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Strafzinsen auch für Sparer?

Februar 5th, 2016 | Tagged | 1 Kommentar | 585 mal gelesen

In einem für viele Betrachter verzweifelten Akt ist es vor einer Woche also geschehen: 日銀 nichigin – BoJ (Bank of Japan) gab bekannt, dass sie die Zinsen für Einlagen bei der Nationalbank unter 0% drückt – und zwar auf -0.1%. Das bedeutet also, dass eine Bank, die dort 100 Millionen Yen für ein Jahr einlegen will, fortan 100,000 Yen Strafzinsen bezahlen muss, also dementsprechend nur 99,900,000 Yen zurückbekommt. Diese Massnahme wurde unter anderem getroffen, weil die Bank of Japan ihr erklärtes Ziel von 2% Inflation partout nicht erreichen kann. Man krepelt, wie schon seit vielen Jahren um die 0% herum, und die extrem niedrigen Ölpreise (99 yen pro Liter!) machen der Bank ihre Arbeit auch nicht leichter. Mit der Massnahme möchte man die Banken aucch dazu zwingen, mehr Geld an die Wirtschaft zu verleihen anstatt es bei der Zentralbank zu horten.
Wird man das erreichen? Experten vermelden unisono, dass das quasi die letzte Waffe sei – und dazu auch noch eine wirkungslose.

Doch nun geht die Diskussion darüber los, ob ein negativer Zinssatz nicht auch Privatpersonen einholen wird. Seit vielen Jahren schon bekommen Sparer nahezu keine Zinsen auf ihr Erspartes, und daran hat man sich schon gewöhnt – diese Situation befeuert auch schon lange den Aktienmarkt, da jede zweite Hausfrau heutzutage „in Aktien macht“. Doch wäre es theoretisch nicht auch möglich, dass Banken den Strafzins an ihre Kunden weitergeben? Noch wird das vehement verneint – zumindest von den grossen Banken wie Mizuho, MUFJ oder SMBC. Durchaus denkbar wäre jedoch, dass die Banken versuchen, die Kosten mittels Gebühren vom Kunden einzuholen, denn noch sind Konten für Privatkunden in der Regel gebührenfrei – sprich, es gibt keine Kontennutzungsgebühren (für Überweisungen und andere Dienstleistungen zahlt man natürlich).

Im Inneren der Bank of Japan. Stark verschwommen leider, da striktes Fotografierverbot

Im Inneren der Bank of Japan. Stark verschwommen leider, da striktes Fotografierverbot

Letztendlich ändert sich jedoch (noch) nicht viel: Japanische Banken waren noch nie die beste Adresse, um sein Geld zu vermehren. Und dennoch lagern immer noch viele Japaner ihr Geld auf der Bank: Im Schnitt über 5 Millionen Yen, also knapp 40,000 Euro pro Person. Im Schnitt, wohl gemerkt, denn in Japan gibt es rund 2,5 Millionen Dollarmillionäre (in Deutschland hingegen „nur“ 1,1 Millionen) – und zig Millionen Japaner, die sich wünschten, auch nur einen kleinen Teil des Durchschnitts ihr eigen nennen zu können.

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Steuern in Japan (Achtung: Packendes Thema!)

Januar 29th, 2016 | Tagged , | 6 Kommentare | 1043 mal gelesen

Wichtig: Quellsteuernachweis (Muster)

Wichtig: Quellsteuernachweis (Muster)

​Vor vielen Jahren hatte ich schon einmal über die vorbildlich einfachen Steuererklärungen für Angestellte in Japan berichtet – aus aktuellem Anlass folgt dazu ein weiterer, kurzer Beitrag. Aktuell, weil gerade wieder der 年末調整 nenmatsu chōsei der Jahresend-Steuerausgleich, stattfand. Aktuell auch, weil ich neulich über eine Seite gestossen bin, auf der man schön einfach seine Steuern berechnen kann (Link siehe unten).

