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Teure Olympische Spiele | Mercedes-Raamen

Dezember 1st, 2016 | Tagged , , | Kein Kommentar bisher | 323 mal gelesen

Auch heute gibt es wieder zwei Nachrichten auf ein Mal.

Die erste betrifft die Olympischen Spiele in Tokyo 2020: Vorgestern, am 29. November 2016, kamen IOC-Mitglieder, das Tokyo-Komitee für die Olympischen Spiele, Vertreter der japanischen Regierung sowie Vertreter der Stadtverwaltung von Tokyo in einem Hotel der Stadt zusammen, um den Stand der Dinge zu diskutieren. Dabei ging es unter anderem um die anhaltende Diskussion über die Auslagerung einiger Wettkampftstätten nach Tohoku sowie um die Kosten der Spiele. Und dort gab es einen Offenbarungseid. Während der Präsentation über die Spiele im Jahr 2013 hieß es, dass der ganze Spaß cirka 734 Milliarden Yen, also rund 6 Milliarden Euro kosten wird. Bei der Versammlung am Dienstag hiess es jedoch nun, dass man versuchen werde, nicht mehr als 2 Billionen Yen, also 16,5 Milliarden Euro, für die Spiele auszugeben, aber die neue Ratsherrin von Tokyo, Yuriko Koike, brachte auch schon 25 Milliarden Euro als mögliche Kosten ins Gespräch. Ein Grund für die Kostenexplosion war auch schnell gefunden (nicht von Koike, wohlgemerkt): Der alte Voranschlag habe eben noch nicht Kosten für Transport, Sicherheit usw. enthalten. Nun ja.

Der Kostenexplosion wird vermutlich der Vorschlag zum Opfer fallen, die Ruderer in die hunderte Kilometer weiter nördlich gelegene Präfektur Miyagi zu schicken – zu einer Anlage in 長沼 Naganuma. Man argumentierte, dass dies einen belebenden Effekt auf die von der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe gebeutelte Region haben könnte, und dass der Ort zwar weit entfernt liegt, dies aber dank des Shinkansens kein Problem sein sollte, was soweit auch korrekt ist. So gesehen also keine so falsche Idee. Man darf jedoch gespannt sein, wie sich die Kosten weiter entwickeln werden. Und falls jemand beim Lesen dieser Zeilen gerade ein Déjà vu hatte — richtig, auch die Olympischen Sommerspiele 2012 in London wurden mit rund 6 Milliarden Euro veranschlagt, kosteten aber letzendlich fast 14 Milliarden. Dass man das in Tokyo für wesentlich weniger Geld hinbekommt, klang von vornherein relativ unwahrscheinlich.


Zur zweiten Nachricht: Wie jetzt bekannt wurde, wird Mercedes Benz in den nächsten Tagen und Wochen in seiner Hauptniederlassung in Roppongi, Tokyo, ラーメン Raamen verkaufen. Erklärtes Ziel ist es, Japaner zu überzeugen, dass Mercedes mehr als eine Luxusmarke für Gutbetuchte ist. Und so hat man sich die berühmte chinesisch-japanische Nudelsuppe als Kundenfänger ausgesucht, denn Raamen ist „Volksessen“, also quasi das, was dem Deutschen seine Curry- oder andere Wurst ist. Zwei Varianten wird es geben: 陸 riku (Land), mit Entenfleisch und Pilzen, sowie 海 Umi (Meer) auf Fischbrühenbasis. In letzerer Variante schwimmt dann auch Mochireis mit dem obligatorischen Stern eingebrannt. Eine Schüssel kostet wohl 1’200 Yen (10 Euro), also etwas mehr als üblich für Raamen, aber keinesfalls abschreckend teuer.

Mercedes Benz-Ramen. Quelle: WithNews

Mercedes Benz-Ramen. Quelle: WithNews

Ein veritabler Marketingtrick, denn erstens gibt es unzählige Raamenfanatiker in Japan, die man so in die Ausstellungsräume locken kann, und zum anderen gibt es genug Idioten wie mich, die sich darüber die Finger wund schreiben. Aber da ich selber Ramen-fan bin, war mir das ein paar Zeilen wert.

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Buntes Allerlei: Erdbeben | Schnee | Abe’s Fehlgriff und Geschichtsstunde

November 24th, 2016 | Tagged , , , | Kein Kommentar bisher | 751 mal gelesen

Unerhört: Schnee in Tokyo im November

Unerhört: Schnee in Tokyo im November

Irgendwann im vergangenen Jahr, im November oder Dezember, meldete das Wetteramt Schnee für Tokyo an. Das war recht ungewöhnlich, denn wenn es mal in Tokyo schneit (man erinnere sich – Tokyo liegt auf dem gleichen Breitengrad wie Tunis!), dann eher um den Februar herum. Und siehe da – es schneite nicht, und die falsche Vorhersage wurde damit begründet, „dass es nicht kalt genug war“. Aha. Heute hat es jedoch gereicht. Zwar blieb der Schnee im Zentrum von Tokyo kaum liegen, wohl aber in den Randgebieten, inklusive meines Gärtchens. Und das ist schon etwas besonderes: Das letzte mal, dass es im Zentrum von Tokyo im November geschneit hat, war 1962 – also vor 54 Jahren. Das Verkehrschaos war da, aber es hielt sich einigermaßen in Grenzen.


