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Fukushima – Stümperei Teil 4721

Februar 25th, 2014 | Tagged , | 13 Kommentare | 3464 mal gelesen

Man sollte meinen, dass die Menschen aus Schaden klug werden. Und Firmen mit ihren zahlreichen Stakeholdern sowieso. Dem ist leider nicht so, wie TEPCO beinahe täglich aufs Neue beweist. Heute ist bekannt geworden, dass am 19. Februar rund 100 Tonnen hoch radioaktiv verseuchtes Wasser in die Umwelt ausgetreten ist. Das ist, so traurig es ist, allein keine Nachricht mehr wert, denn das notdürftig zusammengezimmerte Gebilde vor Ort leckt an allen Ecken und Enden. Der Unfallhergang jedoch zeigt aufs Neue, was dort vor Ort passiert – beziehungsweise nicht passiert.

TEPCO hat am explodierten Kraftwerk ja hunderte große Wassertanks aufgestellt, die das zum Kühlen der teils freiliegenden Brennstäben benutzte Wasser speichern sollen, bis… ja bis wann eigentlich. Die Behälter haben immerhin Melder installiert, die anspringen, wenn das Fass voll ist. So auch am 19. Februar: Der Sensor meldete sich geräuschvoll, und der TEPCO-Mitarbeiter des Vertrauens lief zum Tank und schaute nach, ob etwas ausläuft. Lief aber nicht, denn der Tank war zu dem Zeitpunkt “nur” zu 98,9% voll¹. Also ging der Mitarbeiter von einem Fehlalarm aus und trollte sich. Kurze Zeit später begann der Tank überzulaufen, und das merkte man erst viele Stunden später. Dem Unfall ging ein weiterer voraus: Normalerweise befüllen drei Leitungen einen Tank, wobei ein Ventil geschlossen sein soll. Durch menschliches Versagen waren in diesem Fall jedoch alle drei Ventile geöffnet.

Das ganze wirft mal wieder die üblichen Fragen auf, die man nun schon seit fast drei Jahren täglich stellen möchte:

  1. Wer arbeitet da eigentlich? Offensichtlich jedenfalls keine qualifizierten Mitarbeiter.
  2. Wer überwacht, was dort vonstatten geht? Offensichtlich fehlt es an Krisenmanagement.
  3. Begreifen die Verantwortlichen eigentlich den Ernst der Lage?
  4. Fühlt sich überhaupt jemand verantwortlich?
  5. Wieso denkt man, dass es eine gute Idee sein, Sensoren zu benutzen, die sich erst melden, wenn es zu spät ist?
  6. Was wäre passiert, wenn es geregnet hätte? Wie hätte man überprüft, ob der Tank überläuft?

und so weiter. Alles Fragen, die dem menschlichen Verstand eigentlich widersprechen. Es ist noch immer schwer begreifbar, was dort eigentlich geschieht. Das ist kein Grund, in Panik zu verfallen – aber es ist ein Grund, sich noch immer Sorgen zu machen. Fast drei Jahre – und man ist weit, sehr weit davon entfernt, dass Problem halbwegs im Griff zu haben.

¹Siehe unter anderem hier

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Neu und sicherlich nur in Japan: Handy mit Geigerzähler

August 30th, 2012 | Tagged , | 6 Kommentare | 939 mal gelesen

Handy mit Geigerzähler von Sharp. Quelle: Softbank Webseite

Mit gut anderthalb Jahren Verspätung kommt es, aber trotzdem wird es nicht zu spät sein: Softbank, einer der drei Mobilfunkbetreiber in Japan, wirft ein neues Smartphone auf dem Markt – das PANTONE® 5 107SH von Sharp. Der Clou an dem Gerät: Es kann auch Geiger zählen. Ein Druck auf den Knopf, und schon geht es los. Es kann laut Hersteller γ-Strahlen messen und benutzt Cäsium 137 (137Cs) als Richtwert. Die Meßspanne liegt zwischen 0.05 und 9.99 Mikrosievert (siehe Produktbeschreibung bei Softbank). Da das Handy natürlich auch über GPS verfügt, kann man damit prima Feldmessungen durchführen. Es dauert allerdings rund 2 Minuten, bis man ein brauchbares Ergebnis erhält. Spritzwasserfest ist es auch, und unbestätigten Gerüchten zufolge soll man damit sogar telefonieren können.

Die Hauptereignisse um die Katastrophe im AKW Fukushima 1 liegen nun schon mehr als 17 Monate zurück. In der Gegend um Tokyo scheint die Radioaktivität in Bodennähe abgenommen zu haben, aber sie ist natürlich noch da und wird sich hauptsächlich entlang von Flüssen akkumulieren, um schliesslich in die Bucht von Tokyo zu gelangen. Für die Bewohner des Ostteils der Präfektur Fukushima ist dieses Handy jedoch nachwievor sinnvoll und wird sicherlich gut angenommen werden. Der Preis tut sein übriges – das Handy kostet gerade mal  23,520 Yen, also gute 200 Euro.

Mittlerweilen kann man sich übrigens sogar bei Tsutaya, der größten Videoverleihkette Japans, kostenlos (für einen Tag) Geigerzähler auswählen. Sicher nicht in jeder Filiale, aber immerhin.

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Geigergezähltes: Strahlungswerte selbst gemessen

Januar 10th, 2012 | Tagged , , | 12 Kommentare | 1328 mal gelesen

Geigerzähler in der Wohnung: Nochmal Glück gehabt?

Bloggerkollege Coolio erwähnte neulich in diesem Beitrag, dass es momentan recht günstig ist, an Geigerzähler heranzukommen: Findige Unternehmer haben grosse Mengen der Geräte nach Japan importiert, waren damit aber offensichtlich etwas spät dran: Die Nachfrage ist nicht mehr da. Und so werden zum Beispiel hier bei Amazon handliche Geigerzähler aus Rußland vertickt – für 13,800 Yen statt den ursprünglichen 69,800 Yen. Gute 100 Euro für einen Geigerzähler? Da konnte ich schlecht nein sagen. Gesagt, getan – zwei Tage später hielt ich das kleine, leichte Gerät in den Händen.

