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Schlechtes Omen? Japan von Taifunen regelrecht überrannt

August 25th, 2016 | Tagged , | 4 Kommentare | 1248 mal gelesen

Taifune im Dreierpack (22. August 2016)

Taifune im Dreierpack (22. August 2016)

Normalerweise erlebt man im Raum Tokyo ein bis zwei Mal, manchmal auch überhaupt nicht, einen Taifun. Freunde dieser beeindruckenden Naturphänomene kommen allerdings dieses Jahr vermehrt auf ihre Kosten, und die Fakten sind besorgniserregend. So beginnt die Hauptsaison für Taifune eigentlich im September, doch dieses Jahr geht es schon seit Anfang August hoch her. Normalerweise liegt die Kinderstube der Taifune sehr weit südlich, in der Nähe der Marianen, doch dieses Jahr hat sich das Entstehungsgebiet sehr stark nach Norden verschoben und lag bei einigen Taifunen (10 sind es insgesamt bisher) sogar in japanischem Hoheitsgebiet, ein paar hundert Kilometer südlich von Honshu und Shikoku. Und normalerweise hat man es mit nur einem Taifun auf ein Mal zu tun – in sehr wenigen Jahren manchmal auch mit zweien kurz hintereinander. Doch in der vergangenen Woche bewegten sich gleich drei Taifune auf ein Mal durch Japan. Einer davon ist am Montag direkt bei Tokyo an Land gegangen, aber er verlief recht glimpflich – rund 100 mm Regen (ein Fünftel der Jahresmenge in Berlin) fielen innerhalb von drei Stunden, aber der Sturm hielt sich in Grenzen. Der dritte Taifun im Bunde, Taifun Numero 10 mit dem Namen Lionrock, wird jedoch womöglich noch für viel Aufsehen sorgen: Dieser entstand ebenfalls nur wenige hundert Kilometer südlich von Shikoku und bewegte sich eine Woche lang fast nicht von der Stelle – das bekamen auch die Bewohner einiger Inseln in der Präfektur Okinawa zu spüren. Doch jetzt nimmt er plötzlich Fahrt auf und entwickelt sich zu einem Supertaifun mit Windspitzen von bis zu 270 Stundenkilometern. Noch ist die genaue Bahn schwer vorherzusagen, aber sollte dieser Taifun in rund drei Tagen nach Norden drehen, und das ist durchaus wahrscheinlich, wird Tokyo von einem Monstersturm heimgesucht werden (sollte dies der Fall sein, wird dies um den 30. August herum geschehen). Meteorologen bezeichnen ihn schon jetzt als den schwersten Taifun in der Geschichte, der Tokyo direkt bedroht.

Ja, die Taifune haben zugenommen. Aber in diesem Jahr häufen sich sehr bedenkliche, so noch nicht dagewesene Wetterphänomene, die nur eines bedeuten können: Das Meer südlich von Japan muss wesentlich wärmer sein als sonst.

Taifun Lionrock und die berechnete (befürchtete) Route

Ob die Taifune nun direkt einschlagen oder nicht – seit zwei Wochen sorgen sie nun schon im Raum Tokyo für extrem schwüle Luft und urplötzliche, heftige Wolkenbrüche. Wie es aussieht, wird sich das so schnell nicht ändern. Wer also momentan in Japan weilt und womöglich in den Bergen nach etwas kühlerer Luft sucht, sollte sich auf jeden Fall täglich kundig machen, denn in den Bergen werden Taifune und deren Ausläufer zu einer echten Gefahr.

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Was macht eigentlich… der Klimawandel in Japan?

Dezember 11th, 2015 | Tagged , | 1 Kommentar | 2213 mal gelesen

Pünktlich zum Klimagipfel in Paris kann sich auch Japan an aussergewöhnlichen Wetterphänomenen erfreuen: Momentan zieht gerade ein Sturm über das Land, den man so zu dieser Jahreszeit noch nie gesehen hat. Im Gepäck: taifunverdächtige Windgeschwindigkeiten und je nach Region bis zu 250 mm Niederschlag (die Hälfte des Berliner Jahresniederschlags) innerhalb von 24 Stunden. Das ist normalerweise in Japan nur ein herzhaftes Gähnen wert, doch nicht im Dezember: So etwas gab es noch nie.

Sicher, in diesem Jahr war es in Japan vergleichsweise kühl. Der Februar war kalt, und der Sommer für japanische Verhältnisse regelrecht kühl – vor allem der September, der gut 2 Grad kälter war als normalerweise. Normalerweise im Sinne von „normal in den vergangenen zwei Jahrzehnten“, denn schaut man sich die Temperaturentwicklung in Tokyo während der vergangenen 135 Jahre an, so ist die Richtung klar: Es geht nach oben. Sicher – die Zahlen sehen dramatischer aus als sie wirklich sind, denn Tokyo war vor 130 Jahren oder vor 50 Jahren bei weitem nicht so zubetoniert und verklimaanlagt wie heute, doch selbst wenn man das Hitzeinselphänomen herausrechnet, bleibt ein spürbarer Temperaturanstieg:

Jahr Jan Feb Mar Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez Jahresmittel
1880 2.6 5.8 8.4 12.3 17.7 19.8 24.2 25.5 22.5 16.6 10.2 3.9 14.1
1890 3.4 6.1 9.2 14.2 16.1 22.0 23.5 25.4 24.2 16.0 10.8 9.3 15.0
1900 1.6 3.1 5.7 11.4 17.3 19.3 22.8 26.1 22.6 16.5 11.0 5.5 13.6
1910 4.2 2.9 6.1 12.3 16.8 20.7 23.0 24.1 20.9 16.1 10.4 4.3 13.5
1920 4.1 2.6 6.6 12.6 16.8 20.3 26.1 25.7 21.4 16.4 12.0 5.2 14.2
1930 3.8 5.4 8.8 14.0 17.7 21.4 26.3 26.8 21.5 16.7 10.3 5.2 14.8
1940 2.7 3.7 8.2 13.1 17.7 22.1 26.9 24.9 21.7 17.8 12.3 6.2 14.8
1950 5.0 4.7 7.7 13.9 19.2 21.8 26.5 26.2 23.8 15.8 11.1 5.4 15.1
1960 5.0 6.6 9.5 12.8 17.8 21.5 25.8 26.4 23.6 16.8 12.3 6.7 15.4
1970 4.5 6.0 5.5 13.0 19.6 20.7 25.4 27.4 24.0 17.2 12.3 6.8 15.2
1980 5.6 5.2 8.2 13.6 19.2 23.6 23.8 23.4 23.0 18.2 13.0 7.7 15.4
1990 5.0 7.8 10.6 14.7 19.2 23.5 25.7 28.6 24.8 19.2 15.1 10.0 17.0
2000 7.6 6.0 9.4 14.5 19.8 22.5 27.7 28.3 25.6 18.8 13.3 8.8 16.9
2010 7.0 6.5 9.1 12.4 19.0 23.6 28.0 29.6 25.1 18.9 13.5 9.9 16.9
2011 5.1 7.0 8.1 14.5 18.5 22.8 27.3 27.5 25.1 19.5 14.9 7.5 16.5
2012 4.8 5.4 8.8 14.5 19.6 21.4 26.4 29.1 26.2 19.4 12.7 7.3 16.3
2013 5.5 6.2 12.1 15.2 19.8 22.9 27.3 29.2 25.2 19.8 13.5 8.3 17.1
2014 6.3 5.9 10.4 15.0 20.3 23.4 26.8 27.7 23.2 19.1 14.2 6.7 16.6
2015 5.8 5.7 10.3 14.5 21.1 22.1 26.2 26.7 22.6 18.4 13.9 9.5 17.0

Quelle: Japanisches Wetteramt, siehe hier

Die Erderwärmung wird Japan besonders schwer treffen, und das innerhalb der nächsten Jahrzehnte. Japan ist ohnehin schon ein Land der Wetterextreme, mit regelmässig auftretenden Taifunen und enormen Schneemassen. Man muss auch kein Wissenschaftler oder Prophet sein, um vorherzusagen, dass da, euphemistisch gesagt, „enorme Herausforderungen“ auf den Grossraum Tokyo hinzukommen werden, denn grössere Teile der Stadt liegen bereits jetzt auf oder unter Meeresspiegelhöhe – und Tokyo leidet in vielen Jahren gleichsam unter Wassermangel, was sich viele gar nicht vorstellen können, da es hier drei Mal so viel regnet wie in Berlin: Das stimmt zwar, aber ein Zeitraum von 2, 3 Monaten, in denen es gar nicht regnet, sind keine Seltenheit. So gesehen kann man nur hoffen, dass sich in Paris etwas bewegt.

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Die ganze Palette der Naturgewalten

September 15th, 2015 | Tagged , , | 2 Kommentare | 836 mal gelesen

Man ist ja in Japan einiges gewohnt in Sachen Naturgewalten, aber die Häufung der Ereignisse in den letzten 4 Tagen ist selbst für Japaner etwas Besonderes. Das ganze begann am 10. September. Taifun Nummer 18 und Taifun Nummer 19 nahmen Japan in die Zange. Nummer 18 war zwar relativ schwach und Nummer 19 traf gar nicht erst aufs Land, aber diese besondere Wetterlage hatte zur Folge, dass ein dünner Streifen sehr warmer und feuchter Luft zwei Tage lang vom Süden her über Tokyo gen Norden zog und sich dort in den Bergen in sintflutartige Regenfälle entlud. In den Bergen von Tochigi an der Grenze zur Präfektur Ibaraki fielen so rund 600 mm Regen in weniger als zwei Tagen. So viel Niederschlag fällt in Berlin nicht mal in einem Jahr. Das Wasser will natürlich erstmal abfliessen – doch die Menge war so gross, dass es in der Stadt 常総市 Jōsō-shi 50 Kilometer nördlich von Tokyo – fast genau zwischen Tokyo und Nikkō – zum Deichbruch kam. Das Gebiet links vom Kinugawa-Fluss lief danach binnen weniger Stunden voll wie eine Badewanne, und da Holzhäuser ohne Keller und allem den Wassermassen nicht viel entgegenzusetzen haben, ähnelten die Bilder denen nach dem Tsunami 2011. Ein paar Menschen kamen dabei ums Leben, und es werden immer noch Menschen vermisst.

Das pikante am 決壊 kekkai Deichbruch war, dass für die Gegend an der Stelle des Bruches keine Evakuierungsanordnung galt. Evakuierungsanordnungen gab es zwar – aber eben nicht an jener Stelle. Die Begründung dafür war, nun ja, interessant: Man hat nur dort evakuiert, wo besorgte Anrufe von Anwohnern eingegangen waren. Wenn also zwei, drei Leute eines Bereiches anriefen und sagten „Der Fluss scheint hier bald über die Ufer zu treten“, wurde eine Evakuierung angeordnet. Es gab aber keine Anrufe von der Bruchstelle – und damit hatten die Menschen sich ergo ihre Lage selbst eingebrockt.

