Rekordsommer und was so dazugehört
Jetzt ist es laut JMA (気象庁 - Japanese Meteorological Agency) also amtlich: Dies ist der heisseste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1898 - die Temperaturen lagen zwischen Juni und August im Landesschnitt 1.61 Grad über dem Durchschnitt. Einen grossen Anteil daran hatte der Monat August - vielerorts, so auch in Tokyo, lag die Temperatur knapp 3 Grad über normal, und 3 Grad sind eine ganze Menge: Seit Wochen regnet es nicht, die Tagestemperaturen liegen permanent bei 35 und die Nachttemperaturen bei 27 Grad. Gemessen in 1 m Höhe über einer bewachsenen Freifläche, versteht sich. Mit anderen Worten: Es ist unerbärmlich heiss, und noch immer ist kein Ende in Sicht.

Na mein Kleiner, hast du dich verlaufen?
In den Medien tauchen im Zusammenhang mit dem Sommer auch immer neue, weniger appetitliche Nachrichten auf: So befinden sich wohl sonst eher weiter südlich angesiedelte Kakerlakenarten auf den Vormarsch gen Norden - darunter die bis 5 cm langen Wamon-Kakerlaken (jene sind recht angriffslustig und fliegen auch nicht selten) sowie die bis 4 cm langen Satsuma-Kakerlaken. Schon gewusst, dass einige von denen bis zu 1.5 m pro Sekunde zurücklegen können? 5 cm - das berechtigt beinahe eine Ausweistragepflicht!
Die Hitze scheint den Tieren wirklich gut zu bekommen. In unserer alten Wohnung hatten wir seit Einzug 5 Jahre lang Ruhe vor den Viechern - keine einzige haben wir zu Gesicht bekommen - aber Anfang August tauchten gelegentlich welche auf (und zwar zwei Tage, nachdem die Mieter über uns ausgezogen waren...Zufall!?). In der neuen Wohnung haben wir noch keine gesehen, wohl aber im untersten Stock neben der Treppe. Umziehen hilft übrigens bei Kakerlakenplage selten weiter: Hat man wirklich häufig solche Tiere in der Wohnung, ziehen jene meistens mit - in Form von Eiern, an Kleidung, Taschen, Tüten usw. usf.
Das Wort des Tages: 繁殖する hanshoku suru. Sich vermehren, sich ausbreiten.
Das Ende der Untertitel?
Was ich schon immer in Japan sehr erfreulich fand, war die Angewohnheit der hiesigen Inselbewohner, Filme lieber im Original anzusehen und nicht synchronisiert. In Kinos, im Fernsehen, auf Video - so ziemlich alles konnte man damals (oftmals ausschliesslich) im Originalton sehen. Wer so etwas in Deutschland machen wollte, musste entweder den Film im Ausland besorgen oder Arte schauen.
Das Lesen der Untertitel auf Japanisch - man schaut ja auf die Untertitel, ob man will oder nicht, erwies sich zumindest für mich auch als formidable Art und Weise, die japanische Schrift zu üben.
Laut Kyōdō News, einer Nachrichtenagentur, scheint der Trend allerdings in letzter Zeit zur synchronisierten Fassung zu gehen - Filme wie Avatar oder Alice in Wonderland wurden demzufolge zu 40 bzw. 60% der Kinobesucher lieber in der synchronisierten Fassung gesehen als mit Untertiteln. Zum einen lag es wohl daran, dass sich Untertitel in 3D schlechter lesen lassen, zum anderen laut Aussagen vieler Kinogänger aber auch daran, dass sie das Lesen der Untertitel als schwer und/oder lästig empfinden.
