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Die Olympischen Spiele und das liebe Geld

Juli 10th, 2015 | Tagged , | 8 Kommentare | 1254 mal gelesen

Mit grossen Schritten rücken sie heran – die Olympischen Sommerspiele 2020. Nur noch 5 Jahre sind es bis dahin, und immerhin hat man in Japan jetzt damit begonnen, sich um die Kosten zu streiten.

Die ursprüngliche Planung sieht vor, dass die Spiele rund 820 Milliarden Yen kosten werden – das sind beim jetzigen Stand gute 6 Milliarden Euro¹. Dem gegenüber stehen erwartete Einnahmen von gut 2,5 Milliarden Euro. Von vornherein also sind die Olympischen Sommerspiele für Tokyo ein Zuschußgeschäft. Doch die Zahlen erweisen sich jetzt schon – hört, hört! – als nur gering belastbar. Der grösste Zankapfel ist da momentan der Neubau des 新国立競技場 Shinkokuritsu Kyōgijō (wörtlich: “Neuer Staatlicher Wettkampfort). Das Olympiastadium befindet sich im Herzen von Tokyo und soll von jetzt an gebaut werden. Die Ausschreibung hatte die englische Stararchitektin Zaha Hamid gewonnen. Eigentlich waren für den Neu- und Umbau der Wettkampfstätten in und um Tokyo insgesamt 300 Milliarden Yen eingeplant, doch nun gab man bekannt, dass allein der Neubau des Olympiastadiums 250 Milliarden Yen, also sage und schreibe 1,8 Milliarden Euro, kosten werde. Das ist in etwa das 5-fache dessen, was das Olympiastadium in Peking kostete. Einer der Hauptgründe für den plötzlichen Kostenanstieg ist das extravagante Design. 370 Meter lang und 70 Meter hoch soll das, ich sage mal wanzenähnliche, Gebilde werden – das Herzstück besteht aus zwei riesengrossen Stahlbögen, entlang derer ein einfahrbares Dach verlaufen soll.

Projektentwurf Olympiastadion. Quelle: Japan Sport Council

Projektentwurf Olympiastadion. Quelle: Japan Sport Council

Muss das sein? Müssen wir soviel Geld dafür ausgeben? Und von wem soll das Geld eigentlich kommen? Warum hat man nicht einen japanischen Architekten gewählt? So und ähnlich lauten die Fragen. Dabei hat man schon zurückgesteckt und den Bau um rund 20% verkleinert. In dieser Woche wurde nun entschieden, dass das Teil gebaut wird, basta.

Wer vom neuen Berliner Flughafen oder der Elbphilharmonie gehört hat, kann darüber nur müde lächeln. Obwohl 1,8 Milliarden Euro für ein Stadion in der Tat kein Pappenstiel sind. Wahrscheinlich werden aber noch etliche andere Überraschungen auf die Veranstalter hinzukommen. Woher das Geld jedoch letztendlich kommen soll, ist eine Frage, die mich auch interessiert – schliesslich ist Japan bis über beide Ohren verschuldet. Neben der Tatsache, dass das Land aus tausenden Inseln besteht, noch eine Gemeinsamkeit mit Griechenland…

¹ Eine Zusammenfassung der ursprünglichen Planung der Spiele findet man hier

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Geheimtipp für den Tokyo Sky Tree | Hakone gesperrt

Mai 7th, 2015 | Tagged , , | 4 Kommentare | 1821 mal gelesen

Goldene Woche — Reisezeit. Entweder man reist selbst, oder man hat Besuch aus der Heimat, denn während eine Reise ins Ausland innerhalb der Goldenen Woche fast unbezahlbar ist, ist eine Reise während der Goldenen Woche – zumindest flugpreistechnisch – recht günstig.

