You are currently browsing posts tagged with Traditionen

Novum: Kaiserpalast wird geöffnet. Jedoch…

Dezember 18th, 2013 | Tagged , | 5 Kommentare | 5972 mal gelesen

Nijūbashi - Die Doppelbrücke - einer der Eingänge zum Kaiserpalast

Nijūbashi – Die Doppelbrücke – einer der Eingänge zum Kaiserpalast

… gibt es viel Kleingedrucktes dazu. Das 宮内庁 kunaichō – Kaiserliches Hofamt gab heute bekannt, dass anläßlich des 80. Geburtstages des Kaisers im nächsten Jahr einige Bereiche des kaiserlichen Palastes der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. So etwas gab es noch nie – es ist eine kleine Sensation. Schliesslich handelt es sich um einen seit jeher stark abgeschotteten Bereich inmitten einer der größten Städte der Welt. Am 24. und 25. Mai sowie an einem Sonnabend und einem Sonntag Anfang Oktober 2014 soll es jeweils drei Gruppen am Tag möglich sein, sonst unzugängliche Bereiche in Gruppen betreten zu dürfen. Maximal 50 Leute sollen einer Gruppe angehören können. Macht also 50 mal 3 mal 4 Tage = 600 Besucher. Und die sollen per Los ausgewählt werden. Wenn ich es nicht verschlafe, werde ich mich auch um ein Los kümmern, denn die Gelegenheit will ich mir nicht entgehen lassen.

Von Mitgliedern der kaiserlichen Familie, Angehörigen des besagten kaiserlichen Hofamtes und hochrangigen Diplomaten und Staatsgästen abgesehen darf niemand die Anlage betreten. Nur ein sehr kleiner Bereich ist der Öffentlichkeit zugänglich – und auch das nur zwei Mal im Jahr, am 23. Dezember (Kaiserlicher Geburtstag) und am 2. Januar zur Neujahrsansprache.
Freilich werden nicht alle Bereiche öffentlich gemacht – doch die prächtige Empfangshalle 正殿松の間 Seiden Matsu no Ma sowie die Hallen 豊明殿 Hōmeiden und 長和殿 Chōwaden sollen zu sehen sein. Die wichtigsten Heiligtümer 皇霊殿 Kōreiden (Ahnenhalle), 神殿 Shinden (Götterhalle) und 賢所 Kashiko-dokoro (Ort der Ehrfurcht) werden wie eh und je geschlossen bleiben.

Mehr zur Palastöffnung gibt es hier auf Englisch und da auf Japanisch.

Teilen:  

753 Reloaded

November 18th, 2013 | Tagged , , | 8 Kommentare | 8180 mal gelesen

Auch in Japan gab es mal Zeiten, in denen grosse Not herrschte und es nicht selbstverständlich war, dass Kinder mehr als die ersten zwei, drei Lenze sehen. Das ist gottseidank heutzutage anders, doch vor diesem Hintergrund hat sich eine Tradition bis in die heutigen Tage gerettet: Das 七五三 shichigosan (7-5-3) – ein Ritual, das begangen wird, wenn Jungen 5 Jahre alt werden oder die Mädchen 3, und später dann nochmal 7 Jahre alt. So zumindest die Faustregel, denn das kann je nach Region variieren. In einigen Regionen und entsprechend Familien machen die Jungen das Ritual dreimal durch.

Da es sich alles in allem um eine erfreuliche Sache handelt, wird dies normalerweise in einem shintōistischen Schrein gehandhabt und nicht in einem buddhistischen Tempel. Das geht in etwa so: Man spricht beim Schrein vor (oder ruft einfach an), wenn es bald November wird und die Kinder das entsprechende Alter erreicht haben – oder in Bälde erreichen werden. Der Priester nimmt die “Reservierung” entgegen, und sagt, was mitzubringen sei. Ganz wichtig dabei: Ein kleiner Obulus, als “o-kimochi”, also als Geste. Im Falle unseres Stammschreines sind das, was für ein schöner Zufall, 10,000 Yen, also knapp 80 Euro. Pro Kind wohlgemerkt. Und gestern hatten wir derer zwei, die “fällig” waren. Für die Zeremonie werden die Kinder in der Regel hübsch verpackt – im Kimono oder im Kleid oder im Anzug, jenachdem, was die Eltern oder Großeltern bevorzugen. Nun ist das mit dem Kimono freilich so eine Sache: Möchte man einen schönen Kimono, kostet der mehrere tausend Euro, und da die lieben Kleinen in null-komma-nichts rausgewachsen sind (und es an anderen Gelegenheiten mangelt, den Kimono zu tragen – auf dem Spielplatz würde es sicher zu leichten Irritationen führen), sollte man sich die Sache gut überlegen. Man kann sich zum Beispiel auch einen Kimono ausleihen, und das kostet ebenfalls meistens um die 10,000 Yen. Bei uns war es am Sonntag also soweit, und wir hatten Glück: 18 Grad, Sonne – perfektes Wetter. Dazu quengelige, aber piekfein angezogene Kinder, die sich nur ungern fotografieren lassen. 30 Minuten später war die Sache vorbei, und wenn ich daran denke, dass dies das letzte 753 für meine Tochter war, werde ich beinahe etwas sentimental. Erst recht, wenn ich mir das Photo vom 753 vor 4 Jahren ansehe – siehe unten.