Persönlich bin ich überhaupt kein Fan von japanischen Synchronfassungen. Jene sind zwar nicht so schlimm wie z.B. Die russischen (wo ein einziger Sprecher monoton alle Rollen durchsynchronisiert - aber vielleicht hat sich das ja gebessert), aber die Regeln bei der japanischen Synchronisation sind mir zu starr und die Versuche, z.B. breitgezogenes amerikanisches Englisch auf Teufel-komm-raus ins Japanische zu übertragen zu mühselig. Im Japanischen gibt es ja eine sogenannte Frauensprache - und die wird z.B. Bei der Synchronisation hier aufs derbste strapaziert: Da sieht man im Film, wie gerade eine 200 kg schwere Emanze einem armen Männchen das dritte Bein langzieht, aber Madam garniert in der japanischen Synchronisation das Ganze mit einem herzallerliebsten Geflöte in japanischer Frauensprache, nach dem Motto "und danach werde ich Dich vierteilen, mein Liebster" - das ganze natürlich in hoher, halb erotischer Stimmlage.
Japanische Untertitel muss man allerdings auch mögen: Denen zu folgen erfordert einige Übung dank des Schriftzeichensalats - doch so wie unsereins Sätze überfliegen kann, indem man nur den ersten und letzten Buchstaben und die Länge des Wortes erfasst, ertappt man sich bei japanischen Untertiteln schnell dabei, dass man eigentlich nur die Schriftzeichen bewusst liest - und das dazwischen eher erahnt, ohne es wirklich zu lesen.
Das Wort des Tages: 吹き替え "fukikae". Wörtlich: "blasen" und "wechseln". Die Synchronisation (bei Filmen). Ach ja - bei DVD's gibt es, zumindest bei Filmen der bekannteren Sorte - eigentlich immer eine synchronisierte Fassung neben der Originalfassung.
Umzug

Mal was Neues: Weit weg ziehen
Am Sonnabend ist es endlich so weit - Umzug. 5 Jahre haben wir in der jetzigen Wohnung gewohnt - in sehr guter Lage (für japanische Verhältnisse) und sogar mit nur 5-stelliger Miete (in Yen, natürlich). Damals hatten wir uns nur diese eine Wohnung angesehen und gesagt "die ist es" - bereut hatten wir es nicht. Da waren wir nur zu zweit. Seit drei Jahren sind wir zu dritt, und ab Anfang nächsten Jahres zu viert.
Das artet langsam aber sicher in Gedränge aus, und so wurde es langsam Zeit, etwas Neues zu suchen. Wir wurden nach sechs Wohnungsbesichtigungen auch fündig - sieh an, ganze 50 Meter von der jetzigen Wohnung entfernt. Eine Entfernung, bei der sich irgendwas in mir dagegen sträubt, eine Spedition anzuheuern, aber das hier ist Japan - da kann man nicht mal so eben ein paar Freunde verdonnern um Möbel zu schleppen. Kein Problem - wenn es um Preisverhandlungen geht, läuft meine Frau zur Hochform auf und handelt, was das Zeug hält.
Hier ein kleiner Wohnungsvergleich: Die alte Wohnung hat nur auf einer Seite Fenster - will heissen, null Durchzug im Sommer. Zwei grosse Fenster bzw. Balkontüren und ein winziges Toilettenfenster gibt es. Die neue Wohnung hat Fenster auf drei Seiten - sogar im Bad - und zwei Balkons. Die Deckenhöhe der alten Wohnung liegt bei 2,20 m und die Türhöhe bei 1,80 m - ein kleines Problem, wenn man 1,84 m gross ist. Die neue Wohnung ist bei beiden 20 cm höher, und es ist kaum beschreibbar, was für ein Unterschied das ist. Sollte ich jetzt noch mal Kopfschmerzen haben, kann es nur noch am japanischen Bier liegen! Da weiss man doch, woran man ist.
Zudem liegt die neue Wohnung im 3. Stock und damit ganz oben. Das ganze riecht nach steigenden Heiz- und Kühlungskosten, aber da es im Winter oft sonnig ist und im Sommer durchziehen kann, hält sich das hoffentlich die Waage. Andere Vorteile der neuen Wohnung: Ein richtiger Flur. Viel Stauraum. Eine abgetrennte Küche. Nur - leider kein japanisches (sprich, mit Tatami ausgelegtes) Zimmer. Ach ja, und da wäre noch die Izakaya (jap. Kneipe) im gleichen Haus im Erdgeschoss. Die liegt zwar auf der gegenüberliegenden Seite und dürfte damit nicht zu hören sein, aber Häuser mit Bäckereien, Kneipen usw. sind in Japan als Kakerlakenmagnet bekannt. Aber ich bin zuversichtlich - das Haus ist erst 10 Jahre alt und sieht ganz so aus, als ob es weniger anfällig für solche Tierchen ist. Ich kann mich freilich auch irren.