Will ich wirklich wissen, wie hoch die Strahlung bei uns ist? Jetzt, wo scheinbar alle Messen schon gesungen sind? Aber sicher doch. Ich will letzten Endes nicht wissen, was irgendwer irgendwann in der Nähe gemessen hat, sondern wie es direkt bei uns aussieht – in der Wohnung zum Beispiel, oder vor dem Haus. Zumal unsere Stadt ja auch als Hotspot bezeichnet wird – wenn auch mit geringeren Werten als anderswo in der Gegend.

Die Messergebnisse überraschen nicht – das ist die gute Nachricht. Je nachdem, in welche Richtung das Gerät zeigt und wo ich es hinlege, messe ich zwischen 0.07 und 0.14 Mikrosievert pro Stunde. Das ist relativ normal. In den Parks unserer Stadt messe ich im Schnitt 0.2 Mikrosievert – in manchen ca. 0.12, in anderen bis über 0.3 Mikrosievert, je nachdem, wo ich messe. Die Werte im bzw. beim Kindergarten unserer Tochter liegen um die 0.15 Mikrosievert in Bodennähe und etwas niedriger in 1 Meter Höhe. Wo ich auch messe – die Anzeige ist im grünen Bereich, das Gerät sagt “Normal Radiation Background”.

Nicht mehr im grünen Bereich: Strahlung im Park

Eine weitere Messung dann heute: Es ging zum 若潮公園 – Wakashio-Park, dem beliebtesten Park bei uns im Stadtzentrum. Dort gibt es einen Verkehrsgarten (seit dem Beben wegen Baufälligkeit gesperrt) und ein zweistöckiges Haus, darin zahlreiche Einrichtungen, wo sich die lieben kleinen austoben können. Vor ein paar Wochen war der Park kurz im Gespräch, da dort an einem defekten Fallrohr sehr hohe Strahlung gemessen wurde. Angeblich wurde das Fallrohr ausgetauscht und die kontaminierte Erde rundherum abgetragen. Kurzer Test heute – Gerät an eine der Regenrinnen in Bodenhöhe gehalten, und siehe da: Anzeige wird gelb: “High radiation background”, 0.51 Mikrosievert. Ohne gross zu suchen, wohlgemerkt: Ich habe nur dort gemessen.

Fazit: Die Ergebnisse, wie sie in den Medien hier kursieren, kann ich vorerst nur bestätigen: Leicht erhöhte (aber nach allgemeiner Meinung unbedenkliche) Strahlenwerte ausserhalb, aber hier und da Punkte mit erhöhter bis stark erhöhter Strahlung. Erfahrungsgemäß sind dies dummerweise die Punkte, die von kleinen Kindern bevorzugt werden. Es ist sicherlich nicht verkehrt, zu wissen, wo diese Punkte sind.

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Ist Tokyo nun verstrahlt? Oder nicht? Eine Bestandsanalyse

Oktober 17th, 2011 | Tagged , , , , | 10 Kommentare | 2157 mal gelesen

In der vergangenen Woche schreckte eine Meldung zahlreiche Hauptstädter – sowie zahlreiche deutsch- und englischsprachige Blogger und ausländische Medien auf: In 世田谷区 Setagaya-ku, einem relativ zentral gelegenen und vergleichsweise gehobenen Distrikt von Tokyo, wurde an einem alten, zerfallenen Holzhaus eine Strahlenbelastung gefunden, die über der von Iitate liegt. Iitate gilt als einer der verstrahltesten Orte Japans und liegt in der Präfektur Fukushima.

Genauer gesagt fanden Privatpersonen bei einer Messung in Setagaya-ku einen Wert von 2.7 Mikrosievert vor (offizielle Meldung hier, Japanisch). In Iitate misst man momentan (im Schnitt) 2 Mikrosievert. Das sind aufs Jahr gerechnet 23.6 Millisievert. Die Internationale Atomenergiebehörde und zahlreiche andere internationale Behörden empfehlen für Normalsterbliche eine jährliche Dosis von maximal 1 Millisievert (siehe unter anderem hier, Englisch); andere Behörden und Organisationen wiederum gehen von 20 Millisievert pro Jahr als absolut unbedenkliche Menge aus. In Japan gilt der Grenzwert 1 mSv, obwohl man den Wert auf 20 mSv für Teile der Präfektur Fukushima erhöhen wollte bzw. teilweise wohl hat.

Vielleicht mag sich der eine oder andere gewundert haben, warum mir die obige Schlagzeile keinen Beitrag wert war. Nun: Das Ganze roch etwas nach Fisch. Warum? Der Wert erschien mir doch etwas zu hoch. Denn: Seit Monaten misst nicht nur die Regierung. Gottseidank. Mehr und mehr Privatpersonen und Organisationen ziehen mit Geigerzählern durch die Hauptstadtregion und teilen gern ihre Messwerte dem interessierten und besorgten Mitmenschen mit. Das ist gut, lobenswert und sehr wichtig. Und gleichzeitig ein Novum – noch nie haben die Bürger ihrer Regierung so stark misstraut.

Wäre der in Setagaya gemessene Wert nun die Regel, wäre dies auf jeden Fall eher und aus mehreren Ecken publik geworden. Die Medien griffen den Ausreisser gern auf, zumal ein Schulweg an dem besagten Haus vorbeiführt. Die lokalen Behörden nahmen das Haus unter die Lupe – und fanden dort in einem schmalen geheimfach-ähnlichen Hohlraum eine Kiste mit Ampullen. Darin: Radium. Jenes wurde bis in die 1950er unter anderem in Japan häufig verwendet: Zum Beispiel, um die Zeiger in Uhren im Dunkeln leuchten zu lassen. Nun – die Ampullen schienen aus der Zeit zu stammen. Sie wurden entfernt, und jetzt misst man am gleichen Ort weniger als 0.01 Mikrosievert. Das entspricht anderen Messungen.

