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„Furusato Nōzei“ – das hochinteressante Steuermodell

Dezember 7th, 2017 | Tagged , | 2 Kommentare | 459 mal gelesen

Zur Zeit ist in Japan ein ziemlich interessantes Steuermodell in aller Munde — der japanische Begriff dafür lautet ふるさと納税 furusato nōzei – „furusato“ steht für „Heimat“, „nōzei“ für das Steuerzahlen. Eine „Heimatsteuer“ quasi, und, das gibt es selten — diese Steuer geschieht auf freiwilliger Basis.

Das Ganze funktioniert so: Mit Hilfe einer einfachen Tabelle oder eines Simulators (beides befindet sich hier) rechnet man erstmal aus, wo die Grenze für die Steuer liegt. Verdient man ungefähr 5 Millionen Yen pro Jahr (also rund 38’000 Euro), sind das circa 60,000 yen; verdient man 9 Millionen, sind es 130,000 yen. Jetzt sucht man sich auf einer Seite wie dieser hier etwas aus, was man haben möchte: Das sind in der Regel Produkte aus der Region, aber auch Übernachtungsgutscheine und dergleichen. Man kann sich bis zu 5 verschiedene Sachen aussuchen, und diese dann in vielen Fällen mit der Kreditkarte bezahlen. Zum Beispiel: Man liebt Bier, und bestellt sich 6 Flaschen Craft-Beer aus der tiefsten Provinz, der Präfektur Akita. Dafür „spendet“ man dann 15,000 Yen (rund 120 Euro) und bekommt dafür als Dankeschön das Bier zugeschickt. Doch jetzt kommt der Clou: Mit der Jahresendsteuerabrechnung kann man den kompletten, gespendeten Betrag, so er unterhalb der Grenze liegt, minus 2,000 yen, zurückerstattet bekommen. Will heißen, letztendlich hat man, was auch immer man sich ausgewählt hat, nur 2,000 yen (also rund 15 Euro) bezahlt. Man kann auch mehr als 5 verschiedene Sachen „bestellen“, aber dann wird es etwas komplizierter – man muss dann eine eigene Steuererklärung einreichen. „120 Euro für 6 Flaschen Bier???“ wird sich der eine oder andere jetzt sicherlich fragen. Richtig. Der echte Preis liegt wahrscheinlich bei einem Drittel oder der Hälfte (Craft-Beer hat seinen Preis). Aber man kauft ja das Bier auch nicht – man bekommt es als Dankeschön für eine Spende an die Region – eine Spende, die zum grössten Teil später wieder vom Staat an den Spender zurückfließt.

Eine der Furusato-Nozei-Seiten: Hier kann man sehen, was es alles gibt

Eine der Furusato-Nozei-Seiten: Hier kann man sehen, was es alles gibt

Ziel dieser „Heimatsteuer“ ist es, die lokale Wirtschaft anzukurbeln, und das soll wohl auch wirklich geschehen, denn die Steuer ist sehr beliebt geworden. Es gibt allerdings Gerüchte, dass nicht alle Bauern, Gastwirte und so weiter davon begeistert sind, da der Betrag, den die Erzeuger letztendlich bekommen, wohl ziemlich niedrig gehalten ist. Ob dem wirklich so ist, sei dahingestellt – schließlich werden die Erzeuger und Betreiber nicht dazu gezwungen, bei der Aktion mitzumachen. Obwohl ich selbst kein großer Freund solcher Spirenzchen (dieses Wort wollte ich schon immer mal in die Tastatur hacken!) bin, überlege ich selbst mittlerweile, ob es nicht einen Versuch wert ist. Vielleicht gibt es dazu deshalb später etwas mehr…

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Multikulti in japanischen Convenience Stores

Oktober 26th, 2017 | Tagged , | 2 Kommentare | 900 mal gelesen

Wie jüngst bei einer Umfrage unter den drei größten Convenience Store-Ketten (convenience stores, kurz „konbini“, sind kleine Läden, die rund um die Uhr geöffnet haben und nahezu alles verkaufen – in erster Linie Essen und Getränke) ans Licht kam, arbeiten allein bei diesen drei Ketten rund 44’000 Ausländer – das sind rund 6% aller Konbini-Angestellten. Kunden im Großraum Tokyo dürfte diese Nummer nicht ins Staunen bringen, denn die Zahl der Ausländer hinter der Ladentheke hat in der Tat stark und spürbar zugenommen. Das ist insofern beachtlich, dass das eigentlich gar nicht so geplant war: Intern- und andere Visa, die zum Arbeiten berechtigen, schließen eigentlich den Niedriglohnsektor aus. Da bleiben eigentlich nur Studenten und Ehepartner übrig. Doch die Angestellten sind oft Eingesessene – und sicherlich nicht in jedem Fall verheiratet. Den Convenience-Store-Ketten kommt das gerade recht, und aus der Wirtschaft kommen nun auch Rufe Richtung Regierung, auch Positionen wie die eines Konbini-Manager in die Visaregelung einzuschliessen – soll heissen, wer eine Stelle als Manager angeboten bekommt, soll deshalb auch ein Visum bekommen dürfen.

