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Eulencafé

August 14th, 2017 | Tagged , | 5 Kommentare | 450 mal gelesen

Und noch ein „aus gegebenem Anlass“-Artikel. Dieses Mal dreht es sich um die vor allem in Tokyo sehr beliebt gewordenen „Zoo trifft Café“-Hybriden – dazu zählen vor allem Katzencafés, Eulencafés aber auch Igelcafés (die Liste scheint immer länger zu werden: Goldfische, Papageien, Hasen usw. usf…). Der gegebene Anlass war ein Bummel mit meinem Besuch durch Asakusa (ich war ziemlich überrascht, denn das letzte Mal war ich vor rund 10 Jahren dort – die Menge der Touristen hat seitdem, wie es scheint, um ein Mehrfaches zugenommen). Am Wegesrand stand eine junge Frau mit einer massiven Eule auf dem Arm: Werbung für das アウルの森 Auru no mori (Eulenwald)-Café, mit einer weiteren Niederlassung in Akihabara. Probieren geht über studieren, also beschlossen wir kurzerhand, den nächsten Koffeinnachschub unter unseren gefiederten Freunden, vom Wesen her ja eigentlich eher nachtaktiv, folgen zu lassen.

Werbung für das Eulencafe

Werbung für das Eulencafe

Das Etablissement liegt im zweiten Stock. Eine aufgedrehte, aber so freundliche wie ausländische Bedienung erklärte uns erst mal die Regeln: Vorsicht, es laufen auch Tiere frei rum. Eulen nur mit dem Handrücken streicheln, und nur auf der Rückseite. Nicht mit Blitz fotografieren. Und so weiter. Die Liste war überschaubar. Pro Person kostet der Spaß 850 Yen, also gute 6 Euro, und ein Getränk ist im Preis einbegriffen. Im Inneren sah es eher aus wie ein Minizoo mit schwacher, sprich eulenfreundlicher Beleuchtung. Keine Stühle – stattdessen schieben sich die Leute durch das maximal 100 Quadratmeter grosse Zimmer (schwer zu sagen bei der Dunkelheit und den vielen Sachen, die da so rumsitzen und rumstehen) und bleiben hier und da stehen, um die Kreaturen zu tätscheln und zu fotografieren. In der hintersten Ecke steht ein Getränkeautomat, für den man ausserhalb 100 Yen für einen Kaffee bezahlt. Aber deswegen ist man ja nicht hier.

Sympathisch und desinteressiert: Eulen am Tag

Sympathisch und desinteressiert: Eulen am Tag

Und überall sitzen sie rum – große Eulen und kleine Eulen, dicke und dünne, weisse und dunkle. Sie wirken sediert, aber wer kann das schon so genau sagen. Nachtaktive Tiere sind eben so am Tag, und ich kann es bestimmt nicht einschätzen, ob die Eulen von dem Rummel gestresst sind oder nicht. Doch es gibt nicht nur Eulen. Am abgedunkelten Fenster unterhalten sich zwei Flamingos. Daneben steht träge hinter einer Holztür ein Capybara, der größte Nager auf Erden (hausschweingroß und in der Regel sehr gutmütig). In Japan kennt jedes Kind dieses südamerikanische Monstermeerschwein, während sie zumindest in Deutschland nicht allzu bekannt sind. Der Kollege wird mir später noch einen Schrecken einjagen, als er mir irgendwann neben dem Kaffeeautomat plötzlich um die Beine streift. Selbst Erdmännchen gibt es (die allerdings nicht frei rumlaufen dürfen) sowie einen ziemlich zerzausten Kakadu, der eine ältere Besucherin eindeutig auffordert, ihm gefälligst den Kopf weiter zu kraulen.

Faszinierend, das alles. Besonders beeindruckt bin ich jedoch, als die (amerikanische?) Angestellte, die uns am Empfang begegnete, ohne jegliche Schutzhandschuhe eine ziemlich großgewachsene Eule, die langsam nervös wurde, einfach so vom Kaffeeautomaten klaubte, weil sie kurz davor war, sich zu verheddern.

Angestellte im Cafe nach der Rettung einer Eule vom Getränkeautomaten. Man beachte die Krallen. Also die der Eule, meine ich.

Angestellte im Cafe nach der Rettung einer Eule vom Getränkeautomaten. Man beachte die Krallen. Also die der Eule, meine ich.

Offensichtlich gibt man sich große Mühe, den Laden sauber zu halten. Es riecht weniger streng, als man erwarten würde, und es ist ziemlich sauber. Für die Tiere ist das ganze ziemlich wahrscheinlich weniger unterhaltsam (und ich wüsste nur zu gern, was da nachts im Laden so abgeht), aber wer weiss – vielleicht begeistern sich ja ein paar Besucher durch den engen Kontakt mehr für Tiere, man kann es nie wissen. Wer sich für den Ort interessiert – die Webseite befindet sich hier.

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Airbnb in Japan – ein Erfahrungsbericht

August 12th, 2017 | Tagged | 12 Kommentare | 681 mal gelesen

Endlich bin ich dazu gekommen, Airbnb in Japan auszuprobieren. Grund dafür war Besuch aus Deutschland – wir waren damit zu sechst unterwegs, darunter zwei Kinder. Das Ziel nach langer Überlegung: Okayama oder Kagawa, denn wir wollten dieses Mal unbedingt nach Naoshima, der Kunstinsel in der Seto-Binnensee. In Okayama war leider nichts brauchbares zu finden, wie ich schnell feststellen musste. Schade eigentlich. Also habe ich die Suche auf Shikoku erweitert. Ein Haus sah besonders vielversprechend aus – das einzige Problem lag darin, dass das Objekt der Begierde weit ab vom Schuß liegt. Trotzdem siegte die Neugier. Die Anmeldung bei Airbnb war schnell getan und die Reservierung ging auch relativ schnell. 100% Vorkasse, aber gut. Wer nicht wagt… Der Vermieter meldete sich am folgenden Tag und schickte auch gleich ein paar nützliche Links.

Blick von der Terrasse auf die 2. Etage

Blick von der Terrasse auf die 2. Etage

Drei Tage vor der Abreise setzte ich noch eine Nachricht ab und fragte, wann und wo ich einchecken könne. Keine Antwort. Nanu? Kurz vor dem Abflug von Haneda, Tokyo, versuchte ich anzurufen, und Gott sei Dank meldete sich jetzt jemand. Eigentlich sollte man vor der Übernachtung im Laden des Besitzers vorbeischauen und dort den Schlüssel in Empfang nehmen, aber der Besitzer meinte, dass das ohne Auto ziemlich unpraktisch sei und wir deshalb direkt zum Haus fahren sollten – er werde Instruktionen schicken, wie wir dorthin gelangen und wie wir an den Schlüssel kommen.

Im Hausinneren

Im Hausinneren

Gesagt, getan. Eine gute Stunde später landeten wir am Flughafen von Takamatsu. Dann ging es rund 45 Minuten mit dem Bus zum Hauptbahnhof von Takamatsu. Dort kurze Stärkung, mit Udon versteht sich, und schon ging es weiter mit dem Zug gen Westen, Richtung Matsuyama. Gute 90 Minuten später kamen wir in Toyohama an, einem Ortsteil von Kannonji, einer kleinen Stadt im äußersten Westen von Kagawa. Und ich beschloss, dass wir ruhig zum Haus laufen könnten, um zu sehen, was es in der Umgebung so sah. Waren ja nur 2,8 Kilometer. Mit Gepäck zog sich der Weg hin, und ich stellte fest, dass das Haus wirklich weitab von allem lag. Zwischen Strand und Staatsstrasse, mit einem einzigen Restaurant (gemeinsam betrieben von einem Inder und einem Pakistani!) im Umkreis von zwei Kilometern, aber immerhin einem Convenience Store in rund einem Kilometer Entfernung. Hier sagen sich wirklich Fuchs und Hase gute Nacht.