“Foul!” erschallte es sodann aus allerlei Ecken. “Das riecht ja nach Vertuschung – das stinkt doch irgendwie!”. Nun gut. An dieser Stelle mal die notwendige “What if”- Frage: “Was, wenn dort wirklich jemand Flaschen mit Radium hortete – und die über Jahrzehnte dort lagerten und vergessen wurden?” Ausgeschlossen? Nein. Es ist einfach logisch, dass solche Dinge jetzt ans Licht kommen: Wer ist vor März 2011 schon mit einem Geigerzähler durch Tokyo gerannt? Grund zur Panik oder zur sofortigen Bemühung althergebrachter Verschwörungstheorien? Nein.

Oder? Andere Messung: In der vergangenen Woche wurden in Yokohama an zwei Orten hohe (bzw. relativ hohe) Strontiumkonzentrationen gefunden. Brisant ist daran, dass Strontium zum ersten Mal soweit entfernt von Fukushima gemessen wurde. Und: Strontium ist besonders gefährlich, da es vom Körper anstelle von Kalzium aufgenommen und in Knochengewebe eingebaut wird, um dort später Knochen- und andere Krebsarten auszulösen. Nun lag die maximal gemessene Konzentration in Yokohama bei 195 Becquerel / Kilogramm (Originalmeldung siehe hier), aber es wurde auch noch nicht flächendeckend gemessen. Die Konzentration ist relativ gering, aber es ist nicht mehr zu leugnen: Strontium gibt es nun auch in der Hauptstadtregion.

Das allgemeine Verständnis lautet dieser Tage so:

  • Die Strahlenbelastung in der Luft liegt auf einem (nahezu) natürlichen bzw. vernachlässigbar erhöhten Level
  • Trinkwasser in der Hauptstadtregion ist sicher (unter Nachweisgrenze)
  • Gemüse, Fleisch, Fisch usw: Streckenweise belastet. Leider ist es schwer einzugrenzen – vor allem bei Fleisch und Milchprodukten, da man nicht weiss, wo was verfüttert wurde. Wer bei Meereserzeugnissen auf Nummer sicher gehen möchte, kauft nur, was in Westjapan (Japanisches Meer) oder im Ausland gefangen wurde (jedoch: norwegischer Lachs ist dank englischer AKW auch belastet usw.). Wer bei Gemüse auf Nummer sicher gehen möchte, vermeidet Gemüse aus Fukushima, Miyagi, Saitama, Ibaraki, Tokyo, Chiba, Shizuoka, Yamagata, Niigata und Nagano, wobei jedoch Chiba, Shizuoka, Nagano und Niigata mittlerweilen als unbelasted gelten
  • Wer Kinder hat und in der Hauptstadtregion lebt, vermeidet altes Laub, den Zwischenraum zwischen Häusern, die Gegend um Gullydeckel und eigentlich alle Stellen, an denen sich leicht Regenwasser sammelt.

Zum letzten Punkt muss jedoch folgendes gesagt werden: Die Werte sind bei weitem zu gering, um äussere Strahlenschäden zu bewirken. Es geht hier um die innere Strahlenbelastung ((体)内被曝 – (tai)naihibaku). Eltern sollten deswegen vorsichtshalber sichergehen, dass Kinder nicht auf irgendeine Art und Weise Schmutz aus diesen Bereichen aufnehmen – zum Beispiel, indem sie dort spielen und dann an ihren Fingern lecken usw. Kurzum: Nicht im Laub oder rund um Wassergräben, Gullydeckeln usw. spielen lassen.

Wie geht es weiter?
Es wird noch einiges ans Licht kommen. Die erhöhten Konzentrationen im Grossraum Tokyo werden mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit gegen Mitte 2012 nahezu verschwunden (ausgewaschen) sein – so war es auch in Bayern ein Jahr nach Tschernobyl. Das Auswaschen radioaktiver Partikel wird jedoch noch auf lange Sicht Probleme im Wasserkreislauf verursachen.

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Rettet Minami-Sōma

August 3rd, 2011 | Tagged , , | 13 Kommentare | 1175 mal gelesen

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich einmal erwähnt, einen Teil meines einwöchigen Sommerurlaubs damit verbringen zu wollen, irgendwas Gutes im Nordosten von Japan zu tun. Egal was. Nun, ich habe etwas gefunden, und da ich die Aktion für sehr sinnvoll halte, möchte ich sie an dieser Stelle etwas näher vorstellen.

Lage von Minami-Sōma

Lage von Minami-Sōma

Bei dem ausschliesslich von Freiwilligen (Ausländern und Japanern) geführten Projekt geht es darum, den Bewohnern der Stadt Minami-Sōma zu helfen. Über die prekäre Lage dort hatte ich hier schon einmal kurz berichtet.
Die Stadt liegt an der Nordostküste der Präfektur Fukushima und ist eigentlich mehr ein Zusammenschluss zahlreicher Dörfer. Die Ortschaften entlang der Küste wurden vom Tsunami stark zerstört – zur Erinnerung: Der Tsunami war am etwas weiter südlich gelegenen AKW rund 14 m hoch. Womit wir beim zweiten Problem der Stadt sind: Fukushima I liegt nur rund 30 km entfernt. Der Südteil der Stadt liegt mittlerweilen in der Sperrzone und darf nicht betreten werden. Zwar scheint laut bisher bekanntgewordenen Messwerten die Verstrahlung nicht so hoch zu sein wie in der Ortschaft Iitate westlich von Minami-Sōma, aber die Werte sind freilich deutlich über normalen Verhältnissen.
Damit befindet sich die Gemeinde leider in einer Grauzone. Viele Einwohner harren aus, da kein Evakuierungsbefehl vorliegt und sie nicht wissen, wo sie hinsollen. Jedoch können bzw. sollen sich die Bewohner nicht selbst versorgen, da Obst, Gemüse und Fleisch usw. zu stark kontaminiert sind. Auf dem Markt dürfen die Leute natürlich auch nicht mehr verkaufen, doch bis auf Landwirtschaft gibt es nicht viel in der Gegend.
Die Idee dieser Hilfsorganisation ist es nun also, mit Spendengeldern unbelastete Lebensmittel, vor allem frische Esswaren, günstig aufzutreiben und anschliessend mit gemieteten und/oder privaten Fahrzeugen nach Minami-Sōma zu bringen und dort an Anwohner und Flüchtlinge (aus der Sperrzone) zu verteilen. Japanische freiwillige Helfer aus der Stadt helfen bei der Verteilung.
Die Touren finden momentan alle zwei Wochen statt (so genug Spenden gesammelt werden konnten) und sehen so aus: Ein Tross aus mehreren Fahrzeugen und ca. 10 Freiwilligen versammelt sich Freitag abends in Tokyo, lädt die Sachen auf und fährt in der Nacht nach Minami-Sōma – man muss wegen des AKW’s und der Sperrzone einen grossen Bogen machen und von Norden hereinfahren. Nach der Ankunft werden tagsüber die Güter verteilt. Am Nachmittag geht es schliesslich wieder zurück nach Tokyo.