Mit dem Besuch ging es dieses Jahr zum Tokyo Sky Tree, dem neuen Wahrzeichen der Stadt. Eigentlich habe ich jenen seit meinem letzten Besuch vermieden. Zu viel Rummel, zu viele Menschen, zu viele Geschäfte, und die Kostüme der Tokyo-Sky-Tree-Hostessen finde ich einfach mal absolut abstossend. Es gibt also eigentlich keinen triftigen Grund für mich, wieder dorthin zu fahren. Nun ging es also doch wieder hin, und ich hatte meinen Besuch schon vorgewarnt: Da Goldene Woche, wird es sehr, sehr voll werden. Und nein, wir werden nicht auf den Turm fahren können, weil man einen geschlagenen halben Tag warten muss, bis man an der Reihe ist.

Spasseshalber fragte ich bei der Information gegen 11:30 morgens nach, wie lange es denn dauern würde, bis man hochkönne. “So cirka 18:30″ lautete die nicht überraschende Antwort. Doch dann: “Für Ausländer gibt es allerdings jetzt das Fast Sky Tree Ticket. Das kostet mit 2,820 Yen bis zur Plattform in 350 m Höhe zwar 760 Yen mehr als das normale Ticket, aber: “In 20 Minuten von jetzt an sind sie oben!”. Sieh mal einer an. Also zum speziellen Ticketverkauf in der 4. Etage gegangen, und siehe da — keine 10 Leute warteten in der Schlange. Tickets gekauft, und schon wurden wir von einer Hostess zum Fahrstuhl geführt und schon waren wir oben. Geht doch. Interessant ist dabei, dass auch in Japan lebende Ausländer sowie den Ausländer begleitende Japaner das Fast Ticket nutzen dürfen. Das ist ja fast schon eine Geschäftsidee…

  • Tokyo Sky Tree
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Wo wir gerade beim Thema Tourismus sind — gestern, am 6. Mai 2015, hat die Meteorologie-Behörde die Warnstufe für den Vulkan in Hakone auf Stufe 2 (von 5) erhöht. Infolgedessen wurden etliche Strassen sowie, und jetzt kommt’s, die Seilbahn gesperrt. Wie lange die Sperrung andauert, kann man noch nicht vorhersagen. Man erwartet auch keinen grossen Ausbruch, aber da die Seilbahn direkt über den Krater fährt, geht man verständlicherweise auf Nummer Sicher. Soll heissen, die übliche Hakone-Tour (Zug von Tokyo, Zahnradbahn von Gōra, Seilbahn, Schiff) hat sich für unbestimmte Zeit erledigt, da an der Seilbahn Schluss ist. Mehr Informationen dazu siehe hier.

Nun gut — wir fahren dieses Jahr gottseidank nicht ins nahe Hakone, sondern, mal wieder, nach Izu. Mehr und häufiger dann wieder auf diesem Blog nach der Goldenen Woche!

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Shibuya – Umbau eines Wespennestes

April 3rd, 2015 | Tagged | 5 Kommentare | 1958 mal gelesen

Mitten in Shibuya

Mitten in Shibuya

Fünf mal in der Woche habe ich das Vergnügen, in 渋谷 Shibuya umzusteigen. Mit täglich rund 3 Millionen Mitmenschen. Das ist also so, als würde ganz Berlin an einem einzigen Bahnhof tagtäglich ein-, aus- oder umsteigen. In Sachen Passagierdurchlauf ist Shibuya damit weltweit die Nummer 2 unter den Bahnhöfen (die Nr. 1 liegt nur 4 km davon entfernt, und die Nr. 3 keine 10 Kilometer).

Hikarie in Shibuya

Hikarie in Shibuya

Umsteigen im Berufsverkehr in Shibuya ist nichts für schwache Nerven, vor allem wenn man zwischen einer der 4 Bahnlinienbetreiber umsteigt – zum Beispiel von der 田園都市線 Denentoshi-Linie oder der 京王線 Keiō-Linie zur JR (Yamanote und etliche andere Linien). Shibuyas Bahnhof und durchaus auch diverse Gebiete in der näheren Umgebung sind zum Teil eng und schmutzig. Es gibt nicht wenige Obdachlose und allerlei zwielichtiges Gesindel. Oder wie der Berliner sagen würde: Der Ort hat Charakter.