Sonnenuntergang über der Seto-Binnensee

Sonnenuntergang über der Seto-Binnensee

Die Instruktionen waren recht deutlich. Wir hatten den Code zur Schlüsselbox und gingen erstmal ins Erdgeschoss und waren etwas verwirrt – war das alles? Wir kommen wir ins Obergeschoss? Aha, Außentreppe. Dort sah es dann interessant aus: Ein einziger großer, rund 100 Quadratmeter großer Bereich mit Kamin, zwei Seiten komplett verglast, einer amerikanischen Küche, einer grossen Sitzecke, dazu ein Extraraum für Kühlschrank und Müll, Toilette, Bad nebst grossem Vorraum und modernster Waschmaschine – und einem grossen Zwischenraum zwischen Dach und Bad, den man ebenfalls als Schlafstätte nutzen konnte. Aussen befand sich eine mindestens 50 Quadratmeter grosse Terrasse mit Tischen, Feuerholz, vielen Stühlen, etwas Kunstrasen usw.

Für die Kinder war das ein Paradies: Es gab viel zu entdecken. Für die Erwachsenen auch. Man steckte einfach sein Telefon in eine Dockingstation an der Wand, und schon erklang überall Musik, selbst im Bad. Geschirrspülmaschine, Ofen/Mikrowelle, viele Teller und Besteck – es mangelte einfach an nichts. Auf der Webseite stand auch, dass man eine Zapfanlage bestellen kann, und ich hatte mich zuvor darüber erkundigt: Die Antwort des Besitzers war, dass er das bereitstellen könne, und er auch das erste Faß kostenlos bereitstellen würde. Und da stand sie: Eine kleine, aber professionelle Zapfanlage, und unten eine Gasflasche sowie ein 10-Liter-Fass-Bier. Eis rein in die Zapfanlage und schon ging es los.

Mit der Abgeschiedenheit hatten wir uns schliesslich schnell arrangiert. Man konnte ja schnell Taxis rufen, die fuhren einen dann für rund 1,000 Yen zum nächsten Bahnhof. Da alles vorhanden war, konnten wir auch selbst problemlos kochen, falls wir nicht auswärts assen. Ansonsten war die Lage genial: Direkt an einem Minihafen, an dem man sehr gut Ebbe und Flut sah (der Tidenhub beträgt ein paar Meter). Der Deich war nur gute 100 Meter entfernt, und bei Ebbe begann dahinter ein schmales Watt. Und man konnte von der Terrasse die Sonnenuntergänge hinter der Seto-Binnensee sehen.

Wenn Himmel und Meer miteinander verschmelzen

Wenn Himmel und Meer miteinander verschmelzen

Die abgeschiedene Lage erwies sich als Vorteil: Es gab null Touristen. Wir hatten das Wattenmeer ganz für uns allein, kamen schnell mit vielen Einheimischen ins Gespräch und sahen eine Ecke, die man sonst nie sehen würde. Mit Taxis, Zügen und Fähren kamen wir überall problemlos hin. Und im Haus gab es alles, aber auch wirklich alles, was man braucht. Ein Treffen mit dem Besitzer scheiterte aus Zeitmangel letztendlich – schade eigentlich, denn er soll wohl sehr nett sein. Und vorausschauend: Wir mussten am letzten Tag das Haus vor 10 Uhr verlassen, und wir waren 9:30 fertig. Wir bemerkten ein Auto, das ein paar Meter weit vom Haus entfernt parkte – und ich dachte mir schon fast, dass das der Besitzer sein wird, der nach unserer Abreise alles kontrolliert. 15 Minuten später erhielt ich auch eine Nachricht von ihm nebst Bewertung, in der er sich für die makellose Nutzung und das Saubermachen bedankte. Vorausschauend deshalb, weil er sich nicht unangemeldet in die Abreise einmischte, denn das ist mit zwei Kindern immer ein bisschen chaotisch.

Fazit: Gerne wieder. In einem Hotel zu übernachten wäre erstens teurer und zweitens bei weitem nicht so entspannend gewesen. Die Unterkunft ist ideal für Gruppen von 4 oder 5 bis 11 Personen. Beim nächsten Mal werde ich sicherlich wieder auf Airbnb zurückgreifen.

Wer hat ebenfalls Airbnb in Japan benutzt und war zufrieden? Für weitere Tipps wäre ich sehr dankbar!

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Bizarr: Tod durch Massagegerät | Umfrage: Nützliche Apps für Japan-Besucher

August 2nd, 2017 | Tagged , | 7 Kommentare | 679 mal gelesen

Mäusekino an einem Massagestuhl

Mäusekino an einem Massagestuhl

Das ist doch mal ein richtiges Sommerlochthema: Heute vermeldeten die Nachrichten, dass auf Hokkaido eine 77-jährige Frau durch ein elektrisches Massagegerät ums Leben kam. Das klingt nach einem Darwin-Award-Kandidaten. Was ist passiert? Nun, die ältere Dame setzte sich mit einem langen Schal um den Hals gewickelt in ihren Sessel und stellte die Füße auf ein kleines, handliches, elektrisches Massagegerät. Dann nahm das Übel seinen Lauf: Der Schal geriet in die rotierende Walze und zog unerbittlich weiter – bis die Dame stranguliert war.

Das ganze wäre in der Tat nur ein Sommerlochfüller, aber an der Stelle möchte ich auch mal daran erinnern, dass Japaner die absoluten Massagefanatiker sind. Den Begriff „肩こり“ (katakori) – die Schultern bzw. der Rücken sind verspannt – hört man immer und überall – in den Büros, in Kneipen – und in der Werbung, wo man lustige Pillen anbietet, um dem Problem Herr zu werden. Man bekommt öfter zu hören, dass dieses „verspannte Schultern-Problem“ etwas typisch Japanisches sei, das Ausländer nicht verstehen können. Ob dem wirklich so ist… ich weiss es nicht. Mehr will ich mich dazu auch nicht auslassen, denn das habe ich vor Jahren in diesem Artikel schon getan.


Passend zur Sommer- und Reisezeit aber mal etwas ganz anderes: Gelegentlich werde ich gefragt, welche Apps ich Japan-Besuchern wärmstens empfehlen kann. Das muss ich leider immer mit einem selbstbewussten „Öhm… tja… also…“ beantworten – denn ich bin seit mindestens 12 Jahren kein Japan-BESUCHER mehr. Natürlich sind Apps wie Jorudan oder Tenki.jp usw. unabkömmlich, aber die sind nun mal alle Japanisch. Wer hat Tipps? Welche App ist brauchbar – und warum?

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Kyoto-Starbucks im traditionellen japanischen Stil / Tokyo-Tirade in der „Zeit“

Juni 28th, 2017 | Tagged , , , | 6 Kommentare | 667 mal gelesen

Heute stellte Starbucks Japan seine neueste Niederlassung in der alten Kaiserstadt Kyoto vor¹. Die Filiale öffnet am 30. Juni 2017 ihre Pforten und befindet sich an der altehrwürdigen 二寧坂 Ninen-zaka-Gasse unweit des Kiyomizu-Tempels. Das zweigeschossige Gebäude ist mehr als 100 Jahre alt und komplett im traditionellen Stil aus Holz gebaut. Im Inneren gibt es die obligatorischen Tatami (Reisstrohmatten).

Ein geschickter Schachzug von Starbucks, das muss man den Marketingleuten lassen. スタバ sutaba, wie die Läden in Japan abgekürzt werden, hat hierzulande über 1’000 Filialen und mehr als 3’000 Angestellte. Die erste Niederlassung wurde 1996 an der Ginza eröffnet. Doch die neueste Filiale in Kyoto sollte auch etwas nachdenklich stimmen. Sicher, man kann es nicht vermeiden, dass sich globale Ketten in historischen Gassen breit machen – das geschieht überall. Auch McDonalds hat schon vor Jahrzehnten in Kyoto Filialen eröffnet und war sogar kompromissbereit: Man verzichtete auf die übliche, in der Tat sehr aufdringliche rot-gelbe Farbmischung und einigte sich mit der Stadt auf einen Braunton. Doch man kann sich jetzt schon ausmalen, dass nicht wenige Touristen (die meisten davon werden wohl nicht aus Europa sein) einen Besuch in der traditionell japanischen Starbucks-Filiale als ein Highlight ihres Kyoto-Besuches empfinden werden. Und das ist etwas traurig, verliert man doch dabei den ursprünglichen Sinn des Reisens komplett aus den Augen.

