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Feldbericht: Präfektur Niigata

August 16th, 2014 | Tagged | 6 Kommentare | 3710 mal gelesen

Auf die Frage an die Leser, wohin sie mich denn schicken würden, wollten mich ein paar Leser zur Atomruine nach Fukushima schicken – andere hingegen nach Niigata. Da ich es mir schwer vorstelle, ohne eigenes Vehikel in Fukushima viel ausrichten zu können, zog ich nun also nach Niigata.
Die Präfektur hatte ich in der Tat bisher vernachlässigt. Vor über 10 Jahren, damals noch lediglich ein Kurzzeitbesucher und so mit dem Railpass bewaffnet, fuhr ich einmal mit den Shinkansen nach Niigata Stadt und am Abend wieder zurück. Zu Beginn dieses Jahres folgte dann ein Skiausflug nach Yuzawa.

Die jetzige Tour war sehr kurz – drei Nächte, drei Tage, und zeichnete sich vor allem durch mangelnde Vorbereitung aus. So folgte ich dem Tipp, mir mal 燕三条 Tsubame-Sanjō anzusehen, da die Gegend bekannt für die Produktion hochwertiger japanischer Messer und anderer Metallerzeugnisse ist. Das stimmt zwar, aber um es vorzunehmen, lohnt sich ein Besuch nur, wenn man viel Zeit mitbringt und sich ordentlich vorbereitet, sprich, weiss, welche Manufakturen man besichtigen will. Für mich konnte das nur scheitern, da ich erst abends um 7 Uhr ankam und am nächsten Tag die Fähre von Niigata um 12:55 erreichen musste. Denn merke – es ist Obon, und da ist alles ausgebucht.

Schnappschuss aus Tsubame

Schnappschuss aus Tsubame

Tsubame-Sanjō erwies sich als hervorragendes Beispiel misslungener Stadtplanung. Der Bindestrich lässt erahnen, dass es sich eigentlich um zwei Orte handelt: Tsubame im Norden, Sanjō im Süden. Zwischen den beiden Orten baute man irgendwann die Shinkansentrasse und eine Autobahn. Die Konsequenz: Rund um den Shinkansenbahnhof baute man grosse Einkaufszentren und Restaurants en masse, während die Innenstädte mehr und mehr herunterkamen – dort gibt es so gut wie keine Geschäfte mehr. Zumindest Tsubame ist nun offensichtlich klar überaltert, und das gilt für die Infrastruktur, die Häuser und vor allem für die Bewohner. Dass die Gegend so bekannt ist für die Messer- etc.-Produktion, lässt man sich übrigens nicht anmerken – normalerweise werden an den Bahnhöfen in Japan die lokalen Besonderheiten gepriesen, wenn nicht gar verkauft, aber der Bahnhof von Tsubame war einfach nur heruntergekommen.

Nun gut. Mit dem Bummelzug ging es nach einer Nacht in einem stinknormalen Businesshotel nach Yoshida und von dort mit einem anderen Bummelzug nach Niigata. Der dortige, zugebenermassen nicht sonderlich schöne, Bahnhof wird momentan umgebaut, was, ein schönes Chaos im und um den Bahnhof herum zur Folge hatte. Ein kurzes Mittagessen, und weiter ging es mit dem Bus zum Fährterminal. Aus Neugier hatte ich beschlossen, mit der schnellen Fähre hin (ca. eine Stunde, rund 6,500 yen) und der langsamen Fähre (2,720 yen, 2:40 Stunden) zurückzufahren. Die Fähren waren natürlich ausverkauft, aber das war vorher zu erwarten, weshalb ich telefonisch vorbestellt hatte.

Tragflächenboote sind zwar schön schnell, aber man kann natürlich nicht an Deck und sieht nicht viel. Eine Stunde später war ich schliesslich in 両津 Ryōtsu, dem Haupthafen der Insel Sado (佐渡島 Sado-ga-shima). Übersetzt bedeutet der Name “Beide Häfen” – das bezieht sich wahrscheinlich auf die Tatsache, dass der Ort eine schmale Landzunge zwischen Meer und einem See einnimmt. Allzu viel gibt es nicht zu sehen, und so ging es weiter mit dem Bus auf die andere Seite der Insel – nach 相川 Aikawa. Das dauert ebenfalls eine Stunde. Ein Blick aus dem Fenster in Ryōtsu offenbarte ein vertrautes Bild: Nahezu alle Geschäfte waren für immer geschlossen worden, der シャッター通り-Effekt (Rolläden-Strasse, bezeichnet das Geschäftssterben in Innenstädten, da man dort nur noch geschlossene Rolläden sieht) hätte ausgeprägter nicht sein können.

Erzhüttenruine aus der Vorkriegszeit

Erzhüttenruine aus der Vorkriegszeit

Die blitzförmige Insel Sado ist einfach aufgebaut: Gebirge entlang der beiden langen Enden, eine Ebene in der verbindenden Gerade. Dort fuhr der Bus entlang, bevor er gen Norden fuhr. Natürlich ist die Ebene auch am dichtesten besiedelt. Aikawa ist jedoch eher verschlafen, und als ich an der Endhaltestelle ausstieg, stand ich inmitten eines Fischerdörfchens mit nichts herum. Nun war es schon nach 3 Uhr nachmittags, aber mein erklärtes Ziel war es, die Gold-und Silbermine 金山 Kinzan nahe Aikawa zu sehen. Da es weder Busse noch Taxis in der Gegend gibt, lief ich erstmal los und stand nach wenigen hundert Metern bereits vor einer beeindruckenden Industrieruine: Verhüttungsanlagen aus der Zeit vor 1945. Mit Erklärungstafeln in Japanisch und Englisch, und in recht gepflegtem Zustand. Hier hat man sich richtig Mühe gegeben, und die ganze Anlage hat ihren morbiden Charme.

Diesen Berg hat man vor hunderten Jahren regelrecht gespalten

Diesen Berg hat man vor hunderten Jahren regelrecht gespalten

Wenn man von dort noch mal gut 1.5 km die Strasse entlang durch saftig-grüne Wälder bergauf läuft, kommt man zur eigentlichen Goldmine. Die hat man seit 1601 erschlossen, und zwar erst oberirdisch: Man hat, deutlich sichtbar, einen komplettem Berg quasi zweigeteilt. Dann ging es unter der Erde weiter, und einen Teil der Stollen hat man zum Museum ausgebaut. Das schöne daran: Draussen sind es im Sommer schwüle 30+ Grad – unter Tage hingegen 12 Grad. Sehr erfrischend. Die Mine und das drumherum sind alles in allem recht interessant: Heute liegt die Insel Sado zwar nicht am A**** der Welt, aber sehr, sehr nah dran (man muss schon eine Weile paddeln, bis man … In Nordkorea landet), aber vor hunderten Jahren tobte hier der Mob: Zehntausende Arbeiter und die komplette Industrie drumherum (Köche, Regierungsbeamte, Prostituierte…) waren hier zugange, denn so viele Goldquellen hatte Japan nun auch nicht).

Es war nun schon reichlich spät, das Hotel relativ weit weg und Busse Fehlanzeige, also rief ich ein Taxi. Das Hotel war ein typisch japanisches Ferienhotel – Vollpension, Onsen, japanische Zimmer. Sehr seltsam, dort allein zu übernachten. Das Abendessen war gewohntermassen üppig, und da die Gegend für den Fischfang bekannt ist, gab es natürlich auch sehr viel rohen Fisch. Wie auch am Vorabend. Und dem Abend davor. Und dem Abend vor jenem ebenso. Ich liebe rohen Fisch, und vor allem an den ersten beiden Abenden auf Izu war jener sehr erlesen, aber vier Tage in Folge ist herb. Aber mit einem feinen Sake von der Insel passt es schon. Noch ein kurzer Spaziergang am Strand vor Sonnenuntergang, ein ausgedehntes Bad in der heißen Quelle und schon war der Tag vorbei. Ach ja – nachts konnte man vom Hotel aus zwei Tintenfischfangtrawler sehen – zu erkennen am gleissenden Licht, das bis in die Wolken strahlt. Ein unheimlicher Anblick (die Tintenfischboote sieht man sogar aus dem Weltall – siehe hier).

Sonnenuntergang an der Westküste von Sado

Sonnenuntergang an der Westküste von Sado

Der folgende Tag sollte nicht minder vollgepackt sein. Erst ging es mit dem Bus immer die Küste entlang bis 佐和田 Sawata, der Inselhauptstadt. Die ist in etwa so aufregend wie Kleinmachnow (obwohl, das ist ungerecht: Kleinmachnow ist interessanter). Zum nächsten Bestimmungsort, 小木 Ogi, fahren nur drei Busse am Tag. Eigentlich wollte ich mir auch Ogi ansehen anstelle von Sawata. Ich frage einen Taxifahrer, wieviel er für die 30 Kilometer verlangen würde, und er sagte 10’000 Yen, also 75 Euro. Das überraschte mich etwas, denn in vielen Gegenden Japans kann man bei langen Strecken eigentlich verhandeln – nicht so in diesem Fall. Das ist selbst mir zu viel – der Bus kostet 820 Yen – also schreibe ich Ogi ab.

Blick im Morgengrauen auf den Nordteil der Insel

Blick im Morgengrauen auf den Nordteil der Insel

Die Busfahrt von Sawata nach Ogi sollte sich jedenfalls lohnen, denn die Aussicht ist, so man auf der rechten, meerzugewandten Seite sitzt, spektakulär. Saftig-grüne Reisfelder, dahinter das durch Klippen durchstossene Meer und dahinter wiederum über 1’000 m hohe Berge. Im Bus spielen wir derweilen Ringelpietz mit Anfassen: Ich sitze, da ich einer der ersten im Bus war. Und ich schaue ent- und gespannt aus dem Fenster. Dann bemerke ich eine sehr junge, schwangere Frau und biete ihr meinen Sitzplatz an. Bei der nächsten Bushaltestelle werden die beiden einzelnen Plätze vor ihr frei. Ein Pärchen vor mir bemerkt das natürlich auch. Die Frau deutet ihrem Mann an, dass er mir den Platz anbieten sollte, da ich ja meinen gerade geräumt habe. Selbstlos, wie viele japanische Männer halt sind (Hauptsache, ICH habe einen Platz), tut er das mit einem verächtlichen Nicken ab, und schon sitzen die beiden. Auch sie sind nicht von der Insel, und ich habe natürlich nichts dagegen, dass sie da nun sitzen, aber dann geht es los: Er schläft sofort ein, und sie spielt auf ihrem Handy Blubberblasen zerplatzen lassen. Ja, wunderbar! Wenigstens wissen sie ihren Urlaub zu nutzen. Kurze Zeit später wird wieder ein Platz frei, ich sitze wieder, und stehe wieder als einziger auf, als eine tattrige Dame im Schneckentempo den Bus besteigt.