Convenience Store in Japan

Convenience Store in Japan

Das ganze ist aus Sicht von 7-Eleven und Co. sinnvoll, wenn nicht sogar überlebensnotwendig, denn den Läden gehen schlicht die Arbeitskräfte aus. Die Arbeit in den Geschäften ist, vor allem für die Manager, definitiv kein Zuckerschlecken – man ist pausenlos auf Trab und muss sich mit vielen hundert verschiedenen Dingen gleichzeitig beschäftigen. Zudem ist das Gehalt nicht gerade üppig, weshalb die Stellen natürlich wenig attraktiv sind – erst recht in einer Zeit wie eben jetzt, in der es zumindest im Raum Tokyo wesentlich mehr Teilzeitstellen als Arbeitskräfte gibt.

Wird Japan damit internationaler? Bedingt, ja. Hervorragende Englischkenntnisse sollte man deshalb trotzdem nicht erwarten: Die meisten ausländischen Angestellten kommen aus dem südost- und südasiatischen Raum und sprechen deshalb nicht zwangsläufig gutes Englisch.

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Japanische Rente jetzt schon nach 10 Jahren Beitragszahlungen erhältlich

September 25th, 2017 | Tagged , | 1 Kommentar | 580 mal gelesen

Besser gut aufheben: Das japanische Rentenbeitragsbuch

Besser gut aufheben: Das japanische Rentenbeitragsbuch

Beinahe habe ich es vergessen, aber die Japan Times hat mich zum Glück daran erinnert: Am 1. August 2017 erschien auf der Webseite des 日本年金機構 Japan Pension Service (JPS) eine unscheinbare Mitteilung¹, die schon lange erwartet wurde. Die Nachricht besagt, dass der Mindestzeitraum für Rentenbeitragszahlungen von 25 auf 10 Jahre gekürzt wird. Soll heißen, man musste vorher mindestens 25 Jahre lang in die japanische Rentenkasse eingezahlt haben, um eine japanische Rente beziehen zu können. Wer weniger als 25 Jahre einzahlte (das betraf in erster Linie Ausländer, die vor Ablauf der Zeit zurückgingen), hatte einfach mal Pech. Die einzige Möglichkeit, die es gab, etwas von seinem Geld wiederzusehen, war der Antrag auf Rückzahlung: Somit konnte man maximal 36 Monatsbeiträge zurückerstattet bekommen, aber das musste bzw. immer noch muss innerhalb von 2 Jahren nach Wegzug geschehen.

Für Ausländer ist das eine gute Nachricht, denn 25 Jahre sind natürlich eine lange Zeit, und wer zum Beispiel „nur“ 15 Jahre in Japan lebte, hat quasi 13 Jahre lang immer nur in die Rentenkasse eingezahlt, ohne je etwas ausser den 3 Jahressätzen zurückbekommen zu können. Für einige Nationalitäten ist das allerdings nur bedingt so einfach zusammenfassbar, denn es gibt durchaus auch Rentenabkommen zwischen einigen Staaten – so auch zwischen Deutschland und Japan (eine Broschüre dazu gibt es online²).

Die japanische „Volksrente“ (国民年金 kokumin nenkin) gibt es übrigens seit 1961. Seit Bestehen dieser Rente sind die Renten um das 32-fache gestiegen – die Beiträge hingegen um das 110-fache. Die Richtung ist deutlich. Wer den vollen Betrag erhalten will, muss dabei mindestens 40 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt haben. Und der volle Betrag (面金満額 nenkin mangaku) sind in diesem Jahr 779,300 yen pro Jahr (bzw. 65,000 yen, knapp 500 Euro) pro Monat – 800 Yen weniger pro Jahr als 2016.