Gut, das ich vor ein paar Jahren die Seite über Wohnen in Japan geschrieben habe... da kann ich gleich noch mal nachschauen, ob ich nicht irgendwelche Formalitäten vergessen habe. Auch gut, dass ich mir vor knapp einem Jahr die permanente Aufenthaltsgenehmigung zugelegt habe - ohne die wäre die Wohnungssuche nämlich sehr viel umständlicher geworden. So konnte ich die Wohnung ganz ohne Bürgen und aus eigenen Stücken organisieren, ohne irgendwelche Leute mit in den Bürokratiesumpf zu ziehen.
Das Wort des Tages: 引っ越し hikkoshi. Der Umzug.
Todesursache: Öhmm....
Es gibt Zeitungsmeldungen, bei denen man nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll. Darunter zählte eine Meldung in der Japan Times von heute, die einen heißen Kandidaten für den Darwin-Award vorstellte. Hauptfigur war allerdings nicht besagter Kandidat, sondern die arme Person, die ersteren zuletzt gesehen hat: Da wurde gestern ein 63-jähriger LKW-Fahrer festgenommen, da er Fahrerflucht mit Todesfolge begangen hatte. Tatort: Eine Landstrasse in Gunma, nördlich von Tokyo. Zeitpunkt: Irgendwann nächtens. Das Opfer: Ein JET-Englischlehrer aus Irland, welcher seit einem Jahr in der Region vornehmlich an Grund- und Mittelschulen Englisch unterrichtete. Zustand des einsam auf der Strasse nachts herumlaufenden Lehrers: Nackt, sich Alkohol in den Rachen gießend.
Der arme Fahrer entgegnete wohl beim Polizeiverhör, dass er es nach dem Unfall mit der Angst zu tun bekam und deshalb Fahrerflucht beging. Irgendwo nachvollziehbar, wenn auch nicht ganz korrektes Verhalten.
Nun gut, bei den jetzigen Tiefsttemperaturen knapp unter 30 Grad ist der Zustand des Lehrers auch irgendwo nachvollziehbar, aber es ist schon makaber, dass da der örtliche Englischlehrer nachts den Pöter blank zieht, und sich auf Landstrassen nachts zuzieht.... Die armen Verwandten. als Todesursache mag man ja einiges irgendwie verkraften, aber das....
Es gibt übrigens Politiker, die seit einiger Zeit nach der Abschaffung des JET-Programms (Japan Exchange and Teaching Program) rufen - aus Kostengründen angeblich. Durch das JET-Programm kommen alljährlich tausende, meist englischsprachige und meist Englisch-Lehrende aus dem Ausland nach Japan - dort werden sie dann über das ganze Land bis in die tiefste Provinz hinein verteilt - quasi "To boldly go where no man has gone before". So kommt auch der entlegenste Weiler in Japan in den Genuss eines Quotenausländers, und das muss nicht unbedingt schlecht sein - vorausgesetzt, der Ausländer läuft nicht nachts sturzbetrunken und splitterfasernackt durch die Gegend.
Das Wort des Tages: ひき逃げ hikinige. "hiki" = überfahren, "nige" = flüchten. Zu deutsch: Fahrerflucht.
