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Was macht eigentlich… der Klimawandel in Japan?

Dezember 11th, 2015 | Tagged , | 1 Kommentar | 1041 mal gelesen

Pünktlich zum Klimagipfel in Paris kann sich auch Japan an aussergewöhnlichen Wetterphänomenen erfreuen: Momentan zieht gerade ein Sturm über das Land, den man so zu dieser Jahreszeit noch nie gesehen hat. Im Gepäck: taifunverdächtige Windgeschwindigkeiten und je nach Region bis zu 250 mm Niederschlag (die Hälfte des Berliner Jahresniederschlags) innerhalb von 24 Stunden. Das ist normalerweise in Japan nur ein herzhaftes Gähnen wert, doch nicht im Dezember: So etwas gab es noch nie.

Sicher, in diesem Jahr war es in Japan vergleichsweise kühl. Der Februar war kalt, und der Sommer für japanische Verhältnisse regelrecht kühl – vor allem der September, der gut 2 Grad kälter war als normalerweise. Normalerweise im Sinne von “normal in den vergangenen zwei Jahrzehnten”, denn schaut man sich die Temperaturentwicklung in Tokyo während der vergangenen 135 Jahre an, so ist die Richtung klar: Es geht nach oben. Sicher – die Zahlen sehen dramatischer aus als sie wirklich sind, denn Tokyo war vor 130 Jahren oder vor 50 Jahren bei weitem nicht so zubetoniert und verklimaanlagt wie heute, doch selbst wenn man das Hitzeinselphänomen herausrechnet, bleibt ein spürbarer Temperaturanstieg:

Jahr Jan Feb Mar Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez Jahresmittel
1880 2.6 5.8 8.4 12.3 17.7 19.8 24.2 25.5 22.5 16.6 10.2 3.9 14.1
1890 3.4 6.1 9.2 14.2 16.1 22.0 23.5 25.4 24.2 16.0 10.8 9.3 15.0
1900 1.6 3.1 5.7 11.4 17.3 19.3 22.8 26.1 22.6 16.5 11.0 5.5 13.6
1910 4.2 2.9 6.1 12.3 16.8 20.7 23.0 24.1 20.9 16.1 10.4 4.3 13.5
1920 4.1 2.6 6.6 12.6 16.8 20.3 26.1 25.7 21.4 16.4 12.0 5.2 14.2
1930 3.8 5.4 8.8 14.0 17.7 21.4 26.3 26.8 21.5 16.7 10.3 5.2 14.8
1940 2.7 3.7 8.2 13.1 17.7 22.1 26.9 24.9 21.7 17.8 12.3 6.2 14.8
1950 5.0 4.7 7.7 13.9 19.2 21.8 26.5 26.2 23.8 15.8 11.1 5.4 15.1
1960 5.0 6.6 9.5 12.8 17.8 21.5 25.8 26.4 23.6 16.8 12.3 6.7 15.4
1970 4.5 6.0 5.5 13.0 19.6 20.7 25.4 27.4 24.0 17.2 12.3 6.8 15.2
1980 5.6 5.2 8.2 13.6 19.2 23.6 23.8 23.4 23.0 18.2 13.0 7.7 15.4
1990 5.0 7.8 10.6 14.7 19.2 23.5 25.7 28.6 24.8 19.2 15.1 10.0 17.0
2000 7.6 6.0 9.4 14.5 19.8 22.5 27.7 28.3 25.6 18.8 13.3 8.8 16.9
2010 7.0 6.5 9.1 12.4 19.0 23.6 28.0 29.6 25.1 18.9 13.5 9.9 16.9
2011 5.1 7.0 8.1 14.5 18.5 22.8 27.3 27.5 25.1 19.5 14.9 7.5 16.5
2012 4.8 5.4 8.8 14.5 19.6 21.4 26.4 29.1 26.2 19.4 12.7 7.3 16.3
2013 5.5 6.2 12.1 15.2 19.8 22.9 27.3 29.2 25.2 19.8 13.5 8.3 17.1
2014 6.3 5.9 10.4 15.0 20.3 23.4 26.8 27.7 23.2 19.1 14.2 6.7 16.6
2015 5.8 5.7 10.3 14.5 21.1 22.1 26.2 26.7 22.6 18.4 13.9 9.5 17.0