¹ Siehe hier
² Siehe Deutsche Rentenversicherung: Arbeiten in Deutschland und in Japan (PDF)

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​Neuer Besucherrekord: 2,68 Millionen Touristen allein im Juli

August 17th, 2017 | Tagged , | 1 Kommentar | 468 mal gelesen

Die japanische Tourismusbehörde gab gestern Zahlen bekannt¹, nach denen allein im Juli diesen Jahres fast 2,7 Millionen Touristen nach Japan kamen. Das ist nicht nur ein Anstieg von 16,8% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, sondern auch einsamer Rekord – jener lag nämlich bisher bei 2,3 Millionen (im Juli 2016). Der Juli ist auch keine Ausnahme – auch wenn man sich den Zeitraum Januar bis Juli anschaut, beträgt der Anstieg der Besucher rund 17%. Knapp 800’000 Besucher im Juli kamen aus China (ein Anstieg von 6,8%), rund 650’000 aus Südkorea (ein saftiger Anstieg von 44%). Etwas mehr als die Hälfte der Besucher kommt also aus jenen beiden Ländern, aber man vermerkte auch gleichzeitig einen starken Besucheranstieg aus Vietnam, den Philippinen, Malaysia und anderen südostasiatischen Ländern.

Der Juli ist traditionell und aus guten Gründen Saison, aber ein wichtiger Grund fûr den Anstieg sind vor allem die LCC, die Billigfluglinien, die zunehmend auch Japan ansteuern. So wurde vor kurzem erst der Terminal 3 des Flughafens von Narita fertiggestellt – dieser dient ausschliesslich den LCC (man könnte da unken, dass die Fahrt von Narita nach Tokyo bald teurer ist als der Flug nach Japan). Doch es ist bei weitem nicht nur Tokyo: So erfreut sich zum Beispiel Osaka bei chinesischen Touristen steigender Beliebtheit, denn es ist schneller zu erreichen, und da in Kansai mehr Chinesen leben als zum Beispiel in Tokyo, kommt man dort auch mit Chinesisch überall weiter.

Lange Schlange mit chinesischen Touristen vor einer Ramen-Filiale in Osaka

Lange Schlange mit chinesischen Touristen vor einer Ramen-Filiale in Osaka

Überrascht bin ich von den Zahlen nicht. Als ich Anfang August wegen einer Konferenz in Osaka weilte, traf ich einen Geschäftspartner am frühen Abend bei Ebisubashi, dem beliebten Treffpunkt bei der Dotombori. Japanisch war da kaum zu hören – eher Chinesisch. Vor den Ramen- und Okonomiyaki-Restaurants standen sich die Besucher die Beine in den Bauch, so dass ein Essen dort gar nicht in Frage kam. Vor einer Woche schließlich begab ich mich mit meinem Besuch nach Asakusa, dem beliebten Tempelviertel in Tokyo. Dort war ich pflichtgemäß auch bei meinem ersten Japanaufenthalt vor über 20 Jahren, aber mein letzter Besuch in Asakusa liegt schon über 10 Jahre zurück. Damals schon war es relativ voll, aber das war kein Vergleich zu den Menschenmassen, die sich dort heutzutage durch die Nakamise-dori drängen. In einem kleinen Geschäft für Büttenpapier kam ich da mit einer Verkäuferin auf die Massen zu sprechen – sie meinte, dass die Anzahl der Besucher vor circa 4 Jahren schlagartig zugenommen hat. „Na das sollte ja dann wenigstens gut für’s Geschäft sein“ merkte ich noch an, aber sie winkte ab: Die meisten kaufen eh nichts. Nun ja, ob das nun stimmt oder nicht, sei dahingestellt.

¹ Die offizielle Pressemitteilung befindet sich hier, eine englische Zusammenfassung gibt es hier.

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Zollfreier Käse und Wein im Anmarsch

Juli 6th, 2017 | Tagged , | 9 Kommentare | 704 mal gelesen

Das sind doch mal – zumindest für Wein- und Käsegourmets – erfreuliche Nachrichten: Offensichtlich haben sich heute Vertreter der EU und Japans bei wichtigen Streitpunkten des 日本・EU経済連携協定 Japan-EU-Wirtschaftspartnerschaftsabkommens miteinander geeinigt. Seit 2013 wird das Abkommen verhandelt, und vor allem bei Käse stellten sich die Japaner lange Zeit stur – um, so läuft das ja bei anstehenden Freihandelsabkommen nun mal, die heimische Produktion zu schützen. Was in Sachen Molkereiprodukte wohl eher ein Scherz ist, wenn man die Butter- und sonstigen Engpässe in Japan in den letzten Jahren so betrachtet.

