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Schleichende Angst

Juni 4th, 2011 | Tagged , , | 27 Kommentare | 3147 mal gelesen

Langsam, ganz langsam scheint es hier mehr und mehr Leuten zu dämmern, dass Fukushima vielleicht doch nicht so weit weg ist (gute 200 km von Tokyo), wie so manch einer denken möchte. Noch immer scheint die Mehrzahl der Leute in unserem Bekanntenkreis sich nicht um die möglichen Konsequenzen zu kümmern – teilweise zurecht, wahrscheinlich, aber die völlige Ignoranz vieler Mütter mit kleinen Kindern ist schon erstaunlich.

Die verspätete Angst vor der Radioaktivität hat wohl mehrere Gründe. Zum einen liegt es, und das wird von Aussenstehenden gern vergessen, daran, dass wieder soweit Ruhe eingekehrt ist, dass man Luft holen und sich um andere Dinge Gedanken machen kann. Es gibt wieder alles zu kaufen, die Bahnen fahren wieder, Stromausfälle sind vorerst ausgesetzt und die Nachbeben haben halbwegs nachgelassen (während ich das gerade geschrieben habe, gab es ein Beben mit einer schwachen 5 vor Fukushima – aber das ist wirklich selten geworden).

Andererseits liegt es auch daran, dass mehr und mehr Informationen durchdringen. Zum Beispiel die, dass die von den Behörden bekanntgegebenen Messwerte zwar korrekt sind, aber doch irgendwo nicht beruhigend. Gern zitiertes Beispiel: Die offizielle Messstelle für Radioaktivität in der Präfektur Chiba (jede Präfektur hat solch eine Einrichtung) befindet sich in 20 m Höhe. Dort, wo sich Kinder zum Beispiel selten aufhalten. Das ist nicht unbedingt eine Gemeinheit – die Messstelle befand sich auch schon vor dem GAU dort. Aber nach solch einem grossen Atomunfall beruhigt diese eine, in 20 m Höhe gemessene Zahl, nicht unbedingt.
Zudem drang auch vor wenigen Wochen erstmals ans Licht, dass es auch in der Grossstadtregion durchaus regional sehr verschiedene Belastungen gibt. So fand man im Dreieck Tokyo-Saitama-Chiba einen sogenannten Hotspot, in dem 3 bis 5 mal mehr radioaktive Substanzen herunterkamen als im Durchschnitt (der Hotspot liegt in der Gegend um Abiko, Kashiwa, Matsudo und Ichikawa – man schätzt, dass ca. eine Millionen Menschen dort leben).

Da die von der Regierung veröffentlichten Daten entweder zu spärlich, zu spät oder gar nicht durchkommen, greifen nun viele zur Selbsthilfe: Mütter schliessen sich zusammen, um selbst Messgeräte zu erwerben, zu benutzen und die Werte zu veröffentlichen. Andere (so auch wir) schreiben an die Stadtverwaltung mit der Bitte um mehr Informationen und, so erforderlich, angemessenen Reaktionen. Und siehe da: 2 Tage später (bestimmt aber nicht wegen uns – sicherlich haben schon mehr deshalb geschrieben) veröffentlichte unser Rathaus Informationen: Nicht ohne Kritik an den oberen Stellen wurde dort verlautet, dass die Stadt nicht warten wollte und selbst Messgeräte anschaffte. Und schon die ersten Werte veröffentlichte. Nun wissen wir wenigstens, woran wir hier sind: Zwischen 0.1 und 0.25 Mikrosievert pro Stunde liegt die Belastung bei uns am Boden. Das ist eindeutig höher als normal, aber, so man das aus dem Wust an Informationen herauslesen kann, nicht übermäßig besorgniserregend.

Schwer ist es nachwievor, bei dem Wust an Informationen und Experten- und Pseudoexpertenmeinungen die Ruhe zu bewahren. Hier und da heißt es, Radioaktivität ist prinzipiell und egal in welcher Menge schädlich. Jedes einzelne radioaktive Atom sei da schon zu viel für Kinder. Das mag sein, aber naturwissenschaftlich gesehen halte ich Behauptungen wie diese, auch seien sie gut gemeint, für unlogisch. Die Definition von Gift ist weniger eine Definition der Substanz, sondern der Menge. Noch prekärer sind aber die Leute wie die Verwandte einer Freundin unserer Familie: Die meinte ganz ernst zu unserer Bekannten: „Dein Kind wird wegen der Radioaktivität 100% krank“. Nein, diese Verwandte versteht nichts von Radioaktivität. Und sie ist erst neulich einer seltsamen Sekte beigetreten.

Angst? Nein. Sorge? Nachwievor. Was wäre, wenn ich in Matsudo wohnen würde? Würde ich umziehen? Ich weiss es nicht. Wahrscheinlich aber schon. Wo liegt die Grenze? Schliesslich sieht die Lage weiter nördlich noch viel schlimmer aus. Vor einer Weile beschloss das Bildungs- und Wissenschaftsministerium (文部科学省), die zulässige Belastungsgrenze für Schulkinder heraufzusetzen: Nur in Schulen mit einer Strahlenmenge von 3.8 Mikrosievert pro Stunde und mehr wird festgeschrieben, dass Kinder maximal eine Stunde pro Tag draussen sein dürfen (13 Schulen betrifft das). Auf diese Entscheidung hin hagelte es wütende Proteste aus Fukushima, und das ist mehr als verständlich. 3.8. 0.2. Zahlen. Viele Zahlen. Mehr Antworten dazu als es Fragen gibt, scheint es. Aber wenigstens hat man jetzt das Gefühl, etwas mehr über die tatsächliche Belastung zu wissen.

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Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XVIII

Mai 19th, 2011 | Tagged , , , | 1 Kommentar | 1203 mal gelesen

Auf Wunsch einiger Leser – per Kommentar oder persönlicher Nachricht – zum ersten Mal seit Wochen wieder ein Update zum Thema Erdbeben. Es wird wieder sehr subjektiv werden.

Nachbeben
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Vorneweg die gute Nachricht: Die Nachbeben haben in letzter Zeit an Intensität und Häufigkeit eindeutig nachgelassen. Vor meiner Kurzreise nach Deutschland spürte ich bei uns tagtäglich Nachbeben – seit ich zurück bin, und das ist immerhin schon wieder eine Woche her – habe ich erst eines eindeutig gespürt. Das soll nicht heissen, das es nur eins gab – ein Blick auf die Erdbebeninfos zeigt, dass es schon noch mehr sind als üblich – aber glücklicherweise Wache ich bei Beben unter der Stärke 3 meistens nicht auf und so spüre ich in letzter Zeit zumindest nachts nichts. Die Woche in Deutschland hat mich auch vorerst von der leichten Form der Erdbebenkrankheit geheilt – das ständige Gefühl, dass die Erde bebt, ob wahr oder nicht, habe ich nicht mehr.
Das ist natürlich keine Entwarnung. Es können noch starke Nachbeben folgen. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass das in Tokyo schon seit geraumer Zeit erwartete schwere Beben zuschlägt, dürfte nachwievor höher sein als sonst. Aber das ist schwer in Zahlen zu fassen, auch wenn es manche Schlaumeier versuchen – die dann in Foren wie DinJ einfach mal so behaupten, dass die Wahrscheinlichkeit für „the Big One“ in den nächsten Wochen bei 97% liegt.

AKW Fukushima
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So langsam kommen also die Details ans Licht, und wie schon zuvor befürchtet, ist alles noch schlimmer als man dachte. Wirklich? Eine Kernschmelze hatte also im Block 1 keine 24 Stunden nach dem Beben eingesetzt. Und man weiss noch nicht mal, was genau in Block 2 und 3 nun passierte. Und dann ist da noch Block 4, und viele Tonnen abgebranntes Material in den Abklingbecken. Eigentlich ist es da geradezu erstaunlich, dass da nicht noch viel mehr passierte, aber wie es bereits von zahlreichen Wissenschaftlern vorher bemerkt wurde: Der Reaktortyp ist anders als Tschernobyl und damit sind auch die Abläufe bei einer Katastrophe anders.
Sollte man jetzt also Panik verbreiten? Um der momentanen Entwicklung mal etwa Positives abzugewinnen: Immerhin beginnt man langsam zu verstehen, was wirklich geschah und geschieht. Das ist der erste Schritt zur Planung der richtigen Massnahmen. Und: Der Austrag radioaktiven Materials scheint momentan wesentlich geringer zu sein als noch vor Wochen. Die Strahlung in und um Tokyo, aber auch in anderen Präfekturen, nimmt kontinuierlich ab bzw. ist in einigen Gebieten bereits auf normalem Level. Allerdings gibt es selbst im Grossraum Tokyo grosse örtliche Unterschiede: So stellte man z.B. in Nordwestchiba, in der Gegend um Matsudo, Abiko und Nagareyama, eine 3 bis 5-fach höhere Belastung als im Zentrum Tokyos fest (diese Werte sind damit wohl so hoch wie in Teilen Bayerns nach Tschernobyl). Offensichtlich kam es dort Mitte März zu einem übermässig hohen Eintrag radioaktiver Stoffe, so dass dort der Boden bzw. damit auch die Luft in geringer Höhe stärker belastet ist als anderswo. Einwohner verlangen deshalb nun auch nach einer genauen Messung der Werte im Boden z.B., um gegebenenfalls zu reagieren (Warnung an Eltern usw.)

Ansonsten bekomme ich fast täglich nette Kommentare (die ich nicht veröffentliche) und private Nachrichten, in denen ich auf den einen oder anderen obskuren Link hingewiesen werde, mit Worten wie „Wach endlich auf! Ist alles ganz schlimm!“ oder mit wüsten Verschwörungstheorien nach dem Motto „Warum werden die Werte geheimgehalten? Weil alles noch viel schlimmer ist“ usw. usf. Argumente wie „die Werte werde nicht geheimgehalten, selbst Greenpeace und andere NGO veröffentlichen sie“ dürften da nicht ziehen – wer an Verschwörung glauben will, glaubt dran. Ich jedenfalls aber habe keinen Bedarf nach obskurer Literatur zum Thema.

Versorgungslage
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Mittlerweilen gibt es eigentlich wieder alles. Die Politiker beissen beim Pressetermin herzhaft in Gurken aus Fukushima und verkünden dabei, das alles in Ordnung sei. Ich bin zwar kein Verschwörungstheoretiker, aber das glaube selbst ich nicht: Klar, für den 75-jährigen Politiker wird der Biss in die Gurke ganz sicher keine Konsequenzen haben. Aber was ist mit stillenden Müttern und kleinen Kindern? Das Risiko werden wir nicht eingehen und verzichten damit nachwievor auf Gemüse aus der Region. Was gar nicht so leicht ist, da fast alles grüne Gemüse aus dieser Region hier stammt.

