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Tōhoku-Pazifik-Erdbeben: Update XIII

März 29th, 2011 | Tagged , , , | 43 Kommentare | 9480 mal gelesen

Hier mal wieder ein kurzes Update aus Tokyo, fast zweieinhalb Wochen nach dem Erdbeben.

AKW Fukushima
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Na wenigstens scheint Fukushima in Deutschland etwas bewirkt zu haben – halb amüsiert, halb pikiert schaue ich der Lage in Deutschland natürlich mit grossem Interesse zu, und auch die japanischen Medien schauen auf Deutschland – Schlagzeilen wie „eine Viertel Million Deutsche demonstrieren gegen Kernkraft“ machen hier die Runde – ohne dies positiv oder negativ zu werten. Kernkraft in Deutschland abschaffen? Warum nicht. Schade fände ich es persönlich jedoch, wenn man auch die Forschung dazu einstellen würde: Kernenergie ist und bleibt eine Energiequelle, die, wer weiss, vielleicht irgendwann gebändigt werden kann (was ist eigentlich aus der Idee der kalten Fusion geworden?)

Auch wenn mir das einige wenige Kommentatoren abzusprechen scheinen – ich mache mir natürlich auch Sorgen und bemühe mich, so weit es geht, an verlässliche Messdaten zu kommen. Wie hoch ist die Strahlung in der Umgebung? Wie stark belastet ist das Trinkwasser? In Tokyo und Umgebung hatte sich die Strahlung in den letzten Tagen (überwiegend Nordwind) bei ca. 0.1 Mikrosievert (μSv) pro Stunde eingependelt. Normal sind in dieser Gegend wohl 0.02 μSv – wir sprechen also von einem fünffach erhöhten Wert. Ein Hin- und Rückflug nach New York (von mir aus auch nach Deutschland – das liegt jedoch ein bisschen näher) bringt wohl 190 μSv mit sich, eine Röntgenaufnahme des Thorax 50 μSv.
In Tokyo konnte angeblich in den letzten Tagen keine Radioaktivität im Trinkwasser festgestellt werden, aber so richtig wollen die Leute das noch nicht glauben, und so wird wohl Wasser in Flaschen auf Dauer Mangelware bleiben. Wer will es den Müttern verdenken. Auch wir haben uns ein paar Kisten Wasser aus Kansai und Kumamoto geschickt bzw. schicken lassen.
Auf Gemüse aus dem Raum Kantō verzichten wir und viele andere mit Sicherheit auch – und hoffen, dass das Herkunftsgebiet ordnungsgemäss etikettiert ist. Auf Fisch aus der Gegend verzichten wir vorläufig, bis wir mehr wissen, auch. Viele dieser Vorsichtsmassnahmen sind wahrscheinlich nicht von Nöten, aber mit einem Säugling und einem Kleinkind im Haus geht man freilich lieber auf Nummer sicher.

Die Meldungen aus dem AKW sind nachwievor verwirrend. Mal gibt es stundenlang keine neuen Nachrichten – und man fragt sich ernsthaft, ob keine Nachricht eine gute Nachricht ist oder eine schlechte. Heute hat zumindest offiziell eingestanden, dass es ganz offensichtlich zu einer partiellen Kernschmelze gekommen war – aber darin schienen sich die Experten ja zuvor schon einig gewesen zu sein.

Wir verfolgen unter anderem den Blog des Wissenschaftlers und ehemaligen Nuklearforschers Takeda, der meiner Meinung sehr kritisch, aber – und das ist wichtig – besonnen mit dem Thema umgeht. Takeda sah Tokyo vor allem um den 16. März herum in ernsthafter Gefahr (am 15. hatte ich meine Familie weggeschickt…), geht aber im Moment von einer Stabilisierung der Lage aus. Sein Blog ist auf Japanisch und – ja, lesenswert.
Ansonsten – wer sich genau dafür interessiert, wie es mit den Strahlenwerten in der Gegend momentan verhält, dem sei ein Blick auf die Strahlenwerte, veröffentlicht von der Japan Times, empfohlen. Zeigt zwar nur die Durchschnittswerte vom Vortag, aber besser als gar nichts.