Quelle: Japanisches Wetteramt, siehe hier

Die Erderwärmung wird Japan besonders schwer treffen, und das innerhalb der nächsten Jahrzehnte. Japan ist ohnehin schon ein Land der Wetterextreme, mit regelmässig auftretenden Taifunen und enormen Schneemassen. Man muss auch kein Wissenschaftler oder Prophet sein, um vorherzusagen, dass da, euphemistisch gesagt, “enorme Herausforderungen” auf den Grossraum Tokyo hinzukommen werden, denn grössere Teile der Stadt liegen bereits jetzt auf oder unter Meeresspiegelhöhe – und Tokyo leidet in vielen Jahren gleichsam unter Wassermangel, was sich viele gar nicht vorstellen können, da es hier drei Mal so viel regnet wie in Berlin: Das stimmt zwar, aber ein Zeitraum von 2, 3 Monaten, in denen es gar nicht regnet, sind keine Seltenheit. So gesehen kann man nur hoffen, dass sich in Paris etwas bewegt.

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Erste Ramen-Bude mit Michelin- Star: Und nun?

Dezember 8th, 2015 | Tagged , | 6 Kommentare | 606 mal gelesen

​Nun ist es also geschehen: Der berühmte Michelin-Guide hat erstmals einen ganz ordinären Ramen-Laden in seinem neuesten Gourmetführer mit einem Stern beglückt¹. Für die meisten Japan-Reisenden wahrscheinlich keine so grosse Überraschung, denn diese ursprünglich chinesische Nudelsuppe kommt in Japan in so vielen Varianten und teilweise sehr komplexen Geschmacksvarianten daher, dass dort doch auf jeden Fall auch etwas Michelinstar-würdiges dabei sein muss.

Durch wie viele Ramen-Läden sich die Jury durchgefressen hat ist unbekannt. Und ganz sicher auch nicht immer ein Vergnügen, denn wie es nun mal mit einem ausgesprochenen Volksessen ist, gibt es sehr viel Spreu unter dem Weizen. Auserkoren hat man unter den zehntausenden, meist wirklich nur Ramen servierenden Geschäften 蔦 Tsuta, ein Minirestaurant (typisch) mit gerade mal 9 Plätzen. Die Menge der Mahlzeiten ist auf 150 pro Tag begrenzt, und das wird sich wohl auch so schnell nicht ändern, denn einige der Zutaten (Sojasauce zum Beispiel) lagert angeblich zwei Jahre bis zur Reife.

Meiner Meinung nach stark sterneverdächtig: Echte Kumamoto-Tonkotsu-Ramen

Meiner Meinung nach stark sterneverdächtig: Echte Kumamoto-Tonkotsu-Ramen

Das schöne an der Nachricht ist, das man eigentlich ein ganz normales Lokal gewählt hat – mit ganz normalen Preisen, sprich weniger als 8 Euro bzw. unter 1’000 yen für die Terrine. Das seltsame an der Wahl ist jedoch, dass man einen Laden gewählt hat, der zum Beispiel die Chashu genannte Fleischeinlage mit Rotwein behandelt und nach Wunsch die Nudelsuppe mit Trüffelöl verfeinert. Was soll das nun eigentlich bedeuten? Heisst das, ich sollte in Kawasaki wirklich langsam eine Bulettenbude – Japaner stehen doch so auf Fleischklopse – aufmachen und dann einfach ein bisschen Trüffelöl rüberkleckern, um so die Michelin-Gourmets anzuziehen? Vielleicht. Kann ich ja machen, wenn ich erwachsen geworden bin.

Auch nicht zu verachten: Ramen mit geräucherter Rinderzunge

Auch nicht zu verachten: Ramen mit geräucherter Rinderzunge

Wie es nun mal so ist, wenn man berühmt wird, hatte der Ramenbudenbesitzer natürlich sofort sehr viel unbekannte Kundschaft. So viel, dass er sich einen Essensmarkenautomaten zulegte (sehr typisch!), nunmehr morgens um 6 für 10 Minuten sein Restaurant aufmacht – denn länger braucht er nicht, um 150 Mahlzeiten an die bereits Wartenden Hobbygourmets zu verkaufen – und danach ein Schild raushängt, dass für heute alles ausverkauft sei. Wahrscheinlich wird er irgendwann das Recht, seinen Namen benutzen zu dürfen, an Nissin oder irgendeinen anderen Trockennudelfabrikanten verkaufen und damit gut Geld verdienen, oder gleich eine ganze Kette aufmachen. Gegönnt sei es ihm.

Ob mich der ganze Rummel interessiert? Eher kaum. Ob ich dort auch mal Ramen essen wollen würde? Sicher, sicher!!!

¹Siehe unter anderem hier (Englisch).

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Alles Tokyo oder was?