Kyoto-Starbucks-Filiale

Quelle: Fashion-press.net ( https://www.fashion-press.net/news/31621)

Das erinnerte mich ein bisschen an den Artikel Im Land der aufgehenden Langeweile erschienen bei Die Zeit und verfasst von Ulf Lippitz. Dort bedauert der Autor auch die Tatsache, dass die Globalisierung auch die japanische Hauptstadt fest im Griff hat. Mehr aber noch erinnert mich der Artikel daran, dass manche Menschen scheinbar nicht mehr die Essenz des Reisens erkennen. Vollgepumpt mit Erwartungen hat sich da der Autor auf die Reise nach Tokyo gemacht und war ganz überrascht, an den absoluten Touristenfallen nicht den Kick zu bekommen, den er erwartet hat. Wie man ein Reiseziel so absolut oberflächlich „durchrennen“ kann, ist mir ein Rätsel (genau so ist es mir ein Rätsel, wie er in ein Restaurant mit „Cover Charge“ gelangte – danach muss man eigentlich heute fast suchen). Sicher, Tokyo muss man nicht mögen – an den meisten Ecken ist es nicht schön. Aber bevor man als bezahlter Korrespondent Sätze wie „Ein Helene-Fischer-Konzert hätte es auch getan“ in einer Beschreibung über Shibuya in der Nacht von sich gibt, hätte man sich ja wenigstens ein kleines bisschen Mühe geben können…

¹ Siehe unter anderem hier (Starbucks-Pressemitteilung, Japanisch) und hier (Japan Times, Englisch).

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Und die 10 beliebtesten Reiseziele in Japan sind…

Juni 5th, 2017 | Tagged , , | 4 Kommentare | 1018 mal gelesen

Vor einem guten Monat erfolgte auf diesem Blog eine Leserumfrage über die beliebtesten Reiseziele in Japan (die Umfrage und der Artikel befinden sich hier). Die Frage lautete:

WAS SOLLTE MAN IN JAPAN UNBEDINGT GESEHEN HABEN?

Rund 400 Stimmen wurden abgegeben. Natürlich muss man die Umfrage mit Vorsicht genießen – schließlich habe ich die Auswahl getroffen, und über die lässt sich natürlich streiten (zum Beispiel indem man Ise in der Präfektur Mie mit Shibuya in Tokyo austauscht). Interessant ist das Ergebnis trotzdem, wenn auch nicht unbedingt überraschend: Der schwimmende Torii von Miyajima bei Hiroshima landete mit großem Abstand auf Platz 1, vor Shinjuku in Tokyo. Die Antworten würden sicher auch anders aussehen, wenn man zum Beispiel nur Städte nennt (Tokyo, Kyoto, Kobe…).

Unschlagbar die Nummer 1 in der Beliebtheitsskala: Der schwimmende Torii von Miyajima

Unschlagbar die Nummer 1 in der Beliebtheitsskala: Der schwimmende Torii von Miyajima

Hat man Japan nicht richtig gesehen, wenn man diese 10 Sehenswürdigkeiten nicht abgeklappert hat? Klare Antwort: Nein, das kann man so nicht sagen. Ich habe es auch erst beim vierten oder fünften Japanaufenthalt nach Miyajima geschafft, war dafür aber zu der Zeit schon in Gegenden, die das Gegenteil von Touristenattraktionen darstellen (Yokkaichi zum Beispiel), unterwegs.

Da es die Möglichkeit gab, die Liste zu ergänzen, gab es auch über 25 andere Vorschläge, wie zum Beispiel Akihabara in Tokyo (ausgelassen wegen Shinjuku) oder Yakushima in der Präfektur Kagoshima (ausgelassen wegen zu weit weg).

Die gesamte Liste von 1 bis 10 findet man ab sofort auf dieser Seite.

Ich danke noch mal Allen für’s Mitmachen – und die zwei Bücher sind auch schon verlost (und auf dem Weg).

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Wo man Zugreisen noch ernst nimmt: Shiki-shima oder der 8’000 Euro-Fahrschein

Mai 8th, 2017 | Tagged , , | 3 Kommentare | 714 mal gelesen

Eisenbahnliebhaber gibt es überall – das ist in Japan nicht anders. Es gibt unzählige Eisenbahnliebhaber, und das Schöne an Japan ist, dass es auch in den Vorstandsetagen der zahllosen Eisenbahngesellschaften an wahren Enthusiasten nicht mangelt. Und da entwickelt sich ein interessanter Trend. Während Nachtzüge in Japan früher was für Leute war, die sich entweder kein Flugticket leisten konnten oder Angst vorm Fliegen hatten, so sind Nachtzüge mehr und mehr was für Eisenbahnfans mit praller Brieftasche. Während die regulären Nachtzüge, wegen der Farbe wurden diese ブルートレイン Blue Train genannt, nach und nach aus dem Fahrplan verschwinden (ich hatte damals noch das Glück, mit dem Hayabusa von Tokyo nach Kumamoto fahren zu können, aber auch diese Verbindung gibt es nicht mehr), denken sich die Eisenbahngesellschaften neue Verbindungen aus. Das Sahnehäubchen wurde am 1. Mai diesen Jahres von JR East (der ehemals staatlichen Eisenbahngesellschaft) feierlich eingeweiht: Der 四季島 Shiki-Shima. Wörtlich übersetzt: Insel der Vier Jahreszeiten (wie passend, waren wir doch neulich erst beim Thema). Der Zug fährt von jetzt an von Tokyo nach Tohoku, also in den Nordosten, und manchmal weiter nach Hokkaido – und zurück. Man kann zwischen einer 2-Tagesreise und einer 4-Tagesreise wählen. Der komplette Zug wurde eigens für diese Linie entworfen und wurde laut JR nur „aus besten Materialien“ zusammengesetzt. Und das ganze ist in der Tat sehr erlesen: Gerade mal 34 Passagiere können mitfahren und zwischen drei verschiedenen Suiten wählen. Zur Atzung gibt es nur das Feinste, gekocht von einem Sternekoch.

Shikishima-Luxuszug (Quelle: Mainichi Shimbun)

Shikishima-Luxuszug (Quelle: Mainichi Shimbun)

Die billigste Suite kostet pro Person ca. 2’000 Euro, die teuerste Suite, so man sie allein nutzen will, geschlagene 1’050’000 Yen, also rund 8’000 Euro. Wer jetzt denkt, dass sei doch ein Schnäppchen und gleich zugreifen möchte, hat jedoch Pech gehabt: Bis März 2018 ist bereits alles ausgebucht. Jiji-Press hat dazu ein nettes Werbevideo gedreht (siehe unten). Wer mehr darüber lesen möchte (und wissen will, wie es im Zug aussieht), dem sei dieser Artikel der BBC anempfohlen.

Purer Luxus, klar. Aber dahinter steckt viel Arbeit und ein 遊び心 asobigokoro – „Spielen – Herz“, also Freude am Spielen. Und das ist doch mal eine Nachricht wert.

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Tag am Meer. In der Goldenen Woche.

Mai 5th, 2017 | Tagged , , | 3 Kommentare | 753 mal gelesen

Nach mehr als einem Jahrzehnt in Japan weiss man es eigentlich besser. Entweder, man wirft viel Geld um sich und fährt oder fliegt ganz weit weg in der Goldenen Woche, oder man bleibt brav zu Hause oder in der unmittelbaren Umgebung. Goldene Woche = drei Feiertage in Folge, und da sich oft noch das Wochenende hinzugesellt, hat fast ganz Japan 5 Tage in Folge frei (siehe Feiertage in Japan). Dass mit dem brav zu Hause bleiben ist jedoch so eine Sache mit zwei sehr aufgeweckten Kindern, die mit einem „Wo fahren wir heute hin?“ auf den Lippen aufwachen.