Lage im Norden
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Da ich nicht vor Ort bin, kann ich leider nicht sehr viel dazu sorgen. Die Aufräumarbeiten scheinen voranzugehen, und man hat mit dem Bau von Notunterkünften begonnen. Wichtige Verkehrstrassen wurden zum Teil wieder hergestellt, und da es mittlerweilen auch wieder mehr Benzin gibt und das Wetter etwas frühlingshafter werden soll, sollte sich die Lage leicht entspannen. Sehr angespannt sieht jedoch noch immer die Lage in Fukushima aus, vor allem in 相馬 Sōma – diese Stadt wurde auch schwer vom Tsunami getroffen, aber aufgrund der nahen Lage zum AKW gelangen keine Hilfsgüter in die Stadt. Die evakuierte Zone (20 km) gilt momentan als radioaktiv stark verseucht – ehemaligen Anwohnern wird ausdrücklich empfohlen, nicht in die Sperrzone zu fahren um persönliche Sachen zu holen.

Lage in Tokyo
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Leicht gestiegene Temperaturen (heute: 12 Grad) und eine grössere Vorhersehbarkeit von Verbrauchsspitzen sorgten dafür, dass der Strom heute nur in einer von 5 Zonen für 3 Stunden gesperrt wurde. Am Wochenende bleibt sowieso allen der Strom erhalten – da die meisten Betriebe am Wochenende schliessen, reicht der Strom.
Die Lage wird sich mit dem Frühlingsbeginn sicher wieder entspannen – aber im Sommer wird es auf jeden Fall kritisch werden: Bei grosser Luftfeuchte und Temperaturen bis knapp 40 Grad wird nun mal gekühlt. Wie sich Stromsperren im Sommer auf die Versorgung mit Lebensmitteln auswirken wird, bleibt abzuwarten, aber es wird mit Sicherheit etliche Engpässe geben.

Lage in Urayasu (mein Wohnort)
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Im letzten Beitrag hatte ich ein Video vorgestellt, in dem man die Bodenverflüssigung und die Folgen sehen konnte. Gestern bin ich mit meiner Tochter quer durch die Stadt zum Meer gefahren – und auch dorthin, wo das Video gemacht wurde. Dort sieht es wirklich wüst aus – schiefe Gebäude, eine Strasse hat sich – längs wohlgemerkt – um ca. 30 Grad aufgestellt, überall Berge getrockneten Schlamms, gerissene Strassen… Jedoch: Interessant war die Topographie der Schäden. Das neueste Neuland, angebaut in den 1990ern, war nahezu vollkommen unversehrt. Das Neuland zwischen Bahnlinie und den neueren Poldern hingegen hat es arg erwischt. Da wird wohl einiges an Ärger auf die Bauherren zukommen – ganz offensichtlich hatte man sich bei einigen Stadtteilen nicht sehr grosse Mühe gegeben mit der Erdbebensicherheit. Am Wochenende war dabei grosser Subotnik: Etliche Nachbarschaften räumten zusammen auf (unsere nicht, da es hier kaum Schäden durch Bodenverflüssigung gab).

Medien
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Die deutschen Medien bereiten mir nachwievor viel Freude. In der Tagesschau vom 27. März weiss der Reporter Mario Schmidt zu berichten, dass die Japaner zunehmend über die Lage verunsichert sind – und zwar aus Ōsaka. Wie er das wohl mitbekommen hat? Hat er etwa japanisches Fernsehen gesehen oder Zeitung gelesen? Ganz ehrlich, liebe ARD: Dazu muss man keinen Reporter in Ōsaka haben. Entweder, ihr berichtet richtig oder gar nicht. Mit Verlaub: Die Stimmung in Tokyo kann man in Ōsaka ganz bestimmt nicht messen.
Der Spiegel orakelt in der Ausgabe 12/2011 hindessen darüber, dass Japan nunmehr auf unbestimmte Zeit das „Land der untergehenden Sonne“ sein wird. Alle Achtung, das ist doch mal ein richtiger Kalauer! Ferner wird darüber gestaunt, wie hilflos Japan in Anbetracht der Katastrophe zu ssein scheint. Ich sollte wirklich aufhören, den Spiegel zu lesen.