Wird bald verschwinden: Das alte Tokyu Plaza

Wird bald verschwinden: Das alte Tokyu Plaza

Doch seit etlichen Monaten, bzw. eigentlich schon Jahren, wird auf Teufel komm raus gewerkelt und gebastelt. Stück für Stück, aber es ist sehr faszinierend, wie man in Shibuya auf engstem Raum riesige Baustellen managt. Vor 4 Jahren wurde zum Beispiel das Hikarie eröffnet – ein 182 Meter hoher Koloss mit unzähligen Büros, Restaurants und Läden. Nun schliesst das altehrwürdige Kaufhaus Tokyu Plaza nach immerhin 49 Jahren – nicht für immer, denn das Kaufhaus soll neu gebaut werden und in 3 Jahren wiedereröffnen.

Umstrittener ist der Plan, den winzigen Streifen Grün namens 宮下公園 Miyashita-Park, der gleich am Bahnhof beginnt, umzubauen – siehe unter anderem hier: Battle over Shibuya park heats up as Tokyo Olympics loom. Damit ist auch die Verbindung mit der kommenden Olympiade hergestellt, denn natürlich möchte man zu diesem Anlass Shibuya auf Vordermann bringen.

Shibuya-Fluss

Shibuya-Fluss

Schade an der Sache ist, dass es dem gemeinhin recht unbekannten 渋谷川 Shibuya-Fluss nicht besser ergehen wird als vorher: Der Fluss verläuft in Shibuya gänzlich unterirdisch, und das soll wohl auch so bleiben. Sicher, der Fluss ist klein und an normalen Tagen in seinem oberirdischen Teil Richtung Ebisu nur wenige Zentimeter tief, aber bei Starkniederschlagsereignissen (Stichwort Taifun) wächst die Wassertiefe schnell auf ein paar Meter an. Deswegen finden auch in Shibuya die beeindruckendsten Bauarbeiten dort statt, wo man es nicht sieht: Unter der Erde. Zum Umbau gehört nämlich auch ein neues Auffangbecken direkt unter dem Bahnhof.

Wer mehr über den Umbau Shibuyas wissen möchte – es gibt eigens dafür eine Webseite. Natürlich nur auf Japanisch. Bis Olympia sind es ja schliesslich noch ein paar Jahre.

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Gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Japan bald gleichgestellt?

Februar 13th, 2015 | Tagged , , , | 2 Kommentare | 1618 mal gelesen

Heute, am 12. Februar 2015, gab es bei einer Pressekonferenz der Bezirksverwaltung von Shibuya-ku (Tokyo) eine kleine Sensation¹: Dort gab man nämlich bekannt, dass man einen Antrag auf Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften im Stadtbezirk Shibuya eingereicht hat – über den soll dann im März 2015 entschieden werden. Das bedeutet zwar nicht, dass gleichgeschlechtliche Paare in Japan heiraten dürfen, aber das Rathaus von Shibuya würde, so der Antrag Erfolg hat, eben jenen Paaren eine Bescheinigung ausstellen, die ihnen erlauben würde, im Bezirksgebiet wie Ehepartner behandelt zu werden.

Das ist insofern eine Sensation, als gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Japan einfach kein Thema sind: Dieses Angelegenheit wird lauthals totgeschwiegen, und weder Politiker noch Medien scheinen grossartig Interesse daran zu haben, sich dafür zu erwärmen. Sicher, die Fernsehprogramme sind voll mit Männern in Frauenkleidern (Ai Haruna, Matsuko Deluxe oder Mitz Mangrove, um nur einige zu nennen) oder schrägen Typen wie Hard Gay, die mit dem Darstellen von Stereotypen ihr Geld verdienen, aber Homosexualität, obwohl nicht illegal, steht einfach nicht zur Debatte.