Typisch Sado: Reisfelder, Meer und Berge

Typisch Sado: Reisfelder, Meer und Berge

Kaum in Ogi angekommen, heisst es auch schon, die Autofähre zu besteigen. Da passen gut 1’000 Menschen rein, und offensichtlich auch ein paar Yakuza, die dort schön tätowiert aber leider auch leicht unterbelichtet Sprüche von sich geben. Das sollte an der Stelle mal gesagt sein: Bisher habe ich in all den Jahren in Japan unter den jungen Yakuza noch keine allzu hellen Lichter erlebt, aber das liegt auf der Hand – schliesslich werden die Brüder nicht von den Unis rekrutiert sondern quasi auf, nun ja, speziellen “Bildungswegen”, eher praxisbezogen sozusagen, auf die Arbeit vorbereitet.

Gute 2.5 Stunden später sind wir in 直江津 Naoetsu, einer tristen Industriestadt in Niigata. Die spärlichen Zugverbindungen schenken mir auch hier wieder über eine Stunde Aufenthalt, und ich stromere durch die Innenstadt. Das einzig neue dort ist der Bahnhof, ein kleines Hotel davor und die hässlichste Stahlskulptur, die ich je gesehen habe. Ansonsten stirbt auch hier offensichtlich die Innenstadt – fast alles ist auf ewig geschlossen. Das kleine Viertel mit den dutzenden Snack-Kaschemmen scheint sich dem entgegenzustemmen, aber auch von denen haben etliche schon aufgegeben. Oh, Niigata!

Naoetsu: Waschmaschinen-Direkteinleitung. Das Meer ist ja nicht weit.

Naoetsu: Waschmaschinen-Direkteinleitung. Das Meer ist ja nicht weit.

Noch eine Stunde geht es dann weiter mit dem Zug, Richtung Nagano, aber der Zielbahnhof liegt auf halber Strecke. Er heisst 妙高高原 Myōkō-Kōgen (Kōgen = Plateau). Ein Wintersportort unterhalb des markanten, rund 2’500 Meter hohen Myōkō-Berges. Das ganze erinnert an ein Wintersportort in der Schweiz, nur etwas heruntergekommener, denn auch hier sind die Besucherzahlen ganz offensichtlich während der letzten Jahrzehnte erheblich gesunken. Mein Hotel ist klein und ein Familienbetrieb – die Besitzer sind sehr freundlich, und zum Abend gibt es unter anderem – wer hätte das gedacht – rohen Fisch.

Die Bergwelt  von Niigata

Die Bergwelt von Niigata

Und der Blick Richtung Nagano...

Und der Blick Richtung Nagano…

Am nächsten Tag sollte es eigentlich den ganzen Tag regnen, aber ich habe Glück. Ich laufe ein paar hundert Meter, denn ich will mit einer Seilbahn auf 1’200 Meter Höhe fahren. Plötzlich hält ein Auto – nicht aus der Gegend – an, und die Beifahrerin fragt mich, wo ich hinmöchte. Die Frage ist berechtigt, denn der Bahnhof ist rund 5 km entfernt. Ich bin gerührt und bedanke mich herzlichst, aber ich bin auch dickköpfig und will erst Seilbahn fahren. Danach werde ich dann erwartungsgemäß mit einem 5 km Fußmarsch belohnt, aber das war sehr gut zeitlich abgestimmt. Kaum hatte ich den Bahnhof erreicht, fing es an, in Strömen zu regnen.

Etwas kamerascheu: Der Myōkō-Berg

Etwas kamerascheu: Der Myōkō-Berg

Am Bahnhof spricht mich plötzlich ein sehr alter, adrett aussehender Mann an. Richtig, ihn hatte ich erst am Vortag im gleichen Hotel gesehen. Er spricht recht gut Englisch und sagt, er ist ursprünglich Chemiker, und er hatte im Hotel von der Angestellten (mit der ich mich lang und breit am Abend an der Hotelbar unterhalten hatte) gehört, dass ich Geograph sei, und er hätte da gern meine Meinung zu einem Thema. Es ging ihm um die ideale Endlagerstätte für atomaren Müll, denn er müsse bald darüber einen Vortrag halten. Die Unterhaltung sollte eine geschlagene Stunde – bis Nagano – dauern. Im Laufe der Fahrt stellte sich heraus, dass er emeritierter Professor der Tokyo University (kurz: Tōdai, DIE Eliteuniversität Japans) ist. Die Diskussion war recht interessant – ich war lediglich etwas enttäuscht, als er mir zum Ende erklärte, dass jetzt Obon-Ferien sind und deshalb die Züge so voll sind. Und das, nachdem ich ihm erzählte, dass ich nunmehr seit 10 Jahren in Japan lebe. Und ihm etliche geologische Sachverhalte auf Japanisch erklärte, da er die englischen Fachbegriffe nicht kannte. Das schien ihm vom Automatismus “Ausländer = über Japan vollkommen unaufgeklärtes Wesen” nicht abzuhalten.

So auch noch nicht gesehen: Goldfische (und Karpfen) zwischen den Bahngleisen

So auch noch nicht gesehen: Goldfische (und Karpfen) zwischen den Bahngleisen

Und das war sie auch schon – die dreitägige Kreuz-und-quer-Tour. Wie immer viel zu kurz, aber besser als gar nichts. Fazit über die Insel Sado: Ein sehr schönes, abgelegenes, wildes Reiseziel. Aber ohne eigenes Vehikel (die Insel ist ein Paradies für Rad-, Krad- und Autofahrer) ist es ziemlich schwer, herumzukommen.

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Lesestoff: Fünf neue Seiten

März 5th, 2014 | Tagged , | 3 Kommentare | 3875 mal gelesen

So, damit mir niemand Faulheit vorwirft: Fünf neue Seiten innerhalb des Japan-Almanachs sind jetzt fertig und reif, auf die Öffentlichkeit (beziehungsweise Suchmaschinen) losgelassen zu werden. Alle 5 Seiten sind Teil des mittlerweile 130 Orte umfassenden Japan-Reiseführers. Als da wären:

Ishigaki:
http://www.tabibito.de/japan/ishigaki.html
Ishigaki ist eine Insel in der Yaeyama-Inselgruppe im Südwesten der Präfektur Okinawa. Und während mich die Hauptinsel von Okinawa nur halbwegs begeisterte, war ich von Ishigaki sehr angetan. Sehr viel Natur, traumhaft schöne Korallenriffe und äußerst nette Eingeborene.

Taketomi:
http://www.tabibito.de/japan/taketomi.html
Die Insel Taketomi liegt nur 10 Bootsminuten von Ishigaki entfernt und ist wesentlich kleiner. Schön ist der Ort in der Mitte, und auch die Strände sind traumhaft schön – und das sagt jemand, der sich eher durch die Berge hangelt als an Stränden herumzulungern. Nur der versprochene Sternensand ist schwerer zu finden, als man glauben mag: Es gibt nicht mehr viel Sternensand am Sternensandstrand.

Iriomote:
http://www.tabibito.de/japan/iriomote.html
Noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts malariaverseucht, sind zahlreiche Versuche fehlgeschlagen, die größte der Yaeyama-Inseln umfassend zu besiedeln. Und so ist Iriomote auch heute noch ein Unikum in Japan: Eine sehr spärlich besiedelte Gegend mit sehr viel Natur. Dazu zählen auch die größten Mangroven Japans… und die sich rar machende Iriomote-Wildkatze.

Yubu:
http://www.tabibito.de/japan/yubu.html
Die Insel ist so klein, dass ich überlegen musste, ob ich ihr eine eigene Seite widme. Aber warum nicht. Schliesslich ist Yubu die wahrscheinlich einzige Insel in Japan, die man nur mit Wasserbüffelkarren erreichen kann.

Hamamatsu:
http://www.tabibito.de/japan/hamamatsu.html
Hamamatsu liegt zwischen Tokyo und Nagoya in der Präfektur und ist Japans “Little Brazil” – hier gibt es die größte brasilianische Kommune in ganz Japan. Wer sein portugiesisch aufpolieren möchte, japanisch zubereiteten Aal liebt oder im Hamanoko-See durch Unmengen von Einsiedlerkrebsen waten will, ist hier richtig aufgehoben.

Und das war es auch schon. Einiges mehr ist bereits in Arbeit. Zu einigen Destinationen sei hier noch Zooming Japan anempfohlen: Die Autorin ist nicht faul und hat auch zu etlichen oder gar allen oben genannten Reisezielen etwas geschrieben (alles auf Englisch, wohlgemerkt).

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Skiurlaub

Februar 14th, 2014 | Tagged , | 3 Kommentare | 2368 mal gelesen

Skigebiet in der Präfektur Niigata

Skigebiet in der Präfektur Niigata

Da hat es mich doch nach gut 10 Jahren in Japan neulich zum ersten Mal in ein Skigebiet in Japan verschlagen. Das letzte Mal, dass ich auf zwei Brettern stand, war da ungefähr 28 Jahre her. Und wenn ich mich recht erinnere, war das damals eine wackelige Angelegenheit und sowieso sehr schnell vorüber, da einer der Mitschüler, es war Klassenfahrt, in einen Bach gefallen war. Dieses Mal ging es mit einem Großteil der Familie zum Skifahren. 11 Leute, mit 4 Kindern zwischen 1 und 7 Jahren. Letztendlich weiß ich nicht, was anstrengender war: Das ganze Equipment, alles geliehen, oder die Kinderschar zusammenzuhalten. Am liebsten wäre ich ja mal Snowboard gefahren, aber ich habe mich schliesslich der Mehrheit gefügt und Skier ausgeliehen. Als ich sah, wie ein paar Snowboardamateure mit ihren Brettern wie reife Trauben vom Lift plumpsten, hielt ich die Entscheidung im Nachhinein für richtig.

