You are currently browsing posts tagged with Traditionen

Japanische Etikette – ein Irrtum und seine Folgen

April 5th, 2010 | Tagged , | 8 Kommentare | 937 mal gelesen

An diesem Wochenende habe ich ein Beispiel für Etikette erlebt, wie es besser nicht beschrieben werden könnte. Das ganze begann mit einer Abschiedsfeier für einen Kollegen, der in der vergangenen Woche die Firma verlassen hatte. Er war ein paar Jahre dabei, hat ausgezeichnete Arbeit geleistet und wir waren ihm dementsprechend eine Abschiedsfeier schuldig.

Also ging es am Freitagabend zu einer etwas besseren izakaya (japanisches Kneipenrestaurant). Am Eingang gibt es dort zwei grosse Wandschränke mit Bügeln. Also Jacke aus, rauf auf den Bügel und fertig. Als die Feier zu Ende war, ging es zum Wandschrank – dort hing einiges, aber keine Lederjacke. Nur Jackets. Nanu? Drei mal gesucht, noch mal am Platz nachgesehen – nein, definitiv nicht da. Ein junger Angestellter kommt vorbei, fragt, was los ist, denn um mich herum steht eine Menschentraube – meine mitfühlenden Kollegen. Ich erkläre, was geschehen ist – und er quittiert das mit „Der Wandschrank ist eigentlich nur für grosse Gruppen mit Reservierung“. Ich sage ihm – freundlich – dass das irrelevant sei: Wenn dem so sei, sollte man ein Schild anbringen. Ausserdem ändert das nichts daran, dass eine in Japan doch recht auffällige Lederjacke weg ist.

Mittlerweilen ist auch der Chef des Ladens aufgetaucht, und der ist etwas erfahrener in Sachen Etikette. Er zieht den Kollegen zur Seite und stimmt mir sofort zu: Ja, da hätte wirklich ein Schild sein sollen. Er bietet mir an, sofort den 幹事 (kanji) anzurufen. Wenn sich in Japan Menschen zu irgendeiner Festivität verabreden, wird immer jemand zum kanji bestimmt – der hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alles seine Richtigkeit hat, jeder den Weg findet, die Rechnung bezahlt wird usw. usf.
Seine Gruppe war gross: 35 Leute, ebenfalls Firmenfeier. Also wird der kanji angerufen – der ruft danach Einen nach den Anderen an.

Nun war mir in dem Moment die Jacke weniger wichtig – wichtiger war das Schlüsselbund in der Jacke. Ich sage dem Besitzer, dass ich eine halbe Stunde in der Gegend sein werde und dann nochmal vorbeischaue. Ich gebe ihm Email-Adresse und Telefonnummer. 30 Minuten später: Der kanji hat eine heisse Spur: Einem Untergebenen kam die Jacke eines anderen Untergebenen verdächtig vor. Letzterer ist aber nicht mehr erreichbar. Da ich ja nicht alleine wohne, mache ich mich also auf den Heimweg – ohne Jacke.
Am Wochenende dann eine Email und ein Anruf vom Besitzer: Er fährt am Sonntag die Jacke abholen. Ich sage ihm, dass es bis Montag Zeit habe – vielleicht könnte er sich die Jacke ja dann auch schicken lassen (der Besitzer tat mir wirklich leid).

Sonntag abend wieder eine Email – er bringt die Jacke am nächsten Tag in meine Firma (ich hatte ihm meine Karte hinterlassen). Der Schlüssel sei auch da. Heute abend dann Showdown in der Firma: Der Besitzer kommt, mit Jacke. Und zwei Taschen: In der einen: Eine (ziemlich teure) japanische Süssigkeit. In der anderen: Ziemlich teurer Käsekuchen (ca. 20 Euro). Ersteres: Von ihm. Letzteres von dem Jackendieb. Dazu noch ein dutzend Entschuldigungen (und ein dutzend Entschuldigungen und Beschwichtigungen von mir). Japanische Etikette eben… das weibliche Personal in meiner Firma freute sich jedenfalls über die beiden Taschen.

Das Wort des Tages: お詫び owabi – die Entschuldigung. Es gibt einige Formen der Entschuldigung in Japan – „owabi“ ist eine der höheren Formen (also wenn man sich – zumindest förmlich – „wirklich“ entschuldigt, also wirklich die Verantwortung übernimmt).

Wie jemand seine Anzugjacke mit einer schwarzen, glatten, mindestens 5 mal schwereren Lederjacke verwechselt, ist mir jedoch nachwievor ein Rätsel. Würde mich mal interessieren, wann er es bemerkt hatte und was seine Frau (so vorhanden) dazu gesagt hatte…

Teilen:  

Neujahr

Januar 1st, 2010 | Tagged , , | 11 Kommentare | 1234 mal gelesen

Das neue Jahr hat nun also begonnen – während man in Mitteleuropa noch Kaffee und Kuchen fröhnte, war es in Japan bereits Mitternacht und die Silvesternacht erreichte ihren japanischen Höhenpunkt: Man liess es bei doch beachtlicher Kälte in den Tempeln richtig krachen und haute ein paar Mal auf die Glocke. Dabei fiel mir erst vorhin ein Bloggerkollege auf, der da von der „Sylvesternacht“ sprach. Ich bin nicht sicher, ob die letzte Nacht des Jahres wirklich was mit Sylvester the pussycat zu tun hat. Wohl eher nicht, also bleibe ich lieber beim „i“.

