You are currently browsing posts tagged with Tokyo

Schlechtes Omen? Japan von Taifunen regelrecht überrannt

August 25th, 2016 | Tagged , | 3 Kommentare | 422 mal gelesen

Taifune im Dreierpack (22. August 2016)

Taifune im Dreierpack (22. August 2016)

Normalerweise erlebt man im Raum Tokyo ein bis zwei Mal, manchmal auch überhaupt nicht, einen Taifun. Freunde dieser beeindruckenden Naturphänomene kommen allerdings dieses Jahr vermehrt auf ihre Kosten, und die Fakten sind besorgniserregend. So beginnt die Hauptsaison für Taifune eigentlich im September, doch dieses Jahr geht es schon seit Anfang August hoch her. Normalerweise liegt die Kinderstube der Taifune sehr weit südlich, in der Nähe der Marianen, doch dieses Jahr hat sich das Entstehungsgebiet sehr stark nach Norden verschoben und lag bei einigen Taifunen (10 sind es insgesamt bisher) sogar in japanischem Hoheitsgebiet, ein paar hundert Kilometer südlich von Honshu und Shikoku. Und normalerweise hat man es mit nur einem Taifun auf ein Mal zu tun – in sehr wenigen Jahren manchmal auch mit zweien kurz hintereinander. Doch in der vergangenen Woche bewegten sich gleich drei Taifune auf ein Mal durch Japan. Einer davon ist am Montag direkt bei Tokyo an Land gegangen, aber er verlief recht glimpflich – rund 100 mm Regen (ein Fünftel der Jahresmenge in Berlin) fielen innerhalb von drei Stunden, aber der Sturm hielt sich in Grenzen. Der dritte Taifun im Bunde, Taifun Numero 10 mit dem Namen Lionrock, wird jedoch womöglich noch für viel Aufsehen sorgen: Dieser entstand ebenfalls nur wenige hundert Kilometer südlich von Shikoku und bewegte sich eine Woche lang fast nicht von der Stelle – das bekamen auch die Bewohner einiger Inseln in der Präfektur Okinawa zu spüren. Doch jetzt nimmt er plötzlich Fahrt auf und entwickelt sich zu einem Supertaifun mit Windspitzen von bis zu 270 Stundenkilometern. Noch ist die genaue Bahn schwer vorherzusagen, aber sollte dieser Taifun in rund drei Tagen nach Norden drehen, und das ist durchaus wahrscheinlich, wird Tokyo von einem Monstersturm heimgesucht werden (sollte dies der Fall sein, wird dies um den 30. August herum geschehen). Meteorologen bezeichnen ihn schon jetzt als den schwersten Taifun in der Geschichte, der Tokyo direkt bedroht.

Ja, die Taifune haben zugenommen. Aber in diesem Jahr häufen sich sehr bedenkliche, so noch nicht dagewesene Wetterphänomene, die nur eines bedeuten können: Das Meer südlich von Japan muss wesentlich wärmer sein als sonst.

Taifun Lionrock und die berechnete (befürchtete) Route

Ob die Taifune nun direkt einschlagen oder nicht – seit zwei Wochen sorgen sie nun schon im Raum Tokyo für extrem schwüle Luft und urplötzliche, heftige Wolkenbrüche. Wie es aussieht, wird sich das so schnell nicht ändern. Wer also momentan in Japan weilt und womöglich in den Bergen nach etwas kühlerer Luft sucht, sollte sich auf jeden Fall täglich kundig machen, denn in den Bergen werden Taifune und deren Ausläufer zu einer echten Gefahr.

Teilen:  

Olympische Spiele: Freudige Erregung und ein Mario-Abe

August 23rd, 2016 | Tagged , | Kein Kommentar bisher | 334 mal gelesen

Unkenrufen zum Trotz fanden die Olympischen Spiele nun doch statt, und vor allem in Japan schaute man dieses Mal besonders aufmerksam hin – schliesslich ist Japan als nächstes dran (und es gibt noch viel zu tun – man weiss zum Beispiel noch nicht einmal, wie viel der Spass eigentlich kosten wird). Und Japan hat in den vergangenen Jahren scheinbar einiges richtig gemacht bei der Sportförderung, denn mit 41 Medaillen gab es so viel Edelmetall wie nie zuvor. Darunter gab es auch echte Überraschungen, denn niemand hätte zum Beispiel den japanischen Sprinter bei der 4×100-Meter-Staffel der Herren zugetraut, aufs Podest zu gelangen – doch ein nahezu perfektes Zusammenspiel der als Einzelläufer weniger erfolgreichen vier sorgte für eine sensationelle Silbermedaille. Einer der vier ist zudem ein „half“, also ein Halbjapaner, mit dem ganz klar unjapanischen Namen Cambridge – und der sorgte wahrscheinlich gleichzeitig mit dafür, dass sich noch mehr Japaner mit dem Gedanken anfreundeten, dass „half“ nicht unbedingt halbe Menschen sind sondern mitunter Japaner wie Du und … nein, nicht ich.