Eigentlich sollte man öfter mal Ski fahren. Ist ja schliesslich einfach hier. Zwar fällt in Tokyo direkt nur ganz selten viel Schnee (obwohl es morgen wohl wieder kräftig schneien soll), aber mit dem Shinkansen braucht man nur eine gute Stunde, und schon steht man im Tiefschnee. Mangels Vergleich weiss ich nun nicht, ob Skifahren in Japan anders läuft als anderswo. Wahrscheinlich nicht. Man braucht viel Geld (Ausrüstung, Übernachtung, Lifte, Schließfächer usw.) und viel Geduld, wenn man über die Feiertage verreist. Die Pisten, die wir gesehen haben, waren bestens präpariert. Helme scheinen weitgehend unbekannt zu sein – ich habe niemanden mit Helm gesehen. Und Snowboards sind genauso häufig anzutreffen wie Ski. Kein Wunder, dass Japan in Sotschi beim Snowboarden “abgeräumt” hat, wenn man das bei einer Bronze- und Silbermedaille so sagen kann. Und – viele scheinen ihre Kinder gern auf die Piste zu schicken. Mehrfach haben mich zahlreiche Knirpse in ziemlich hohem Tempo überholt.

Fazit: Wenn man schon so nah an den Bergen wohnt, sollte man das wohl tatsächlich öfter machen. Waren zwar nur zwei Tage, aber Spass macht es allemal, und Pisten gibt es in allen möglichen Schwierigkeitsstufen reichlich. Also dann – Ski heil!

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2013 – Ein Abgesang / Gesundes Neues Jahr!

Dezember 31st, 2013 | Tagged , | 12 Kommentare | 3629 mal gelesen

Ich melde mich mit einem letzten Blogeintrag in diesem Jahr zurück von meinem Kurzurlaub auf den 八重山諸島 – Yaeyama-Inseln – die gehören zur Präfektur Okinawa und liegen zwischen der Insel Okinawa und Taiwan, wobei Taiwan wesentlich näher ist. Wie es war? Vom Wetter einmal abgesehen prächtig, aber mehr dazu mit Sicherheit in einem späteren Eintrag. Nur soviel: Während mich die Insel Okinawa zwar halbwegs begeistert, mich jedoch nicht unbedingt vom Hocker gerissen hat, war ich von den Inseln Ishigaki, Iriomote und Taketomi schwer begeistert. Dorthin fliege ich gerne wieder zurück. Hoffentlich zu einer anderen Jahreszeit, denn zu dieser Jahreszeit ist das Wetter gelinde gesagt suboptimal. Immerhin kamen wir, wie uns versichert wurde, in den einzigen Tag mit Sonnenschein im Dezember.

Kabira-Bucht auf der Insel Ishigaki

Kabira-Bucht auf der Insel Ishigaki

An dieser Stelle jedoch erstmal der obligatorische Jahresrückblick. Hier also ein kurzer Abriß des ablaufenden Jahres 2013:

Politik
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Erwartungsgemäß hatte man vom Rumgewurstel der Demokraten genug und wählte prompt die nach dem Krieg für Jahrzehnte das Land regierenden Liberaldemokraten zurück an die Macht. Der Ministerpräsident heißt seitdem wieder Abe, und er macht, was man erwartet hat: Er verfolgt eine unverblümt nationalistische Agenda, legt sich mit Südkorea und China an (so zum Beispiel durch den Besuch des Yasukuni-Schreins im Dezember) und findet dankbare Gegner: China lässt sich nicht lumpen und läßt die Lage um die Senkaku-Inseln mehr und mehr eskalieren. Das Ende ist offen und wird auch im neuen Jahr für manche Schlagzeile gut sein.
Die Liberaldemokraten nutzen ihre Mehrheit in beiden Kammern schonungslos – das zeigte sich bei der Verabschiedung des Gesetzes zum Schutz von Geheiminformationen im November, was nicht ohne starke Proteste vonstatten ging, doch das liess die Regierenden kalt.

Wirtschaft
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Das Stichwort des Jahrs lautet Abenomics: Ein gigantisches Konjunkturprogramm auf Kosten nachfolgender Generationen. Das Rezept schien soweit in diesem Jahr aufzugehen. Der Yen verlor endlich stark an Boden gegenüber dem Dollar, dem Euro und anderen Leitwährungen. Japanische Produkte werden dadurch billiger im Ausland, und der Außenhandel brummt. Die Börse befindet sich seit Monaten im Höhenflug, und man fragt sich (mal wieder), wie lange das noch gut gehen kann. Wegweisend für die folgenden Jahren waren zudem zwei Ereignisse: Der endgültige Beschluss, die Mehrwertsteuer am 1. April 2014 von 5 auf 8 Prozent zu erhöhen. Sowie die Entscheidung des IOC, die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokyo auszurichten. Davon verspricht man sich starke wirtschaftliche Impulse. Auch auf die Englischerziehung in Schulen, ein altes, leidliches Thema, soll die Entscheidung grossen Einfluss haben.

Beruf
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Status: Unverändert. Ich stecke in einer Sackgasse, aber es gibt schlimmere Sackgassen als die jetzige.

Familie
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Kinder gesund und munter. Töchterchen geht seit April zur Schule, und Sohnemann entpuppt sich als mindestens genauso gesprächig wie seine Schwester. Die Kinder machen nach wie vor viel Spass und ich geniesse jede Minute mit ihnen.

Reise
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Allzu viel neues stand dank mangelnden Urlaubs nicht auf dem Plan. Im Mai ging es für gerade mal zwei Tage nach Yamanashi und Nagano, genauer gesagt in die Gegend des Yatsugatake. Im August ging es nach über 2 Jahren mal wieder in die Heimat, und es war sehr erfrischend, dort viele gute alte Freunde (und Verwandte natürlich) zu treffen. Die Flugverbindung liess auch zwei sehr kurze Ausflüge (jeweils einen Tag) in den Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate zu. Land Nr. 52 und 53 also – es gibt noch so viel mehr zu entdecken.

Hinzu kam schliesslich noch die 5-Tages-Tour mit Frau und Kindern nach Ishigaki. Und das war, wenn auch reichlich anstrengend, Balsam für die Seele.

Blog +α
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Dieses Jahr gab es 77 neue Beiträge mit 752 Kommentaren. Das ist etwas weniger als 2012 (80 Beiträge, 812 Kommentare). Das gleiche gilt für die Besucherzahlen: 2013 verzeichnete der Blog allein ca. 145,000 Seitenaufrufe. Im Jahr 2012 waren es 152,000 Seitenaufrufe. Die durchschnittliche Verweildauer blieb gleich: 3,5 Minuten. Und das ist kein schlechter Schnitt. Bei den Suchbegriffen mit 81 Hits auf Platz 30: “Nackte Frauen”. Ich weiss nicht, was ich davon halten soll. Aber nicht überraschend fliehen 95% der Besucher, die über diesen Begriff auf den Blog gelangen, umgehend wieder. Vielleicht sollte ich mal einen längeren Beitrag nur über nackte Frauen schreiben!?

Aus Lust und Laune entstanden auch noch ein paar weitere Projekte in diesem Jahr – zum Beispiel der englischsprachige IT-Blog Tech Notes, die japanischsprachige Webseite URAYA.SU (in die ich im kommenden Jahr viel Energie investieren möchte) oder die komplette Überarbeitung der japanischen Webseite. Der Blog wird freilich weitergeführt. Beinahe 8 Jahre ist der Blog nun alt und 783 Einträge schwer – und an dieser Stelle möchte ich mich natürlich wieder herzlichst bei allen Lesern und Kommentatoren bedanken und hoffe, Ihr bleibt mir auch im kommenden Jahr treu!

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein gesundes Neues Jahr 2014, das Jahr des Pferdes! Bleibt tapfer!

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Ausflug ins Grüne – Yatsugatake

Mai 7th, 2013 | Tagged , | 5 Kommentare | 1074 mal gelesen

Yatsugatake-Massiv, von Nobeyama aus gesehen

Yatsugatake-Massiv, von Nobeyama aus gesehen

Es ist Goldene Woche – Kind hat Ferien, es gibt vier freie Tage am Stück, und die möchte man dann doch nicht komplett zu Hause verbringen. So denken 130 Millionen Japaner alljährlich, und so zieht alles durchs Land, was genug Zeit und etwas Kleingeld übrig hat. So auch wir, und es war gleichzeitig ein guter Anlaß, gute Freunde wiederzusehen und gemeinsam durch die Gegend zu streifen. Das Ziel dieses Jahr war das 八ヶ岳 Yatsugatake-Massiv, das sich zwischen den Präfekturen Nagano und Yamanashi auf 30 km Länge hinzieht. Die Gipfel im Massiv sind bis zu 2’899 Meter groß.