Wie in den meisten anderen Ländern auch gibt es direkte und indirekte Steuern – die indirekten Steuern (wie zum Beispiel Mehrwertsteuer, Tabaksteuer usw.) sollen uns hier nicht weiter interessieren. Es geht um die direkten Steuern, die man in zwei Arten unterteilen kann: Die Staatssteuer und die kommunalen Steuern. Die Staatssteuern (kokuzei) werden in Form einer Quellensteuer normalerweise durch die Firma direkt vom Gehalt abgezogen. Diese Steuer nennt sich 源泉所得税 gensen shotokuzei, also Quelleneinkommenssteuer, wird monatlich erhoben, von der Firma „aufbewahrt“ und dann an den Staat bezahlt. Die Steuer ist an die Höhe des Gehalts gekoppelt, und das progressiv. Für die ersten 1,95 Millionen Yen pro Jahr zahlt man 5%, für den Betrag darüber bis 3,3 Millionen 10%, darüber bis 6,95% 20% und so weiter – der Spitzensteuersatz liegt bei 40%, aber da muss man schon umgerechnet schon gut über 10,000 Euro pro Monat verdienen. Wer 扶養家族 fuyō kazoku – „abhängige Familienmitglieder“ – hat, kann zu seinem eigenen jährliche Freibetrag von 380,000 yen noch mal die gleiche Summe als Freibetrag verbuchen – pro Person. Da gibt es freilich einige Extraregeln: Wenn die Gattin (nein, kein geschlechterneutraler Begriff, denn wir reden hier von Japan) weniger als ca. 105,000 Yen pro Monat verdient, gilt sie ebenfalls als „abhängig“. Bis vor drei, vier Jahren gab es auch bei dieser Steuer Erleichterungen, wenn man Kinder hatte, aber das hat man mal eben gestrichen, so dass man jetzt nur noch Steuererleichterungen bei der Kommunalsteuer bekommt. Vom Gehalt werden vor Errechnung der Steuer übrigens auch noch die Beiträge für die Kranken- und Rentenkasse sowie Aufwendungen für Fahrtkosten abgezogen – diese werden zum Glück nicht besteuert.

Gegen Ende des Jahres wird dann abgerechnet. Hat man zu viel Steuern gezahlt? Oder hat man eine laufende Lebensversicherung? Oder eine Erdbebenversicherung? Oder gar vor kurzem ein Haus gekauft? Eventuell neue Familienmitglieder, die vom selben Gehalt ernährt werden wollen? Dann gibt es Geld zurück (allerdings nicht in der Jahresendabrechnung – siehe Kommunalsteuer unten). Für Versicherungen zum Beispiel maximal 50,000 Yen pro Jahr, für ein neugekauftes Haus 100 bis 200,000 Yen pro Jahr (10 Jahre lang) und so weiter. Als Ergebnis der Abrechnung bekommt man einen äusserst wichtigen, kleinen Zettel: den 源泉徴収票 gensen chōshūhyō – Quellsteuer- bzw. Einkommensnachweis. Die Zettel sollte man sich vorsichtshalber aufheben, da manche Ämter oder Banken diese verlangen.

Das war die Staatssteuer. Doch dann gibt es noch die Einwohner- oder auch Kommunalsteuer, genannt 住民税 juminzei, wobei diese in Großstadtvierteln als 区民税 kuminzei und in den meisten anderen Orten als 市民税 shiminzei bekannt ist. Eigentlich ist diese Steuer in Gemeinde- und Präfektursteuer (県民税 kenminzei) unterteilt, doch in vielen Präfekturen wird das als ein Betrag eingezogen, so dass man sich nicht darum kümmern muss, wer was bekommt. Die Kommunalsteuer variiert von Ort zu Ort leicht, aber im Schnitt liegt sie bei rund 10 Prozent – 4% davon gehen an die Präfektur. Erst hier machen sich Steuererleichterungen bemerkbar, wenn man Gamilienmitglieder miternährt: Die Steuer kann so bis auf rund 5% sinken (und die Familienmitglieder, so nicht erwerbstätig, siehe Obergrenze oben) zahlen nichts. Praktischerweise kann man auch diese Steuer online berechnen, damit man weiss, was auf einen zukommt. Viele grössere Firmen ziehen die Kommunalsteuer gleich vom Gehalt ab, aber für kleine Firmen ist das zu umständlich, da alles über die örtlichen Finanzbehörden der Mitarbeiter abgewickelt werden muss. In dem Fall meldet die Firma das Einkommen an das Finanzamt, und man bekommt im Frühjahr ein Heftchen mit 5 Zahlscheinen. Mit einem Schein kann man alles auf einmal bezahlen (leider gibt es da keinen Rabatt), die anderen sind jeweils gültig für ein Quartal. Das schöne daran: Mit diesen Scheinen kann man in der Regel auch bei den konbinis bezahlen.

Es gibt noch etliche andere Steuern, wie zum Beispiel die Erdbebenaufbauhilfesteuer, aber diese sind, von der Grundsteuer für Landbesitzer mal abgesehen, nur für Gewerbetreibende relevant. So gesehen hält sich die Kompliziertheit des japanischen Steuersystems halbwegs in Grenzen. Und das ist auch gut so.

Mehr zum Thema Steuern in Japan kann man zum Beispiel – auf Deutsch – bei JETRO lesen.

Einen Steuer/Gehaltsrechner für Japan gibt es hier (funktioniert leider nicht auf mobilen Geräten, wohlgemerkt!).

