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​Wenn eine ganze Stadt feiert

Juni 23rd, 2016 | Tagged , | 1 Kommentar | 568 mal gelesen

Es war wieder soweit – 4 Jahre sind vergangen seit der letzten Fussball-EM, und ebenso seit dem letzten 三社祭 Sanja-Matsuri, dem 3-Schreine-Fest in Urayasu, vor den Toren von Tokyo. 2012 hatte ich mir das Spektakel auch angesehen – und 2008. Habe ja schliesslich neun Jahre dort gewohnt, genau in der Mitte der Stadt, wo es auch gleichzeitig am ruhigsten ist, da sich das ganze Geschehen hauptsächlich rund um die Bahnhöfe abspielt, und Urayasu hat drei davon. Und alle drei lagen ziemlich exakt genauso weit von meiner damaligen Wohnung entfernt – 2 Kilometer.

Beim Sanja-Matsuri in Urayasu

Beim Sanja-Matsuri in Urayasu

Urayasu kann man relativ leicht in vier Teile untergliedern: Tokyo Disneyland und Umgebung – eine Stadt innerhalb der Stadt, dann das Neuland entlang der Bucht – geprägt von großzügigen Neubauten, in denen passable Wohnungen bei einer halben Million Euro Kaufpreis beginnen. Dann der Nordteil, einst ein Fischerdorf – mit etwas rauher, aber herzhafter Atmosphäre und den letzten verbliebenen Fischern und Muschelpulern. Zu guter letzt noch die Mitte, die den todvornehmen Süden vom rauhen Nordteil kennt. Für die Hergezogenen und die, die sich nicht entscheiden komnten oder wollten.

Hier dürfen auch die Frauen ran -- das ist nicht überall so in Japan

Hier dürfen auch die Frauen ran — das ist nicht überall so in Japan

Vor zwei Jahren sind wir weggezogen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Und seit einem Jahr war ich nicht mehr in der Stadt, dabei ist die nur eine Stunde mit dem Zug entfernt. Doch am Sonntag bekam ich umgehend das Gefühl, dass mein eigentlich öfter zurückkehren sollte. Sicher, Freunde kommen uns gelegentlich besuchen, oder man trifft sich in der Mitte, in Tokyo, aber allein mal wieder die salzige Meerluft zu schmecken – das merkt man freilich nicht mehr, wenn man dort lebt (man merkt es nur daran, dass einem sämtliche Fahrräder innerhalb eines Jahres unter dem Hintern wegrosten) – hat was. Und das Sanja-Matsuri erst: Dieses Fest ist ausserhalb von Urayasu relativ unbekannt, bei Touristen sowieso. Es ist auch schwer zu beschreiben, denn es gibt keine Hauptattraktion. Die eigentliche Attraktion ist die pure Grösse der Veranstaltung: Drei Schreine lassen da ihre mikoshi gleichzeitig, aber auf drei ganz verschiedenen Routen durch die Stadt tragen. Und ein Zug besteht dabei aus dutzenden mikoshi – grössere für die Männer und Frauen, winzige für die Kinder. Alle Einwohner sind draussen. Die Nachbarschaftsverbände stellen Zelte und Stühle raus. Die Strassen sind von Menschenmassen – nur wenige sind von ausserhalb – gesäumt, wenn der kilometerlange Zug unter gewaltigen, heiseren „mae da!“-Rufen der verschwitzten, bei den Männern nicht selten äußerst spärlich bekleideten Schreinträger durch die Stadt rollt. Und es ist ein Knochenjob: Die Balken, auf denen die Mikoshi platziert sind, packen nochmal ordentlich Gewicht zum eigentlichen Schrein hinzu. Die Träger stehen sehr eng, und alle dutzend Meter wird der Schrein hochgehoben, gar mehrfach hochgeworfen oder nur knapp über dem Boden horizontal hin- und hergedreht. Von Freitag bis Sonntags. Von 9 Uhr morgens bis 19 Uhr abends.

Mit ganzer Kraft dabei

Mit ganzer Kraft dabei

Dieses Matsuri gibt es seit den 1910ern, und bis in die 1950er war das ganze auch unter dem Namen けんか祭り kenka-matsuri (Zankfest) bekannt, da sich die Anhänger der drei verschiedenen Schreine gerne miteinander prügelten. Zeitweise wurde die Veranstaltung deshalb sogar verboten. Wenn man sich heute die Hauptakteure so ansieht, kann man sich noch immer gut und gerne vorstellen, das es durchaus rauher zugehen kann: Viele Yakuza sind dabei, und noch viel mehr やんちゃ yancha – kurz umschrieben etwas weniger angepasste Jugendliche. Doch es geht friedlich zu heutzutage. Sehr laut zwar und wenn man das erste Mal dabei ist leicht bedrohlich, aber friedlich. Unzählige Kinder sind auch dabei, und die werden soweit möglich und zur Freude der Kleinen mit einbezogen. Es herrscht shitamachi-Flair (下町shitamachi – „Unterstadt“ – hier wohnt der hart arbeitende, und trotzdem arme Teil der Bevölkerung). Genau diese Atmosphäre vermisse ich an meinem Wohnort doch tatsächlich ein bisschen – dort ist es nicht genug Stadt um eine Unterstadt zu entwickeln. Aber man kann ja nicht alles haben.