Kamakura fällt aus, zu voll. Oyama ebenso. Enoshima sowieso. Freizeitparks oder Zoos? Reinster Wahnsinn. Ausserdem will man mal etwas Neues sehen. Und so ging es heute, bei Feiertagswetter, zur 三浦半島 Miura-Halbinsel. Hier beginnt die Bucht von Tokyo, und die Gegend ist für seine Fischerhäfen und den Thunfischfang (nebst zum Genuss verarbeiteten Thunfisch) bekannt. Nach fast zwei Stunden Fahrt mit Fahrrad und Zügen kamen wir also kurz nach elf Uhr in Misakikuchi an – genau im Zentrum der Halbinsel. Von hier sind es rund 5 Kilometer Richtung Osten, Westen und Süden zum Meer. Und wir fahren guter Dinge: Die Züge waren gar nicht mal so voll, und man konnte sogar sitzen. Der Schock kam, als wir aus dem Bahnhof traten. Ein verzweifelter Angestellter der Busfirma rief pausenlos „das Ende der Schlange ist dort hinten!“ Vor dem Bahnhof: Ein Riesengedränge. Wir folgen der Schlange an der Bushaltestelle – und sie ist rund 300 Meter lang (in der Schlange stehen wohlgemerkt 4 bis 5 Menschen nebeneinander). Die Schlange an der Taxihaltestelle ist nur 30 Meter lang, und es scheint langsam aber sicher voranzugehen. In der Touristeninfo direkt am Bahnhof macht man uns jedoch wenig Hoffnung: Wenige Meter vom Bahnhof entfernt beginnt bereits ein fürchterlicher Stau, der sich 5 Kilometer lang bis zum Ziel hinzieht. Vernünftigerweise sollte man einfach loslaufen, aber mit Kindern, entlang eines endlosen Staus, kommt das auch nicht in Frage. Und selbst wenn man sich mit viel Geduld durchschlägt: Man kann sich sicher sein, dass man dort egal wo Stunden auf ein Platz im Restaurant warten muss. Und an die Rückfahrt möchte man gar nicht erst denken.

Blick von Miura über die Bucht von Tokyo auf den Nokogiriyama in der Präfektur Chiba

Blick von Miura über die Bucht von Tokyo auf den Nokogiriyama in der Präfektur Chiba

Wir geben auf, und beschliessen, einen Bahnhof in die Richtung zu fahren, aus der wir gekommen sind. Dort gibt es unweit des Bahnhofs einen Sandstrand sowie angeblich ein gutes Restaurant, das frisch gefangene Meeresfrüchte anbietet. Gesagt, getan. 10 Minuten später sind wir dort, und das Restaurant finden wir dank des Menschenpulks vor der Tür auch sehr schnell. „Das geht aber noch“ denken wir beim Anblick der Schlange. Jedoch: Die Leute warten nicht darauf, ins Restaurant zu kommen, sondern eine Nummer am Reservierungsautomaten zu ziehen. Laut Automat wird es für uns 60 Minuten oder länger dauern, Wir haben die Nummer 115, die Nummern sind fortlaufend. Wir laufen also etwas durch die etwas trostlose Gegend, schlagen die Zeit irgendwie tot und gehen nach einer Stunde zurück. Ich frage eine Angestellte, welche Nummer gerade an der Reihe sei. „60!“ wird geantwortet. Wie lange es denn dann wohl noch bis zu unserer Nummer sei, wollen wir nun wissen. „1 bis 2 Stunden. Eher zwei“ heißt es. Wahnsinn.

Fehlen nie an japanischen Stränden: Tombi (Schwarzmilane)

Fehlen nie an japanischen Stränden: Tombi (Schwarzmilane)

Wir laufen also zum nahe gelegenen Strand und machen uns nicht weiter Sorgen. In den Automaten konnte man seine Telefonnummer eingeben – wenn man an der Reihe ist, wird man vom System angerufen. Und nach mehr als anderthalb Stunden ist es so weit. Wir sollten uns langsam auf den Weg machen, säuselt eine weibliche Roboterstimme in mein Telefon. 5 Minuten später sind wir da, und eine Angestellte erklärt uns, dass wir gerade aufgerufen worden wären, aber da wir nicht da waren, wurde jemand anders vorgezogen. Wir seien dann die nächsten, erklärte man uns. Dann tauchte aber die ebenfalls verspätete Familie 113 auf. Es gibt nur 5 Tische für Familien, und rund 15 Plätze am runden Tresen. Also dauerte es noch mal eine halbe Stunde.

Hauptgrund für die meisten Besucher: Sushi.

Hauptgrund für die meisten Besucher: Sushi.

Das Ende vom Lied: Wir bezahlen 9’300 Yen, also rund 75 Euro, für unser Sushi für 4. Das Sushi bei unserem Stammlokal zweihundert Meter von unserem Haus entfernt kostet um die 12’000 Yen. In der Qualität nehmen sich die beiden ketztendlich nciht viel. Noch ein kurzer Strandspaziergang bis zum nächsten Bahnhof, und kurz nach vier geht es zurück. Unterwegs sehen wir noch eine kleine Bäckerei mit dem Namen „Brot Baum“. Dort verkauft man, ich traue meinen Augen kaum, シュリッペン – Schrippen. Etwas, was man in Japan so nicht bekommt. Der Gesellenbrief im Fenster verrät den Grund (auch dessen, warum man hier Schrippen verlauft, und nicht etwa Brötchen, Semmeln, Wecken oder sonstwas): Der Bäckermeister hat seine Lehre in Rathenow gemacht. Das auf den Tüten gedruckte Motto der Bäckerei („Brot bereitete sich besonders vor“) lässt mich jedoch wundern, wie der Meister seine Prüfung mit diesem Deutschstand geschafft hat. Laut Meisterbrief wurde das ganze jedoch nur mit einem „Befriedigend“ bestanden, aber das versteht in Japan ja zum Glück kaum jemand…

Brot bereitete sich besonders vor. Aha.

Brot bereitete sich besonders vor. Aha.

Morgen ist Tag 3 der Goldenen Woche. Wir werden wohl brav und artig in der Gegend bleiben…

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Umfrage: Welche Orte sollte man in Japan gesehen haben?

Mai 1st, 2017 | Tagged , , | 21 Kommentare | 1233 mal gelesen

Aus reiner Neugier möchte ich hier mal eine kurze Umfrage starten: Es geht um die beliebtesten Reiseziele in Japans. Das können entweder Reiseziele sein, bei denen man denkt, dass sie auf gar keinen Fall ausgelassen werden sollten – oder Reiseziele, die man selbst auf jeden Fall sehen möchte. Bis zu drei Orte können ausgewählt werden – und eigene Vorschläge können zugefügt werden.

Bei der Gelegenheit möchte ich auch gleich noch zwei Exemplare meines letzten Buches verlosen: Was Sie dachten, NIEMALS über JAPAN wissen zu wollen: 55 erleuchtende Einblicke in ein ganz anderes Land

Bedingung: Eine Teilnahme an dieser Umfrage UND ein Like der Facebook-Seite des Japan-Almanach. Bei Interesse bitte einen Kommentar hinterlassen. Ende Mai werden die Gewinner bekanntgegeben!

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Airbnb bekommt grünes Licht in Japan

März 13th, 2017 | Tagged , , , | 2 Kommentare | 1088 mal gelesen

Jetzt völlig legal: Airbnb in Japan

Jetzt völlig legal: Airbnb in Japan

Heute hat das japanische Parlament eine interessante Entscheidung getroffen: Airbnb ist demnach ganz offiziell legal in Japan. Allerdings nicht ganz ohne Einschränkungen. Einerseits dürfen Airbnb Anbieter ihre Wohnungen oder Häuser maximal an 180 Tagen im Jahr vermieten. Und: Man spricht den Kommunen das Recht zu, eigene Beschränkungen zu erlassen. Ob die Kommunen davon Gebrauch machen werden, bleibt abzuwarten.

Neuesten Zahlen zufolge besuchten im Jahr 2016 sage und schreibe 24 Millionen Ausländer Japan (ein Rekord – und in Tokyo ist es deutlich spürbar: es wimmelt nur so von ausländischen Besuchern!), und 3,7 Millionen dieser Besucher, also 15%, nutzten Airbnb. Analysten schätzen, dass diese Zahl im Jahr 2020 auf bis zu 35 Millionen steigen könnte. Leider ist nicht klar, ob damit die Zahl der Airbnb-Nutzer oder die Zahl der Airbnb-Übernachtungen gemeint ist (ich vermute, eher letzteres).

Bisher war Airbnb ein etwas riskantes Geschäft in Japan – nicht für die Kunden, sondern für die Anbieter – denn es war nicht klar, ob dieses auch für Japan neue Geschäftsmodell geduldet werden würde. Die Beschränkungen dürften allerdings einigen Anbietern die Freude vergällen. Andererseits kommt die offizielle Genehmigung zur rechten Zeit: Einerseits steigen die Besucherzahlen seit einigen Jahren kontinuierlich. Andererseits stehen in den kommenden Jahren grosse Ereignisse an, so zum Beispiel die Rugby-WM 2019 und die Olympischen Spiele in Tokyo im Jahr 2020.