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Die Abe’sche Gehaltsformel oder politische Mathematik

Januar 13th, 2016 | Tagged , | 1 Kommentar | 640 mal gelesen

Ministerpräsident Abe offenbarte letzten Freitag einen interessanten Einblick in politische Mathematik, und zwar auf beängstigende Weise. Im Haushaltsausschuss des Unterhauses ging es am 8. Januar darum, dass die realen Einkommen in letzter Zeit sinken anstelle zu steigen. Diese Feststellung spielt eine wichtige Rolle, will man doch im nächsten Jahr die Mehrwertsteuer von 8 auf 10% erhöhen.

Eine Ursache für den sinkenden Einkommensschnitt ist die Zunahme von Teilzeitarbeitern, ein auch in Japan immer ernster werdendes Problem. Abe bemerkte dazu sinngemäß, dass aufgrund der guten Wirtschaftslage (0,5% Wachstum laut OECD-Schätzung! Alle Achtung!) mehr Menschen Teilzeit arbeiten – und ein Beispiel war auch schon parat: „Wenn ich also 500’000 yen pro Monat verdiene, und nun auch noch meine Frau wegen der guten Wirtschaftslage arbeiten geht und 250’000 yen pro Monat verdient, dann bedeutet das natürlich, dass der Einkommensdurchschnitt sinkt!“

Auf und ab: Japanisches Wirtschaftswachstum. Quelle: http://www.fxstreet.com/analysis/piponomics/2015/10/04/

Auf und ab: Japanisches Wirtschaftswachstum. Quelle: FX Street

So so. Es gab umgehend berechtigte Einwürfe der Opposition: 250,000 yen als Teilzeitarbeiter? Das wären dann ja 1’900 yen pro Stunde! Die Stelle soll er uns erstmal zeigen! Und in der Tat: so etwas gibt es wirklich sehr selten, es sei denn, man ist zum Beispiel Apotheker und kann nur Teilzeit arbeiten. Die Reaktion: Das ganze sei aus dem Zusammenhang gerissen – die 250’000 yen bezogen sich nicht auf Teilzeitarbeit. Um so schlimmer! War etwa Vollzeit gemeint? Mit halbem Gehalt?

Das Gezerre um die Mehrwertsteuererhöhung sowie angedachte Entlastungen für Geringverdiener nimmt sowieso immer groteskere Züge an. So überlegen die regierenden Liberaldemokraten laut, ob sie noch vor diesem Sommer 30’000 yen als Unterstützung – in Bargeld – an Rentner mit geringer Rente „verteilen“ sollten oder nicht. Wie praktisch, steht doch ungefähr im Juni (der genaue Termin steht noch nicht fest) die nächste grössere Wahl an. Bis dahin gibt es sicherlich noch viele andere lustige Ideen.

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Japans Start in die kommerzielle Raumfahrt | Syphilis im Kommen

November 25th, 2015 | Tagged , , | 2 Kommentare | 861 mal gelesen

Im Hafen von Tanegashima: Man ist stolz auf sein Raketenzentrum.

Im Hafen von Tanegashima: Man ist stolz auf sein Raketenzentrum.

Japan hat heute zum ersten Mal in seiner Geschichte einen ausländischen Satelliten ins All geschossen – und zwar einen kanadischen Kommunikationssatelliten. Und das auch noch erfolgreich. Damit meldet sich JAXA (Japan Aerospace Exploration Agency) erstmals auf der internationalen Bühne, denn man möchte langsam mit der Raumfahrt Geld verdienen und den Russen, Amerikanern und Europäern Konkurrenz machen. Erstaunlicherweise spielte ja Japan trotz all der Technikfreudigkeit international gesehen bisher eher eine untergeordnete Rolle. Der erfolgreiche Start heute war, wie es in Japan so Usus ist, die Nachricht des Tages und wurde in allen Medien gebührend gefeiert. Das geht wahrscheinlich so lange, bis die erste japanische Rakete beim Start explodiert.

Die Raketen werden übrigens von der Insel Tanegashima in der Präfektur Kagoshima abgefeuert – denn je näher man dem Äquator ist, desto weniger Energie braucht man, die Raketen ins All zu schiessen. Die Starts kann man auch von der nahegelegenen Insel Yakushima gut sehen, wo sich zu diesem Anlass jeweils die halbe Inselbevölkerung auf halber Strecke einer Bergstrasse einfindet. Man kann es verstehen – faszinierend ist der Anblick bestimmt.