Abe-Mario bei der Abschlusszeremonie

Abe-Mario bei der Abschlusszeremonie

Ministerpräsident Abes Auftritt als Super Mario während der Schlusszeremonie sorgte nun für zahlreiche Reaktionen in den japanischen sozialen Netzwerken. Wie zu erwarten ist alles dabei: Von der Häme bis zur Bewunderung. Der Auftritt deutete auch an, mit welchem Pfund Japan bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokyo wuchern wird. Selbst hochbetagte Funktionäre sind sich einig, dass aus dem Geek-Image Japans viel Kapital zu schlagen ist, und warum auch nicht: Eine Nation, die für ihre Videospiele und ausgefallenen Ideen bekannt ist? Es gäbe schlimmeres. In dem Sinne darf man schon mal auf die Eröffnungszeremonie in Tokyo gespannt sein. Das sind zwar noch vier Jahre hin, aber wie sich bei allen Olympischen Spielen herausstellt, ist das eine sehr kurze Zeit, um alles fertigzustellen. Fast so wie Weihnachten, dass ja auch jedes Jahr ganz plötzlich und unverhofft vor der Tür steht.

Unter dem Hashtag #安倍マリオ tauchte übrigens das untere Bild heute auf – mit dem Titel „首相、よく間違えなかったな。“ – „Ministerpräsident, Glück gehabt dass Du Dich nicht verlaufen hast!“ (zur Auswahl stehen die Ministerpräsidentenresidenz, Rio und der Yasukuni-Schrein):

Abe-Mario: Zum Glück nicht verlaufen!

Abe-Mario: Zum Glück nicht verlaufen!

Teilen:  

Einmal als Mario im Go-kart durch Tokyo fahren

August 16th, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 386 mal gelesen

​Heute nachmittag habe ich an einer grossen Kreuzung in Shibuya einen triftigen Grund gesehen, endlich mal die Fahrerlaubnis zu machen: An der Ampel warteten vier Go-karts, mit als Mario und Konsorten kostümierten Fahrern, die offensichtlich sehr viel Spass an der Sache hatten. Deutsch, wie ich bin, war ich natürlich erstmal perplex, dass man mit den Dingern ganz normal im Strassenverkehr mitmischen darf, denn die Vehikel liegen so tief, dass schnell mal ein Bus- oder LKW-Fahrer die Dinger übersieht, und das Ergebnis dürfte klar sein. Erstmal dachte ich auch an den Batman-Fahrer in Chiba, aber ein genauer Blick auf die Karren machte deutlich, dass sich jedermann die Dinger ausleihen kann. Vorausgesetzt natürlich, man hat einen japanischen oder einen in Japan anerkannten Führerschein.

Im Go-kart durch Tokyo

Im Go-kart durch Tokyo

Ich bin zwar kein Mariospieler, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass es ein Riesengaudi sein muss, mit den Dingern durch Tokyo zu flitzen. Das geht entweder im Pulk und mit Führung oder auch allein. Die auf der Webseite inserierten Preise klingen jedenfalls vernünftig: 8,000 yen für 2 Stunden, inkl. Benzin, klingen zivil. Wer sich einen Mariobart dazu ausleihen möchte, muss noch 250 yen pro Stunde draufzahlen, aber der Spass ist es sicherlich wert. Man konnte auch sehen, dass die meisten Menschen, die die Gefährte bemerkten, schnell ein Lächln auf den Lippen hatten. Und für 8,000 yen Tausenden Menschen ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern klingt nach einer guten Idee. Das funktioniert übrigens auch mit dem Fahrradhelm vom Sohnemann:

Fahhradhelm mit Iro

Fahhradhelm mit Iro

Teilen:  

Und die vollsten Bahnlinien von Tokyo sind…

Juli 8th, 2016 | Tagged , | 6 Kommentare | 1267 mal gelesen

158 verschiedene Bahnlinien, betrieben von insgesamt 48 verschiedenen Bahngesellschaften. 2,210 Bahnhöfe. Und 40 Millionen mal pro Tag macht es „Beep!“, wenn die Bahnfahrenden ihre Geldkatzen oder Handys über den IC-Kartenleser der Ticketschranken ziehen. Das ist der Nahverkehr im Raum Tokyo.

Da bekommt man schnell schlechte Laune: Rush Hour in Tokyo

Matthias Reichさん(@tabibito_tokyo)が投稿した写真 –

Und alljährlich erscheint eine Liste in Tokyo, der man entnehmen kann, welche Bahnlinien – im Durchschnitt, an einem Wochentag – am vollsten sind. Der Auslastungsgrad lässt sich dabei recht leicht in Prozent angeben – und dafür gibt es vom Verkehrsministerium erlassene, mehr oder weniger feste Definitionen:

Auslastung in % Definition (nach Verkehrsministerium)
100% Man kann entweder sitzen, sich an einer der Halteschlaufen festhalten oder neben der Tür stehen
150% Man kann bequem eine Zeitung aufschlagen und lesen
180% Wenn man sich viel Mühe gibt und faltet, kann man eine Zeitung lesen
200% Man steht dicht an dicht gedrängt, berührt auf allen Seiten Mitreisende und kann nur mit Mühe eine Zeitschrift lesen
250% Wenn sich der Zug neigt, neigt man sich mit. Man kann den Körper nicht mehr bewegen – einschliesslich der Hände.

Ein Blick auf die Top Ten in diesem Jahr ist für Tokyo-Kenner keine wirkliche Überraschung. Die Linien, die ich quasi täglich benutze, liegen auf Platz 6 und 7. Und die Nummer 1 ist keine Unbekannte – die 東西線 Tozai-Linie verbindet schliesslich Urayasu, meinem Wohnort von 2005 bis 2014, mit Tokyo. Es passierte auch in dieser Linie, dass im vergangenen Jahr eine Scheibe wegen Überfüllung zu Bruch ging. Die angegebenen Werte in der Liste unten sind wohlgemerkt Durchschnittswerte, denn die Türen und Waggons, von denen man sofort zu Treppenaufgängen am Bahnsteig gelangt, sind natürlich viel beliebter als die anderen Waggons (zur Erinnerung: Japanische Züge halten zentimetergenau an fest bestimmten Punkten). So sind dann bei einem Schnitt von 200% Teile des Zuges zu 150%, andere hingegen zu 250% überfüllt.