Auf den Bildern war jedoch klar zu erkennen, dass das Wasser nur noch weniger als einen Meter unter der Deichkrone stand. Dass bei dieser Lage und anhaltendem Starkregen keine Deichläufer oder zumindest Luftüberwachung angeordnet wurden, grenzt an Fahrlässigkeit.

Nummer 2 folgte am Sonnabend, kurz vor 6 Uhr morgens: Ein Erdbeben der Stärke 5.2 weckte so ziemlich ganz Tokyo auf, denn es hatte nahezu überall in Tokyo, Kawasaki, Chiba und Yokohama die Stärke 4. Es wackelte also sehr deutlich. Grössere Schäden gab es nicht, aber das Besondere an diesem Beben war das Epizentrum: Es lag in der Bucht von Tokyo, oder, um genauer zu sein, fast genau unterhalb des Flughafens Haneda. Und das ist relativ selten. Seit Jahren wartet man ja nun auf das 直下型 chokka-gata – das grosse Erdbeben direkt unter Tokyo. War dies das Vorspiel? Oder war es gar ein Entlastungsbeben, dank dessen das große nun um ein paar Jahre nach hinten verschoben wurde? Diese Fragen kann die Seismologie leider noch nicht gewissenhaft beantworten. So richtig vorstellen möchte es sich jedoch niemand – das grosse Beben könnte nämlich, rechnerisch zumindest, bis 8-komma-nochwas stark sein. Und das ist hunderte Male stärker als die läppischen 5.2 am Sonnabend.

Das Mass voll machte heute, am 14. September, der Vulkan Aso auf Kyushu, der mal eben plötzlich eine 2 Kilometer hohe Aschewolke in den Himmel schickte. Das kam etwas überraschend – die Warnstufe ist lediglich 2 (von 5), aber das ist dem Aso offensichtlich egal. Den Livestream kann man sich hier ansehen – bei ca. 3h 25m geht es richtig los:

Das reicht dann auch erst einmal für die nächsten Wochen. Hoffen wir zumindest.

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Benesseleaks | WM | Taifun „Neoguri“

Juli 11th, 2014 | Tagged , , | 4 Kommentare | 5213 mal gelesen

Zum Fortlaufen; Datenschutz bei Benesse

Zum Fortlaufen; Datenschutz bei Benesse

In dieser Woche ist mal wieder einiges los. Da wäre der Datenskandal um den Giganten unter den Bildungsanbietern – bekannt unter dem Namen Benesse – der scheinbar nur durch Zufall aufgedeckt wurde. Demzufolge wurden die Daten von mindestens 7.6 Millionen, maximal sogar bis 20.7 Millionen Kunden unrechtmässig an einen anderen Bildungsanbieter namens Justsystems weitergegeben¹. Skandale dieser Art sind eigentlich nichts Neues, aber die Dimensionen sind schon enorm: Bis zu 20.7 Millionen Kunden. Das ist also jeder sechste Japaner. Man vermutet, dass ein Insider die Daten kopiert und an einen Datenhändler verkauft hat. Jener hat diese dann an Justsystems verkauft, wobei Justsystems darauf besteht, von all dem nichts gewusst zu haben. Aber sicher doch! Da kauft man Millionen von Datensätzen von bekanntermassen bildungshungrigen Japanern, und fragt nicht, woher die Daten kommen bzw. – und das ist der Punkt, wo es strafbar wird – nicht nachfragt, ob denn die Kunden hinter den Daten wirklich der Datenweitergabe zugestimmt hätten. Haben wir zumindest nicht – ich kenne Benesse und deren aggressives Marketing aus meinem Beruf und hätte niemals meine Daten bei denen eingegeben, aber leider hatte ich das nicht meiner Frau mitgeteilt, und so werden wir womöglich auch bald Post von Justsystems bekommen.

Public Viewing in Roppongi am 5. Juli

Public Viewing in Roppongi am 5. Juli

Jaja, die WM. In der vergangenen Woche hatte ich mich dazu durchgerungen, nach einem 14-stündigen Meeting- und Programmiermarathon in die letzte Bahn nach Roppongi zu setzen (eine Station vom Büro entfernt), um dort einer von Doitsunet organisierten Public Viewing-Party beizuwohnen. Deutschland gegen Frankreich. Ich habe keine Ahnung, wie viele Menschen dort waren, aber es waren schätzungsweise weit über 100 – ungefähr die Hälfte davon Landsleute. So viele Deutsche hatte ich seit rund einem Jahr nicht mehr auf einem Haufen gesehen. Die Stimmung war dem Ergebnis entsprechend gut, auch wenn die Wirte das auszunutzen wussten: Fassbier und Flaschenbier für 500 Yen (knapp 4 Euro) war a) nur nach grossen Gedränge und b) nur für begrenzte Zeit erhältlich – danach gab es nur noch Flaschenbier für den doppelten Preis. Aber egal: Die Stimmung war gut. Das nächste Spiel gegen Brasilien habe ich mir dann dummerweise aufgrund eines anstrengenden, folgenden Tages erspart – schliesslich begann das Spiel ja erst um 4 Uhr morgens in Japan. Tja, Pech gehabt: Hätte ich mal die richtigen Prioritäten gesetzt…

Wer in Tokyo weilt und das Finale am Montag morgen nicht allein sehen möchte, dem sei das Public Viewing in Shibuya anempfohlen – Anmeldung und mehr Infos siehe hier. Ob ich es wohl schaffe?