Unwort „flyjin“
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Momentan hört man in Tokyo des öfteren den Begriff „flyjin“. Der setzt sich zusammen aus „fly“ (fliegen) und dem -jin in gaijin (Ausländer, das -jin steht für „Mensch“). Gemeint sind Ausländer in Japan, die alles stehen und liegen gelassen haben, um nach dem Erdbeben/der Zuspitzung der Lage im AKW Fukushima das Weite zu suchen.
Vorwürfe hört man – zur Zeit zumindest – eher von anderen Ausländern, die geblieben sind, als von Japanern. Die meisten Japaner werden wahrscheinlich sowieso denken „Wäre ich im Ausland und das würde passieren, würde ich wahrscheinlich auch fliehen“. An der Entscheidung, Tokyo in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg zu verlassen, werden sich noch auf lange Zeit die Geister scheiden. Die, die ausharrten, werden sagen „wir sind nicht gleich abgehauen“, die, die gingen, werden sagen „Ihr seid doch einfach nur leichtsinnig/dummgläubig“.
Persönlich kann ich es zumindest keinem verübeln. Die Lage sah teilweise sehr kritisch aus, und noch immer ist die Lage nicht völlig entspannt. Einer unserer Angestellten zog es auch vor, vorläufig in seine Heimat (USA) zurückzukehren – und von dort weiterzuarbeiten. Unser Chef nahm ihm das gehörig übel: Er kommt aus England.

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Wenn der Untergrund flüssig wird

März 27th, 2011 | Tagged , | 12 Kommentare | 2288 mal gelesen

Ich hatte in den vorangegangenen Tagen gelegentlich am Rande daraufhingewiesen, dass es in meiner Stadt vergleichsweise schwere Schäden durch das Erdbeben gab – hauptsächlich verursacht durch 液状化 – ekijōka – Bodenverflüssigung, bei dem sich Sand und Wasser im Untergrund durch die starken Schwingungen verdichten und nahezu flüssig werden. Über 60% meiner Stadt (Urayasu) sind auf relativ neuem Neuland gebaut wurden, darunter auch Tokyo Disneyland und riesige Wohnviertel mit teuren bis sehr teuren Eigentumswohnungen. Im Fernsehen bzw. gleichzeitig im Internet bin ich auf ein Video gestossen, welches jemand geistesgegenwärtig während des Erdbebens aufgenommen hat: Hier erkennt man sehr deutlich die Scherbewegungen und die Geschwindigkeit, mit der die Bodenverflüssigung zu wirken beginnt.

Zum AKW aus Fukushima erstmal nicht mehr. Mit der Unsicherheit werden wir gewiss noch eine ganze Weile leben müssen.

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Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update

März 11th, 2011 | Tagged , | 15 Kommentare | 1685 mal gelesen

Die Nachrichten ändern sich von Minute zu Minute, und es ist beim jetzigen Stand der Dinge noch gar nicht abzusehen, was alles passierte und wie gross die Schäden sind.
Trotzdem ein Update erstmal an dieser Stelle, gut 8 Stunden nach dem Hauptbeben:

Gegen 14:50 japanischer Ortszeit bebte im Pazifik vor der Küste der Präfektur Miyagi die Erde. Das Epizentrum lag rund 25 km unter der Oberfläche, die Stärke nach Richter-Skala war 8.8 und damit das schwerste in der jüngeren Zeit gemessene Beben in Japan. Auch im hunderte Kilometer entfernten Tokyo war das Erdbeben sehr kräftig zu spüren.

Schadensbilanz:
– Bis zu 7 m hohe Tsunami-Wellen rollten im Nordosten landeinwärts. Zahlreiche Gebäude in Städten im Norden stürzten ein.
Bisher zählt man 76 Tote (davon 3 in Tokyo und 4 in Chiba), doch es wurde bereits gemeldet, dass 200-300 Leichen durch das
Wasser bei Sendai an Land gespült wurden. Die wahre Opferzahl wird man erst in ein paar Tagen erfahren – sie wird aber um ein Vielfaches höher sein.

– Alle Züge im Norden und rund um Tokyo halten, Flughäfen und Autobahnen werden gesperrt.

– In Tokyo, bei Odaiba, sowie in der Provinz Chiba, entlang der Bucht von Tokyo, sowie auch in Sendai geraten Lager und Raffinerien in Brand. Die Brände halten momentan noch immer unvermindert an, begünstigt durch starken Wind.

– Zumindest ein Kernkraftwerk – in Fukushima – hat Schaden genommen. Womöglich ist dabei auch radioaktives Material ausgetreten. Die Bevölkerung im Umkreis von 3 km wurde bzw. wird evakuiert. Näheres ist nicht bekannt.

– Auch 8 Stunden nach dem Hauptbeben wackelt die Erde alle paar Minuten lang – etliche Nachbeben haben die Stärke 5.5 und mehr.

– Der Schaden im Raum Tokyo ist vor allem entlang der Bucht gross – relativ junges Neuland wurde arg in Mitleidenschaft gezogen.