A propos Natur: Am Dienstag, dem 22. November, morgens kurz vor 6 Uhr, rüttelte es spürbar im Raum Tokyo — Grund dafür war ein Erdbeben der Stärke 6.9¹ vor der Küste von Fukushima – also genau da, wo man in den Jahrzehnten lieber kein grösseres Erdbeben erwarten möchte. Es wurde sogar eine Tsunami-Warnung herausgegeben, aber der Tsunami war letztendlich maximal 1.5 Meter hoch und richtete keine größeren Schäden an.  Auch im havarierten AKW gab es wohl keine besonderen Vorkommnisse. In den deutschen Medien las sich das jedoch alles so furchtbar, dass zahlreiche Bekannte ganz erschrocken über Facebook und Co. fragten, ob alles in Ordnung sei. Das freut mich natürlich sehr, aber andererseits war es letztendlich ein relativ harmloses Beben.


Und da wäre noch Ministerpräsident Abe, der in dieser Woche nach New York eilte, um als erstes Staatsoberhaupt eines anderen Landes mit Donald Trump reden zu können. Das schien Abe wohl sehr wichtig, um die Gemüter zu Hause zu beschwichtigen, denn wie hier geschildert, macht man sich auch in Japan große Sorge darüber, was Trump außen- und wirtschaftspolitisch alles anrichten wird. Scheinbar ist man noch optimistisch – nach einem kurzen Sturzflug ist die Börse seit Tagen im Höhenflug, doch es fällt schwer zu glauben, dass sich die Lage mit Trump verbessern wird. Heute kam jedenfalls ans Licht, dass Abe ein besonderes Souvenir im Gepäck hatte: Einen goldfarbenen Golfschläger der Firma Honma Golf Co. Damit wollte er die Besonderheit und Qualität der Marke „Made in Japan“ unterstreichen. Das ganze hatte nur einen Schönheitsfehler, wie die chinesischen Medien in dieser Woche genüsslich feststellten²: Honma Golf ging schon vor 11 Jahren pleite und wurde danach von chinesischen Geschäftsleuten übernommen. Das einzige, was an dem Golfschläger noch japanisch ist, ist der alte Firmenname „Honma“.


Zu guter letzt noch eine Perle japanischer Wissensvermittlung. Beim Zappen fiel mir neulich ein Programm mit dem Namen 戦国鍋TV 〜なんとなく歴史が学べる映像〜 (Sengoku-nabe TV – ‚Videos, mit denen man irgendwie ein bisschen Geschichte lernen kann‘ auf. Eine Boygroup in Glitzergewändern sang da mit viel Humor und noch mehr Verrenkungen die Erbfolgen der verschiedenen japanischen Clans im 17. Jahrhundert herunter. Das war einfach zu göttlich anzuschauen. Leider scheint es das Programm nur 2 Jahre lang gegeben zu haben – produziert wurde es laut Wikipedia von 2010 bis 2012 vom lokalen Sender TV Kanagawa, aber zur Zeit gibt es manchmal Wiederholungen. Ob das unten folgende Video in Deutschland sichtbar ist und wenn ja wie lange, weiss ich leider nicht. Aber es versuche es trotzdem:

Fazit: Interessanter Ansatz. Könnte mir vorstellen, dass einige Leute wirklich dank dieser Sendung etwas gelernt haben.

¹ Siehe unter anderem hier
² Siehe unter anderem hier

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Shibuhallo – wenn Fasching auf Japan trifft

November 1st, 2016 | Tagged , , | Kein Kommentar bisher | 2037 mal gelesen

Halloween ist in Japan seit ein paar Jahren schwer im Kommen — und das nicht nur bei den Kindern. 2012 kamen ein paar Clubs im Tokyoter Trendviertel auf die Idee, sich zusammenzuschliessen und regelrechte Kostümballe zu veranstalten. Und es gibt viele Clubs in Shibuya. Nach zwei Jahren lag die geschätzte Teilnehmerzahl bei über 50’000, doch diese Zahl hat sich 2015 und auch 2016 vervielfacht — wobei es schwer ist, genaue Zahlen zu schätzen, denn bei weitem nicht alle gehen wirklich in die Clubs. Stattdessen brodelt die ganze Gegend zwischen Bahnhof und dem oberen Ende der Dogenzaka. Und dieses Jahr dauert das ganze Spektakel auch noch 4 Tage – vom 28. Oktober bis zum 31. Oktober.

Da ich sowieso in Shibuya umsteigen muss, habe ich mir heute mal das Spektakel kurz selbst angesehen. Die Stimmung rund um den Bahnhof war ausgelassen, und es war extrem voll. Schätzungen gehen davon aus, dass die berühmte „Scramble-Crossing“ genannte Kreuzung pro Tag von einer halben Millionen Menschen überquert wird – während des mittlerweile liebevoll シブハロ shibuharo, von SHIBUya HALLOween genannten Events hingegen von einer Millionen Menschen. Die sind natürlich nicht alle gleichzeitig da, daher die ungenauen Teilnehmerzahlen.