Lage im Norden
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Nun, es geht wohl voran mit dem Saubermachen, aber erwartungsgemäss wird es noch sehr, sehr lange dauern. Man dürfte von Jahren ausgehen. Noch immer leben zehntausende Menschen in Notunterkünften, aber wenigstens scheint sich die Versorgungslage verbessert zu haben.

Die dunkle Seite
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Ich hatte einmal geschrieben, dass die Japaner in punkto Ruhe bewahren nach der Katastrophe und gegenseitiger Hilfe der Gipfel der Zivilisation seien. Aber es gibt auch eine dunkle Seite (die ich schon mehrfach in anderen Beiträgen erwähnt hatte): Das Ausstossen ganzer Gruppen aus der Gesellschaft hat noch immer Konjunktur, und dieses Mal trifft es Fllüchtlinge und Einwohner aus Fukushima. Zahlreiche Fälle wurden bereits gemeldet, in denen Hotelbesitzer z.B. Gäste aus Fukushima ablehnen oder selbst Notunterkünfte von den Menschen verlangen, nachzuweisen, dass sie nicht verstrahlt sind. Dies wird noch wildere Blüten treiben. Aber selbst der Aufruf der Regierung, dies zu unterlassen, und der Hinweis darauf, dass Strahlung nicht ansteckend ist, wird da nicht helfen. Das Ausstossen von Menschen aus der Gesellschaft aufgrund einer (in der Regel nicht mal selbst verschuldeten) „Verunreinigung“ hat hier Tradition.

Soviel erstmal nur. Mehr bei Bedarf und bei Gelegenheit.

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Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XVII

April 19th, 2011 | Tagged , , | 12 Kommentare | 1902 mal gelesen

Schon Teil 17… mittlerweilen bekomme ich wirklich allmählich Lust, mal wieder über etwas Anderes zu schreiben.
Seit dem Erdbeben sind nun schon gute 5 Wochen vergangen, aber noch immer bestimmen die Folgen hier die Nachrichten und die Gedanken. Deshalb mal wieder ein paar Informationen dazu, was in Japan gerade passiert in punkto Erdbeben – verbunden mit ein paar wichtigen Schlagwörtern.

Lage im Norden
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Es scheint mehr oder weniger schnell voranzugehen im Norden. Am 30. April soll wohl die gesamte Shinkansen-Strecke im Norden wieder freigegeben werden – man arbeitet mit Hochdruck daran, die teilweise zerstörten Trassen (ein grosser Teil verläuft ja auf Stelzen) wieder herzurichten. Sicher gibt es wichtigere Dinge als funktionierende Shinkansen, aber eine gewisse Bedeutung, und nicht zu vergessen Symbolkraft, haben sie schon. Auch erste Flughäfen (Sendai) und Häfen können wieder benutzt werden, womit der Transport von Hilfsgütern schneller vonstatten gehen sollte.
Mittlerweilen untersuchen mehr und mehr Forscher die direkten Folgen und beginnen zu verstehen, was wirklich geschah: Mittlerweilen weiss man, dass der Tsunami an einigen Stellen – vor allem im Inneren kleiner Buchten – mit einer Höhe von bis zu 40 Metern auf die Städte und Dörfer prallte. Nun war man sich der Gefahr durch Tsunamis schon seit jeher bewusst und hatte entsprechend Dämme errichtet, aber ein 10 Meter hoher Damm hilft bei einer 40 Meter hohen Wasserwand nicht viel. Dazu tauchte unlängst das folgende Video auf. Der Mann im Hintergrund klagt immer wieder: „Was ist mit dem Damm? Wozu haben wir den Damm?“

Wissenschaftler haben bei GPS-Vermessungen des weiteren zwei weitere Dinge festgestellt:

– das Absinken ganzer Küstenlandschaften, genannt 地盤沈下 jiban chinka, erreicht mancherorts mehr als einen Meter – das ist in Gegenden katastrophal, wo die einzigen Ebenen bereits vorher auf Meeresniveau lagen. Kleinere Sturmfluten bzw. eine etwas erhöhte Flut reicht aus, um zahlreiche Ortschaften und sehr viel Ackerland volllaufen zu lassen.

– die Plattengrenze ist noch immer in Bewegung, und man kann, trotz nachlassender Nachbeben, noch nicht von Entwarnung sprechen. Es ist sehr gut möglich, dass in absehbarer Zukunft – dies können allerdings auch Jahrzehnte sein – ein weiteres starkes Beben im Bereich 8+ folgt.

Man baut derweilen mit Hochdruck provisorische Unterkünfte – hat jedoch gleichzeitig in einigen besonders tief gelegenen Ortschaften teilweise einen Baustopp erlassen.

Lage in Fukushima
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Auf Druck der Politik veröffentlichte TEPCO, der Betreiber des AKW Fukushima, einen vorläufigen 工程表 kōteihyō Baufahrplan: Demzufolge will man das AKW innerhalb der nächsten 6 bis 9 Monate stabilisiert haben – will heissen, man will bis dahin einen cold shutdown aller Meiler erreicht haben und die weitere Ausbreitung radioaktiver Substanzen verhindert haben. Sofort nach Veröffentlichung hagelte es skeptische Kommentare. Bekräftigt wurden die Kritiker allein durch heutige Meldungen, in denen es erst hiess, dass das radioaktiv stark belastete Wasser innerhalb eines Blockes 20 cm hoch sei – diese Zahl aber Stunden später auf 5 m korrigiert wurde. Das ist kein unwesentlicher Unterschied und nicht gerade ein Beweis dafür, dass TEPCO auf dem richtigen Wege sei.

Im Grossraum Tokyo nimmt die radioaktive Belastung ansonsten permanent ab – wobei hier nochmals ausdrücklich erwähnt werden sollte, das die Belastung zu keinem Zeitpunkt gefährliche Werte erreichte. Aber keine (bzw. nur natürlich verursachte) Radioaktivität ist natürlich besser als geringfügig höhere Werte.

Energieversorgung
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Erwartungsgemäss finden momentan keine Stromabschaltungen mehr statt, da es warm genug ist, Heizungen nicht einschalten zu müssen, und kühl genug, Klimaanlagen nicht benutzen zu müssen.
Man ist wohl zum jetzigen Zeitpunkt in der Lage, 50 Gigawatt produzieren zu können. Im Hochsommer liegt der Verbrauch bei rund 60 Gigawatt. Man hat noch ein paar Monate Zeit, sich für den Hochsommer vorzubereiten, aber das sollte man auch mit Hochdruck tun: Gibt es wieder einen so langen wie heissen Sommer wie im vergangenen Jahr, würden Stromausfälle unweigerlich zu zahlreichen Todesfällen führen – gerade unter älteren Leuten. Persönlich hoffe ich jedoch, dass man das Problem weniger mit Erhöhung der Kapazitäten als mit Massnahmen intelligenter Stromeinsparung erreichen kann. Denn da hat Japan definitiv noch sehr viel Potential.

Politik
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Bei den Kommunalwahlen in einigen Teilen der Region verloren die regierenden Demokraten vielerorts an Boden, und gerade in ausländischen Medien wird viel darüber geschrieben, dass man in Japan sehr unzufrieden mit der Arbeit der Regierung sei. Das stimmt so nicht: Es gibt durchaus sehr viele Japaner, die die Leistung der Regierung unter Kan in dieser Krise anerkennen. Sicherlich gibt es viele kritische Stimmen, aber man muss sich auch vor Augen halten, dass die Regierung auf jeden Fall hier und da nur Prügel beziehen kann: Beschwichtigt man zu sehr, wie in den ersten Wochen geschehen, gibt es Kritik. Nimmt man kein Blatt vor den Mund, auch.
Immerhin hat man begonnen, die Dinge beim Namen zu nennen: Zum Beispiel durch die „Aufwertung“ der Lage in Fukushima zum Unfall der Kategorie 7 (na bitte, also doch ein Super-GAU! Ein bisschen zumindest (!?)) oder durch die Aussage, dass auch einige Gebiete ausserhalb der Evakuierungszone nicht mehr bewohnbar sei.

Ansonsten
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So nichts dazwischen kommt, werde ich demnächst mal wieder über etwas anderes schreiben. Insgesamt 20 Katastrophenmeldungen innerhalb der letzten fünf Wochen reichen.
Ansonsten – in zwei Wochen beginnt die Goldene Woche, und ich werde mich zusammen mit Tochter für eine Woche nach Deutschland aufmachen. Das war schon sehr lange geplant. Wird auch langsam Zeit – der letzte Besuch liegt schon über zwei Jahre zurück. Hoffentlich kann ich mich zu Hause noch halbwegs verständlich artikulieren :)

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Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XVI

April 12th, 2011 | Tagged , , , , | 18 Kommentare | 2700 mal gelesen

Letzte Woche Donnerstag, ca. 11 Uhr abends: „Mensch, heute war der erste Tag seit dem grossen Erdbeben vor vier Wochen, an dem ich kein Erdbeben gespürt habe! Das lässt hoffen!“. Nix war. Eine halbe Stunde später ein vernehmliches Rütteln, das sich langsam aufschaukelte. Wie ein Schnellzug, der direkt neben dem Haus vorbeifährt – nur lautlos, und es ist ein sehr langer Zug. Stärke 7,4 dieses Mal, Tsunamiwarnungen, Kurznachrichten aus dem AKW: Strom weg. Kurze Zeit später – Strom doch wieder da, alles in Ordnung.

Was zieht ein starkes Nachbeben nach sich? Genau, Nach-nachbeben. Ich hoffe, dass genau das gerade der Fall ist. Am Wochenende gab es konsequenterweise wieder mehr Nachbeben als in der vergangenen Woche. Und heute am späten Nachmittag der Nachschlag – wieder sehr deutlich spürbar, Stärke 7,1, Epizentrum bei Fukushima. Dieses Beben war zwar wesentlich schwächer als das Hauptbeben, aber es reichte, da auch näher in Tokyo, aus, um den Zugverkehr wieder ein bisschen ins Stocken geraten zu lassen. Eins kann ich den Lesern versichern: Das macht wirklich langsam keinen Spass mehr.

