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Tokyo: Ausflugstipp “Nōryōsen”

September 25th, 2014 | Tagged | 6 Kommentare | 4053 mal gelesen

Rainbow  Bridge von unten

Rainbow Bridge von unten

Aus beruflichen, obgleich angenehmen Gründen ging es am vergangenen Freitag auf eine lustige Bootsfahrt in der Bucht von Tokyo. Die 屋形船 Yakatabune genannten, kleinen Boote kannte ich bereits – die sind oft mit Tatami ausgelegt und halten für Trinkgelagene auf der See her. Dieses Boot war jedoch anders: Es war ein grosses, einstmals bestimmt als Fähre genutztes Boot für geschätzte 1,000 oder mehr Personen. Mit grosser norwegischer Flagge auf dem Schornstein, aber das muss nicht unbedingt bedeuten, dass das Boot auch von dort kommt. Findige Geschäftsleute haben den Kahn nun zum Partyboot umgestaltet: Mit Bühne, Bierausschank und zahlreichen Essensständen. Das Boot legt, wie es scheint täglich, vom Takeshiba-Pier (nahe Hamamatsu-chō, Yamanote-Linie) um 19:15 ab und fährt hernach immer die Küste entlang bis zum Flughafen Haneda und wieder zurück. Mit lauter Musik auf einem der Decks, einem zugegebenermassen etwas nervigen MC und hunderten Leuten in Partylaune. Odaiba, Rainbow Bridge, Anflugschneise des Flughafens, grell leuchtende Industrieanlagen usw. – die Fahrt ist recht kurzweilig und dauert gute zwei Stunden. Der Preis ist zudem mehr als zivil: 2,600 yen pro Person, und das beinhaltet All-You-Can-Drink.

Zur Information: Das ganze nennt sich 納涼船 Nōryō-sen (“Sommerabendbrisen-Linie”) und findet vom 1. Juli bis zum 30. September statt. Bestimmt auch nächstes Jahr. Wie es ausschaut, scheinen etliche Passagiere das ganze auch als Gelegenheit zur Brautschau zu begreifen – für romantische Nächte mit dem Partner dürfte das dann wohl eher doch ungeeignet sein. Zum Leute kennenlernen und feiern ist das Boot jedoch eine runde Sache.

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Selbstverbrennung in Shinjuku und eine gewichtige Entscheidung

Juli 1st, 2014 | Tagged , | 14 Kommentare | 7700 mal gelesen

Auf diesem Blog ist das Thema eigentlich schon ein alter Hut, aber morgen wird es ernst: Mit einem gewieften Trick soll morgen die pazifistische Verfassung ausgehebelt werden. Artikel 9 der japanischen Verfassung besagt,

1) In aufrichtigem Streben nach einem auf Gerechtigkeit und Ordnung gegründeten internationalen Frieden verzichtet das japanische Volk für alle Zeiten auf den Krieg als ein souveränes Recht der Nation und die Androhung oder Ausübung von militärischer Gewalt als ein Mittel zur Regelung internationaler Streitigkeiten.

2) Zur Erreichung des Zwecks des Absatz 1 werden Land-, See- und Luftstreitkräfte sowie andere Kriegsmittel nicht unterhalten. Ein Kriegsführungsrecht des Staates wird nicht anerkannt.

Will heissen, Japan darf nicht Krieg führen. Und keine Armee unterhalten. Aber das möchten konservative Kreise und natürlich allen voran die politische Rechte schon lange ändern. Nun gibt es schon seit langem grossen Widerstand gegen eine Verfassungsänderung. Morgen soll dazu ein erster, grosser Schritt erfolgen. Es geht genau genommen um die Etablierung des 集団自衛権 (Shūdanteki Jieiken) – Recht auf kollektive Selbstverteidigung. Um konkret zu werden: Die USA sind Japans wichtigster Verbündeter. Greift eine andere Macht Japan an, ist die USA verpflichtet, beizuspringen. Greift jedoch eine andere Macht die USA an, ist es Japan verboten, aktiv dem Verbündeten zu helfen. Passiv, zum Beispiel mit militärischen Tankflugzeugen usw., ist dies zum Beispiel im 2. Irakkrieg jedoch schon erfolgt.