Trotz der enormen Menschenmassen verlief das ganze bisher immer recht friedlich – mit Ausnahme einer Festnahme im Jahr 2015, als ein paar Vermummte einen Polizisten angriffen. Der Vorfall fand in den Medien viel Beachtung, da vielen diese neue Grossveranstaltung ohnehin suspekt ist. Die Polizei hingegen kann nur gelobt werden: Die auf ihren typisch japanischen Polizeiwagen stehenden Beamten mit ihren Mikrofonen sind bereits unter dem Namen „DJ Police“ berühmt geworden und versuchen nach Leibeskräften, die Kreuzung freizuhalten und für ein bisschen Ordnung zu sorgen, was nicht so einfach zu sein scheint. Anbei ein kurzes Video, heute gedreht (leider hatte ich nur mein Handy dabei):

Mir fielen jedenfalls viele Ausländer auf — überall hörte man koreanisch, chinesisch, aber auch Englisch und andere Sprachen. Ganz offensichtlich hat sich die Veranstaltung über die Landesgrenzen hinweg herumgesprochen. Und warum auch nicht: Shibuhallo ist Tokyos jüngste Attraktion und ich hoffe sehr, dass es nicht zu Zwischenfällen kommt, denn dann könnte die Veranstaltung sehr schnell verboten werden. Übrigens sieht das ganze weniger wie Halloween sondern mehr wie Fasching aus: Gruselkostüme sieht man zwar oft, aber noch häufiger sind harmlosere Verkleidungen.

Bei der Recherche zu aktuellen Zahlen bin ich auf diese Seite hier gestossen, wo auch auf die negativen Begleiterscheinungen aufmerksam gemacht wird. Dazu zählen die enormen Müllberge, aber auch die potentielle Terrorgefahr. Ungefährer Wortlaut: „Da die Menschen verkleidet sind, sieht man nicht, ob sie Ausländer sind oder nicht, oder ob sie gefährliche Waffen dabei haben“. Dieser Satz macht mich wirklich sprachlos. Scheinbar ist das Gedächtnis hier sehr kurz, denn der schlimmste (und eigentlich einzig nennenswerte) Terrorangriff wurde eben nicht von Ausländern verübt, sondern von *reinrassigen* Japanern – den Verrückten der Aum-Sekte.

Anbei noch ein paar Fotos:

  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016 - Bahnhofsvorplatz
  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016
  • Diese Polizisten sind echt
  • Diese auch: DJ Police bei der Arbeit
  • Shibuhallo 2016
  • Diese Polizistinnen sind jedenfalls nicht echt
  • DJ Police
  • Mitgehangen, mitgefangen
  • Shibuhallo 2016
  • Armeeeinheiten sind auch dabei
  • Mehr Fasching als Halloween
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Tokyos Antwort auf den Berliner Flughafen BER

September 19th, 2016 | Tagged , | 5 Kommentare | 858 mal gelesen

Mit Grausen verfolge ich seit Jahren das jämmerliche Gezerre um den neuen Berliner Grossflughafen BER. Die geballte Inkompetenz und die grandios unterschätzten Baukosten eignen sich wunderbar zum, wie heisst es doch in letzter Zeit so schön, „Fremdschämen“. Aber zum Glück ist Berlin nicht ganz allein, schafft man doch so etwas auch in Hamburg… und wie es aussieht, auch in Tokyo. Zwar hat man dort vor ein paar Jahren in rekordverdächtig kurzer Zeit den Tokyo Sky Tree mitten ins Stadtzentrum gepflanzt, doch ein anderes Grossprojekt nimmt ähnlich groteske Züge an wie der BERühmte Möchtegernflughafen: Es handelt sich um den neuen Standort für den berühmten Tokyoter Fischmarkt 築地Tsukiji. Das jetzige Gelände ist seit 1935 in Betrieb, nicht ausbaufähig mangels Raum und ziemlich in die Jahre gekommen. So kam man auf die Idee, die Markthallen zu verlegen – und zwar nach 豊洲 Toyosu, einer Neulandinsel im Distrikt Koto und keine zwei Kilometer Luftlinie vom jetzigen Standpunkt entfernt.

Die Baustelle des neuen Marktes auf Toyosu (aufgenommen im November 2014)

Die Baustelle des neuen Marktes auf Toyosu (aufgenommen im November 2014)

Eigentlich sollte der gesamte Grossmarkt – in dem pro Jahr cirka eine Millionen Tonnen Waren umgeschlagen werden (zwei Drittel Fisch, ein Drittel Obst und Gemüse) im Februar 2017 in die neuen Hallen auf der Insel Toyosu umziehen. Von Anfang an gab es dagegen Protest, denn auf dem neuen Gelände befand sich früher ein gewaltiges Gaswerk von Tokyo Gas, und – zu recht – befürchtete man Grundwasser- und Bodenverschmutzung. Diese Befürchtungen wurden durch eine Untersuchung untermauert: Die Grenzwerte für Benzen, Blausäure, Blei und Arsen wurden zum Teil sehr deutlich überschritten. Schaut man sich allerdings die Geschichte des jetzigen Standortes Tsukiji an, wird einem ebenfalls Angst und Bange, denn hier stand nicht nur ein Giftgaslabor der kaiserlichen Marine – hier verbuddelte man auch mehrere Tonnen Thunfisch, die ein japanischer Trawler aus den Wasserstoffbombentestgebieten aus der Südsee heimbrachte. Besagtes Boot namens 第五福竜丸 Daigofukuryū-Maru geriet damals unbewusst in ein Testgebiet – 23 Besatzungsmitglieder wurden zum Teil stark verstrahlt.