Dezember 4th, 2015 | Tagged | 7 Kommentare | 851 mal gelesen

In der Japan Times erschien jüngst ein interessanter Artikel mit dem Titel Is Tokyo killing the rest of Japan?¹. Die Frage ist berechtigt und seit Jahrzehnten ein Dauerbrenner. Der Magnet Tokyo ist so stark, dass man gern meinen möchte, er lässt den Rest des Landes langsam aber sicher ausbluten. Mit Tokyo ist natürlich nicht nur Tokyo gemeint, sondern die engere Hauptstadtregion, sprich der Westen Chibas, der Osten Saitamas, und die nördliche Hälfte der Präfektur Kanagawa – inklusive der Millionenstädte Kawasaki und Yokohama.

Zwar wird Tokyo nicht überall als Primatstadt, also eine Stadt, die eindeutig im Land nicht nur in Sachen Bevölkerung, sondern auch kulturell, politisch, wirtschaftlich usw. dominiert, angesehen, doch das ist eher eine Definitionssache: Betrachtet man nur Tokyo Stadt, dann hat man “nur” knapp 9 Millionen Menschen – doch ein Großteil der in Tokyo arbeitenden Menschen lebt in den angrenzenden Präfekturen, und so kommt man schnell auf rund 30 Millionen Menschen und damit einhergehender wirtschaftlicher, politischer und kultureller Macht, denn immerhin handelt es sich um ein Viertel der Gesamtbevölkerung des Landes. Für Deutsche zum Beispiel ist diese Situation nur schwer nachvollziehbar, denn in Deutschland gibt es keine Primatstadt – die Bevölkerung verteilt sich beinahe linear auf Klein- und Großstädte und auf das Land. In Berlin leben nicht einmal 5% der Gesamtbevölkerung, und rund um Berlin lebt… fast keiner, womit Berlin bevölkerungstechnisch ganz weit hinter dem Ruhrgebiet zurückliegt.

Tokyo...

Tokyo…

Interessanterweise, und auch das wird im Artikel hervorgehoben, kommen die grössten Kritiker des allzu dominanten Tokyo aus Osaka, der alten Erzrivalin von Tokyo. Es mangelt nicht an Versuchen, etwas Macht an sich zu reissen. So flammt immer wieder die Idee auf, die Hauptstadtfunktion entweder in die Präfektur Gifu zwischen Osaka und Tokyo zu legen oder gar nach Osaka, begründet mit dem durchaus stimmigen Argument, dass so ein grosses und seit langem erwartetes Erdbeben direkt in Tokyo nicht gleich das ganze Land lähmen würde.

... oder Provinz?

… oder Provinz …

Doch die Sache hat leider einen Haken: Viele Menschen, vor allem die Talentierten, und in Heerscharen auch aus Osaka und Umgebung, gehen aus gutem Grund nach Tokyo: Die Stadt ist attraktiver, und sie bietet unbegrenzte Möglichkeiten. Und von permanent vollen Bahnen und nicht enden wollenden Menschenmassen einmal abgesehen, ist Tokyo in einigen Belangen angenehmer als Osaka: Die Luft ist besser, es gibt mehr Grün und man ist als Zugereister den Mitmenschen in der Regel völlig egal. In Osaka ist dem nicht so – die meisten Menschen sind dort zwar netter, oder sagen wir mal so: herzlicher, aber die Chance, in Osaka anzuecken ist grösser als in Tokyo. Das gilt vor allem für Zugereiste, und damit sind auch ausdrücklich zugereiste Japaner gemeint – so klagen nach Osaka versetzte Tokyoter nicht selten darüber, aufgrund ihres (fehlenden) Dialektes regelrecht diskriminiert zu werden. Anders herum gesagt ist man in Osaka regelrecht entzückt, wenn ein Ausländer fliessend im schnoddrigen Kansai-Dialekt schimpfen kann.

...oder gar Osaka?

…oder gar Osaka?

Schnürt Tokyo dem Rest des Landes die Luft ab? Gänzlich verneinen kann man das nicht. Der nationale brain drain ist spürbar, und das nicht erst seit kurzem. Ist Tokyo schuld daran? Nein. Das haben die japanischen Kommunen selbst in der Hand. Es gibt gute Gründe dafür, dass immer weniger junge Japaner in Kleinstädten leben wollen. Aber diese Gründe kann man ändern. Nun gut, ein bisschen Hilfe aus Tokyo ist dabei natürlich doch gefragt, denn von irgendwoher müssen die Mittel ja kommen.

¹ Siehe hier

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​ Paris ist nicht gleich New York. Oder Tokyo.

