlage abgelehnt wird).

Das Wort des Tages: 休暇分散化 kyūka bunsan-ka - "Urlaub - streuen - -ung. Urlaubsstaffelung.




Updates: Was gibt's Neues?

02.03.10 17:51:18 Kategorien: Über diesen Blog Umfang: 377 Wörter Gelesen: 161 mal

Ausser schlechter Politik und schlechter Wirtschaftslage und schlechtem Wetter gibt die Nachrichtenlage nicht viel her, deshalb mal ein kurzes Update über neue Seiten innerhalb dieser Webseite. Was in den letzten paar Monaten neu entstand:

Japan:
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In Sachen Ziele in Japan gibt es nachwievor einen erheblichen Rückstau - die folgenden Seiten werden in den folgenden Wochen noch hinzukommen:

  • Okayama - Seite über die Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur
  • Bitchū Takahashi - ein sehr, sehr schöner Ort in Okayama
  • Kōfu - Seite über die Hauptstadt der Präfektur Yamanashi
  • Yamagata - Seite über die Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur
  • Yamadera - ein kleiner Ort in Yamagata
  • Aizu Wakamatsu - historische Stadt in der Präfektur Fukushima
  • Yokosuka - In der Präfektur Kanagawa

Damit mir auch ja nicht der Stoff ausgeht, geht es zudem nächstes Wochenende zum dritten Mal nach Shikoku - dieses Mal in den äussersten Westen der Insel.
Oben genannte Seiten bringen mich meinem Ziel auch etwas näher: Früher oder später möchte ich zu jeder der 47 Präfekturen (bzw. 都道府県 todōfuken, also 43 Präfekturen (ken), 1 dō 2 fu und 1 to) zumindest einen Ort vorstellen - sind die obigen Seiten fertig, fehlen "nur" noch 6: Miyazaki, Ōita, Wakayama, Gifu, Iwaki und Gunma. In einigen der 6 war ich zwar schon, aber nicht lange genug, um wirklich etwas darüber schreiben zu können.

Bereits im November/Dezember kamen noch die folgenden Seiten dazu:

Macao: Mit Extra-Seiten über Reiseinformationen, Natur, Klima und Geographie, Geschichte, Links sowie einzelnen Seiten zu Coloane, Halbinsel Macau sowie Taipa.

Das Gleiche dann auch noch über Hongkong: Mit Extra-Seiten über Reiseinformationen, Natur, Klima und Geographie, Geschichte, Links sowie einzelnen Seiten zur Insel Hongkong und Kowloon. Ach ja, und noch einer Seite zur chinesischen Stadt Zhuhai.

So, das musste mal raus.

Das Wort des Tages: アップする. appu suru. Schönes Neujapanisch aus der Internetwelt: appu = englisch "up", suru = machen. Eine neue Seite ins Netz hochladen.




Erdbeben auf Okinawa

27.02.10 12:48:42 Kategorien: Neues aus Nippon Umfang: 137 Wörter Gelesen: 299 mal

Heute morgen gegen halb sechs hat ein starkes Erdbeben nahe der Hauptinsel von Okinawa aus den Betten getrieben - das Beben hatte eine Stärke von 6,9 auf der Richter-Skala bzw. eine schwache 5 laut der japanischen Skala (mehr dazu hier). Erst wurde dazu eine Tsunamiwarnung herausgegeben, aber der Tsunami fiel mit rund 10 cm sehr schwach aus. Ein Erdbeben dieser Stärke ist auf Okinawa übrigens sehr selten - 1923 gab es ein Beben der Stärke 6,8, und 1911 ein Beben der Stärke 8,0 - Okinawa gilt im erdbebenreichen Japan eigentlich als relativ sicher.
Passiert ist dieses Mal nicht viel - Meldungen über grössere Schäden und Verletzte blieben aus. Dann kann man nur noch hoffen, dass das schwere Erdbeben bei Chile heute nachmittag nicht noch eine grosse Welle Richtung Japan schickt.

Das Wort des Tages: 速報 sokuhō - die Eilmeldung.



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