Eigentlich ist Reisen in der Goldenen Woche ein Alptraum, denn alles ist hoffnungslos überfüllt. Erst recht, wenn man recht spontan entschieden hat und dadurch keine Fahrkarten reservieren konnte. Die Reise begann auch gleich gut am Herkunftsbahnhof beim Fahrkartenkauf. “Zwei Erwachsene, ein Schulkind, bis Kōfu bitte” sagte ich der Schalterdame, und die schaute mich gleich mitleidig an: “Oh je – es gab einen Personenschaden in Shinjuku, deswegen stehen alle Linien in die Richtung, und wir wissen nicht, wann es weitergeht. Wollen Sie trotzdem…?”. Personenschaden – das kann ein Selbstmörder sein oder einfach zu viel Gedränge auf dem Bahnsteig, und letzteres ist beim mit 1.4 Milliarden Passagieren pro Jahr weltweit meistfrequentierten Bahnhof Shinjuku kein Kunststück. Mit 30 Minuten Verspätung und viel Herumsteherei unterwegs ging es dann jedoch trotzdem los. Wir trafen uns mit unseren Freunden in Hachiōji (Westen Tokyos), um von dort in den ebenfalls aus Shinjuku kommenden und verspäteten Expresszug umzusteigen. Platzkarten hatten wir nicht, und die Waggons mit den nicht reservierbaren Plätzen waren proppevoll. Aber immerhin dauerte die Fahrt nur eine Stunde, und schon waren wir dort. In Kōfu ging es erstmal zum Hōtō-Essen – das sind sehr breite, dicke Nudeln in einer sehr gesunden Suppe, mit halben Kürbissen, Kartoffeln, Mohrrüben, Tarō-Kartoffeln, Bohnen und was-weiß-ich. Sehr angenehm, wenn man sehr breite, dicke Nudeln mag, und eine der Spezialitäten der Präfektur.

'Ist das Ihr Kind auf dem Trekker?' - 'Öhm, wie kommen Sie darauf!?'

‘Ist das Ihr Kind auf dem Trekker?’ – ‘Öhm, wie kommen Sie darauf!?’

Shōsenkyō oder nicht, lautete die Entscheidung danach. Oder: Mit Bus und Seilbahn fahren, oder mit dem Zug. Die lange Schlange an der Bushaltestelle versprach nichts Gutes, und so ging es mit dem Expresszug weiter bis nach 小淵沢 Kobuchisawa und von dort mit einer Ferkeltaxe bis zum Bahnhof 清里 Kiyosato, einem Ortsteil der Stadt Hokuto, und immerhin schon auf über 1’200 Meter Höhe gelegen. Ohne eigenes Gefährt kommt man von dort allerdings nicht weg, und so gingen wir zum nahegelegenen Park 萌え木の村 Moegi-no-mura (wörtlich: Wachsender-Baum-Dorf) – ein liebevoll angelegter Park, in dem man versucht, die Landwirtschaft mit dem quengelnden Nachwuchs oder andersrum vertraut zu machen. Der Eintritt ist frei, es gibt viel in der Gegend produziertes Essen und alles in allem ist die Idee nett und für Kinder durchaus schön. Seit 1971 gibt es die Anlage, und sie ist unter anderem einem amerikanischen Priester namens Paul Rusch zu verdanken, der von 1925 bis zu seinem Tod 1979 in Japan lebte (mehr dazu siehe hier).

Nach ausreichender Bespaßung ging es zurück zum Bahnhof, nur um festzustellen, dass der vor unserer Nase abfahrende Zug der letzte für die folgenden 1.5 Stunden sein sollte. Wir beschlossen ein frühes Abendessen und liefen zu einem uns empfohlenen Restaurants, das sich wohl auf Aufläufe spezialisiert. 17:15 waren wir dort, und laut Schild sollte 17:30 geöffnet werden. Wir warteten, und 10 Minuten später warteten mit uns schon um die 10 Leute hinter uns. Ein gutes Zeichen! Kurz vor 17:30 steckte eine Frau den Kopf raus und sagte “Bitte warten Sie noch ein bisschen!”. Es wurde 17:30. Dann 17:40. Unser Zug sollte 18:30 fahren, das wird knapp. Um 17:45 macht man auf. Wir sind die ersten, werden in die hinterste Ecke platziert, und dann nimmt man die Bestellungen auf. Von allen anderen Gästen zuerst. Wir machen uns um die Zeit Sorgen, und als die Bedienung endlich zu unserem Tisch kommt, fragen wir vorsichtshalber: “Unser Zug fährt 18:30. Schaffen wir das?” Die Antwort ist recht barsch: “Nein, das wird wohl nichts”. Also trollen wir uns hungrig. Entweder mag man in dem Restaurant keine Hektik, keine Ausländer, oder keine Kinder. Scheinbar war letzteres der Fall: Als wir das Restaurant verliessen, sahen wir einige kleine Aushänge: “Bitte im Restaurant keine Windeln wechseln”. “Bitte Kinder nicht frei herumlaufen lassen” und noch ein paar andere Verbotsschilder. Geschenkt.

In diesem Restaurant bleibt wohk die Küche kalt

In diesem Restaurant bleibt wohk die Küche kalt

Also fahren wir einen Bahnhof weiter, denn dort übernachten wir. Wir rufen die Pension an, denn das sollen wir so tun, damit man uns abholen kann. Wir haben nun aber noch nichts gegessen. Die Frau am Telefon sagt: “Sie können beim Onsen (Anmerkung: Heiße Quelle) etwas essen. In dem Fall kommen wir einfach zum Bahnhof, geben Ihnen die Freikarten für die heiße Quelle, und wenn Sie dort fertig sind, rufen Sie uns nochmal an, und wir holen sie von der heißen Quelle ab”. Das ist in der Tat sehr zuvorkommend. Gesagt, getan. Ein älterer Mann holt uns mit dem Auto ab, gibt uns die Freikarten, und chauffiert uns zum 200 Meter vom Bahnhof entfernten Onsen. Dort ist scheinbar Himmel und Hölle in Bewegung – das Onsen ist hoffnungslos überfüllt, aber da wir schon mal dort sind… In der angrenzenden Speisehalle essen wir noch ein paar Kleinigkeiten, während sich mein 2-jähriger dazu entscheidet, alle anderen Anwesenden im Saal, und das sind nicht wenige, durch seine Gesänge in einer auch den Eltern völlig unbekannten Sprache, sein Gerenne und sonstiges Rowdytum zu unterhalten. Ich hätte ja gern behauptet, ich kenne das grölende Kind nicht, aber die Herkunft lässt sich schwer verleugnen, zumal ich der einzige Ausländer bin.

Gegen 9 Uhr spuckt uns das Riesen-Onsen aus in die Dunkelheit. Der Pensionsmensch hatte uns zuvor erklärt, dass es nur 200 Meter bis zur Pension seien, wir ihn aber trotzdem anrufen sollen, da es wegen der Dunkelheit schwer zu finden sei. Wir versuchen kurz unser Glück allein, aber es ist in der Tat dunkel wie im Bären*****, also rufen wir ihn an. Er fährt los – mehrere hundert Meter bis zu einer Brücke, dann links, rechts, links, hinein in den Wald und immer einen Waldweg entlang. Als der endete, fährt er einen noch schmaleren Weg entlang. Das waren die längsten 200 Meter, die ich je gesehen habe. Wir hätten es bis heute nicht gefunden. Das Zimmer ist nett eingerichtet. Eine Pension wohlgemerkt, also europäischer Stil, mit echten Betten. Und was passiert also, wenn man zwei an Futon gewöhnte Kids auf Betten losläßt? Heissa! Es dauert eine Stunde, bis sie sich endgültig beruhigen und schlafen legen. Der alte Mann, wohl der Herbergsbesitzer, meinte vorher zu mir: “Wenn Sie rauchen wollen oder ein Bier trinken wollen, kommen Sie einfach ins Wohnzimmer!”. Gesagt, getan, als alles schlief. Das Wohnzimmer sieht aus wie ein Museum. Der Pensionsbesitzer und seine agile Frau sitzen mit zwei Stammgästen (wie ich später erfahre) am Tisch und schauen fern, während sie abwechselnd einen ordentlich großen Labrador kraulen. Wie eine Familie sitzen sie da, und verwickeln mich sofort in ein Gespräch. Das angenehme ist, dass die Leute nicht aufdringlich sind und mich als Ausländer behandeln, sondern “ganz normal” mit mir reden. Das ist relativ selten in Japan und sehr angenehm. Man ist wirklich “at home”, und der alte Mann nötigt mich noch zu Kartoffelchips (nicht willkommen) und einer Dose Japans besten Bieres (sehr willkommen) auf. Wer also mal zufällig in der Gegend weilt und nicht unbedingt auf Tatami und Futons aus ist – das Casa de Poco in Kai-Ōizumi (甲斐大泉駅) ist als Bed & Breakfast eine durchaus empfehlenswerte Option. Eine Nacht inklusive Frühstück kostet 6’000 Yen und ein großes Onsen und der Bahnhof sind in Laufweite. Einziger Nachteil: Man kann dort nicht zu Abend essen, und allzu viele Möglichkeiten dazu gibt es nicht in der Nähe.

Japans höchstgelegener Bahnhof: Nobeyama

Japans höchstgelegener Bahnhof: Nobeyama

Am nächsten Tag ging es nach einem mehr oder weniger englischen Frühstück los zu einem Spaziergang in der Gegend. Da der Ort so hoch liegt, beginnt hier der Frühling erst einen Monat später als in Tokyo. Sprich, alles was Blüten hat blühte. Mit schneebedeckten Bergen im Hintergrund und rundherum. Nur der Fuji-san liess sich nicht blicken, denn dafür war es schon zu diesig. Der zweithöchste Berg Japans, der fast 3’200 Meter hohe Kita-dake, war jedoch schön zu sehen, und so auch ein großer Teil der anderen Gipfel der japanischen Südalpen. Wir fuhren mit der kleinen 小海線 Koumi-Linie zwei Stationen weiter bis zum Bahnhof 野辺山 Nobeyama – der liegt bereits in der Präfektur Nagano und ist mit 1’345 Meter Höhe (Schweizer werden darüber lächeln) der höchstgelegene Bahnhof Japans. Wie schön. Nach dem nördlichsten Bahnhof Japans (in Wakkanai) und dem Bahnhof mit dem längsten Namen (Chōjagahamashiosaihamanasukōenmae) ist nun also auch das abgehakt. Leider gibt es jedoch im Ort selbst nicht viel zu sehen. Es gibt eine Panoramaplattform in einem kleinen Park mit Blick auf das Yatsugatake-Massiv, doch der Ausblick wird wunderbar von schwer ignorierbaren Stromleitungen und einer Schnellstraße gestört. Nun müssen wir also zwei Stunden Zeit bis zum nächsten Zug totschlagen, aber das geht letztendlich ganz schnell: Wir suchen ein Restaurant, laufen dorthin, bestellen… und warten ewig auf das Essen. Man hat scheinbar alle Zeit der Welt, aber das ist mir schon seit langem aufgefallen: Der Zeitdruck und die Geschwindigkeit in japanischen Städten ist eine Sache – das Leben auf dem Land eine andere. Dort braucht man für alles etwas länger, und man merkt schnell, wie sehr man sich doch an das Leben in einer Großstadt gewöhnt hat: Kommt das Essen erst 10 Minuten oder später, wird man nervös. Aber das Warten sollte sich lohnen: Ich vergriff mich an ein Gericht namens 石焼薫タンラーメン – Ramen (Nudelsuppe) mit geräucherter Rinderzunge im Steintopf, und es war mal etwas Neues und sehr empfehlenswert.

