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Störfaktor Handymensch

April 11th, 2014 | Tagged , | 3 Kommentare | 1684 mal gelesen

Docomo, einer der drei großen Mobilfunkanbieter in Japan, hat vor kurzem ein lehrreiches Video unters Volk gebracht, und das Video verbreitet sich momentan sehr schnell. Es geht darum, was passieren kann, wenn man durch die Landschaft läuft und dabei nur auf sein Handy schaut. Die Simulation zeigt im Konkreten, was passiert, wenn 1,500 Menschen gleichzeitig die berühmte “Scramble”-Kreuzung in Shibuya überqueren und alle dabei aufs Handy starren. Das Resultat der Simulation, basierend auf das stark eingeengte Blickfeld der Passanten, besagt, dass nur ein Drittel unbeschadet die Kreuzung rechtzeitig überqueren kann – der Rest ist entweder zu langsam oder stößt mit anderen Passanten (über 400 Mal) zusammen.
Soweit ist die Simulation gar nicht von der Realität entfernt. Seit meinem Umzug steige ich ebenfalls in Shibuya zu besten Berufsverkehrszeiten um. Dabei passiere ich unzählige Treppen und enge Gänge, und die Hälfte der Mitmenschen durchläuft den Parcours dabei mit der Funke in den Griffeln: Entweder, um etwas zu lesen, zu schreiben oder Fernsehen zu schauen. Viele scheinen dabei wirklich nach der Methode “die anderen werden schon um mich herumlaufen” vorzugehen, doch irgendwann ist die kritische Masse erreicht – dann gibt es zu viele Handyjunkies und keiner passt mehr auf. Die Tatsache, dass die besagten Menschen natürlich wesentlich langsamer sind als der Rest, macht mich dabei jedes Mal rasend. Dazu noch Naglfar in voller Lautstärke durch die Kopfhörer pusten, und schon erreicht man eine Betriebstemperatur, die für die nächsten 10 Stunden im Büro reicht.
Natürlich lassen manche Zeitgenossen ihrer Aggressivität freien Lauf. Dazu zählt Bloggerkollege Coolio, dazu zählen natürlich auch einige Japaner. Auch ich habe nach dem 20sten Homo Mobilfunkensis keine Lust mehr auf’s Ausweichen und stelle mich stur. Aah, Shibuya. Das exakte Gegenteil eines Spaziergangs durch den Wald! Aber hier nun das Video:




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Schneechaos (letzter Teil)

Februar 18th, 2014 | Tagged , | 16 Kommentare | 2601 mal gelesen

Normal auf Hokkaido - aber ungewöhnlich in Tokyo

Normal auf Hokkaido – aber ungewöhnlich in Tokyo

Drei Beiträge hintereinander Schnee… aber es ist trotzdem einen weiteren Beitrag wert. Tokyo und Umgebung haben in den vergangenen Tagen die heftigsten Schneefälle seit 45 Jahren erlebt: Am 8. Februar fielen rund 30 cm Schnee im Stadtzentrum von Tokyo, und am 14. Februar noch mal eine ähnliche Menge. Das führt natürlich in Tokyo selbst auch zum Verkehrschaos, doch wesentlich arger hat es andere Präfekturen getroffen. In der Präfektur Yamanashi und selbst im Westen von Tokyo fielen nicht centimeterweise, sondern meterweise Schnee. Zentrale Bahnlinien fahren nicht mehr, Autobahnen und zahlreiche andere Strassen sind auf Dauer gesperrt, und tausende Haushalte sind seit Tagen ohne Strom.

Einige Orte in Yamanashi und Tokyo sind komplett von der Aussenwelt abgeschnitten, und überall stecken Autos und LKW’s seit Tagen im Schnee fest. Hallendächer brachen zusammen und etliche Bäume stürzten um. 23 Tote zählte man soweit¹, und die gesperrten Verkehrswege beginnen sich auszuwirken: Es gibt erste Lieferengpässe. In den Supermärkten zum Beispiel, aber auch bei den grossen Autokonzernen – etliche Werke mussten vorübergehend schliessen, da die Zulieferer irgendwo im Schnee feststecken. Und als ob das noch nicht reicht, soll es am Mittwoch und Donnerstag schon wieder schneien. Dieser Winter gestaltet sich damit recht dramatisch für die Hauptstadtregion. In den Präfekturen am Japanischen Meer und auf Hokkaido kämpft man jedes Jahr gegen die Schneemassen, aber für eine Region, in der pro Jahr im Durchschnitt nur ein paar Zentimeter zusammenkommen, war das einfach mal zuviel. Mit anderen Worten: Es wird langsam Zeit, dass es etwas wärmer wird…