Mizuame

水飴 mizuame – ‚Wasserbonbons‘ – aus Stärke gewonnener, sehr klebrige Zuckermasse, gibt es bei jedem Matsuri

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753 Reloaded

November 18th, 2013 | Tagged , , | 8 Kommentare | 8381 mal gelesen

Auch in Japan gab es mal Zeiten, in denen grosse Not herrschte und es nicht selbstverständlich war, dass Kinder mehr als die ersten zwei, drei Lenze sehen. Das ist gottseidank heutzutage anders, doch vor diesem Hintergrund hat sich eine Tradition bis in die heutigen Tage gerettet: Das 七五三 shichigosan (7-5-3) – ein Ritual, das begangen wird, wenn Jungen 5 Jahre alt werden oder die Mädchen 3, und später dann nochmal 7 Jahre alt. So zumindest die Faustregel, denn das kann je nach Region variieren. In einigen Regionen und entsprechend Familien machen die Jungen das Ritual dreimal durch.

Da es sich alles in allem um eine erfreuliche Sache handelt, wird dies normalerweise in einem shintōistischen Schrein gehandhabt und nicht in einem buddhistischen Tempel. Das geht in etwa so: Man spricht beim Schrein vor (oder ruft einfach an), wenn es bald November wird und die Kinder das entsprechende Alter erreicht haben – oder in Bälde erreichen werden. Der Priester nimmt die „Reservierung“ entgegen, und sagt, was mitzubringen sei. Ganz wichtig dabei: Ein kleiner Obulus, als „o-kimochi“, also als Geste. Im Falle unseres Stammschreines sind das, was für ein schöner Zufall, 10,000 Yen, also knapp 80 Euro. Pro Kind wohlgemerkt. Und gestern hatten wir derer zwei, die „fällig“ waren. Für die Zeremonie werden die Kinder in der Regel hübsch verpackt – im Kimono oder im Kleid oder im Anzug, jenachdem, was die Eltern oder Großeltern bevorzugen. Nun ist das mit dem Kimono freilich so eine Sache: Möchte man einen schönen Kimono, kostet der mehrere tausend Euro, und da die lieben Kleinen in null-komma-nichts rausgewachsen sind (und es an anderen Gelegenheiten mangelt, den Kimono zu tragen – auf dem Spielplatz würde es sicher zu leichten Irritationen führen), sollte man sich die Sache gut überlegen. Man kann sich zum Beispiel auch einen Kimono ausleihen, und das kostet ebenfalls meistens um die 10,000 Yen. Bei uns war es am Sonntag also soweit, und wir hatten Glück: 18 Grad, Sonne – perfektes Wetter. Dazu quengelige, aber piekfein angezogene Kinder, die sich nur ungern fotografieren lassen. 30 Minuten später war die Sache vorbei, und wenn ich daran denke, dass dies das letzte 753 für meine Tochter war, werde ich beinahe etwas sentimental. Erst recht, wenn ich mir das Photo vom 753 vor 4 Jahren ansehe – siehe unten.

Mehr möchte ich mich über 7-5-3 jetzt nicht auslassen, denn das habe ich schon vor vier Jahren in diesem Artikel getan.

753 vor 4 Jahren...

753 vor 4 Jahren…

 

 

... und 2013, dieses Mal mit Verstärkung

… und 2013, dieses Mal mit Verstärkung

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Die Rutsche des Todes

August 7th, 2013 | Tagged , | 1 Kommentar | 13762 mal gelesen

Satellitenbild der Rutsche bei Google Earth

Satellitenbild der Rutsche bei Google Earth

In der Mitte meiner Stadt gibt es einen rechteckigen Park. Mitten im – für japanische Verhältnisse sehr grünem – Park thront der Urayasu-no-fujisan – der Fujiyama von Urayasu. Mit seinen schwindelerregenden 14 Metern wird jener allerdings gut von den herumlümmelnden Bäumen versteckt. Fuji-san wird er in Ermangelung höherer „Berge“ in der Stadt genannt. Es ist tatsächlich die höchste Erhebung der Stadt, und dabei ist selbst dieser „Berg“ nicht natürlich, denn vor 60 Jahren befand sich hier noch die Bucht von Tokyo. Neben dem Park gibt es Tennisplätze und ein Baseballfeld. Das Erdbeben hatte dem Park vor zwei Jahren stark zugesetzt – die Sportstätten und Kinderspielplätze waren dadurch unbrauchbar geworden, und es dauerte insgesamt gut zwei Jahre, alles wieder halbwegs herzustellen. Ein seltsames Bauwerk trotzte allerdings dem Beben: Ein Monstrum von Rutsche, gebaut aus Beton und weiß getüncht. Mindestens fünf Meter (so etwas ist immer schwer zu schätzen) war sie hoch, und in zwei Etappen ging es wieder herunter. Tückisch war sie: Bei „normalem“ Wetter konnte man in normaler Geschwindigkeit herunterrutschen, was vielen Kindern nicht schnell genug war. Sie brachten Karton mit, um schneller herunterzurauschen. Bei spezieller Wetterlage hingegen – wenn es sehr trocken war und nicht ganz so warm – wurde die Rutsche wahnsinnig schnell. Ich kann ein leidvolles Lied davon singen. Eines Tages rutschte ich mit meiner damals noch keine 2 Jahre alten Tochter herunter und erreichte dabei eine solche Geschwindigkeit, dass ich mit einem Körperteil aufsetzte, mit dem man nach einem 10-Meter-Rutsch mit Karacho vorzugsweise nicht aufsetzen möchte. Aber Hauptsache Kind hatte seinen Spaß. Sitzen war für den Erziehungsberechtigten allerdings erst nach ein paar Stunden wieder drin.