November 20th, 2015 | Tagged , | 6 Kommentare | 864 mal gelesen

Schlagzeile in der Klatschpresse: Der Tag, an dem Tokyo zum Terrorziel wird.

Schlagzeile in der Klatschpresse: Der Tag, an dem Tokyo zum Terrorziel wird.

Man kann es nicht leugnen – Japaner sowie in Japan wohnende Ausländer haben einen sehr bequemen Platz in der hinteren Reihe, um sich das ganze Getümmel im von Japan aus gesehen Mittleren und Fernen Westen anzusehen. Flüchtlinge? Geht uns absolut gar nichts an. Islamisten im Land? Eher nicht. Japan produziert lieber seine eigenen religiösen Fanatiker, die dann auch noch mangels Schusswaffen zu Alternativen greifen müssen.

Das Konzept des Islams ist weitgehend unbekannt und so auch der Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten. Das Gemeinwissen beschränkt sich darauf, dass der Islam monotheistisch ist und Alkohol und zahlreiche Nahrungsmittel verboten (die letzteren Einschränkungen sind den meisten modernen Japanern schon mal sehr suspekt).

9/11 jedoch, auch wenn sich dies ebenfalls in grosser Ferne abspielte, hinterliess einen tiefen Eindruck. Das lag zum einen daran, dass der Anschlag spektakulärer war als der von Paris. Auch in Shinjuku steht ein Twin Tower (das Rathaus von Tokyo in Shinjuku). Auch in und um Tokyo herrscht reger Luftverkehr. Mit nur ein bisschen Phantasie kann man die Gefahrenlage nachvollziehen. Das große Interesse an 9/11 fusste jedoch eher darauf, dass es in den USA stattfand. Was dort geschieht, beschäftigt Japan sehr. Wenn der Riese USA niest, bekommt Japan umgehend einen Schnupfen. Ganz anders im Nahen Osten oder in Europa: Aufgrund des wirtschaftlichen Einflusses interessiert es die Allgemeinheit hier sehr wohl, ob in China ein Sack Reis umfällt. Ob jedoch die Golanhöhen angegriffen werden oder ob Mossul fällt, ob die Redaktion eines kleinen Satireblattes mitten In Paris niedergemetzelt wird oder ob in Deutschland ein Fussballländerspiel abgesagt wird, ist in Japan ziemlich egal. Das alles ist weit weg, irrelevant und flackert höchstens mal kurz ins öffentliche Bewusstsein – so zum Beispiel wenn ein Landsmann, wie die beiden von Daesh enthaupteten Journalisten, betroffen ist.

Sicher, in den Nachrichten werden auch die Bilder der Flüchtlinge und der Attentate gezeigt. In jüngster Zeit werde ich sehr häufig auf die Flüchtlingsproblematik angesprochen – das ist nicht verwunderlich, denn Japan nimmt höchstens ein paar Dutzende im Jahr auf, so dass man hier mit Unglauben auf die aktuellen Zahlen aus Deutschland reagiert (die Kommentare meiner japanischen Mitmenschen sind diesbezüglich meistens wertungsfrei, also weder positiv noch negativ). Was jedoch zum Beispiel in Japan fehlt, ist die Welle der (Pseudo)solidarität unter ganz normalen Menschen, gut zu sehen in den sozialen Medien, wo plötzlich jeder zweite Facebook-Nutzer sein Profilbild mit der Tricolore belegt. Mit guter Absicht natürlich, aber Pseudo deshalb, weil in diesen Momenten nahezu jeder zu vergessen scheint, dass das Attentat in Paris nicht einzigartig ist, aber wer schmückt sein Profilbild schon mit der libanesischen oder nigerianischen Flagge (um die Frage selbst zu beantworten – unter meinen Facebook-Kontakten genau Einer).

Und so bleibt Paris weit entfernt. Niemand ist wirklich geschockt – jedenfalls nicht so geschockt wie der durchschnittliche Mitteleuropäer, mich eingeschlossen, denn die Anschläge waren Anschläge auf das, was wir als die schönen Dinge im Leben bezeichnen: Konzerte und abends in Strassencafes und Restaurants abhängen. Anders gesagt, ein Anschlag auf den für uns selbstverständlichen Luxus.