Ministerpräsident Abe und seine Regierung möchten nun in einer ausserordentlichen Sitzung des Parlamentes am 1. Juli diese Situation “korrigieren”. Da eine Verfassungsänderung jedoch ziemlich schwierig ist, greift man in die Trickkiste: Sicher, es gibt Artikel 9. Es gibt aber auch Artikel 65 in der Verfassung, und der besagt kurz und knapp:

行政権は、内閣に属する。 – Die vollziehende Gewalt liegt bei dem Kabinett.

Und so beschliesst man morgen also mit einer bequemen Mehrheit im Parlament, die Art und Weise, wie die Verfassung interpretiert wird, zu ändern: Artikel 65 sticht Artikel 9 aus. Ganz einfach. Dass nur ein Drittel der Bevölkerung dies für gut befindet und eine Hälfte schlichtweg dagegen ist¹, ist den regierenden Liberaldemokraten dabei so ziemlich egal.

Das ganze geht nicht ohne Proteste vonstatten: Heute demonstrierten tausenden – genaue Zahlen muss ich leider schuldig bleiben – vielerorts, unter anderem vor der Residenz des Ministerpräsidenten, gegen die heraufziehende Abstimmung. Schade nur, dass die Ministerpräsidenten schon seit ein paar Jahren nicht mehr in der Residenz wohnen, da es dort angeblich spuken soll. Aber das ist natürlich nur ein Gerücht.

Gestern, am 29. Juni 2014, kam es zudem zu einem aussergewöhnlichen Zwischenfall am Südausgang des weltweit belebtesten Bahnhofs – Shinjuku. Ein Mann postierte sich dort gegen 1 Uhr nachmittags mit einem Megaphon auf einer Fußgängerbrücke und begann, gegen die Entscheidung zu protestieren. Das ging eine Stunde lang so, und in dieser Zeit bereitete die Feuerwehr Luftkissen und ähnliches vor. Gegen 2 Uhr übergoss sich der Mann plötzlich mit einer braunen Flüssigkeit und zündete sich an (wer sich das unbedingt ansehen muss – es gibt natürlich alles auf YouTube² – schliesslich ist Shinjuku um diese Tageszeit voller Menschen). Die Feuerwehr war natürlich in Sekundenschnelle dabei, den Mann zu löschen. Jener kam schliesslich mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus, soll aber ansprechbar sein. Interessant ist dabei, dass das geplante Opfer zwar auf viel Interesse in ausländischen Medien stiess, in den japanischen Mainstream-Medien jedoch kaum ein Echo fand.

Politische Auffassung hin oder her – dass Japan der Krieg in der eigenen Verfassung verboten wird, hat seine Gründe. Prinzipiell ist ja gegen das Recht auf Selbstverteidigung nichts einzuwenden. Aber der Gedanke an das folgende Szenarie macht schon bange: Irgendwie schafft Nordkorea es, ein amerikanisches Schiff zu versenken oder es erklärt den USA einfach so den Krieg. Japans Falken beschliessen, dass der Bündnisfall damit geschaffen ist, und lassen die zur Armee verwandelten Selbstverteidigungskräfte anlanden. Und schon stehen japanische Soldaten zwischen China und Südkorea. Beziehungsweise dort, wo meinetwegen jeder sein darf – nur kein japanischer Soldat.

¹ Siehe Nikkei Shimbun vom 29. Juni 2014
² Siehe unter anderem hier

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Alltagsfreuden im Pendelverkehr

April 29th, 2014 | Tagged , | 20 Kommentare | 12256 mal gelesen

Es ist kurz nach 8 am Morgen. Der Wecker überzeugt mich irgendwie, aufzustehen. Heute steht ab 10 ein Meeting in Shibuya auf dem Plan. Normalerweise sieht das so aus: Ich verlasse gegen Dreiviertel Neun das Haus, fahre mit dem Fahrrad 4 km lang Berg und Tal bis zu meinem Bahnhof des Vertrauens. Die Strecke ist gewürzt mit 18-Grad-Steigungen und einer gut 1 km langen, ununterbrochenen Talfahrt. Man ist danach wach. Knapp 15 Minuten später bin ich am Bahnhof und steige in den Schnellzug. 20 Minuten später, also gegen halb Zehn, bin ich in Shibuya. So weit, so gut.