Persönlich habe ich Airbnb bisher noch nie benutzt. Mein Schwiegervater zum Beispiel schon – bei seiner letzten Tour nach Okinawa. Wenn man sich die Qualität der japanischen Hotels in der unteren Preisklasse jedenfalls so anschaut, ist die Verbreitung von Airbnb jedenfalls begrüßenswert. Und notwendig: Es fehlt, vor allem bei grossen Veranstaltungen, oftmals schlichtweg an Unterkünften. Selbst in der Nähe des Flughafens Haneda, der ja immer mehr internationale Flüge aufweist, fehlt es an Unterkünften, was jedes Mal ein Ärgernis ist, da etliche Flüge so früh starten oder so spät landen, dass man auf eine Übernachtung angewiesen ist.

Airbnb’s Japan-Seite befindet sich übrigens hier.

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Geschichten aus der Mongolei – Teil 3

Januar 7th, 2017 | Tagged , | 5 Kommentare | 866 mal gelesen

Dies ist der dritte und gleichzeitig letzte Teil des Mongolei-Reiseberichtes. Ab dem nächsten Beitrag wird sich wieder alles um Japan drehen. Teil 1 dieses Berichtes befindet sich hier, der zweite Teil hier.

Verabredet war, dass mich der Guide um 8:30 vom Hotel abholt. Vorher musste ich allerdings auschecken, und da hatte ich wirklich Glück, denn ich hatte das Hotel vom 25. bis zum 29. Dezember gebucht – dabei bin ich jedoch bis zum 30. Dezember in der Stadt, und werde nun am 28. Dezember außerhalb übernachten. Das Umbuchen war für das Hotelpersonal überhaupt kein Problem, was allerdings auch daran liegen könnte, dass im Winter kaum Gäste im Hotel übernachten. Ein flüchtiger Blick auf die Frühstücksliste offenbarte, dass es neben mir rund 5 andere Hotelgäste gibt — und das Hotel hat mehrere dutzende Zimmer auf jeder der 5 Etagen.

Kaum habe ich ausgecheckt – so gegen 8:10 – tippt mir jemand auf die Schulter. Hinter mir steht eine rund 35-jährige Frau mit breitem Lächeln und voller Wintermontur und fragt mich, ob ich der bin der ich bin. Bin ich. Und das ist also der Guide. Eine zierliche Mongolin mit deutlich amerikanischem Akzent. Wir machen uns kurz bekannt, und dann geht es zum 6-sitzigen Off-Roader, der vor dem Hotel wartet. Der Fahrer ist ein verschmitzt dreinschauender, rund 50 Jahre alter Mongole, der offensichtlich nicht viel Englisch spricht. Und schon geht es los. Bayaraa, die Führerin, setzt sich neben mich in die zweite Reihe und erklärt munter drauf los. Sie macht das schon lange, aber normalerweise nur im Sommer, da sie im Winter eigentlich selbst auf Achse ist. Und ich merke schnell, dass ich in Sachen Ulan Bator dank des Fahrers vom Vortag schon relativ gut informiert bin. Aber so kann ich dank ihrer sehr guten Englischkenntnisse noch hier und da etwas nachhaken. In einem kurzen Moment der Stille wird mir erstmal bewusst, wie viel Luxus ich gerade im Begriff bin zu genießen. Ich habe Fahrer, Fahrzeug und Führer ganz für mich allein, für zwei volle Tage. Der Spaß kostet mich 450 US-Dollar (darin ist alles, aber auch wirklich alles für die kommenden zwei Tage enthalten – so gesehen ist das kein zu hoher Preis, wenn man den Aufwand bedenkt). Wäre ich mit noch jemandem unterwegs, hätte es mich 330 Dollar gekostet, zu dritt dann noch weniger und so weiter – logisch, denn man würde sich ja alles teilen.

Wir brausen erstmal gen Osten, entlang der transmongolischen Eisenbahntrasse, nach Налайх (Nalaich) – einer Kohlestadt und eines der 9 Distrikte der Hauptstadt. Das etwa 30’000-Einwohner-Städtchen wäre gern unabhängig von der Hauptstadt, um die Stadt selbst verwalten zu können, aber den Gefallen tut ihr die Stadtverwaltung von Ulan Bator nicht. Der Ort ist übrigens berühmt-berüchtigt für illegalen Kohleabbau – und damit einhergehend für eine enorm hohe Anzahl tödlicher Grubenunglücke — mehr dazu siehe hier.

Blick auf das Kohlestädtchen Nalaich

Blick auf das Kohlestädtchen Nalaich

In den Ort selbst fahren wir allerdings nicht – wir biegen kurz davor ab gen Norden. Und wir fahren an einem interessanten Friedhof vorbei – die Hälfte des Friedhofes ist ganz „dünn besiedelt“, die andere ganz dicht. Des Rätsels Lösung: In der dicht besiedelten Sektion liegen ethnische Kasachen – Muslime – begraben, und die bestatten eben anders. Die Nomaden in der Mongolei bevorzugen übrigens auch heute noch die sogenannte Himmelsbestattung: Der Leichnam wird nach einer Zeremonie unter freiem Himmel zurückgelassen. Kümmern sich Geier um den Kadaver (und in der Mongolei gibt es zum Beispiel beeindruckend große Mönchsgeier), dann fährt die Seele gen Himmel. Kümmern sich jedoch Wölfe oder Hunde um den toten Körper, geht es direkt in die Hölle. Das Leben nach dem Tod ist in der Mongolei ein Lotteriespiel.

Oboo am Eingang zum Nationalpark

Oboo am Eingang zum Nationalpark

Nur wenige Kilometer später geht die Straße bergauf und führt direkt in den Горхи-Тэрэлж БЦГ (Gorchi-Tereldsch-Nationalpark) – einem 1993 gegründeten Nationalpark, der im Norden an den Khan Khentii-Nationalpark grenzt – hinter jenem liegt dann bereits die russische Grenze. Am Eingang zum Nationalpark gibt es einen Pass, der zwar nicht sehr hoch liegt, aber es ist trotzdem wesentlich kälter hier. Wie kalt weiss ich leider nicht, denn das Thermometer des Autos für die Außentemperatur misst nur bis -30 Grad – darunter wird ein Fehler angezeigt. Direkt an dem Pass steigen wir aus und laufen zu dem Oboo am Wegesrand – einem großen Steinhaufen, wie es sie zum Beispiel auch in Tibet gibt. Wer auf eine Reise mit gutem Ausgang hofft, soll hier einen Stein ablegen und drei Mal um den Haufen laufen. Leicht gesagt, denn bei dem Schnee findet man nicht ohne weiteres Steine. Es gibt aber auch eine andere Geschichte zu den Oboo: Angeblich legten Soldaten auf dem Weg in den Krieg einen Stein nieder, und nahmen einen Stein mit, wenn sie zurückkehrten. An der Menge der zurückgebliebenen Steine konnte man damit erkennen, wie viele Menschen nicht aus dem Krieg zurückkamen. Schaurig. Auf dem Oboo am Eingang zum Nationalpark lagen außerdem ein paar Opfergaben sowie drei Hunde, die auf Almosen warteten – und von der Führerin, die sich hier natürlich auskennt, auch bekamen.

Der Schildkrötenfelsen im Terelj-Nationalpark

Der Schildkrötenfelsen im Terelj-Nationalpark

Wir steigen wieder ein und fahren talwärts. Nach nicht allzu langer Zeit taucht vor uns ein gewaltiges Granitgebilde auf – der Мэлхий хад (Schildkrötenfelsen), ein rund 15 Meter großes Granitmassiv, das in der Tat eindeutig an eine Schildkröte erinnert. Zumindest, wenn man aus dieser Richtung kommt. Man kann übrigens bis auf den Hals der Schildkröte klettern, aber wenn man den ganzen Weg gehen will, sollte man nicht zu üppig gefrühstückt haben, denn am Ende der Strecke gibt es eine sehr enge Passage, durch die normal große Personen nur unter akrobatischen Verrenkungen durchkriechen können.
Die kurze Kletterei tat jedenfalls gut – Bewegung ist immer gut gegen Kälte. Immerhin ist hier die Luft wesentlich klarer als in und um Ulan Bator, und der Frostnebel lüftet sich auch gerade, so dass man die Umgebung immer besser sehen kann.