Passabel: Geräucherte-Rinderzunge-Ramen

Passabel: Geräucherte-Rinderzunge-Ramen

Weiter ging es danach mit der gleichen Bahnlinie Richtung Norden, anderthalb Stunden lang quer durch … Landschaft, bis nach 佐久平 Saku-Daira – von dort kann man mit dem Shinkansen weiterfahren. Das taten wir auch, und die Kinder waren natürlich begeistert. Bis zum Einsteigen, denn natürlich war der Shinkansen hoffnungslos überfüllt, so dass wir die 75 Minuten bis Tokyo stehend verbrachten. Aber wer sich darauf einläßt, in der Goldenen Woche zu verreisen, muss immer damit rechnen. Es hat sich trotzdem gelohnt, und diese (oder eine ähnliche Tour) kann ich nur empfehlen. Das ganze ist auch als Tagesausflug von Tokyo machbar (und Railpass-Benutzer haben es gut, denn alle Bahnlinien sind JR und damit nutzbar), aber ein oder zwei Übernachtungen sind mehr als gerechtfertigt. Ich werde irgendwann wiederkommen, wenn es etwas wärmer ist: Die Berge im Yatsugatake-Massiv reizen mich.

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Billiger Fliegen? Nur … wohin?

März 6th, 2013 | Tagged , | 28 Kommentare | 1411 mal gelesen

Mein erstes Flugzeug nach Japan, 1996 - Air India

Mein erstes Flugzeug nach Japan, 1996 – Air India

Überall ist davon die Rede, dass Fliegen billiger geworden ist. Sicherlich, auf etlichen Routen in Europa oder auch von Europa in die USA kann man heuer billiger fliegen als noch vor einigen Jahren. Dumm nur, dass der Trend bei Flügen Richtung Japan bzw. andersrum nicht im Trend zu liegen scheint.

Als ich 1996 zum ersten Mal nach Japan flog, bezahlte ich knapp 1’400 DM. Und das war nicht der billigste Flug. Aber dafür, dass es über Indien ging und ich dort für eine Weile Zwischenstatiom machen konnte, erschien mir der Preis gerecht. Ein Jahr später ging es mit Aeroflot nach Japan – für gute 1’000 DM. Und damals war wenigstens alles im Preis inbegriffen.

Heute sieht das schon anders aus: Sicher, es gibt günstige Flüge von und nach Japan in eher unbeliebten Jahreszeiten und wenn man genau 2346 Stunden im Voraus bucht, null Ansprüche hat und 2 Minuten nach Buchung mit einer gewissen Kreditkarte bezahlt, aber für Otto Normalverbraucher, der in Japan arbeitet und zu halbwegs regulären Zeiten Urlaub hat, sieht es schon… nun ja, schwieriger aus. An dieser Stelle deshalb mal eine kurze Übersicht über Preise, die man mir so mitteilte. Geflogen werden soll in der Zeit zwischen 31. Juli und 17. August, von Tokyo nach Berlin:

Interessant war, dass es scheinbar recht egal ist, ob man in Deutschland bucht oder in Japan. Travel-Overland meinte, es wäre kein Problem, in der entgegengesetzten Richtung zu buchen. Ausserdem waren Travel-Overland die einzigen, die einen kleinen Rabatt für Kinder über 2 Jahre anbieten (rund 200 Euro) – in Japan bezahlt ein 2-jähriges Kind (bzw. deren Eltern natürlich) bereits den vollen Preis.

Hmmm. Mal rechnen. 1’500 Euro mal 4 Personen = 6’000 Euro. Nicht schlecht. Ach, was waren das früher für Zeiten :)

Für Tipps bezüglich günstiger Flüge von und nach Japan wären ich — und sicherlich viele Leser auch — sehr dankbar.

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Grün. Wolken. Onsen. Hitze. Grün. Kyushu III

September 5th, 2012 | Tagged , | 6 Kommentare | 889 mal gelesen

Fortsetzung von Teil I und Teil II

Ansehnlich: Die Takachiho-Schlucht

Nach einer zweiten Nacht im Kellerverlies des Hotels im Kumamoto ging es am nächsten Morgen mit dem Bus nach 高千穂 Takachiho in der Präfektur Miyazaki. Ahh, Miyazaki! Endlich! Meine letzte Präfektur. Der Ort liegt “hinter” dem Aso-Massiv, mitten in den Bergen und ist sehr klein. Die letzte Zugverbindung wurde 2003 abgeschafft, und der Ort ist weit verstreut. Es gibt zwar regelmäßige Busse zwischen dem Busbahnhof und der Hauptsehenswürdigkeit, aber ansonsten muss man sehr weit laufen oder mit dem Taxi fahren. Wir gingen erstmal zum Fremdenverkehrsamt und liessen uns dort einiges erklären. Zum Mittagessen empfahl man uns das Cafe “Kalinka” gleich nebenan, und es wurde zu einer Zeitreise: Retro. Japan in den 80ern! Die Ausstattung, die Fenster (aus der Zeit: immer gerundet!), die Karten an der Wand, die Manga in den Regalen, die Blütezeit der Angestellten – alles war aus den 1980ern. Die Bedienung war sehr, sehr nett und die Atmosphäre das, was man überall als “authentisch” bezeichnen würde. Nicht im Sinne von “traditionell Japanisch”, sondern “neuzeitlich, leicht angestaubt Japanisch”. Das sollte uns recht sein. Zumal es “チキン南蛮 – (Chikin Nanban) – “Hühnchen auf Westliche Art”. Mariniertes und gebratenes Hühnerfleisch mit Tartarsauce. Was Fish & Chips für England ist “chikin nanban” für Miyazaki. Sehr westlich.

Da es einfach nur brütend heiß war, nahmen wir ein Taxi zur berühmten Schlucht von Takachiho. Der Taxifahrer schaffte es, innerhalb von 10 Minuten ungefragt Vorträge über die Vorzüge der japanischen Okkupation der koreanischen Halbinsel, die misslungene Außenpolitik Nordkoreas, das Fremdenverkehrswesen in Takachiho sowie die Geologie des Aso-Vulkans zu halten. Leider war der Dialekt nicht stark genug, um ihn nicht zu verstehen. Aber egal. In der Schlucht angekommen, zahlten wir und waren von den Menschenmengen überwältigt, aber was hätten wir auch anderes erwarten sollen: Es war O-Bon-Zeit. Halb Japan hat Urlaub. Die Takachiho-Schlucht: Dort soll es schöne Wasserfälle geben, und man soll mit kleinen Booten an die Wasserfälle heranfahren können, was sich interessant anhörte. Der Taxifahrer nahm uns jedoch – zum Glück wohlbemerkt – die Vorfreude: “Also, dieses Jahr sind es ja viel weniger Touristen, da ja die Boote nicht mehr fahren”. “Die Boote – nicht – mehr – fahren?” Wie jetzt? Nun, während der Sintflut im Juni schwoll wohl der kleine Fluss stark an, und ein Boot kenterte. Das passierte wohl auch vorher, weshalb Rettungswesten zur Pflicht wurden, aber im Juni war wohl das Maß voll: Die Bootstouren wurden verboten. Das war natürlich schade, aber andererseits konnte man so die Schlucht von oben ganz ohne Boote bewundern. Und der Anblick war phantastisch: Ein schmaler, smaragdgrüner Fluss, eingeengt durch vertikale Felswände, und ein Wasserfall, der sich in den Fluß ergiesst. Das alles war eingerahmt von Grün. Sehr viel Grün. Von den fantastischen Gesteinsformationen, die jeden Geologen in einen Rausch verfallen lassen würden, mal ganz zu schweigen – die Schlucht ist ein kleines Paradies.

Hier hat sie sich also versteckt...

Zu Fuß ging es zurück zum Ort, zu einem bekannten Schrein. Von dort ging es wieder weiter mit dem Taxi – zu einem rund 8 km entfernten Ort mit mystischer Bedeutung. Der hat mit der Entstehungslegende Japans zu tun – genauer gesagt mit der Sonnengöttin Amaterasu. Die wichtigste Göttin des Shintōismus, Göttin der Sonne und des Lichts und Ahnherrin der japanischen Kaiser, verkrümelte sich der Legende nach in einer Höhle bei Takachiho, da sie erbost über ihren ungezogenen Bruder Susanō war. Mit ihr verschwand das Licht, und die Welt stürzte in Finsternis. Die anderen Götter hießen das nicht gut und lockten sie aus der Höhle – unter anderem mit einem göttlichen Spiegel.
Unser Taxifahrer fragte uns, wie lange wir dort zu bleiben gedenken. Er sagte, dass man in weniger als einer halben Stunde mit dem Schrein “fertig” sei – und falls wir danach wieder ein Taxi bräuchten, könne er warten. Das war uns ganz recht. Seine Beschreibung war allerdings nicht ganz eindeutig. Er erwähnte den Schrein, und dann noch ein Sanktuarium irgendwo weiter entfernt am Fluss, wobei es jedoch viel Zeit bräuchte und es mit den Kindern sowieso zu schwer sei, das auch noch zu sehen. Nun, eine Minute nach dem Verlassen des Taxis standen wir schon vor dem Schrein, doch alle Besucher zogen weiter – am Schrein vorbei. Wir folgten. In den Wald hinein. Wir folgten. Runter zu einem Fluß – wir liessen uns treiben. Wir liefen und liefen, und plötzlich standen wir vor diesem großen, schwarzen Loch am Fluß. Ja, das wollte ich sehen! Nicht nur Schrein #3642. Hier ist sie also, die Wiege Japans, der mystische Ort, der auf neu-japanisch als “Power Spot” bezeichnete Ort. Ich fühlte mich zwar nicht sonderlich anders, aber der Ort als solcher ist in der Tat … mystisch. Das Wort passt schon. In dieser – zugegebenermaßen nicht sehr tiefen – 仰慕ケ窟 Gyōbo-ga-iwaya genannten Höhle versteckte sich also Amaterasu. Und vor der Höhlen beratschlagten sich der Legende zufolge Japans 8 Millionen Götter, wie man sie wieder hervorlocken könnte.