Natürlich hat meine Tochter auch die Nase voll und Angst, aber wir haben es auf eine clevere Art und Weise geschafft, sie zu beruhigen: Wir haben ihr gesagt, das seien alles 余震 yoshin – Nachbeben. Jedes Mal, wenn es bebt, fragt also unsere 4-jährige: これは余震? 地震? (ist das ein Nachbeben? Oder ein Erdbeben?) und wir antworten „Nachbeben“, worauf sich ihre Mine jedes Mal schlagartig erhellt. Zwar hatten wir ihr mal irgendwann erklärt, dass Nachbeben auch Erdbeben sind, aber wenn wir ihr bei einem Beben jetzt sagen würden: „DAS ist ein Erdbeben“, würde sie definitiv in Panik verfallen.
Überhaupt, Kinder – meine Tochter ist also keine vier-einhalb Jahre alt, bringt aber Sätze wie diese:

– „計画停電中止だって“ – keikaku teiden chūshi datte – „Heute wird der planmässige Stromausfall nicht stattfinden, wurde gerade gesagt!“

oder

– „放射線って何?“ hōshasen tte nani – „Was ist Radioaktivität“?

oder

– „この家は倒れない?“ – kono ie wa taorenai? „Unser Haus fällt nicht um?“

und, daraufhin, ganz die Eltern, verlangt sie auch sofort nach einer Quellenangabe:

– „誰が言うった?“ – dare ga iutta? „Wer hat das gesagt (dass es nicht umfällt)?“

… der Onkel von der Stadt!

Anmerkung: Meine Tochter versteht und spricht auch ein bisschen Deutsch, aber die jetzigen Ereignisse überfordern verständlicherweise ihre Deutschkenntnisse. Leider sah sie zwangsläufig auch die Bilder vom Tsunami im Fernsehen, da wir vor allem in den ersten Tagen schlichtweg auf umfangreiche Informationen angewiesen waren.

Nun gut, ich will nicht nur Negatives schreiben. Die Strahlenwerte in und um Tokyo sinken seit Wochen langsam aber stetig, Chiba verzeichnete heute 0.055 Mikrosievert/Stunde. In Bayern sind es im Schnitt wohl 0.042 (→ Quelle. Eigentlich ein Wunder, das Bayern noch nicht wie leergefegt ist, Politiker wie Reporter sich nach Bayern trauen und Gerüchten zufolge selbst die Lufthansa regelmäßig München und Nürnberg anfliegen soll.

Was sonst noch passierte:

Ausweitung der Evakuierungszone
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Heute weitete die Regierung die Zone der „planmässigen Evakuierung“ aus – so wird nunmehr auch den Bewohnern von 飯館 Iitate, gut 30 km nordwestlich des AKW Fukushima I – empfohlen, sich evakuieren zu lassen. Dort lag die Strahlenbelastung teilweise bei 50 Mikrosievert, jetzt ist sie seit Wochen im einstelligen Bereich, also immer noch 100 Mal mehr als in Tokyo. Die Bewohner sind ob der Evakuierung erbost: „Erst erzählt man uns, alles sei in Ordnung und nicht gesundheitsgefährdend – und jetzt sollen wir doch von hier weg?“ Verständlich. Iitate liegt übrigens in einem Talkessel, was die Strahlenbelastung noch zusätzlich erhöht. Vor allem einige Bauern wollen nicht weg, da sich niemand um die Tiere kümmern würde. Es ist bedauerlich, dass man ihnen, so bitter es ist, keinen reinen Wein einschenkt: Was helfen ihnen die Kühe, wenn deren Milch innerhalb der nächsten Jahre/Jahrzehnte nicht verkauft werden darf?

Flughafen Sendai geht wieder in Betrieb
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Im Norden wird der Flughafen der Stadt Sendai wieder für Linienflüge geöffnet. Der Flughafen liegt nahe am Meer und wurde ebenfalls durch den Tsunami verwüstet. Bei der Wiederherstellung halfen – wie an vielen anderen Orten auch – die amerikanischen Streitkräfte nach Leibeskräften mit. Die sind momentan im Rahmen der Operation „トモダチ“ (tomodachi – „Freunde“) sehr stark bei den Wiederaufbauarbeiten dabei, und man dankt es ihnen sehr.

Nachbeben und Folgen verzögern Wiederaufbau
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Die zahlreichen Nachbeben lassen im Norden regelmässig den Strom ausfallen. Beim Nachbeben Donnerstag nacht (7. April 2011) gab es Tote und teilweise 4 Millionen Haushalte ohne Strom, und auch beim heutigen Nachbeben (11. April) gab es mindestens einen Toten und Sachschäden. Diese Nachbeben machen die Wiederaufbauarbeiten mit Sicherheit nicht einfacher.

Nachbeben
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Man ging anfangs davon aus, dass sich die Nachbeben nach einem Monat halbwegs legen. Diese Hoffnung wurde leider zunichte gemacht – man rechnet nunmehr damit, dass die Plattengrenze entlang der Region Miyagi-Chiba auf ca. 400 km Länge auf längere Zeit aktiv sein wird. Auch mit Anschlussbeben im Raum Tōkyō und Tōkaidō (zwischen Tokyo und Nagoya) muss zwangsläufig gerechnet werden.

Disneyland öffnet am 15. April
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Und das ist gut so! Das ist weder pietätslos noch unnütz: Ich bin froh, dass Disneyland wieder aufmacht. Wem nutzt es, dass viele tausend Angestellte auf lange Zeit ihre Einkommen verlieren? Was Japan jetzt nicht braucht, ist eine lange Periode der „自粛“ jishuku – Selbstbeschränkung.
Disneyland blieb, von ein paar Parkplätzen abgesehen, im Gegensatz zum Rest meiner Stadt relativ unversehrt, da das Neuland dort solider angelegt wurde. Man hätte auch eher öffnen können, aber Disneyland verbraucht viel Strom und Wasser – und aus Rücksicht auf die Stadtbewohner, die teilweise noch immer ohne Wasser/Abwasser dastehen, hatte man die Wiedereröffnung verschoben. Das ist anständig.
Der Unterschied war allerdings auch zu krass: Ich fahre vom Disneyland-Bahnhof zur Arbeit, seit Jahren, und sehe so jeden Morgen und jeden Abend hunderte, tausende glückliche Gesichter. So glücklich, dass es manchmal schon fast unerträglich war :)
Von einem Tag zum anderen verschwanden diese Gesichter. Stattdessen sieht man nur mürrische Mienen, die sich grau und trist durch den abgedunkelten Bahnhof schieben. Ja, ich gehöre dazu…

Versorgungslage
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Holt mich hier raus! Es gibt kaum noch Bier zu kaufen! Im Ernst – zahlreiche Brauereien liegen/lagen im Norden, und so verzögert sich der Nachschub. In einigen Supermärkten sind die Bierregale quasi leergefegt. Ausser Sapporo’s „Creamy White“ – das gab’s neulich noch, aber das hat auch seinen Grund.
Prinzipiell hat sich die Lage leicht gebessert. Es gibt teilweise auch wieder Wasser in Flaschen. Es gibt Windeln. Es gab neulich sogar wieder Joghurt. Teilweise werden die Dinge rationiert. Und das Auftauchen von Joghurt hatte einen Beigeschmack: Gleichzeitig wurde von der Regierung bekanntgegeben, dass das Verbot der Milchausfuhr aus Teilen der Präfektur Fukushima und Ibaraki aufgehoben wurde.

Aufgrund unserer Kinder sind wir übervorsichtig: Wir versuchen, Gemüse aus der näheren Umgebung zu meiden (und benutzen nachwievor kein Leitungswasser). Aber eine vollständige Sicherheit wird es wohl nie geben. Letztendlich weiss man bei vielen Sachen (wie Joghurt, nur eins von vielen Beispielen) nicht wirklich, wo die Bestandteile herkommen.

AKW Fukushima 1
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Momentan bemüht man sich hauptsächlich um die Stabilisierung der Brennstäbe – das ultimative Ziel ist der „cold shutdown“, bei dem sich die Brennstäbe nicht über 100 Grad erhitzen.
Vor ein paar Tagen entschied TEPCO in einem logisch erscheinenden Schritt, schwach radioaktives Material ins Meer zu pumpen, um stark radioaktives Wasser auffangen zu können. Daraufhin hagelte es Kritik aus Korea, Russland und den Fischern der Region, da dies ohne Vorwarnung geschah. Das ist natürlich mehr als verständlich.
Hoffen wir, dass es gelingt, das Austreten radioaktiver Substanzen so schnell wie möglich einzudämmen. Hoffen wir auch, dass die Nachbeben nicht noch schwerere Schäden am AKW (und natürlich der ganzen Region) verursachen.

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Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XV

April 4th, 2011 | Tagged , , , , , | 23 Kommentare | 2745 mal gelesen

Ja, doch, der Name des Erdbebenereignisses vom 11. März 2011 wurde schon wieder geändert: Man hat sich nun auf 東日本大震災 Higashi-Nihon Daishinsai, Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe geeinigt. Der Name trifft es auch gut, denn auf die eine oder andere Weise war bzw. ist dieses Erdbeben eine Katastrophe für (fast) ganz Ostjapan.

Zwischen Westerwelle und Libyen scheint das AKW in Fukushima noch immer gelegentlich für eine Hauptmeldung in den Nachrichten gut zu sein: Immerhin wurde man ja rhetorisch auch schon seit drei Wochen auf die Apokalypse vorbereitet – da kann man die ja schliesslich nicht so einfach abblasen. Natürlich ist der Reaktor noch immer nicht stabil. Natürlich ist die Lage kritisch, da stark radioaktiv verseuchtes Wasser direkt in den Pazifik fliesst. Natürlich wird man hier noch lange mit den Langzeitfolgen kämpfen müssen. Trotz allem bleibt uns hier in Tokyo nichts weiter übrig, als nach vorne zu schauen, und auch die wenigen Erfolgsnachrichten zu bewerten. „Leck, durch das radioaktiv stark verseuchtes Wasser in den Pazifik gelangt, konnte noch nicht geschlossen werden“ kann man nämlich auch anders lesen: „Leck, durch das radioaktiv stark verseuchtes Wasser in den Pazifik gelangt, gefunden“. Zynismus hin oder her: Das ist wenigstens ein Fortschritt. Man weiss, wo das Wasser herkommt. Und wenn man das weiss, kann man auch über Massnahmen nachdenken. Vor eins, zwei Wochen wusste man – gar nichts.
Andere, momentan leicht beruhigende Nachrichten sind z.B., das die Strahlungsbelastung in ganz Ostjapan seit zahlreichen Tagen zwar langsam, aber stetig abnimmt. Und das das Trinkwasser in der Region um Tokyo nicht mehr mit über 100 Becquerel pro Liter, sondern nur noch mit knapp einem Becquerel belastet ist. 0 wäre natürlich besser, aber weniger als 1 ist besser als 100. Oder? Das sich die Lage beim nächsten Regen wieder verschlechtern kann/wird, ist natürlich klar.