Hin und wieder unterhalten sich die Führerin und der Fahrer auf mongolisch. Logisch. Mongolisch schreibt man (fast immer) mit kyrillischen Buchstaben – aber es gibt zwei Buchstaben, die man hinzufügen musste: „Ө“ (in etwa: „ö“) und „Y“ (in etwa: „ü“). Das bedeutet also, dass ich Mongolisch „lesen“ kann. Meine Russischkenntnisse sind zwar eingerostet, aber noch gut genug, um schnell bestätigen zu können, dass Mongolisch außer der Schrift so gut wie nichts mit dem Russischen gemein hat. Kein Wunder – Mongolisch gehört zu einer völlig anderen Sprachfamilie (und zwar zur Uralo-Altaischen – also der Sprachfamilie, zu der auch Koreanisch, Japanisch, Ungarisch, Finnisch usw. gehören). Aus historischen Gründen gibt es allerdings ein paar russische Lehnwörter, wobei man häufig im Mongolischen den letzten Buchstaben weglässt: „Apteka“ (Apotheke) ist also „Aptek“ im Mongolischen, „fabrika“ ist „fabrik“, „maschina“ (Auto) ist „maschin“ und dergleichen. Es sind allerdings nicht genug Lehnwörter, um mal eben so drauflos zu raten. Mongolisch klingt jedenfalls ziemlich „hart“ – mit vielen Frikativlauten (wie das phonetische [x], also das „ch“ in „Bach“).

Meditationstempel. Mit Hund.

Meditationstempel. Mit Hund.



Wir fahren ein bisschen weiter und kommen an einem sogenannten Meditationstempel an, den man nach 5 Minuten Treppen steigen und einer Hängebrücke erreicht. Das besondere an diesem Bauwerk: Es sieht sehr alt aus, ist es aber nicht – man hat den ganzen Tempel mit sehr viel Liebe zum Detail vor rund 15 Jahren wiederauferstehen lassen. Die Mongolei bis Ende der 1920er ein klerikaler Staat mit sehr engen Verbindungen zu Tibet. Buddhistische Mönche hatten das Sagen. Die klügsten und oder besten Männer wurden zu buddhistischen Mönchen ausgebildet und, da einem Zölibat unterliegend, quasi dem mongolischen Genpool entzogen. Medizinische Versorgung gab es nicht, und damit war die Kindersterblichkeit extrem hoch und die Lebenserwartung gering. Lag ein Kind im Sterben, sagten die Mönche ihre Sprüche auf, und wenn das Kind tot war, war es eben der Wille der Götter. Doch dann erstarkten die Kommunisten, und die Bolschewiken aus dem Norden verwandelten die Mongolei in den 1930ern in das zweite sozialistische Land auf der Welt. Auf der Strecke blieben zehntausende hingemetzelte Mönche und tausende zerstörte Tempel und Klöster. Doch der Sozialismus bescherte dem Land feste Straßen, eine Eisenbahnlinie, ein Schulwesen, ein Gesundheitswesen, moderne Fabriken, Elektrizität und so weiter. Das Fazit der Führerin: Wären die Russen nicht gewesen, wären die Mongolen wahrscheinlich schon ausgestorben. Und das habe ich bei allen Mongolen, die ich während der kurzen Reise feststellen können: Man liebt die Nachbarn im Norden. Und man hasst die Nachbarn im Süden. Basta. Die meisten Sachen werden zwar dennoch aus China importiert, aber nur deshalb, weil dort alles billiger zu haben ist.

Das mit dem Buddhismus, Schamanismus und dergleichen ist dabei eine spannende Angelegenheit. Ich frage die Führerin irgendwann, ob denn alle mongolische Namen eine Bedeutung hätten. Scheinbar ja, obwohl es durchaus auch etliche tibetanische, russische und andere Namen gibt. Eine alte Praxis scheint man jedoch allmählich einzustellen: Wenn zum Beispiel früher ein Kind sehr jung oder bei der Geburt verstorben war, gab man dem nächsten Kind einen sehr abstoßenden Namen (als Beispiel fiel das Wort „Schlampe“), um die bösen Geister von dem Kind abzulenken. Ob das denn nicht in der Schule für Probleme sorgte, wollte ich daraufhin wissen – und ja, natürlich hatten diese Kinder an solchen Namen schwer zu knabbern.

"Minimarkt" in Terelj

„Minimarkt“ in Terelj

Nach fast einer Stunde am Tempel geht es weiter. Überall sieht man Ger-Camps (die Bezeichnung „Jurten-Hotel“ passt da wohl am ehesten) sowie mehr oder weniger fertig gebaute Hotels. Terelj ist dank der Nähe zur Hauptstadt die touristischste Ecke weit und breit. Die Sommerfrische. Im Winter menschenleer. Wie sich all die neuen Bauten mit dem Nationalparkkonzept vertragen, weiss ich allerdings nicht. Bald kommen wir im Dörfchen Terelj selbst an – sehr malerisch gelegen an einem Flüsschen, nebst Luxushotel, Golfanlage und… einem blitzblanken Dorfladen nebst gelangweilter Verkäuferin. Den wir aber gleich wieder verlassen. Gleich am Dorf gibt es eine Furt, über die man im Sommer nur sehr schwer kommt, aber jetzt ist Winter und der Fluss ist vollkommen zugefroren. Danach geht es durch ein kleines Wäldchen – auf einem Weg, den man ohne Offroader auf gar keinen Fall passieren kann. Das mit den Bäumen hier ist ganz einfach: Prinzipiell gibt es in der Gegend nur sehr wenige, da es einfach zu wenig Niederschlag gibt. Auf einigen Bergen und entlang der Flüsse findet man jedoch welche. Wir verlassen aber bald den Fluss und fahren entlang einer durch den Schnee blendend weißen Hügelkette, bis wir irgendwann in ein kleines Tal einbiegen. Alle 500 Meter bis 1’000 Meter sieht man eins, zwei Jurten nebst Umzäunung. An der zweiten Jurte im Tal halten wir — unser Ziel. Ein Karree, mit drei Jurten auf der linken Seite und Bretterverschläge für das Viehzeug. Wir parken das Auto und betreten die rechte Jurte.

Die Gästejurte

Die Gästejurte

In der selbigen ist es bullig warm. Von einem mit Folie bespannten Loch in der Mitte dringt Tageslicht herein. In der Mitte stehen die beiden Hauptstreben der Jurte, und davor steht der Ofen, der gleichzeitig als Herd benutzt wird. Es gibt drei Betten, zwei kleine, farbenfrohe Schränke, einen Teppich an der Wand. Rechterhand sitzen drei kräftig genährte Frauen und schwatzen. Gegenüber der kleinen Eingangstür sitzt der Hausherr, ein hochgewachsener und sehr freundlich dreinschauender Mann. Wir werden einander vorgestellt und an den winzigen Tisch mit den Campingstühlen gebeten. Der Hausherr spricht sogar ein wenig Englisch. Erstmal gibt es eine Tasse des bereits bekannten сүүтэй цай (Suutei Tsai) – leicht gesalzener Milchtee, wobei die Milch eindeutig dominiert. DAS Getränk in der Mongolei. Die Frauen sind dabei, Бууз (Buuz) zu machen: Teigtaschen mit Fleischfüllung. Auch die habe ich schon in der Hauptstadt kennen- und schätzengelernt. Ich bin schon immer ein Riesenfan von chinesischen Xiǎolóngbāo gewesen, weshalb ich mich gerade im Paradies wähne: Mit einem kleinen Nudelholz werden runde Teigfladen gerollt, in die kommt dann ein Löffel frisches Fleisch, dann werden die Teigtaschen oben zusammengezwirbelt. Beim Dünsten bildet sich dann etwas Brühe in den Teigtaschen, die dann beim Essen langsam in den Mund strömt. Ein Gedicht.

Trinkwasservorrat (kommt vom Fluss)

Trinkwasservorrat (kommt vom Fluss)

Wir unterhalten uns ein wenig beim Essen. Irgendwann kommen wir auf das Thema Wölfe zu sprechen, da die in der Mongolei für die Nomaden eine rechte Plage sind. Ich frage, ob es hier auch Wölfe gibt (teilweise aus Eigeninteresse, denn die „Toilette“, ein Bretterverschlag mit Loch im Boden, halbem Dach und ohne Tür steht rund 50 Meter von den Jurten entfernt). Der Mann bejaht das, wird jedoch plötzlich ganz ernst und weist mich daraufhin, dass man beim Essen nicht über Wölfe spricht. Nun gut, dass muss man erstmal wissen. Nach dem Essen verabschiedet sich der Mann — er muss seine Tochter aus der 50 Kilometer entfernten Schule abholen, da ab morgen Ferien sind.