Rang Auslastung in % Spitzenzeit Linie Strecke
9. 178 7:34 – 8:34 JR総武線(快速) JR Sōbu (Rapid) 新小岩 Shinkoiwa → 錦糸町 Kinshichō
9. 178 7:45 – 8:45 千代田線 Chiyoda-Linie (Metro) 町屋 Machiya → 西日暮里 Nishi-Nippori
8. 182 7:39 – 8:39 JR東海道線 JR Tōkaidō 川崎 Kawasaki → 品川 Shinagawa
7. 185 7:50 – 8:50 田園都市線 Den’en Toshi-Linie 池尻大橋 Ikejiri-Ōhashi → 渋谷 Shibuya
6. 189 7:46 – 8:48 小田急小田原線 Odakyū Odawara-Linie 世田谷代田駅 Setagaya Daita → 下北沢 Shimokitazawa
5. 191 7:54 – 8:54 JR中央線(快速) JR Chūō-Linie (Rapid) 中野 Nakano → 新宿 Shinjuku
4. 192 7:34 – 8:34 JR横須賀線 JR Yokosuka-Linie 武蔵小杉 Musashi-Kosugi → 西大井 Nishi-Ōi
3. 197 7:50 – 8:50 JR京浜東北線 JR Keihin-Tōhoku-Linie 上野 Ueno → 御徒町 Okachimachi
2. 199 7:34 – 8:34 JR総武線(緩行) JR Sōbu (Kankō) 錦糸町 Kinshichō → 両国 Ryōgoku
1. 200 7:50 – 8:50 東西線 Tōzai-Linie (Metro) 木場 Kiba – 門前仲町 Monzen-Nakachō

In der Liste gibt es von Jahr zu Jahr keine großartigen Überraschungen, aber auf längere Zeit gesehen schon. Ich kann mich gut daran erinnern, dass Ende der 90er Jahre die 西武池袋線 Seibu-Ikebukuro-Linie jahrelang den Spitzenplatz einnahm, aber dann wurden die 大江戸線 Ōedo-Linie und die 副都心線 Fuku-Toshin-Linie gebaut sowie der Abstand zwischen den Zügen verändert, was für Entlastung sorgte. Dafür rücken nun Linien aus Richtung Kawasaki in die Top Ten vor – Kawasaki hatte Ende der 1990er nämlich rund 1,2 Millionen Einwohner und in diesem Jahr bereits 1,5 Millionen – diese zusätzlichen Einwohner müssen natürlich auch irgendwie zur Arbeit nach Tokyo gelangen, doch eisenbahntechnisch hat sich in der Gegend in den vergangenen 20 Jahren nicht allzu viel getan.

 Wenn man an der richtigen Tür im richtigen Waggon steht und aussteigt, sehen die Schranken so aus


Wenn man an der richtigen Tür im richtigen Waggon steht und aussteigt, sehen die Schranken so aus

30 Sekunden später sieht man die Schranken schon nicht mehr -- dann dauert alles etwas länger

30 Sekunden später sieht man die Schranken schon nicht mehr — dann dauert alles etwas länger

Teilen:  

Und der Preis für den hartnäckigsten Politiker geht an…

Juni 16th, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 626 mal gelesen

Masuzoe. Quelle: Chatham House/Wikipedia

Masuzoe. Quelle: Chatham House/Wikipedia

…Yōichi Masuzoe (舛添要一) – Ex-Arbeitsminister und seit gestern, dem 15. Juni 2016, auch Ex-Governeur von Tokyo. Der 67-jährige Jurist gab nach zehrenden Wochen nun – endlich, muss man sagen – auf. Es ging, gelinde gesagt, um Geiz und Völlerei. Masuzoe, seit Februar 2014 an der Macht in Tokyo, bestach seit geraumer Zeit durch üppige Spesenabrechnungen für teure Hotels, Kunstwerke, außerdienstliche Fahrten mit Chauffeur und vielem mehr. Das kam vor ein paar Wochen ans Licht und war für die Presse ein gefundenes Fressen. Zumal das ganze ja auch durchaus Tradition hat. Der vorherige Governeur, 猪瀬直樹 Naoki Inose, hielt sich genau ein Jahr im Amt, bevor auch er wegen Korruptions- und Veruntreuungsvorwürfen den Sessel räumen musste.