Kann das gleiche auch in Japan geschehen? Kategorisch kann man das nicht ausschliessen. Aber es ist doch weit weniger wahrscheinlich als in Deutschland zum Beispiel. Momentan gibt es keine konkreten Gefahren. Das wird sich auch so schnell nicht ändern, zumindest nicht durch Flüchtlinge aus dem arabischen Raum. Als Ministerpräsident Abe bei einer Pressekonferenz in New York am 29. September gefragt wurde, ob Japan bereit wäre, (mehr) Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen, wurde geantwortet, dass man das Problem des demographischen Wandels anders anzugehen gedenke: Man wolle erst dafür sorgen, dass Frauen und ältere Menschen bessere Arbeitsbedingungen vorfinden sowie die Geburtenrate erhöhen. Dass es bei der Aufnahme von Flüchtlingen nicht um Japans stark alternde Gesellschaft geht sondern um eine humanitäre Geste, spielte da nicht die geringste Rolle. Die humanitäre Rolle Japans sieht man mit der Zahlung von Entwicklungsgeldern als erledigt an.

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7. Allgemeiner Bloggergipfel

November 13th, 2015 | Tagged , , | 8 Kommentare | 702 mal gelesen

Bloggergipfel – mit Dank an Thuruk für das Logo!Und schon ist wieder ein Jahr rum – Zeit für ein neues Bloggertreffen! Und zwar wird dies bereits die siebte Auflage. Der Name “Bloggergipfel” soll dabei niemanden abschrecken – gerne sind auch Blogvoyeure eingeladen.
In einigen Jahren fand das Bloggertreffen am gleichen Tag wie der Adventsbasar in der Kreuzkirche statt, und die Idee finde ich nach wie vor nicht schlecht. Deshalb stelle ich einfach mal Sonnabend, den 28. November, als Möglichkeit in den Raum.

Ich weiss noch nicht, was genau und wo genau, aber um wenigstens etwas festzulegen:

1. Das Treffen findet in Tokyo statt – innerhalb oder nahe der Yamanote-Linie
2. Bowling, Billard oder was weiss ich, als Vorspiel quasi, sind machbar.

Deshalb erstmal eine Frage in die Runde: Wer will? Wer kann? Gibt es Ortsvorschläge? Bessere Vorschläge als die obigen? Also, bitte leitet diesen Artikel weiter und hinterlasst einen Kommentar, wann es Euch passt und wo es Euch passt!

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Hut ab, liebe Macher des Tokyoter Katastrophenschutzhandbuches

September 29th, 2015 | Tagged , , , | 3 Kommentare | 765 mal gelesen

Nur echt mit Nashorn: Das Katastrophenhandbuch

Nur echt mit Nashorn: Das Katastrophenhandbuch

Sicher, die Tatsache, dass Tokyo die Nummer 2 weltweit im Lloyd’s City Risk Index 2015-2025¹ ist (die Nummer 1 ist übrigens Taipei), schreit geradezu danach, die Bewohner auf eventuelle Katastrophen so gut wie möglich vorzubereiten. Es kann schließlich viel passieren: Erdbeben. Taifune. Überschwemmungen. Wirbelstürme. Vulkanausbrüche. Terrorangriffe. Epidemien. Ein knallgelbes, kostenloses Buch mit wertvollen Tips für die Vorbereitung auf den Ernstfall sowie dem, was zu tun ist, wenn mal wieder etwas geschehen ist, sollte doch ideal sein. Also seid ihr auf die Idee mit dem 東京防災 Tokyo Bōsai-Buch gekommen. Und um den Ernst der Lage auch gut zu vermitteln, nehmt ihr also das “sai” (das Zeichen bedeutet “Katastrophe”; bō bedeutet “Schutz, Vorbeugung”) und pappt deshalb ein Nashorn auf den Buchumschlag, denn Nashorn auf Japanisch heisst schliesslich “sai”, und schliesslich weiss man ja, wie gefährlich Nashörner sind. Haha. Ha. Und damit das auch ja alle lesen, kommen natürlich auch ein paar Seiten Manga rein, damit man, wenn man mit dem Buch verschüttet ist, auch was zum schmökern hat.

Das Inhaltsverzeichnis listet auch schön alle möglichen Ernstfälle auf. Aber halt, war das nicht was, vor circa vier Jahren, als eine radioaktive Wolke nach Tokyo reinwehte? Komisch, davon steht rein gar nichts im Buch. Und es ist ja nicht so, dass die Atommeiler nicht wieder angefahren werden sollen. Doch halt, was ist das – Seite 165:

Angriffe durch Guerilla und andere Spezialtruppen

Man muss von plötzlich auftretenden Schäden ausgehen. Falls atomare Anlagen angegriffen wurden, besteht ausserdem die Gefahr, dass es zu großflächigen Schäden kommt.