Diese Aktion ist auf lange Zeit ausgelegt – zumindest solange, wie Minami-Sōma nicht doch gänzlich zur Sperrzone erklärt wird.
Ich habe erstmal zugesagt, bei der Tour am 12/13. August mitzuhelfen – quasi gleich nach der Arbeit.

Wer dieses Projekt in irgendeiner Art und Weise unterstützen möchte, kann das wie folgt tun
– als Freiwilliger mitfahren (bitte bei mir melden)
– Kontakte zu Bauern oder Händlern herstellen, die bereit sind, frische Lebensmittel zu gemeinnützigen Preisen abzutreten (bitte bei mir melden)
– Spenden. Das Geld wird für den Erwerb der Lebensmittel, Diesel usw. gebraucht. Wer an dieser Art der Unterstützung Interesse hat, kann Spenden an mein PayPal-Konto überweisen (als Überweisungszweck bitte “Minami-Soma” angeben – die Spenden werden dann umgehend weitergeleitet):

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Wenn es auf den regnet, der schon nass ist

August 2nd, 2011 | Tagged , , , , | 13 Kommentare | 1084 mal gelesen

Wer momentan an der Beweisführung für den sogenannten Matthäus-Effekt arbeitet, kann mit Sicherheit in Japan fündig werden. Dieses Jahr wird wohl mit einigen Rekorden in die Annalen eingehen. Das schwere Erdbeben am 11. März mit dem nachfolgenden Tsunami war da erst der Anfang, aber Japan hat ja noch weit mehr als das zu bieten. Taifune und Starkregenereignisse zum Beispiel. Ein starker Taifun richtete erst in der vergangenen Woche grosse Schäden in Westjapan an. Vom 26. bis 30. Juli war dann die Präfektur Niigata und der Westen von Fukushima (das AKW Fukushima I steht im Osten) dran: Drei Tage regnete es dort ununterbrochen, an einigen Orten bis zu 400 mm pro Tag. Ganze Landstriche und Ortschaften standen und stehen unter Wasser, 4 Menschen kamen bisher ums Leben und ein Teil der Infrastruktur hat stark gelitten. Rund 400’000 Menschen wurde die Evakuierung angeordnet – darunter sind auch tausende Menschen, die bereits als Flüchtlinge behelfsmässig untergebracht waren.
Da vergisst man doch glatt die Erdbeben. Vorgestern nacht um 4 Uhr morgens gab es erst ein Beben der Stärke 6.4, quasi gleich in der Nähe des AKW, und in weiten Teilen Chibas und Tokyos mit der Stärke 3 nach der japanischen Skala deutlich spürbar. Vor einer Stunde bebte es dann westlich der Izu-Halbinsel, Stärke 6.1; auch das war in Tokyo und Chiba mit Stärke 3 stark spürbar.
Zum Glück gibt es noch andere Sprichwörter. Zum Beispiel “Es kann ja nicht immer regnen”. Oder?

Gestern gab es in der Sendung “Mr. サンデー” (Mr. Sunday – in etwa vergleichbar mit Spiegel TV, so es das noch gibt) einen interessanten Beitrag über die Wahrnehmung von Radioaktivität in Japan. Man verglich dabei die heutigen Werte in den sogenannten Hotspots (also Orten, in denen die Radioaktivität nach dem AKW-Unglück von Fukushima 1 deutlich zunahm) und anderen Orten weltweit, wie etwa Rom. Da war zwar nicht allzu viel Neues dabei, aber die Hintergrundinformationen über die Strahlenbelastungsgrenze in Japan (zur Zeit 20 Millisievert pro Jahr) waren recht interessant: Dazu sprach unter anderem der Chef der Internationale Strahlenschutzkommission, der nur lapidar meinte, dass Japan den untersten Grenzwert gewählt hat und alles unter 100 Millisievert pro Jahr eine “blackbox” ist – man weiss nicht, ob eine Belastung unter 100 Millisievert etwas ausmacht. Die Empfehlungen der Strahlenschutzkommission (PDF, deutsch) lesen sich nicht ganz so zuversichtlich, aber die Diskussion um die Werte zeigt eins: Nicht nur die Reaktoren sind überhitzt, sondern auch die Gemüter: Die Regierung meint, da ist doch noch Platz mit den Grenzwerten, während einige Verbände erbost einen Grenzwert von 1 Millisievert / Jahr fordern.

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Ist Japan sicher?