Die Führerin weist mir die mittlere, blitzsaubere Jurte zu. Da soll ich schlafen. Es gibt drei Betten, einen Ofen sowie eine Kiste der Reisefirma mit ein paar Büchern und anderen Sachen. Fahrer und Führerin werden in der linken Jurte übernachten. Die beiden benehmen sich dabei wie zu Hause, aber auch das werde ich noch merken: Das ist normal. Jurten werden nicht abgeschlossen, die Leute kommen und gehen – und alle benehmen sich wie zu Hause. Ganz normal.

Schnee und Eis. Unten: Gehöfte von vier Familien

Schnee und Eis. Unten: Gehöfte von vier Familien

Es ist jetzt 14 Uhr am Nachmittag. Ich hätte jetzt mit einem Pferd reiten können, aber das habe ich beim Gespräch mit der Reiseagentur abgewählt. Sicher, das macht auf jeden Fall Spaß. Aber meine Schuhe und Handschuhe sind definitiv nicht geeignet für einen längeren Ausritt bei diesen Temperaturen. Also gibt es nicht viel zu tun bis zum Abendessen. Bayaraa fragt, ob ich mich etwas ausruhen möchte. Oder ob ich einen Spaziergang machen möchte. Zum Ausruhen ist die Zeit zu schade. Also laufen wir den sanften Hügel hinter den Jurten hoch, durch herrlich knirschenden Schnee. Hinter dem Hügel lockt ein Berg – geschätzt rund 400 Meter hoch (wir befinden uns übrigens schon auf rund 1’500 Meter Höhe), und soweit sichtbar so gut wie baumfrei. Ich deute an, dass wir ja einfach weiterlaufen könnten. Und meine Begleiterin hat nichts dagegen. Ein mittelgroßer, schwarzer Hund mit Halsband läuft uns immer ein paar dutzend Meter voraus – er gehört zur Familie und scheint Spaß daran zu haben, uns zu führen. Und so geht es immer höher. Im Schnee etwas beschwerlich, wird es in den etwas steileren Passagen leichter, da dort der Schnee weggeweht wurde. Und so geht es rund anderthalb Stunden immer höher.

Oben stehen gleich zwei Oboo. Beide sind eine Mischung aus Steinhaufen mit grösseren Ästen darauf. In dem kleineren liegt ein bereits reichlich verwitterter Pferdeschädel, und auch der hat seine Bedeutung: Jemand hat den dort platziert, weil er sich wünscht, ein Rennpferd großziehen zu können. Auf dem Gipfel stehen ziemlich viele Bäume, aber man hat trotzdem – zumindest in drei Richtungen – eine famose Aussicht. Die Luft ist glasklar, und in den drei Richtungen gibt es weit und breit nichts Höheres. Ein erhabener Anblick, und ich bin Bayaraa dankbar, dass sie ohne Murren mitgelaufen ist, denn ich bin nicht sicher, ob ich hier, mitten in der Mongolei, allein hochgelaufen wäre, denn hier grasen auch Pferde und rennen Hunde herum. Und den Hundebesitzer hatten wir auch schon aus der Ferne gesehen. Der Hund, der uns von Anfang an begleitet, ist immer noch da und zeigt uns erstaunlich präzise den besten Weg durch den Schnee.

Oboo mit Pferdeschädel

Oboo mit Pferdeschädel

Doch es ist schon kurz vor vier, und kurz nach 5 Uhr wird es dunkel. Bis dahin sollten wir also besser zurück sein. Wir kommen an einer kleinen Herde Pferde vorbei, die am Hang nach Futter suchen. Kühe und Yaks sind klug genug, die kehren am Abend allein zur Behausung zurück. Schafe und Ziegen müssen heimgeführt werden. Pferde jedoch dürfen draussen bleiben, auch nachts. Wo sie allerdings gelegentlich, vor allem im Winter, Wölfen zum Opfer fallen. Und die Pferde sind recht agil. Erst vor ein paar Tagen, erzählte mir der Familienvater, war er drei Tage unterwegs, um seine Pferde zu suchen. Die hat er schließlich auch gefunden – und ist dann wieder nach Hause zurückgekehrt. Ohne Pferde. Er wollte nur wissen, wo sie ungefähr zu finden sind. Dieser Gedanke, zwei, drei oder mehr Tage draussen herumzureiten, um irgendwo seine Pferde zu suchen, ist betörend. Viele mongolische Nomaden ziehen übrigens nicht etwa kreuz und quer durch das Land, sondern bleiben in einem relativ überschaubaren Bereich. Auch meine Gastfamilie zieht jeden Sommer um – aber nur einen knappen Kilometer, zum nahegelegenen Fluss, denn dort ist es im Sommer rund 10 Grad kühler, und es gibt natürlich mehr Wasser und damit auch Futter. Ich frage meine Begleitung, wie mongolische Nomaden denn dann einen Partner zum Heiraten finden, wenn sie mehr oder weniger in der gleichen Gegend bleiben. Die Antwort ist logisch: Beim Pferdesuchen. Sie reiten tagelang ihren Pferden hinterher und müssen natürlich überall herumfragen, ob jemand die Pferde gesehen hat. Und so findet man sich eben. Irgendwie. Früher war es wohl auch dementsprechend verboten, jemanden aus der gleichen Gegend zu heiraten. Mongolische Pferde sind übrigens vergleichsweise klein, aber sehr robust und kräftig. Bayaraa warnt mich jedoch, dass es eine üble Beleidigung sei, die Pferde mit Ponys zu vergleichen. Also: Beim Essen nicht über Wölfe reden. Das Wort „Pony“ nicht in den Mund nehmen. Lässt sich einrichten. Und noch was: Weiße Pferde darf man nicht „weißes Pferd“ nennen, sonst werden die bösen Geister neidisch und raffen das Pferd dahin. Stattdessen muss man es „braunes Pferd“ oder irgendwie anders nennen.

Mongolische Pferde

Mongolische Pferde

Die Sonne geht langsam unter und taucht die Gegend in ein ganz besonderes Licht. Unsere langen Schatten laufen auf den Baumkronen eines kleinen Wäldchens entlang immer weiter Richtung Tal, und der Hund läuft treu vorneweg. Gegen 5 Uhr kommen wir an der ersten Jurte vorbei und machen einen weiten Bogen: Jurten werden generell von Hunden bewacht, und die sind auf Zack. Kommt man zu nahe und es ist niemand zu Hause (oder man kann kein Mongolisch…) kann es also brenzlig werden. Und in der Tat: Als wir in rund 50 Meter Entfernung vorbeilaufen, kommt ein mittelgroßer Hund raus, der uns zwar nicht anbellt, aber uns sehr genau beobachtet und stets zwischen Jurte und uns bleibt. Noch 300 Meter und es ist geschafft: Wir sind an Jurtenansammlung Nummer 2, unseren Jurten, angekommen. In der knappen halben Stunde seit die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist, wurde es spürbar kühler.

Jurten, Viehverschläge, kleine Hütten - und die Toilette (links)

Typisch: Jurten, Viehverschläge, kleine Hütten – und die Toilette (links)

„Zu hause“ angekommen gibt es von der Frau Gemahlin erstmal einen Milchtee. Und da noch viel Zeit ist bis zum Abendessen, holt jemand einen Packen Karten raus, und man erklärt mir die Regeln von хөзөр (Chösör), ein in der Mongolei beliebtes Kartenspiel. An die Reihenfolge (Ass – 2 – 3 – König – Dame etc.) muss man sich erstmal gewöhnen. Interessant ist auch das Ziel des Spieles: Jenes ist nämlich nicht, zu gewinnen, sondern nicht zu verlieren. Und der, der im Uhrzeigersinn vor dem Gewinner sitzt, hat verloren. Das klingt erstmal komisch, aber wenn man taktisch gut spielt, kann man hier auf zwei Ziele hinarbeiten: Entweder, selbst zu gewinnen (damit man nicht verliert), oder durch geschicktes Legen dafür sorgen, dass der Nachbar nicht gewinnt. Interessant. Immerhin weiss ich jetzt, dass „mä!“ auf Mongolisch „Nimm das!“ und „beriberi“ „Ich nehme das“ heißt (wer mehr wissen will – die Regeln gibt es hier auf Englisch).