Bei einer Begehung der fast fertigen, neuen Hallen in der vergangenen Woche stiess man auf eine unangenehme Überraschung: Im Untergeschoss der Hallen stand eine enorme Menge Wasser, und man konnte noch nicht einmal sagen, wo es herkommt – ob vom Regen oder vom Untergrund. Der pH-Wert war zudem enorm hoch, was allerdings vom Beton stammen könnte. Ausserdem stellte man fest, dass die gesamte Fläche scheinbar nicht, wie ursprünglich geplant, komplett versiegelt und asphaltiert war, sondern aus Kies bestand, auf den man eine dünne Schicht Beton gegossen hat. Gleichzeitig tauchten erste Ungereimtheiten bei den Verträgen auf. Obwohl die Stadtregierung ursprünglich das Projekt mehrfach ablehnte, wurde trotzdem irgendwann ein Vertrag aufgesetzt – mit Auflagen, die ganz offensichtlich nicht eingehalten wurden. Der damalige Governeur von Tokyo, Ishihara, gab bei einer ersten Befragung an, sich an nichts mehr zu erinnern.

Der Umzug im Februar nächsten Jahres wird damit wohl ins Wasser fallen, und möglicherweise werden sich die in Tsukiji ansässigen rund 1’000 Handelsfirmen jetzt gänzlich gegen den Umzug wehren. Die Hallen hätte man dann quasi ganz umsonst gebaut. Man darf gespannt sein, wie man das Problem bis zu den Olympischen Spielen im Jahr 2020 lösen wird, denn Toyosu befindet sich quasi direkt neben dem geplanten Olympischen Dorf und zahlreichen Wettkampstätten. Da muss ich die Stadtregierung ins Zeug legen, sonst hat man bald eine japanische Variante des BER mitten in Tokyo.

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Schlechtes Omen? Japan von Taifunen regelrecht überrannt

August 25th, 2016 | Tagged , | 4 Kommentare | 1201 mal gelesen

Taifune im Dreierpack (22. August 2016)

Taifune im Dreierpack (22. August 2016)

Normalerweise erlebt man im Raum Tokyo ein bis zwei Mal, manchmal auch überhaupt nicht, einen Taifun. Freunde dieser beeindruckenden Naturphänomene kommen allerdings dieses Jahr vermehrt auf ihre Kosten, und die Fakten sind besorgniserregend. So beginnt die Hauptsaison für Taifune eigentlich im September, doch dieses Jahr geht es schon seit Anfang August hoch her. Normalerweise liegt die Kinderstube der Taifune sehr weit südlich, in der Nähe der Marianen, doch dieses Jahr hat sich das Entstehungsgebiet sehr stark nach Norden verschoben und lag bei einigen Taifunen (10 sind es insgesamt bisher) sogar in japanischem Hoheitsgebiet, ein paar hundert Kilometer südlich von Honshu und Shikoku. Und normalerweise hat man es mit nur einem Taifun auf ein Mal zu tun – in sehr wenigen Jahren manchmal auch mit zweien kurz hintereinander. Doch in der vergangenen Woche bewegten sich gleich drei Taifune auf ein Mal durch Japan. Einer davon ist am Montag direkt bei Tokyo an Land gegangen, aber er verlief recht glimpflich – rund 100 mm Regen (ein Fünftel der Jahresmenge in Berlin) fielen innerhalb von drei Stunden, aber der Sturm hielt sich in Grenzen. Der dritte Taifun im Bunde, Taifun Numero 10 mit dem Namen Lionrock, wird jedoch womöglich noch für viel Aufsehen sorgen: Dieser entstand ebenfalls nur wenige hundert Kilometer südlich von Shikoku und bewegte sich eine Woche lang fast nicht von der Stelle – das bekamen auch die Bewohner einiger Inseln in der Präfektur Okinawa zu spüren. Doch jetzt nimmt er plötzlich Fahrt auf und entwickelt sich zu einem Supertaifun mit Windspitzen von bis zu 270 Stundenkilometern. Noch ist die genaue Bahn schwer vorherzusagen, aber sollte dieser Taifun in rund drei Tagen nach Norden drehen, und das ist durchaus wahrscheinlich, wird Tokyo von einem Monstersturm heimgesucht werden (sollte dies der Fall sein, wird dies um den 30. August herum geschehen). Meteorologen bezeichnen ihn schon jetzt als den schwersten Taifun in der Geschichte, der Tokyo direkt bedroht.

Ja, die Taifune haben zugenommen. Aber in diesem Jahr häufen sich sehr bedenkliche, so noch nicht dagewesene Wetterphänomene, die nur eines bedeuten können: Das Meer südlich von Japan muss wesentlich wärmer sein als sonst.

Taifun Lionrock und die berechnete (befürchtete) Route

Ob die Taifune nun direkt einschlagen oder nicht – seit zwei Wochen sorgen sie nun schon im Raum Tokyo für extrem schwüle Luft und urplötzliche, heftige Wolkenbrüche. Wie es aussieht, wird sich das so schnell nicht ändern. Wer also momentan in Japan weilt und womöglich in den Bergen nach etwas kühlerer Luft sucht, sollte sich auf jeden Fall täglich kundig machen, denn in den Bergen werden Taifune und deren Ausläufer zu einer echten Gefahr.