Wir machten uns langsam Sorgen um die Zeit. Ein Taxi zu chartern und warten zu lassen hat seine Vorteile. Normalerweise versuche ich das jedoch zu vermeiden, und wieder zeigte sich, warum: Wir standen unter Zeitdruck. Aber das ging schon in Ordnung, schließlich ist es kleinen Kindern ziemlich schnuppe, wo und warum sich irgendwelche Tanten mal versteckt hatten. Als wir wieder zurück an der Straße waren, gab es erstmal ein Mangoeis für die Kinder. Töchterchen beschloß, sich auf etwas aufzustützen, auf was man sich nicht aufstützen sollte, und somit 10 Sekunden nach Bezahlen des Mangoeises selbiges auf die Straße vor dem Kiosk zu verteilen. Das spontan einsetzende, steinerweichende Gesicht (erinnert sich jemand an den gestiefelten Kater in Shrek? Ja, genau so) von Töchterchen liess den Eisverkäufer sofort Ersatz anbieten. Zur gleichen Zeit rief uns ein Taxifahrer von der anderen Strassenseite an: “Hey, sind sie die, die mit Taxi zurückfahren wollten?” Es war nicht unser Taxifahrer, sondern sein Kollege. Wir waren bereits seit gut 40 Minuten unterwegs, und entsprechend war unser Fahrer wahrscheinlich in der Bredouille – fuhr er ohne uns los, wäre das schlecht, doch wenn er nicht weiss, wann wir zurückkommen, verliert er potentielle Kunden. Sein Kollege gab entsprechend sofort per Funk durch, dass man uns gesichtet hat. Also ging es schleunigst zurück zum Gefährt. Der Fahrer war ein kleines bisschen angesäuert, aber er gab sich redlich Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. Die Leute in Takachiho waren alle sehr nett und geduldig. Und mit unseren Kindern war es ein leichtes, die Geduld zu strapazieren.

Mit dem Titel dieses Beitrages habe ich jedenfalls nicht zu viel versprochen...

Wir sollten uns aber zumindest beim Taxifahrer revanchieren. Wir erwähnten, dass wir am nächsten Tag zum Flughafen von Kumamoto wollen. Mit dem Bus würden wir dafür knapp 7,000 Yen zahlen, und mit dem Taxi 14,000 Yen. Die Busse fuhren allerdings so ungünstig, dass wir am Flughafen fast 5 Stunden Zeit gehabt hätten, und das wollten wir uns und den Kindern nicht unbedingt antun. Also blieben wir am nächsten Morgen lieber ein paar Stunden mehr in Takachiho und riefen dann unseren Chauffeur. Der brauste dann auch tatsächlich in einer knappen Stunde zum Flughafen von Kumamoto. Die Schwiegereltern trudelten auch bald ein, und alle flogen zurück. Alle? Bis auf einen. Drei Tage hing ich schließlich noch ran – schließlich hatte ich ja noch ein Geschäftsessen in Miyazaki vor mir. Vom Flughafen ging es deshalb mit dem Bus weiter – Richtung Ostküste, nach Yufuin. Die Buslinie nennt sich 九州横断バス Kyūshū Ōdan Basu – Kyushu-Traverse-Bus, und das ist es, was der Bus macht. Er fährt quer durch Kyushu, durch den Krater von Aso, dann den Kraterrand hoch, über eine weite Hochebene, und schliesslich über die くじゅう連山 Kujū-Bergkette – eine Anreihung von zum Teil aktiven Vulkanen mit dem höchsten Berg von Kyushu (1,791 m) in der Mitte. Die Strasse nennt sich やまなみハイウェイ Yamanami Highway und führt über den 1,333 Meter hohen 牧ノ戸峠 Maki-no-to-Pass. Sicher ist die Schönheit dieser Route stark wetterabhängig, aber ich hatte großes Glück. Die Weitsicht war einfach fantastisch, und es wurde allmählich Abend. Ob mit eigenem Auto, Fahrrad oder zur Not auch mit dem Bus: Ich kann jedem diese Route nur empfehlen.

Auf Augenhöhe mit dem Aso - vom Kujū-Massiv aus gesehen

Als der Bus in Yufuin ankam, war es bereits stockdunkel. Ich hatte dort ein Zimmer in einem interessant aussehenden Hotel mit Onsen gebucht – und das kostete nur 4,000 Yen. Soweit, so gut. Als ich jedoch im Hotel anrief und fragte, wie man am besten hinkommt, gab es nur eine Antwort: Taxi. Check-in bis 21 Uhr bitte. Es war schon kurz vor 20 Uhr. Also wieder Taxi. Ich nannte die Adresse, und das Taxi fuhr los. Die ersten zwei Kilometer kosten in Japan normalerweise zwischen 640 und 720 Yen. Das Taxi fuhr. Und fuhr. 900 Yen. 1,300 Yen. Bei 1,800 Yen hielt es endlich. Da hatte ich mir ja ein schönes Plätzchen ausgesucht – weit weg von allem, mitten in der Landschaft. Natürlich hatte ich noch nichts gegessen, und in der Nähe gab es nichts. Also bat ich den Fahrer zu warten, checkte ein und fuhr schnurstracks zurück. Der Fahrer empfahl mir eine Yakitori-(am Spieß gebratener toter Vogel)-Kneipe. Vorher musste ich aber noch schauen, was im Zentrum los war, denn dort wurde gerade der Bon-Odori (O-bon-Tanz) zelebriert. Egal, wo ich im Sommer in Japan hinfahre – irgendwo gerate ich immer in ein Bon-Odori. Die Yakitori waren gut (die Gegend ist ja schließlich bekannt für Hühnerfleisch), und zurück ging es mit dem Taxi zur Herberge.

Nach dem Herumgefahre war ein Onsen genau das richtige. Und meine Strategie ging auch auf: Japaner, vor allem auf Reisen, schlafen sehr früh. Damit hatte ich abends um 10 das Außenbad der heißen Quelle komplett für mich allein. Fast zumindest, denn aus irgendwelchen Gründen rannte dort ein ansehnlicher Hirschkäfer um das Becken, den ich sicherheitshalber im Auge behielt. Man weiß ja nie.

Yufudake - und eine hier leicht messbare Wolkengrenze

Nun bin ich nicht der Onsen wegen nach Yufuin gefahren – obwohl das der Hauptgrund für die meisten Besucher ist. Ich hatte es auf den 由布岳 Yufudake abgesehen, einem 1’583 Meter hohen Vulkan mit markantem Doppelgipfel, der da über der Stadt thront. Da wollte ich rauf. Also ging es am nächsten Morgen mit dem Linienbus zum Start des Wanderweges. Bei 35 Grad im Schatten. Los ging es bei 816 Meter – ich hatte also über 750 Höhenmeter bei voller Hitze vor mir. Die ersten Kilometer verlaufen durch den Wald, aber dann kommt man in eine baumfreie Zone, und bei 35 Grad fing ich schnell an zu grübeln, was in drei Teufels Namen mich dazu veranlasst hatte, freiwillig, völlig ohne Zwang, auf diesen Berg zu krabbeln. Aber umkehren? Nein, geht auch nicht. Immerhin schien der Gipfel ab und an von Wolken bedeckt zu sein. Endlich kam ich am Sattel zwischen den Gipfel an. Von dort sind es jeweils gute 10 Minuten auf die beiden Gipfel, und zum Teil geht es nur mit Ketten voran. Aber es sollte sich auszahlen. Die Wolken und der Wind kühlten etwas, und ab und an erlaubte eine Wolkenlücke einen Blick nach unten. Der Anblick war so schön, dass ich sogar zum Pass zurückkehrte und auf den zweiten Gipfel kletterte. Dort sah man weiße Wolken auf den Berg zurasen und direkt, den Gipfel streifend, nach oben ziehen. Ein erhabener Anblick. Und dazu noch dieses Grollen. Grollen? Wie jetzt? Und wieso sind die Wolken am benachbarten Berg so düster? Ob das Gewitter näher kam oder nicht, war schwer zu sagen. Aber ich wollte nicht an einem kahlen Berghang vom Gewitter überrascht werden, also ging es schleunigst runter. Nach 4 Stunden waren die insgesamt rund 1’700 Höhenmeter und 10 Kilometer geschafft, und das Gewitter konnte kommen. In Wirklichkeit hatte es sich jedoch – leider? – verzogen.

Mit 95 Grad leider ein bißchen zu heiß zum Baden...

Kaum zurück in Yufuin und einem Fußbad in einem Fuß-Onsen (sehr entspannend nach einer Bergbesteigung) ging es mit dem nächsten Zug nach 別府 Beppu an der Küste. In Beppu war ich bereits vor rund 10 Jahren, auf meinem Weg von Shikoku nach Kumamoto, aber damals hatte ich keine Zeit für den Ort. Der nächste Tag war deshalb – zumindest teilweise – Beppu vorbehalten. Die Stadt ist vor allem bekannt für seine… genau, Onsen. Etwas entfernt vom Zentrum gibt es zahlreiche mehr oder weniger natürliche Onsen in allen möglichen Formaten – als Schlammvulkane, mit weißem Wasser, rotem Wasser, blauem Wasser (zumindest das blau ist allerdings künstlich), und eine Tour durch die verschiedenen Onsen ist bis zu einem gewissen Grade interessant. Hätte man etliche der Quellen nicht zu einer Art Disneyland ausgebaut.