– Hunderttausende Menschen sitzen in Tokyo fest, da nichts fährt. Taxis sind schwer zu bekommen, und auch wenn man sie bekommt, steht man damit nur im Stau.

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Wegen meiner Familie hatte ich beschlossen, nicht im Büro auszuharren (dort ist es relativ sicher), sondern habe gegen 17:30 zu Fuss den Heimweg angetreten (von Ebisu bis in die Präfektur Chiba). Gute 4 Stunden ohne Pause hat es gedauert, und es waren viele Menschen unterwegs, begleitet von permanenten Sirenen und Hubschraubern. Entlang der Bucht konnte man die Raffinerien von weitem brennen sehen.

Am Bahnhof Maihama angekommen sah ich die ersten wirklichen Schäden – alles am Bahnhofsvorplatz wurde aufgeworfen, verdreht, Brückenteile sackten ab (siehe Photos unten).
In der Gegend hier gibt es momentan kein Wasser und kein Gas, und wir sind nicht sicher, wann es zumindest wieder Wasser geben wird.
Die Geschäfte sind entweder geschlossen oder (siehe ebenfalls Photo unten) nahezu komplett ausverkauft.

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Spiessrutenlauf am Morgen

Oktober 29th, 2010 | Tagged , , | 8 Kommentare | 810 mal gelesen

Fussgängerbrücke in Maihama

 

Seit einigen Monaten schon erlebe ich allmorgendlich das gleiche, amüsante Schauspiel: Aktionismus in Reinform. Worum geht es? Vor meinem Bahnhof gibt es eine lange, an den meisten Stellen sehr breite Fussgängerbrücke, die dort eine grosse Kreuzung über- und die Autobahn unterquert. Ein recht kompliziertes Gebilde mit drei Rampen: Die oben im Bild (der rote Faden ist mein Weg) führt nach beiden Seiten hin von der Brücke her abwärts und wird von Fussgängern und Radfahrern gleichermassen genutzt.

Eine Rampe vor dem Bahnhof endet in Treppen zum Bahnhofseingang, eine andere in U-Form abwärts – die ist für Radfahrer. Nun muss vor ein paar Monaten irgendein Pfiffikus in der Stadtverwaltung entschieden haben, dass es vielleicht besser wäre, Radfahrer absteigen zu lassen – oder zumindest jene zu bitten, abzusteigen. Dass sich für Radfahrer, und das sind die meisten, der meist ohnehin schon lange Weg zur Arbeit gleich noch mal um 10 Minuten verlängert, ist ja egal.

Nun zur Durchführung des teuflischen Plans: Unten (oben rechts im Bild) steht ohnehin schon seit einiger Zeit eine Barriere, bei der Radfahrer abbremsen müssen, und eine fesche Lampe mit Rundumkamera oben drin. An der Auffahrt steht dann Rentner #1, und sagt freundlich, man solle doch vorsichtig sein. Ist man oben angelangt, steht dort ein CD-Player, der einschläfernde Musik und subliminare Botschaften abspielt: „Lass uns doch das Fahrrad über die Brücke schieben. Lass uns aufeinander Rücksicht nehmen“ usw. Man biegt auf die Brücke ein nach links, und schon steht CD-Player Nummer 2 dort. Die CD ist die gleiche.

Man fährt weiter, unter der Autobahn hindurch, und nähert sich der Rampe linkerhand. Dort die geballte Ladung: Rentner #2 sowie eine junge Polizistin (strafversetzt? Praktikum?). Letztere säuselt leise „Bitte vorsichtig fahren!“. Es geht die Rampe hinab, und auf der Hälfte, in der Haarnadelkurve, muss man aufpassen, nicht CD-Player Nummer 3 zu überfahren. 180-Grad-Wendung, und weiter unten steht Rentner #3: Bei nassen Untergrund ruft er schon von weitem zu: „Achtung, hier ist es rutschig!“. Recht hat er – ungebremst bei Regen in die 90-Grad-Kurve zu gehen ist… mutig, gelinde gesagt.

Ach ja, abends, wenn die ganzen Kaputten mit ihren bröckeligen Fahrrädern die gesamte Brücke ausmessen, weil sie nebenher mit ihren Handys Emails schreiben, Tetris spielen oder Fernsehen schauen, ist niemand da: Kein Rentner, kein CD-Player, keine Polizistin.

Einerseits bin ich natürlich froh, dass man nicht kurzerhand das Fahrradfahren dort verbietet. Andererseits – für psychisch labilere Zeitgenossen mit leichtem Hang zur Paranoia wäre diese Route sicher nicht zu empfehlen.