¹ Siehe unter anderem hier

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Whiteout in Tokyo

Februar 9th, 2014 | Tagged | 1 Kommentar | 2350 mal gelesen

Tokyo und Umgebung mal ganz in Weiss

Tokyo und Umgebung mal ganz in Weiss

Wer heute in Tokyo oder der näheren Umgebung weilte, kam in den Genuss eines seltenen Wetterereignisses: Schnee. Sehr viel Schnee. Und das auch noch bei Minusgraden (naja, genau ein Grad Minus). Da die Schneemenge enorm war und die Tage zuvor schon relativ kühl, dauerte es nicht lange, bis der Schnee liegenblieb. Und immer mehr wurde. Im Stadtzentrum von Tokyo wurden am Abend 27 cm gemessen – die höchste Schneemenge seit 1969, und es ist 20 Jahre her, dass mehr als 20 cm Schnee in Tokyo liegenblieben. In Chiba wurde mit 30 Centimeter die seit Beginn der Wetteraufzeichnungen höchste Schneedecke gemessen. Auf meinem Balkon – und der ist überdacht, wohlgemerkt, liegen 40 cm Schnee. Im Durchschnitt. In der Ecke sind es 80 cm, am Rand nur 10. Denn der Schnee paarte sich mit starkem Wind, der örtlich Sturmstärke erreichte.
Die Kinder hatten natürlich ihren Spass, und bereits geringere Schneemengen reichen normalerweise aus, um den Verkehr teilweise zum Erliegen zu bringen. So viel Schnee schmilzt auch nicht über Nacht (zumal es noch immer schneit), so dass die Wahlen zum Gouverneur von Tokyo morgen unter einem schlechten Stern stehen.
Nun liegt die Durchschnittstemperatur in Tokyo am Tag zu dieser Jahreszeit bei 10 Grad plus, aber wenn schon mal Schnee fällt, dann in der Regel erst im Februar oder im März.

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Novum: Kaiserpalast wird geöffnet. Jedoch…

Dezember 18th, 2013 | Tagged , | 5 Kommentare | 5524 mal gelesen

Nijūbashi - Die Doppelbrücke - einer der Eingänge zum Kaiserpalast

Nijūbashi – Die Doppelbrücke – einer der Eingänge zum Kaiserpalast

… gibt es viel Kleingedrucktes dazu. Das 宮内庁 kunaichō – Kaiserliches Hofamt gab heute bekannt, dass anläßlich des 80. Geburtstages des Kaisers im nächsten Jahr einige Bereiche des kaiserlichen Palastes der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. So etwas gab es noch nie – es ist eine kleine Sensation. Schliesslich handelt es sich um einen seit jeher stark abgeschotteten Bereich inmitten einer der größten Städte der Welt. Am 24. und 25. Mai sowie an einem Sonnabend und einem Sonntag Anfang Oktober 2014 soll es jeweils drei Gruppen am Tag möglich sein, sonst unzugängliche Bereiche in Gruppen betreten zu dürfen. Maximal 50 Leute sollen einer Gruppe angehören können. Macht also 50 mal 3 mal 4 Tage = 600 Besucher. Und die sollen per Los ausgewählt werden. Wenn ich es nicht verschlafe, werde ich mich auch um ein Los kümmern, denn die Gelegenheit will ich mir nicht entgehen lassen.

Von Mitgliedern der kaiserlichen Familie, Angehörigen des besagten kaiserlichen Hofamtes und hochrangigen Diplomaten und Staatsgästen abgesehen darf niemand die Anlage betreten. Nur ein sehr kleiner Bereich ist der Öffentlichkeit zugänglich – und auch das nur zwei Mal im Jahr, am 23. Dezember (Kaiserlicher Geburtstag) und am 2. Januar zur Neujahrsansprache.
Freilich werden nicht alle Bereiche öffentlich gemacht – doch die prächtige Empfangshalle 正殿松の間 Seiden Matsu no Ma sowie die Hallen 豊明殿 Hōmeiden und 長和殿 Chōwaden sollen zu sehen sein. Die wichtigsten Heiligtümer 皇霊殿 Kōreiden (Ahnenhalle), 神殿 Shinden (Götterhalle) und 賢所 Kashiko-dokoro (Ort der Ehrfurcht) werden wie eh und je geschlossen bleiben.