Da gleichgeschlechtliche Partner in Japan nicht heiraten dürfen, entgehen ihnen zahlreiche für verheiratete Menschen übliche Privilegien. Das geht bei Bürg- und Erbschaften los und hört bei Patientenverfügungen und steuerlichen Vergünstigungen bestimmt nicht auf. Wie man in Shibuya-ku nun auf den Gedanken gekommen ist, als erste Kommune Japans gleichgeschlechtlichen Paaren entgegenzukommen, ist unklar. Sollte der Entwurf jedoch angenommen werden – und sollte Shibuya auf Dauer die einzige Kommune Japans bleiben – kann sich das ohnehin schon trendige Stadtviertel wahrscheinlich einen neuen Fortschrittsstern ans Revers heften.

¹ Siehe NHK News (Japanisch) und Japan Times (Englisch).

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Blade Runner oder: Landeanflug auf Haneda

Januar 4th, 2015 | Tagged , , | 5 Kommentare | 2430 mal gelesen

Wer am Flughafen Narita landet, sieht normalerweise erstmal ein Flickenteppich aus Reisfeldern, kleinen Wäldern und Golfplätzen. Wer am Flughafen von Haneda in der Bucht von Tokyo landet, fliegt meistens eine grosse Kurve über die Boso-Halbinsel, an Disneyland vorbei, um dann von Norden her in Haneda zu landen. Seltener ist da der Anflug vom Süden her – jener führt an den Neulandgebieten von Yokohama und Kawasaki vorbei. Das bedeutet, man sieht erstmal nur eins: Industrie. So weit das Auge reicht. Leider ist bei dem Video unten der Flügel im Weg. Aber das Video, aufgenommen am 28. Dezember 2014, weist eine Besonderheit auf: Absolute Windstille. Das hat entsprechend ein bisschen was von Blade Runner.

Sicher, es gibt romantischere Anflüge auf Flughäfen. Andererseits kann man sich nicht beschweren: Japan ist nun mal eine Industrienation, und das wird hier eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Vor der ganzen Industrie sieht man – in der richtigen Jahreszeit zumindest – natürlich noch mehr – so man von Süden kommt, die Insel Ohshima zum Beispiel, oder den häufig rauchenden Vulkan der Insel 三宅島 Miyake-Jima:

Miyake-jima aus 10 km Höhe

Miyake-jima aus 10 km Höhe

Und da wäre natürlich auch der gute alte Fuji-san:

Fuji-san vom Flugzeug aus

Fuji-san vom Flugzeug aus

Fuji-san aus der Luft

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Fliegende Sektflaschen und ein lohnender Ausblick

Dezember 21st, 2014 | Tagged , | 5 Kommentare | 2045 mal gelesen

Mangels echter Nachrichten habe ich mal ein bisschen auf meinem Handy gekramt, um zu schauen, was ich so in jüngster Zeit an Schnappschüssen gesammelt habe. Und siehe da, es fanden sich zwei interessante Aufnahmen. Zum einen wäre da das Werbeposter von Freixenet (ja, die haben vor ein paar Jahren den Sprung nach Japan gemacht). Das Poster als solches mag etwas unpassend in dieser Gegend sein, da man es hier nicht so hat mit dem “Prosit Neujahr – und jetzt lasst uns alle anstossen”. Von dieser Kleinigkeit mal abgesehen finde ich das Poster jedoch sehr gut gedacht – und vor allem gut umgesetzt. Von nahem sieht man schliesslich nur herumfliegende Sektflaschen – von weitem jedoch steht da jedoch tatsächlich etwas geschrieben. Auf einem Foto ist es allerdings leichter zu erkennen, was da steht – man bedenke, dass das Werbeposter in natura etliche Meter breit und hoch ist.