Von Beppu ging es schließlich weiter mit dem Tsubame-Express nach 宮崎 Miyazaki- das dauert immerhin drei Stunden, aber die Fahrt zwischen Küste und dem Bergland macht die Bahnfahrt recht kurzeilig. Etwas geknickt war ich jedoch, als ich bemerkte, dass der Tsubame-Express nicht mehr das ist, was er mal war: Vor über 10 Jahren war der Zug ziemlich neu und hatte unter anderem ein Stehcafé. Und wenn ich eins liebe, dann ist es, bei einer gepflegten Tasse Kaffee in die vorbeifahrende Landschaft zu glotzen. Diese Zeiten sind vorbei – das Stehcafé wurde wegrationalisiert.

Des Teufels Waschbrett - Aoshima

Die Stadt Miyazaki war relativ unspektakulär. Wahrscheinlich ist es die einzige Präfekturhauptstadt Japans, in der es keine automatischen Fahrkartenschranken gibt, sondern noch alles per Hand entwertet wird. Interessanter war da schon eine kleine Insel namens 青島 Aoshima ein paar Kilometer südlich von Miyazaki. Das winzige, tropisch anmutende Eiland ist nur gute 4 Hektar groß, aber von einer interessanten Gesteinsformation umgeben: Dem Waschbrett des Teufels. Neogenes Sedimentgestein ist bei Aoshima an die Oberfläche gelangt und ist seitdem den Wellen und der Witterung ausgesetzt – das brachte interessante Formen hervor. Aber auch ein Gang in die Mitte der Insel – an einem kleinen Schrein vorbei – ist sehr beeindruckend: Man wähnt sich im Dschungel. Laut Schild am Eingang der Insel (es gibt eine Brücke zum Festland), ist Aoshima die nördlichste Region mit natürlicher subtropischer bis tropischer Flora.
Ach ja – die weitere Umgebung ist übrigens auch für schöne Strände und zum Surfen geeignete Wellen berühmt. Für jemanden wie mich, der sich nach 10 Minuten in der Sonne in ein Häufchen Asche verwandelt, ist das freilich nur bedingt relevant.

Und das war er auch schon – der Kyushu-Bericht. Zurück zum Alltag!

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Grün. Wolken. Onsen. Hitze. Grün. Kyushu II

August 28th, 2012 | Tagged , | 7 Kommentare | 963 mal gelesen

Dies ist die Fortsetzung von Teil 1.

Wäre ich eine Kuh, würde ich hier übernachten wollen

Weiter ging es, immer weiter weg von Kumamoto, immer am Kraterrand entlang, der Milchstrasse folgend. Oder wie man die sogenannte Milk Road auch sonst übersetzen möchte. Die heisst so, weil es dort aufgrund der wahrhaft saftig aussehenden Wiesen auf der rund 1,000 m hoch gelegenen Hochebene viele Kühe gibt. Von den Bauern kann man teilweise direkt Milcherzeugnisse kaufen, aber die Preise haben sich gewaschen. Für einen Liter Milch zahlt man da schon mal locker knapp 10 Euro. Nicht, dass man das wirklich rausschmecken würde (alles schon mal probiert), aber was tut man nicht alles für glückliche Kühe. Es ging weiter bis 奥阿蘇 (Hinter-Aso), zu einem kleinen Dorf namens 産山 Ubuyama, und dort ist die Welt zu Ende. Eine Strasse führt hinein, und die gleiche Strasse wieder hinaus. Das wars. Zahlreiche Straßen in der Umgebung wurden bei den sintflutartigen Regenfällen im Juni diesen Jahres weggespült und sind noch immer nicht brauchbar. Unterwegs kamen wir dabei an ein paar prächtigen Schlamm- und Gerölllawinen vorbei, die breite Schneisen in die Wälder geschnitten hatten. Relativ junger Vulkan gleich hohe Hangneigung gleich instabile Hänge gleich Schwerkraft in Aktion: Für Geomorphologen ist der Aso ein Paradies.
In Ubuyama steht eine alte Herberge, und in der gibt es sprudelndes, heißes Wasser aus dem Untergrund. Das kann man gleich am Eingang testen, denn dort fließt ein bisschen heißes Wasser aus einem Bambusrohr. Die Herberge ist nahezu komplett aus Holz und sehr geschmackvoll eingerichtet. Überrascht war ich nur, zu lesen, daß das heiße Quellwasser erst vor ein paar Jahren dazu kam. Die Besitzer haben dafür tief bohren lassen – erst in fast 1,000 m Teufe wurden sie fündig. Aber das war offensichtlich eine gute Idee: Die Herberge gilt heute als 秘湯 hitō – als “Abgelegene heiße Quelle” (das hi bedeutet eigentlich “geheim”), und ist somit ein Schatz für Onsen-Fans. Zudem ist das Wasser ideal: Es ist genug, um kein Wasser hinzufügen zu müssen, und warm genug, so dass man es nicht weiter erhitzen oder herunterkühlen muss.

Die schönsten Onsen sehen oft recht unspektakulär aus: Das Wasser hier war auf jeden Fall sehr gut

Ach, Onsen! Das erste Mal hatte ich eine solche heiße Quelle 1997 besucht. Das war in einem kleinen Dorf in Nagano. In heißen Quellen wird meistens nach Männlein und Weiblein getrennt. Manchmal gibt es auch Familienräume (家族風呂 kazoku-buro). Im Onsen in Nagano damals gab es nur getrennte Räume, und ich war mit weiblicher Begleitung dort. Die Instruktionen waren denkbar knapp: Ausziehen, waschen, rein ins heiße Bad, und zwar nackt, versteht sich, und entspannen. Nochmal richtig gründlich waschen danach und fertig. Als ich meine Begleiterin fragte, wie lange man denn so im heißen Bad bleibe, wurde mir gesagt “na, so 30 Minuten”. Gesagt, getan. Ich war damals der einzige im Männerbereich. Und das Wasser war verdammt heiß. Nach ein oder zwei Minuten aber wieder aus dem Wasser zu steigen hielt ich für eigenartig: Wenn 30 Minuten gesagt wird, werde ich das wohl durchziehen müssen, um ein Onsen zu verstehen, dachte ich so. Nach noch nicht einmal 10 Minuten wurde mir allerdings irgendwie blümerant. Immerhin bemerkte ich es rechtzeitig und kroch aus dem Wasser. Es kostete mich einiges an Selbstbeherrschung, nicht umgehend zu kollabieren: Bäder im Onsen gehen kräftig auf den Kreislauf, und zwar erst recht dann, wenn man starrsinnig länger als nötig sitzen bleibt. Ach ja, damals war ich noch jung, und offensichtlich schön blöd… Diese erste Begegnung mit einem Onsen prägte erstmal. Kreislaufkollaps? Nein, danke. Aber natürlich ging es später wieder in Onsen, und wenn man sich nicht so dämlich anstellt und auf seinen Körper hört (Heiß! Ganz heiß! Raus hier!), machen Onsen großen Spaß. Allerdings sind die Onsen in der Tat sehr verschieden: Einige sind warm, andere heiß, wieder andere brühend heiß.

Süß-sauer eingelegtes Gemüse gefällig?

Das Bad in der Herberge in Ubuyama passte. Es gab auch zwei kleine 露天風呂 rotenburo (Bäder im Freien), und hätten mich dort nicht umgehend zwei Bremsen gestochen, wäre ich wohl eine ganze Weile dringeblieben.
Das Abendessen in der Herberge war ebenfalls nicht zu verachten. Die Gegend ist bekannt für 漬け物 tsukemono – auf Neudeutsch “pickles”. Und zwar all-you-can-eat. Natürlich gab es noch viel, viel mehr, und vor allem reichhaltig. Unser Sohn hatte später irgendwie seinen Essnapf aus dem Eßraum geschmuggelt und stand plötzlich mit selbigem vor uns – darin: Gemahlenes Eis. “Nanu, wo hat der denn plötzlich gemahlenes Eis her?” dachten wir noch so. Und dann: Wieso ist das Eis nicht kalt?! Des Rätsels Lösung: Im Raum stand ein großer Behälter mit Geleekugeln, die dazu dienen sollten, der Luft Feuchtigkeit zu entziehen. Das hatte man arg nötig, da es vorher, wie eingangs erwähnte, wochenlang ohne Unterlaß geregnet hatte. Die Geleebrocken waren nun überall. In seinen Haaren, im Bett, auf seinen Sachen, und eins… wo sonst, im Mund. Leicht angesäuert riefen wir die Herbergsmutter. Die fand jedoch den richtigen Ton, machte alles schnell sauber und rief auch noch einen Arzt an, um zu hören, was der zum Thema “Kleinkind vs. feuchtigkeitsentziehende Geleebrocken” zu sagen hatte. Nun – nichts Neues. Kind beobachten. Kind nicht zu sehr erhitzen (onsen!). Falls Schaum aus dem Mund kommt (was normalerweise auch so schon der Fall ist), anfangen, Sorgen zu machen. Das Ende vom Lied: Entwarnung. Sohn quietschmunter (nach um 10 Uhr abends sogar munterer als sonst um diese Zeit – mein Gott, was war im Gelee drin?) und alles im grünen Bereich. Und er sollte uns am nächsten Tag auch wieder viel Freude machen.
Dann ging es nämlich zu einer berühmten Quelle in der Nähe (池山水源 Ikeyama Suigen), mit glasklarem, trinkbaren Wasser. Das richtig gut schmeckte. Daneben gab es einen kleinen Teich. Für ein paar hundert Yen kann man dort kleine Fische (Saiblinge) fangen, denen man dann gleich vor Ort ein langes Stäbchen in den Anus rammt, sie dann in Salz rollt, um sie anschliessend über Kohle zu grillen. Nein, Fisch möchte ich in diesem Land nicht sein. In dem kleinen Tümpel tummelten sich dutzende, wenn nicht gar hunderte dieser Fische. Los ging es: Angelroute für 100 Yen geliehen. Dazu gab es einen großen Klumpen Futter. Tochter mit Angel vertraut gemacht. Jemand rief “(Schwieger)mutter, pass mal kurz auf den Kleinen auf!”. Der Kleine liess sich nicht lumpen und schaffte es in den zwei Sekunden Aufseherwechsel, den grossen Futterklumpen zu krallen und mit Schwung in den Tümpel zu werfen. Und schon verwandelte sich der kleine Teich in einen Whirlpool! Welch ein Spaß!