Masuzoes Verhalten hat mich persönlich etwas schockiert, denn bisher hielt ich ihn für einen raren Vertreter eines integren und seriösen Politikers. Den Eindruck versuchte er auch mit all seinen Kräften in den Pressekonferenzen aufrecht zu erhalten, doch das lief in den letzten Wochen ins Lächerliche: Masuzoe ersteigerte zum Beispiel diverse Kunstwerke und andere Sachen bei Internetauktionen und kaufte auch sonst gut ein – mit Steuergeldern. Dazu gehörten auch zwei Kleidungsstücke aus Seide, die er für umgerechnet 3’000 Euro in China erwarb. Die Erklärung dafür in der Pressekonferenz war etwas ganz Besonderes: Er betreibe fast täglich Kalligraphie, und er mache auch viel Judo. Wegen des Judo habe er ganz viele Muskeln, und gewöhnliche Kleidung bleibe beim Schönschreiben an den vielen Muskeln hängen. Nur chinesische Seide gleite so schön, dass sie beim Schreiben nicht stört. Ein Journalist wollte es daraufhin wissen und sagte: Warum schreiben Sie dann nicht mit ärmelloser Kleidung? Dazu kam prompt die Gegenfrage: „Und was, wenn es etwas kälter wird?“

Die Pressekonferenzen wurden allmählich beinahe legendär, und ob der Abgebrühtheit des Governeurs fielen auch bald fragen wie: „Herr Masuzoe, was muss eigentlich noch passieren, damit sie zurücktreten?“ oder „Woher nehmen sie eigentlich die Nerven?“. Quittiert wurde das jeweils mit einem vielsagenden Lächeln.

Letztendlich beauftragte Masuzoe zwei neutrale Anwälte (seiner Wahl!), die durchleuchten sollten, ob er illegal politische Spenden- (sprich Steuergelder) für persönliche Zwecke missbraucht habe. Das Ergebnis: Hat er nicht, aber der Gebrauch von rund 4,4 Millionen Yen (rund 32’000 Euro) sei zumindest moralisch etwas anrüchig gewesen. Vielen Politikern in der Stadtversammlung reichte das nicht, und so drohten sie mit einem Mißtrauensvotum, das er aller Wahrscheinlichkeit nach verloren hätte. Doch dem kam er jetzt zuvor.

Hungern wird der Ex-Governeur vorerst voraussichtlich nicht, denn zum Baschied bekommt er 22 Millionen aus der Stadtkasse. Ob die wegen unehrenhafter Entlassung gekürzt werden oder nicht kann dabei nur einer entscheiden: Masuzoe selbst, da er vorläufig die Amtsgeschäfte beibehält. Und Masuzoe sieht nach wie vor nicht ein, dass er etwas grundlegend falsches gemacht hat.

Der Rücktritt kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Der Posten wird jeweils für 4 Jahre vergeben. Das bedeutet – vorausgesetzt das sich der nächste Kandidat 4 Jahre lang halten kann – das genau während der Olympischen Spiele in Tokyo 2020 ein neuer Governeur gewählt werden muss.

In Verbindung mit dem Skandal fiel übrigens ein Wort besonders häufig: せこい (sekoi). Das hat furchtbar viele Bedeutungen – unter anderem „knauserig“ (im Englischen würde ich sekoi am ehesten mit „tacky“ übersetzen).

Teilen:  

Revolutionäre Entwicklungen im Spielplatzmilieu

Mai 10th, 2016 | Tagged , , | 2 Kommentare | 562 mal gelesen

Mitten in der Goldenen Woche lag der „Tag des Kindes“ – immerhin ein offizieller Feiertag. Und Schwiegermutter wartete mit dem guten Rat auf: „Heute ist Kindertag! Also unternehmt etwas mit den Kindern! Macht was, was ihnen Spass macht!“ Die Bemerkung, dass wir genau das seit über neun Jahren an jedem einzelnen freien Tag machen, habe ich mir erspart.

Da man den lieben Kleinen hin und wieder etwas Neues bieten möchte, ging es am besagten Tag der kleinen Monster in einen neuen Park, nur 8 km von uns entfernt. Und damit die Kinder auch ja Freude daran haben, durfte die 9-jährige das natürlich mit dem Fahrrad zurücklegen, denn nichts ist schöner als vor Freude und Bewegung erschöpfte Kinder, die es gegen 9 Uhr abends gerade noch so ins Bett schaffen.

Kawasaki - Kodomo yume park (子ども夢パーク)

Kawasaki – Kodomo yume park (子ども夢パーク) – das ist allerdings nur ein kleiner Teil davon

Besagter Park wurde uns von Bekannten empfohlen. Der sei ganz toll, irgendwie anders und sogar noch kostenlos. Schon im Januar hatten wir deshalb unser Glück versucht, nur um dann vor verschlossenen Türen zu stehen. Aus Schaden wird man jedoch klug, also wurde flugs recherchiert – und siehe da, er war geöffnet. Ganz sicher. Fahrrad abgestellt und flugs hereingetreten. Und sofort schoss mir eine einzige Assoziation in den Kopf: Mad Max-Kulisse! Vom feinsten! Eine riesige Schlammkuhle, in der sich scheinbar auf sich allein gestellte, nicht selten nackte Kinder lustvoll suhlten, eine Betonstruktur, bemalt von oben bis unten und architektonisch… nun ja, gewagt hergerichtet, und dazu noch offene Feuer, die hier und dort loderten. Kurzum: Hätte ganz plötzlich Tina Turner mit Löwenmähne vor mir gestanden, hätte ich das als vollends normal empfunden. Selbst unsere Kleinen, defintiv keine Kinder von Traurigkeit, blieben wie angewurzelt stehen und wussten nicht so recht, was sie von diesem Spielplatz der ausgefallenen Sorte halten sollten.