In diesem Sinne stiess ich gerade auf einen Beitrag von Reinhard Zöllner für „Die Welt Online“. Ich kenne Professor Zöllner flüchtig – er stiess zur Japanologie der Martin Luther Universität Halle-Wittenberg, als ich wegging. Als Japanologe ist er dem Thema gegenüber sicherlich nicht unvoreingenommen, aber besagter Artikel Apokalypse jetzt! Wir Deutschen sollten uns schämen trifft es meiner Meinung nach genau auf den Kopf. Und es rückt den kurzen THW-Einsatz erneut in ein schlechtes Licht, wie hier schon einmal diskutiert.

Eines der Wörter, die man zur Zeit am häufigsten liest und hört, ist das Wort 自粛 – jishuku – Selbstbeschränkung. Das bedeutet zum Beispiel, dass plötzlich die Werbung von den Fernsehbildschirmen verschwindet, da Firmen und Agenturen aus Pietätsgründen darauf verzichten. Grössere, eher erfreuliche Veranstaltungen (Feuerwerke im Sommer, Festivals, Konzerte usw) werden auch abgesagt. Auch die nächtliche Beleuchtung der Kirschblüten usw. usf. Mittlerweilen melden sich jedoch auch die Kritiker: Versinkt Japan in einer monatelangen Selbstbeschränkung, schadet das der Wirtschaft und der Gesellschaft eher. Ein verständliches Argument, drei Wochen nach dem Beben. Aber es fällt natürlich schwer, so unbeschadet wie vorher weiterzumachen. Jedoch: Selbst die Kirschblüten betreiben jishuku. Normalerweise stehen die Kirschbäume vor unserem Haus ab Ende März in voller Blüte – jetzt sind noch nicht mal Blütenansätze zu sehen. Der Grund ist der ungewöhnlich lange Winter / kalte Frühling: Normalerweise herrschen zu dieser Zeit 18 Grad am Tag und 9 Grad in der Nacht. Die Tageshöchsttemperatur war heute 9 Grad. Den Apokalyptikern sei jedoch versichert: Dies ist nicht der atomare Winter!

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Anbei noch ein paar Bilder, die ich heute in meiner Stadt gemacht habe: Die Bilder entstanden innerhalb einer halben Stunde – auf dem Weg von unserem Haus zum Bahnhof (mit ein paar Umwegen). Alle Bilder zeigen Schäden durch Bodenverflüssigung – sie sind also eine indirekte Folge des Bebens.
Dazu eine schlichte Erklärung zur „Bodenverflüssigung“. Man kann dies eigentlich ganz leicht zu Hause darstellen. Man nehme eine kleine Kiste und fülle Sand hinein. Dann giesst man etwas Wasser dazu – und zwar so viel, dass der Sand feucht wird, sich aber keine Wasseroberfläche bildet. Dann lege man etwas auf den Sand – Hauptsache, es hat ein kleines bisschen Gewicht. Dann schüttele man das ganze sanft für eine Weile – und man kann zuschauen, wie das Objekt langsam versinkt und Wasser hochsteigt.
Im Extremfall können Gebäude umstürzen – in vielen Fällen passiert jedoch folgendes: Flächen mit geringem Bebauungsgewicht sacken ab, während schwerere Objekte wie Inseln stehenbleiben. Absackungen von bis zu einem Meter sind keine Seltenheit. Gullis bleiben meist stehen und ragen aus der Oberfläche, da sie mit Rohren im Untergrund verankert sind.

 

 

Dieses Haus (rechts) ist nicht mehr bewohnbar – es ist teilweise abgesackt. Das linke Haus ist noch halbwegs intakt.

 

 

Dieses Gebäude wurde von den Einwohnern liebevoll きのこ交番 – „Pilz-Polizeiwache“ – genannt. Auch dieses Gebäude wird man wohl nicht retten können.

 

 

In diesem Fall hat es den kompletten Balkon abgerissen – da der Balkon weniger Druck auf den Untergrund ausübte.

 

 

Viele Japan-Besucher wundern sich, warum fast überall die Elektrik oberirdisch verlegt ist. Das mag verschiedene Gründe haben – ein Grund ist jedoch auf jeden Fall die hohe Anzahl von Erdbeben: Natürlich besteht eine gewisse Gefahr, dass die Masten umstürzen und die Trafos im schlimmsten Fall Brände auslösen. Andererseits sorgt die oberirdische Verkabelung dafür, dass so schnell der Strom nicht ausfällt. Selbst die am schlimmstenn betroffenen Gebiete in unserer Stadt hatten wochenlang zwar nichts – aber Strom und Internet funktionierten.

 

 

Als Folge der Bodenverflüssigung setzt sich das Wasser vom Sand ab und sprudelt nach oben, während der Rest in Folge der Volumenabnahme im Untergrund absackt. Neben dem Wasser sprudelt natürlich auch grauer Schlamm aus dem Untergrund – und das in nicht unbeachtlichen Mengen.

 

 

Herausragende Gullies sind quasi das Symbol der Bodenverflüssigung.

Rein theoretisch hätte es in unserer Stadt nicht zu solch extremer Bodenverflüssigung kommen sollen – bei uns wurde „nur“ eine starke 5 nach der japanischen Skala (Maximalwert: 7) verzeichnet. Jedoch: Die Besonderheit dieses Bebens war die Länge: Das Beben dauerte fast zwei Minuten. Wer obiges Experiment einmal ausprobiert – und zwei Minuten rüttelt, wird sehen, was ich meine…

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Tōhoku-Pazifik-Erdbeben: Update XIV

April 1st, 2011 | Tagged , , | 14 Kommentare | 1956 mal gelesen

Nach ein paar Tagen Pause mal wieder ein Update zur Lage in Japan – um ein bisschen darüber zu berichten, was die Leute hier vor Ort in Tokyo und Umgebung zur Zeit bewegt.

Lage im Norden
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Man ist immernoch dabei, die Schäden zu kartographieren und die Toten zu bergen. Es geht voran, aber der Wiederaufbau wird natürlich sehr, sehr lange dauern. Interessanterweise hat man jedoch festgestellt, dass ein Forscher die Ausmasse des Tsunamis bereits vorhersagen konnte – vor dem Beben. Im Jahr 869 gab es in der Nähe des diesjährigen Epizentrums das 貞観地震 (Jōkan-Erdben), welches eine geschätzte Stärke von über 8 hatte – und Tsunamiwellen kilometerweit ins Land rollen liessen. So etwas lässt sich anhand von Bodenproben prima feststellen. Dies ist insofern interessant, dass man – theoretisch zumindest – vorher bestimmen konnte, welche Gebiete tsunamigefährdet sind: In vielen Ortschaften lebte man schon immer mit der Gefahr, doch die Wucht des Tsunamis hatte dieses Mal selbst gestandene Wissenschaftler überrascht.

Trotz der enormen Zerstörung wollen viele Bewohner nicht weggehen, sondern wieder aufbauen. Das überrascht nicht, denn die ländliche Bevölkerung ist in Japan, wie auch anderswo, sehr sehr bodenständig. Momentan müht man sich (logischerweise) jedoch erstmal hauptsächlich um die Reparatur der Infrastruktur, und da wurden bereits grosse Fortschritte gemacht. 90% der Telefonleitungen sollen wohl wieder funktionieren, und in grösseren Orten gibt es, begrenzt, wieder Strom. Auch viele Trassen sind bereits wieder befahrbar. Der Nordosten ist auch seit dieser Woche keine Sperrzone mehr – wer hinein- oder herauswill, kann das tun. Dadurch ist auch die Arbeit von Freiwilligen möglich geworden.

Lage in Tokyo
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Nur am Montag, und dort auch nur in zwei von 5 Zonen, kam es zu planmässig eingeleiteten, begrenzte Stromausfällen: Die Temperature sind diese Woche auf bis zu 14 Grad gestiegen, und somit heizt kaum noch jemand. Der Strom reicht – aber die Stromsparmassnahmen müssen nachwievor durchgeführt werden, sonst muss wieder rationiert werden.
Die Versorgungslage bessert sich auch etwas. Ich habe heute sogar zum ersten Mal seit gut einer Woche Wasserflaschen im Laden gesehen. Seit ca. einer Woche sinken die Strahlungswerte – in der Luft langsamer, im Wasser schneller. In Tokyo liegt der Wert momentan bei rund 0.1 Mikrosievert/Stunde, in Chiba bei 0.07 (normal sind in Chiba wohl zwischen 0.022 und 0.044). Die Werte für Trinkwasser liegen wohl bei 10 bis 20 Becquerel pro Liter (der Grenzwert für Kinder unter einem Jahr liegt bei 100 Becquerel, für Erwachsene bei 300). Allerdings kam ans Licht, dass das Trinkwasser in einigen Gebieten vor gut über einer Woche teilweise 300 Bq überschritt – dies wurde jedoch erst Tage später veröffentlicht.

AKW Fukushima
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Schaue ich mich so unter unseren Bekannten um, scheint es nur zwei Gruppen zu geben: Absolut Unbekümmerte, die bereits aufatmen und einfach weitermachen wie früher. Und absolut Besorgte, die sich plötzlich in die Materie hereinzulesen versuchen – und, logischerweise, mehr und mehr der Regierung sowie dem AKW-Betreiber sowieso misstrauen.
Dazu hat man gute Gründe. Die Regierung beschwichtigt, wo es nur geht – die Pressekonferenzen sind mitunter schlichtweg absurd. „Wir haben Plutonium im Boden gefunden! Macht aber nichts, ist keine gesundheitsgefährdende Konzentration!“. Schon klar. Ist ja nur Plutonium. Dauert ja auch nur gute 20’000 Jahre, bis die Hälfte weg ist.
Die Internationale Atombehörde sowie Greenpeace haben heute besonders eindringlich an die Regierung appelliert, die Evakuierungszone auszuweiten, da auch ausserhalb der Zone enorm hohe Strahlungswerte festgestellt werden. Die Regierung will davon nichts wissen und behauptet nachwievor, dass die Strahlung noch nicht gesundheitsgefährdend ist (seit Wochen liegt sie nun schon bei bis zu 10 Mikrosievert pro Stunde). Und hat auch gleich eine Erklärung parat: Die anderen messen direkt über dem Gras, wo die Werte am höchsten sind. Die japanische Regierung misst jedoch direkt die Belastung für Menschen.