Ah, von daher weht der Wind! Die wahre Gefahr für die japanischen Atommeiler geht also nicht von den Naturkatastrophen sowie, und davor habe ich mehr Sorge, von den Betreibern aus, sondern von ominösen Guerillakriegern. Höchstwahrscheinlich von nordkoreanischen Froschmännern!

Dass diese – wie man ja gesehen hat, sehr reale – Gefahr einer atomaren Verseuchung mal eben so vollständig ausgeklammert wird, ist unglaublich. Was will uns die Stadtverwaltung von Tokyo, Herausgeber des Buches, damit sagen? Dass so etwas ganz bestimmt nicht wieder vorkommt? Oder hat man Angst, so kurz vor Olympia wieder ins Gerede zu kommen? Schliesslich hatte ja Abe dem Internationalen Olympischen Komitee hoch und heilig versprochen, dass Fukushima kein Thema mehr ist? Es darf gerätselt werden.

¹ Siehe hier.

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Die Olympischen Spiele und das liebe Geld

Juli 10th, 2015 | Tagged , | 8 Kommentare | 1493 mal gelesen

Mit grossen Schritten rücken sie heran – die Olympischen Sommerspiele 2020. Nur noch 5 Jahre sind es bis dahin, und immerhin hat man in Japan jetzt damit begonnen, sich um die Kosten zu streiten.

Die ursprüngliche Planung sieht vor, dass die Spiele rund 820 Milliarden Yen kosten werden – das sind beim jetzigen Stand gute 6 Milliarden Euro¹. Dem gegenüber stehen erwartete Einnahmen von gut 2,5 Milliarden Euro. Von vornherein also sind die Olympischen Sommerspiele für Tokyo ein Zuschußgeschäft. Doch die Zahlen erweisen sich jetzt schon – hört, hört! – als nur gering belastbar. Der grösste Zankapfel ist da momentan der Neubau des 新国立競技場 Shinkokuritsu Kyōgijō (wörtlich: “Neuer Staatlicher Wettkampfort). Das Olympiastadium befindet sich im Herzen von Tokyo und soll von jetzt an gebaut werden. Die Ausschreibung hatte die englische Stararchitektin Zaha Hamid gewonnen. Eigentlich waren für den Neu- und Umbau der Wettkampfstätten in und um Tokyo insgesamt 300 Milliarden Yen eingeplant, doch nun gab man bekannt, dass allein der Neubau des Olympiastadiums 250 Milliarden Yen, also sage und schreibe 1,8 Milliarden Euro, kosten werde. Das ist in etwa das 5-fache dessen, was das Olympiastadium in Peking kostete. Einer der Hauptgründe für den plötzlichen Kostenanstieg ist das extravagante Design. 370 Meter lang und 70 Meter hoch soll das, ich sage mal wanzenähnliche, Gebilde werden – das Herzstück besteht aus zwei riesengrossen Stahlbögen, entlang derer ein einfahrbares Dach verlaufen soll.

Projektentwurf Olympiastadion. Quelle: Japan Sport Council

Projektentwurf Olympiastadion. Quelle: Japan Sport Council

Muss das sein? Müssen wir soviel Geld dafür ausgeben? Und von wem soll das Geld eigentlich kommen? Warum hat man nicht einen japanischen Architekten gewählt? So und ähnlich lauten die Fragen. Dabei hat man schon zurückgesteckt und den Bau um rund 20% verkleinert. In dieser Woche wurde nun entschieden, dass das Teil gebaut wird, basta.

Wer vom neuen Berliner Flughafen oder der Elbphilharmonie gehört hat, kann darüber nur müde lächeln. Obwohl 1,8 Milliarden Euro für ein Stadion in der Tat kein Pappenstiel sind. Wahrscheinlich werden aber noch etliche andere Überraschungen auf die Veranstalter hinzukommen. Woher das Geld jedoch letztendlich kommen soll, ist eine Frage, die mich auch interessiert – schliesslich ist Japan bis über beide Ohren verschuldet. Neben der Tatsache, dass das Land aus tausenden Inseln besteht, noch eine Gemeinsamkeit mit Griechenland…

¹ Eine Zusammenfassung der ursprünglichen Planung der Spiele findet man hier

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Geheimtipp für den Tokyo Sky Tree | Hakone gesperrt

Mai 7th, 2015 | Tagged , , | 4 Kommentare | 1950 mal gelesen

Goldene Woche — Reisezeit. Entweder man reist selbst, oder man hat Besuch aus der Heimat, denn während eine Reise ins Ausland innerhalb der Goldenen Woche fast unbezahlbar ist, ist eine Reise während der Goldenen Woche – zumindest flugpreistechnisch – recht günstig.