Professionelle Passagierquetscher bei der Arbeit

Professionelle Passagierquetscher bei der Arbeit

Ein Blick aus dem Fenster erklärt das Hintergrundrauschen: Es regnet. So ein Mist. Mein Fahrrad ist zwar sehr schnell, aber einer der Gründe dafür ist das Fehlen von Schutzblechen. Mit Anzug und jenem Fahrrad 4 km bis zum Bahnhof fahren ist nicht empfehlenswert. Ich will ja nicht wie ein nasser Pudel im Meeting sitzen. Deshalb Plan B, extra für Regentage: Ich verlasse kurz nach halb Neun das Haus und laufe eine Minute zur Bushaltestelle. Der Bus kommt natürlich 10 Minuten zu spät, aber kein Problem – komme ich eben erst 9:40 an. Der Bus fährt zum nächstgelegenen Bahnhof: Der ist nur 2 km entfernt, aber dort halten keine Schnellzüge. Es gibt aber ein paar Semi-Express-Züge. Jedenfalls, wenn der Bus pünktlich ist. Da er es aber nicht ist, bleibt nur das Warten auf den Bummelzug. Der fährt – ebenfalls mit etlichen Minuten Verspätung – endlich ein, ist natürlich rappelvoll und bleibt hier und da länger als üblich stehen. Gegen 9:40 – eigentlich wäre ich schon lange in Shibuya – bin ich endlich in Shimokitazawa. Ich wälze mit den Menschenmassen die Treppen und Rolltreppen hoch zur Keiō-Linie. Ein paar Schrecksekunden sind dabei: Die Rolltreppe spuckt immer mehr Menschen auf den Bahnsteig aus, doch jener ist schon hoffnungsvoll überfüllt und die Menschen kommen nicht schnell genug von der Rolltreppe weg. Gleichzeitig fahren links und rechts hupenderweise Züge ein.

Der Keiō-Linie scheint auch unwohl zu sein: Die Herrscher der Bahnhofssprechanlage entschuldigen sich pausenlos mit überschlagender Stimme. Ein Zug nach Shibuya fährt ein. Die Gesichter der Passagiere sind so stark an die Scheiben gedrückt, das sie größer als normaler Gesichter erscheinen. Die Türen gehen unerbittlich auf. Nach ein paar Sekunden, kurz, bevor die Türen wieder schliessen, fällt einem Passagier aus exakt der Waggonmitte auf, dass er ja hier aussteigen möchte. Plötzlich quellen dutzende gestresste, fahle Passagiere aus dem Waggon und wogen sofort wieder zurück, nachdem der Schläfer endlich die Bahn verlassen hat. Endlich! 3.4 Kubikzentimeter mehr pro Passagier! Wenn einer den Waggon verlässt, müsste ja theoretisch mindestens einer neu zusteigen können. Ist aber nicht. Selbst die erprobte Kampftechnik – Mit dem Rücken zum Waggon hin vor die Tür treten, mit den Händen in den inneren Türrahmen festkrallen und dann rückwärts mit allem verfügbaren Druck reinquetschen – hilft nicht. Es passt keiner mehr rein. Zug fährt ab. Nächster Zug kommt: Gleiches Schauspiel. Dritter Zug: Genau, keiner kann zusteigen. Endlich, bei Zug Nummer 4 (wir reden hier von insgesamt 10 Minuten), kann ich “einsteigen”, wobei die Eleganz des Wortes “einsteigen” die Situation nicht ganz korrekt beschreibt. Eigentlich ist es eher wie Rambo in Afghanistan, nur mit Regenschirm statt mit Gewehr, und in Zeitlupe. 7 Minuten später steht der Zug wieder, und zwar 100 Meter von der Endhaltestelle Shibuya entfernt. Wenige Minuten nach 10 Uhr geht die Tür auf. Ja, heute wird wieder ein schöner Tag!*

*Jaja, ich gebe es ja zu: Das ganze geschah bereits vor 10 Tagen. Heute hat es nicht geregnet.