Mittlerweilen kommen hier mehr und mehr Fragen auf, die irgendwann geklärt werden müssen. Ich werde aber nicht den Fehler machen und schreiben „Die Japaner stellen sich diese Fragen“ – denn wie in den obigen Zeilen bereits erwähnt, stellen sich viele diese Fragen eben nicht. Zu den Fragen gehört folgendes:

– Wer arbeitet dort eigentlich im AKW Fukushima I?
Es mehren sich mehr und mehr Gerüchte und Meldungen, dass dort nicht etwa eine Menge Facharbeiter vor Ort sind, sondern hauptsächlich arme Schlucker, die auf die eine oder andere Weise überredet wurden, dort zu arbeiten. Ich meine damit nicht Zwangsarbeiter, aber Arbeiter, die entweder aus finanziellen Gründen und/oder aus Unwissen über die Gefahr dort arbeiten. Laien also. Das ist nicht unbedingt beruhigend zu wissen. Dort geht es schliesslich nicht darum, eine Grube auszuheben, sondern ein AKW vor dem endgültigen Kollaps zu bewahren.
Die Arbeitsbedingungen sollen den Nachrichten zufolfe hundsmiserabel sein: Es fehlt an Versorgungsnachschub, die Leute arbeiten bis zum Umfallen und – unter hoher Strahlenbelastung.
Ach ja – ein Leser fragte mich in einer Email besorgt, ob den neulich durch radioaktiv stark verseuchtes Wasser verletzten Arbeitern die Füsse amputiert werden mussten. Antwort: Nein. Die Arbeiter sind wohlauf und bereits aus dem Krankenhaus entlassen. Spätfolgen? Wird sich zeigen.

– Warum gab es im AKW Onagawa (bei Sendai) keine Probleme?
Das AKW in Onagawa steht auch am Meer und war wesentlich näher am Epizentrum dran. Auch Onagawa wurde von einem mächtigen Tsunami getroffen, der ähnlich hoch gewesen sein soll wie in Fukushima (ca. 14 m). Es sah am Anfang auch kurzzeitig so aus, als ob es Probleme geben könnte – gab es letztendlich jedoch (so wird zumindest gesagt) nicht. Diese Frage muss man klären, denn die Antwort könnte das Argument „damit konnte man nicht rechnen“ entkräften. Denn teilweise kam es bereits ans Licht: In Fukushima I wird die Eskalation der Lage letztendlich weniger auf der Naturkatastrophe beruhen als auf menschlichem, und zudem noch grob fahrlässigen Verhaltens seitens der Betreiber.

– Warum hört man so vielen Hilfsangeboten aus dem Ausland – und doch sind sie nicht im Einsatz?
Viele Staaten haben bereits ihre Hilfe angeboten, um das AKW in den Griff zu bekommen. Scheinbar ist jedoch nichts davon durchgeführt worden. Meldungen zufolge hat die japanische Regierung – zumindest anfangs – Hilfe abgelehnt. Dies soll sich jetzt wohl ändern. Endlich. Auch dieses Verhalten der Regierung wird man später gewiss noch unter die Lupe nehmen.

Im AKW scheint man zur Zeit zwei Ziele zu verfolgen:
a) den Zufluss stark verstrahlter Substanzen in das Meer zu stoppen
b) den Reaktor, hauptsächlich Block 2, mit einer Plane aus Kunstharz abdecken, um die Verbreitung radioaktiver Strahlung zu unterbinden.

Zusammenfassung: Die Lage scheint etwas besser als noch vor eins, zwei Wochen. Aber das AKW wird uns noch sehr, sehr lange verfolgen. Und wir werden noch lange besorgt auf den Wetterbericht schauen müssen, um festzustellen, woher der Wind weht und wann es regnet. Hoffentlich fasst sich auch die Regierung irgendwann ein Herz und arbeitet enger mit ausländischen Institutionen zusammen. Dieser falsche Stolz hat das Potential, die Bevölkerung vor Ort in Fukushima in ein langes Unglück zu stürzen.

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Tōhoku-Pazifik-Erdbeben: Update XIII

März 29th, 2011 | Tagged , , , | 43 Kommentare | 9462 mal gelesen

Hier mal wieder ein kurzes Update aus Tokyo, fast zweieinhalb Wochen nach dem Erdbeben.

AKW Fukushima
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Na wenigstens scheint Fukushima in Deutschland etwas bewirkt zu haben – halb amüsiert, halb pikiert schaue ich der Lage in Deutschland natürlich mit grossem Interesse zu, und auch die japanischen Medien schauen auf Deutschland – Schlagzeilen wie „eine Viertel Million Deutsche demonstrieren gegen Kernkraft“ machen hier die Runde – ohne dies positiv oder negativ zu werten. Kernkraft in Deutschland abschaffen? Warum nicht. Schade fände ich es persönlich jedoch, wenn man auch die Forschung dazu einstellen würde: Kernenergie ist und bleibt eine Energiequelle, die, wer weiss, vielleicht irgendwann gebändigt werden kann (was ist eigentlich aus der Idee der kalten Fusion geworden?)

Auch wenn mir das einige wenige Kommentatoren abzusprechen scheinen – ich mache mir natürlich auch Sorgen und bemühe mich, so weit es geht, an verlässliche Messdaten zu kommen. Wie hoch ist die Strahlung in der Umgebung? Wie stark belastet ist das Trinkwasser? In Tokyo und Umgebung hatte sich die Strahlung in den letzten Tagen (überwiegend Nordwind) bei ca. 0.1 Mikrosievert (μSv) pro Stunde eingependelt. Normal sind in dieser Gegend wohl 0.02 μSv – wir sprechen also von einem fünffach erhöhten Wert. Ein Hin- und Rückflug nach New York (von mir aus auch nach Deutschland – das liegt jedoch ein bisschen näher) bringt wohl 190 μSv mit sich, eine Röntgenaufnahme des Thorax 50 μSv.
In Tokyo konnte angeblich in den letzten Tagen keine Radioaktivität im Trinkwasser festgestellt werden, aber so richtig wollen die Leute das noch nicht glauben, und so wird wohl Wasser in Flaschen auf Dauer Mangelware bleiben. Wer will es den Müttern verdenken. Auch wir haben uns ein paar Kisten Wasser aus Kansai und Kumamoto geschickt bzw. schicken lassen.
Auf Gemüse aus dem Raum Kantō verzichten wir und viele andere mit Sicherheit auch – und hoffen, dass das Herkunftsgebiet ordnungsgemäss etikettiert ist. Auf Fisch aus der Gegend verzichten wir vorläufig, bis wir mehr wissen, auch. Viele dieser Vorsichtsmassnahmen sind wahrscheinlich nicht von Nöten, aber mit einem Säugling und einem Kleinkind im Haus geht man freilich lieber auf Nummer sicher.

Die Meldungen aus dem AKW sind nachwievor verwirrend. Mal gibt es stundenlang keine neuen Nachrichten – und man fragt sich ernsthaft, ob keine Nachricht eine gute Nachricht ist oder eine schlechte. Heute hat zumindest offiziell eingestanden, dass es ganz offensichtlich zu einer partiellen Kernschmelze gekommen war – aber darin schienen sich die Experten ja zuvor schon einig gewesen zu sein.

Wir verfolgen unter anderem den Blog des Wissenschaftlers und ehemaligen Nuklearforschers Takeda, der meiner Meinung sehr kritisch, aber – und das ist wichtig – besonnen mit dem Thema umgeht. Takeda sah Tokyo vor allem um den 16. März herum in ernsthafter Gefahr (am 15. hatte ich meine Familie weggeschickt…), geht aber im Moment von einer Stabilisierung der Lage aus. Sein Blog ist auf Japanisch und – ja, lesenswert.
Ansonsten – wer sich genau dafür interessiert, wie es mit den Strahlenwerten in der Gegend momentan verhält, dem sei ein Blick auf die Strahlenwerte, veröffentlicht von der Japan Times, empfohlen. Zeigt zwar nur die Durchschnittswerte vom Vortag, aber besser als gar nichts.

Lage im Norden
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Da ich nicht vor Ort bin, kann ich leider nicht sehr viel dazu sorgen. Die Aufräumarbeiten scheinen voranzugehen, und man hat mit dem Bau von Notunterkünften begonnen. Wichtige Verkehrstrassen wurden zum Teil wieder hergestellt, und da es mittlerweilen auch wieder mehr Benzin gibt und das Wetter etwas frühlingshafter werden soll, sollte sich die Lage leicht entspannen. Sehr angespannt sieht jedoch noch immer die Lage in Fukushima aus, vor allem in 相馬 Sōma – diese Stadt wurde auch schwer vom Tsunami getroffen, aber aufgrund der nahen Lage zum AKW gelangen keine Hilfsgüter in die Stadt. Die evakuierte Zone (20 km) gilt momentan als radioaktiv stark verseucht – ehemaligen Anwohnern wird ausdrücklich empfohlen, nicht in die Sperrzone zu fahren um persönliche Sachen zu holen.

Lage in Tokyo
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Leicht gestiegene Temperaturen (heute: 12 Grad) und eine grössere Vorhersehbarkeit von Verbrauchsspitzen sorgten dafür, dass der Strom heute nur in einer von 5 Zonen für 3 Stunden gesperrt wurde. Am Wochenende bleibt sowieso allen der Strom erhalten – da die meisten Betriebe am Wochenende schliessen, reicht der Strom.
Die Lage wird sich mit dem Frühlingsbeginn sicher wieder entspannen – aber im Sommer wird es auf jeden Fall kritisch werden: Bei grosser Luftfeuchte und Temperaturen bis knapp 40 Grad wird nun mal gekühlt. Wie sich Stromsperren im Sommer auf die Versorgung mit Lebensmitteln auswirken wird, bleibt abzuwarten, aber es wird mit Sicherheit etliche Engpässe geben.

Lage in Urayasu (mein Wohnort)
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Im letzten Beitrag hatte ich ein Video vorgestellt, in dem man die Bodenverflüssigung und die Folgen sehen konnte. Gestern bin ich mit meiner Tochter quer durch die Stadt zum Meer gefahren – und auch dorthin, wo das Video gemacht wurde. Dort sieht es wirklich wüst aus – schiefe Gebäude, eine Strasse hat sich – längs wohlgemerkt – um ca. 30 Grad aufgestellt, überall Berge getrockneten Schlamms, gerissene Strassen… Jedoch: Interessant war die Topographie der Schäden. Das neueste Neuland, angebaut in den 1990ern, war nahezu vollkommen unversehrt. Das Neuland zwischen Bahnlinie und den neueren Poldern hingegen hat es arg erwischt. Da wird wohl einiges an Ärger auf die Bauherren zukommen – ganz offensichtlich hatte man sich bei einigen Stadtteilen nicht sehr grosse Mühe gegeben mit der Erdbebensicherheit. Am Wochenende war dabei grosser Subotnik: Etliche Nachbarschaften räumten zusammen auf (unsere nicht, da es hier kaum Schäden durch Bodenverflüssigung gab).