Mitten in der Regenzeit sucht momentan Taifun Nr. 8, Rufname Neoguri, Japan heim, und er nimmt gleich das ganze Land mit – von Okinawa bis hoch nach Hokkaido. 7 Tote hat er hinterlassen und zahlreiche Verwüstungen in Okinawa und Kyushu. In ein paar Stunden soll er Tokyo erreichen – allerdings schon deutlich geschwächt, so dass in Kanto ausser schwerem Regen am frühen Morgen nicht allzu viel passieren sollte. Und wenn wir eines gewohnt sind in den letzten paar Wochen, dann ist es Regen: Die diesjährige Regenzeit macht ihrem Namen wirklich alle Ehren. Dummerweise könnte die Regenzeit mit dem Durchzug des Taifuns abrupt aufhören, und was folgt, ist bedrückend schwüle Hitze. Nun ja, jedes Jahr das Gleiche.

¹Siehe unter anderem Japan Times vom 10. Juli 2014: Justsystems accused of abusing customer data from Benesse.

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Anpanman-Schöpfer gestorben | Supertaifun trifft auf Tokyo

Oktober 16th, 2013 | Tagged , | 3 Kommentare | 10262 mal gelesen

Anpaanchi! Mit diesem Schlachtruf stürzte sich für Generationen japanischer Kinder der kreisrunde Anpanman auf seine Gegner. Am liebsten auf バイキンマン Baikin-man (Baikin = Keime). Hat jemand Hunger, kommt Anpanman hingegen sofort angeflogen und bietet an, sich an seinem kreisrunden Gesicht zu laben. Das Anpanman-Universum ist gigantisch: 2007 zählte man insgesamt 1’768 Figuren, alle mit Namen natürlich, und dafür enthielt Anpanman einen Guinness-Rekord. Mehr zu Anpanman siehe diesen alten Beitrag: Anpanman Banzai!. Heute verstarb der Schöpfer, Takashi Yanase – im Alter von 94 Jahren. Eigentlich wollte er sich mit 91 Jahren zur Ruhe setzen, doch die Erdbeben- und Tsunamikatastrophe 2011 liess ihn weitermachen: Er beobachtete, wie fröhlich Kinder wurden, wenn sie Anpanman sahen, und sah sich so regelrecht gezwungen, weiterzuzeichnen. Mit Yanase stirbt ein wichtiges Stück japanischer zeitgenössischer Kunst. Die Hauptfigur, Anpanman, hat übrigens einen ernsten Hintergrund: Yanase musste wie viele Japaner während des Zweiten Weltkrieges oft hungern. Dabei träumte er oft davon, wie es jetzt wäre, anpan, ein mit süßer Bohnenpaste gefülltes Brot, zu essen.

Taifun Wipha auf dem Weg nach Tokyo

Taifun Wipha auf dem Weg nach Tokyo

In ein paar Stunden ist es soweit – dann wird Taifun Nummer 26 alias Wipha (der 26. Taifun im Ostpazifik dieses Jahr) – auf den Großraum Tokyo treffen. Im Gepäck: Windgeschwindigkeiten bis zu 200 km/h und eine Unmenge Regen. Für den Raum Tokyo rechnet man mit rund 300 mm, also mehr, als in Berlin in einem halben Jahr fällt. Der Taifun bewegt sich momentan an der Ostküste entlang und wird allen Anschein nach bei Tokyo auf Land treffen. Das Zentrum des Taifuns erwartet man für die Zeit zwischen 6 und 9 Uhr morgens. Also genau zum Berufsverkehr. Es dürfte damit reichlich chaotisch werden: Bis zum Mittag dürften die meisten Bahnlinien und Flugzeuge stehenbleiben. Der Taifun zieht weiter gen Norden und wird entsprechend auch über Fukushima hinwegziehen, was die Lage dort, vorsichtig ausgedrückt, nicht vereinfachen wird: Schon jetzt kommt man dort mit den Wassermassen nicht zurecht, und im „günstigsten“ Fall werden durch den Taifun „nur“ ein paar Tonnen verstrahltes Wasser in den Pazifik fliessen. Im schlechtesten Fall könnte natürlich noch mehr passieren, doch … nun ja, man kann nur hoffen.

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Doraemon und ein Taifun

September 15th, 2013 | Tagged , , | Kommentare deaktiviert für Doraemon und ein Taifun | 3516 mal gelesen

Taifun Man-Yi. Mehr zum Werdegang siehe hier: http://www.jma.go.jp/en/typh/1318.html

Taifun Man-Yi. Mehr zum Werdegang siehe hier: JMA

September ist schön – es gibt zwei Feiertage im September, und die Hitze läßt allmählich nach. Meistens jedenfalls. Nun ist der kommende Montag frei (und der darauf folgende Montag ebenso), nur muss leider just an diesem Wochenende ein großer Taifun das Land heimsuchen. Der Taifun wurde マンニィ (萬宜) Man-Yi getauft – benannt nach einer Meerenge in Hongkong. Dieser Taifun hat es jedoch nicht auf Hongkong abgesehen, sondern auf die am dichtesten besiedelten Regionen Japans. Momentan sieht es so aus, als ob er am 16. September, also am Montag, direkt über Tokyo hinwegziehen wird. Und wie so häufig schiebt der Taifu viel vor sich her – bereits am Sonntag soll einiges an Regen fallen.