Mehr zur Palastöffnung gibt es hier auf Englisch und da auf Japanisch.

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Roboter, halbnackte Frauen und Business

Oktober 3rd, 2013 | Tagged , , | 3 Kommentare | 9137 mal gelesen

Roboter + α: Robot Restaurant in Shinjuku/Tokyo

Roboter + α: Robot Restaurant in Shinjuku/Tokyo

Gestern war ein Treffen mit zwei Geschäftspartnern vereinbart – beide gestandene Japankenner aus dem englischen Sprachraum. Einer der beiden hatte auch lange vorher bereits einen angemessenen Ort für das Treffen arrangiert: Das Robot Restaurant in Shinjuku, genauer gesagt im berühmt-berüchtigten Viertel Kabukichō. Aus eigener Erfahrung schlug der Gastgeber vor, sich vorher zum Abendessen zu treffen, da das Robot Restaurant zwar ein Restaurant ist, die Betonung jedoch hauptsächlich auf dem ersten Wort liegt.
Gesagt, getan. Ah, Shinjuku! Vor 15 Jahren war ich quasi jeden Abend in Shinjuku – entweder zum Arbeiten (wochentags) oder zum Vergnügen (Rest). Shinjuku war mein Spielplatz, und dieser Spielplatz war mir von Anfang an lieber als Roppongi. In den letzten Jahren mangelte es allerdings an Gelegenheiten, und so erkannte ich Shinjuku kaum wieder. Wie sehr sich doch alles in ein paar Jahren ändert. Als erstes viel mir eine chinesische Reisegruppe auf, die einem fähnchenschwingenden Reiseleiter hinterherliefen. Na wenigstens sehen sie so das echte. Japan. Räusper.

Das Robot Restaurant liegt mitten in Kabukichō inmitten all der mehr oder weniger zwiespältigen Etablissements, die da Gruppentarife im Massagesalon anbieten und… nein, das wird zu lang. Selbst im gleißenden Kabukichō fällt das noch gleißendere Robot Restaurant sofort auf. Die Preisstruktur ist einfach: 5,000 Yen pro Person (also rund 40 Euro), ohne wenn und aber. Einfach so hingehen ist nicht – man muss vorher reservieren. Dann wartet man im Eingangsbereich, in dem sofort dank des Dekors Tränen in die Augen schiesen. Es glitzert und funkelt, die Sinne überschlagen sich. Und – nach Japanern muss man beinahe suchen. Fast alle Besucher kommen aus dem Ausland. Irgendwann wird man unter die
Erde geführt – drei Stockwerke tief. Dort: Eine kleine Arena, mit drei gestaffelten Sitzreihen auf beiden Seiten und einem breiten Gang in der Mitte. Dort stehen zwei Angestellte und verkaufen Bier aus Plastebechern. Am Eingang bekommt man zudem eine Pappbox mit Essen drin. Ich musste sie nicht erst öffnen, um zu ahnen, warum wir vorher essen sollten. Nein, hier kommt man ganz sicher nicht des Essens wegen hin.

Farbige Panzer und nackte Frauen. Nun ja.

Farbige Panzer und nackte Frauen. Nun ja.

Irgendwann ging es los. Viele aufgetüterte, halbnackte junge Frauen mit Körbchengrössen, die sich nicht mit den ersten drei Buchstaben des Alphabets beschreiben lassen, sprangen grölend, kreischend, schwerter- und fahnenschwingend durch den Raum. Naja, die ganz normale Durchschnittsfrau eben. Dazu gab es Videoinstallationen, einen Kung-Fu-Panda-Abklatsch, der gegen Bösewichter kämpft (die dann quer durch den Raum fliegen) usw. Besonders bemerkenswert: Die Schlagzeugerin mit einem sehr sportlichen, bunten Drachentattoo, welches den halben Körper bedeckte. Alle Achtung. Irgendwann wurden schliesslich noch. Leuchtknüppel verteilt, mit denen man im Rhythmus winken sollte, Und die meisten haben auch ordentlich mitgemacht.