Nun ist man also übereingekommen, den Importzoll für Weichkäsesorten (wie Camembert, Mozzarella usw.) aus der EU von 29,8% auf 0% zu reduzieren – allerdings nur für die ersten 20 Kilotonnen pro Jahr. Das entspricht in etwa der Menge, die momentan alljährlich nach Japan importiert wird. Auf die Bevölkerung heruntergerechnet sind das gerade mal 150 Gramm pro Person und Jahr, also keine besonders grosse Menge. Bei Hartkäsesorten soll die Importsteuer ebenfalls komplett fallen – ohne Begrenzung, dafür aber nur schrittweise im Laufe der nächsten 15 Jahre.

Japanisches Käseregal: Einfach nur furchtbar

Japanisches Käseregal: Einfach nur furchtbar

Bei Wein soll der Importzoll von momentan 15% (mindestens aber 125 Yen, also rund 1 Euro, pro Liter) entfallen – und zwar sofort. Auch die Zollabgaben für Pasta, Schweinefleisch usw. sollen mit dem Abkommen entfallen.

Was hat die EU davon? Da geht es mehr um Hardware: Der Importzoll von 10% auf japanische Autos soll spätestens 7 Jahre nach Inkrafttreten des Abkommens entfallen, und da können sich einige europäische Autobauer schon mal warm anziehen, denn japanische Autos sind und bleiben eine ernstzunehmende Konkurrenz. Auch Zölle für Haushaltselektronik wie Fernseher zum Beispiel sollen fallen – innerhalb von 5 Jahren von 14% auf 0%.

Schön, das alles. Aber wie bei anderen Freihandelsabkommen auch bleiben natürlich immer Zweifel. Sind das wirklich Win-Win-Abkommen? Sollte man wirklich Waren bevorzugen, die 10,000 Kilometer oder gar mehr weit gereist sind? Im Falle von Käse muss ich leider (als absoluter Käsefan) sagen: Ja, sicher! Aber hallo! Aber das ist natürlich nur eine extrem egoistische, wenn auch wohlschmeckende Ansicht.

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KFC Japan verkauft Pizza Hut – Bewegung in der Branche?

Mai 22nd, 2017 | Tagged , | 5 Kommentare | 728 mal gelesen

Wie jetzt bekannt wurde, hat Kentucky Fried Chicken, auch in Japan äußerst beliebt, im Mai alle seine japanischen Pizza-Hut Filialen an eine Investorengruppe verkauft. Für wie viel ist zwar nicht genau bekannt, aber man weiß zumindest, dass Pizza Hut dem Unternehmen während der vergangenen 10 Jahre insgesamt rund 24 Millionen Euro Verlust eingefahren hat.

Man fragt sich warum. Dominiert wird die Pizzalieferservice-Industrie von den drei Granden Domino’s Pizza, Pizza-la und Pizza Hut. Der Wettbewerb ist ziemlich hart – das merkt man an den nicht enden wollenden Marketing-Bemühungen der drei Giganten. Doch als Endverbraucher, erst recht mit europäischem oder amerikanischem Hintergrund, wundert man sich dann doch, dass ein Pizza-Lieferservice in Japan in finanzielle Schieflage geraten kann. Denn so viel steht fest: Die Preise sind schlichtweg exorbitant. Zumindest wenn man satt werden möchte. Immer wieder wird die Kundschaft mit Coupons gelockt oder mit Angeboten wie „Kauf eine und bekomm die zweite Umsonst“ gelockt. Doch letztendlich bezahlt man doch immer wieder irgendwie 25 Euro und bekommt dafür… ein niedliches, kleines Stück Pizza, das vorn und hinten nicht reicht, solange man nicht gerade auf strenger Diät ist. Wer mit Pizza vom Lieferservice in Japan satt werden möchte, wird da oft enttäuscht. Für das gleiche Geld kann man in den meisten Restaurants regelrecht schlemmen.

Typisches Lockangebot: 30% auf die beliebtesten Pizzen. Man zahlt sich dennoch dumm und dämlich in Japan

Typisches Lockangebot: 30% auf die beliebtesten Pizzen. Man zahlt sich dennoch dumm und dämlich in Japan

Wenn man sich mit Freunden trifft oder die Arbeitsbesprechungen mal wieder etwas länger dauern, kommt man gelegentlich trotzdem nicht drumrum, aber jedes Mal stelle ich fest, dass die コスパ kosupa – eine wunderschöne japanische Biz-Talk-Abkürzung, die für „Cost-Performance“ steht – für Pizza in Japan einfach mal nicht stimmt.