Juli 20th, 2011 | Tagged , , , | 17 Kommentare | 1793 mal gelesen

Als Reaktion auf den letzten Blogbeitrag, der unter anderem den Skandal um den Umlauf von radioaktiv belastetem Rindfleisch in Japan aufgriff, gab es ein paar Kommentare sowie persönliche Nachrichten besorgter Japan-Aspiranten, die sich Sorgen machen, ob Japan sicher ist oder nicht – vor allem in punkto Lebensmittel. Um weiteren Anfragen vorwegzugreifen, nun also ein eigener Eintrag dazu, den ich mehr als Denkanstoss denn als Ratgeber verstanden haben möchte – zur Erinnerung, der Verfasser dieses Blogs ist im Gegensatz zu vielen Millionen Deutschen kein Experte in Sachen Nuklearphysik und Ökotrophologie.
Ist Japan also sicher? Die Frage ist schlichtweg nicht mit ja oder nein beantwortbar. Also versuche ich mal, logische Schlüsse aus den vorhandenen Fakten zu ziehen.

Die Ausgangslage
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1. Vier Reaktoren im AKW Fukushima 1 wurden durch den Tsunami am 11. März 2011 stark zerstört. Dabei wurde eine erhebliche Menge radioaktiver Substanzen a) in die Luft und b) ins Meer freigesetzt.

2) Wie man bereits an Tschernobyl erkannt hat, breiten sich Strahlung sowie kontaminierte Substanzen nicht konzentrisch aus. Sprich, 1’000 km entfernt zu wohnen bedeutet nicht zwangsläufig, das man sicherer ist als jemand in 50 km Entfernung. Das Ausmass der Kontamination hängt stark von äußeren Faktoren wie Höhe der Explosionswolke, Windstärke und -richtung, Niederschlagssituation, Meeresströmung, Tidenhub, Länge und Konzentration der Einleitung kontaminierter Substanzen usw. usf. ab.

Folgen
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Kurz nach dem Beginn der Reaktorprobleme gab es einen deutlichen Anstieg der Konzentration radioaktiven Jods, später auch Cäsiums in der nahen bis weiteren, sowie einen Anstieg von Strontium und Plutonium (möglicherweise!?) in der näheren Umgebung. Diese Substanzen verdünnen sich an den einen Stellen und konzentrieren sich an anderen Stellen., mit teilweise schwer vorhersagbaren Verteilungsmustern.

Das Problem
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1) Information. Entweder man hat das Gefühl, die Informationen reichen nicht, oder sie werden zu spät weitergeleitet. Hinzu kommt ein grosses Misstrauen gegenüber öffentlichen Quellen sowie eine ganze Reihe von Fehlinformationen aus teilweise zweifelhaften Quellen.

2) Das Ausmass. Die Ausmasse der Reaktorkatastrophe, zudem noch gepaart mit einem gewaltigen Erdbeben und einem ebenfalls gewaltigem Tsunami, einhergehend mit massiven Strom- und anderen Versorgungsengpässen, verschärft die Lage zusätzlich.

3) Kapazitäten. Natürlich hat auch Japan Labore und mobile Messgeräte, doch das Ausmass der Katastrophe übertrifft die schlimmsten Befürchtungen. Es mangelt schlichtweg an Laborkapazität, um alle Lebensmittel und alle Winkel der betroffenen Regionen sofort und allumfassend zu überwachen.

4) Sturheit und Unwissenheit. Nein, das ist keine japanische Eigenart. Der Verkauf von belastetem Rindfleisch ist teilweise auf die Sturheit einiger Viehzüchter zurückzuführen (erwiesenermassen) – die falsche Angaben zum Futter machten, in der Hoffung, ihre Tiere trotzdem verkaufen zu können. Unwissenheit hingegen seitens der Behörden zum Beispiel, die scheinbar nicht ahnen, wie der Nahrungsmittelkreislauf funktioniert.

Die jetzige Lage
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Noch immer können nicht alle Lebensmittel getestet werden. Es werden nur Stichproben genommen. Gibt es eine erkennbare Häufung von Grenzwertüberschreitungen in einem eingrenzbaren Gebiet, wird eine Auslieferungsbeschränkung angeordnet (出荷制限 shukka seigen). Teilweise geschieht diese Beschränkung jedoch auf Freiwilligenbasis – die Landwirte werden in dem Fall lediglich “gebeten”, Lieferungen auszusetzen.

Kann ich mich in Japan schützen?
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Wer Japanisch kann, kann versuchen sich zu schützen, denn das Herkunftsgebiet bei Obst, Gemüse und Fleisch ist in der Regel ausgezeichnet. Jedoch nur auf Japanisch. Völlige Sicherheit kann auch diese Massnahme nicht bieten – vor allem bei bereits verarbeiteten Lebensmitteln ist es schwer, an Informationen zu kommen.
Bei Restaurants und dergleichen kann man sich nur sehr bedingt schützen – klar man nachfragen, woher die Zutaten stammen, und gerade bei feinem Rindfleisch ist die Herkunft wichtig und wird in der Regel dazugeschrieben, aber bei Meeresgetier und Gemüse wird es schon schwieriger.

Ist Japan unsicher in Punkto Lebensmittel?
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Nun, sicher unsicherer als vor der nuklearen Katastrophe, denn radioaktive Verseuchung kommt als potentielle Gefahr hinzu. Man sollte beim ganzen Bashing jedoch eins nicht vergessen: Die Tatsache, dass grenzwertüberschreitende Lebensmittel wichtige Themen in den Nachrichten sind, zeigt zumindest eins: Es gibt Leute, die sich Sorgen machen und versuchen, auf die Gefahren hinzuweisen. Oftmals wird man erst im Nachhinein informiert, was jedoch – logischerweise – auf die momentanen Wartezeiten bei den Labors zurückgeführt werden kann.

Was soll ich tun?
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Prinzipiell hat hier jeder 3 Möglichkeiten:

1. Augen zu und durch und einfach nicht drauf achten. Man erfährt ja sowieso nicht alles und oft erst zu spät.
Vorteil: Gesteigerte Lebensqualität aufgrund geringeren Sorgen- und Stresspegels.
Nachteil: Mit etwas Pech weniger lange Freude an der gesteigerten Lebensqualität da man doch zu oft das falsche zu sich genommen hat.