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Olympische Spiele: Freudige Erregung und ein Mario-Abe

August 23rd, 2016 | Tagged , | Kommentare deaktiviert für Olympische Spiele: Freudige Erregung und ein Mario-Abe | 705 mal gelesen

Unkenrufen zum Trotz fanden die Olympischen Spiele nun doch statt, und vor allem in Japan schaute man dieses Mal besonders aufmerksam hin – schliesslich ist Japan als nächstes dran (und es gibt noch viel zu tun – man weiss zum Beispiel noch nicht einmal, wie viel der Spass eigentlich kosten wird). Und Japan hat in den vergangenen Jahren scheinbar einiges richtig gemacht bei der Sportförderung, denn mit 41 Medaillen gab es so viel Edelmetall wie nie zuvor. Darunter gab es auch echte Überraschungen, denn niemand hätte zum Beispiel den japanischen Sprinter bei der 4×100-Meter-Staffel der Herren zugetraut, aufs Podest zu gelangen – doch ein nahezu perfektes Zusammenspiel der als Einzelläufer weniger erfolgreichen vier sorgte für eine sensationelle Silbermedaille. Einer der vier ist zudem ein „half“, also ein Halbjapaner, mit dem ganz klar unjapanischen Namen Cambridge – und der sorgte wahrscheinlich gleichzeitig mit dafür, dass sich noch mehr Japaner mit dem Gedanken anfreundeten, dass „half“ nicht unbedingt halbe Menschen sind sondern mitunter Japaner wie Du und … nein, nicht ich.

Abe-Mario bei der Abschlusszeremonie

Abe-Mario bei der Abschlusszeremonie

Ministerpräsident Abes Auftritt als Super Mario während der Schlusszeremonie sorgte nun für zahlreiche Reaktionen in den japanischen sozialen Netzwerken. Wie zu erwarten ist alles dabei: Von der Häme bis zur Bewunderung. Der Auftritt deutete auch an, mit welchem Pfund Japan bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokyo wuchern wird. Selbst hochbetagte Funktionäre sind sich einig, dass aus dem Geek-Image Japans viel Kapital zu schlagen ist, und warum auch nicht: Eine Nation, die für ihre Videospiele und ausgefallenen Ideen bekannt ist? Es gäbe schlimmeres. In dem Sinne darf man schon mal auf die Eröffnungszeremonie in Tokyo gespannt sein. Das sind zwar noch vier Jahre hin, aber wie sich bei allen Olympischen Spielen herausstellt, ist das eine sehr kurze Zeit, um alles fertigzustellen. Fast so wie Weihnachten, dass ja auch jedes Jahr ganz plötzlich und unverhofft vor der Tür steht.

Unter dem Hashtag #安倍マリオ tauchte übrigens das untere Bild heute auf – mit dem Titel „首相、よく間違えなかったな。“ – „Ministerpräsident, Glück gehabt dass Du Dich nicht verlaufen hast!“ (zur Auswahl stehen die Ministerpräsidentenresidenz, Rio und der Yasukuni-Schrein):

Abe-Mario: Zum Glück nicht verlaufen!

Abe-Mario: Zum Glück nicht verlaufen!

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Einmal als Mario im Go-kart durch Tokyo fahren

August 16th, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 577 mal gelesen

​Heute nachmittag habe ich an einer grossen Kreuzung in Shibuya einen triftigen Grund gesehen, endlich mal die Fahrerlaubnis zu machen: An der Ampel warteten vier Go-karts, mit als Mario und Konsorten kostümierten Fahrern, die offensichtlich sehr viel Spass an der Sache hatten. Deutsch, wie ich bin, war ich natürlich erstmal perplex, dass man mit den Dingern ganz normal im Strassenverkehr mitmischen darf, denn die Vehikel liegen so tief, dass schnell mal ein Bus- oder LKW-Fahrer die Dinger übersieht, und das Ergebnis dürfte klar sein. Erstmal dachte ich auch an den Batman-Fahrer in Chiba, aber ein genauer Blick auf die Karren machte deutlich, dass sich jedermann die Dinger ausleihen kann. Vorausgesetzt natürlich, man hat einen japanischen oder einen in Japan anerkannten Führerschein.

Im Go-kart durch Tokyo

Im Go-kart durch Tokyo

Ich bin zwar kein Mariospieler, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass es ein Riesengaudi sein muss, mit den Dingern durch Tokyo zu flitzen. Das geht entweder im Pulk und mit Führung oder auch allein. Die auf der Webseite inserierten Preise klingen jedenfalls vernünftig: 8,000 yen für 2 Stunden, inkl. Benzin, klingen zivil. Wer sich einen Mariobart dazu ausleihen möchte, muss noch 250 yen pro Stunde draufzahlen, aber der Spass ist es sicherlich wert. Man konnte auch sehen, dass die meisten Menschen, die die Gefährte bemerkten, schnell ein Lächln auf den Lippen hatten. Und für 8,000 yen Tausenden Menschen ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern klingt nach einer guten Idee. Das funktioniert übrigens auch mit dem Fahrradhelm vom Sohnemann:

Fahhradhelm mit Iro

Fahhradhelm mit Iro

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Und die vollsten Bahnlinien von Tokyo sind…

Juli 8th, 2016 | Tagged , | 6 Kommentare | 1334 mal gelesen

158 verschiedene Bahnlinien, betrieben von insgesamt 48 verschiedenen Bahngesellschaften. 2,210 Bahnhöfe. Und 40 Millionen mal pro Tag macht es „Beep!“, wenn die Bahnfahrenden ihre Geldkatzen oder Handys über den IC-Kartenleser der Ticketschranken ziehen. Das ist der Nahverkehr im Raum Tokyo.