Mehr möchte ich mich über 7-5-3 jetzt nicht auslassen, denn das habe ich schon vor vier Jahren in diesem Artikel getan.

753 vor 4 Jahren...

753 vor 4 Jahren…

 

 

... und 2013, dieses Mal mit Verstärkung

… und 2013, dieses Mal mit Verstärkung

Teilen:  

Kappabashi – das Küchenparadies

Januar 28th, 2013 | Tagged , | 6 Kommentare | 947 mal gelesen

Südlicher Eingang zur Kappabashi-Passage

Südlicher Eingang zur Kappabashi-Passage

Das schöne an Tokyo ist, dass die Spezialisierung einzelner Stadtteile auf bestimmte Dienstleistungen oder Produkte noch immer stark ausgeprägt ist. Früher gab es das auch in deutschen Städten – aber meistens künden nur noch die Ortsnamen davon, worauf sich die Viertel spezialisierten.

Das bekannteste Beispiel in Japan dürfte wohl Akihabara sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg brummte hier der Schwarzmarkt, wobei alles irgendwie brauch- bzw. verwertbare verkauft wurde. Daraus wurde eine Ansammlung von Läden, die Elektrik- und Elektronikbestandteile und -produkte verkaufen. Aber es gibt noch viel mehr:

・Suidōbashi (zwischen Iidabashi und Ochanomizu) ist auf Druckerzeugnisse und Verlage spezialisiert
・Jimbōchō (nördlich des Kaiserpalasts) ist auf Buchläden spezialisiert
・Asakusadōri (Ueno, Inarichō) ist auf Butsudan (Hausaltäre) spezialisiert
・Tsukiji ist auf Fischläden spezialisiert
・Shinjuku 2chōme ist auf… lassen wir das

Da wäre auch noch Kappabashi zwischen Ueno und dem Tokyo Sky Tree: Hier spezialisiert man sich auf alles, was man in der Küche und Gastronomie so braucht. Von Stäbchenablageteilchen (Hashioki) bis zu Riesentöpfen, in die locker eins, zwei Kinder reinpassen, gibt es alles, aber auch wirklich alles zu kaufen. Dazu gehören natürlich auch Läden, die sich zum Beispiel auf japanische Keramik oder japanische Messer spezialisieren. Andere Läden spezialisieren sich auf alles, was man als Kaffeeliebhaber so braucht – wer zum Beispiel seinen Kaffee selber rösten möchte, findet hier genau das richtige.

Messerfachgeschäft

Messerfachgeschäft

Besonders empfehlenswert, auch für Touristen, sind die Läden von ユニオン Union – dort gibt es hervorragende Messer und 田窯 Dengama – ein Shop für Keramik aus verschiedenen Gegenden Japans, zu meist zivilen Preisen, und みくら Mikura, ein Laden, der sich nur auf Stäbchen spezialisiert hat. Union befindet sich an einer Straßenecke in etwa in der Mitte der Kappabashi-Ladenstraße, Dengama am südlichen Ende (gegenüber des Kaufhauses mit dem Riesenkoch auf dem Dach) und Mikura am nördlichen Ende von Kappabashi.