2. Panik schieben, alles und jedem misstrauen und sich weitestgehend einschränken
Vorteil: Weiss nicht. Gibt es einen?
Nachteil: Stark geschmälerte Lebensqualität und höherer Stressfaktor. Eventuelle Reue, wenn man kerngesund von einem Laster überfahren wird.

3. Augen offenhalten und versuchen, nachzudenken. Fragen stellen.
– Waren Lebensmittel vor Fukushima alle kosher?
– Sind radioaktiv verseuchte Lebensmittel die einzigen Lebensmittel, die Spätfolgen hervorrufen könnten (Stichwort Dioxin, EHEC, kanzerogene Zusatzstoffe, Schimmelsporen etc)?
– Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Rindfleisch da im Restaurant vor mir nicht aus Australien, Argentinien oder Kyūshū stammt, sondern ganz bestimmt von einem Tier aus einem stark verstrahlten Gebiet?

… usw. usf.

Ist Japan sicher?
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Für Kurzzeitbesucher? Ich denke schon. Für Dauerinsassen? Vielleicht weniger sicher als vorher, aber mit etwas Vorsicht sollte man in der Lage sein, das Risiko etwas zu senken. Es sei denn man zählt zum Typ 1, dann ist es egal.
Wer für sich Möglichkeit 1 oder 3 beansprucht, sollte nach Japan kommen. Wer Möglichkeit 2 wählt, sollte es sich überlegen – und zwar gut. Die Freude an Japan könnte durch die eigene Sorge stark geschmälert werden.
Ich habe Möglichkeit 3 gewählt.
Wie viel Sorge berechtigt war, wird sich womöglich erst in 30 Jahren zeigen. Und hoffentlich nicht bei unseren Kindern, sondern wenn schon nur bei uns selbst. Aber ich glaube, dass es selbst für Kinder sicher ist – solange sich die Eltern etwas Gedanken machen und mit Bedacht agieren.

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Kühe mit zwei Köppen / Urlaubssorgen / Dies und das

Juli 15th, 2011 | Tagged , , | 10 Kommentare | 1585 mal gelesen

Da tauchte also gestern und vorgestern über die Maßen radioaktiv verseuchtes Rindfleisch auf – und alle Welt scheint sich zu wundern. Die Viecher stammten aus der Nähe des Unglücksreaktors, so scheinbar das jetzt übliche Neusprech für Fukushima I, und gelangten ruckzuck in die Nahrungsmittelkette. Jetzt ist entsprechend in den Medien grosses Staunen angesagt: Nanu, wenn man verstrahltes Gras oben in eine Kuh reinsteckt, kommt kontaminiertes Fleisch raus? Wie kann das denn passieren? Dabei werden doch alle Kühe auf Verstrahlung gemessen… naja … zumindest aussen rum. Innen nicht so richtig. Man kann ja schliesslich vor dem Schlachten nicht in die Kuh reingucken, und wenn man sie einmal aufgeschnitten hat, muss man sie schon aufessen.
Nein, die Blauäugigkeit ist schon sehr beachtlich. Manchmal habe ich das Gefühl, dass 99.99% der Leute hier noch gar nicht begreifen, auf welche Spätfolgen man sich hier noch einlassen muss. Noch stehen radioaktiv belastete Nahrungsmittel am Anfang der Nahrungskette – man vermeidet einfach Grünzeug, Fleisch und Milchprodukte aus der Region. Aber das wird zunehmend schwerer – schon beim Joghurt weiss man nicht mehr, wo der herkommt, und bei Tiernahrungsmittel wird es ganz interessant. Wer kann schon sagen, welche Viecher womit gemästet wurden. Für eine Weile wird dann wohl Aussie-Beef herhalten müssen.

Im August steht – endlich – die übliche Woche Urlaub an. Und ich spiele mit dem Gedanken, während der Zeit irgendwo als Freiwilliger im Katastrophengebiet zu arbeiten. Das ist gar nicht so einfach, schliesslich schmollt meine Frau da zu recht: Immerhin gilt es auch, zwei Kinder zu bespassen. Mal sehen. Vielleicht lässt sich ja ein Kompromiss schliessen – zwei, drei Tage als Freiwilliger, der Rest Familienurlaub. Vorerst geht es jedenfalls morgen erstmal mit Familie für drei Tage nach Hamamatsu (liegt zwischen Tokyo und Nagoya) in ein Onsen. Das muss zur Entspannung und zum Akku aufladen erstmal reichen.

Für geringer werdende Blogeinträge muss ich auch gleich noch ein paar Ausreden bemühen: In den letzten Tagen habe ich endlich mein selbstgeschriebenes Bildarchivierungsprogramm fertiggeschrieben (Programm ist etwas zu viel gesagt – es ist eine Webapplikation, eine Art Flickr für den Hausgebrauch). Entsprechend galt es erstmal, mehrere tausend Bilder zu archivieren. Aber es erfüllt seinen Zweck: Ich tippe einfach “Fuji” ein und schon erhalte ich alle Bilder des Fuji-san, die ich über die vielen Jahre so gemacht habe, schön aufgereiht. Sind doch schon 66 Bilder… immerhin.
Als ob das nicht reichen würde, bin ich nun auch noch “president” (Geschäftsführer!?) einer Firma geworden. Einer Firma, die sich von meiner bisherigen Firma abgespalten hat. Nein, ich bin nicht der Inhaber, aber falls die Firma mal von jemandem übernommen werden sollte, wäre das… nun ja, vorteilhaft. Ansonsten ändert sich freilich nicht viel: Mehr Arbeit für das gleiche Geld :)

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Schleichende Angst

Juni 4th, 2011 | Tagged , , | 27 Kommentare | 2003 mal gelesen

Langsam, ganz langsam scheint es hier mehr und mehr Leuten zu dämmern, dass Fukushima vielleicht doch nicht so weit weg ist (gute 200 km von Tokyo), wie so manch einer denken möchte. Noch immer scheint die Mehrzahl der Leute in unserem Bekanntenkreis sich nicht um die möglichen Konsequenzen zu kümmern – teilweise zurecht, wahrscheinlich, aber die völlige Ignoranz vieler Mütter mit kleinen Kindern ist schon erstaunlich.