Freixenet-Werbung

Das zweite Foto habe ich vergangene Woche im Izumi Garden Tower in Roppongi aufgenommen. Dort besuche ich quasi jede Woche mindestens ein Mal einen Kunden. Um zu dessen Büro zu kommen, muss ich erstmal mit dem Shuttle-Fahrstuhl zum 24. Stock fahren und dort in einen anderen Fahrstuhl umsteigen. Auf der “Umsteigeetage” gibt es eine riesige Halle, komplett verglast, von der man natürlich einen famosen Ausblick auf die Stadt hat. Inklusive Mori Tower, Roppongi Midtown und, er darf nicht fehlen, den Fuji-san im Hintergrund. Wenn man von der Kulissen jedocn ein Foto machen möchte, muss man sich beeilen – denn auf der Etage haust ein uniformierter Blockwart, der sofort angerannt kommt, die Hände kreuzt und ruft “No photo! No”. Warum? Ich weiss es nicht.

izumi-garden-tower

In diesem Sinne möchte ich dann auch noch allen Lesern eine frohe Weihnacht wünschen. Ich werde mich in diesem Jahr sicherlich noch mit einem Jahresrückblick melden, aber bis dahin hoffe ich, dass jeder die Weihnachtsfeiertage gebührend geniesst!

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Tokyo: Ausflugstipp “Nōryōsen”

September 25th, 2014 | Tagged | 6 Kommentare | 7063 mal gelesen

Rainbow  Bridge von unten

Rainbow Bridge von unten

Aus beruflichen, obgleich angenehmen Gründen ging es am vergangenen Freitag auf eine lustige Bootsfahrt in der Bucht von Tokyo. Die 屋形船 Yakatabune genannten, kleinen Boote kannte ich bereits – die sind oft mit Tatami ausgelegt und halten für Trinkgelagene auf der See her. Dieses Boot war jedoch anders: Es war ein grosses, einstmals bestimmt als Fähre genutztes Boot für geschätzte 1,000 oder mehr Personen. Mit grosser norwegischer Flagge auf dem Schornstein, aber das muss nicht unbedingt bedeuten, dass das Boot auch von dort kommt. Findige Geschäftsleute haben den Kahn nun zum Partyboot umgestaltet: Mit Bühne, Bierausschank und zahlreichen Essensständen. Das Boot legt, wie es scheint täglich, vom Takeshiba-Pier (nahe Hamamatsu-chō, Yamanote-Linie) um 19:15 ab und fährt hernach immer die Küste entlang bis zum Flughafen Haneda und wieder zurück. Mit lauter Musik auf einem der Decks, einem zugegebenermassen etwas nervigen MC und hunderten Leuten in Partylaune. Odaiba, Rainbow Bridge, Anflugschneise des Flughafens, grell leuchtende Industrieanlagen usw. – die Fahrt ist recht kurzweilig und dauert gute zwei Stunden. Der Preis ist zudem mehr als zivil: 2,600 yen pro Person, und das beinhaltet All-You-Can-Drink.

Zur Information: Das ganze nennt sich 納涼船 Nōryō-sen (“Sommerabendbrisen-Linie”) und findet vom 1. Juli bis zum 30. September statt. Bestimmt auch nächstes Jahr. Wie es ausschaut, scheinen etliche Passagiere das ganze auch als Gelegenheit zur Brautschau zu begreifen – für romantische Nächte mit dem Partner dürfte das dann wohl eher doch ungeeignet sein. Zum Leute kennenlernen und feiern ist das Boot jedoch eine runde Sache.

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Selbstverbrennung in Shinjuku und eine gewichtige Entscheidung

Juli 1st, 2014 | Tagged , | 14 Kommentare | 9478 mal gelesen

Auf diesem Blog ist das Thema eigentlich schon ein alter Hut, aber morgen wird es ernst: Mit einem gewieften Trick soll morgen die pazifistische Verfassung ausgehebelt werden. Artikel 9 der japanischen Verfassung besagt,

1) In aufrichtigem Streben nach einem auf Gerechtigkeit und Ordnung gegründeten internationalen Frieden verzichtet das japanische Volk für alle Zeiten auf den Krieg als ein souveränes Recht der Nation und die Androhung oder Ausübung von militärischer Gewalt als ein Mittel zur Regelung internationaler Streitigkeiten.