Ein Besuch in Kappabashi kann man allerdings mit Ikea gleichsetzen: Man kauft bestimmt etwas – auch wenn man bis dahin gar nicht wusste, dass man es eigentlich braucht. So lange man es später nicht bereut…

Teilen:  

Kōshien

August 24th, 2012 | Tagged , | 7 Kommentare | 671 mal gelesen

Die Kyūshū-Fortsetzung folgt später. Heute mal ein paar Zeilen zu einer neuzeitlichen, aber in Japan sehr wichtigen Tradition. Aus aktuellem Anlaß. Denn heute fand das Finale der Baseball-Highschool-Meisterschaften Japans statt. Ich schreibe bewusst Highschool, da sich die japanische Oberstufe nur sehr bedingt mit Gymnasium oder ähnlichen, im Deutschen gebräuchlichen Begriffen übersetzen lässt.

Dieses Finale findet seit jeher (genauer gesagt seit 1915) in einem Baseballstadion in 甲子園 Kōshien statt. Jenes ist wiederum ein Stadtteil von 西宮 Nishinomiya, zwischen Kōbe und Ōsaka gelegen. Und der Name steht in Japan für den noch immer beliebtesten Sport des Landes (obwohl Fußball in den letzten Jahren stark aufzuschließen scheint) und – für Träume. Baseball ist sehr beliebt als Schulsport, und wer es nach Kōshien schafft, ist bereits in Held. Wer dort mit seinem Team gewinnt, ist der Oberheld – und für einige Spieler öffnet das Finale dort auch die Tür zum Profibaseball. Kein Wunder, denn an dem Wettbewerb nehmen über 4’000 Schulen landesweit teil. Und eines muß man dazu sagen: Die Stimmung im Stadion ist riesengroß – es wird getrommelt, gesungen, gemacht, getan. Kennt man alles vom Fußball, nur noch lauter und noch organisierter.

Nun ist es schon interessant, die Stimmung zu sehen  bzw. zu hören (ich bin einmal am Stadion vorbeigefahren, als dort ein Halbfinalspiel stattfand). Es ist auch halbwegs interessant, die Zusammenfassung des Spiels im Fernsehen zu sehen. Jedoch: Selbst nach all den Jahren in der Baseballnation Japan komme ich persönlich nicht ran an den Sport. Und ich glaube noch immer fest, die Fans machen nur deshalb soviel Stimmung, weil es nichts anderes zu tun gibt während des Spiels. Das Regelwerk im Baseball ist, nun ja, anfangs schwer verdaulich. Im Mittelpunkt: Ein Werfer, ein Typ mit Baseballschläger und ein Fänger. Wurf. Nicht getroffen. Gefangen. Wurf. Nicht getroffen, gefangen… Gääääähn. OUT! Nächster Pfriemel. Wurf. Oh, getroffen! Ball fliegt. Plötzlich sieht es auf dem Spielfeld aus wie im Bienenkorb. Und so weiter. Es gibt keine Zeitbegrenzung – das kann ewig so weitergehen.

Aber gut – als Baseballfan kann man sicher auch Fußball auf diese Art und Weise beschreiben. Und beim Baseball gibt es – normalerweise – einen Gewinner, beim Fußball jedoch häufig keinen. Und so wird mir Baseball und Kōshien ein Rätsel bleiben. Die Finalisten dieses Jahr waren eine Highschool in Ōsaka (also Lokalmatadoren) und eine Highschool aus Aomori im Norden. Ōsaka gewann 3:0. Maximale Ballgeschwindigkeit des besten Werfers: 153 km/h. Mit der Hand geworfen, wohlgemerkt!

Anbei noch ein Videozusammenschnitt vom Kōshien 2011, das die Bedeutung und die Gefühle recht gut zusammenfasst:

Teilen:  

2012 – ein Albtraum in Sachen Feiertage

November 24th, 2011 | Tagged , | 6 Kommentare | 1155 mal gelesen

Die Konstellation, die im Jahr 2012 auf japanische Arbeitnehmer zukommt, gibt es gottseidank nur cirka alle 30 Jahre. Leider ist es nächstes Jahr soweit. Und danach erst wieder im Jahr 2040.

Zu den japanischen Feiertagen – es gibt zwei verschiedene Arten. Die traditionellen Feiertage wie zum Beispiel Neujahr, sowie “künstliche” Feiertage wie der Tag des Meeres zum Beispiel. Bei letzteren gibt es dazu oftmals keine genaue Datumsangabe, sondern eine Regelung wie “der dritte Montag im September”. Glücklicherweise hat man in Japan vor etlichen Jahren jedoch eine gescheite Regelung eingeführt: Fällt ein Feiertag auf einen Sonntag, wird der folgende Montag zum gesetzlichen Feiertag. Fällt der Tag allerdings auf einen Sonnabend, hat man einfach Pech gehabt. Und da dies 2012 vier Mal der Fall ist, hat man es einfach mit einem schlechten Jahr zu tun.