Da es in Japan auch an brauchbaren Tiefkühlpizzen mangelt, kommt der Pizzafreund letztendlich nicht darum herum, sich die belegten Fladenbrote selbst zu basteln. Und siehe da – es schmeckt wesentlich besser, und die kosupa ist auch akzeptabel.

Von den ネタ neta Belägen möchte ich hier gar nicht erst anfangen. じゃがバターベーコン jaga butter bacon (Kartoffel-Butter-Schinken) oder die unsäglich süßen ジューシー厚切テリヤキチキン Juicy atsugiri Teriyaki Chicken müssen wirklich nicht sein.

Wer dennoch in Japan unbedingt Pizza bestellen möchte, sollte es bei Salvatore Cuomo versuchen. Die sind wenigstens halbwegs genießbar. Aber auch da muss man bei den Größen aufpassen: Eine Pizza mit 27 cm Durchmesser (Größe M) wird dort mit „Genug für 1.5 Personen“ beschrieben, ist hauchdünn und kostet in der einfachsten Variante 13 Euro.

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BOOKOFF schreibt wieder rote Zahlen

April 10th, 2017 | Tagged , | 3 Kommentare | 640 mal gelesen

Bookoff - der japanische Riesenantiquariat

Bookoff – der japanische Riesenantiquariat

Sie sind aus dem Raum Tokyo nicht mehr wegzudenken – die „BOOK•OFF“-Filialen der gleichnamigen, 1990 in Sagamihara (Präfektur Kanagawa) gegründeten Firma. 843 Filialen gibt es nunmehr. Bookoff startete quasi als Antiquariat oder besser gesagt „Gebrauchtbuchhandel“, denn dort findet man weniger rare Kostbarkeiten für Bibliophile, sondern einfach nur Bücher, die jemand nicht mehr braucht. Dazu zählen vor allem die sehr billigen 文庫 bunkō-Bücher, Mangas und Kinderbücher. Seit geraumer Zeit gehören auch CDs, DVDs und Computerspiele zum Angebot.

Das Unternehmen lebt und stirbt mit seinen Algorithmen, nach denen die Preise berechnet werden. Für die meisten Bücher, die man zu Bookoff schleppt, bekommt man ein bisschen Geld – das dauert in der Regel weniger als eine Stunde, aber die Beträge sind oft minimal, zumindest bei CDs und Bücher. Das ist natürlich immer noch besser, als alles wegzuwerfen, und das weiss Bookoff natürlich auch – damit wird geworben.

Heute wurde allerdings bekannt, dass Bookoff zum zweiten Mal in Folge rote Zahlen in der Halbjahresabrechnung vorweisen muss. So machte das Unternehmen zwischen September 2016 und März 2017 rund 1,1 Milliarden Yen Verlust (also gute 8 Millionen Euro) – bei einem Umsatz von rund 300 Millionen Euro. Zwar stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 8%, aber scheinbar machen dem Konzern die Expansionspläne zu schaffen, denn Bookoff hat nun auch begonnen, Second-Hand-Kleidung, -hardware und dergleichen zu verkaufen.

Bookoff ist deshalb interessant, weil es in Japan das Konsumverhalten aktiv verändert. Waren gebrauchte Sachen, egal ob Bücher, Kleidung oder Autos, früher bei vielen Japanern eher verpönt, so sind die Bookoff-Läden heute sehr beliebt und meistens gut gefüllt. Kein Wunder – die Geschäfte sind wahre Fundgruben sowohl für Bücherfans als auch für Musik- und Filmeliebhaber. Da sollte man eigentlich meinen, dass Bookoff den großen Verlagen in Japan ein Dorn im Auge sein sollte, aber dem ist nicht so: Schaut man sich die Aktieninhaber der Firma an, so ist Yahoo! Japan mit 15% der größte Aktieninhaber (anstelle von Ebay wird in Japan Yahoo Auction benutzt, und Bookoff vertreibt viele Sachen auch auf dieser Plattform), gefolgt von zahlreichen großen japanischen Verlagen mit jeweils 5%. Anstatt Bookoff zu bekämpfen, sichern sich die Verlage so eher ihren Anteil – oder sie versehen ihre teureren Bücher ganz einfach mit „consumables“, also Sachen, die den Wert der Bücher erhöhen, aber eine Weiterverkauf schwierig machen, da diese wertsteigernden Sachen (wie zum Beispiel Codes für Onlineausgaben etc) nur ein Mal benutzt werden können.