Eine andere Nachricht des heutigen Tages war der Vormarsch der Syphilis in Japan: In diesem Jahr wurden bisher gut 2’000 Fälle der auch in Japan meldepflichtigen Geschlechtskrankheit registriert – im letzten Jahr waren es wohl nur 1’600 Fälle. Kein Wunder, möchte man meinen, wo doch Präser oder andere Vorsichtsnahmen in Japan nahezu unbekannt sind. Allerdings gab es im bevölkerungsärmeren Deutschland in den letzten Jahren rund 5’000 neue Fälle pro Jahr. Damit ist die Krankheit also weniger häufig anzutreffen. Interessanterweise nennt man die Krankheit auf Japanisch 梅毒 baidoku (wörtlich: Pflaumengift). Ein Schelm, wer da… aber die Wortgenese ist wohl anders. Die Furunkel auf der Haut im fortgeschrittenen Stadium ähneln in Grösse und Farbe den Bergpfirsichen, und in dem Wort kommt eben das Schriftzeichen „梅“ (BAI, ume – alleinstehend: Pflaume) vor. Ergo: Immer schön aufpassen.

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Partnervermittlungsbetrug auf Japanisch

Oktober 6th, 2015 | Tagged , | 2 Kommentare | 736 mal gelesen

Ehemalige Betrügerseite e-friends

Ehemalige Betrügerseite e-friends

​Es ist keine drei Monate her, dass die Datenbank der amerikanischen Seitensprungagentur AshleyMadison von Hackern geknackt und Millionen von Datensätzen seitensprungbereiter Männer und Frauen an die Öffentlichkeit gelangten. Das pikante daran waren die Motive der Hacker: Sie wollten AshleyMadison eins auswischen, denn bei vielen Profilen von Benutzerinnen handelte es sich wohl um bezahlte Mitarbeiter der Firma, die den registrierten Männern es vorgaukeln sollten.

Das kann man in Japan besser: Bereits im Juni diesen Jahres flog e-フレンズ (e-friends) auf¹: Ein Online-Partnervermittlungsservice, betrieben von einem 42-jährigen. Dort waren nach Schätzungen 2,7 Millionen Japaner registriert. Und zwar, grob geschätzt, 2,699,999 Männer – und – das ist nicht geschätzt – 1 (in Worten: eine) Frau. Das nennt man Konkurrenz! Das Geschäftsmodell war von Anfang an auf Betrug ausgelegt. Für die Benutzer war erst alles kostenlos. Die Benutzer sammelten Punkte und wurden schliesslich zu Premiummitgliedern. Und dann zu Platinmitgliedern. Spätestens dann wurden sie jedoch aufgefordert, hunderte Euro Gebühr zu bezahlen – und wenn sie dies nicht taten, wurde ihnen eine Strafe von 3 Millionen Yen (rund 24,000 Euro) angedroht. Die Seite wurde seit 2010 betrieben – und der Schaden lag bei geschätzten 50 Millionen Euro.

Wie konnte diese Betrugsmaschine so lange funktionieren? Ganz einfach: Sobald sich jemand beschwerte, gab der Betreiber sofort das Geld zurück. Doch die meisten beschwerten sich eben nicht. Und dass es keine echten Frauen gab, kann man als einzelner Benutzer nur schwer einschätzen. Letztendlich kam ans Licht, dass rund 30 Mitarbeiter auf Erfolgsbasis fleissig Emails schrieben – dafür bekamen sie 2 Yen pro Email. Immerhin gab es unter diesen Mitarbeitern ein paar Frauen. Die waren allerdings weniger Geschick: Eine ehemalige Angestellte klagte wohl, „… dass die Männer besser wussten, was die Männer hören wollen“. Nun ja.

Wären die Benutzer etwas vorsichtiger gewesen, hätte es nicht so weit kommen müssen. Der Verbraucherschutz des Ministerium des Inneren warnte schon 2012 in einem Communiqué² vor der Betreiberfirma K.K. Sol (株式会社ソル). Grund: Verstoss gegen das Emailgesetz. Und zwar bei zwei anderen Partnervermittlungsseiten, den Vorgängern der e-Friends-Seite. Auch die Höhe des Stammkapitals der Firma – öffentlich einsehbar – ist nicht vertrauenerweckend: 1 Yen.

Die Seite http://jukux2.jp ist natürlich mittlerweile vom Netz. Aber das Ausmass dieses Betruges ist schon beachtlich, wenn auch keine Seltenheit: Einsamkeit ist in Japan ein ganz, ganz grosses Geschäft. Auch für Betrüger.

¹ Siehe unter anderem hier
² Siehe hier.

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Music Streaming – Neuland Japan

Juni 16th, 2015 | Tagged | 6 Kommentare | 3337 mal gelesen

spotify-japan

Spotify in Japan: Wir müssen leider draussen bleiben!