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Störfaktor Handymensch

April 11th, 2014 | Tagged , | 4 Kommentare | 8107 mal gelesen

Docomo, einer der drei großen Mobilfunkanbieter in Japan, hat vor kurzem ein lehrreiches Video unters Volk gebracht, und das Video verbreitet sich momentan sehr schnell. Es geht darum, was passieren kann, wenn man durch die Landschaft läuft und dabei nur auf sein Handy schaut. Die Simulation zeigt im Konkreten, was passiert, wenn 1,500 Menschen gleichzeitig die berühmte “Scramble”-Kreuzung in Shibuya überqueren und alle dabei aufs Handy starren. Das Resultat der Simulation, basierend auf das stark eingeengte Blickfeld der Passanten, besagt, dass nur ein Drittel unbeschadet die Kreuzung rechtzeitig überqueren kann – der Rest ist entweder zu langsam oder stößt mit anderen Passanten (über 400 Mal) zusammen.
Soweit ist die Simulation gar nicht von der Realität entfernt. Seit meinem Umzug steige ich ebenfalls in Shibuya zu besten Berufsverkehrszeiten um. Dabei passiere ich unzählige Treppen und enge Gänge, und die Hälfte der Mitmenschen durchläuft den Parcours dabei mit der Funke in den Griffeln: Entweder, um etwas zu lesen, zu schreiben oder Fernsehen zu schauen. Viele scheinen dabei wirklich nach der Methode “die anderen werden schon um mich herumlaufen” vorzugehen, doch irgendwann ist die kritische Masse erreicht – dann gibt es zu viele Handyjunkies und keiner passt mehr auf. Die Tatsache, dass die besagten Menschen natürlich wesentlich langsamer sind als der Rest, macht mich dabei jedes Mal rasend. Dazu noch Naglfar in voller Lautstärke durch die Kopfhörer pusten, und schon erreicht man eine Betriebstemperatur, die für die nächsten 10 Stunden im Büro reicht.
Natürlich lassen manche Zeitgenossen ihrer Aggressivität freien Lauf. Dazu zählt Bloggerkollege Coolio, dazu zählen natürlich auch einige Japaner. Auch ich habe nach dem 20sten Homo Mobilfunkensis keine Lust mehr auf’s Ausweichen und stelle mich stur. Aah, Shibuya. Das exakte Gegenteil eines Spaziergangs durch den Wald! Aber hier nun das Video:




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Schneechaos (letzter Teil)

Februar 18th, 2014 | Tagged , | 16 Kommentare | 2702 mal gelesen

Normal auf Hokkaido - aber ungewöhnlich in Tokyo

Normal auf Hokkaido – aber ungewöhnlich in Tokyo

Drei Beiträge hintereinander Schnee… aber es ist trotzdem einen weiteren Beitrag wert. Tokyo und Umgebung haben in den vergangenen Tagen die heftigsten Schneefälle seit 45 Jahren erlebt: Am 8. Februar fielen rund 30 cm Schnee im Stadtzentrum von Tokyo, und am 14. Februar noch mal eine ähnliche Menge. Das führt natürlich in Tokyo selbst auch zum Verkehrschaos, doch wesentlich arger hat es andere Präfekturen getroffen. In der Präfektur Yamanashi und selbst im Westen von Tokyo fielen nicht centimeterweise, sondern meterweise Schnee. Zentrale Bahnlinien fahren nicht mehr, Autobahnen und zahlreiche andere Strassen sind auf Dauer gesperrt, und tausende Haushalte sind seit Tagen ohne Strom.

Einige Orte in Yamanashi und Tokyo sind komplett von der Aussenwelt abgeschnitten, und überall stecken Autos und LKW’s seit Tagen im Schnee fest. Hallendächer brachen zusammen und etliche Bäume stürzten um. 23 Tote zählte man soweit¹, und die gesperrten Verkehrswege beginnen sich auszuwirken: Es gibt erste Lieferengpässe. In den Supermärkten zum Beispiel, aber auch bei den grossen Autokonzernen – etliche Werke mussten vorübergehend schliessen, da die Zulieferer irgendwo im Schnee feststecken. Und als ob das noch nicht reicht, soll es am Mittwoch und Donnerstag schon wieder schneien. Dieser Winter gestaltet sich damit recht dramatisch für die Hauptstadtregion. In den Präfekturen am Japanischen Meer und auf Hokkaido kämpft man jedes Jahr gegen die Schneemassen, aber für eine Region, in der pro Jahr im Durchschnitt nur ein paar Zentimeter zusammenkommen, war das einfach mal zuviel. Mit anderen Worten: Es wird langsam Zeit, dass es etwas wärmer wird…