2) Zur Erreichung des Zwecks des Absatz 1 werden Land-, See- und Luftstreitkräfte sowie andere Kriegsmittel nicht unterhalten. Ein Kriegsführungsrecht des Staates wird nicht anerkannt.

Will heissen, Japan darf nicht Krieg führen. Und keine Armee unterhalten. Aber das möchten konservative Kreise und natürlich allen voran die politische Rechte schon lange ändern. Nun gibt es schon seit langem grossen Widerstand gegen eine Verfassungsänderung. Morgen soll dazu ein erster, grosser Schritt erfolgen. Es geht genau genommen um die Etablierung des 集団自衛権 (Shūdanteki Jieiken) – Recht auf kollektive Selbstverteidigung. Um konkret zu werden: Die USA sind Japans wichtigster Verbündeter. Greift eine andere Macht Japan an, ist die USA verpflichtet, beizuspringen. Greift jedoch eine andere Macht die USA an, ist es Japan verboten, aktiv dem Verbündeten zu helfen. Passiv, zum Beispiel mit militärischen Tankflugzeugen usw., ist dies zum Beispiel im 2. Irakkrieg jedoch schon erfolgt.

Ministerpräsident Abe und seine Regierung möchten nun in einer ausserordentlichen Sitzung des Parlamentes am 1. Juli diese Situation “korrigieren”. Da eine Verfassungsänderung jedoch ziemlich schwierig ist, greift man in die Trickkiste: Sicher, es gibt Artikel 9. Es gibt aber auch Artikel 65 in der Verfassung, und der besagt kurz und knapp:

行政権は、内閣に属する。 – Die vollziehende Gewalt liegt bei dem Kabinett.

Und so beschliesst man morgen also mit einer bequemen Mehrheit im Parlament, die Art und Weise, wie die Verfassung interpretiert wird, zu ändern: Artikel 65 sticht Artikel 9 aus. Ganz einfach. Dass nur ein Drittel der Bevölkerung dies für gut befindet und eine Hälfte schlichtweg dagegen ist¹, ist den regierenden Liberaldemokraten dabei so ziemlich egal.

Das ganze geht nicht ohne Proteste vonstatten: Heute demonstrierten tausenden – genaue Zahlen muss ich leider schuldig bleiben – vielerorts, unter anderem vor der Residenz des Ministerpräsidenten, gegen die heraufziehende Abstimmung. Schade nur, dass die Ministerpräsidenten schon seit ein paar Jahren nicht mehr in der Residenz wohnen, da es dort angeblich spuken soll. Aber das ist natürlich nur ein Gerücht.

Gestern, am 29. Juni 2014, kam es zudem zu einem aussergewöhnlichen Zwischenfall am Südausgang des weltweit belebtesten Bahnhofs – Shinjuku. Ein Mann postierte sich dort gegen 1 Uhr nachmittags mit einem Megaphon auf einer Fußgängerbrücke und begann, gegen die Entscheidung zu protestieren. Das ging eine Stunde lang so, und in dieser Zeit bereitete die Feuerwehr Luftkissen und ähnliches vor. Gegen 2 Uhr übergoss sich der Mann plötzlich mit einer braunen Flüssigkeit und zündete sich an (wer sich das unbedingt ansehen muss – es gibt natürlich alles auf YouTube² – schliesslich ist Shinjuku um diese Tageszeit voller Menschen). Die Feuerwehr war natürlich in Sekundenschnelle dabei, den Mann zu löschen. Jener kam schliesslich mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus, soll aber ansprechbar sein. Interessant ist dabei, dass das geplante Opfer zwar auf viel Interesse in ausländischen Medien stiess, in den japanischen Mainstream-Medien jedoch kaum ein Echo fand.