Medien
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Die deutschen Medien bereiten mir nachwievor viel Freude. In der Tagesschau vom 27. März weiss der Reporter Mario Schmidt zu berichten, dass die Japaner zunehmend über die Lage verunsichert sind – und zwar aus Ōsaka. Wie er das wohl mitbekommen hat? Hat er etwa japanisches Fernsehen gesehen oder Zeitung gelesen? Ganz ehrlich, liebe ARD: Dazu muss man keinen Reporter in Ōsaka haben. Entweder, ihr berichtet richtig oder gar nicht. Mit Verlaub: Die Stimmung in Tokyo kann man in Ōsaka ganz bestimmt nicht messen.
Der Spiegel orakelt in der Ausgabe 12/2011 hindessen darüber, dass Japan nunmehr auf unbestimmte Zeit das „Land der untergehenden Sonne“ sein wird. Alle Achtung, das ist doch mal ein richtiger Kalauer! Ferner wird darüber gestaunt, wie hilflos Japan in Anbetracht der Katastrophe zu ssein scheint. Ich sollte wirklich aufhören, den Spiegel zu lesen.

Unwort „flyjin“
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Momentan hört man in Tokyo des öfteren den Begriff „flyjin“. Der setzt sich zusammen aus „fly“ (fliegen) und dem -jin in gaijin (Ausländer, das -jin steht für „Mensch“). Gemeint sind Ausländer in Japan, die alles stehen und liegen gelassen haben, um nach dem Erdbeben/der Zuspitzung der Lage im AKW Fukushima das Weite zu suchen.
Vorwürfe hört man – zur Zeit zumindest – eher von anderen Ausländern, die geblieben sind, als von Japanern. Die meisten Japaner werden wahrscheinlich sowieso denken „Wäre ich im Ausland und das würde passieren, würde ich wahrscheinlich auch fliehen“. An der Entscheidung, Tokyo in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg zu verlassen, werden sich noch auf lange Zeit die Geister scheiden. Die, die ausharrten, werden sagen „wir sind nicht gleich abgehauen“, die, die gingen, werden sagen „Ihr seid doch einfach nur leichtsinnig/dummgläubig“.
Persönlich kann ich es zumindest keinem verübeln. Die Lage sah teilweise sehr kritisch aus, und noch immer ist die Lage nicht völlig entspannt. Einer unserer Angestellten zog es auch vor, vorläufig in seine Heimat (USA) zurückzukehren – und von dort weiterzuarbeiten. Unser Chef nahm ihm das gehörig übel: Er kommt aus England.

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Sanriku-Kantō-Erdbeben: Update XII

März 25th, 2011 | Tagged , , , | 24 Kommentare | 2357 mal gelesen

Noch einmal ein kurzes Update zur Lage der Nation und des Authors – knapp zwei Wochen nach dem schweren Erdbeben, welches – ein Leser hatte sich bereits gewundert – schon eine ganze Zeit lang anders genannt wird, nämlich das 2011 Tōhoku-Pazifik-Erdbeben. Es wird sich jedenfalls auf lange Zeit in das Gedächtnis einbrennen.

AKW Fukushima und Folgeschäden
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Die Lage ist nachwievor ernst, auch wenn sich die Medien zumindest ein bisschen abgewendet haben. Hin und wieder tritt Rauch aus dem AKW auf und man weiß scheinbar nicht so recht, warum. Zumindest ist aber zu allen Blöcken Strom gelegt worden, und scheinbar ist man momentan mit einer Bestandsaufnahme beschäftigt: Was funktioniert noch und was nicht. Die Arbeiter vor Art riskieren dabei nachwievor ihr Leben – so wurden heute offensichtlich zwei Arbeiter vor Ort stark verstrahlt – zumindest deren Füße, aber bis zu einem Grad, bei der man von Strahlenverbrennung reden kann.
Allmählich kommen auch die Folgeschäden ans Licht. Zwar sind die Strahlenwerte in der Hauptstadtregion stabil und sehr niedrig (Leute, die zum Beispiel wegen der Lage nach Deutschland zurückgeflogen sind, haben allein durch den Flug eine weitaus höhere Strahlenbelastung erlitten als die, die in Tokyo zurückgeblieben sind, aber das nur am Rande).
Jedoch sorgt das für diese Jahreszeit eher ungewöhnliche Wetter (es ist recht kalt, und der Wind weht oft aus dem Norden) dafür, das es zum Beispiel gestern und vorgestern durch den Dauerregen zu einem starken Eintrag radioaktiven Jods in die Trinkwassereinzugsgebiete von Tokyo und Saitama kam. Die Werte überschritten zeitweise den Grenzwert der für Säuglinge zugelassenen Höchstgrenze um das Zweifache. Verständlicherweise war prompt alles Wasser aus Flaschen innerhalb kürzester Zeit ausverkauft.
Heute lagen die Werte wohl wieder unter dem Grenzwert, aber mit diesem Problem werden wir hier mit Sicherheit noch eine Ganze Weile zu kämpfen haben. Und mit den weiteren Folgeproblemen – in Punkto verstrahlter Nahrung, vor allem bei Gemüse, Milch- und Fleischprodukten und Meerestieren, stehen wir wahrscheinlich erst ganz am Anfang diverser Hiobsbotschaften.
Grund dafür ist freilich auch schlichtes Unwissen: Im Fernsehen wurde ein Milchbauer interviewt, dem es aufgrund der hohen Radioaktivität in seiner Milch untersagt wurde, die Milch zu verkaufen. Er war völlig enttäuscht – und kippte vor den Augen der Kameraleute die komplette Milch in die Jaucherinne. Klar, warum nicht, ist ja auch nur kontaminiert – was soll man sonst damit machen. Der Stadt hat dabei jedoch schon zugesagt, dass die Bauern entweder durch den Betreiber Tepco oder den Stadt entschädigt werden.

Der Stromversorger der Insel Kyūshū kündigte heute übrigens an, zwei seiner zur Zeit in Wartung befindlichen Meiler eventuell vorerst nicht mehr anzustellen, da man keine Akzeptanz von der Bevölkerung erwarten könne. Es handelt sich um das AKW in 玄海 (Genkai) in der Provinz Saga. Sollte man diese Ankündigung wirklich wahrmachen, dürfte sich Kyūshū auch auf Stromausfälle im Sommer gefasst machen.

Es wird übrigens immer schwieriger, verlässliche Neuigkeiten über das AKW Fukushima I zu bekommen – die Nachrichten (auch in Japan) beginnen, sich eher mit anderen Dingen zu beschäftigen. Die wenigen Nachrichten klingen zum Teil auch absurd bzw. unbrauchbar: „Licht im Kontrollraum des Blocks 1 funktioniert wieder“ oder „rechte Pumpe der Anlage so und so scheint kaputt zu sein“. Es ist eine skurrile Situation, denn niemand gibt Entwarnung – das AKW muss sich scheinbar in einer Art Status Quo befinden.

Norden
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Man müht sich, es geht Schritt für Schritt voran, aber – es wird wirklich sehr lange dauern, bis das Gröbste überstanden ist. Die Lage am AKW Fukushima sorgt nun leider auch dafür, dass Ortschaften und Städte unweit des AKW mehr und mehr leiden müssen: Heute meldete sich der Bürgermeister der Stadt Iwaki recht unjapanisch-laut zu Wort und kritisierte die Regierung heftig: In der Stadt gehen mittlerweilen die Nahrungsmittel zu neige, keiner liefert mehr, das Wasser ist radioaktiv verseucht usw. Die Gegend wurde nicht allzu sehr zerstört beim Erdbeben – weshalb man es scheinbar nicht für nötig hielt, den Ort in Notfallpläne aufzunehmen. Überhaupt: In besonders gefährdeten Gebieten werden regelmässig Tsunami-Übungen sowie im ganzen Land Erdbebenübungen abgehalten. Übungen für Störfälle im AKW wurden unter den Anrainern scheinbar jedoch nie abgehalten, weshalb keiner so recht zu wissen scheint, was eigentlich los ist.

Sonstiges
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Die planmässigen Stromausfälle gehen weiter – aber wie in anderen Updates schon angedeutet, wird dies noch über Monate weitergehen. Ansonsten versucht sich jeder so gut wie möglich, sich der Arbeit zuzuwenden. Die Nachbeben haben an Frequenz scheinbar abgenommen – die letzten fünf Stunden waren komplett bebenfrei, und das gab es schon lange nicht mehr. Dafür hatte es am Vormittag mehrfach relativ kräfti gewackelt.
Vom deutschen Botschafter in Japan gab es einen netten Aufmunterungsbrief an alle Deutschen in Japan. Schräg eingescannt und als PDF verschickt. Kann es denn so schwer sein, ein ausgedrucktes Blatt halbwegs gerade zu scannen? Scheinbar schon. Aber egal. Hauptsache, unseren Botschaftern geht es gut in Osaka.
Die Lufthansa fliegt derweilen wenigstens wieder direkt nach Tokyo. Und die ersten Reporter scheinen sich auch wieder in die Hauptstadt zu wagen. Wissen die etwas, was ich nicht weiss!?

Und sonst…
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Auch ich versinke zur Abwechslung wieder in Arbeit. Mein Schwiegervater wohnt noch bei mir, aber ich sehe ihn kaum. Heute morgen sah ich ihn allerdings – als er um 6 aufstand und ich um 6 schlafen ging (war bis 4 Uhr arbeiten). Morgen kommen dann endlich meine Frau und die Kinder zurück. Und sie haben vorgesorgt: Aus Kōbe haben sie bereits eine riesengrosse Kiste mit Gemüse aus Kansai sowie, später, noch ein paar Kisten mit Wasser geschickt.
Ach, in was für einer Zeit sind wir doch gelandet….