Was vergessen? Ach so, ja, Roboter! Die gab es natürlich auch, in rauhen Mengen und den verschiedensten Formen, bemannt und unbemannt. Dazu seltsame Fahrzeuge und einiges mehr. Nach anderthalb Stunden war die Show zu Ende, und alle verliessen entweder glücklich oder irritiert das Lokal.

Nun, da habe ich mich zum ersten Mal seit langem in eine andere Welt begeben. Und bei allem Kitsch: Wenn man einfach alles um sich vergisst und sich einfach der Sache ergibt, macht das durchaus Spass. Prädikat: Sehr nerdig, aber gut gemacht und, wenn auch nicht immer, so doch größtenteils, sehr unterhaltsam.
Ach ja: Vom Essen würde ich die Finger lassen. Das können die Convenience Stores besser.

Hier noch der Link zur offiziellen Webseite.

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Doraemon und ein Taifun

September 15th, 2013 | Tagged , , | Kommentare deaktiviert | 3028 mal gelesen

Taifun Man-Yi. Mehr zum Werdegang siehe hier: http://www.jma.go.jp/en/typh/1318.html

Taifun Man-Yi. Mehr zum Werdegang siehe hier: JMA

September ist schön – es gibt zwei Feiertage im September, und die Hitze läßt allmählich nach. Meistens jedenfalls. Nun ist der kommende Montag frei (und der darauf folgende Montag ebenso), nur muss leider just an diesem Wochenende ein großer Taifun das Land heimsuchen. Der Taifun wurde マンニィ (萬宜) Man-Yi getauft – benannt nach einer Meerenge in Hongkong. Dieser Taifun hat es jedoch nicht auf Hongkong abgesehen, sondern auf die am dichtesten besiedelten Regionen Japans. Momentan sieht es so aus, als ob er am 16. September, also am Montag, direkt über Tokyo hinwegziehen wird. Und wie so häufig schiebt der Taifu viel vor sich her – bereits am Sonntag soll einiges an Regen fallen.

Da mit hoher Wahrscheinlichkeit etliche Bahnlinien ausfallen werden, hiess es also, wenigstens am Sonnabend etwas aus dem Tag zu machen. Gar nicht so einfach bei ziemlich schwülen 32 Grad. Aus gegebenen Anlass ging es deshalb mit den Kindern zum Tokyo Tower, denn dort gibt es momentan eine Ausstellung zu Ehren des 80. Geburtstages des Manga-Zeichners 藤子・F・不二雄 (Fujiko F. Fujio). Das ist freilich nicht der richtige Name – geboren wurde der Künstler als Hiroshi Fujimoto. Leider kann er den Geburtstag auch nicht mitfeiern, denn der Künstler verstarb bereits 1996 am Leberversagen – und zwar buchstäblich am Schreibtisch, mit einem Stift in seiner Hand (so verlor er zumindest das Bewusstsein – drei Tage später verstarb er, ohne noch einmal zu erwachen). Fujio’s Leitmotiv war SF, das er jedoch nicht als “Science Fiction” verstanden haben wollte, sondern als 少し不思議 Sukoshi Fushigi – “etwas eigenartig”. Und das ist auch bei weitem seine bekannteste Figur: ドラえもん Doraemon – eine große, blaue Katze, aber mehr dazu siehe Köstlich: Jean Reno meets Doraemon.

Fujio & Doraemon-Ausstellung am Tokyo Tower

Fujio & Doraemon-Ausstellung am Tokyo Tower

Aber wir sind ja in Japan. Der Eintritt ist recht heftig für das, was geboten wird: 1’500 Yen (also rund 12 Euro) für Erwachsene und 900 Yen für Kinder über 4. Und mit 2 Stunden Wartezeit müssen wir rechnen, wurde uns gesagt – und man muss in dieser Zeit wirklich mit den Kindern anstehen. Letztendlich hat es nur eine Stunde gedauert. Der Beginn war recht furios: Ein Minikino mit einem kleinen, weißen Raum, in dem lediglich ein Schreibtisch stand. Das ganze erwies sich als dreidimensionale Projektionsfläche, in der plötzlich Bücher durch die Gegend flogen und vieles mehr – ganz ohne 3D-Brille, wohlgemerkt. Selbst mein 2-jähriger klatschte spontan in die Hände, und das möchte was heissen. Der Rest der Ausstellung war zwar interessant – an vielen Stellen allerdings interessanter für die Eltern, die ja auch allesamt mit Doraemon aufgewachsen sind: Es dürfte niemanden unter 50 in Japan geben, der die blaue Katze nicht kennt.