Historisches Photo: Oberer Teil der Rutsche.

Historisches Photo: Oberer Teil der Rutsche.

Doch ach – vor gut einer Woche war das weiße Ungetüm urplötzlich verschwunden. Weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Dabei hatte sie selbst dem Erdbeben standgehalten. Sofort hatte ich statische Gründe im Sinn. Vielleicht hat sich ein Statiker die Rutsche angesehen und festgestellt, dass sie doch einen Knacks bekommen hatte? Oder war ein Kind heruntergefallen? Bei der Höhe, trotz Gitterstäben im oberen Bereich, nicht undenkbar und durchaus halsbrecherisch. A propos Hals: Der Grund schien ein anderer zu sein. Laut diverser Anwohner (einige kennen wir persönlich) kam es mehrfach vor, dass sich Menschen an der Rutsche erhängt haben. Eine Vorstellung, die mir eine Gänsehaut beschert. In der Nacht hängen sich Leute an der Rutsche auf, am Tag spielen die Kinder dort fröhlich. Musste man sie deshalb abreissen? Verhindert man so Selbstmorde? Ganz sicher nicht. Andererseits: Man möchte mit seinem Kind ganz sicher nicht einen solchen Anblick erleben. Und doch bricht es mir ein bisschen das Herz, dass Kinderspielzeug verschwinden muss, damit Erwachsene sich dort nicht das Leben nehmen.

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Anfeuern auf Japanisch – mit Schmackes!

Mai 18th, 2013 | Tagged , | Kommentare deaktiviert für Anfeuern auf Japanisch – mit Schmackes! | 1035 mal gelesen

Sportfest an der Grundschule

Sportfest an der Grundschule

Vor gut über einem halben Jahr hatte ich das Vergnügen, über ein typisch japanisches Sportfest in einem Kindergarten zu berichten. Heute geht es um die nächsthöhere Stufe: Ein 運動会 undōkai (Sportfest) an einer japanischen Grundschule. Normalerweise finden diese im ganzen Land im Oktober statt, aber in unserer Stadt wurde irgendwann entschieden, dass der Mai wettertechnisch günstiger sei.

Die Grundschule hat sechs Jahrgänge in Japan – die Kinder sind also 6 bis 12 Jahre alt. In der Grundschule meiner Tochter gibt es 5 Klassen pro Jahrgang, mit durchschnittlich 30 Kindern pro Klasse. Das macht also insgesammt 900 Schüler – diese Grundschule ist für japanische Großstadtverhältnisse normal bis groß. Das ganze ist eine „Leistungsschau“ – und die zieht sich an unserer Grundschule 6 Stunden lang hin. Los geht es morgens um 9 (am Sonnabend), mittags gibt es eine Stunde Pause, und dann geht es weiter bis 16 Uhr. Dafür ist der folgende Montag schulfrei. Soweit die Eltern nicht arbeiten müssen, lassen sich die meisten Eltern das Sportfest nicht entgehen. 900 Kinder mal 2 Elternteile minus ein paar Väter, die arbeiten müssen, plus diverse Großeltern und andere Verwandte. Macht also 900 Kinder plus mindestens 1’800 Verwandte, die sich auf dem zugegebenermaßen großen Schulhof versammeln. Normalerweise bringt man in Japan dazu Picknickdecken und Essen mit und läßt sich so zur Mittagspause das Essen auf dem Schulhof schmecken. Nicht so an unserer Schule: Vor ein paar Jahren gab es einen Zwischenfall, bei dem sich ein paar Eltern auf dem Schulhof betranken und dann in die Wolle bekamen. Die Schüler dieser Eltern sind wohl noch an der Schule, weshalb die Schulleitung beschlossen hat, das übliche Prozedere zu verbieten – bis die Problemelternkinder nicht mehr an der Schule sind.