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Sanriku-Kantō-Erdbeben: Update XI

März 23rd, 2011 | Tagged , , | 21 Kommentare | 2500 mal gelesen

Heute war ein vergleichsweise guter Tag: Die Bahnen fuhren morgens pünktlich und jetzt scheinbar auch, und aus dem Energiesektor kommen auch etwas bessere Meldungen – zumindest was die Versorgung angeht. Zwar reicht die Energie nachwievor nicht und wird auch eine ganze Weile nicht reichen, aber dank der Einsparbemühungen seitens nahezu aller scheint sich die Lage ein bisschen zu beruhigen (der Strom wird aber nachwievor geplant hier und da abgeschalten – man will das ganze jedoch etwas nachregeln). Auch die Börse lässt leise Hoffnung aufkommen – nach dem zu erwartenden Sturzflug in der vergangenen Woche legte sie heute um fast 5% zu.
Die Nachrichten aus dem AKW in Fukushima sind nachwievor beunruhigend, aber zumindest auf einem geringeren Level beunruhigend als noch in der vergangenen Woche. Aber das wird wohl noch eine Weile so weiter gehen, von beunruhigenden Nachrichten über erhöhte Strahlenwerte mal ganz abgesehen.

Heute möchte ich jedoch ein bisschen mehr auf die Lage im Katastrophengebiet eingehen:
Die Anzahl der bestätigten Opfer hat bereits die Zahl 9’000 überschritten, und noch immer sind mehr als 12’000 Menschen vermisst. Seit geraumer Zeit steht fest, dass dieses Beben weit mehr Opfer gefordert hat als das schwere Erdbeben in Kōbe im Jahr 1995. Leider muss man auch davon ausgehen, dass das Gros der Vermissten nie wieder auftauchen wird. Allein aus einer Ortschaft in der Präfektur Iwate wurde gemeldet, dass knapp 1’000 Menschen vermisst werden – bisher jedoch nicht eine einzige Leiche geborgen wurde. Dies kann zwei Gründe haben – entweder wurden die Menschen vom gewaltigen Sog des Tsunamis auf das Meer gezogen oder sie befinden sich unter einer meterdicken Schicht aus Schutt.
Man schätzt, dass ca. 300,000 Haushalte zerstört wurden – etwas weniger als beim Erdbeben in Kōbe, jedoch ist die Ausgangslage jetzt eine völlig andere: Kōbe war ein relativ begrenztes Ereignis; man konnte relativ schnell Material aus unzerstörten Gegenden heranschaffen. Die trotzdem sehr hohe Opferzahlen erklärte sich schlicht aus der hohen Bevölkerungsdichte und, direkt damit verbunden, ausgebrochenen Grossbränden. Beim jetzigen Erdbeben steht man jedoch vor anderen Problemen:

1) Größe der betroffenen Region
2) Topographie der Region (sehr gebirgig)
3) Schlechte Witterung
4) Akkumulierende Effekte in der gesamten Region (Raffinerien bis in den Raum Tokyo ausser Betrieb, gleichzeitig auftretende Probleme wie die im AKW Fukushima usw.)

Das Hauptproblem im Katastrophengebiet scheint laut allgemeinen Einschätzungen nicht darin zu bestehen, dass es nicht genügend Betten, Essen, Trinken usw. gibt – sondern darin, dass es schlichtweg an Benzin und Diesel mangelt, um die Dinge zu verteilen. Das logistische Problem besteht ergo darin, wie man Brennstoff liefern kann (Häfen, Bahnlinien und Strassen sind stark zerstört) und wie man von den Verteilungspunkten den Brennstoff und die Güter weiter an die Küste bringen kann, denn je kleiner die Strassen sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht passierbar sind.
Soll heissen, im Norden kämpfen die Leute vielerorts ums nackte Überleben: Es fehlt an Strom, Wasser, Brennstoff, Lebensmittel, Medikamente, Sanitärartikel, Brillen usw. Da auf dem Land in Japan vor allem alte Leute leben, wird es noch unzählige Todesfälle als Folge des Bebens geben. Das ist teilweise bedingt durch Sachen, an die man als Durchschnittsbürger gar nicht denkt: Nach dem Erdbeben in Kōbe fehlten zum Beispiel Zahnbürsten und Zahnpasta. Nun gut, ein paar Tage nicht die Zähne putzen kann doch nicht so schlimm sein, mag man denken. Es kann: Hunderte Erdbebenopfer überlebten zwar das Erdbeben, wurden aber durch Lungenentzündungen dahingerafft – mangels Mundhygiene wanderten Keime in die Lunge und verursachten dort lebensgefährliche bis tödliche Pneumonien.
Aufgrund der momentan für die Jahreszeit sehr kühlen Witterung versterben leider auch mehr und mehr Menschen im Norden an Unterkühlung – begünstigt durch anhaltende Nässe.
In Japan ist das Interesse gross, als Freiwilliger im Norden zu helfen, jedoch ist das Gebiet momentan noch für freiwillige Helfer gesperrt – aus guten Gründen, denn deren Sicherheit kann momentan nicht gewährleistet werden und allein durch ihre Anwesenheit würden die ohnehin schon dürftigen Ressourcen noch mehr strapaziert werden. Es dürfte aber nicht mehr allzu lange dauern, bis auch Freiwillige helfen dürfen.

Was macht die Politik?
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Man bemüht sich, vor allem durch wirtschaftliche Massnahmen und das schnellstmögliche Instandsetzen der wichtigsten Infrastrukturen. Natürlich werden Fehler gemacht. Natürlich bleiben Fragen offen (z.B. warum die Selbstverteidigungskräfte nicht gerade sehr präsent sind – eigentlich sollte man doch Interesse daran haben, fast das komplette Militär hier einzubinden).
Bei einer Diskussion im Forum der Tagesschau Online vermerkte jemand: „Japan bräuchte einen starken Politiker wie Helmut Schmidt, der sich bei der Sturmflut in Hamburg 1962 einen Namen machte“. Das ist hanebüchener Blödsinn: Allein die Idee, die Sturmflut von Hamburg mit dem Sanriku-Beben zu vergleichen ist lachhaft. Wir reden hier von ganz anderen Dimensionen und mehreren schweren Krisen gleichzeitig.

(Wie) kann man helfen?
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Es wurden schon mehrere Millionen Euro in Deutschland für die Erdbebenopfer gespendet. Zurecht bemerken jedoch einige Kritiker: „Wieso eigentlich? Japan ist eines der reichsten Länder der Erde!“. Das ist richtig. Wie oben erwähnt, mangelt es auch nicht unbedingt an Hilfsgütern – die kann Japan schon auftreiben, und auch den Wiederaufbau kann man finanzieren. Was man bräuchte, ist Zeit und besseres Wetter – und beides kann man nicht spenden. Wer direkt helfen möchte, kann das, wie es einige Leser bereits angeboten haben, durch dreierlei Dinge tun:

1) Wer Wohnplatz zur Verfügung hat, kann dies deutschen „Zwangsheimkehrern“ anbieten. Ich glaube nicht, dass viele (oder auch nur ein paar) das in Anspruch nehmen müssen, aber allein die Tatsache, zu wissen, dass man zur allergrössten Not eventuell auch in Deutschland für ein paar Tage, Wochen unterkommen kann, hilft sicher einigen. Dabei sollte ich vielleicht anmerken, dass ich nicht zu der Gruppe zähle – ich hätte für meine Familie zur Not eine vorübergehende Bleibe.

2) Schauen, welche Hilfsorganisation in Japan vor Ort und aktiv ist. Ich habe sie schon einmal erwähnt und erwähne sie immer wieder gern: Ärzte ohne Grenzen ist eine sehr sinnvolle Organisation. Momentan bittet die Organisation, von zweckgebundenen Spenden (Für Japan) abzusehen, da man momentan nicht sicher ist, wie hoch der Bedarf ist. Bei dieser Organisation kann man sich jedoch sicher sein, dass das Geld gut eingesetzt wird.

3) Besucht Japan!
Einen Aufenthalt in der Hauptstadt oder weiter nördlich kann ich zwar momentan noch nicht empfehlen, aber der Westen (also Nagoya und alles weiter westlich) ist vollkommen normal. Auch in Tokyo wird sich die Lage in ein paar Wochen normalisieren, aber regelmässige Stromausfälle und damit verbundenes, leichtes Verkehrschaos und eine noch immer unsichere Lage im AKW Fukushima sorgen wahrscheinlich nicht für einen entspannten Urlaub.

Wie hilft Tabibito?
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– Durch eine monatliche Spende an Ärzte ohne Grenzen, egal ob irgendwo etwas passiert ist oder nicht
– Durch meine Anwesenheit in Tokyo und dem festen Willen, diese Krise in Japan zu überstehen
– Der Familie meiner Frau zu helfen, so es möglich ist (momentan wohnt mein Schwiegervater bei mir). Aber das ist natürlich selbstverständlich
– Hoffentlich durch diesen Blog und den Versuch, einen so weit möglich neutralen Blick zu bieten (Subjektivität lässt sich freilich nicht ganz vermeiden)

Vorsicht!
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In Japan und scheinbar auch anderswo kursieren seltsame Emails, in denen zu ominösen Spenden und Aktionen aufgerufen wird (eine solcher Ketten-Emails besagte, dass man Jodtabletten in gepolsterten Umschlägen an namentlich genannte Ärzte in Tokyo schicken soll.
Das ist schlichtweg Blödsinn und an der Grenze zur Kriminalität: Jodtabletten in gepolsterten Umschlägen an irgendwelche Ärzte schicken? Das stinkt gewaltig!
Solche Emails (hier und da fehlt es an Kleidung, bitte sofort dies und das dorthin schicken usw). gibt es auch in Japan – es ist Vorsicht geboten, zumal solche Kettenemails oft von Bekannten weitergeleitet wurden).

Alltag
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Yahoo! Japan zeigt auf seiner Startseite momentan folgende Graphik:

Yahoo Japan: Stromverbrauch in Tokyo

Dort steht das Verhältnis des Stromverbrauchs zur vorhandenen Menge. Dem Grossraum Tokyo stehen momentan 37 Megawatt zur Verfügung. In der vergangenen Stunde wurden rund 32,1 MW verbraucht – 86% (z.T. dank der planmässigen Stromausfälle). Nähert sich die Zahl 100%, kann es zu unplanmässigen, massiven Stromausfällen kommen (gelinde gesagt eine Katastrophe). Jedoch kann jeder dazu beitragen, dass zu verhindern. Ein Blick auf diese und ähnliche Graphiken dürfte in den kommenden Monaten zum Alltag werden.