Eine Übersicht der Feiertage 2012 – grau steht für Feiertage, die 2012 auf ein Wochenende fallen:

1. Januar 元旦 (gantan) Neujahr Sonntag
2. Januar 振替休日 (furikae kyūjitsu) Ersatzfeiertag Montag
9. Januar 成人の日 (Seijin no hi) Tag des Erwachsenen immer am 2. Montag im Januar
11. Februar 建国記念の日 (Kenkoku kinen no hi) Tag der Staatsgründung Sonnabend
20. März 春分の日 (shunbun no hi) Frühjahrs-Tag- und Nachtgleiche Dienstag
29. April 昭和の日 (Shōwa no hi) Shōwa-Tag (vorheriger Kaiser) Sonntag
30. April 振替休日 (furikae kyūjitsu) Ersatzfeiertag Montag
3. Mai 憲法記念日 (kempō kinenbi) Tag der Verfassung Donnerstag
4. Mai みどりの日 (midori no hi) Tag des Grüns Freitag
5. Mai こどもの日 (kodomo no hi) Tag des Kindes Sonnabend
16. Juli 海の日 (umi no hi) Tag des Meeres immer am 3. Montag im Juli
17. September 敬老の日 (keirō no hi) Tag des Respekts für alte Menschen immer am 3. Montag im September
22. September 秋分の日 (shūbun no hi) Herbst-Tag- und Nachtgleiche Sonnabend
8. Oktober 体育の日 (taiiku no hi) Tag des Sports immer am 2. Montag im Oktober
3. November 文化の日 (bunka no hi) Tag der Kultur Sonnabend
23. November 勤労感謝の日 (rōdō kansha no hi) Tag des Dankes für die Arbeit Freitag
23. Dezember 天皇誕生日 (tennō tanjōbi) Tennō-Geburtstag Sonntag
24. Dezember 振替休日 (furikae kyūjitsu) Ersatzfeiertag Montag

Zur Erinnerung: Ja, es gibt viele, mitunter recht seltsame Feiertage in Japan. Die Regierung wollte damit vor Jahren erzwingen, dass Arbeitnehmer, so sie denn schon keinen richtigen Urlaub nehmen oder bekommen, gelegentlich ausruhen können. Fakt ist jedoch leider, dass nachwievor viele Firmen Feiertage schlichtweg ignorieren.

Teilen:  

Sommer II: Losglücklos und Totentanz

August 10th, 2011 | Tagged , | 3 Kommentare | 708 mal gelesen

Summer-Jumbo: Sommer-Sonderziehung

Summer-Jumbo: Sommer-Sonderziehung

Da ich neulich schon einmal über den Sommer hier geschrieben habe, kann ich doch auch gleich eine kleine Folge draus machen. Teil 1 war hier. Man gewöhnt sich ja im Laufe der Jahre allerlei Dinge an. Weihnachten zum Beispiel. Ob man will oder nicht. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, im Sommer etwas zu tun, was ich sonst nie mache: Massiv ins Glücksspiel einsteigen. Jedes Jahr im Sommer gibt es die サマージャンボ宝くじ Summer Jumbo Takarakuji (Lotterie)-Sonderziehung, zu gewinnen gibt es satte 1億円 – ichi oku en, also 100 Millionen Yen (rund 800,000 Euro). Ein Los kostet 300 Yen, und so ziehe ich jedes Jahr im Sommer zur Losbode vor dem Bahnhof und kaufe ein paar Lose, meistens 連番 (renban – aufeinanderfolgende Nummern), denn wenn ich バラ (bara, nicht zusammenhängende Lose) kaufe, müsste ich ja viele verschiedene Nummern abgleichen. Wie jedes Jahr gewinne ich dabei 300 Yen – denn eine einzelne Endnummer gewinnt immer 300 Yen, was also bei 10 aufeinanderfolgenden Losen nur sehr schwer zu verfehlen ist. Toll, 10% Rabatt! Wie jedes Jahr hole ich mir jedoch diese 300 Yen noch nicht einmal ab…