Mangas lassen mich normalerweise kalt, aber wenn meine Kinder Doraemon schauen, setze ich mich gern dazu: Die Charaktere sind recht lustig, und die Geschichten regen ohne Zweifel wie Phantasie an. Man lernt manchmal auch seine Angestellten damit besser kennen. Als eine Angestellte mir einmal einen übersetzten Text mit der Betreffzeile 翻訳こんにゃく Hon’yaku Konnyaku (hon’yaku = Übersetzung, konnyaku = typisch japanische Zutat aus Teufelszungenmehl) zurückschickte, dachte ich erst an ein launiges Wortspiel. Aber nein – Hon’yaku Konnnyaku ist eines von Doraemons Wunderwerkzeugen: Wenn man darauf rumkaut, kann man Fremdsprachen verstehen.

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Einfach ins Wasser gefallen

Juli 30th, 2013 | Tagged , | 5 Kommentare | 11374 mal gelesen

Am vergangenen Sonnabend fanden, wie jedes Jahr am letzten Sonnabend im Juli, zwei der größten Feuerwerke im Raum Tokyo statt: Das 隅田川花火大会 Sumidagawa-Feuerwerksfestival in Tokyo und das 浦安花火大会 Urayasu-Feuerwerksfestival. Ersteres fand dieses Jahr zum 36. Mal statt und zieht im Schnitt eine dreiviertel Million Besucher an; das Feuerwerk in Urayasu (ja, ich bastele gerade an dieser neuen Webseite) fand zum 35. Mal statt und hat im Schnitt eine halbe Millionen Besucher (die Stadt hat gerade mal 160’000 Einwohner).

Beide Veranstaltungen dauern eine geschlagene Stunde, während der mehr als 6’000 Feuerwerkskörper hochgehen. Und gemeint sind Feuerwerkskörper: Von Hand hergestellte, ordentliche Kawenzmänner. Ein Spektakel. Da wir in Urayasu wohnen und ein Feuerwerk gar beschaulich ist, wenn man sich mit Essen und Bier draussen irgendwo hinsetzt, sind wir auch dieses Jahr wieder hingetrabt. Zu einem etwas weiter entfernten Ort direkt am Ufer (das Feuerwerk wurde von einem Podest im Meer gestartet). Zu den Menschenmassen wollten wir nicht, denn da würden wir ganz schnell unsern Jüngsten aus den Augen verlieren.

Zum Start um 19:30 (ja, da ist in Japan im Sommer schon das Licht aus) sah alles noch ganz in Ordnung aus. Doch das änderte sich binnen weniger Minuten. Erst kamen ein paar Tropfen, dann bedrohlich aussehende Wolken, und schließlich Fremdblitze, die eindeutig nicht zum Feuerwerk gehörten. Der Wind frischte merklich auf – und nach ein paar Minuten war Feierabend: Kurz vor 20 Uhr goß es in Strömen und es blitzte und krachte überall. Zum Glück (bzw. in weiser Voraussicht) waren wir direkt an einer Unterführung, so dass wir uns dort verkriechen konnten. Das war auch besser so, denn Regenschirme hätten nicht geholfen, und die Temperatur sank schlagartig von 30 auf 22 Grad. Obwohl die Unterführung sehr breit ist, kam auch dort das Wasser fast überall hin.

Bedrohliche Wolkenkulisse beim Feuerwerk

Bedrohliche Wolkenkulisse beim Feuerwerk

Auch das Sumida-Feuerwerk musste abgebrochen werden – zum ersten Mal in der 36-jährigen Geschichte. Hätte man die Situation nicht vorher einschätzen können? – Der Hobbymeteorologe sollte hier hellhörig werden. Da ich ein bisschen Hintergrundwissen dazu habe: Die Chancen standen meiner Einschätzung nach 50:50. Man ist das Risiko eingegangen, da die Feuerwerke extrem viel Vorbereitungszeit und -kosten mit sich bringen. Die Gewitterfront schlummerte bereits nördlich von Tokyo. Aber die Geschwindigkeit, mit der die Front dann Richtung Meer rollte und immer größer wurde, war wirklich beachtlich und nur schwer vorhersehbar. Und man kann mal wieder nur seinen Hut ziehen vor den Organisatoren und den Teilnehmern: Vielerorts würde es bei einem Wolkenbruch mit Blitz und Donner bei fast einer Millinen Menschen auf engem Raum zu Tumulten oder Panik kommen – alles schon geschehen (in Fußballstadien zum Beispiel). Aber letztendlich kamen alle zwar naß, aber unversehrt nach Hause.