Auf Vorschlag meiner Frau habe ich dieses Jahr mal das gemacht, was ich noch nie in Japan zu Silvester gemacht habe: Ich ging zu einer Silvesterparty – in Roppongi. Die war erstaunlich lahm und nicht weiter der Rede wert – nächstes Jahr werde ich es mit Sicherheit vorziehen, gegen Mitternacht zu Hause „年越しそば – otoshikoshi soba“ zu schlürfen (eine japanische Nudelvariante). Viele Japaner (oder mehr noch: Japanbesucher!?) ziehen es ja vor, um Mitternacht zu einem Tempel oder Schrein zu ziehen, doch da muss man wahrscheinlich Fan sein. Ich habe das ein Mal gemacht – es war voll, laut und kalt. Es war weder besinnlich noch eine Party, und persönlich dürstet mir entweder nach dem einen oder nach dem anderen, nicht aber nach dem „Gefühl-wie-werktags-am-frühen-Morgen-mit-der-U-Bahn-fahren – allerdings bei Temperaturen rund um den Gefrierpunkt“. Aber das ist Ansichtssache.

Der Vormittag und Mittag des 1. Januars war nach altbekanntem Schema schnell vorbei: Morgens mit Familie am Schrein beten (dauert 15 Sekunden), dann das Jahreshoroskop ziehen (dieses Jahr: 大吉 daikichi = grosses Glück, das beste, was es gibt, gezogen) und ab nach Hause zum おせち料理 (Osechi) essen – das ist eine Ansammlung vieler kleiner Leckereien, mit viel Geschick und Handwerkskunst angefertigt. Bohnen sind immer dabei, sowie Fisch, Rogen usw. Alle Bestandteile haben eine spezielle Bedeutung, die ich jedoch jedes Jahr aufs Neue vergesse. Dieses Jahr sah die Sache so aus:


Highslide JSHighslide JSHighslide JS

Klicken um zu vergrössern

Dazu gibt es natürlich speziellen Sake und normalen Sake und was man sonst noch so trinken will. Normalerweise wird Osechi so vorbereitet, dass man über die Neujahrsfeiertage (1 bis 3. Januar) nichts zubereiten muss – sprich, es gibt dieses Essen drei Tage lang. Das halten aber mittlerweilen selbst viele Japaner nicht mehr aus. Osechi ist definitiv Geschmackssache – ich fand es anfangs gewöhnungsbedürftig, aber mittlerweilen habe ich mich damit angefreudet. Die überwiegenden Geschmacksrichtungen sind übrigens sauer und süss. Scharf und salzig vermisst man in der Regel.

Auf dem Weg zum Schrein fiel mir heute dieses Haus auf:

Allerlei Götzenbilder

Das muss ungefähr so abgelaufen sein: „Schatz, womit dekorieren wir das Haus zum Jahresende?“ – „Schau mal im Keller nach! Wenn es mindestens einen Meter lang und aus Plastik ist, stell es einfach vor die Tür!“. Auf dem Foto ist nur ein Bruchteil zu sehen – es war alles da: Shintoistische Schmuckelemente für Neujahr, dutzende Plastikweihnachtsmänner an Antennen und Trafokästen, Thomas the Tank Engine, der Michelin-Mann, die heiligen drei Könige auf einem gigantischen Plastikkamel usw. usf. Das ganze Anwesen war zudem mit Lichterkette behangen – nachts ist das Ganze bestimmt auch nicht ohne.

Zu guter letzt unsere wie immer selbst gefertigte 年賀状 (Neujahrskarte) für dieses Jahr – ich bitte um Verständnis dafür, dass ich keine hochauflösende Version ins Netz stelle. Wie in einem früheren Beitrag bereits erwähnt, ist 2010 das Jahr des Tigers:

Neujahrsgrüsse aus Japan

Das Wort des Tages: 寅年 (tora-doshi). Tora ist der Tiger (meistens 虎, doch bei den Tierkreiszeichen 寅 geschrieben), -doshi das Jahr. Tigerjahre sind 2010, 1998, 1986, 1974, 1962, 1950 usw.

Teilen:  

Oktoberfest (!)