Es dauerte rund eine Viertelstunde, bis sich der Nachwuchs für das Basteln von … Dingen … entschied. Das ging mit Malen los und nahm mit Holzarbeiten seinen Lauf. Nägel, altes Holz, Sägen und dergleichen lagen ja genug rum. Und man sollte sich mindestens ein Mal im Leben mit dem Hammer auf den Finger schlagen, um die Schwere des Hammers schätzen zu lernen – oder? Die Erziehungsberechtigten waren derweilen auch nicht faul und begannen, eine Partie Federball zu spielen. In Sichtweite, versteht sich. 5 Minuten später sahen wir, wie unser 5-jähriger hochinteressiert von einem der unscheinbaren Aufpasser lernte, wie man ein offenes Feuer entfacht. Wie putzig. Weitere 10 Minuten später bemerkten wir plötzlich, wie eben jener 5-jährige mit voller Kraft versuchte, Holzscheite mit einer Axt zu spalten. 5-jähriger? Axt??? Ohne Aufsicht, mit einem schwer zu deutenden Lächeln auf seinem Gesicht. Der Stift versuchte die heranrennenden Versorgungsberechtigten zu beruhigen und versicherte, dass eine freundliche Dame ihm vorher ganz genau erklärte, wie das zu machen sei – er weiss jetzt bescheid und wir bräuchten uns keine Sorgen zu machen. Ich fragte noch vorsichtshalber nach, ob das „beinahe-mit-der-erhobenen-Axt-über-dem-Kopf-nach-hinten-kippen“ und das „mit-geschlossenen-Beinen-und-voller-Wucht-das-Holz-verfehlen-und-mit-der-Axt-kurz-vor-dem-Knie-innehalten“ auch zum Trainingsprogramm gehörte, bekam aber keine zufriedenstellende Antwort.

Im Hanegi-Park (羽根木公園) in Setagaya-ku, Istanbul

Im Hanegi-Park (羽根木公園) in Setagaya-ku, Istanbul

Immerhin verliessen wir den Abenteuerspielplatz ohne Verlust irgendwelcher Extremitäten. Doch zwei Tage später trafen wir Freunde nebst einer Horde Kinder in einem anderen Park mitten im schmucken Setagaya-Distrikt von Tokyo. Und siehe da: Etwas weniger Mad-Max, mehr Wagenburg, aber vom Prinzip her das gleiche: Offene feuer hier und da, die Kinder können über Dächer klettern, Sachen aus Holz basteln und so weiter und so fort. Ein ähnlicher Park wurde wohl zudem in unserer alten Heimat, in Urayasu, gerade eingeweiht. Zwar sind die beiden oben genannten Parks nicht gerade neu, aber das Konzept als solches scheint um sich zu greifen in einem Land, in dem die meisten Spielplätze nahezu steril sauber und sicher sind. Das sind ungewohnte Freiheiten für die Kinder und Eltern – und Eltern müssen da natürlich doppelt aufpassen. Aber so viel steht fest: Den Kindern macht so etwas natürlich mehr Spass als blitzsaubere Parks und Spielplätze mit ellenlangen Listen, was da alles verboten ist (Eis essen! Ball spielen!!). Insofern eine angenehme Entwicklung.

Teilen:  

Was macht eigentlich… der Klimawandel in Japan?

Dezember 11th, 2015 | Tagged , | 1 Kommentar | 1961 mal gelesen

Pünktlich zum Klimagipfel in Paris kann sich auch Japan an aussergewöhnlichen Wetterphänomenen erfreuen: Momentan zieht gerade ein Sturm über das Land, den man so zu dieser Jahreszeit noch nie gesehen hat. Im Gepäck: taifunverdächtige Windgeschwindigkeiten und je nach Region bis zu 250 mm Niederschlag (die Hälfte des Berliner Jahresniederschlags) innerhalb von 24 Stunden. Das ist normalerweise in Japan nur ein herzhaftes Gähnen wert, doch nicht im Dezember: So etwas gab es noch nie.

Sicher, in diesem Jahr war es in Japan vergleichsweise kühl. Der Februar war kalt, und der Sommer für japanische Verhältnisse regelrecht kühl – vor allem der September, der gut 2 Grad kälter war als normalerweise. Normalerweise im Sinne von „normal in den vergangenen zwei Jahrzehnten“, denn schaut man sich die Temperaturentwicklung in Tokyo während der vergangenen 135 Jahre an, so ist die Richtung klar: Es geht nach oben. Sicher – die Zahlen sehen dramatischer aus als sie wirklich sind, denn Tokyo war vor 130 Jahren oder vor 50 Jahren bei weitem nicht so zubetoniert und verklimaanlagt wie heute, doch selbst wenn man das Hitzeinselphänomen herausrechnet, bleibt ein spürbarer Temperaturanstieg:

Jahr Jan Feb Mar Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez Jahresmittel
1880 2.6 5.8 8.4 12.3 17.7 19.8 24.2 25.5 22.5 16.6 10.2 3.9 14.1
1890 3.4 6.1 9.2 14.2 16.1 22.0 23.5 25.4 24.2 16.0 10.8 9.3 15.0
1900 1.6 3.1 5.7 11.4 17.3 19.3 22.8 26.1 22.6 16.5 11.0 5.5 13.6
1910 4.2 2.9 6.1 12.3 16.8 20.7 23.0 24.1 20.9 16.1 10.4 4.3 13.5
1920 4.1 2.6 6.6 12.6 16.8 20.3 26.1 25.7 21.4 16.4 12.0 5.2 14.2
1930 3.8 5.4 8.8 14.0 17.7 21.4 26.3 26.8 21.5 16.7 10.3 5.2 14.8
1940 2.7 3.7 8.2 13.1 17.7 22.1 26.9 24.9 21.7 17.8 12.3 6.2 14.8
1950 5.0 4.7 7.7 13.9 19.2 21.8 26.5 26.2 23.8 15.8 11.1 5.4 15.1
1960 5.0 6.6 9.5 12.8 17.8 21.5 25.8 26.4 23.6 16.8 12.3 6.7 15.4
1970 4.5 6.0 5.5 13.0 19.6 20.7 25.4 27.4 24.0 17.2 12.3 6.8 15.2
1980 5.6 5.2 8.2 13.6 19.2 23.6 23.8 23.4 23.0 18.2 13.0 7.7 15.4
1990 5.0 7.8 10.6 14.7 19.2 23.5 25.7 28.6 24.8 19.2 15.1 10.0 17.0
2000 7.6 6.0 9.4 14.5 19.8 22.5 27.7 28.3 25.6 18.8 13.3 8.8 16.9
2010 7.0 6.5 9.1 12.4 19.0 23.6 28.0 29.6 25.1 18.9 13.5 9.9 16.9
2011 5.1 7.0 8.1 14.5 18.5 22.8 27.3 27.5 25.1 19.5 14.9 7.5 16.5
2012 4.8 5.4 8.8 14.5 19.6 21.4 26.4 29.1 26.2 19.4 12.7 7.3 16.3
2013 5.5 6.2 12.1 15.2 19.8 22.9 27.3 29.2 25.2 19.8 13.5 8.3 17.1
2014 6.3 5.9 10.4 15.0 20.3 23.4 26.8 27.7 23.2 19.1 14.2 6.7 16.6
2015 5.8 5.7 10.3 14.5 21.1 22.1 26.2 26.7 22.6 18.4 13.9 9.5 17.0

Quelle: Japanisches Wetteramt, siehe hier

Die Erderwärmung wird Japan besonders schwer treffen, und das innerhalb der nächsten Jahrzehnte. Japan ist ohnehin schon ein Land der Wetterextreme, mit regelmässig auftretenden Taifunen und enormen Schneemassen. Man muss auch kein Wissenschaftler oder Prophet sein, um vorherzusagen, dass da, euphemistisch gesagt, „enorme Herausforderungen“ auf den Grossraum Tokyo hinzukommen werden, denn grössere Teile der Stadt liegen bereits jetzt auf oder unter Meeresspiegelhöhe – und Tokyo leidet in vielen Jahren gleichsam unter Wassermangel, was sich viele gar nicht vorstellen können, da es hier drei Mal so viel regnet wie in Berlin: Das stimmt zwar, aber ein Zeitraum von 2, 3 Monaten, in denen es gar nicht regnet, sind keine Seltenheit. So gesehen kann man nur hoffen, dass sich in Paris etwas bewegt.

Teilen:  

Erste Ramen-Bude mit Michelin- Star: Und nun?

Dezember 8th, 2015 | Tagged , | 6 Kommentare | 692 mal gelesen

​Nun ist es also geschehen: Der berühmte Michelin-Guide hat erstmals einen ganz ordinären Ramen-Laden in seinem neuesten Gourmetführer mit einem Stern beglückt¹. Für die meisten Japan-Reisenden wahrscheinlich keine so grosse Überraschung, denn diese ursprünglich chinesische Nudelsuppe kommt in Japan in so vielen Varianten und teilweise sehr komplexen Geschmacksvarianten daher, dass dort doch auf jeden Fall auch etwas Michelinstar-würdiges dabei sein muss.

Durch wie viele Ramen-Läden sich die Jury durchgefressen hat ist unbekannt. Und ganz sicher auch nicht immer ein Vergnügen, denn wie es nun mal mit einem ausgesprochenen Volksessen ist, gibt es sehr viel Spreu unter dem Weizen. Auserkoren hat man unter den zehntausenden, meist wirklich nur Ramen servierenden Geschäften 蔦 Tsuta, ein Minirestaurant (typisch) mit gerade mal 9 Plätzen. Die Menge der Mahlzeiten ist auf 150 pro Tag begrenzt, und das wird sich wohl auch so schnell nicht ändern, denn einige der Zutaten (Sojasauce zum Beispiel) lagert angeblich zwei Jahre bis zur Reife.

Meiner Meinung nach stark sterneverdächtig: Echte Kumamoto-Tonkotsu-Ramen

Meiner Meinung nach stark sterneverdächtig: Echte Kumamoto-Tonkotsu-Ramen

Das schöne an der Nachricht ist, das man eigentlich ein ganz normales Lokal gewählt hat – mit ganz normalen Preisen, sprich weniger als 8 Euro bzw. unter 1’000 yen für die Terrine. Das seltsame an der Wahl ist jedoch, dass man einen Laden gewählt hat, der zum Beispiel die Chashu genannte Fleischeinlage mit Rotwein behandelt und nach Wunsch die Nudelsuppe mit Trüffelöl verfeinert. Was soll das nun eigentlich bedeuten? Heisst das, ich sollte in Kawasaki wirklich langsam eine Bulettenbude – Japaner stehen doch so auf Fleischklopse – aufmachen und dann einfach ein bisschen Trüffelöl rüberkleckern, um so die Michelin-Gourmets anzuziehen? Vielleicht. Kann ich ja machen, wenn ich erwachsen geworden bin.