¹ Siehe unter anderem hier

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Whiteout in Tokyo

Februar 9th, 2014 | Tagged | 1 Kommentar | 2504 mal gelesen

Tokyo und Umgebung mal ganz in Weiss

Tokyo und Umgebung mal ganz in Weiss

Wer heute in Tokyo oder der näheren Umgebung weilte, kam in den Genuss eines seltenen Wetterereignisses: Schnee. Sehr viel Schnee. Und das auch noch bei Minusgraden (naja, genau ein Grad Minus). Da die Schneemenge enorm war und die Tage zuvor schon relativ kühl, dauerte es nicht lange, bis der Schnee liegenblieb. Und immer mehr wurde. Im Stadtzentrum von Tokyo wurden am Abend 27 cm gemessen – die höchste Schneemenge seit 1969, und es ist 20 Jahre her, dass mehr als 20 cm Schnee in Tokyo liegenblieben. In Chiba wurde mit 30 Centimeter die seit Beginn der Wetteraufzeichnungen höchste Schneedecke gemessen. Auf meinem Balkon – und der ist überdacht, wohlgemerkt, liegen 40 cm Schnee. Im Durchschnitt. In der Ecke sind es 80 cm, am Rand nur 10. Denn der Schnee paarte sich mit starkem Wind, der örtlich Sturmstärke erreichte.
Die Kinder hatten natürlich ihren Spass, und bereits geringere Schneemengen reichen normalerweise aus, um den Verkehr teilweise zum Erliegen zu bringen. So viel Schnee schmilzt auch nicht über Nacht (zumal es noch immer schneit), so dass die Wahlen zum Gouverneur von Tokyo morgen unter einem schlechten Stern stehen.
Nun liegt die Durchschnittstemperatur in Tokyo am Tag zu dieser Jahreszeit bei 10 Grad plus, aber wenn schon mal Schnee fällt, dann in der Regel erst im Februar oder im März.

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Novum: Kaiserpalast wird geöffnet. Jedoch…

Dezember 18th, 2013 | Tagged , | 5 Kommentare | 5971 mal gelesen

Nijūbashi - Die Doppelbrücke - einer der Eingänge zum Kaiserpalast

Nijūbashi – Die Doppelbrücke – einer der Eingänge zum Kaiserpalast

… gibt es viel Kleingedrucktes dazu. Das 宮内庁 kunaichō – Kaiserliches Hofamt gab heute bekannt, dass anläßlich des 80. Geburtstages des Kaisers im nächsten Jahr einige Bereiche des kaiserlichen Palastes der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. So etwas gab es noch nie – es ist eine kleine Sensation. Schliesslich handelt es sich um einen seit jeher stark abgeschotteten Bereich inmitten einer der größten Städte der Welt. Am 24. und 25. Mai sowie an einem Sonnabend und einem Sonntag Anfang Oktober 2014 soll es jeweils drei Gruppen am Tag möglich sein, sonst unzugängliche Bereiche in Gruppen betreten zu dürfen. Maximal 50 Leute sollen einer Gruppe angehören können. Macht also 50 mal 3 mal 4 Tage = 600 Besucher. Und die sollen per Los ausgewählt werden. Wenn ich es nicht verschlafe, werde ich mich auch um ein Los kümmern, denn die Gelegenheit will ich mir nicht entgehen lassen.

Von Mitgliedern der kaiserlichen Familie, Angehörigen des besagten kaiserlichen Hofamtes und hochrangigen Diplomaten und Staatsgästen abgesehen darf niemand die Anlage betreten. Nur ein sehr kleiner Bereich ist der Öffentlichkeit zugänglich – und auch das nur zwei Mal im Jahr, am 23. Dezember (Kaiserlicher Geburtstag) und am 2. Januar zur Neujahrsansprache.
Freilich werden nicht alle Bereiche öffentlich gemacht – doch die prächtige Empfangshalle 正殿松の間 Seiden Matsu no Ma sowie die Hallen 豊明殿 Hōmeiden und 長和殿 Chōwaden sollen zu sehen sein. Die wichtigsten Heiligtümer 皇霊殿 Kōreiden (Ahnenhalle), 神殿 Shinden (Götterhalle) und 賢所 Kashiko-dokoro (Ort der Ehrfurcht) werden wie eh und je geschlossen bleiben.

Mehr zur Palastöffnung gibt es hier auf Englisch und da auf Japanisch.