Die verspätete Angst vor der Radioaktivität hat wohl mehrere Gründe. Zum einen liegt es, und das wird von Aussenstehenden gern vergessen, daran, dass wieder soweit Ruhe eingekehrt ist, dass man Luft holen und sich um andere Dinge Gedanken machen kann. Es gibt wieder alles zu kaufen, die Bahnen fahren wieder, Stromausfälle sind vorerst ausgesetzt und die Nachbeben haben halbwegs nachgelassen (während ich das gerade geschrieben habe, gab es ein Beben mit einer schwachen 5 vor Fukushima – aber das ist wirklich selten geworden).

Andererseits liegt es auch daran, dass mehr und mehr Informationen durchdringen. Zum Beispiel die, dass die von den Behörden bekanntgegebenen Messwerte zwar korrekt sind, aber doch irgendwo nicht beruhigend. Gern zitiertes Beispiel: Die offizielle Messstelle für Radioaktivität in der Präfektur Chiba (jede Präfektur hat solch eine Einrichtung) befindet sich in 20 m Höhe. Dort, wo sich Kinder zum Beispiel selten aufhalten. Das ist nicht unbedingt eine Gemeinheit – die Messstelle befand sich auch schon vor dem GAU dort. Aber nach solch einem grossen Atomunfall beruhigt diese eine, in 20 m Höhe gemessene Zahl, nicht unbedingt.
Zudem drang auch vor wenigen Wochen erstmals ans Licht, dass es auch in der Grossstadtregion durchaus regional sehr verschiedene Belastungen gibt. So fand man im Dreieck Tokyo-Saitama-Chiba einen sogenannten Hotspot, in dem 3 bis 5 mal mehr radioaktive Substanzen herunterkamen als im Durchschnitt (der Hotspot liegt in der Gegend um Abiko, Kashiwa, Matsudo und Ichikawa – man schätzt, dass ca. eine Millionen Menschen dort leben).

Da die von der Regierung veröffentlichten Daten entweder zu spärlich, zu spät oder gar nicht durchkommen, greifen nun viele zur Selbsthilfe: Mütter schliessen sich zusammen, um selbst Messgeräte zu erwerben, zu benutzen und die Werte zu veröffentlichen. Andere (so auch wir) schreiben an die Stadtverwaltung mit der Bitte um mehr Informationen und, so erforderlich, angemessenen Reaktionen. Und siehe da: 2 Tage später (bestimmt aber nicht wegen uns – sicherlich haben schon mehr deshalb geschrieben) veröffentlichte unser Rathaus Informationen: Nicht ohne Kritik an den oberen Stellen wurde dort verlautet, dass die Stadt nicht warten wollte und selbst Messgeräte anschaffte. Und schon die ersten Werte veröffentlichte. Nun wissen wir wenigstens, woran wir hier sind: Zwischen 0.1 und 0.25 Mikrosievert pro Stunde liegt die Belastung bei uns am Boden. Das ist eindeutig höher als normal, aber, so man das aus dem Wust an Informationen herauslesen kann, nicht übermäßig besorgniserregend.

Schwer ist es nachwievor, bei dem Wust an Informationen und Experten- und Pseudoexpertenmeinungen die Ruhe zu bewahren. Hier und da heißt es, Radioaktivität ist prinzipiell und egal in welcher Menge schädlich. Jedes einzelne radioaktive Atom sei da schon zu viel für Kinder. Das mag sein, aber naturwissenschaftlich gesehen halte ich Behauptungen wie diese, auch seien sie gut gemeint, für unlogisch. Die Definition von Gift ist weniger eine Definition der Substanz, sondern der Menge. Noch prekärer sind aber die Leute wie die Verwandte einer Freundin unserer Familie: Die meinte ganz ernst zu unserer Bekannten: “Dein Kind wird wegen der Radioaktivität 100% krank”. Nein, diese Verwandte versteht nichts von Radioaktivität. Und sie ist erst neulich einer seltsamen Sekte beigetreten.

Angst? Nein. Sorge? Nachwievor. Was wäre, wenn ich in Matsudo wohnen würde? Würde ich umziehen? Ich weiss es nicht. Wahrscheinlich aber schon. Wo liegt die Grenze? Schliesslich sieht die Lage weiter nördlich noch viel schlimmer aus. Vor einer Weile beschloss das Bildungs- und Wissenschaftsministerium (文部科学省), die zulässige Belastungsgrenze für Schulkinder heraufzusetzen: Nur in Schulen mit einer Strahlenmenge von 3.8 Mikrosievert pro Stunde und mehr wird festgeschrieben, dass Kinder maximal eine Stunde pro Tag draussen sein dürfen (13 Schulen betrifft das). Auf diese Entscheidung hin hagelte es wütende Proteste aus Fukushima, und das ist mehr als verständlich. 3.8. 0.2. Zahlen. Viele Zahlen. Mehr Antworten dazu als es Fragen gibt, scheint es. Aber wenigstens hat man jetzt das Gefühl, etwas mehr über die tatsächliche Belastung zu wissen.

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Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XVIII

Mai 19th, 2011 | Tagged , , , | 1 Kommentar | 892 mal gelesen

Auf Wunsch einiger Leser – per Kommentar oder persönlicher Nachricht – zum ersten Mal seit Wochen wieder ein Update zum Thema Erdbeben. Es wird wieder sehr subjektiv werden.