Da mit hoher Wahrscheinlichkeit etliche Bahnlinien ausfallen werden, hiess es also, wenigstens am Sonnabend etwas aus dem Tag zu machen. Gar nicht so einfach bei ziemlich schwülen 32 Grad. Aus gegebenen Anlass ging es deshalb mit den Kindern zum Tokyo Tower, denn dort gibt es momentan eine Ausstellung zu Ehren des 80. Geburtstages des Manga-Zeichners 藤子・F・不二雄 (Fujiko F. Fujio). Das ist freilich nicht der richtige Name – geboren wurde der Künstler als Hiroshi Fujimoto. Leider kann er den Geburtstag auch nicht mitfeiern, denn der Künstler verstarb bereits 1996 am Leberversagen – und zwar buchstäblich am Schreibtisch, mit einem Stift in seiner Hand (so verlor er zumindest das Bewusstsein – drei Tage später verstarb er, ohne noch einmal zu erwachen). Fujio’s Leitmotiv war SF, das er jedoch nicht als „Science Fiction“ verstanden haben wollte, sondern als 少し不思議 Sukoshi Fushigi – „etwas eigenartig“. Und das ist auch bei weitem seine bekannteste Figur: ドラえもん Doraemon – eine große, blaue Katze, aber mehr dazu siehe Köstlich: Jean Reno meets Doraemon.

Fujio & Doraemon-Ausstellung am Tokyo Tower

Fujio & Doraemon-Ausstellung am Tokyo Tower

Aber wir sind ja in Japan. Der Eintritt ist recht heftig für das, was geboten wird: 1’500 Yen (also rund 12 Euro) für Erwachsene und 900 Yen für Kinder über 4. Und mit 2 Stunden Wartezeit müssen wir rechnen, wurde uns gesagt – und man muss in dieser Zeit wirklich mit den Kindern anstehen. Letztendlich hat es nur eine Stunde gedauert. Der Beginn war recht furios: Ein Minikino mit einem kleinen, weißen Raum, in dem lediglich ein Schreibtisch stand. Das ganze erwies sich als dreidimensionale Projektionsfläche, in der plötzlich Bücher durch die Gegend flogen und vieles mehr – ganz ohne 3D-Brille, wohlgemerkt. Selbst mein 2-jähriger klatschte spontan in die Hände, und das möchte was heissen. Der Rest der Ausstellung war zwar interessant – an vielen Stellen allerdings interessanter für die Eltern, die ja auch allesamt mit Doraemon aufgewachsen sind: Es dürfte niemanden unter 50 in Japan geben, der die blaue Katze nicht kennt.

Mangas lassen mich normalerweise kalt, aber wenn meine Kinder Doraemon schauen, setze ich mich gern dazu: Die Charaktere sind recht lustig, und die Geschichten regen ohne Zweifel wie Phantasie an. Man lernt manchmal auch seine Angestellten damit besser kennen. Als eine Angestellte mir einmal einen übersetzten Text mit der Betreffzeile 翻訳こんにゃく Hon’yaku Konnyaku (hon’yaku = Übersetzung, konnyaku = typisch japanische Zutat aus Teufelszungenmehl) zurückschickte, dachte ich erst an ein launiges Wortspiel. Aber nein – Hon’yaku Konnnyaku ist eines von Doraemons Wunderwerkzeugen: Wenn man darauf rumkaut, kann man Fremdsprachen verstehen.

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Einfach ins Wasser gefallen

Juli 30th, 2013 | Tagged , | 5 Kommentare | 13533 mal gelesen

Am vergangenen Sonnabend fanden, wie jedes Jahr am letzten Sonnabend im Juli, zwei der größten Feuerwerke im Raum Tokyo statt: Das 隅田川花火大会 Sumidagawa-Feuerwerksfestival in Tokyo und das 浦安花火大会 Urayasu-Feuerwerksfestival. Ersteres fand dieses Jahr zum 36. Mal statt und zieht im Schnitt eine dreiviertel Million Besucher an; das Feuerwerk in Urayasu (ja, ich bastele gerade an dieser neuen Webseite) fand zum 35. Mal statt und hat im Schnitt eine halbe Millionen Besucher (die Stadt hat gerade mal 160’000 Einwohner).

Beide Veranstaltungen dauern eine geschlagene Stunde, während der mehr als 6’000 Feuerwerkskörper hochgehen. Und gemeint sind Feuerwerkskörper: Von Hand hergestellte, ordentliche Kawenzmänner. Ein Spektakel. Da wir in Urayasu wohnen und ein Feuerwerk gar beschaulich ist, wenn man sich mit Essen und Bier draussen irgendwo hinsetzt, sind wir auch dieses Jahr wieder hingetrabt. Zu einem etwas weiter entfernten Ort direkt am Ufer (das Feuerwerk wurde von einem Podest im Meer gestartet). Zu den Menschenmassen wollten wir nicht, denn da würden wir ganz schnell unsern Jüngsten aus den Augen verlieren.

Zum Start um 19:30 (ja, da ist in Japan im Sommer schon das Licht aus) sah alles noch ganz in Ordnung aus. Doch das änderte sich binnen weniger Minuten. Erst kamen ein paar Tropfen, dann bedrohlich aussehende Wolken, und schließlich Fremdblitze, die eindeutig nicht zum Feuerwerk gehörten. Der Wind frischte merklich auf – und nach ein paar Minuten war Feierabend: Kurz vor 20 Uhr goß es in Strömen und es blitzte und krachte überall. Zum Glück (bzw. in weiser Voraussicht) waren wir direkt an einer Unterführung, so dass wir uns dort verkriechen konnten. Das war auch besser so, denn Regenschirme hätten nicht geholfen, und die Temperatur sank schlagartig von 30 auf 22 Grad. Obwohl die Unterführung sehr breit ist, kam auch dort das Wasser fast überall hin.