Das Wetter spielt dieses Jahr sowieso einige Kapriolen in Japan: Erst begann die Regenzeit viel zu früh. Dann regnete es lange nicht. Dann hörte die Regenzeit auch viel zu früh auf. Schließlich gab es Anfang Juli eine ordentliche Hitzewelle. Und seit Wochen wird der Nordosten und der Westen Japans von rekordverdächtigen Regenfällen nebst Überschwemmungen heimgesucht. In Tokyo hingegen sind schwere und plötzliche Gewitter zum Alltag geworden.

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Rauchende Hindernisse auf den Schienen

Juni 21st, 2013 | Tagged , | 1 Kommentar | 3487 mal gelesen

Japanische Züge sind ja weltweit für ihre Pünktlichkeit bekannt. Die Meinung ändert sich zwar leicht, wenn man jahrelang tagein, tagaus mit der Bahn in Tokyo unterwegs ist, aber alles in allem ist der Bahnverkehr schon bemerkenswert. Das betrifft nicht nur die Pünktlichkeit und Sauberheit an sich, sondern das System schlechthin: Zieht zum Beispiel jemand auf einer der zahlreichen JR-Strecken in Tokyo die Notbremse oder drückt ein Fahrer den Alarmknopf, stehen binnen Sekunden alle JR-Linien (es gibt auch zahlreiche andere, private Bahnlinien) still. Erst wenn der Einatzzentrale klargeworden ist, was wo und warum passierte, bewegen sich alle anderen, nicht betroffenen Bahnen wieder. Und dann geschieht das wirklich bemerkenswerte: Obwohl alles auf die Sekunde genau eingetaktet ist, “erholt” sich das System sehr schnell wieder. In einem Geflecht aus dutzenden Bahnlinien, mit Zügen, die oft im 2-3 Minuten Takt fahren, ist das wirklich erstaunlich.

Was ich auch an den Bahnen schätze – und was mich zum Beispiel in Deutschland schon immer auf die Palme getrieben hatte – ist die Informationsstrategie. Kommt ein Zug eins, zwei Minuten zu spät in Japan, wird das rechtzeitig auf Anzeigetafeln und über Lautsprecher bekannt gegeben. Und zwar so lange, bis der Zug kommt. Da viele Züge in den Ballungsgebieten nun mittlerweile auch mit Bordfernsehen ausgestattet sind, wird auch in den Zügen gezeigt, welche Linien momentan aus welchen Gründen Verspätung haben. Manchmal sind es 0, in Extremfällen bis zu 23 Linien (das höchste, was ich bisher gesehen habe – bei Taifunen und nach Erdbeben). Amüsant ist dabei manchmal die englische Übersetzung für die Gründe der Verspätung. Am häufigsten sind dabei

  • ドア/車両の点検 – Waggon/Tür-Inspektion bzw. Probleme mit den selbigen
  • 信号トラブル – Probleme mit der Signalanlange
  • 強風 – Sturm
  • 人身事故 – Personenschaden
  • 異音 – Seltsame Geräusche

vertreten. Nr. 1 und 5 sind meist schnell behoben, bei 2. kann es manchmal Stunden dauern, bei 4. in der Regel mindestens 2 Stunden und bei 3. kann man nur beten, das das Wetter besser wird. Manchmal liest man jedoch auch kreative Gründe:

Trouble on board

Trouble on board

Der Grund für die Verspätung steht immer ganz rechts: “Trouble on Board” bedeutet normalerweise, dass sich Leute in die Wolle bekommen oder ein Volltrunkener den Waggon vollgewürfelt hat. Das passiert, vor allem letzteres…

Smoking on Tracks?

Smoking on Tracks?

In diesem Fall war es der Anzeige zu Folge “Smoking on tracks”. Was war passiert? Hatte jemand auf den Gleisen geraucht? Nur das Japanisch darüber gibt Aufschluss: Rauch auf der Trasse.

Obstacle Thing

Obstacle Thing

Leider etwas schwer zu erkennen, da im gut gefüllten Zug aus der Ferne aufgenommen: Hier war ein “Obstacle Thing” – ein “Hindernisding” des Übels Wurzel.