Da bekommt man schnell schlechte Laune: Rush Hour in Tokyo

Matthias Reichさん(@tabibito_tokyo)が投稿した写真 –

Und alljährlich erscheint eine Liste in Tokyo, der man entnehmen kann, welche Bahnlinien – im Durchschnitt, an einem Wochentag – am vollsten sind. Der Auslastungsgrad lässt sich dabei recht leicht in Prozent angeben – und dafür gibt es vom Verkehrsministerium erlassene, mehr oder weniger feste Definitionen:

Auslastung in % Definition (nach Verkehrsministerium)
100% Man kann entweder sitzen, sich an einer der Halteschlaufen festhalten oder neben der Tür stehen
150% Man kann bequem eine Zeitung aufschlagen und lesen
180% Wenn man sich viel Mühe gibt und faltet, kann man eine Zeitung lesen
200% Man steht dicht an dicht gedrängt, berührt auf allen Seiten Mitreisende und kann nur mit Mühe eine Zeitschrift lesen
250% Wenn sich der Zug neigt, neigt man sich mit. Man kann den Körper nicht mehr bewegen – einschliesslich der Hände.

Ein Blick auf die Top Ten in diesem Jahr ist für Tokyo-Kenner keine wirkliche Überraschung. Die Linien, die ich quasi täglich benutze, liegen auf Platz 6 und 7. Und die Nummer 1 ist keine Unbekannte – die 東西線 Tozai-Linie verbindet schliesslich Urayasu, meinem Wohnort von 2005 bis 2014, mit Tokyo. Es passierte auch in dieser Linie, dass im vergangenen Jahr eine Scheibe wegen Überfüllung zu Bruch ging. Die angegebenen Werte in der Liste unten sind wohlgemerkt Durchschnittswerte, denn die Türen und Waggons, von denen man sofort zu Treppenaufgängen am Bahnsteig gelangt, sind natürlich viel beliebter als die anderen Waggons (zur Erinnerung: Japanische Züge halten zentimetergenau an fest bestimmten Punkten). So sind dann bei einem Schnitt von 200% Teile des Zuges zu 150%, andere hingegen zu 250% überfüllt.

Rang Auslastung in % Spitzenzeit Linie Strecke
9. 178 7:34 – 8:34 JR総武線(快速) JR Sōbu (Rapid) 新小岩 Shinkoiwa → 錦糸町 Kinshichō
9. 178 7:45 – 8:45 千代田線 Chiyoda-Linie (Metro) 町屋 Machiya → 西日暮里 Nishi-Nippori
8. 182 7:39 – 8:39 JR東海道線 JR Tōkaidō 川崎 Kawasaki → 品川 Shinagawa
7. 185 7:50 – 8:50 田園都市線 Den’en Toshi-Linie 池尻大橋 Ikejiri-Ōhashi → 渋谷 Shibuya
6. 189 7:46 – 8:48 小田急小田原線 Odakyū Odawara-Linie 世田谷代田駅 Setagaya Daita → 下北沢 Shimokitazawa
5. 191 7:54 – 8:54 JR中央線(快速) JR Chūō-Linie (Rapid) 中野 Nakano → 新宿 Shinjuku
4. 192 7:34 – 8:34 JR横須賀線 JR Yokosuka-Linie 武蔵小杉 Musashi-Kosugi → 西大井 Nishi-Ōi
3. 197 7:50 – 8:50 JR京浜東北線 JR Keihin-Tōhoku-Linie 上野 Ueno → 御徒町 Okachimachi
2. 199 7:34 – 8:34 JR総武線(緩行) JR Sōbu (Kankō) 錦糸町 Kinshichō → 両国 Ryōgoku
1. 200 7:50 – 8:50 東西線 Tōzai-Linie (Metro) 木場 Kiba – 門前仲町 Monzen-Nakachō

In der Liste gibt es von Jahr zu Jahr keine großartigen Überraschungen, aber auf längere Zeit gesehen schon. Ich kann mich gut daran erinnern, dass Ende der 90er Jahre die 西武池袋線 Seibu-Ikebukuro-Linie jahrelang den Spitzenplatz einnahm, aber dann wurden die 大江戸線 Ōedo-Linie und die 副都心線 Fuku-Toshin-Linie gebaut sowie der Abstand zwischen den Zügen verändert, was für Entlastung sorgte. Dafür rücken nun Linien aus Richtung Kawasaki in die Top Ten vor – Kawasaki hatte Ende der 1990er nämlich rund 1,2 Millionen Einwohner und in diesem Jahr bereits 1,5 Millionen – diese zusätzlichen Einwohner müssen natürlich auch irgendwie zur Arbeit nach Tokyo gelangen, doch eisenbahntechnisch hat sich in der Gegend in den vergangenen 20 Jahren nicht allzu viel getan.