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Roboter, halbnackte Frauen und Business

Oktober 3rd, 2013 | Tagged , , | 3 Kommentare | 9258 mal gelesen

Roboter + α: Robot Restaurant in Shinjuku/Tokyo

Roboter + α: Robot Restaurant in Shinjuku/Tokyo

Gestern war ein Treffen mit zwei Geschäftspartnern vereinbart – beide gestandene Japankenner aus dem englischen Sprachraum. Einer der beiden hatte auch lange vorher bereits einen angemessenen Ort für das Treffen arrangiert: Das Robot Restaurant in Shinjuku, genauer gesagt im berühmt-berüchtigten Viertel Kabukichō. Aus eigener Erfahrung schlug der Gastgeber vor, sich vorher zum Abendessen zu treffen, da das Robot Restaurant zwar ein Restaurant ist, die Betonung jedoch hauptsächlich auf dem ersten Wort liegt.
Gesagt, getan. Ah, Shinjuku! Vor 15 Jahren war ich quasi jeden Abend in Shinjuku – entweder zum Arbeiten (wochentags) oder zum Vergnügen (Rest). Shinjuku war mein Spielplatz, und dieser Spielplatz war mir von Anfang an lieber als Roppongi. In den letzten Jahren mangelte es allerdings an Gelegenheiten, und so erkannte ich Shinjuku kaum wieder. Wie sehr sich doch alles in ein paar Jahren ändert. Als erstes viel mir eine chinesische Reisegruppe auf, die einem fähnchenschwingenden Reiseleiter hinterherliefen. Na wenigstens sehen sie so das echte. Japan. Räusper.

Das Robot Restaurant liegt mitten in Kabukichō inmitten all der mehr oder weniger zwiespältigen Etablissements, die da Gruppentarife im Massagesalon anbieten und… nein, das wird zu lang. Selbst im gleißenden Kabukichō fällt das noch gleißendere Robot Restaurant sofort auf. Die Preisstruktur ist einfach: 5,000 Yen pro Person (also rund 40 Euro), ohne wenn und aber. Einfach so hingehen ist nicht – man muss vorher reservieren. Dann wartet man im Eingangsbereich, in dem sofort dank des Dekors Tränen in die Augen schiesen. Es glitzert und funkelt, die Sinne überschlagen sich. Und – nach Japanern muss man beinahe suchen. Fast alle Besucher kommen aus dem Ausland. Irgendwann wird man unter die
Erde geführt – drei Stockwerke tief. Dort: Eine kleine Arena, mit drei gestaffelten Sitzreihen auf beiden Seiten und einem breiten Gang in der Mitte. Dort stehen zwei Angestellte und verkaufen Bier aus Plastebechern. Am Eingang bekommt man zudem eine Pappbox mit Essen drin. Ich musste sie nicht erst öffnen, um zu ahnen, warum wir vorher essen sollten. Nein, hier kommt man ganz sicher nicht des Essens wegen hin.

Farbige Panzer und nackte Frauen. Nun ja.

Farbige Panzer und nackte Frauen. Nun ja.

Irgendwann ging es los. Viele aufgetüterte, halbnackte junge Frauen mit Körbchengrössen, die sich nicht mit den ersten drei Buchstaben des Alphabets beschreiben lassen, sprangen grölend, kreischend, schwerter- und fahnenschwingend durch den Raum. Naja, die ganz normale Durchschnittsfrau eben. Dazu gab es Videoinstallationen, einen Kung-Fu-Panda-Abklatsch, der gegen Bösewichter kämpft (die dann quer durch den Raum fliegen) usw. Besonders bemerkenswert: Die Schlagzeugerin mit einem sehr sportlichen, bunten Drachentattoo, welches den halben Körper bedeckte. Alle Achtung. Irgendwann wurden schliesslich noch. Leuchtknüppel verteilt, mit denen man im Rhythmus winken sollte, Und die meisten haben auch ordentlich mitgemacht.

Was vergessen? Ach so, ja, Roboter! Die gab es natürlich auch, in rauhen Mengen und den verschiedensten Formen, bemannt und unbemannt. Dazu seltsame Fahrzeuge und einiges mehr. Nach anderthalb Stunden war die Show zu Ende, und alle verliessen entweder glücklich oder irritiert das Lokal.

Nun, da habe ich mich zum ersten Mal seit langem in eine andere Welt begeben. Und bei allem Kitsch: Wenn man einfach alles um sich vergisst und sich einfach der Sache ergibt, macht das durchaus Spass. Prädikat: Sehr nerdig, aber gut gemacht und, wenn auch nicht immer, so doch größtenteils, sehr unterhaltsam.
Ach ja: Vom Essen würde ich die Finger lassen. Das können die Convenience Stores besser.

Hier noch der Link zur offiziellen Webseite.