Auch nicht zu verachten: Ramen mit geräucherter Rinderzunge

Auch nicht zu verachten: Ramen mit geräucherter Rinderzunge

Wie es nun mal so ist, wenn man berühmt wird, hatte der Ramenbudenbesitzer natürlich sofort sehr viel unbekannte Kundschaft. So viel, dass er sich einen Essensmarkenautomaten zulegte (sehr typisch!), nunmehr morgens um 6 für 10 Minuten sein Restaurant aufmacht – denn länger braucht er nicht, um 150 Mahlzeiten an die bereits Wartenden Hobbygourmets zu verkaufen – und danach ein Schild raushängt, dass für heute alles ausverkauft sei. Wahrscheinlich wird er irgendwann das Recht, seinen Namen benutzen zu dürfen, an Nissin oder irgendeinen anderen Trockennudelfabrikanten verkaufen und damit gut Geld verdienen, oder gleich eine ganze Kette aufmachen. Gegönnt sei es ihm.

Ob mich der ganze Rummel interessiert? Eher kaum. Ob ich dort auch mal Ramen essen wollen würde? Sicher, sicher!!!

¹Siehe unter anderem hier (Englisch).

Teilen:  

Alles Tokyo oder was?

Dezember 4th, 2015 | Tagged | 7 Kommentare | 1033 mal gelesen

In der Japan Times erschien jüngst ein interessanter Artikel mit dem Titel Is Tokyo killing the rest of Japan?¹. Die Frage ist berechtigt und seit Jahrzehnten ein Dauerbrenner. Der Magnet Tokyo ist so stark, dass man gern meinen möchte, er lässt den Rest des Landes langsam aber sicher ausbluten. Mit Tokyo ist natürlich nicht nur Tokyo gemeint, sondern die engere Hauptstadtregion, sprich der Westen Chibas, der Osten Saitamas, und die nördliche Hälfte der Präfektur Kanagawa – inklusive der Millionenstädte Kawasaki und Yokohama.

Zwar wird Tokyo nicht überall als Primatstadt, also eine Stadt, die eindeutig im Land nicht nur in Sachen Bevölkerung, sondern auch kulturell, politisch, wirtschaftlich usw. dominiert, angesehen, doch das ist eher eine Definitionssache: Betrachtet man nur Tokyo Stadt, dann hat man „nur“ knapp 9 Millionen Menschen – doch ein Großteil der in Tokyo arbeitenden Menschen lebt in den angrenzenden Präfekturen, und so kommt man schnell auf rund 30 Millionen Menschen und damit einhergehender wirtschaftlicher, politischer und kultureller Macht, denn immerhin handelt es sich um ein Viertel der Gesamtbevölkerung des Landes. Für Deutsche zum Beispiel ist diese Situation nur schwer nachvollziehbar, denn in Deutschland gibt es keine Primatstadt – die Bevölkerung verteilt sich beinahe linear auf Klein- und Großstädte und auf das Land. In Berlin leben nicht einmal 5% der Gesamtbevölkerung, und rund um Berlin lebt… fast keiner, womit Berlin bevölkerungstechnisch ganz weit hinter dem Ruhrgebiet zurückliegt.

Tokyo...

Tokyo…

Interessanterweise, und auch das wird im Artikel hervorgehoben, kommen die grössten Kritiker des allzu dominanten Tokyo aus Osaka, der alten Erzrivalin von Tokyo. Es mangelt nicht an Versuchen, etwas Macht an sich zu reissen. So flammt immer wieder die Idee auf, die Hauptstadtfunktion entweder in die Präfektur Gifu zwischen Osaka und Tokyo zu legen oder gar nach Osaka, begründet mit dem durchaus stimmigen Argument, dass so ein grosses und seit langem erwartetes Erdbeben direkt in Tokyo nicht gleich das ganze Land lähmen würde.

... oder Provinz?

… oder Provinz …

Doch die Sache hat leider einen Haken: Viele Menschen, vor allem die Talentierten, und in Heerscharen auch aus Osaka und Umgebung, gehen aus gutem Grund nach Tokyo: Die Stadt ist attraktiver, und sie bietet unbegrenzte Möglichkeiten. Und von permanent vollen Bahnen und nicht enden wollenden Menschenmassen einmal abgesehen, ist Tokyo in einigen Belangen angenehmer als Osaka: Die Luft ist besser, es gibt mehr Grün und man ist als Zugereister den Mitmenschen in der Regel völlig egal. In Osaka ist dem nicht so – die meisten Menschen sind dort zwar netter, oder sagen wir mal so: herzlicher, aber die Chance, in Osaka anzuecken ist grösser als in Tokyo. Das gilt vor allem für Zugereiste, und damit sind auch ausdrücklich zugereiste Japaner gemeint – so klagen nach Osaka versetzte Tokyoter nicht selten darüber, aufgrund ihres (fehlenden) Dialektes regelrecht diskriminiert zu werden. Anders herum gesagt ist man in Osaka regelrecht entzückt, wenn ein Ausländer fliessend im schnoddrigen Kansai-Dialekt schimpfen kann.

...oder gar Osaka?

…oder gar Osaka?

Schnürt Tokyo dem Rest des Landes die Luft ab? Gänzlich verneinen kann man das nicht. Der nationale brain drain ist spürbar, und das nicht erst seit kurzem. Ist Tokyo schuld daran? Nein. Das haben die japanischen Kommunen selbst in der Hand. Es gibt gute Gründe dafür, dass immer weniger junge Japaner in Kleinstädten leben wollen. Aber diese Gründe kann man ändern. Nun gut, ein bisschen Hilfe aus Tokyo ist dabei natürlich doch gefragt, denn von irgendwoher müssen die Mittel ja kommen.