Bedrohliche Wolkenkulisse beim Feuerwerk

Bedrohliche Wolkenkulisse beim Feuerwerk

Auch das Sumida-Feuerwerk musste abgebrochen werden – zum ersten Mal in der 36-jährigen Geschichte. Hätte man die Situation nicht vorher einschätzen können? – Der Hobbymeteorologe sollte hier hellhörig werden. Da ich ein bisschen Hintergrundwissen dazu habe: Die Chancen standen meiner Einschätzung nach 50:50. Man ist das Risiko eingegangen, da die Feuerwerke extrem viel Vorbereitungszeit und -kosten mit sich bringen. Die Gewitterfront schlummerte bereits nördlich von Tokyo. Aber die Geschwindigkeit, mit der die Front dann Richtung Meer rollte und immer größer wurde, war wirklich beachtlich und nur schwer vorhersehbar. Und man kann mal wieder nur seinen Hut ziehen vor den Organisatoren und den Teilnehmern: Vielerorts würde es bei einem Wolkenbruch mit Blitz und Donner bei fast einer Millinen Menschen auf engem Raum zu Tumulten oder Panik kommen – alles schon geschehen (in Fußballstadien zum Beispiel). Aber letztendlich kamen alle zwar naß, aber unversehrt nach Hause.

Das Wetter spielt dieses Jahr sowieso einige Kapriolen in Japan: Erst begann die Regenzeit viel zu früh. Dann regnete es lange nicht. Dann hörte die Regenzeit auch viel zu früh auf. Schließlich gab es Anfang Juli eine ordentliche Hitzewelle. Und seit Wochen wird der Nordosten und der Westen Japans von rekordverdächtigen Regenfällen nebst Überschwemmungen heimgesucht. In Tokyo hingegen sind schwere und plötzliche Gewitter zum Alltag geworden.

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Energiewende / Nordkorea / Taifun im April

April 5th, 2013 | Tagged , , | 16 Kommentare | 1096 mal gelesen

Am 2. April beschlossen die regierenden Liberaldemokraten in Japan etwas bahnbrechendes: Die 電力システム改革 (denryoku shisutemu kaikaku) – Elektrizitätssystemreform. Bahnbrechend für Japan, wohlgemerkt – in anderen Ländern geschah so etwas mitunter schon vor Jahrzehnten.

Denn so sieht es momentan in Japan aus: Das Land ist elektrizitätstechnisch in 10 Zonen aufgeteilt (Hokkaidō, Tōhoku, Kantō, Kansai, Hokuriku, Chūbu Chūgoku, Shikoku, Kyūshū und Okinawa – eine der gängigen Methoden, Japan in Regionen zu gliedern – siehe unter anderem hier). Jede Zone wird von 1 (in Worten: einer) Firma mit Strom beliefert. Im Falle Tokyos (Region Kantō) ist dies bekanntermaßen TEPCO. Hinzu kommt, dass die Netze nicht nur nicht miteinander verbunden sind, sondern auch noch unterschiedliche Frequenzen haben. Das führt dann bei Katastrophen zu dem, was nach dem großen Erdbeben am 11. März 2011 geschah: Tokyo stand plötzlich ohne Strom da, und keiner konnte helfen (siehe hier).

Diese für ein entwickeltes, eigentlich kapitalistisches Land zu absurden Problemen:

  1. Die Energieversorger haben ein Monopol in ihren Lehen und können schalten und walten, wie sie wollen (siehe Tepco und das abgegaute AKW in Fukushima). Da sie zu 100% systemrelevant sind, haben auch schwerste Unfälle keinerlei Folgen für die Verantwortlichen. Die Firmen sind unkaputtbar – anders gesagt, es herrscht Sozialismus.
  2. Stromerzeuger können Strompreise verlangen, die sie für richtig halten. Wenn ein AKW in die Luft geht, zahlen eben die Kunden (siehe 1)
  3. Stromerzeuger sind kaum daran interessiert, alternative Energiequellen zu erschließen
  4. Bei Katastrophen kann es schnell geschehen, dass in ganzen Regionen komplett das Licht ausgeht, während benachbarte Regionen vor sich hin strahlen

Und so weiter. Der Energienovelle zufolge soll jedoch in 3 Etappen das folgende geschehen:

  1. Die Stromnetze sollen miteinander verbunden werden (広域系統運用機関の創設). Damit soll Stromaustausch zwischen den einzelnen Regionen ermöglicht werden. Dies soll 2013 endgültig beschlossen und gegen 2015 abgeschlossen sein.
  2. Dezentralisierung des Strommarktes (電力の小売り全面自由化): Ab 2016 sollen Haushalte und kleine bis mittlere Firmen frei Strom verkaufen dürfen. Das können Haushalte sein, die überschüssige Solarenergie einspeisen, oder Firmen, die sich auf regenerierbare Energiequellen spezialisieren. Erste Pilotprojekte gibt es zuhauf, nur dürfen diese überschüssige Energie nicht verkaufen. Diese 2. Stufe soll 2014 im Parlament verabschiedet werden.
  3. Trennung von Netz und Stromproduzenten (発送電分離) – sprich, man darf seinen Stromanbieter in Zukunft selbst auswählen. Das soll 2015 beschlossen und irgendwann zwischen 2018 und 2020 verwirklicht werden.