Wer übrigens wissen will, wie es aussieht, wenn so ziemlich alle Linien stillstehen: Siehe Anzeige (diese findet man in den größeren Umsteigebahnhöfen) unten. Die Anzeige ist normalerweise komplett weiss. Orange steht für Linien, die nur verspätet oder begrenzt verkehren, rot steht für Linien, die komplett stillstehen. Das Photo entstand an einem Taifuntag:

(Nahezu) kompletter Ausfall

(Nahezu) kompletter Ausfall

Und doch – die schönste Durchsage habe ich einst in Deutschland gehört. Im EC von Straßburg nach Frankfurt/Main sagte jemand irgendwo vor Darmstadt: “Sehr geehrte Fahrgäste, zum jetzigen Zeitpunkt können wir nicht mit Sicherheit sagen, dass dieser Zug es bis Frankfurt am Main schaffen wird. Wir haben einen Lokschaden. Wer es eilig hat, kann in Darmstadt in den ICE umsteigen, aber vielleicht (!) schaffen wir es auch bis Frankfurt”. Einfach göttlich.

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Die Demokratie ist ein zartes Pflänzchen

Mai 28th, 2013 | Tagged , | 3 Kommentare | 2001 mal gelesen

Lage von Kodaira (Quelle: Google Maps)

Lage von Kodaira (Quelle: Google Maps)

Ganz Japan ist es Wurst, ob hier eine neue Straße gebaut wird oder dort ein Sack Reis umkippt. Ganz Japan? Nein! Da gibt es eine kleine Stadt namens 小平市 Kodaira-shi (Shi=Stadt) ein paar Kilometer westlich von Tokyo (und noch zu Tokyo-to gehörend), in der man gedachte, aufmüpfig zu werden. Der Stein des Anstoßes ist eine Schnellstraße, die von Fuchū-Tokorozawa nördlich der Stadt bis nach Kamakura führen und dabei auf 1,4 Kilometer Länge die Stadt von Nord nach Süd durchqueren soll. Dabei soll laut Planung auch ein Stück Wald verschwinden. Die Planung dieser Straße wurde übrigens schon vor ca. 50 Jahren angestoßen¹.

So einfach wollte man sich dann allerdings nicht geschlagen geben. Eine Bürgerinitiative wurde gegründet, und die reichte die Unterschriften von 7’183 Bürgern ein, um so eine Volksbefragung einzufordern. Die Stadt hat übrigens 188’000 Einwohner. Dem Anliegen wurde stattgegeben, und so fand gestern, also am 26. Mai 2013, das erste (Fanfare!) Referendum in Tokyo statt. Allerdings beteiligten sich nur 35% der Wahlberechtigten an der Umfrage, wie sich gestern abend herausstellte. Das Referendum würde jedoch nur gültig werden, wenn mindestens 50% teilnehmen. Und es hätte selbst dann keine rechtlich bindende Wirkung. Ergo: Nichts da, die Straße wird gebaut.

Für Empörung sorgte jedoch die heutige Entscheidung der Wahlkommission der Stadt, die Stimmen nicht auszuzählen, da das Referendum ja sowieso nicht die nötige Wahlbeteiligung erreicht hätte. Sofort wurden Stimmen der Kritik laut, und das nicht zu unrecht. Sicher, das Referendum war so gesehen nicht erfolgreich, aber sollte die Stadtverwaltung nicht dennoch daran interessiert sein, was ein gutes Drittel ihrer Bürger denkt?

Viel wird hier sicher nicht mehr passieren. Vielleicht knickt die Stadtverwaltung ein und erlaubt die Auszählung. Zu Demonstrationen mit Leuten, die sich an Bäume fesseln, wird es nicht kommen. Aber ein Referendum zum Thema Stadtplanung ist schon eine Seltenheit in Japan. Nach dem 2. Weltkrieg gab es bisher nur 19 Volksbefragungen, die letztendlich zu Gesetzesvorlagen führten: Die erste fand 1949 statt, die letzte (erfolgreiche) – 1952. Und die meisten dieser Umfragungen drehten sich lediglich darum, eine Stadt/einen Ort zu einer offiziellen Sehenswürdigkeit erklären zu lassen².

Wer etwas mehr vox populi braucht (freilich nur auf Japanisch) – etliche Kommentare zum Thema in der Huffington Post (siehe erster Link unten) sind recht interessant, aber man muss dabei bedenken, dass die Redaktion Kommentare nach eigenem Ermessen veröffentlicht.