Beim Sportfest handelt es sich um eine Mischung aus Spielen (meist für die niedrigen Jahrgänge), Wettläufen und Tanzen. Der Höhepunkt ist dabei immer die リレー riree (vom englischen „Relay“ – Staffellauf). Nicht alle Kinder dürfen dabei mitmachen – nur ausgewählte, sprich die schnellsten Schüler. Bei Sportfesten werden die Schüler übrigens in zwei Gruppen unterteilt (die Unterteilung erfolgt je nach Schule unterschiedlich): Die sogenannten 紅白 kōhaku. kō (auch „beni“) gelesen bedeutet rot; haku (auch „shiro“ gelesen) bedeutet weiß. Rot und Weiß sind in Japan Festlichkeitsfarben. Und bei Wettkämpfen zwischen zwei Gruppen unterteilt man die Lager stets in „rot“ und „weiß“. „Ah, bestimmt wegen der japanischen Flagge!“ könnte man hier altklug einwerfen, aber der Grund ist eher historischer Natur: Während des Gempei-Krieges im 12. Jahrhundert trugen die Genji-Truppen weiße Fahnen und die Taira (das -pei in Gempei) trugen rot.

Die Sportfeste sind prinzipiell eine schöne Idee: Die Kinder lernen, sich zusammenzuraufen, treiben nebenbei Sport und können sich aneinander messen. Die Eltern haben ihren Spaß beim Zusehen – und können sich andere Eltern angucken. Eine gute Sache also. Am interessantesten war – für mich zumindest – der 応援合戦 Ōen-Gassen – der „Anfeuerungswettbewerb“, bei dem eigens ausgewählte „Einheizer“ ihre Gruppe dazu anhalten, sich gegenseitig anzufeuern. Das sieht dann so aus wie im Video unten (Anmerkung: Wer sich nicht die ganzen 10 Minuten ansehen will – richtig interessant wird es ab der 7. Minute). Diese Anfeuerungswettbewerbe sind auch im Baseball üblich und möglicherweise eine amerikanische Erfindung, aber ganz so sicher bin ich mir da nicht. Auch die Anfeuerungswettbewerbe gehen in die Punktwertung ein. Heute gewann Weiß.

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Stadtfest / Taifun / Facebook

Juni 20th, 2012 | Tagged , | 8 Kommentare | 881 mal gelesen

In dem Alter wirft man wahrscheinlich leicht alle Bedenken ob der Kleidung über Bord....

Am Wochenende fand also mal wieder das Sanja-Matsuri (三社祭) statt: Das hiesige Fest der Stadt Urayasu, welches aufgrund des hohen Aufwandes nur ein Mal in vier Jahren stattfindet (den Bericht vom letzten Mal gibt es hier). Der Sonnabend war völlig verregnet, aber am Sonntag spielte das Wetter mit. Schnell also Töchterchen in entsprechende Festivalkleidung verpackt, damit sie auch mal den schweren 神輿 Mikoshi ziehen kann. Die Tradition als solche finde ich schön, aber beim Hinschauen wird mir (da kommt wohl der Manager in mir durch) jedes Mal anders: Vorne ziehen dutzende Kinder an Seilen mit Mühen den Schrein, und hinten stemmt sich ein alter Greis (meistens) gegen die Fahrtrichtung. Klar, damit es nicht zu schnell geht. Aber es sieht jedes mal seltsam aus: Die sich abrackernden Kinder, und hinten der Bremser.

Wie jedes Mal wurden cirka 100 Schreine gleichzeitig durch verschiedene Orte der Stadt getragen. Will heissen, überall ist irgendwas los, und das ist das schöne an diesem Festival: Es hat etwas Nachbarschaftliches, und die Kinder haben auch ihren Spass. Dieses Festival ist kein Touristenspektakel, es ist einfach nur eine Tradition. Ein Bekannter meinerseits, ein Engländer, machte auf Einladung bei der (Tor)tour mit. Drei Tage lang, von morgens bis abends, Schrein durch die Gegend tragen, hochwerfen, drehen – in den Pausen: Ungehemmter Alkoholfluss. Er sah am Tag 3 sehr, sehr kaputt aus. Ich hatte auch einmal das Vergnügen, das ist allerdings einige Jahre her, und es war kein Zuckerschlecken: Wer grösser als der Durchschnitt ist, hat beim Schreintragen ein kleines Problem: Entweder man steht aufrecht und trägt den tonnenschweren Schrein quasi allein (die Leute um einen herum sieht man dabei aufatmen), oder man läuft den ganzen Tag mit angewinkelten Knien. Man kann es sich aussuchen.

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Zum ersten Mal seit 2004 suchte bereits im Juni, mitten in der Regenzeit, ein Taifun Japan heim. Und er hatte es in sich, denn er überquert quasi die ganze Insel (Honshū) von Süden nach Norden. In Tokyo und anderortens legte der Taifun Nummer 4 den Verkehr zu grossen Teilen lahm. Immerhin: Tokyo traf er pünktlich kurz nach Feierabend. Die Heimfahrt war entsprechend wieder spannend: Fährt meine Bahnlinie noch!?. Sie fuhr. 30 Minuten nach Ankunft war dann Schluss. Regenschirm auf der Fahrt vom Bahnhof nach Hause? Absolut zwecklos. Aber wenigstens war der Regen warm.