Mit dem Besuch ging es dieses Jahr zum Tokyo Sky Tree, dem neuen Wahrzeichen der Stadt. Eigentlich habe ich jenen seit meinem letzten Besuch vermieden. Zu viel Rummel, zu viele Menschen, zu viele Geschäfte, und die Kostüme der Tokyo-Sky-Tree-Hostessen finde ich einfach mal absolut abstossend. Es gibt also eigentlich keinen triftigen Grund für mich, wieder dorthin zu fahren. Nun ging es also doch wieder hin, und ich hatte meinen Besuch schon vorgewarnt: Da Goldene Woche, wird es sehr, sehr voll werden. Und nein, wir werden nicht auf den Turm fahren können, weil man einen geschlagenen halben Tag warten muss, bis man an der Reihe ist.

Spasseshalber fragte ich bei der Information gegen 11:30 morgens nach, wie lange es denn dauern würde, bis man hochkönne. “So cirka 18:30″ lautete die nicht überraschende Antwort. Doch dann: “Für Ausländer gibt es allerdings jetzt das Fast Sky Tree Ticket. Das kostet mit 2,820 Yen bis zur Plattform in 350 m Höhe zwar 760 Yen mehr als das normale Ticket, aber: “In 20 Minuten von jetzt an sind sie oben!”. Sieh mal einer an. Also zum speziellen Ticketverkauf in der 4. Etage gegangen, und siehe da — keine 10 Leute warteten in der Schlange. Tickets gekauft, und schon wurden wir von einer Hostess zum Fahrstuhl geführt und schon waren wir oben. Geht doch. Interessant ist dabei, dass auch in Japan lebende Ausländer sowie den Ausländer begleitende Japaner das Fast Ticket nutzen dürfen. Das ist ja fast schon eine Geschäftsidee…

  • Tokyo Sky Tree
  • Tokyo Sky Tree
  • Tokyo Sky Tree
  • Tokyo Sky Tree
  • Tokyo Sky Tree
  • Tokyo Sky Tree
  • Tokyo Sky Tree
  • Tokyo Sky Tree

Wo wir gerade beim Thema Tourismus sind — gestern, am 6. Mai 2015, hat die Meteorologie-Behörde die Warnstufe für den Vulkan in Hakone auf Stufe 2 (von 5) erhöht. Infolgedessen wurden etliche Strassen sowie, und jetzt kommt’s, die Seilbahn gesperrt. Wie lange die Sperrung andauert, kann man noch nicht vorhersagen. Man erwartet auch keinen grossen Ausbruch, aber da die Seilbahn direkt über den Krater fährt, geht man verständlicherweise auf Nummer Sicher. Soll heissen, die übliche Hakone-Tour (Zug von Tokyo, Zahnradbahn von Gōra, Seilbahn, Schiff) hat sich für unbestimmte Zeit erledigt, da an der Seilbahn Schluss ist. Mehr Informationen dazu siehe hier.

Nun gut — wir fahren dieses Jahr gottseidank nicht ins nahe Hakone, sondern, mal wieder, nach Izu. Mehr und häufiger dann wieder auf diesem Blog nach der Goldenen Woche!

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Shibuya – Umbau eines Wespennestes

April 3rd, 2015 | Tagged | 5 Kommentare | 2075 mal gelesen

Mitten in Shibuya

Mitten in Shibuya

Fünf mal in der Woche habe ich das Vergnügen, in 渋谷 Shibuya umzusteigen. Mit täglich rund 3 Millionen Mitmenschen. Das ist also so, als würde ganz Berlin an einem einzigen Bahnhof tagtäglich ein-, aus- oder umsteigen. In Sachen Passagierdurchlauf ist Shibuya damit weltweit die Nummer 2 unter den Bahnhöfen (die Nr. 1 liegt nur 4 km davon entfernt, und die Nr. 3 keine 10 Kilometer).

Hikarie in Shibuya

Hikarie in Shibuya

Umsteigen im Berufsverkehr in Shibuya ist nichts für schwache Nerven, vor allem wenn man zwischen einer der 4 Bahnlinienbetreiber umsteigt – zum Beispiel von der 田園都市線 Denentoshi-Linie oder der 京王線 Keiō-Linie zur JR (Yamanote und etliche andere Linien). Shibuyas Bahnhof und durchaus auch diverse Gebiete in der näheren Umgebung sind zum Teil eng und schmutzig. Es gibt nicht wenige Obdachlose und allerlei zwielichtiges Gesindel. Oder wie der Berliner sagen würde: Der Ort hat Charakter.