Wirtschaftlich liegt Japan zwar nicht mehr auf dem 2. Platz – der japanische Musikmarkt ist aber sehr wohl noch die Nummer 2 weltweit. Musik ist ganz grosses Business in Japan, und der Markt ist sehr protektionistisch. Das ist auch nicht so schwer: Die beliebtesten Künstler werden quasi nur in Japan gehört, so dass man um die heimischen Plattenfirmen nicht herumkommt. Bisher hat man es so auch erfolgreich vermieden, sich mit Streaming-Diensten herumschlagen zu müssen. Mit Spotify zum Beispiel — wer von Japan aus Spotify aufruft (und keinen Proxy benutzt), wird flugs zu einer URL mit dem Namen „www.spotify.com/int/why-not-available“ umgeleitet. Ihr wollt einen weltweit bekannten Streamingdienst in Japan benutzen? Aber nicht doch! Spotify sagt zwar auf seiner speziell für Japan errichteten Seite, dass man in den Startlöchern hocke, aber dort hockt man schon seit ein paar Jahren.

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Der 800-Pfund Gorilla in Japan: Line

Interessant ist am japanischen Markt, dass 80% des Umsatzes noch immer mit CD’s gemacht werden. Achtzig Prozent! Ich habe meine CD-Sammlung vor über 10 Jahren digitalisiert und seitdem – von wenigen Ausnahmen abgesehen – keine anfassbaren Tonträger mehr gekauft. Aus Platzgründen. Vielleicht kehre ich irgendwann zu CD’s (oder wer weiss, vielleicht sogar zum Vinyl?) zurück, aber momentan ist digitale Musik einfach praktischer, zumal ich gar nicht die Zeit habe, durch Plattenläden zu streifen. Beziehungsweise gibt es meine Musik dort sowieso nicht. Aber da scheine ich wirklich eine Ausnahme zu sein. Die restlichen 20% verteilen sich hauptsächlich auf iTunes & Co. Doch wie kommt das? Während die Musikindustrie 2009 noch rund 1 Milliarde Dollar mit digitaler Musik verdiente, ging es danach stetig bergab. 2014 waren es nur noch 350 Millionen Dollar. Der Anteil von Streamingdiensten ist dabei vernachlässigbar klein: Gerade mal 38,000 Euro wurden damit 2015 umgesetzt. Das ist freilich kein Wunder, da es ja quasi keine Streamingdienste gibt.

Doch langsam kommt Bewegung in den Markt. Zum einen dank Apple, die ja bald ihren eigenen Streaming-Dienst Apple Music starten wollen (hoffentlich auch in Japan). Doch in dieser Woche war plötzlich jemand schneller: Line, das japanische Pendant zu What’s App, hat vor 5 Tagen seinen eigenen Music-Streaming-Dienst gestartet¹. Der beginnt mit rund 1,5 Millionen Songs, auf die man mit nur 1’000 Yen, also weniger als 8 Euro, pro Monat zurückgreifen kann. Immerhin sind fast 60 Millionen Japaner, also jeder Zweite, bei Line registriert, womit Line schon mal eine gute Basis hat. Man darf gespannt sein, wie man hier auf Line und später auf Apple reagieren wird. Vielleicht taut ja der verknöcherte, überängstliche japanische Musikmarkt etwas auf. Gewinnen würden dann… die Musikfans.

¹ Siehe unter anderem hier: Reuters: Japan messaging app Line launches music streaming business

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Glückliches Japan? Die Abwesenheit von Streiks

April 23rd, 2015 | Tagged , | 7 Kommentare | 2259 mal gelesen

Wenn ich so die Nachrichten aus Deutschland verfolge, habe ich den Eindruck, als ob dort die Lokführer und Piloten abwechselnd streiken. Kaum hören die einen auf, beginnen die anderen. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich das Gefühl habe, dass die Zeit sehr schnell vergeht, aber die Lokführer zum Beispiel streiken doch dieses Jahr schon das zweite Mal… oder!?

Streiks, so wundervoll sie auch als Waffe der Arbeitnehmer im Kampf für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen sind, sind etwas, was ich in Japan nicht unbedingt vermisse. Ich habe hier noch keinen erlebt, und ehrlich gesagt möchte ich mir auch nicht vorstellen, was passieren würde, wenn hier die Lokführer streiken würden. Wahrscheinlich würde innerhalb von 24 Stunden in Tokyo Anarchie ausbrechen. Nach drei Tagen würde dann wahrscheinlich die Vegetation beginnen, sich das verlorene Terrain rückzuerobern.