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Spass bei der Wohnungssuche

Juni 6th, 2010 | Tagged , | 7 Kommentare | 783 mal gelesen

Wir suchen momentan eigentlich nicht sehr aktiv nach einer Wohnung. Passiv aber schon. Ganz eigentlich spielen wir eher mit dem Gedanken, uns eine Wohnung oder ein Haus zu kaufen, aber die Entscheidung will gut überlegt sein, und es ist auch keine so unwesentliche Investition: Will man in der hiesigen Gegend etwas brauchbares, muss man schliesslich mindestens 300’000 Euro auf den Tisch legen – bzw. dementsprechend einen Kredit aufnehmen und anstelle der Miete eben die Raten zurückzahlen. Das ist so Usus in Japan.

Das Angebot, welches gestern in unserem Briefkasten lag, sah jedoch ganz verlockend und nach einer passablen Zwischenlösung aus: Eine 2 LDK-Wohnung (sprich „Living+Dining+Kitchen plus zwei Zimmer“), 57 m² gross, für in meiner Stadt unschlagbare 95’000 Yen (also 750 Euro ungefähr). Heute morgen las ich den Zettel, und auf dem stand: Besichtigung möglich am 6. und 7. Juni. Fussweg von der jetzigen Wohnung: knappe 10 Minuten. Kleines Problem bei der jetzigen Wohnung: Sie liegt überdurchschnittlich gut. Vor dem Haus – zwei kleine Einbahnstrassen, dazwischen ein kleiner, baumgesäumter Pfad und ein kleiner Bach. Hinter dem Haus, quasi vor unserem Balkon: Nachbars Garten, und der ist gross und gut gepflegt. Nachbar ist reich. Sein verzogener Sohn ist zwar ziemlich laut nachts, aber gottseidank ist er vor drei Jahren ausgezogen. Grössere Probleme bei der jetzigen Wohnung: 47 m² zu dritt sind nicht, nun ja, extrem gross, obwohl irgendwie auch ausreichend. Und: Die Nachbarn zur Rechten gedenken ca. ein Mal alle 6 Monate, sich halbtot zu schlagen. Die Geräuschkulisse dabei möchte ich jetzt nicht weiter erörtern. Aber es ist nichts, was man seine Kinder hören lassen will (zumal jenige selbst auch ein Kind haben).

Wohnungsbesichtigung also. Das Haus steht keine 100 m hinterm Deich und die Gegend ist sehr, sehr ruhig. Gut. Grün rundherum? Nein. Das Haus von aussen? Ach Du lieber Gott! Irgendwie… nicht heruntergekommen, aber kurz davor. Der Viergeschosser sieht nicht allzu vertrauenserweckend aus. Aber man soll ja ein Buch nicht nach dem Einband beurteilen (oder!?). Rein in die Wohnung und: Überraschung. Alles neu, alles glänzt. Badewanne, die die Wassertemperatur halten kann (wichtig in Japan). Beheizte Klobrille mit Gesässdusche. Richtig guter Gasherd. Ein grosses Wohnzimmer, ein langer Balkon, zwei begehbare Wandschränke und eben noch zwei weitere Zimmer. Und diese Ruhe – man hört doch tatsächlich rein gar nichts. Alle Achtung. Unser Kind, welches sich sonst vehement weigert, auf Toilette zu gehen, möchte prompt die Toilette (und die der ebenfalls leerstehenden Nachbarwohnung) ausprobieren. Währed Kind danach mindestens dreissig Mal sagt „Hier möchte ich wohnen! Aber wo sind meine Spielsachen?“, löchern wir den Immobilienfritzen mit Fragen: Kann man dort auch eine Klimaanlage anbringen? Wie sieht es mit Breitband-Internet aus – gibt es schon einen Provider? Gelockt wird bei dem Objekt auch damit, dass man nur eine Monatsmiete Kaution zahlen muss und, so man sich im Juni entscheidet, kein 礼金 reikin zahlen muss.