Bühne des örtlichen Bon-Odori

Sommer – das ist auch die Zeit der 盆踊り Bon-Odori (siehe Wikipedia: Obon) – Feste, bei denen die Seelen der Toten wenn vielleicht nicht gerettet dann doch zumindest etwas belustigt werden sollen. Der Hintergrund ist eigentlich ernst, aber Obon sind mittlerweilen Volksfeste, bei denen ausgelassen getanzt und gefeiert wird. Mit den Bon-Odori meine ich hier weniger die riesigen Feste, allen voran das Awa-Odori in Tokushima, sondern all die kleinen Feste in der Nachbarschaft, oft eingepfercht in einem kleinen hinterhofähnlichen Bereich oder einem Minipark, mit einer Bühne nebst Trommlern und Tänzern in der Mitte und allerlei Freßbuden rundherum sowie Belustigungen für Kinder. Das schöne an diesen kleinen Festen ist, dass man sich kennt und viele Leute auf einmal trifft, die man sonst nur sporadisch und einzeln sieht. Für Kinder ist das ganze natürlich besonders schön – nicht ganz so spektakulär wie ein Rummel, aber immerhin.

Seit Jahren habe ich allerdings den Eindruck, dass es unserer Nachbarschaft an Trommlernachwuchs gebricht. Zur Erklärung: Bei diesen kleinen Festen werden häufig schlagerähnliche Gassenhauer von Band gespielt; dazu trommelt jemand auf einer grossen japanischen Trommel, während rundherum Tänzerinnen in Kimono langsam vor sich hin tanzen. Faustregel: Je kleiner die Nachbarschaft, desto älter die Tänzerinnen. Mit alt meine ich dabei wirklich alt… Ich kann nur jedem Japanbesucher, der mutig ist, sich Mitte August nach Japan zu begeben, empfehlen, kleine Bon-Odori-Feste zu suchen. Bei meinen Reisen übers Land hat es mich schon oft zu solchen Festen verschlagen, und man kann dort sehr gut mit Leuten ins Gespräch kommen und einfach den Sommer geniessen. Zusammen mit Yakisoba und kühlem Fassbier.

Würde mich an der Stelle freuen, wenn jemand andere kleine, aber feine Bon-Odori empfehlen kann.

Teilen:  

Okuizome – Das erste Mahl

Mai 29th, 2011 | Tagged , , | 4 Kommentare | 1392 mal gelesen

Zahlreiche Rituale und Bräuche drehen sich in Japan um Kinder. Eines davon ist das sogenannte お食い初め Okuizome – der “Beginn des Essens”, ein Ritual mit festen Regeln und
voller Symbolen. Begangen wird dieses Ritual entweder am 100., 110. oder 120. Tag nach der Geburt des Kindes. Wie es der Zufall so will, passte es bei uns: Heute war der 110. Tag. Na dann! Da die Kleinen nach 110 Tagen “draussen” selten wirklich etwas essen, hat dieses Ritual eher Symbolcharacter: Man führt dies und jenes zwar zum Mund des Kindes, aber essen lässt man es die Sachen nicht. Wie auch beim Neujahrsessen steht das Menü, von kleineren regionalen Unterschieden abgesehen, so gut wie fest, und jede Speise hat ihre eigene Bedeutung.
Das Essen besteht aus 一汁三菜 Ichijū Sansai – einer Suppe und drei Nebengerichten, die traditionelle Zusammenstellung eines Mahls für freudige Anlässe. Auf jeden Fall dazu gehören:

1. 赤飯 Sekihan (=Roter Reis), obligatorisch in Japan bei freudigen Anlässen (Sekihan ist klebriger Reis mit roten Bohnen. Rot und Weiss stehen für Glück/Feiern),
2. 吸い物 Suimono (sui = saugen, mono = Sache, zu deutsch: eine [meist dünne] Suppe)
3. 香の物 (kō-no-mono, kō = Geruch, mono = Sache) – eingelegtes Gemüse
4. (尾頭付き)魚 Fisch – und zwar ein ganzer, von Kopf bis Schwanz. In der Regel nimmt man dafür 鯛 tai – Meerbrassen.