Den Mangel an Streiks verdankt Japan dabei nicht unbedingt dem Mangel an Gewerkschaften, denn die gibt es durchaus. Im Druckereigewerbe zum Beispiel, oder bei den Lehrern. Laut OECD-Bericht von 2013 ist der Prozentsatz der in Gewerkschaften organisierten Arbeitnehmer in Deutschland und Japan nahezu gleich – nämlich knapp 18%¹. In der Schweiz sieht es ähnlich aus, nur in Österreich ist der Anteil mit gut 25% noch relativ hoch. Der Trend ist jedoch in allen Ländern der Gleiche: Immer weniger Arbeitnehmer sind gewerkschaftlich organisiert.

Warum gibt es nun trotzdem wesentlich weniger Streiks? Ein wesentlicher Streikfaktor fällt in Japan raus: Der Kampf um höhere Löhne. In Japan kämpft man nun schon fast seit Jahrzehnten nicht mit Inflation, sondern mit Deflation. Die Preise sind also, von Energieträgern abgesehen, seit geraumer Zeit kaum gestiegen – und die Gehälter entsprechend auch nicht. Ein wichtigerer Grund ist in Japan jedoch die Bindung an die eigene Firma: Die eigene Firma zu bestreiken ist in Japan aufgrund der traditionell eingeforderten / bedingungslos entgegengebrachten Loyalität nur schwer vorstellbar.

Viele Gewerkschaften beschränken deshalb ihr Wirken in erster Linie auf den Schutz der Arbeitnehmer vor Kündigungen oder Willkür. Das kann für die Firma, so sie sehr klein ist, durchaus schmerzvoll werden. So erlebt es auch momentan ein australischer Geschäftspartner. Er ist seit kurzem Chef der Japan-Niederlassung eines weltweit agierenden Unternehmens. Die japanische Niederlassung fusionierte vor etlichen Jahren mit einer japanischen Firma, doch man liess sich vor rund zwei Jahren „scheiden“. Das brachte auch böses Blut hervor, und plötzlich schalteten ehemalige Mitarbeiter eine Gewerkschaft ein und zerrten die Firma (sprich: den Chef) vor Gericht. Dieser war zwar zu jener Zeit noch nicht mal in der Firma angestellt, aber als eingetragener Firmenchef ist er nun mal legitimer Rechtsnachfolger. Neulich bekam er dabei Besuch von einem örtlichen Vertreter der Kommunistischen Partei Japans. In einem Vier-Augen-Gespräch sagte dieser dann klipp und klar: „Entweder Ihr handelt im Sinne der Gewerkschaft, oder wir schicken ein paar Leute mit Transparenten vor eure Bürotüren“. Ein Einzelfall? Ich hoffe es. Fakt ist: Streiks werden kaum eingesetzt in Japan, aber Gewerkschaften verstehen durchaus, auf ihre Weise Druck auszuüben.

¹ Siehe OECD-Statistik

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Wenn die Kirschen blühen. Nein, nicht die Bäume.

März 24th, 2015 | Tagged , | 2 Kommentare | 3369 mal gelesen

rakutenAb morgen soll es also losgehen mit der Kirschblüte in Tokyo, und das kann ich nur bestätigen – in der Ecke Ebisu / Hiroo geht es wirklich schon los. Schade nur, dass es gleichzeitig um einiges kälter wird.

Aber es geht hier nicht um die allseits bekannten Kirschblüten, sondern um eine andere Art von さくら Sakura – dieser Begriff bezeichnet nämlich auch gefälschte Produktrezensionen (die Kirschblüte dient ja nur zu Zier, und so verhält es sich eben auch mit den angeblich authentischen Benutzerkritiken). Heute kam ans Licht, dass sich über 100 Firmen, die ihre Produkte bei Rakuten verkaufen, eines zweifelhaften Services in Osaka bedienten: Jene unterhält Untersuchungen zufolge cirka 6’000 Benutzerkonten bei Rakuten, über die sie dann vorteilhafte Käuferrezensionen für zahlende Kunden schreiben lässt.

Überrascht uns das? Natürlich nicht. Ist das ein japanisches Phänomen? Auf gar keinen Fall. Man denke nur an die auch in Deutschland gängige Praxis, Facebook-Likes und dergleichen käuflich zu erwerben. Diese Praxis ist, genau wie die „sakura“ genauso verwerflich wie verständlich. Natürlich sind positive Kritiken die beste Werbung, und der Wettbewerb ist hart, so dass man selbst mit einem guten Produkt einen sehr schweren Start hat.

Heuchlerisch erschien mir jedoch die Empörung seitens Rakuten: Man werde die Firmen bestrafen, und man vermutet, dass es um einen Schaden in Millionenhöhe geht. Wirklich? Letztendlich profitierte doch auch Rakuten von der ach so authentischen positiven Bewertung, oder?