Und jetzt?
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So keine gravierende Verschlechterung der Lage eintritt, werden meine Frau und ihre Kinder am Donnerstag zurückkommen. Ein Restrisiko, auf das AKW und die Nachbeben schielend, bleibt. Andererseits muss es auch irgendwie weitergehen – meine Kleine kommt Anfang April in den Kindergarten und das „Flüchtlingsdasein“ (obwohl es ihnen im Vergleich zu den wirklich Betroffenen im Katastrophengebiet natürlich noch sehr gut geht) zehrt allmählich an den Nerven.
Soll auch heissen: Ab Donnerstag werden die Beiträge weniger und kürzer. Das reicht auch erstmal an Aufmerksamkeit…

Mangelnde Photos
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Ich bräuchte nur 10 Minuten mit dem Fahrrad fahren, um spektakuläre Aufnahmen zu machen. Und als Blogger, Ex-Geographie- und Geologiestudent und Hobbyphotograph juckt es mir freilich in den Fingern. Leider habe ich in Werktagen jedoch keine Zeit – und wenn meine Familie da ist, ist es auch schwer, meiner Kleinen zu sagen „Du, heute fahren wir mal nicht zum Zoo oder zum Spielplatz, sondern wir schauen mal, wie lustig Strassen und Häuser aussehen können, wenn die Erde ein bisschen wackelt!“. Von daher: Keine Photos.
Wer aber wissen will, wie es in meinem Ort aussieht – hier gibt es die offizielle Photostrecke auf der Seite des Rathauses: Schäden in Urayasu. Bitte beim Betrachten der Bilder bedenken: Wir befanden uns fast 400 km vom Epizentrum entfernt. Anders gesagt: Läge das Epizentrum in Köln, könnte es in Zürich oder Leipzig genauso aussehen (aber nur theoretisch: Unsere Stadt sieht so aus, weil das Neuland versagt hat).

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Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update III: Planmässige Stromausfälle usw.

März 14th, 2011 | Tagged , , | 43 Kommentare | 4209 mal gelesen

Ein weiteres Update zur Lage in Japan, vor allem im Grossraum Tokyo, gut 58 Stunden nach dem Hauptbeben am 11. März:

AKW
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Die Lage ist konfus. Kenrschmelze? Partielle Kernschmelze? In Wirklichkeit eigentlich nicht viel passiert? Drei Reaktoren vor der Schmelze oder zwei? Die Nachrichten überschlagen sich, doch aus dem Wust an Informationen ist es wirklich schwer, herauszufinden, was nun eigentlich passiert ist. Das ist keine Verschleierungstaktik – die Verantwortlichen wissen es selber nicht.
Hauptsächlich Ausländer, darunter hauptsächlich Deutsche, verfallen momentan im Raum Tokyo in Panik und versuchen, die Region zu verlassen. Japaner schauen besorgt gen Norden, verfallen aber nicht in Panik.
Fazit: Ich bleibe vorerst mit Familie hier. Aus verschiedenen Gründen: Die Wahrscheinlichkeit, dass Tokyo verstrahlt wird, halte ich aufgrund der saisonalen Windrichtung für relativ ungefährlich. Bzw. hoffe ich es. Ich bin kein Experte. Werde ich die gleiche Strahlendosis erwischen wie nach Tschernobyl? Mehr? Weniger? Wo ist es sicher? Warum gab es in Bayern einen grösseren radioaktiven Fallout als z.B. in Mecklenburg? Ist Tokyo sicher? Ist Nagoya sicherer? Ich weiss es einfach nicht, und Experten scheinbar auch nicht.
Was bleibt, ist momentan hauptsächlich die Hoffnung. Ansonsten möchte ich mich nicht all den Mutmassungen anschliessen. Und ich bitte auch darum, keine Panik zu schüren – das ist das letzte, was wir hier brauchen können.

Beben & Nachbeben
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Nach neuesten Berechnungen hatte das Hauptbeben eine Stärke von 9.0. Dazu muss man nicht viele Worte verlieren – die Bilder sprechen Bände, und 9.0 ist hier nur eine Zahl.
Die spürbaren Nachbeben haben etwas nachgelassen. Geologen rechnen aber damit, dass innerhalb der nächsten 3 Tage mit 70%er Wahrscheinlichkeit ein Beben der Stärke 7.0 oder höher stattfinden wird. Aber auch das sind nur Zahlen. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings in der Tat hoch – das lehrt die Geschichte anderer Erdbeben.
Die Opferzahlen klettern stündlich. Mittlerweilen ist es auch kein Tabu mehr, im Fernsehen davon zu sprechen, dass die Opferzahlen fünfstellig sein werden. Dabei sei angemerkt, dass die Region, die am stärksten getroffen wurde, eher spärlich besiedelt ist.

Versorgung – Gas
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Gas scheint an vielen Orten wieder zu funktionieren. Modernere japanische Gaszähler haben übrigens eine Erdbebensicherung (jetzt bebt es gerade wieder), die die Gaszufuhr automatisch stoppt. Die muss man manuell wieder deaktivieren – sonst kann man noch so lange warten.

Versorgung – Wasser
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Offensichtlich hat es gerade unsere Stadt besonders schwer erwischt, denn in Nachbarstädten gibt es Wasser. Hier gibt es stellenweise entweder kein Wasser oder der Druck reicht nicht aus: In unserem Haus fliesst das Wasser im 1. Stock, im 2. tröpfelt es und bei uns im 3. fliesst rein gar nichts. Das erklärt auch die geöffneten Gaststätten in der Gegend – die liegen alle im Erdgeschoss.
Gute Nachrichten gab es jedoch heute: Erst hiess es, es werde einen Monat dauern. Heute kam eine Meldung herein, dass die Wasserversorgung ab dem 17. stehen soll. Das wäre schon mal ein grosser Fortschritt.

Versorgung – Benzin
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Langfristig soll es wohl keine Engpässe geben, kurzfristig aber schon: Tankstellen sind entweder geschlossen oder rationieren – meist 20 l pro Person.

Versorgung – Strom
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Und das sind die schlechten Nachrichten für uns. Am Wochenende funktionierte die Stromversorgung noch halbwegs, aber wenn ab Montag die Industrie wieder anläuft, reicht der Strom nicht. Ein knappes Drittel des Bedarfs kann nicht gedeckt werden. Um plötzliche, katastrophale Stromausfälle zu vermeiden, entschied die Politik zusammen mit TEPCO, dem Hauptversorger Nord und Ostjapans, planmässig den Strom in den 9 Hauptstadtpräfekturen abzuschalten – mit Ausnahme der Innenstadt von Tokyo (bis auf mehr oder weniger grosse Bereiche von Katsushika-ku, Adachi-ku, Nerima-ku, Arakawa-ku, Kita-ku, Toshima-ku, Suginami-ku, Setagaya-ku, Ōta-ku, Meguro-ku, Shinagawa-ku und Taitō-ku bleiben die 23-ku genannten Innendistrikte verschont – Liste der betroffenen Gebiete siehe hier (PDF, japanisch).
Alle anderen Gebiete wurden in 5 Gruppen eingeteilt, in denen regel- und planmässig der Strom aus- und wieder angeschaltet wird. Die Zeiten sind wie folgt:

Gruppe 1: 6:20〜10:00 und 16:50〜20:30
Gruppe 2: 9:20〜13:00 und 18:20〜22:00
Gruppe 3: 12:20〜16:00
Gruppe 4: 13:50〜17:30
Gruppe 5: 15:20〜19:00

Wir liegen in Gruppe 1. Ach ja, um 18 Uhr wird es dunkel – unsereins wird also ab morgen täglich von ca. 5 bis 8:30 abends im Dunkeln bleiben.

Dies wird sich so schnell nicht ändern – ich kann mir vorstellen, dass dies wochenlang so gehen wird. Man muss dies jedoch wirklich von der positiven Seite sehen: Diese Massnahme ist besser als unvorhergesehene, massive Blackouts. Denn – kein Strom bedeutet keine Informationen.

Ach ja: Der aufmerksame Beobachter wird zwei Sachen feststellen:
1) Oh Gott, aus dem Ausland Strom importieren geht ja im Falle Japans gar nicht.
2) Moment, warum kann Westjapan keinen Strom hinzuschiessen?

Letzteres ist schnell erklärt: Ostjapan hatte dereinst das deutsche System übernommen – mit 50 Herz-Frequenz. Westjapan hat das amerikanische System übernommen – mit 60 Herz. Leider sind die Systeme nicht kompatibel.

Versorgung – Essen
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Stilles Wasser gibt es nicht zu kaufen, Brot auch nicht (wird nach Norden abgezweigt). Einige Supermärkte sehen katastrophal aus. Die Lage wird sich durch die Stromabschaltungen und die momentane Benzinknappheit mit Sicherheit noch verschärfen. Das bedeutet nicht, dass es eine Hungersnot geben wird – sondern nur, dass man auf absehbare Zeit nicht allzu wählerisch sein darf.

Sonstiges: Disziplin
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Es ist der absolute Wahnsinn, wie diszipliniert man in Japan mit der aktuellen Lage umgeht. Ich habe noch niemanden gesehen, der z.B. durch überhöhte Preise versucht, Profit aus der Situation zu schlagen Niemand. Die Leute sind diszipliniert, sie stellen sich, wenn nötig, ohne Murren stundenlang an usw. Ich muss das wirklich mal so festhalten: In diesem Punkt ist Japan der Gipfel der Zivilisation.

Was macht tabibito?
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Ich werde Montag morgen zur Arbeit fahren, denn es gibt viel zu tun und ich bzw. die Firma können es sich nicht leisten, abwesend zu bleiben. Es ist auch der Versuch, ein bisschen zur Normalität zurückzukehren. Es wird mit Sicherheit Probleme geben. Ein paar unserer Server stehen ausserhalb der von Stromausfällen sicheren Zone – das wird auch uns beeinflussen.

Danke
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Danke Euch Allen für die Angebote und aufmunternden Worte. Besonders danke ich E. aus Sagamihara und D. aus Kamakura für die Angebote, uns im Notfall aufzunehmen. Das weiss ich sehr zu schätzen und ich werde es nicht vergessen.

Danke auch Stephan, für das Angebot, diesen Blog vorübergehend zu hosten. Momentan kommt es mangels Zeit nicht in Frage, aber ich behalte es im Hinterkopf.

Mit Euren Worten ermuntert Ihr mich (die meisten Kommentare jedenfalls), weiter Updates zu posten. Danke auch allen Bekannten und Freunden, die mich zum ersten Mal seit vielen Jahren kontaktieren (bzw. sich an mich erinnern).

Ich werde mich weiterhin melden, aber bitte versteht, dass die Sicherheit meiner Frau und meiner beiden Kinder an oberster Stelle steht – erst danach kommt dieser Blog :)

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