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Doraemon und ein Taifun

September 15th, 2013 | Tagged , , | Kommentare deaktiviert | 3182 mal gelesen

Taifun Man-Yi. Mehr zum Werdegang siehe hier: http://www.jma.go.jp/en/typh/1318.html

Taifun Man-Yi. Mehr zum Werdegang siehe hier: JMA

September ist schön – es gibt zwei Feiertage im September, und die Hitze läßt allmählich nach. Meistens jedenfalls. Nun ist der kommende Montag frei (und der darauf folgende Montag ebenso), nur muss leider just an diesem Wochenende ein großer Taifun das Land heimsuchen. Der Taifun wurde マンニィ (萬宜) Man-Yi getauft – benannt nach einer Meerenge in Hongkong. Dieser Taifun hat es jedoch nicht auf Hongkong abgesehen, sondern auf die am dichtesten besiedelten Regionen Japans. Momentan sieht es so aus, als ob er am 16. September, also am Montag, direkt über Tokyo hinwegziehen wird. Und wie so häufig schiebt der Taifu viel vor sich her – bereits am Sonntag soll einiges an Regen fallen.

Da mit hoher Wahrscheinlichkeit etliche Bahnlinien ausfallen werden, hiess es also, wenigstens am Sonnabend etwas aus dem Tag zu machen. Gar nicht so einfach bei ziemlich schwülen 32 Grad. Aus gegebenen Anlass ging es deshalb mit den Kindern zum Tokyo Tower, denn dort gibt es momentan eine Ausstellung zu Ehren des 80. Geburtstages des Manga-Zeichners 藤子・F・不二雄 (Fujiko F. Fujio). Das ist freilich nicht der richtige Name – geboren wurde der Künstler als Hiroshi Fujimoto. Leider kann er den Geburtstag auch nicht mitfeiern, denn der Künstler verstarb bereits 1996 am Leberversagen – und zwar buchstäblich am Schreibtisch, mit einem Stift in seiner Hand (so verlor er zumindest das Bewusstsein – drei Tage später verstarb er, ohne noch einmal zu erwachen). Fujio’s Leitmotiv war SF, das er jedoch nicht als “Science Fiction” verstanden haben wollte, sondern als 少し不思議 Sukoshi Fushigi – “etwas eigenartig”. Und das ist auch bei weitem seine bekannteste Figur: ドラえもん Doraemon – eine große, blaue Katze, aber mehr dazu siehe Köstlich: Jean Reno meets Doraemon.

Fujio & Doraemon-Ausstellung am Tokyo Tower

Fujio & Doraemon-Ausstellung am Tokyo Tower

Aber wir sind ja in Japan. Der Eintritt ist recht heftig für das, was geboten wird: 1’500 Yen (also rund 12 Euro) für Erwachsene und 900 Yen für Kinder über 4. Und mit 2 Stunden Wartezeit müssen wir rechnen, wurde uns gesagt – und man muss in dieser Zeit wirklich mit den Kindern anstehen. Letztendlich hat es nur eine Stunde gedauert. Der Beginn war recht furios: Ein Minikino mit einem kleinen, weißen Raum, in dem lediglich ein Schreibtisch stand. Das ganze erwies sich als dreidimensionale Projektionsfläche, in der plötzlich Bücher durch die Gegend flogen und vieles mehr – ganz ohne 3D-Brille, wohlgemerkt. Selbst mein 2-jähriger klatschte spontan in die Hände, und das möchte was heissen. Der Rest der Ausstellung war zwar interessant – an vielen Stellen allerdings interessanter für die Eltern, die ja auch allesamt mit Doraemon aufgewachsen sind: Es dürfte niemanden unter 50 in Japan geben, der die blaue Katze nicht kennt.

Mangas lassen mich normalerweise kalt, aber wenn meine Kinder Doraemon schauen, setze ich mich gern dazu: Die Charaktere sind recht lustig, und die Geschichten regen ohne Zweifel wie Phantasie an. Man lernt manchmal auch seine Angestellten damit besser kennen. Als eine Angestellte mir einmal einen übersetzten Text mit der Betreffzeile 翻訳こんにゃく Hon’yaku Konnyaku (hon’yaku = Übersetzung, konnyaku = typisch japanische Zutat aus Teufelszungenmehl) zurückschickte, dachte ich erst an ein launiges Wortspiel. Aber nein – Hon’yaku Konnnyaku ist eines von Doraemons Wunderwerkzeugen: Wenn man darauf rumkaut, kann man Fremdsprachen verstehen.