Ach, Rakuten, Du „bequemer Himmel“ (das ist die wortwörtliche Übersetzung; eigentlich bedeutet das Wort „Optimismus“), Beherrscher der New Economy in Japan mit einem Jahresumsatz von über 4 Milliarden Euro: Dank Unternehmen wie Dir ist IT in Japan auf dem Niveau, auf dem es eben ist: Ein verdammt niedriges. Das System ist hoffnungslos umständlich und veraltet, das Layout ein Alptraum und die Art und Weise, wie alles funktioniert (oder auch nicht) einfach nur umständlich. Auch wir haben ein Mal in der Firma einen Rakuten-Shop betrieben, aber Gottseidank haben wir das Kapitel beendet: Sicher, man kann Gewinn machen. Den kann man dann aber auch gleich wieder in den sprunghaft steigenden Verwaltungsaufwand investieren. So gesehen ist Rakuten eine wahre Jobmaschine in Japan – und wie es scheint, zu einem gewissen Anteil dank der vielen Kirschen…

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McDonald’s oder: Wie man es in Japan nicht machen sollte

Januar 8th, 2015 | Tagged | 10 Kommentare | 3729 mal gelesen

250px-McDonald's_Golden_Arches.svgMcDonald’s scheint aus den Schlagzeilen nicht mehr herauszukommen – seit dem Sommer 2014 haben die Medien den Konzern auf dem Kieker. Im Juli vergangenen Jahres kam ans Licht, dass teilweise vergammeltes Fleisch verarbeitet wurde. Dieses kam wohl von einem Zulieferer aus China. Nun kam ans Licht, dass es in den vergangenen Monaten zu etlichen „Zwischenfällen“ kam: Eine Frau fand in ihrer Pommes-Tüte einen menschlichen Zahn. Ein Kind verletzte sich im Mund, weil sich im Milchshake ein Plastiksplitter befand, der wohl von einer Maschine stammte. Ein anderer Kunde fand Drähte in seinem Bulettenbrötchen. Einem anderen Kunden grinste ein gebratener Laufkäfer aus dem Burger entgegen.

A propos Käfer: Peyoung (eine Marke der Firma Maruka Shokuhin) stand im Dezember 2014 ebenfalls wegen eines Käfers in den Nachrichten. Peyoung produziert „Yakisoba“ Instantnudeln und man kann die Marke durchaus als Kultmarke verstehen: Jeder Japaner kennt sie, und die Instantnudeln haben schon vielen Millionen Japanern durch die endlos langen Arbeitstage geholfen. Ein Kunde fand nun in einer Packung einen toten Käfer. Punktum.

Was passierte nach diesen Vorfällen?

Die Geschäftsführerin von McDonald’s Japan, Sarah Casanova, hielt im Juli 2014 eine Pressekonferenz ab. Auf Englisch. Man verstehe die Sorgen der Kunden, und wolle alles tun, um das Vertrauen wieder herzustellen, erklärte sie dort ganz professionell und abgeklärt. Und schob dann noch hinterher, dass ja eigentlich keine Beweise vorlägen und deshalb niemandem sein Geld zurückerstattet wird. Das kam freilich nicht gut an.
Auch bei den jetzigen Vorfällen hielt man eine Pressekonferenz ab (dieses Mal schickte man jedoch japanische Stellvertreter). Auf die Frage hin, warum denn einige der Vorfälle – zum Beispiel die Verletzung des Kindes – nicht früher gemeldet wurden, erwiderte man schlicht, dass alles mit der Familie des Kindes geklärt wurde und das ganze sowieso ein Einzelfall sei.

Peyoung’s Reaktion auf den Vorfall fiel anders aus: Sofort rief man alle Waren aus den Supermärkten zurück und entschuldigte sich vielfach und aufrichtig. Die Webseite (siehe hier) zeigt auch noch Wochen nach dem Vorfall nur eins: Eine Entschuldigung bei den Kunden nebst Verbrauchertelefonnummer und einer Nachricht bezüglich finanzieller Rückerstattung. Nichts anderes – keine Werbung, kein Katalog, nichts.

Was bedeutet das? Peyoung weiss, wie Japan tickt. Das Resultat wird sein: Ein hoher finanzieller Verlust – anfangs. Und noch mehr treue Kunden (und Fans) – danach. Zeitweise wurden auf Yahoo! Japan Auction Peyoung-Instantnudeln für über 50 Euro die Packung (normaler Preis: rund 1 Euro) gehandelt. McDonald’s hingegen wird anfänglich keine grossen finanziellen Verluste einstecken müssen, aber man arbeitet scheinbar mit Hochdruck daran, die Marke in Japan ernsthaft zu beschädigen.