Juni 1st, 2009 | Tagged , | 7 Kommentare | 1192 mal gelesen

Ja, richtig gelesen – Oktoberfest. Das fand vergangene Woche im Hibiya-Park (zwischen Ginza und dem Regierungsviertel, zentraler geht es nicht) statt. Vor vier Jahren war ich schon ein Mal dort, und es war ganz amüsant.
Oktoberfest bedeutet hier ein kleines Festzelt (ich tippe mal auf ca. 150 Personen, die da reinpassen) sowie viele Holztische und -bänke ausserhalb. Ein paar Wagen von Paulaner, HB usw. die Bier und Essen verkaufen. Sowie eine Kapelle, die hin und wieder vor sich hin blasmusiziert. Die meisten Gäste (es wird meistens ziemlich voll) sind natürlich Japaner; ansonsten trifft man auch zahlreiche Amerikaner, Australier und eine Handvoll Deutsche. Wie beim Münchner Vorbild sozusagen. Schön wäre es, wenn die Preise auch wie in München wären: Eine Mass Bier kostet geschlagene 3,000 Yen (ca. 24 Euro) und ein Schlag Würste um die 700 Yen (5.5 Euro).


Oktoberfest in Tokyo
Nächstes Mal im Oktober bitte: Ins Wasser gefallenes Oktoberfest im Mai, Tokyo
Das Wetter machte uns leider einen grossen Strich durch die Rechnung – es war ein Mix aus abwechselnd einer Minute seichtem Regen und 10 Minuten Starkregen. Tja, es wäre schon eine gute Idee, das Oktoberfest dann stattfinden zu lassen, wenn es normalerweise stattfindet: Im Oktober. Da herrscht in Tokyo nämlich bestes Biergartenwetter.
Saupreiss der ich bin, liessen mich natürlich Brezeln und Hefe kalt – ich entschied mich für Bitburger und Berliner Currywurst.

Hier noch der Link zur offiziellen Seite – das Oktoberfest findet hernach auch noch in Yokohama, Sendai, Fukuoka usw. statt.

Das Wort des Tages: 豪雨 gōu. prächtig-Regen. Zu Deutsch: Starkregen.

Teilen:  

Die Mutter aller Feste – das Awa-Odori Matsuri in Tokushima

August 17th, 2007 | Tagged , , | 6 Kommentare | 1571 mal gelesen

So, da bin ich wieder – zurück von einer kurzen Tour quer durch Shikoku. Tagsüber waren es durchweg ca. 36 Grad, nachts 30 Grad. Und es war schwül. Aber es war wie immer hochinteressant. Wie es der Zufall so will, fand zur gleichen Zeit eines der grössten お祭り (omatsuri, = Volksfest) Japans statt, nämlich das 阿波踊り祭り (Awa-Odori matsuri, Awa ist der alte Name der Präfektur Tokushima, Odori = Tanz).
Sollte ich den Begriff „Volksfest“ mit zwei Wörtern beschreiben, so fiele mir in Deutschland „saufen“ und „grölen“ ein. In Japan würde mir da eher „tanzen“ und „saufen“ ein. In beiden Fällen oftmals eng miteinander verbunden.


Awa-Odori in Tokushima: Man beachte auch den Regenbogen! [klicken um zu vergrössern]

Das Awa-Odori ist ein Volksfest der fröhlichen und unreligiösen Sorte. Es wird schlichtweg getanzt. Die Melodie ist immer die gleiche. Der Tanz ist immer der Gleiche (Hauptsache Hände sind oben und wild zucken). Aber die Kostüme, die schiere Menschenmasse und die Ausgelassenheit machen es zu einem Ereignis. Das mit dem Saufen kommt meistens erst spät abends.

Getanzt wird in allen Hauptstrassen. Die „professionellen Gruppen“ (gestellt von lokalen Firmen und Institutionen) ziehen getrennt vom Rest durch eine Art Sambadrom, wo nur zahlende Zuschauer auf den Rängen Platz finden (kostet zwischen 1,000 und 2,000 Yen, ist jedoch lange im Voraus ausgebucht). Es sei denn man stellt sich ans Ende der Route, so wie ich.

In den anderen Strassen darf eigentlich jeder tanzen – man versucht, sich einer Gruppe anzuschliessen, wirft sich in den Yukata (Sommerkimono) und auf geht’s. Von 18 Uhr bis 22 Uhr, aber viele tanzen bis früh in den Morgen. Vier Tage lang (12 – 15 August), wobei sich die Gruppen abwechseln.


Die traditionellen Kostüme sind sehenswert [klicken um zu vergrössern]

In der Stadt herrscht Ausnahmezustand zu der Zeit: Übernachtung buchen in der Stadt kann man einen Monat vorher schon vergessen. Alle Züge und Flugzeuge sind hoffnungslos ausgebucht. Tipps wie man das halbwegs umgehen kann, gibt es demnächst auf der Seite über Tokushima.
Hier noch ein Rundumblick während des Festivals im Zentrum:

Mehr später auch vom Rest der Tour (Route: Kōbe → Awaji → Naruto → Tokushima → Hiwasa → Kanno’ura → Nahari → Kōchi → Ōboke → Marugame → Takamatsu → Kōbe.

Teilen:  

Jüngere Einträge »