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Soso, da klaubt man sich also irgendwie insgesamt rund 250 Facebook-Likes zusammen (für den Blog an sich, siehe rechts oben) – und plötzlich sind sie alle wieder weg! Nanu!? Wo sind die denn jetzt hin? Hat das was mit dem verkorksten Börsengang zu tun? Werde ich bestraft, weil ich keine Aktien gekauft habe? Wer weiss, wer weiss. Als Privatperson ist das halb so tragisch, aber bei einer Firmenwebseite sähe die Lage schon dramatischer aus, denn Facebook-Likes sind dieser Tage, ob man es mag oder nicht, sehr wichtig geworden.

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Wertvoll

Juni 15th, 2012 | Tagged , | 11 Kommentare | 1057 mal gelesen

20120615-204652.jpgJeden Morgen fahre ich mit dem Fahrrad zum Bahnhof, und jeden Morgen fällt es mir ins Auge – gleich hinter der ersten Kreuzung, am Straßenrand einer kerzengeraden, über einen Kilometer langen Straße: Ein kleiner Korb vor einem Baum, direkt am Bordstein. Im Korb: Ein Strauß frischer Blumen. Ein Hund aus Keramik. Und eine Ultraman-Figur, vom Wetter gegerbt. Vor dem Korb liegt ein Stein, und auf dem Stein steht eine leere Flasche eines beliebten Kindergetränks.

Seit 2005 wohne ich in der Gegend, und seit 2005 kenne ich den kleinen Altar. Meine Frau lebt schon wesentlich länger da, und meint, das steht da schon immer. Man braucht nicht viel Phantasie, um den Zweck zu erahnen. Hier wurde ein kleines Kind, offensichtlich ein Junge um die sechs Jahre alt, totgefahren.

Ich fand die vielen Holzkreuze am Wegesrand brandenburgischer Alleen schon immer sehr bedrückend. Dieser kleine Altar ist noch bedrückender, und die Tatsache, dass auch nach Jahrzehnten dort immer frische Blumen stehen, macht den Anblick nicht leichter. Mit einem Blick weiß man, womit der Junge am liebsten spielte, was er gern trank und dass die Familie einen Hund hatte. Dieses Leben wurde offensichtlich abrupt beendet. Und das kleine Mahnmal sagt mir jeden Tag, was wirklich wichtig ist. Das Leben.

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Antiatomkraftbewegung in Japan – Demonstration auf Japanisch

März 19th, 2012 | Tagged , | 11 Kommentare | 1014 mal gelesen

Am 21. März 2011 – die Lage in Fukushima wurde im sprichwörtlichen Sinne immer explosiver, habe ich folgenden Gedanken in diesem Artikel niedergeschrieben:

Wer denkt, dass sich in Japan jetzt Antiatomkraftgegner finden und sammeln werden, dem sei hier schon vorweg gesagt: Nein. So tickt das Land nicht.

Und doch wurde seitdem vor allem in deutschen Medien von Antikernkraftgegnern in Japan berichtet und Bilder von Demonstrationen selbiger gezeigt. Nun – heute wurde ich zufällig selber Zeuge einer solchen Demonstration, und zwar in meinem Wohnort. Meine Stadt hat über 160,000 Einwohner, und ich lebe hier seit nunmehr 7 Jahren. Eigentlich bin ich recht gut informiert über das, was in dieser Stadt passiert – doch von einer politisch motivierten Demonstration habe ich bis heute noch nie etwas gehört geschweige denn gesehen.

Und so sah die Demonstration aus:

Teilgenommen haben ca. 30 Leute und mindestens genauso viele Polizisten begleiteten die Aktion (falls sich jemand wundert, warum mir die Leute im Video zuwinken – sie winken nicht mir zu, sondern meiner Tochter, die hinter mir auf dem Fahrrad saß). Aber der mitgereiste MC sorgte für genug Lärm. Er war ziemlich gut, tat mir aber etwas leid, da keiner so richtig Stimmung machen wollte. An dieser Stelle hätte ich einiges dafür gegeben, zu erfahren, wie viele der Teilnehmer wirklich aus meiner Stadt kommen. Aber es spielt eigentlich keine grosse Rolle.

Zumindest der MC stammt sicherlich von der Shōnan-Fraktion. Das ist kein offizieller Begriff, sondern eine Bezeichnung, die sich irgendwann in meinem Kopf gebildet hat. Shōnan ist die Gegend westlich von Kamakura und geprägt von langen Stränden, sehr vielen Strandhütten nach amerikanischem Vorbild, Surfern – coolen Leute (nicht abwertend gemeint), die hier im eingeengten Japan versuchen, ihren eigenen Lebensstil zu finden und zu leben. Dazu gehört natürlich auch die passende Musik. Und wie es scheint seit kurzem auch eine politische Meinung.

Wovon wurde ich da am Strassenrand Zeuge? Vom Beginn einer neuen Art des Bürgerbewusstseins in Japan? Vom Beginn einer Graswurzelbewegung mit breiter werdendem Konsens in der Gesellschaft, die es bald schafft, die Kernenergie aus Japan zu verdrängen (gute Argumente gibt es ja nun mehr als je zuvor)? Wird man sich auch bald mit der Polizei prügeln, wenn irgendwo ein neuer Bahnhof gebaut wird?