Politische Auffassung hin oder her – dass Japan der Krieg in der eigenen Verfassung verboten wird, hat seine Gründe. Prinzipiell ist ja gegen das Recht auf Selbstverteidigung nichts einzuwenden. Aber der Gedanke an das folgende Szenarie macht schon bange: Irgendwie schafft Nordkorea es, ein amerikanisches Schiff zu versenken oder es erklärt den USA einfach so den Krieg. Japans Falken beschliessen, dass der Bündnisfall damit geschaffen ist, und lassen die zur Armee verwandelten Selbstverteidigungskräfte anlanden. Und schon stehen japanische Soldaten zwischen China und Südkorea. Beziehungsweise dort, wo meinetwegen jeder sein darf – nur kein japanischer Soldat.

¹ Siehe Nikkei Shimbun vom 29. Juni 2014
² Siehe unter anderem hier

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Alltagsfreuden im Pendelverkehr

April 29th, 2014 | Tagged , | 20 Kommentare | 12334 mal gelesen

Es ist kurz nach 8 am Morgen. Der Wecker überzeugt mich irgendwie, aufzustehen. Heute steht ab 10 ein Meeting in Shibuya auf dem Plan. Normalerweise sieht das so aus: Ich verlasse gegen Dreiviertel Neun das Haus, fahre mit dem Fahrrad 4 km lang Berg und Tal bis zu meinem Bahnhof des Vertrauens. Die Strecke ist gewürzt mit 18-Grad-Steigungen und einer gut 1 km langen, ununterbrochenen Talfahrt. Man ist danach wach. Knapp 15 Minuten später bin ich am Bahnhof und steige in den Schnellzug. 20 Minuten später, also gegen halb Zehn, bin ich in Shibuya. So weit, so gut.

Professionelle Passagierquetscher bei der Arbeit

Professionelle Passagierquetscher bei der Arbeit

Ein Blick aus dem Fenster erklärt das Hintergrundrauschen: Es regnet. So ein Mist. Mein Fahrrad ist zwar sehr schnell, aber einer der Gründe dafür ist das Fehlen von Schutzblechen. Mit Anzug und jenem Fahrrad 4 km bis zum Bahnhof fahren ist nicht empfehlenswert. Ich will ja nicht wie ein nasser Pudel im Meeting sitzen. Deshalb Plan B, extra für Regentage: Ich verlasse kurz nach halb Neun das Haus und laufe eine Minute zur Bushaltestelle. Der Bus kommt natürlich 10 Minuten zu spät, aber kein Problem – komme ich eben erst 9:40 an. Der Bus fährt zum nächstgelegenen Bahnhof: Der ist nur 2 km entfernt, aber dort halten keine Schnellzüge. Es gibt aber ein paar Semi-Express-Züge. Jedenfalls, wenn der Bus pünktlich ist. Da er es aber nicht ist, bleibt nur das Warten auf den Bummelzug. Der fährt – ebenfalls mit etlichen Minuten Verspätung – endlich ein, ist natürlich rappelvoll und bleibt hier und da länger als üblich stehen. Gegen 9:40 – eigentlich wäre ich schon lange in Shibuya – bin ich endlich in Shimokitazawa. Ich wälze mit den Menschenmassen die Treppen und Rolltreppen hoch zur Keiō-Linie. Ein paar Schrecksekunden sind dabei: Die Rolltreppe spuckt immer mehr Menschen auf den Bahnsteig aus, doch jener ist schon hoffnungsvoll überfüllt und die Menschen kommen nicht schnell genug von der Rolltreppe weg. Gleichzeitig fahren links und rechts hupenderweise Züge ein.