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Einfach ins Wasser gefallen

Juli 30th, 2013 | Tagged , | 5 Kommentare | 12022 mal gelesen

Am vergangenen Sonnabend fanden, wie jedes Jahr am letzten Sonnabend im Juli, zwei der größten Feuerwerke im Raum Tokyo statt: Das 隅田川花火大会 Sumidagawa-Feuerwerksfestival in Tokyo und das 浦安花火大会 Urayasu-Feuerwerksfestival. Ersteres fand dieses Jahr zum 36. Mal statt und zieht im Schnitt eine dreiviertel Million Besucher an; das Feuerwerk in Urayasu (ja, ich bastele gerade an dieser neuen Webseite) fand zum 35. Mal statt und hat im Schnitt eine halbe Millionen Besucher (die Stadt hat gerade mal 160’000 Einwohner).

Beide Veranstaltungen dauern eine geschlagene Stunde, während der mehr als 6’000 Feuerwerkskörper hochgehen. Und gemeint sind Feuerwerkskörper: Von Hand hergestellte, ordentliche Kawenzmänner. Ein Spektakel. Da wir in Urayasu wohnen und ein Feuerwerk gar beschaulich ist, wenn man sich mit Essen und Bier draussen irgendwo hinsetzt, sind wir auch dieses Jahr wieder hingetrabt. Zu einem etwas weiter entfernten Ort direkt am Ufer (das Feuerwerk wurde von einem Podest im Meer gestartet). Zu den Menschenmassen wollten wir nicht, denn da würden wir ganz schnell unsern Jüngsten aus den Augen verlieren.

Zum Start um 19:30 (ja, da ist in Japan im Sommer schon das Licht aus) sah alles noch ganz in Ordnung aus. Doch das änderte sich binnen weniger Minuten. Erst kamen ein paar Tropfen, dann bedrohlich aussehende Wolken, und schließlich Fremdblitze, die eindeutig nicht zum Feuerwerk gehörten. Der Wind frischte merklich auf – und nach ein paar Minuten war Feierabend: Kurz vor 20 Uhr goß es in Strömen und es blitzte und krachte überall. Zum Glück (bzw. in weiser Voraussicht) waren wir direkt an einer Unterführung, so dass wir uns dort verkriechen konnten. Das war auch besser so, denn Regenschirme hätten nicht geholfen, und die Temperatur sank schlagartig von 30 auf 22 Grad. Obwohl die Unterführung sehr breit ist, kam auch dort das Wasser fast überall hin.

Bedrohliche Wolkenkulisse beim Feuerwerk

Bedrohliche Wolkenkulisse beim Feuerwerk

Auch das Sumida-Feuerwerk musste abgebrochen werden – zum ersten Mal in der 36-jährigen Geschichte. Hätte man die Situation nicht vorher einschätzen können? – Der Hobbymeteorologe sollte hier hellhörig werden. Da ich ein bisschen Hintergrundwissen dazu habe: Die Chancen standen meiner Einschätzung nach 50:50. Man ist das Risiko eingegangen, da die Feuerwerke extrem viel Vorbereitungszeit und -kosten mit sich bringen. Die Gewitterfront schlummerte bereits nördlich von Tokyo. Aber die Geschwindigkeit, mit der die Front dann Richtung Meer rollte und immer größer wurde, war wirklich beachtlich und nur schwer vorhersehbar. Und man kann mal wieder nur seinen Hut ziehen vor den Organisatoren und den Teilnehmern: Vielerorts würde es bei einem Wolkenbruch mit Blitz und Donner bei fast einer Millinen Menschen auf engem Raum zu Tumulten oder Panik kommen – alles schon geschehen (in Fußballstadien zum Beispiel). Aber letztendlich kamen alle zwar naß, aber unversehrt nach Hause.

Das Wetter spielt dieses Jahr sowieso einige Kapriolen in Japan: Erst begann die Regenzeit viel zu früh. Dann regnete es lange nicht. Dann hörte die Regenzeit auch viel zu früh auf. Schließlich gab es Anfang Juli eine ordentliche Hitzewelle. Und seit Wochen wird der Nordosten und der Westen Japans von rekordverdächtigen Regenfällen nebst Überschwemmungen heimgesucht. In Tokyo hingegen sind schwere und plötzliche Gewitter zum Alltag geworden.

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