Ich mag es noch immer nicht glauben. Protest gegen die Kernkraft gibt es im steigenden Masse, aber der findet eher woanders statt (zum Beispiel in Rathäusern). Demonstrationen dieser Art mögen zunehmen, aber sie passen nachwievor nicht in das japanische Schema. Aber das sich eine Organisation bis in unsere Stadt verirrt und sich dort die Mühe macht, eine Demonstration anzumelden und genehmigt zu bekommen, ist schon bemerkenswert. Ich hätte nichts dagegen, wenn ich mich mit der obigen Prophezeiung geirrt habe. Aber ich werde mich hüten, japanischen Freunden und Bekannten hier etwas aufzuschwatzen.

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Geigergezähltes: Strahlungswerte selbst gemessen

Januar 10th, 2012 | Tagged , , | 12 Kommentare | 20501 mal gelesen

Geigerzähler in der Wohnung: Nochmal Glück gehabt?

Bloggerkollege Coolio erwähnte neulich in diesem Beitrag, dass es momentan recht günstig ist, an Geigerzähler heranzukommen: Findige Unternehmer haben grosse Mengen der Geräte nach Japan importiert, waren damit aber offensichtlich etwas spät dran: Die Nachfrage ist nicht mehr da. Und so werden zum Beispiel hier bei Amazon handliche Geigerzähler aus Rußland vertickt – für 13,800 Yen statt den ursprünglichen 69,800 Yen. Gute 100 Euro für einen Geigerzähler? Da konnte ich schlecht nein sagen. Gesagt, getan – zwei Tage später hielt ich das kleine, leichte Gerät in den Händen.

Will ich wirklich wissen, wie hoch die Strahlung bei uns ist? Jetzt, wo scheinbar alle Messen schon gesungen sind? Aber sicher doch. Ich will letzten Endes nicht wissen, was irgendwer irgendwann in der Nähe gemessen hat, sondern wie es direkt bei uns aussieht – in der Wohnung zum Beispiel, oder vor dem Haus. Zumal unsere Stadt ja auch als Hotspot bezeichnet wird – wenn auch mit geringeren Werten als anderswo in der Gegend.

Die Messergebnisse überraschen nicht – das ist die gute Nachricht. Je nachdem, in welche Richtung das Gerät zeigt und wo ich es hinlege, messe ich zwischen 0.07 und 0.14 Mikrosievert pro Stunde. Das ist relativ normal. In den Parks unserer Stadt messe ich im Schnitt 0.2 Mikrosievert – in manchen ca. 0.12, in anderen bis über 0.3 Mikrosievert, je nachdem, wo ich messe. Die Werte im bzw. beim Kindergarten unserer Tochter liegen um die 0.15 Mikrosievert in Bodennähe und etwas niedriger in 1 Meter Höhe. Wo ich auch messe – die Anzeige ist im grünen Bereich, das Gerät sagt „Normal Radiation Background“.

Nicht mehr im grünen Bereich: Strahlung im Park

Eine weitere Messung dann heute: Es ging zum 若潮公園 – Wakashio-Park, dem beliebtesten Park bei uns im Stadtzentrum. Dort gibt es einen Verkehrsgarten (seit dem Beben wegen Baufälligkeit gesperrt) und ein zweistöckiges Haus, darin zahlreiche Einrichtungen, wo sich die lieben kleinen austoben können. Vor ein paar Wochen war der Park kurz im Gespräch, da dort an einem defekten Fallrohr sehr hohe Strahlung gemessen wurde. Angeblich wurde das Fallrohr ausgetauscht und die kontaminierte Erde rundherum abgetragen. Kurzer Test heute – Gerät an eine der Regenrinnen in Bodenhöhe gehalten, und siehe da: Anzeige wird gelb: „High radiation background“, 0.51 Mikrosievert. Ohne gross zu suchen, wohlgemerkt: Ich habe nur dort gemessen.

Fazit: Die Ergebnisse, wie sie in den Medien hier kursieren, kann ich vorerst nur bestätigen: Leicht erhöhte (aber nach allgemeiner Meinung unbedenkliche) Strahlenwerte ausserhalb, aber hier und da Punkte mit erhöhter bis stark erhöhter Strahlung. Erfahrungsgemäß sind dies dummerweise die Punkte, die von kleinen Kindern bevorzugt werden. Es ist sicherlich nicht verkehrt, zu wissen, wo diese Punkte sind.

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Sport frei!

Oktober 2nd, 2011 | Tagged , | 4 Kommentare | 1658 mal gelesen

Heute kam ich zum ersten Mal in den Genuß eines 運動会 – Sportfestes in einem japanischen Kindergarten. Diese Sportfeste finden in allen (soweit ich weiss) Kindergärten und Schulen in Japan ein Mal im Jahr statt und sind ein fester Bestandteil japanischen Familienlebens, da die Eltern auch mehr oder weniger stark eingebunden werden: Bereits vor einem Monat saß ich um Mitternacht mit meiner Frau zu Hause und zerpflückte rote Tüten, um Pompons für unsere Tochter herzustellen. Falls sich also jemand fragt, warum tabibito mal wieder den Blog schleifen lässt – er ist beim Pompon-Machen.