Kulturtipp: Tokyo Love @ Strychnin Gallery in Berlin

Artwork: Shohei Otomo
Wer sich ein bisschen für moderne japanische und japanbezogene Kultur interessiert und sich im September in oder in der Nähe von Berlin aufhalten sollte (wie viele Leser da jetzt wohl schon raus sind!?), dem soll folgender Tipp angediehen sein. Yasha Young, junge Direktorin und Besitzerin der kleinen Strychnin Gallery (gibt es in Berlin und London) kuratiert vom 10. September bis zum 3. Oktober eine japanische Gruppenausstellung. Die zumeist monochromen, maximal etwas Rot enthaltenden Illustrationen von Otomo (siehe rechts) sind mir zumindest geläufig und ich finde sie sehr interessant. Mehr Informationen dazu wie folgt (von der Pressemitteilung der Gallerie):
Teilnehmende Künstler: Nanami Cowdroy, Hush, Nishi, Shohei Otomo, Guy McKinley, Imaone, Xiao Bao, Tom Kristensen, Brian Horton.
Die traditionelle japanische Kunst wird durch ihre starken, technisch perfekten Linien und die Liebe zum Detail charakterisiert. Von den Bewegungen des traditionellen 舞踏 Butō-Tanzes, den eleganten Schwüngen der Kalligraphie bis zum japanischen 浮世絵 Ukiyoe Holzblock‐Druck zeigen all diese Kunstformen eine große Eleganz und Präzision. Diese Elemente wurden übertragen in die Anime‐ und Mangakunst der Pop‐Kultur, was man auch in den Neon‐Plakaten Tokyos und den feinen Linien des modernen japanischen Designs wiederfindet. Während Künstler aus dem Westen beeindruckt sind von der Präzision der japanischen Kunst, beeinflusst eine rebellische Kunstform der westlichen Subkultur den Underground Japans. Die Underground Szene benutzt Stile des Hip‐Hop, Punk, Gothic und Rockabilly als eine Art Flucht aus den Traditionen und Einschränkungen der japanischen Kultur. Diese Rebellion fungiert als ein Ventil innerhalb der modernen Kunst: traditionelle Formen und Bilder wie Samurai, Geishas und Kabuki werden von den Künstlern als Kritik an der Gesellschaft genutzt. Tokyo Love bringt Künstler aus der ganzen Welt zusammen, die eines gemeinsam haben: Sie verwenden japanische Bildnisse und Stile. Einige Künstler sind geboren in Japan, andere teilen einfach die Liebe zu dieser Kunstart, aber alle zeigen in den Werken ihre Gefühle zu dem Land und der Kultur ‐ die Kontraste zwischen Alt und Neu, der Widerspruch zwischen Tradition und Rebellion, das Zusammentreffen von Vergangenheit und Zukunft.

Hush: Modern Angel
Hushs Ursprünge als Streetart Künstler werden in seinen aktuellen Werken fortgeführt. Seine Arbeit demonstriert ein Zusammenspiel von verschiedenen Medien und Techniken wie Malen, Leinwanddruck, Sprayen und Papierschichtung. Inspiriert von der Darstellung der weiblichen Form in der Kunst, erarbeitet und zerreißt der Künstler Schichten aus Farbe und Bildern. Er arbeitet indem er “die Leinwand und den Medien ihren eigenen Weg gehen lässt”. Das Ergebnis ist eine Popart‐durchzogene Synthese aus Bilderwelten der Graffitti‐ Kunst. Hush ist geprägt von seinen cross‐kulturellen Erfahrungen. Ursprünglich wurde er als Grafikdesigner ausgebildet an der Newcastle School of Art and Design. Seine Arbeit führte ihn durch Asien, Europa und die USA. Hush hat die außergewöhnliche Fähigkeit, aus seinen zahlreichen Erfahrungen – persöhnlich wie kulturell – einen einzigartigen Stil zu kreieren, der weltweit gelobt wird. Viele zeitgenössische Künstler versuchen das, nur wenige schaffen es auch am Ende.
Die Ausstellung läuft wie eingangs erwähnt vom 10. Sep. 2010 bis zum 3. Okt. 2010 - die Gallerie hat Donnerstag bis Sonntag geöffnet, und das jeweils von 12 bis 18 Uhr - und sie ist recht klein.
Adresse: Boxhagenerstr. 36, 10245 Berlin (nahe Frankfurter Tor), Tel: 030-9700-2035.