So gesehen ist es schwer vorstellbar, dass Bookoff letztendlich zugrunde geht – zu viel steht für die Anteilseigner auf dem Spiel. Es wäre auch schade, denn bei Bookoff kann man hin und wieder den einen oder anderen kleinen Schatz bergen, und es macht Leuten wie mir, die prinzipiell keine Bücher wegwerfen können, das Leben ein bisschen einfacher, da man kein allzu schlechtes Gewissen haben muss, wenn man die Lieblinge bei Bookoff „entsorgt“.

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Premium-Freitag

Januar 16th, 2017 | Tagged | 3 Kommentare | 798 mal gelesen

Ganz tolles Ding: Der Premium Friday

Ganz tolles Ding: Der Premium Friday

Überstunden bis der Arzt kommt. Oder wieder geht. Noch immer ist das leider Alltag in Japan – wider aller Bemühungen, Firmen und Ämtern zu erklären, dass (zu viele) Überstunden weder dem Arbeitgeber noch dem Arbeitnehmer gutes tun. Beide Seiten verlieren, wenn die Angestellten zu viel arbeiten. Und so gibt es immer mal wieder neue Ideen, wie man das Problem lösen könnte. Vor ein paar Jahren zum Beispiel tauchte das Wort ノー残業デー No zangyō day auf – der „überstundenfreie Tag“. Als in meiner Firma damals noch viele Japaner arbeiteten, führten wir auch einen überstundenfreien Tag ein – jeweils am Mittwoch sollte es Punkt 7 („定時“ – teiji, „zur regulären Zeit) nach Hause gehen. Die Angestellten schafften es exakt eine Woche lang, sich daran zu halten.

Nun geistern wieder diverse karōshi-Fälle durch die Presse, also wird es mal wieder Zeit, etwas Aktionismus zu zeigen. So tauchen zum Beispiel die ersten Firmen auf, die ihren Angestellten Geld bezahlen, wenn sie sich mit Überstunden zusammenreißen (in einem konkreten Fall war davon die Rede, Angestellten 10’000 Yen (rund 80 Euro) pro Monat zu bezahlen, wenn sie weniger als 30 Stunden Überarbeit pro Monat leisten). Immerhin besser als das, was manche Firmen machen: Für eine Pauschale von 10’000 Yen pro Monat 25 oder mehr Überstunden verlangen.

Ende vergangenen Jahres nun entwarf das Wirtschaftsministerium eine neue Kampagne: Man propagiert nun den プレミアムフライデー Premium Friday. Firmen sollen demzufolge ihre Angestellten am letzten Freitag des Monats um 15 Uhr nach Hause schicken. Die Idee: Die Angestellten sollen sich dann um ihre Familien kümmern können. Oder einkaufen gehen – um die Wirtschaft anzukurbeln. Oder was auch immer. Wie üblich hat man aus diesem Grunde auch eine nagelneue Webseite ins Leben gerufen. Wesentlicher Bestandteil dieser Webseite ist es, den Besuchern zu erklären, was sie tun müssen, um das tolle Logo benutzen zu dürfen. Sicher sind bei der Erstellung des Logos, der Webseite und der Erklärungen zum rechtmäßigen Benutzens des Logos zahllose Überstunden draufgegangen, weil man während der vielen Meetings zur Vorbereitung in der regelmäßigen Arbeitszeit nicht zu Potte kam.

Ob das was bringt? Ein paar Firmen werden da vielleicht mitmachen. Aber was würde es schon bringen, wenn sich zum Beispiel ein Drittel aller Firmen im Raum Tokyo daran halten würde? Alle Geschäfte, Kinos, Restaurants und dergleichen würden brechend voll sein. Schöne Erholung! Anstatt also solche albernen Aktionen ins Leben zu rufen, sollte man lieber die Energie darauf verwenden, striktere Regeln für Firmen in Sachen Überstunden einzuführen – beziehungsweise die eigentlich schon bestehenden Regeln durchzusetzen.

 

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Ein Tag im Müll

September 27th, 2016 | Tagged , | 5 Kommentare | 790 mal gelesen

Was macht man an einem (mal wieder) hoffnungslos verregnetem, freien Tag? Genau, man geht mit seinen Kindern zur örtlichen Müllanlage. Auf Wunsch der Kinder wohlgemerkt, denn als die Schulklasse dort zur Exkursion war, war Töchterchen lustig befleckt krank zu Hause.