 Wenn man an der richtigen Tür im richtigen Waggon steht und aussteigt, sehen die Schranken so aus


Wenn man an der richtigen Tür im richtigen Waggon steht und aussteigt, sehen die Schranken so aus

30 Sekunden später sieht man die Schranken schon nicht mehr -- dann dauert alles etwas länger

30 Sekunden später sieht man die Schranken schon nicht mehr — dann dauert alles etwas länger

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Und der Preis für den hartnäckigsten Politiker geht an…

Juni 16th, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 661 mal gelesen

Masuzoe. Quelle: Chatham House/Wikipedia

Masuzoe. Quelle: Chatham House/Wikipedia

…Yōichi Masuzoe (舛添要一) – Ex-Arbeitsminister und seit gestern, dem 15. Juni 2016, auch Ex-Governeur von Tokyo. Der 67-jährige Jurist gab nach zehrenden Wochen nun – endlich, muss man sagen – auf. Es ging, gelinde gesagt, um Geiz und Völlerei. Masuzoe, seit Februar 2014 an der Macht in Tokyo, bestach seit geraumer Zeit durch üppige Spesenabrechnungen für teure Hotels, Kunstwerke, außerdienstliche Fahrten mit Chauffeur und vielem mehr. Das kam vor ein paar Wochen ans Licht und war für die Presse ein gefundenes Fressen. Zumal das ganze ja auch durchaus Tradition hat. Der vorherige Governeur, 猪瀬直樹 Naoki Inose, hielt sich genau ein Jahr im Amt, bevor auch er wegen Korruptions- und Veruntreuungsvorwürfen den Sessel räumen musste.

Masuzoes Verhalten hat mich persönlich etwas schockiert, denn bisher hielt ich ihn für einen raren Vertreter eines integren und seriösen Politikers. Den Eindruck versuchte er auch mit all seinen Kräften in den Pressekonferenzen aufrecht zu erhalten, doch das lief in den letzten Wochen ins Lächerliche: Masuzoe ersteigerte zum Beispiel diverse Kunstwerke und andere Sachen bei Internetauktionen und kaufte auch sonst gut ein – mit Steuergeldern. Dazu gehörten auch zwei Kleidungsstücke aus Seide, die er für umgerechnet 3’000 Euro in China erwarb. Die Erklärung dafür in der Pressekonferenz war etwas ganz Besonderes: Er betreibe fast täglich Kalligraphie, und er mache auch viel Judo. Wegen des Judo habe er ganz viele Muskeln, und gewöhnliche Kleidung bleibe beim Schönschreiben an den vielen Muskeln hängen. Nur chinesische Seide gleite so schön, dass sie beim Schreiben nicht stört. Ein Journalist wollte es daraufhin wissen und sagte: Warum schreiben Sie dann nicht mit ärmelloser Kleidung? Dazu kam prompt die Gegenfrage: „Und was, wenn es etwas kälter wird?“

Die Pressekonferenzen wurden allmählich beinahe legendär, und ob der Abgebrühtheit des Governeurs fielen auch bald fragen wie: „Herr Masuzoe, was muss eigentlich noch passieren, damit sie zurücktreten?“ oder „Woher nehmen sie eigentlich die Nerven?“. Quittiert wurde das jeweils mit einem vielsagenden Lächeln.

Letztendlich beauftragte Masuzoe zwei neutrale Anwälte (seiner Wahl!), die durchleuchten sollten, ob er illegal politische Spenden- (sprich Steuergelder) für persönliche Zwecke missbraucht habe. Das Ergebnis: Hat er nicht, aber der Gebrauch von rund 4,4 Millionen Yen (rund 32’000 Euro) sei zumindest moralisch etwas anrüchig gewesen. Vielen Politikern in der Stadtversammlung reichte das nicht, und so drohten sie mit einem Mißtrauensvotum, das er aller Wahrscheinlichkeit nach verloren hätte. Doch dem kam er jetzt zuvor.

Hungern wird der Ex-Governeur vorerst voraussichtlich nicht, denn zum Baschied bekommt er 22 Millionen aus der Stadtkasse. Ob die wegen unehrenhafter Entlassung gekürzt werden oder nicht kann dabei nur einer entscheiden: Masuzoe selbst, da er vorläufig die Amtsgeschäfte beibehält. Und Masuzoe sieht nach wie vor nicht ein, dass er etwas grundlegend falsches gemacht hat.

Der Rücktritt kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Der Posten wird jeweils für 4 Jahre vergeben. Das bedeutet – vorausgesetzt das sich der nächste Kandidat 4 Jahre lang halten kann – das genau während der Olympischen Spiele in Tokyo 2020 ein neuer Governeur gewählt werden muss.

In Verbindung mit dem Skandal fiel übrigens ein Wort besonders häufig: せこい (sekoi). Das hat furchtbar viele Bedeutungen – unter anderem „knauserig“ (im Englischen würde ich sekoi am ehesten mit „tacky“ übersetzen).

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Revolutionäre Entwicklungen im Spielplatzmilieu

Mai 10th, 2016 | Tagged , , | 2 Kommentare | 597 mal gelesen

Mitten in der Goldenen Woche lag der „Tag des Kindes“ – immerhin ein offizieller Feiertag. Und Schwiegermutter wartete mit dem guten Rat auf: „Heute ist Kindertag! Also unternehmt etwas mit den Kindern! Macht was, was ihnen Spass macht!“ Die Bemerkung, dass wir genau das seit über neun Jahren an jedem einzelnen freien Tag machen, habe ich mir erspart.