Kaltes, klares Wasser in der Ikeyama-Quelle

Wir sprachen kurz mit jemandem von der Quelle. Die spuckt pro Sekunde angeblich 30 Tonnen allerfeinstes Trinkwasser aus, und das ist beachtlich. Dieses Wasser wird auch verkauft – und nach der Erdbebenkatastrophe machte man den großen Reibach. Auch wir bezogen nach dem Beben unser Wasser von hier, da ja das Trinkwasser in Tokyo zeitweise (?) radioaktiv belastet war. Eine eiserne Notreserve Ikeyama-Quellwasser steht noch immer bei uns im Schuhschrank. O-Ton: “Wir hoffen natürlich nicht, dass sich so etwas wiederholt, aber…”

Forsetzung folgt.

P.S. Ihr kennt ein schönes Onsen? Dann mal her damit! Nach 47 Präfekturen bin ich auf der Suche nach neuen Reisezielen!

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Grün. Wolken. Onsen. Hitze. Grün. Kyushu I

August 21st, 2012 | Tagged , , | 5 Kommentare | 697 mal gelesen

So, da bin ich wieder, zurück im Moloch, nach einer kompletten Woche auf der Insel Kyūshū. Es war die fünfte Tour auf die Insel, und so viel steht fest: Immer wieder gern. Die Landschaft, die Menschen, das Essen -  es stimmt nahezu alles dort. Die Temperaturen unterscheiden sich kaum von denen in Tokyo – im Gegenteil, wenn man ins bergige Innere fährt, kann es sogar ganz angenehm sein.

Ein Muß wenn man in Kumamoto is(s)t: Tonkotsu-Rāmen

Am Sonntag ging es mit der Familie los: Frau, zwei aufgeregte Kinder und die Schwiegereltern waren mit von der Partie. Keine 2 Stunden dauert der Flug, und sofort begann erstmal die Kür: Erst zur Oma in Kumamoto, dann gemeinsam auf den Friedhof, um das Grab des vor vielen Jahren verstorbenen Opas zu pflegen. Nach den ununterbrochenen Regenschauern im Juni und Juli sah es recht wüst aus. Dann ging es zum ebenfalls obligatorischen Tonkotsu-Rāmen-Essen in die Innenstadt. Kumamoto ist bekannt für einige Leckerbissen – darunter rohes Pferdefleisch, mit Senfpaste gefüllte Lotuswurzeln, und besagten “Schweineknochen-Rāmen”. Ein Gedicht, und mit 700 Yen pro dampfender Schüssel mit dicken Schweinefleischscheiben auch erschwinglich.
Das Hotel war eine Überraschung der anderen Art. Wir wollten im Zentrum übernachten und hatten nach etwas familienfreundlichem gesucht. Das hatten wir auch gefunden: Ein Hotel mit Familienraum, geräumig und mit Doppelstockbett für die Kinder. Was wir jedoch nicht wussten: Als uns der Concierge das Zimmer zeigte, bestiegen wir mit ihm den Fahrstuhl, und er drückte nicht etwa eine Zahl zwischen 1 und 10, sondern den Knopf unter der 1. B1. Du meine Güte, sie bringen uns in den Keller! Da hatte der Hotelmanager offensichtlich eine clever Idee: Auf einem alten Fluchtplan sahen wir, dass dies einst der Pausenraum der Angestellten war. Das war also das Familienzimmer. Zugegebenermassen war die Einrichtung in Ordnung, und da wir die einzigen Gäste dort unten waren, konnten sich die Kinder nach Herzenslust austoben, aber normalerweise bevorzugen wir schon Zimmer mit Fenster….
Am Nachmittag ging es in großer Hitze zu den ehemaligen “Wirkungsstätten” meiner Frau, darunter auch zu ihrer Grundschule. Da Ferien waren, war das Tor natürlich zu, aber das sollte meine Frau nicht hindern: “Ach, passt schon” sagte sie, während sie das Tor aufriss und die Kinder in den grossen Schulhof entliess. Gleich am Eingang gibt es ein großes Fußbad, denn: An vielen Schulen in Kumamoto wird noch barfuß auf dem Schulhof gespielt.

Kumazemi (Zikadenart) in Kumamoto

Interessant war die Zikadendichte: Der Boden in den Parks sah aus wie ein schweizer Käse, und die Äste hingen voller leerer Zikadenhüllen. Die vormaligen Bewohner der braunen Hüllen brüllten sich die Seele aus dem Leib oder lagen halb angefressen auf dem Boden. In Tokyo findet man fast nur die bereits eindrucksvollen Aburazemi, aber in Kumamoto findet man mittlerweilen (es werden immer mehr) Kumazemi, und die sind noch etwas größer. Und höllisch laut. Meine Tochter fing auch flugs eine ein und rannte mit dem zeternden, schwarzen Biest freudestrahlend durch die Gegend. Gut, daß sie keine Angst vor Insekten hat.

Am nächsten Tag sollte es mit dem Leihwagen zum 阿蘇 Aso gehen. Aso – das ist der Vulkan mit dem größten Krater in der Welt. In den Krater passen ein paar Städte und mehrere Quadratkilometer Felder sowie ein paar neue Vulkane, die sich da in der Mitte des alten Kraters gebildet haben. Die Kraterwände sind viele hundert Meter hoch und sehr deutlich erkennbar – es gibt nur einen Durchbruch, und der befindet sich praktischerweise in der Richtung von Kumamoto Stadt. Vor 10 Jahren war ich schon einmal mit guten Freunden oben am Krater des einzigen momentan aktiven Nebenvulkans, und damals sah ich so gut wie gar nichts. Dieses Mal sah es auch wieder so aus, als ob ich Pech hätte. Aber die Wolken verzogen sich manchmal für ein paar Minuten und gaben den Blick zum Schlund des Kraters frei.

Blick in den Krater des aktiven Vulkans Naka-dake

Der 1’506 m hohe 中岳 Naka-Dake (Mittlerer Gipfel) ist noch ziemlich aktiv und spuckt manchmal etwas mehr aus – davon zeugen die Betonbunker sowie durchaus häufige Gaswarnungen: Bläht der Wind plötzlich den Schwefeldampf nach oben, muss jedermann schnellstmöglich den Gipfel verlassen.

Was mich dieses Mal jedoch am meisten faszinierte, war das Grün: Im Juni und Juli hatte es nahezu ununterbrochen in Strömen gegossen, und nun war nahezu alles Grün. Soviel Grün habe ich schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, und es tat den Augen gut.

Im inneren Vulkanmassiv des Aso: Alles Grün. Könnte genauso gut irgendwo in der Mongolei sein

Nach dem Naka-Dake ging es zurück zum Tal nördlich der Vulkangruppe. Der Boden der alten Caldera liegt auf rund 470 m Höhe und ist vielerorts topfeben. Das Tal wird im Norden, Süden und Osten von der rund 500 m hohen alten Kraterwand begrenzt, und das ist schlichtweg eindrucksvoll. Und alles ist einfach nur grün.

Blick von der äußeren Kraterwand (外輪山 - Gairinzan) in das Tal und die neue Vulkangruppe

Fortsetzung folgt…

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Ab in den Süden / Sommerloch

August 11th, 2012 | Tagged , | 10 Kommentare | 602 mal gelesen

Kyushu-Reiseroute 2012

Ja, es ist etwas ruhiger geworden hier in den letzten Tagen. Das liegt mal wieder an exzessiver Arbeit und dem allgemeinen Sommerloch. Aber jetzt beginnt der Sommer ja erst auch richtig: Eine Woche Urlaub. Endlich. 5 Jahre alt müßte man sein: Meine Tochter hat schon seit drei Wochen Urlaub (vom Spielen im Kindergarten…) und den kostet sie dank ihrer Mutter auch richtig aus. Für uns geht es dieses Jahr wieder in den (noch heißeren) Süden: Es ist O-Bon, und Zeit zur Grabstätte der Ahnen zu pilgern. Da die gesamte Verwandschaft zu einen Hälfte aus Kumamoto und zur anderen Hälfte aus Shikoku kommt, haben wir da natürlich etwas Glück: Ich würde nur ungern O-Bon in Tokyo verbringen wollen.

Die kommende Tour ist dieses Mal auch etwas Besonderes – zumindest für mich, denn endlich geht es zur 47. und letzten Präfektur, die noch nicht in den Genuß meiner Anwesenheit kam. Das ist – Trommelwirbel – Miyazaki, seinerseits bekannt für subtropisches Klima, schmackhafte Hühnchen und Zitrusfrüchte sowie dafür, dass dort absolut gar nichts los sein soll. Aber das werden wir schon sehen. Erholsam sollte diese Tour allemal werden, denn: Wir fahren auch zu einem 秘湯 hitō (wörtlich: geheime Quelle) in Ubuyama (nebenan des berühmt-aktiven Aso-Vulkans), bekannt für seine heißen Quellen. Auch in Takachiho übernachten wir quasi direkt neben einer heißen Quelle. Auch Yufuin und Beppu sind weithin bekannt für heiße Quellen. Das sind also… hmm, mindestens 5 Tage in heißen Quellen!

In diesem Sinne wird entsprechend in den nächsten Tagen nicht allzu viel auf diesem Blog passieren – es sei denn, mich packt die Langeweile wenn der Rest schon schläft. Ich hoffe, meine Leser haben auch die eine oder andere Form von Sommerurlaub und geniessen jenen auch gebührend. Zum Abschluß noch ein Tokyo-Sommerhimmelphoto: Plötzlich war das ganze Büro in orangefarbenes Licht getaucht, und ein Gang auf den Balkon erklärte, warum. Ja, es ist Sommer. Und der Sommerhimmel in Japan ist – zumindest an vielen Tagen – sehr, sehr schön (in Deutschland natürlich auch, aber aufgrund der Hitze sieht es hier oft ein bisschen wilder aus).

Sommerabendhimmel über Tokyo

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