Auch ein Stein gehört dazu – der muss vom örtlichen Schrein geholt und danach wieder zurückgebracht werden. Der Stein soll den Wunsch ausdrücken, dass das Kind im Laufe
seines Lebens immer gesunde Zähne hat (die Tradition ist schon weit über 1000 Jahre alt – schon damals fürchtete man ganz offensichtlich Zahnärzte). Anstelle eines Steins wird
aber vor allem im westlichen und südlichen Teil Japans auch gern Tako (Oktopus) genommen, der erfordert schliesslich auch viel Beisskraft. Die Suppe steht für ausreichend (Saug)kraft, siehe Wortbedeutung.
Selbst das Geschirr ist bei dieser Tradition vorbestimmt: Jungen wird das Essen auf einem schwarzen Lacktablett mit roter Innenseite serviert; Mädchen hingegen auf einem vollständig roten Lacktablett. Davon wird dem Kind das Essen von den 3年長 (3 nenchō – den drei ältesten Teilnehmern der Zeremonie) verabreicht.

Der Zeitpunkt für Okuizome ist natürlich mit Bedacht gewählt: Rund um 100 Tage nach der Geburt beginnen die ersten Zähne zu wachsen, und man beginnt das Kind an andere Speisen als nur an Muttermilch oder Ersatzmilch zu gewöhnen (auf Japanisch 離乳食 rinyūshoku – “sich entfernen – Milch – Essen” genannt).

Das Photo vom Tai (Meerbrasse) konnte ich mir hier leider nicht verkneifen: Die Zahnleiste sah einfach zu imposant aus. Gebratene Meerbrasse taucht auch in vielen japanischen Filmen auf – denn das ist wirklich der beliebteste, symbolträchtigste Fisch bei feierlichen Anlässen.

Teilen:  

Japanische Etikette – ein Irrtum und seine Folgen

April 5th, 2010 | Tagged , | 8 Kommentare | 763 mal gelesen

An diesem Wochenende habe ich ein Beispiel für Etikette erlebt, wie es besser nicht beschrieben werden könnte. Das ganze begann mit einer Abschiedsfeier für einen Kollegen, der in der vergangenen Woche die Firma verlassen hatte. Er war ein paar Jahre dabei, hat ausgezeichnete Arbeit geleistet und wir waren ihm dementsprechend eine Abschiedsfeier schuldig.

Also ging es am Freitagabend zu einer etwas besseren izakaya (japanisches Kneipenrestaurant). Am Eingang gibt es dort zwei grosse Wandschränke mit Bügeln. Also Jacke aus, rauf auf den Bügel und fertig. Als die Feier zu Ende war, ging es zum Wandschrank – dort hing einiges, aber keine Lederjacke. Nur Jackets. Nanu? Drei mal gesucht, noch mal am Platz nachgesehen – nein, definitiv nicht da. Ein junger Angestellter kommt vorbei, fragt, was los ist, denn um mich herum steht eine Menschentraube – meine mitfühlenden Kollegen. Ich erkläre, was geschehen ist – und er quittiert das mit “Der Wandschrank ist eigentlich nur für grosse Gruppen mit Reservierung”. Ich sage ihm – freundlich – dass das irrelevant sei: Wenn dem so sei, sollte man ein Schild anbringen. Ausserdem ändert das nichts daran, dass eine in Japan doch recht auffällige Lederjacke weg ist.

Mittlerweilen ist auch der Chef des Ladens aufgetaucht, und der ist etwas erfahrener in Sachen Etikette. Er zieht den Kollegen zur Seite und stimmt mir sofort zu: Ja, da hätte wirklich ein Schild sein sollen. Er bietet mir an, sofort den 幹事 (kanji) anzurufen. Wenn sich in Japan Menschen zu irgendeiner Festivität verabreden, wird immer jemand zum kanji bestimmt – der hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alles seine Richtigkeit hat, jeder den Weg findet, die Rechnung bezahlt wird usw. usf.
Seine Gruppe war gross: 35 Leute, ebenfalls Firmenfeier. Also wird der kanji angerufen – der ruft danach Einen nach den Anderen an.

Nun war mir in dem Moment die Jacke weniger wichtig – wichtiger war das Schlüsselbund in der Jacke. Ich sage dem Besitzer, dass ich eine halbe Stunde in der Gegend sein werde und dann nochmal vorbeischaue. Ich gebe ihm Email-Adresse und Telefonnummer. 30 Minuten später: Der kanji hat eine heisse Spur: Einem Untergebenen kam die Jacke eines anderen Untergebenen verdächtig vor. Letzterer ist aber nicht mehr erreichbar. Da ich ja nicht alleine wohne, mache ich mich also auf den Heimweg – ohne Jacke.
Am Wochenende dann eine Email und ein Anruf vom Besitzer: Er fährt am Sonntag die Jacke abholen. Ich sage ihm, dass es bis Montag Zeit habe – vielleicht könnte er sich die Jacke ja dann auch schicken lassen (der Besitzer tat mir wirklich leid).