Da man den lieben Kleinen hin und wieder etwas Neues bieten möchte, ging es am besagten Tag der kleinen Monster in einen neuen Park, nur 8 km von uns entfernt. Und damit die Kinder auch ja Freude daran haben, durfte die 9-jährige das natürlich mit dem Fahrrad zurücklegen, denn nichts ist schöner als vor Freude und Bewegung erschöpfte Kinder, die es gegen 9 Uhr abends gerade noch so ins Bett schaffen.

Kawasaki - Kodomo yume park (子ども夢パーク)

Kawasaki – Kodomo yume park (子ども夢パーク) – das ist allerdings nur ein kleiner Teil davon

Besagter Park wurde uns von Bekannten empfohlen. Der sei ganz toll, irgendwie anders und sogar noch kostenlos. Schon im Januar hatten wir deshalb unser Glück versucht, nur um dann vor verschlossenen Türen zu stehen. Aus Schaden wird man jedoch klug, also wurde flugs recherchiert – und siehe da, er war geöffnet. Ganz sicher. Fahrrad abgestellt und flugs hereingetreten. Und sofort schoss mir eine einzige Assoziation in den Kopf: Mad Max-Kulisse! Vom feinsten! Eine riesige Schlammkuhle, in der sich scheinbar auf sich allein gestellte, nicht selten nackte Kinder lustvoll suhlten, eine Betonstruktur, bemalt von oben bis unten und architektonisch… nun ja, gewagt hergerichtet, und dazu noch offene Feuer, die hier und dort loderten. Kurzum: Hätte ganz plötzlich Tina Turner mit Löwenmähne vor mir gestanden, hätte ich das als vollends normal empfunden. Selbst unsere Kleinen, defintiv keine Kinder von Traurigkeit, blieben wie angewurzelt stehen und wussten nicht so recht, was sie von diesem Spielplatz der ausgefallenen Sorte halten sollten.

Es dauerte rund eine Viertelstunde, bis sich der Nachwuchs für das Basteln von … Dingen … entschied. Das ging mit Malen los und nahm mit Holzarbeiten seinen Lauf. Nägel, altes Holz, Sägen und dergleichen lagen ja genug rum. Und man sollte sich mindestens ein Mal im Leben mit dem Hammer auf den Finger schlagen, um die Schwere des Hammers schätzen zu lernen – oder? Die Erziehungsberechtigten waren derweilen auch nicht faul und begannen, eine Partie Federball zu spielen. In Sichtweite, versteht sich. 5 Minuten später sahen wir, wie unser 5-jähriger hochinteressiert von einem der unscheinbaren Aufpasser lernte, wie man ein offenes Feuer entfacht. Wie putzig. Weitere 10 Minuten später bemerkten wir plötzlich, wie eben jener 5-jährige mit voller Kraft versuchte, Holzscheite mit einer Axt zu spalten. 5-jähriger? Axt??? Ohne Aufsicht, mit einem schwer zu deutenden Lächeln auf seinem Gesicht. Der Stift versuchte die heranrennenden Versorgungsberechtigten zu beruhigen und versicherte, dass eine freundliche Dame ihm vorher ganz genau erklärte, wie das zu machen sei – er weiss jetzt bescheid und wir bräuchten uns keine Sorgen zu machen. Ich fragte noch vorsichtshalber nach, ob das „beinahe-mit-der-erhobenen-Axt-über-dem-Kopf-nach-hinten-kippen“ und das „mit-geschlossenen-Beinen-und-voller-Wucht-das-Holz-verfehlen-und-mit-der-Axt-kurz-vor-dem-Knie-innehalten“ auch zum Trainingsprogramm gehörte, bekam aber keine zufriedenstellende Antwort.

Im Hanegi-Park (羽根木公園) in Setagaya-ku, Istanbul

Im Hanegi-Park (羽根木公園) in Setagaya-ku, Istanbul

Immerhin verliessen wir den Abenteuerspielplatz ohne Verlust irgendwelcher Extremitäten. Doch zwei Tage später trafen wir Freunde nebst einer Horde Kinder in einem anderen Park mitten im schmucken Setagaya-Distrikt von Tokyo. Und siehe da: Etwas weniger Mad-Max, mehr Wagenburg, aber vom Prinzip her das gleiche: Offene feuer hier und da, die Kinder können über Dächer klettern, Sachen aus Holz basteln und so weiter und so fort. Ein ähnlicher Park wurde wohl zudem in unserer alten Heimat, in Urayasu, gerade eingeweiht. Zwar sind die beiden oben genannten Parks nicht gerade neu, aber das Konzept als solches scheint um sich zu greifen in einem Land, in dem die meisten Spielplätze nahezu steril sauber und sicher sind. Das sind ungewohnte Freiheiten für die Kinder und Eltern – und Eltern müssen da natürlich doppelt aufpassen. Aber so viel steht fest: Den Kindern macht so etwas natürlich mehr Spass als blitzsaubere Parks und Spielplätze mit ellenlangen Listen, was da alles verboten ist (Eis essen! Ball spielen!!). Insofern eine angenehme Entwicklung.

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