Der Keiō-Linie scheint auch unwohl zu sein: Die Herrscher der Bahnhofssprechanlage entschuldigen sich pausenlos mit überschlagender Stimme. Ein Zug nach Shibuya fährt ein. Die Gesichter der Passagiere sind so stark an die Scheiben gedrückt, das sie größer als normaler Gesichter erscheinen. Die Türen gehen unerbittlich auf. Nach ein paar Sekunden, kurz, bevor die Türen wieder schliessen, fällt einem Passagier aus exakt der Waggonmitte auf, dass er ja hier aussteigen möchte. Plötzlich quellen dutzende gestresste, fahle Passagiere aus dem Waggon und wogen sofort wieder zurück, nachdem der Schläfer endlich die Bahn verlassen hat. Endlich! 3.4 Kubikzentimeter mehr pro Passagier! Wenn einer den Waggon verlässt, müsste ja theoretisch mindestens einer neu zusteigen können. Ist aber nicht. Selbst die erprobte Kampftechnik – Mit dem Rücken zum Waggon hin vor die Tür treten, mit den Händen in den inneren Türrahmen festkrallen und dann rückwärts mit allem verfügbaren Druck reinquetschen – hilft nicht. Es passt keiner mehr rein. Zug fährt ab. Nächster Zug kommt: Gleiches Schauspiel. Dritter Zug: Genau, keiner kann zusteigen. Endlich, bei Zug Nummer 4 (wir reden hier von insgesamt 10 Minuten), kann ich “einsteigen”, wobei die Eleganz des Wortes “einsteigen” die Situation nicht ganz korrekt beschreibt. Eigentlich ist es eher wie Rambo in Afghanistan, nur mit Regenschirm statt mit Gewehr, und in Zeitlupe. 7 Minuten später steht der Zug wieder, und zwar 100 Meter von der Endhaltestelle Shibuya entfernt. Wenige Minuten nach 10 Uhr geht die Tür auf. Ja, heute wird wieder ein schöner Tag!*

*Jaja, ich gebe es ja zu: Das ganze geschah bereits vor 10 Tagen. Heute hat es nicht geregnet.

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Störfaktor Handymensch

April 11th, 2014 | Tagged , | 4 Kommentare | 8247 mal gelesen

Docomo, einer der drei großen Mobilfunkanbieter in Japan, hat vor kurzem ein lehrreiches Video unters Volk gebracht, und das Video verbreitet sich momentan sehr schnell. Es geht darum, was passieren kann, wenn man durch die Landschaft läuft und dabei nur auf sein Handy schaut. Die Simulation zeigt im Konkreten, was passiert, wenn 1,500 Menschen gleichzeitig die berühmte “Scramble”-Kreuzung in Shibuya überqueren und alle dabei aufs Handy starren. Das Resultat der Simulation, basierend auf das stark eingeengte Blickfeld der Passanten, besagt, dass nur ein Drittel unbeschadet die Kreuzung rechtzeitig überqueren kann – der Rest ist entweder zu langsam oder stößt mit anderen Passanten (über 400 Mal) zusammen.
Soweit ist die Simulation gar nicht von der Realität entfernt. Seit meinem Umzug steige ich ebenfalls in Shibuya zu besten Berufsverkehrszeiten um. Dabei passiere ich unzählige Treppen und enge Gänge, und die Hälfte der Mitmenschen durchläuft den Parcours dabei mit der Funke in den Griffeln: Entweder, um etwas zu lesen, zu schreiben oder Fernsehen zu schauen. Viele scheinen dabei wirklich nach der Methode “die anderen werden schon um mich herumlaufen” vorzugehen, doch irgendwann ist die kritische Masse erreicht – dann gibt es zu viele Handyjunkies und keiner passt mehr auf. Die Tatsache, dass die besagten Menschen natürlich wesentlich langsamer sind als der Rest, macht mich dabei jedes Mal rasend. Dazu noch Naglfar in voller Lautstärke durch die Kopfhörer pusten, und schon erreicht man eine Betriebstemperatur, die für die nächsten 10 Stunden im Büro reicht.
Natürlich lassen manche Zeitgenossen ihrer Aggressivität freien Lauf. Dazu zählt Bloggerkollege Coolio, dazu zählen natürlich auch einige Japaner. Auch ich habe nach dem 20sten Homo Mobilfunkensis keine Lust mehr auf’s Ausweichen und stelle mich stur. Aah, Shibuya. Das exakte Gegenteil eines Spaziergangs durch den Wald! Aber hier nun das Video:




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