Sonntag abend wieder eine Email – er bringt die Jacke am nächsten Tag in meine Firma (ich hatte ihm meine Karte hinterlassen). Der Schlüssel sei auch da. Heute abend dann Showdown in der Firma: Der Besitzer kommt, mit Jacke. Und zwei Taschen: In der einen: Eine (ziemlich teure) japanische Süssigkeit. In der anderen: Ziemlich teurer Käsekuchen (ca. 20 Euro). Ersteres: Von ihm. Letzteres von dem Jackendieb. Dazu noch ein dutzend Entschuldigungen (und ein dutzend Entschuldigungen und Beschwichtigungen von mir). Japanische Etikette eben… das weibliche Personal in meiner Firma freute sich jedenfalls über die beiden Taschen.

Das Wort des Tages: お詫び owabi – die Entschuldigung. Es gibt einige Formen der Entschuldigung in Japan – “owabi” ist eine der höheren Formen (also wenn man sich – zumindest förmlich – “wirklich” entschuldigt, also wirklich die Verantwortung übernimmt).

Wie jemand seine Anzugjacke mit einer schwarzen, glatten, mindestens 5 mal schwereren Lederjacke verwechselt, ist mir jedoch nachwievor ein Rätsel. Würde mich mal interessieren, wann er es bemerkt hatte und was seine Frau (so vorhanden) dazu gesagt hatte…

Teilen:  

Neujahr

Januar 1st, 2010 | Tagged , , | 11 Kommentare | 918 mal gelesen

Das neue Jahr hat nun also begonnen – während man in Mitteleuropa noch Kaffee und Kuchen fröhnte, war es in Japan bereits Mitternacht und die Silvesternacht erreichte ihren japanischen Höhenpunkt: Man liess es bei doch beachtlicher Kälte in den Tempeln richtig krachen und haute ein paar Mal auf die Glocke. Dabei fiel mir erst vorhin ein Bloggerkollege auf, der da von der “Sylvesternacht” sprach. Ich bin nicht sicher, ob die letzte Nacht des Jahres wirklich was mit Sylvester the pussycat zu tun hat. Wohl eher nicht, also bleibe ich lieber beim “i”.

Auf Vorschlag meiner Frau habe ich dieses Jahr mal das gemacht, was ich noch nie in Japan zu Silvester gemacht habe: Ich ging zu einer Silvesterparty – in Roppongi. Die war erstaunlich lahm und nicht weiter der Rede wert – nächstes Jahr werde ich es mit Sicherheit vorziehen, gegen Mitternacht zu Hause “年越しそば – otoshikoshi soba” zu schlürfen (eine japanische Nudelvariante). Viele Japaner (oder mehr noch: Japanbesucher!?) ziehen es ja vor, um Mitternacht zu einem Tempel oder Schrein zu ziehen, doch da muss man wahrscheinlich Fan sein. Ich habe das ein Mal gemacht – es war voll, laut und kalt. Es war weder besinnlich noch eine Party, und persönlich dürstet mir entweder nach dem einen oder nach dem anderen, nicht aber nach dem “Gefühl-wie-werktags-am-frühen-Morgen-mit-der-U-Bahn-fahren – allerdings bei Temperaturen rund um den Gefrierpunkt”. Aber das ist Ansichtssache.

Der Vormittag und Mittag des 1. Januars war nach altbekanntem Schema schnell vorbei: Morgens mit Familie am Schrein beten (dauert 15 Sekunden), dann das Jahreshoroskop ziehen (dieses Jahr: 大吉 daikichi = grosses Glück, das beste, was es gibt, gezogen) und ab nach Hause zum おせち料理 (Osechi) essen – das ist eine Ansammlung vieler kleiner Leckereien, mit viel Geschick und Handwerkskunst angefertigt. Bohnen sind immer dabei, sowie Fisch, Rogen usw. Alle Bestandteile haben eine spezielle Bedeutung, die ich jedoch jedes Jahr aufs Neue vergesse. Dieses Jahr sah die Sache so aus:


Highslide JSHighslide JSHighslide JS

Klicken um zu vergrössern

Dazu gibt es natürlich speziellen Sake und normalen Sake und was man sonst noch so trinken will. Normalerweise wird Osechi so vorbereitet, dass man über die Neujahrsfeiertage (1 bis 3. Januar) nichts zubereiten muss – sprich, es gibt dieses Essen drei Tage lang. Das halten aber mittlerweilen selbst viele Japaner nicht mehr aus. Osechi ist definitiv Geschmackssache – ich fand es anfangs gewöhnungsbedürftig, aber mittlerweilen habe ich mich damit angefreudet. Die überwiegenden Geschmacksrichtungen sind übrigens sauer und süss. Scharf und salzig vermisst man in der Regel.

Auf dem Weg zum Schrein fiel mir heute dieses Haus auf:

Allerlei Götzenbilder

Das muss ungefähr so abgelaufen sein: “Schatz, womit dekorieren wir das Haus zum Jahresende?” – “Schau mal im Keller nach! Wenn es mindestens einen Meter lang und aus Plastik ist, stell es einfach vor die Tür!”. Auf dem Foto ist nur ein Bruchteil zu sehen – es war alles da: Shintoistische Schmuckelemente für Neujahr, dutzende Plastikweihnachtsmänner an Antennen und Trafokästen, Thomas the Tank Engine, der Michelin-Mann, die heiligen drei Könige auf einem gigantischen Plastikkamel usw. usf. Das ganze Anwesen war zudem mit Lichterkette behangen – nachts ist das Ganze bestimmt auch nicht ohne.

Zu guter letzt unsere wie immer selbst gefertigte 年賀状 (Neujahrskarte) für dieses Jahr – ich bitte um Verständnis dafür, dass ich keine hochauflösende Version ins Netz stelle. Wie in einem früheren Beitrag bereits erwähnt, ist 2010 das Jahr des Tigers:

Neujahrsgrüsse aus Japan

Das Wort des Tages: 寅年 (tora-doshi). Tora ist der Tiger (meistens 虎, doch bei den Tierkreiszeichen 寅 geschrieben), -doshi das Jahr. Tigerjahre sind 2010, 1998, 1986, 1974, 1962, 1950 usw.

Teilen:  

Oktoberfest (!)

Juni 1st, 2009 | Tagged , | 7 Kommentare | 1060 mal gelesen

Ja, richtig gelesen – Oktoberfest. Das fand vergangene Woche im Hibiya-Park (zwischen Ginza und dem Regierungsviertel, zentraler geht es nicht) statt. Vor vier Jahren war ich schon ein Mal dort, und es war ganz amüsant.
Oktoberfest bedeutet hier ein kleines Festzelt (ich tippe mal auf ca. 150 Personen, die da reinpassen) sowie viele Holztische und -bänke ausserhalb. Ein paar Wagen von Paulaner, HB usw. die Bier und Essen verkaufen. Sowie eine Kapelle, die hin und wieder vor sich hin blasmusiziert. Die meisten Gäste (es wird meistens ziemlich voll) sind natürlich Japaner; ansonsten trifft man auch zahlreiche Amerikaner, Australier und eine Handvoll Deutsche. Wie beim Münchner Vorbild sozusagen. Schön wäre es, wenn die Preise auch wie in München wären: Eine Mass Bier kostet geschlagene 3,000 Yen (ca. 24 Euro) und ein Schlag Würste um die 700 Yen (5.5 Euro).


Oktoberfest in Tokyo
Nächstes Mal im Oktober bitte: Ins Wasser gefallenes Oktoberfest im Mai, Tokyo
Das Wetter machte uns leider einen grossen Strich durch die Rechnung – es war ein Mix aus abwechselnd einer Minute seichtem Regen und 10 Minuten Starkregen. Tja, es wäre schon eine gute Idee, das Oktoberfest dann stattfinden zu lassen, wenn es normalerweise stattfindet: Im Oktober. Da herrscht in Tokyo nämlich bestes Biergartenwetter.
Saupreiss der ich bin, liessen mich natürlich Brezeln und Hefe kalt – ich entschied mich für Bitburger und Berliner Currywurst.

Hier noch der Link zur offiziellen Seite – das Oktoberfest findet hernach auch noch in Yokohama, Sendai, Fukuoka usw. statt.

Das Wort des Tages: 豪雨 gōu. prächtig-Regen. Zu Deutsch: Starkregen.

Teilen:  

« Ältere Einträge