McDonald’s ist in Japan über alle Massen beliebt. Zum einen, weil es billig ist – für viele Produkte zahlt man nur 100 Yen, also nicht mal einen Euro. Zum anderen, weil McDonald’s mit ständig wechselnden (und für Kinder sehr, sehr attraktiven) Spielzeugen die junge Kundschaft lockt. Aber McDonald’s ist kein Selbstläufer – die Marke hatte schon einmal nach ein paar Skandalen stark zu kämpfen, und ich kenne mindestens zwei McDonald’s-Filialen, die in den vergangenen Wochen dichtmachten.

Interessant ist dabei der Vergleich zwischen Deutschland und Japan: In Deutschland erwirtschafteten 2013 1’440 Filialen einen Umsatz von 3.2 Milliarden Euro. In Japan hingegen erwirtschafteten 3’146 (!) Filialen einen Umsatz von lediglich knapp 2 Milliarden Euro. Die Strategie ist hernach ganz anders: Während McDonald’s in Deutschland schlichtweg zu teuer ist, ist McDonald’s in Japan das, was McDonald’s eigentlich ausmacht: Fast Food – das nicht viel Geld kostet.

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Neuwahlen im Wirtschaftschaos: ABEr was denn nur!?

November 19th, 2014 | Tagged , | 6 Kommentare | 3330 mal gelesen

Gestern wurden also die Quartalszahlen für das dritte Quartal des Jahres 2014 bekanntgegeben. Und siehe da – die Wirtschaft wuchs im dritten Quartal nicht um rund 2% wie eigentlich vorhergesagt, sondern sie schrumpfte um 1,6% im Vergleich zum Vorjahr. Was tun? Erst im April dieses Jahres wurde die Mehrwertsteuer von 5 auf 8% angehoben. Im folgenden, zweiten Quartal des Jahres brach logischerweise die Wirtschaft ein, da sich die Kunden mit Neuanschaffungen zurückhielten. Im Oktober des kommenden Jahres, 2015, sollte die Mehrwertsteuer erneut angehoben werden – auf 10%. Gleichzeitig sollte die Bank of Japan die Geldpresse anwerfen, um den Yen zu entwerten, damit das Land aus der Deflation herauskommt und japanische Produkte im Ausland wieder konkurrenzfähig werden. Das erhöht jedoch die Staatsschulden, und deshalb die Mehrwersteuererhöhung. Das ganze nennt man dann Abenomics, und das Experiment läuft seit fast 2 Jahren.

Offensichtlich funktioniert das Geheimrezept nicht so, wie es sollte. Das überraschte wohl Abe, nicht aber die meisten Ökonomen. Abe ruderte heute also zurück, und verschob die zweite Steuererhöhung um 18 Monate auf den April 2017, versehen mit der Bemerkung, dass sie dann aber wirklich kommen werde. Gleichzeitig löst er mit Wirkung zum 21. November das Unterhaus auf und ordnete Neuwahlen an, die bereits einen Monat später, am 21. Dezember stattfinden sollen. Das allerdings ist kaum überraschend, gab es doch schon seit ein paar Tagen recht deutliche Gerüchte.

Eine Niederlage für Abe und seine gewagte Wirtschaftspolitik, könnte man meinen. Das Gegenteil ist leider der Fall. Abe stellt dem Volk nach seinen eigenen Worten die Vertrauensfrage, indem er Neuwahlen ausruft. Die Neuwahlen wurden jedoch schon bereits von den Medien ganz treffend mit 4 Schriftzeichen charakterisiert: 一強多弱 ikkyō tajaku: „Ein Starker, viele Schwache“. Anders gesagt: Es gibt momentan keine wahre Opposition. Die vorher regierenden Demokraten haben sich von ihrer krachenden Niederlage im Dezember 2012 noch immer nicht erholt und haben es nicht geschafft, sich auch nur in irgendeiner Art und Weise zu profilieren. Alle anderen Parteien wiederum sind so klein und so verschieden, dass man sie nur unter „ferner liefen“ verbuchen kann. Das wird sich innerhalb eines Monates nicht ändern.

Man braucht kein Orakel sein, um zu sehen, was da kommt: Die ohnehin schon immer sehr niedrige Wahlbeteiligung am 21. Dezember wird noch niedriger als sonst ausfallen. Abe wird die Wahl gewinnen, und weiter mit der Brechzange an der kränkelnden Wirtschaft Japans herumdoktern. Die Rettung könnte theoretisch aus China kommen, denn China bringt sehr viel Geld ins Land. Doch China ist gleichzeitig der Erzfeind der japanischen Rechten, und Abe ist ebenfalls in jenem Spektrum einzuordnen – ergo legt er sich lieber mit China an. Man darf gespannt sein, wie das ganze noch enden soll. Soviel steht allerdings fest: Selten war Japan so günstig für Urlauber aus dem Ausland.

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