Nichts zu tun am Sonnabend? Geh' doch zum Sportfest!

Um 8:45 ging es los (Sonnabends, wohlgemerkt). 150 Kinder, mindestens zwei Mal so viele gähnende Erwachsene mit noch ein paar Dutzend kleineren und grösseren Kindern sowie rund 30 Betreuer und Helfer versammelten sich auf einem tristen, staubigen Schulhof. Nach kurzer Ansprache der Lagerleitung wurde erstmal zusammen zur japanischen Nationalhymne („Tonari no Totoro, Totoooooroooo ♪“) geturnt. Gefolgt vom Mickey-Mouse- und dann vom Pooh-der-Bär-Lied. Damit die lieben Kleinen auch wissen, was sie sich zu Weihnachten von den Eltern wünsche sollen, schliesslich liegen ja Disneyland und Disney-Store gleich um die Ecke.

Es folgten diverse Spielchen und Turnübungen und Tanzeinlagen der lieben Kleinen, mit mehr oder weniger grosser Einbeziehung der immernoch gähnenden Eltern. Darunter: Lustiges Tauziehen der Eltern. Dazu wurde den Vätern oder bei Abwesenheit selbiger den Müttern ein 鉢巻き Hachimaki (japanisches Stirnband) in der Farbe der jeweiligen Klasse ausgehändigt, und schon konnte es losgehen. Hinter mir: Jemand, der direkt aus einem Yakuza-Film entsprungen sein könnte, vor mir: eine junge Mutter in Stöckelschuhen.

Gegen 12 Uhr war alles zu Ende, aber die Erzieherin liess uns nur schweren Herzens ziehen. Nicht, weil sie uns und unseren Nachwuchs so mochte, sondern weil irgendjemand vergessen hat, sein Stirnband zurückzugeben. Alle Kinder bekamen noch schnell eine Medaille ausgehändigt (interessant, wie schnell die Stifte dabei verdrängen können, dass JEDES Kind eine Medaille bekam) und wurden nebst Eltern und Verwandten in die Wildnis entlassen. Das wars. Bis zum nächsten Jahr. Ihr dürft jetzt raten, wo ich jeden ersten oder zweiten Sonnabend im Oktober in den nächsten 18 Jahren verbringen werde: Genau, beim Sportfest. Vorausgesetzt natürlich, ich bin noch so lange in Japan.

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Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XV

April 4th, 2011 | Tagged , , , , , | 23 Kommentare | 2680 mal gelesen

Ja, doch, der Name des Erdbebenereignisses vom 11. März 2011 wurde schon wieder geändert: Man hat sich nun auf 東日本大震災 Higashi-Nihon Daishinsai, Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe geeinigt. Der Name trifft es auch gut, denn auf die eine oder andere Weise war bzw. ist dieses Erdbeben eine Katastrophe für (fast) ganz Ostjapan.

Zwischen Westerwelle und Libyen scheint das AKW in Fukushima noch immer gelegentlich für eine Hauptmeldung in den Nachrichten gut zu sein: Immerhin wurde man ja rhetorisch auch schon seit drei Wochen auf die Apokalypse vorbereitet – da kann man die ja schliesslich nicht so einfach abblasen. Natürlich ist der Reaktor noch immer nicht stabil. Natürlich ist die Lage kritisch, da stark radioaktiv verseuchtes Wasser direkt in den Pazifik fliesst. Natürlich wird man hier noch lange mit den Langzeitfolgen kämpfen müssen. Trotz allem bleibt uns hier in Tokyo nichts weiter übrig, als nach vorne zu schauen, und auch die wenigen Erfolgsnachrichten zu bewerten. „Leck, durch das radioaktiv stark verseuchtes Wasser in den Pazifik gelangt, konnte noch nicht geschlossen werden“ kann man nämlich auch anders lesen: „Leck, durch das radioaktiv stark verseuchtes Wasser in den Pazifik gelangt, gefunden“. Zynismus hin oder her: Das ist wenigstens ein Fortschritt. Man weiss, wo das Wasser herkommt. Und wenn man das weiss, kann man auch über Massnahmen nachdenken. Vor eins, zwei Wochen wusste man – gar nichts.
Andere, momentan leicht beruhigende Nachrichten sind z.B., das die Strahlungsbelastung in ganz Ostjapan seit zahlreichen Tagen zwar langsam, aber stetig abnimmt. Und das das Trinkwasser in der Region um Tokyo nicht mehr mit über 100 Becquerel pro Liter, sondern nur noch mit knapp einem Becquerel belastet ist. 0 wäre natürlich besser, aber weniger als 1 ist besser als 100. Oder? Das sich die Lage beim nächsten Regen wieder verschlechtern kann/wird, ist natürlich klar.

In diesem Sinne stiess ich gerade auf einen Beitrag von Reinhard Zöllner für „Die Welt Online“. Ich kenne Professor Zöllner flüchtig – er stiess zur Japanologie der Martin Luther Universität Halle-Wittenberg, als ich wegging. Als Japanologe ist er dem Thema gegenüber sicherlich nicht unvoreingenommen, aber besagter Artikel Apokalypse jetzt! Wir Deutschen sollten uns schämen trifft es meiner Meinung nach genau auf den Kopf. Und es rückt den kurzen THW-Einsatz erneut in ein schlechtes Licht, wie hier schon einmal diskutiert.