Natürlich wird viel Widerstand seitens der Stromerzeuger erwartet. Doch diese Reform ist wirklich überfällig. Besonders interessant ist Stufe 2 – sollte die Reform geschickt geplant sein, wäre dies eine Chance für Japan, sein Stromnetz zu dezentralisieren und damit die Abhängigkeit von Erdöl und Kernenergie drastisch zu reduzieren.

——

Einige Anfragen gab es bereits bezüglich der Medienerstattung über Nordkorea in Japan. Nun, ich habe bald den Eindruck, es wird mehr darüber in Deutschland berichtet als in Japan. Sicher taucht das Land auch hier in den Nachrichten nunmehr alltäglich auf, aber ernsthafte Sorgen macht sich keiner, wie es scheint. Die Regierung schickt ihre Diplomaten los, um auf China und Rußland einzuwirken, damit diese den Gröfaz von Nordkorea beschwichtigen. Zudem werden Verteidigungsmaßnahmen ergriffen – sprich verstärkte Patrouillen zu See und zu Luft. Aber dies wird alles nur am Rande erwähnt und kaum aufgebauscht. Sprich, man denkt, dass Nordkorea sowieso nur blufft.

——

Am kommenden Sonnabend und Sonntag kommen wir wieder in den Genuß eines 爆弾低気圧 (bakudan teikiatsu) – Bombenzyklon – ein Tiefdruckgebiet, dass sich rasant schnell entwickelt und dann ensteht, wenn sehr kalte Luft auf sehr warme Luft trifft. Das geschah vor ziemlich genau einem Jahr ebenfalls, am 3. April (siehe japanische Wikipedia), und das Tief hatte die Stärke eines ausgewachsenen Taifuns, Es gab 5 Tote. In diesen zweifelhaften Genuß kommt das ganze Land also wieder am Wochenende. Ausgerechnet am Wochenende… Wer zu Hause bleiben kann, bleibt lieber zu Hause…

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Soundtüfteleien in Japan / Taifun #17

September 29th, 2012 | Tagged , | 3 Kommentare | 1304 mal gelesen

Dieser Beitrag von Bloggerkollege Umij erinnerte mich gestern daran, dass ich mal einen kurzen Artikel über Geräusche in Japan schreiben wollte, und bevor ich es wieder vergesse, fange ich mal lieber gleich an.

Mein erster Eindruck, als ich in Japan landete – das war im April 1996 – war folgender: Mein Gott, hier spricht alles. Sogar die Türen. So geschehen in einem kleinen Shuttle-Zug, der zwischen den Terminals am Flughafen von Narita verkehrt. Eine süsse Stimme säuselte irgendwas, was ich damals noch absolut gar nicht verstand, und die Tür schloß sich mit zufriedenem Schmatzen. Gut, das letzte war von Douglas Adams geklaut.

In Japan arbeitet man, so scheint es, sehr gern mit akustischen Effekten. Sowie mit Stimmen von Band, die immer und überall die Gegend beschallen. Fahrstühle reden. Ampeln reden (manchmal). Rolltreppen reden. Bahnsteige und Züge sowieso. Türen. Getränkeautomaten. Alles quatscht vor sich hin. Parks werden beschallt. Interessant in Japan ist dabei, wieviel Bedeutung man den akustischen Effekten beimisst.

Beispiel Bahnhof: Sehr viele Bahnhöfe in Japan haben eine Erkennungsmelodie. Diese Melodie ist einzigartig für den jeweiligen Bahnhof – und prägt sich natürlich ein, wenn man oft dort aussteigt oder vorbeifährt. Das hat natürlich einen Riesenvorteil: Während man Bahnhofsdurchsagen oft überhört, bohrt sich die Melodie schon eher ins Gedächtnis und vermittelt dem dösenden ode quatschenden Passagier: Hier ist deine Station, steig aus. Bei grösseren Bahnhöfen gibt es dabei oft auch je nach Bahnlinie und/oder Bahnsteig variierende Melodien. So zum Beispiel am Bahnhof Ebisu (Tokyo, Yamanote-Ringlinie):

Erkannt? Genau, das ist die Filmmusik vom „Dritten Mann“. Und da es ein gleichnamiges, und durchaus trinkbares Bier in Japan gibt (welches früher tatsächlich in Ebisu hergestellt wurde), wird nämliche Musik auch bei der Bierwerbung verwendet. Aber das nur am Rande.

Die Tradition der 発車メロディ hassha merodii – „Abfahrtsmelodie“ begann 1971 bei einer privaten Bahnlinie (Keihan-Linie), die da zwischen Kyōto und Ōsaka verkehrt. Bei neuen Bahnlinien macht man sich richtig Mühe und lässt teilweise neue Stücke komponieren – an jedem Bahnhof hört man dann ein kleines Stück des Gesamtwerks.

Bleiben wir beim Bahnhof. Züge haben ja in der Regel ein Alarmsignal, das vor allem in japanischen Großstädten oft benutzt werden muss, wenn die Bahnsteige brechend voll sind. Vor ca. 3, 4 Jahren fiel mir dabei besonders ein Zug auf – ein Expresszug, der mit gut 100 km/h direkt am Bahnsteig meines Bahnhofs vorbeidonnert. Bei den üblichen Zugsirenen? Hupen? (wie heißen die eigentlich?) habe ich mich schon oft gewundert, ob sie nicht manchmal eher Schaden anrichten – sie sind so laut und schrill, dass man in der Regel erschrickt, und es würde mich nicht wundern, wenn schon mal jemand vor Schreck auf die Gleise gefallen ist. Bei jenem Zug ist das anders: Die Hupe ist sehr subtil, ein eher leises Heulen, bei dem man weniger erschrickt, aber umgehend das Gefühl bekommt, dass Gefahr im Verzug ist und sich etwas sehr, sehr schnell nähert. Ich bin nicht Experte genug, um das wirklich analysieren zu können, aber ich habe das Gefühl, diese Hupe imitiert den Doppler-Effekt (in diesem Mitschnitt gibt es mehrere Beispiele zu hören – ich meine die Sirene in den ersten 10 Sekunden):

Die Aufnahme wurde bei Abfahrt gemacht – bei Gelegenheit nehme ich das mal auf, wenn ein Zug wirklich vorbeirauscht.