Das örtliche ゴミ処理センター Müllzentrum besteht aus einer Mülltrennungsanlage nebst Müllverbrennungsanlage… und einem angeschlossenen, grösseren Schwimmbad mit dem eher italienisch anmutenden Namen Yonetti. Dieses seltsame Wort stammt vom japanischen Wort 余熱 yonetsu Restwärme ab und erklärt damit gleich, was mit der Abwärme der Müllverbrennungsanlage geschieht. Eine vernünftige Idee.

Müllrampe

Müllrampe

An einem verregneten Feiertag rufen wir also im Müllzentrum an und fragen, ob man sich die Anlage ansehen könne. Ja, hiess es – aber nur die Wiederaufbereitungsanlage. Für die Verbrennungsanlage muss man einen Tag im voraus reservieren. Wir spazieren also hin und betreten den blitzblanken Eingangsbereich im vierten Stock – der liegt auf Strassenhöhe, denn das Müllzentrum liegt am Hang eines kleinen Tals. In der dritten Etage befindet sich eine riesige Ausstellungsfläche und eine offensichtlich gelangweilte Empfangsdame, denn wir sind die einzigen Gäste. In der Ausstellung können sich die Kinder austoben: Sie können an Kurbeln drehen und dann erkennen, wieviel Strom sie gerade produzieren und welche Haushaltsgeräte man damit betreiben kann (die Kurbel war so klein – ich kam nur bis zum Fön; bis zur Mikrowelle reichte es nicht), mit dort angeschlossenen iPhones kann man über eine grosse Karte der Stadt fahren und sieht hier und ort animierte 3D-Abbildungen dessen, was da so kreucht und fleucht usw. Schliesslich kam noch eine Angestellte und führte uns 45 Minuten lang durch den Bau, zeigte uns die Müllrampe, den Kontrollbereich, den Sortierbereich usw. und beantwortete dazu alle Fragen der Kinder mit viel Geduld. Ein richtiges Erlebnis, quasi. Besagte Anlage ist übrigens für 450 Tonnen Müll pro Tag ausgelegt und produziert 7,500 kWh Strom.

Der Kontrollraum

Der Kontrollraum

In Kawasaki wurde 1990 der Müllnotstand ausgerufen. Die gute Millionen Bewohner produzierten einfach zu viel Müll, und man musste etwas machen. Die Einwohnerzahl wuchs nämlich ständig weiter, doch Deponien und Müllverbrennungsanlagen waren bereits am Limit. Interessanterweise setzte man jedoch nicht da an, wo man es zunächst vermuten würde – bei der Müllvermeidung. Man kennt eben seine Pappenheimer und weiss, dass der Verzicht auf all die kunstvollen Verpackungen nicht leicht in Japan durchzusetzen ist. Stattdessen setzte man alles auf Mülltrennung und somit der Wiederverwertung. Doch auch dort gibt es verschiedene Ansätze: Während in Deutschland das Pfandsystem bevorzugt wird (vor allem Ostdeutsche sind ja damit gross geworden), gibt es im Japan gar kein Pfandsystem. Stattdessen wird nach Leibeskräften getrennt – nach PET- und Plaste, verschiedenfarbigem Glas, Batterien, Papier, sonstigem brennbaren und nichtbrennbarem Müll. Nein, auch Biotonnen haben sich nicht durchgesetzt, und sie wären in dicht besiedelten Gebieten wie Tokyo auch keine gute Idee.

Yonetti-Schwimmbad, betrieben mit der Abwärme der benachbarten MVA

Yonetti-Schwimmbad, betrieben mit der Abwärme der benachbarten MVA

Bei der Müllverwertung gibt es in Japan noch sehr viel Potential – siehe zum Beispiel Müllvermeidung. Aber die bisherigen Maßnahmen greifen natürlich auch. Vor allem die Aufklärung begeistert mich zumindest: Die Idee, die Müllzentren zu einer Mischung aus Museum und Erlebnispark zu machen und mit der Schule Exkursionen dorthin zu gestalten ist prima. Als wir durch die Ausstellung gingen, kamen übrigens noch drei Besucher – Klassenkameraden meiner Tochter, die beschlossen hatten, sich dasganze noch mal in Ruhe anzusehen.

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Unbeliebtes China oder können 83% der Japaner irren?