„Reikin“. Jeder Versuch, dieses Wort zu übersetzen, wird nur Absurdes hervorbringen: rei = Dank, kin = Geld. Das Geld, das man an den Besitzer zahlt aus Dank dafür, dort wohnen zu dürfen. Klingt absurd? Ist es auch. Trotz allem ist man (bestimmt nicht nur in Japan) gut daran beraten, den Immobilienmakler direkt mit der folgenden Frage zu konfrontieren: „Sagen wir mal, wir ziehen hier ein. Was würde das insgesamt kosten?“. Die Antwort kam recht flink: Naja, um die 360’000 Yen (also 3’000 Euro). Wie sich das zusammensetzt? Eine Monatsmiete im Voraus + eine Monatsmiete Kaution + eine Miete Maklerprovision + 50’000 Yen Zwangsversicherung usw. Das letztere kam mir etwas seltsam vor.

Direkt neben dem Haus steht ein exakt baugleiches Haus, Abstand: 1 m. Während wir uns mit dem Makler unterhielten (gegen 2 Uhr nachmittags) gingen zwei völlig versiffte Gestalten mit Bierdosen vor uns vorbei in ihre Kemenaten. Ein paar Minuten später dann ein weiterer, sehr finsterer Geselle, der uns (genauer gesagt mich) mit geringschätzendem Blick von unten bis oben musterte. Aha.

Letztere Begegnungen haben uns schliesslich dann doch dazu bewogen, die Sache ruhig angehen zu lassen: Es gibt noch mehr freie Wohnungen in der Gegend. Wäre ich allein, wäre mir das alles ziemlich egal gewesen, aber mit Kind schaut man dann doch lieber zwei Mal hin.

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Gut versorgt: Kleine Statistik

März 15th, 2010 | Tagged | 10 Kommentare | 970 mal gelesen

In meiner Wahlheimatstadt erscheint alljährlich ein Katalog – eine Art Gelber Seiten, in denen alle Institutionen und Geschäfte aufgelistet werden. Deshalb mal an dieser Stelle eine kleine Statistik – wer möchte, kann das gern mit seinem Wohnort vergleichen:

Stadtname:		浦安 Urayasu, Präfektur Chiba
Stadtfläche:		17 km²
Einwohner:		164'000
davon Ausländer:	3,300 (2,0%)
Einwohnerdichte:	9'480 pro km²
Neulandanteil (neu seit 1960):	¾ der Gesamtfläche
Bahnlinien:		1
U-Bahnlinien:		1
Buslinien:		26
Besucher pro Jahr:	> 20 Millionen (hauptsächlich Disneyland & Cirque du Soleil)
Hotels:			22
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Fast Food-Restaurants:	27
Restaurants - gemischt:	40
Restaurants - westlich: 40
Restaurants - ethnisch:	 8
Restaurants - japanisch:28
Sushibars		29
Japanische Esshallen:	12
Tonkatsu-Restaurants (jap.Kotelett)			12
Yakiniku (koreanisches Gegrilltes)-Restaurants:		19
Okonomiyaki-Restaurants:	14
Udon/Soba (jap. Nudeln):	26
Ramen-Shops (chin. Nudelsuppe)	25
Chinarestaurants:		27
Jap. Kneipen (Izakaya)		66
Bars				25

Convenience Stores:		54

Universitäten:		 3
Oberschulen:		 4
Mittelschulen:		 9
Unterschulen:		17
Kindergärten:		22

Bibliotheken:		 5
Bücher in Bibliotheken:	 2 Millionen

Schreine:		 4
Tempel:			12

Friseure:		91
Zahnärzte		79

Usw. usf. Erstaunlich, was man alles auf 17 km² unterbringen kann!

Das Wort des Tages: 統計 tōkei – Statistik.

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Schnee von heute

Februar 1st, 2010 | Tagged , | 8 Kommentare | 1528 mal gelesen

Jaja, das folgende Bild ist für viele in Deutschland – zumindest in Nordostdeutschland – ein „least wanted“. Aber eine geschlossene Schneedecke in Tokyo ist nun mal relativ selten. Im vergangenen Winter hat es bis auf ein paar Krümel im März zum Beispiel gar nicht geschneit. Heute legt der Winter allerdings ordentlich zu:

Schnee in Tokyo

Das Photo habe ich vor 5 Minuten vor unserem Haus aufgenommen. Warum nachts? Weil morgen früh wahrscheinlich alles Matsch ist. Selbst im Stadtzentrum von Tokyo lag vorhin eine geschlossene Schneedecke – ein seltener Anblick. Und Tokyo liegt ja immerhin südlicher als zum Beispiel Tunis, aber das kann man freilich nicht so leicht vergleichen.

Das Wort des Tages: . yuki. Der Schnee. Keine Seltenheit in Westjapan, aber nicht allzu häufig an der Ostküste.

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