Überhaupt Bahnhöfe: Bei einigen Bahnlinien verwendet man zum Beispiel auch unterschiedliche Sprecher für die Durchsagen vom Band: Beim folgenden Beispiel hört man zwei Durchsagen gleichzeitig: Die weibliche Stimme wird für die eine Richtung (von Tokyo weg) benutzt, die männliche Stimme hingegen für alle Züge Richtung Tokyo. Das ist sehr clever, denn selbst wenn beide Durchsagen gleichzeitig laufen, kann man halbwegs mühelos verstehen (so man Japanisch versteht…), was gerade passiert. Und – so man sich daran gewöhnt hat, ignoriert man einfach die weibliche Stimme (in meinem Fall, kann auch im Alltag nützlich sein :-), da man ja morgens immer Richtung Tokyo fährt:Zu guter letzt noch ein meiner Meinung nach sehr gelungenes Beispiel für Sounddesign: Das Erdbeben-Frühwarnsignal. Das haben wir ja 2011 zur genüge gehört. Sehr einfach, aber sehr markant. Mit Nebeneffekt: Zahlreiche Japaner haben 2011 eine regelrechte Allergie gegen dieses Geräusch entwickelt – mit akutem Stressausbruch, wenn sie das Geräusch hören. Da die Vervielfältigung verboten ist, hier nur als Link: Offizielles, vom Staatsfunk entwickeltes Erdbebenfrühwarnsignal.

Für den Fall, dass der eine oder andere Leser in Japan ist und noch nichts darüber gehört hat: Ein aussergewöhnlich kräfiger Taifun, Nr. 17, zieht momentan quer über Japan. Momentan ist der Taifun kurz vor Okinawa – am Sonntag wird er tagsüber mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit über die Kansai-Region ziehen und in der Nacht zwischen Sonntag und Montag über den Großraum Tokyo. Mit 925 hPa im Zentrum gehört er zu den großen, und behält der den Kurs bei, wird am Sonntag in Zentraljapan verkehrstechnisch nicht mehr viel laufen. Den neuesten Stand kann man hier erfahren.

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Wirbelstürme verwüsten Ortschaften bei Tokyo

Mai 6th, 2012 | Tagged , | 3 Kommentare | 1026 mal gelesen

Sieht irgendwie bedrohlich aus: Sturmfront über Tokyo

Ja, es müssen nicht immer Erdbeben sein. Man kann auch anders: Heute verwüsteten mehrere ausgewachsene Tornado bewohnte Gebiete in den Präfekturen Ibaraki und Tochigi. Mindestens drei Tornados wurden gezählt – darunter in 真岡市 Mōka-shi (-shi = Stadt) rund 100 km nördlich von Tokyo und in つくば市 Tsukuba-shirund 50 km nördlich von Tokyo. Besonders in Tsukuba waren die Schäden verheerend, da der Tornado direkt durch ein Wohngebiet fegte. Über 50 Menschen wurden teils schwer verletzt, ein 14-jähriger kam ums Leben, als der Sturm sein Haus samt Betonfundament (!) aus der Verankerung riss und ein paar Meter daneben verkehrt herum fallen liess. Des weiteren gab es in anderen Präfekturen Hagelschäden und auf Hokkaido weitflächige Stromausfälle. Eine Bewohnerin filmte den Wirbelsturm aus der Nähe, und man kann ihr nur Respekt zollen für ihren Mut. Nun ja, eigentlich handelte es sich dabei eher um Naivität, denn an ihrer Stelle wäre ich mit Sicherheit geflüchtet:

Wirbelstürme kamen in Japan schon immer vor (auch in Deutschland – wenn auch in beiden Ländern eher selten), aber die heutige Wetterlage war schon aussergewöhnlich. Eine lange, aber schmale Regenfront fegte heute über das Land und schob bereits Stunden vor dem Erscheinen einen kräftigen Sturm vor sich her. Das sah von uns aus gesehen so aus wie auf dem Bild oben rechts. Die Wand und die Blitze am Horizont sahen so beeindruckend aus, dass ich sofort Töchterchen vom Roller riss, sie auf mein Fahrrad setzte (zwischen Lenker und Sattel, auf der Querstange – sowas sieht man in Japan interessanterweise überhaupt nicht) und nach Hause radelte. Wenig später flogen bei uns die Fahrräder nur so durch die Gegend.

Wie so oft ist natürlich die Ruhe und die klare Luft nach dem Sturm erfrischend – so zeigte sich heute abend der nagelneue Tokyo Sky Tree in beachtlicher Klarheit (der Turm ist genau 10 km von uns entfernt).

Tokyo Sky Tree in der Abenddämmerung

Hier mal wieder zum ersten Mal seit langem das Wort des Tages: 竜巻 tatsumaki – der Wirbelsturm. Setzt sich aus 竜 tatsu = „Drachen“ (das alte Zeichen dafür wird auch noch häufig benutzt: 龍) und 巻く maku = „drehen, wirbeln“ zusammen.

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