Mai 20th, 2016 | Tagged , | 9 Kommentare | 1063 mal gelesen

Alljährlich und beginnend mit der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit der VR China vor 44 Jahren veranlasst das japanische Außenministerium eine Umfrage, in der unter anderem untersucht wird, was der Durchschnittstaro über eben jene Volksrepublik denkt¹. In diesem Jahr war das Ergebnis so schlecht wie nie: 83,2% der Befragten gaben an, der VR China und deren Bewohnern gegenüber „nicht wohlgesonnen“ oder „eher nicht wohlgesonnen“ zu sein. Das war früher anders: Bis zum Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 war es eher andersrum – bis zu 80% blickten dabei wohlwollend auf die Festlandschinesen. Logisch, könnte man hier einwerfen: In jener Zeit war es ja normalen Chinesen gar nicht möglich, nach Japan zu kommen – man konnte den Genossen gemütlich aus der Ferne zusehen und freute sich wahrscheinlich, dass sich das Riesenreich allmählich wirtschaftlich öffnete.

Veränderung der Unbeliebtheitsskala gegenüber China. Quelle: Aussenministerium

Veränderung der Unbeliebtheitsskala gegenüber China. Quelle: Aussenministerium

Mit dem Tian’anmen-Vorfall war das plötzlich vorbei: Der Anteil derer, der eher mißtrauisch auf das Treiben in China sah, war schlagartig in der Mehrheit. Und in den vergangenen Jahren kann man auch nicht gerade von einer Sonnenscheinpolitik Chinas gegenüber Japan sprechen: Die Gebietsansprüche sind enorm, auch gegenüber Japan (Senkaku-Inseln) und werden immer aggressiver vertreten. Doch das ist nicht das einzige Problem: Japanische Produkte sind in der explosionsartig entstandenen Mittelschicht Chinas aufgrund des Misstrauens in die heimischen Produkte enorm beliebt, doch da auch ein noch so gewiefter japanischer Windelhersteller mal nicht eben zusätzliche 100 oder mehr Millionen Chinesen mit Windeln versorgen kann, kommt die Produktion nicht hinterher, zumal es nach wie vor schwer ist, sich auf dem gut protektionierten chinesischen Markt niederzulassen. Aus diesem Grund begann vor ein paar Jahren ein regelrechter Einkaufstourismus gen Japan.

Geht weg wie warme Semmeln: Merries-Windeln.

Geht weg wie warme Semmeln: Merries-Windeln.

Mein Schwager, seines Zeichens jemand, der über mehrere Filialen einer Drogeriekette wacht, schildert dieses 爆買い bakugai (in etwa: Kaufrausch) genannte Verhalten so: Die Filiale hat noch nicht einmal geöffnet, aber schon parkt ein Bus voll mit Chinesen vor der Tür. Sobald die Filiale aufmacht, dauert es keine 2 Minuten, bis sämtliche Bestände eines gewissen Produkts (zum Beispiel Windeln der Marke Merries) restlos ausverkauft sind. Keiner spricht ein Wort Japanisch, aber das Personal wird mitunter unfreundlich angeraunzt, wenn die Menge nicht ausreichte. Mitunter klappen die Busgesellschaften etliche Filialen kurz hintereinander ab, und es wird gekauft, was in den Bus passt.

Das ist bzw. war aber nicht nur in Drogerien so – auch Luxusartikel sind sehr gefragt. Laut Untersuchung des Tourismusamtes² gibt angeblich ein Besucher aus China im Durchschnitt über 2,000 Euro in Japan aus – und das garantiert nicht nur für Hotel und Souvenirs. Es werden Waren gehamstert und schliesslich mit Gewinn in China weiterverkauft (deutsche Japanbesucher geben im Schnitt nur 1’200 Euro aus und Koreaner nur 500 Euro).

Ein positives Problem, möchte man meinen, denn ohne den für viele unheimlichen Besucherstrom würde es der ohnehin schon lange kränkelnden Wirtschaft noch schlechter gehen. 83,2% der Japaner geht das jedoch offensichtlich gegen den Strich. Man muss allerdings kein Psychologe oder Soziologe sein, um zu erahnen, dass es einfach Angst ist – Angst vor dem immer stärker werdenden Nachbarn, der mit Japan bald machen kann, was er will – denn Japan liegt an der Peripherie und ist wohl oder übel gezwungen, sich mit der Volksrepublik zu arrangieren. Das merkt man allein daran, dass wiederum 70% der Befragten angaben, gute Beziehungen zu China für sehr wichtig zu erachten.


¹ Die Umfrageergebnisse werden hier veröffentlicht. Gefragt wird auch nach Koreanern (64,7% sind jenen nicht wohlgesonnen).
² Ergebnisse siehe hier.

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