Nachbeben
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Vorneweg die gute Nachricht: Die Nachbeben haben in letzter Zeit an Intensität und Häufigkeit eindeutig nachgelassen. Vor meiner Kurzreise nach Deutschland spürte ich bei uns tagtäglich Nachbeben – seit ich zurück bin, und das ist immerhin schon wieder eine Woche her – habe ich erst eines eindeutig gespürt. Das soll nicht heissen, das es nur eins gab – ein Blick auf die Erdbebeninfos zeigt, dass es schon noch mehr sind als üblich – aber glücklicherweise Wache ich bei Beben unter der Stärke 3 meistens nicht auf und so spüre ich in letzter Zeit zumindest nachts nichts. Die Woche in Deutschland hat mich auch vorerst von der leichten Form der Erdbebenkrankheit geheilt – das ständige Gefühl, dass die Erde bebt, ob wahr oder nicht, habe ich nicht mehr.
Das ist natürlich keine Entwarnung. Es können noch starke Nachbeben folgen. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass das in Tokyo schon seit geraumer Zeit erwartete schwere Beben zuschlägt, dürfte nachwievor höher sein als sonst. Aber das ist schwer in Zahlen zu fassen, auch wenn es manche Schlaumeier versuchen – die dann in Foren wie DinJ einfach mal so behaupten, dass die Wahrscheinlichkeit für “the Big One” in den nächsten Wochen bei 97% liegt.

AKW Fukushima
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So langsam kommen also die Details ans Licht, und wie schon zuvor befürchtet, ist alles noch schlimmer als man dachte. Wirklich? Eine Kernschmelze hatte also im Block 1 keine 24 Stunden nach dem Beben eingesetzt. Und man weiss noch nicht mal, was genau in Block 2 und 3 nun passierte. Und dann ist da noch Block 4, und viele Tonnen abgebranntes Material in den Abklingbecken. Eigentlich ist es da geradezu erstaunlich, dass da nicht noch viel mehr passierte, aber wie es bereits von zahlreichen Wissenschaftlern vorher bemerkt wurde: Der Reaktortyp ist anders als Tschernobyl und damit sind auch die Abläufe bei einer Katastrophe anders.
Sollte man jetzt also Panik verbreiten? Um der momentanen Entwicklung mal etwa Positives abzugewinnen: Immerhin beginnt man langsam zu verstehen, was wirklich geschah und geschieht. Das ist der erste Schritt zur Planung der richtigen Massnahmen. Und: Der Austrag radioaktiven Materials scheint momentan wesentlich geringer zu sein als noch vor Wochen. Die Strahlung in und um Tokyo, aber auch in anderen Präfekturen, nimmt kontinuierlich ab bzw. ist in einigen Gebieten bereits auf normalem Level. Allerdings gibt es selbst im Grossraum Tokyo grosse örtliche Unterschiede: So stellte man z.B. in Nordwestchiba, in der Gegend um Matsudo, Abiko und Nagareyama, eine 3 bis 5-fach höhere Belastung als im Zentrum Tokyos fest (diese Werte sind damit wohl so hoch wie in Teilen Bayerns nach Tschernobyl). Offensichtlich kam es dort Mitte März zu einem übermässig hohen Eintrag radioaktiver Stoffe, so dass dort der Boden bzw. damit auch die Luft in geringer Höhe stärker belastet ist als anderswo. Einwohner verlangen deshalb nun auch nach einer genauen Messung der Werte im Boden z.B., um gegebenenfalls zu reagieren (Warnung an Eltern usw.)

Ansonsten bekomme ich fast täglich nette Kommentare (die ich nicht veröffentliche) und private Nachrichten, in denen ich auf den einen oder anderen obskuren Link hingewiesen werde, mit Worten wie “Wach endlich auf! Ist alles ganz schlimm!” oder mit wüsten Verschwörungstheorien nach dem Motto “Warum werden die Werte geheimgehalten? Weil alles noch viel schlimmer ist” usw. usf. Argumente wie “die Werte werde nicht geheimgehalten, selbst Greenpeace und andere NGO veröffentlichen sie” dürften da nicht ziehen – wer an Verschwörung glauben will, glaubt dran. Ich jedenfalls aber habe keinen Bedarf nach obskurer Literatur zum Thema.

Versorgungslage
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Mittlerweilen gibt es eigentlich wieder alles. Die Politiker beissen beim Pressetermin herzhaft in Gurken aus Fukushima und verkünden dabei, das alles in Ordnung sei. Ich bin zwar kein Verschwörungstheoretiker, aber das glaube selbst ich nicht: Klar, für den 75-jährigen Politiker wird der Biss in die Gurke ganz sicher keine Konsequenzen haben. Aber was ist mit stillenden Müttern und kleinen Kindern? Das Risiko werden wir nicht eingehen und verzichten damit nachwievor auf Gemüse aus der Region. Was gar nicht so leicht ist, da fast alles grüne Gemüse aus dieser Region hier stammt.

Lage im Norden
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Nun, es geht wohl voran mit dem Saubermachen, aber erwartungsgemäss wird es noch sehr, sehr lange dauern. Man dürfte von Jahren ausgehen. Noch immer leben zehntausende Menschen in Notunterkünften, aber wenigstens scheint sich die Versorgungslage verbessert zu haben.

Die dunkle Seite
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Ich hatte einmal geschrieben, dass die Japaner in punkto Ruhe bewahren nach der Katastrophe und gegenseitiger Hilfe der Gipfel der Zivilisation seien. Aber es gibt auch eine dunkle Seite (die ich schon mehrfach in anderen Beiträgen erwähnt hatte): Das Ausstossen ganzer Gruppen aus der Gesellschaft hat noch immer Konjunktur, und dieses Mal trifft es Fllüchtlinge und Einwohner aus Fukushima. Zahlreiche Fälle wurden bereits gemeldet, in denen Hotelbesitzer z.B. Gäste aus Fukushima ablehnen oder selbst Notunterkünfte von den Menschen verlangen, nachzuweisen, dass sie nicht verstrahlt sind. Dies wird noch wildere Blüten treiben. Aber selbst der Aufruf der Regierung, dies zu unterlassen, und der Hinweis darauf, dass Strahlung nicht ansteckend ist, wird da nicht helfen. Das Ausstossen von Menschen aus der Gesellschaft aufgrund einer (in der Regel nicht mal selbst verschuldeten) “Verunreinigung” hat hier Tradition.

Soviel erstmal nur. Mehr bei Bedarf und bei Gelegenheit.

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