¹ Siehe hier

Teilen:  

​ Paris ist nicht gleich New York. Oder Tokyo.

November 20th, 2015 | Tagged , | 6 Kommentare | 969 mal gelesen

Schlagzeile in der Klatschpresse: Der Tag, an dem Tokyo zum Terrorziel wird.

Schlagzeile in der Klatschpresse: Der Tag, an dem Tokyo zum Terrorziel wird.

Man kann es nicht leugnen – Japaner sowie in Japan wohnende Ausländer haben einen sehr bequemen Platz in der hinteren Reihe, um sich das ganze Getümmel im von Japan aus gesehen Mittleren und Fernen Westen anzusehen. Flüchtlinge? Geht uns absolut gar nichts an. Islamisten im Land? Eher nicht. Japan produziert lieber seine eigenen religiösen Fanatiker, die dann auch noch mangels Schusswaffen zu Alternativen greifen müssen.

Das Konzept des Islams ist weitgehend unbekannt und so auch der Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten. Das Gemeinwissen beschränkt sich darauf, dass der Islam monotheistisch ist und Alkohol und zahlreiche Nahrungsmittel verboten (die letzteren Einschränkungen sind den meisten modernen Japanern schon mal sehr suspekt).

9/11 jedoch, auch wenn sich dies ebenfalls in grosser Ferne abspielte, hinterliess einen tiefen Eindruck. Das lag zum einen daran, dass der Anschlag spektakulärer war als der von Paris. Auch in Shinjuku steht ein Twin Tower (das Rathaus von Tokyo in Shinjuku). Auch in und um Tokyo herrscht reger Luftverkehr. Mit nur ein bisschen Phantasie kann man die Gefahrenlage nachvollziehen. Das große Interesse an 9/11 fusste jedoch eher darauf, dass es in den USA stattfand. Was dort geschieht, beschäftigt Japan sehr. Wenn der Riese USA niest, bekommt Japan umgehend einen Schnupfen. Ganz anders im Nahen Osten oder in Europa: Aufgrund des wirtschaftlichen Einflusses interessiert es die Allgemeinheit hier sehr wohl, ob in China ein Sack Reis umfällt. Ob jedoch die Golanhöhen angegriffen werden oder ob Mossul fällt, ob die Redaktion eines kleinen Satireblattes mitten In Paris niedergemetzelt wird oder ob in Deutschland ein Fussballländerspiel abgesagt wird, ist in Japan ziemlich egal. Das alles ist weit weg, irrelevant und flackert höchstens mal kurz ins öffentliche Bewusstsein – so zum Beispiel wenn ein Landsmann, wie die beiden von Daesh enthaupteten Journalisten, betroffen ist.

Sicher, in den Nachrichten werden auch die Bilder der Flüchtlinge und der Attentate gezeigt. In jüngster Zeit werde ich sehr häufig auf die Flüchtlingsproblematik angesprochen – das ist nicht verwunderlich, denn Japan nimmt höchstens ein paar Dutzende im Jahr auf, so dass man hier mit Unglauben auf die aktuellen Zahlen aus Deutschland reagiert (die Kommentare meiner japanischen Mitmenschen sind diesbezüglich meistens wertungsfrei, also weder positiv noch negativ). Was jedoch zum Beispiel in Japan fehlt, ist die Welle der (Pseudo)solidarität unter ganz normalen Menschen, gut zu sehen in den sozialen Medien, wo plötzlich jeder zweite Facebook-Nutzer sein Profilbild mit der Tricolore belegt. Mit guter Absicht natürlich, aber Pseudo deshalb, weil in diesen Momenten nahezu jeder zu vergessen scheint, dass das Attentat in Paris nicht einzigartig ist, aber wer schmückt sein Profilbild schon mit der libanesischen oder nigerianischen Flagge (um die Frage selbst zu beantworten – unter meinen Facebook-Kontakten genau Einer).

Und so bleibt Paris weit entfernt. Niemand ist wirklich geschockt – jedenfalls nicht so geschockt wie der durchschnittliche Mitteleuropäer, mich eingeschlossen, denn die Anschläge waren Anschläge auf das, was wir als die schönen Dinge im Leben bezeichnen: Konzerte und abends in Strassencafes und Restaurants abhängen. Anders gesagt, ein Anschlag auf den für uns selbstverständlichen Luxus.

Kann das gleiche auch in Japan geschehen? Kategorisch kann man das nicht ausschliessen. Aber es ist doch weit weniger wahrscheinlich als in Deutschland zum Beispiel. Momentan gibt es keine konkreten Gefahren. Das wird sich auch so schnell nicht ändern, zumindest nicht durch Flüchtlinge aus dem arabischen Raum. Als Ministerpräsident Abe bei einer Pressekonferenz in New York am 29. September gefragt wurde, ob Japan bereit wäre, (mehr) Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen, wurde geantwortet, dass man das Problem des demographischen Wandels anders anzugehen gedenke: Man wolle erst dafür sorgen, dass Frauen und ältere Menschen bessere Arbeitsbedingungen vorfinden sowie die Geburtenrate erhöhen. Dass es bei der Aufnahme von Flüchtlingen nicht um Japans stark alternde Gesellschaft geht sondern um eine humanitäre Geste, spielte da nicht die geringste Rolle. Die humanitäre Rolle Japans sieht man mit der Zahlung von Entwicklungsgeldern als erledigt an.

Teilen:  

« Ältere Einträge