Wird bald verschwinden: Das alte Tokyu Plaza

Wird bald verschwinden: Das alte Tokyu Plaza

Doch seit etlichen Monaten, bzw. eigentlich schon Jahren, wird auf Teufel komm raus gewerkelt und gebastelt. Stück für Stück, aber es ist sehr faszinierend, wie man in Shibuya auf engstem Raum riesige Baustellen managt. Vor 4 Jahren wurde zum Beispiel das Hikarie eröffnet – ein 182 Meter hoher Koloss mit unzähligen Büros, Restaurants und Läden. Nun schliesst das altehrwürdige Kaufhaus Tokyu Plaza nach immerhin 49 Jahren – nicht für immer, denn das Kaufhaus soll neu gebaut werden und in 3 Jahren wiedereröffnen.

Umstrittener ist der Plan, den winzigen Streifen Grün namens 宮下公園 Miyashita-Park, der gleich am Bahnhof beginnt, umzubauen – siehe unter anderem hier: Battle over Shibuya park heats up as Tokyo Olympics loom. Damit ist auch die Verbindung mit der kommenden Olympiade hergestellt, denn natürlich möchte man zu diesem Anlass Shibuya auf Vordermann bringen.

Shibuya-Fluss

Shibuya-Fluss

Schade an der Sache ist, dass es dem gemeinhin recht unbekannten 渋谷川 Shibuya-Fluss nicht besser ergehen wird als vorher: Der Fluss verläuft in Shibuya gänzlich unterirdisch, und das soll wohl auch so bleiben. Sicher, der Fluss ist klein und an normalen Tagen in seinem oberirdischen Teil Richtung Ebisu nur wenige Zentimeter tief, aber bei Starkniederschlagsereignissen (Stichwort Taifun) wächst die Wassertiefe schnell auf ein paar Meter an. Deswegen finden auch in Shibuya die beeindruckendsten Bauarbeiten dort statt, wo man es nicht sieht: Unter der Erde. Zum Umbau gehört nämlich auch ein neues Auffangbecken direkt unter dem Bahnhof.

Wer mehr über den Umbau Shibuyas wissen möchte – es gibt eigens dafür eine Webseite. Natürlich nur auf Japanisch. Bis Olympia sind es ja schliesslich noch ein paar Jahre.

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Gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Japan bald gleichgestellt?

Februar 13th, 2015 | Tagged , , , | 2 Kommentare | 1724 mal gelesen

Heute, am 12. Februar 2015, gab es bei einer Pressekonferenz der Bezirksverwaltung von Shibuya-ku (Tokyo) eine kleine Sensation¹: Dort gab man nämlich bekannt, dass man einen Antrag auf Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften im Stadtbezirk Shibuya eingereicht hat – über den soll dann im März 2015 entschieden werden. Das bedeutet zwar nicht, dass gleichgeschlechtliche Paare in Japan heiraten dürfen, aber das Rathaus von Shibuya würde, so der Antrag Erfolg hat, eben jenen Paaren eine Bescheinigung ausstellen, die ihnen erlauben würde, im Bezirksgebiet wie Ehepartner behandelt zu werden.

Das ist insofern eine Sensation, als gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Japan einfach kein Thema sind: Dieses Angelegenheit wird lauthals totgeschwiegen, und weder Politiker noch Medien scheinen grossartig Interesse daran zu haben, sich dafür zu erwärmen. Sicher, die Fernsehprogramme sind voll mit Männern in Frauenkleidern (Ai Haruna, Matsuko Deluxe oder Mitz Mangrove, um nur einige zu nennen) oder schrägen Typen wie Hard Gay, die mit dem Darstellen von Stereotypen ihr Geld verdienen, aber Homosexualität, obwohl nicht illegal, steht einfach nicht zur Debatte.

Da gleichgeschlechtliche Partner in Japan nicht heiraten dürfen, entgehen ihnen zahlreiche für verheiratete Menschen übliche Privilegien. Das geht bei Bürg- und Erbschaften los und hört bei Patientenverfügungen und steuerlichen Vergünstigungen bestimmt nicht auf. Wie man in Shibuya-ku nun auf den Gedanken gekommen ist, als erste Kommune Japans gleichgeschlechtlichen Paaren entgegenzukommen, ist unklar. Sollte der Entwurf jedoch angenommen werden – und sollte Shibuya auf Dauer die einzige Kommune Japans bleiben – kann sich das ohnehin schon trendige Stadtviertel wahrscheinlich einen neuen Fortschrittsstern ans Revers heften.

¹ Siehe NHK News (Japanisch) und Japan Times (Englisch).

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