Eines der Wörter, die man zur Zeit am häufigsten liest und hört, ist das Wort 自粛 – jishuku – Selbstbeschränkung. Das bedeutet zum Beispiel, dass plötzlich die Werbung von den Fernsehbildschirmen verschwindet, da Firmen und Agenturen aus Pietätsgründen darauf verzichten. Grössere, eher erfreuliche Veranstaltungen (Feuerwerke im Sommer, Festivals, Konzerte usw) werden auch abgesagt. Auch die nächtliche Beleuchtung der Kirschblüten usw. usf. Mittlerweilen melden sich jedoch auch die Kritiker: Versinkt Japan in einer monatelangen Selbstbeschränkung, schadet das der Wirtschaft und der Gesellschaft eher. Ein verständliches Argument, drei Wochen nach dem Beben. Aber es fällt natürlich schwer, so unbeschadet wie vorher weiterzumachen. Jedoch: Selbst die Kirschblüten betreiben jishuku. Normalerweise stehen die Kirschbäume vor unserem Haus ab Ende März in voller Blüte – jetzt sind noch nicht mal Blütenansätze zu sehen. Der Grund ist der ungewöhnlich lange Winter / kalte Frühling: Normalerweise herrschen zu dieser Zeit 18 Grad am Tag und 9 Grad in der Nacht. Die Tageshöchsttemperatur war heute 9 Grad. Den Apokalyptikern sei jedoch versichert: Dies ist nicht der atomare Winter!

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Anbei noch ein paar Bilder, die ich heute in meiner Stadt gemacht habe: Die Bilder entstanden innerhalb einer halben Stunde – auf dem Weg von unserem Haus zum Bahnhof (mit ein paar Umwegen). Alle Bilder zeigen Schäden durch Bodenverflüssigung – sie sind also eine indirekte Folge des Bebens.
Dazu eine schlichte Erklärung zur „Bodenverflüssigung“. Man kann dies eigentlich ganz leicht zu Hause darstellen. Man nehme eine kleine Kiste und fülle Sand hinein. Dann giesst man etwas Wasser dazu – und zwar so viel, dass der Sand feucht wird, sich aber keine Wasseroberfläche bildet. Dann lege man etwas auf den Sand – Hauptsache, es hat ein kleines bisschen Gewicht. Dann schüttele man das ganze sanft für eine Weile – und man kann zuschauen, wie das Objekt langsam versinkt und Wasser hochsteigt.
Im Extremfall können Gebäude umstürzen – in vielen Fällen passiert jedoch folgendes: Flächen mit geringem Bebauungsgewicht sacken ab, während schwerere Objekte wie Inseln stehenbleiben. Absackungen von bis zu einem Meter sind keine Seltenheit. Gullis bleiben meist stehen und ragen aus der Oberfläche, da sie mit Rohren im Untergrund verankert sind.

 

 

Dieses Haus (rechts) ist nicht mehr bewohnbar – es ist teilweise abgesackt. Das linke Haus ist noch halbwegs intakt.

 

 

Dieses Gebäude wurde von den Einwohnern liebevoll きのこ交番 – „Pilz-Polizeiwache“ – genannt. Auch dieses Gebäude wird man wohl nicht retten können.

 

 

In diesem Fall hat es den kompletten Balkon abgerissen – da der Balkon weniger Druck auf den Untergrund ausübte.

 

 

Viele Japan-Besucher wundern sich, warum fast überall die Elektrik oberirdisch verlegt ist. Das mag verschiedene Gründe haben – ein Grund ist jedoch auf jeden Fall die hohe Anzahl von Erdbeben: Natürlich besteht eine gewisse Gefahr, dass die Masten umstürzen und die Trafos im schlimmsten Fall Brände auslösen. Andererseits sorgt die oberirdische Verkabelung dafür, dass so schnell der Strom nicht ausfällt. Selbst die am schlimmstenn betroffenen Gebiete in unserer Stadt hatten wochenlang zwar nichts – aber Strom und Internet funktionierten.

 

 

Als Folge der Bodenverflüssigung setzt sich das Wasser vom Sand ab und sprudelt nach oben, während der Rest in Folge der Volumenabnahme im Untergrund absackt. Neben dem Wasser sprudelt natürlich auch grauer Schlamm aus dem Untergrund – und das in nicht unbeachtlichen Mengen.

 

 

Herausragende Gullies sind quasi das Symbol der Bodenverflüssigung.

Rein theoretisch hätte es in unserer Stadt nicht zu solch extremer Bodenverflüssigung kommen sollen – bei uns wurde „nur“ eine starke 5 nach der japanischen Skala (Maximalwert: 7) verzeichnet. Jedoch: Die Besonderheit dieses Bebens war die Länge: Das Beben dauerte fast zwei Minuten. Wer obiges Experiment einmal ausprobiert – und zwei Minuten rüttelt, wird sehen, was ich meine…

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