¹ Siehe hier: Huff Post Society: 小平市の住民投票、投票率50%に届かず不成立
² Siehe hier: Wikipedia: 住民投票を経た特別法

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Tokyo Station … und eine gelangweilte Armee

März 1st, 2013 | Tagged , , | 18 Kommentare | 1181 mal gelesen

Eigentlich ist Tokyo Station kein so großer Bahnhof. Wenn man ihn mit anderen Bahnhöfen in Tokyo vergleicht. Weltweit ist Tokyo Station “nur” auf Rang 8 der weltweit meistfrequentierten Bahnhöfe: 396 Millionen Passagiere, also über eine Million pro Tag, steigen in Tokyo Station ein, aus oder um. Es gibt jedoch 4 Bahnhöfe in Tokyo, die noch mehr Passagiere aufbringen (einsamer Spitzenreiter seit langem: Shinjuku mit 1.4 Milliarden Passagieren pro Jahr – mehr Zahlen siehe hier). Der Berliner Hauptbahnhof bringt es gerade mal auf 100 Millionen.

Tokyo Station ist trotzdem etwas besonderes, denn das Hauptgebäude stammt aus dem Jahre 1914 und hat einiges durchgemacht. Zuletzt eine Generalüberholung im Jahr 2012, um den für Tokyoter Verhältnisse wahrhaft historischen Bau erdbebensicher zu machen. Seitdem soll das Bauwerk sogar einen Direkttreffer der Stärke 7 (auf der Richterskala) wegstecken können.

Nebenher hat man in den vergangenen Jahren auch gleich noch ein paar kleinere, aber recht noble Hochhäuser am Bahnhof hochgezogen und den Untergrund mit zahlreichen Ladenpassagen “veredelt”. Ein idealer Ort, wenn es mal regnet. Wer in der Regenzeit in Tokyo weilt oder prinzipiell einfach mal Pech mit dem Wetter hat, kann das das folgende machen:

1.) Von der Marunouchi-Linie (U-Bahnlinie) zur Keiyō-Linie laufen. Es gibt zwei Routen, und beide sind ca. 600 Meter lang und komplett unterirdisch. So lange wiederholen, bis man sich nicht mehr verläuft, und schon hat man einen halben Tag rum.

2.) Sich in den Ladenpassagen unterhalb der Yaesu-Ausgänge herumtreiben. Dort gibt es viel zu sehen – und natürlich viel zu essen. Wo der Bahnhof aufhört und wo das nagelneue Daimaru-Kaufhaus anfängt, ist dabei schwer zu sagen.

Tomica-Laden

Tomica-Laden

Wer sich allerdings mit Kindern, vor allem solchen, die in Japan aufwachsen, in die Eingeweide von Tokyo Station wagt, sei gewarnt: Man kommt nur schwer wieder raus. Dazu sorgt zum Beispiel dieser Laden hier: Tomica ist die japanische Variante von “Matchbox” (kleine Modellautos), und kleine Jungen lieben sie einfach.

Wenn man kleinen japanischen Jungs das geschickt gemachte Tomica-Lied vorspielt, passiert in etwa das hier:

Die Anziehungskraft ist enorm. Mein Sohn, gerade 2 geworden, kann zwar noch nicht “Toilette” sagen, aber dank Tomica & Co. kann er immerhin schon “Krankenwagen” sagen. Nun ja, fast. Eigentlich heißt der Krankenwagen auf Japanisch nicht “Kyūkyūta” sondern “Kyūkyūsha”, aber immerhin.

Precure-Shop

Precure-Shop

Damit die Kindern auch gleich in die richtigen Rollen gepresst werden, gibt es gleich gegenüber vom Tomica-Geschäft den Precure-Shop, und man muss schon zwei Bedingungen erfüllen, um dort nicht seinen Verstand über Bord zu werfen: Man muss ein kleines Mädchen sein, und man muss in Japan aufwachsen. Das Originallied von Suite Precure will ich Euch nicht antun, deshalb hier die Variante der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte. Ich glaube, die sind alle auf Drogen. Panzer und Hubschrauber im Hintergrund, und im Vordergrund spielt die Kapelle “Suite Precure”. Was soll man dazu noch sagen.

Mehr zum Bahnhof Tokyo irgendwann man mal wieder. Ich glaube, ich bin vom Thema abgewichen…

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