Rindvieh mit rauchender Jurte

Rindvieh mit rauchender Jurte

Schnell sind fast zwei Stunden rum. Der Hausherr ist immer noch nicht zurück. Plötzlich geht die kleine Tür auf, und sechs oder mehr Kinder und ein paar Erwachsene strömen herein. Unangemeldet. Die Massen lassen sich nieder, wo es passt, und sind ziemlich laut. Man ignoriert mich völlig, und das ist ebenfalls interessant. Die Menschenmenge scheint eine Mischung aus Verwandtschaft und Nachbarn zu sein. Die Mutter überredet alle, zum Essen zu bleiben, denn „dann schmeckt es doch besser“. Auch der Gastvater ist inzwischen zurückgekehrt, mit seiner erstaunlich großen und pummeligen, sechs-jährigen Tochter. Jetzt ist Essenszeit, und jeder erhält eine dampfende Schale mit гурилтай шол (Guriltay Schol), einer Nudel-Fleisch-Suppe mit ohne Gemüse. Das ganze Fleisch ist übrigens immer von selbst gezüchteten Tieren, Nudeln und Teig immer handgemacht. Es scheint, dass die Menschen hier nur zwei Sachen einkaufen: Mehl und Salz. Basta.

Unser treuer Begleiter

Unser treuer Begleiter

Irgendwann werden die Kinder nach draußen gescheucht – junge und ältere – um die Kühe, die einfach so vor den Jurten herumlungern, ins Gehege zu scheuchen. Und so schnell wie alle gekommen sind, sind sie auch wieder verschwunden: Es wird plötzlich leise in der Jurte. Die Gemahlin kündigt noch an, dass sie schnell eins, zwei Kühe melken muss, und so gehen wir alle zusammen noch mal raus. Wo es jetzt richtig bitterkalt ist. Ich hatte mir vorgenommen, ein Foto vom Sternenhimmel zu machen. Es ist Neumond, doch die Sterne leuchten so hell, dass man draussen kein Licht braucht. Und die Mlchstraße ist sehr deutlich zu erkennen. So einen prachtvollen Sternenhimmel habe ich jedenfalls seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen – kein Wunder, bei der Kälte, der klaren Luft und der Tatsache, dass es weit und breit keinen Lichtsmog gibt. Aufnahmetechnisch stosse ich jedoch leider an die Grenzen der Ausrüstung: Lasse ich die Kamera in der Jurte, friert beim rausgehen sofort die Linse ein, und man sieht gar nichts. Lasse ich die Kamera nebst Tasche eine halbe Stunde draußen stehen, versagt die Batterie vollständig (und ist nach einer Weile in der Jurte wieder vollkommen erholt). Ausserdem liegt die maximale Belichtungszeit bei 30 Sekunden, was nicht vorne und nicht hinten reicht. Davon mal abgesehen muss ich allerdings sagen, dass meine Canon X8i die Kälte in der Mongolei ausgezeichnet weggesteckt hat.

Winterlandschaft

Winterlandschaft

Als wir wieder drin sind, sind Zehen und Finger gut durchgefroren. Man unterhält sich noch ein bisschen – über einen politischen Mordfall von vor 15 Jahren, der nun plötzlich auf mysteriöse Weise aufgeklärt wurde, und über eine von Nachbars Kühen, die schon so alt ist, dass sie keine Zähne mehr hat – und das der Nachbar sie doch langsam schlachten sollte. Mit Hilfe von Bayaraa unterhalte ich mich auch noch ein wenig mit der Tochter und frage sie, was sie denn in der ersten Klasse für Schulfächer hat. Darunter: Umwelt und Natur. Alle Achtung.

Gegen 9 Uhr ist Zapfenstreich. Draussen wird noch etwas herumgefuhrwerkt und an den Tieren gemacht, doch bald ist es zappenduster, bullig warm in der Jurte und still. Irgendwann in der Nacht werde ich wach, weil es doch etwas kälter geworden ist – aber nicht sehr kalt. Doch irgendjemand legt gegen 4 Uhr Holz nach.

Am nächsten Morgen gibt es wie immer Milchtee und dazu хайлмаг Chailmag – eine mongolische Spezialität aus Yakmilchrahm (selbst geschöpft), Zucker und Mehl. Das wird dann noch warm aufs Brot geschmiert – und es schmeckt. Kalorien? Bestimmt um die 10’000 pro Löffel. Aber eben auch lecker. Nach dem Frühstück heisst es dann auch schon Aufbruch – schliesslich hat die Familie auch noch einiges zu tun. Der Gastvater, Naraa ist sein Name, ist übrigens im Sommer häufig Anführer von Treckingtouren mit Pferden in der Gegend. Das macht sicher großen Spaß – Naraa ist sehr geduldig und hat seinen eigenen Sinn für Humor.

Chailmag - ganz frisch

Chailmag – ganz frisch

Wir brausen zurück, zum Dorf über den Pass, und dann fast in die gleiche Richtung zurück. Nur eine kleine Bergkette trennt uns nach weit mehr als einer Stunde Fahrt von der Familie. Wäre es normal kalt, hätten wir den ganzen Weg enorm abkürzen können, doch nach einiger Beratung mit den Nachbarn wurde klar, dass der Fluss vor der Bergkette an einigen Stellen eben noch nicht komplett zugefroren ist. Tagsüber sind es nur knapp -20 Grad, und das ist wärmer als üblich. Unser Ziel ist dieses Mal eine gigantische Dschingis-Khan-Statue mitten im Nirgendwo. Die ist keine zwanzig Jahre alt und wurde von einem Politiker und Wirtschaftsmagnaten initiiert. Der gilt zwar ebenfalls als korrupt, wie viele seiner Kollegen in der Mongolei, doch immerhin, erklärt die Führerin, tut er was für sein Land. Er hinterlässt zum Beispiel eine riesige, sichtbare Statue für den berühmtesten Sohn des Landes — der ja selbst so gut wie gar nichts Sichtbares hinterlassen hat. Die Statue ist beeindruckend, und das Museum im Sockel durchaus sehenswert. Wenige Fahrminuten entfernt essen wir schliesslich noch Mittag, bei einem Mongolen, der Flüge im Gyrokopter anbietet. Allerdings nicht im Winter. Schade eigentlich, denn die Preise sind sehr zivil.

Gigantische Dschingis-Khan-Statue

Gigantische Dschingis-Khan-Statue

Danach geht es langsam zurück in die laute, versmogte Hauptstadt. Da wir noch etwas Zeit haben und ich Souvenire für die Verwandschaft kaufen will, geht es in einen „Factory Store“ der Firma Gobi – die mongolische Marke für echte Kaschmirwollprodukte. Dort herrscht richtiger Trubel, denn es ist Jahresendschlussverkauf.

Nach einem Abend im sehr empfehlenswerten Beer House gleich hinter der riesigen russischen Botschaft bricht auch schon die letzte Nacht an. Am nächsten Tag wartet wieder, wie verabredet, der Taxifahrer vor dem Hotel und bringt mich zurück zum Flughafen. Er wird etwas wehmütig: Ab 2017 soll der neue Flughafen in Betrieb genommen werden – dieser liegt dann 50 Kilometer entfernt von der Hauptstadt – zu weit für ihn, um, wahrscheinlich oftmals vergeblich, dort auf Reisende hoffend jeden Tag im Flughafen auf einen der wenigen Flüge zu warten.

Und hier noch ein Alltagsgruß aus Ulan Bator, kurz "UB" genannt

Und hier noch ein Alltagsgruß aus Ulan Bator, kurz „UB“ genannt

Das waren sie also – 6 Tage in der Mongolei, mitten im Winter. Ich muss auf jeden Fall noch mal hierher – und so schön es im Winter auch ist, möchte ich das ganze dann doch auch mal gern im Sommer sehen. Etwas länger, wenn möglich. Sowohl der Fahrer als auch die Führerin gehören jetzt zu meinen Facebook-Kontakten, also ist doch schon mal ein Anfang gemacht…

Vielen Dank für’s Lesen, und beim nächsten Mal geht es wieder weiter mit Japan!

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