You are currently browsing posts tagged with Politik

Massenhafte Denunzierung von Koreanern

Juli 22nd, 2015 | Tagged , | 2 Kommentare | 714 mal gelesen

Seit ein paar Tagen grassieren im japanischen Internet Gerüchte, wonach sogenannte 在日コリアン Zainichi Korean – in vielen Fällen seit Generationen in Japan lebende ethnische Koreaner – ab dem 9. Juli diesen Jahres ihr Aufenthaltsrecht verlieren und deportiert werden sollen¹. Weiterhin besagen die Gerüchte, dass man für das Denunzieren eines zu deportierenden Koreaners eine Kopfprämie bekommt – die Angaben schwanken, aber am häufigsten liest man von rund 400 Euro. Demzufolge erhielt die Ausländerbehörde wohl eine Flut von “Meldungen angeblich illegal in Japan lebender Koreaner”.

Als Stichtag wird in dem Zusammenhang der 9. Juli genannt, aber der Hintergrund ist ein anderer: Es gibt rund 360’000 Koreaner mit besonderer Aufenthaltsgenehmigung in Japan, und die mussten – wie alle anderen in Japan lebenden Ausländer auch – bis zu jenem Tag ihren alten Ausweis umtauschen. Ein paar Wochen vor dem Stichtag gab es aber wohl noch geschätzte 150’000 Koreaner, die noch nicht umgetauscht hatten.

Schaut man sich ein bisschen im Netz um, erscheinen die obigen Nachrichten auf nahezu allen Nachrichtenseiten – mit dem heutigen Tag (21. Juli 2015) als Datum. Schaut man sich jedoch etwas genauer um, findet man eben dieses Gerücht bereits viel früher, nämlich bei Yahoo! Japans “知恵袋 Chiebukuro”², der japanischen Version von Yahoo Answers. Und man findet natürlich auch “Schritt-für-Schritt-Gebrauchsanleitungen”³ dafür, wie man illegale Ausländer online an die Behörden melden kann.

Defamierungen dieser Bevölkerungsgruppe gehören zum Alltag in Japan – leider. Da ist das obige eigentlich nichts Neues. Aber es hinterlässt trotzdem einen sehr faden Nachgeschmack, denn das grenzt an Denunziantentum – ein Merkmal von Gesellschaften, die ein ordentliches Problem haben. Um es mal ganz vorsichtig auszudrücken.

¹ Siehe zum Beispiel hier (Japanisch) oder hier (Englisch)
² Siehe hier.
³ Siehe zum Beispiel hier

Teilen:  

Sicherheitsgesetz durchgeprügelt – was nun, Abe?

Juli 17th, 2015 | Tagged | 5 Kommentare | 941 mal gelesen

Ministerpräsident Abe hat gestern ernst gemacht und wie schon seit geraumer Zeit angekündigt das Sicherheitsgesetz im Unterhaus durchwinken lassen¹. Kein Problem dank einer satten Mehrheit seiner Partei. Während der Verkündung des Ergebnisses kam es zu tumultartigen Zuständen im Unterhaus – fühlten sich doch die Vertreter der Opposition quasi übergangen. Am Abend kam es schliesslich zu einer grösseren Demonstration vorwiegend junger Japaner vor dem Parlamentsgebäude.

Doch was wird nun passieren? Ohne das Gesetz war es Japan nicht erlaubt, militärisch aktiv zu werden – so lange es nicht, und das ist wichtig zu wissen – direkt angegriffen wird. Das wird durch den Pazifismusartikel in der Verfassung so bestimmt. Und das wurde und wird von vielen falsch verstanden, denn Japan war und ist durchaus berechtigt, sich militärisch zu verteidigen. Das neue Sicherheitsgesetz besagt “lediglich”, dass Japan jetzt auch im Bündnisfall aktiv werden darf. Das ist natürlich keine Neuheit für Bewohner von zum Beispiel NATO-Mitgliedsländern, doch für Japan ist das natürlich ein wesentlicher Unterschied.

Also: Cui bono (Wem nützt es)? Und warum jetzt? Natürlich hat man hauptsächlich China im Auge, das ja nun schon seit Jahren seine Grenzen in Ostasien auslotet – egal ob mit Japan, Südkorea, den Philippinen oder Vietnam. Wäre bisher zum Beispiel ein amerikanisches Schiff ausserhalb des japanischen Hoheitsgebietes von einem chinesischen Flugzeug angegriffen worden, hätte Japan rein gar nichts machen können, um militärisch beizustehen – wegen der Verfassung. Aber halt… die Verfassung ist doch noch die selbe? Richtig. Obwohl vielfach, sogar in den eigenen Reihen, davor gewarnt wurde, dass das Sicherheitsgesetz gegen die Verfassung verstösst, wischte Abe diese Bedenken einfach beseite. So als ob es die Verfassung gar nicht gäbe. Er hat es damit tatsächlich geschafft, selbst erzkonservative Vertreter der Intelligentsia gegen sich und das Vorhaben aufzubringen. Vom gemeinen Volk ganz zu schweigen.

Es gibt so viele Ungereimtheiten bei diesem Gesetz und der Vorgehensweise, dass man sich wirklich wundern muss. Das ganze ergibt eigentlich nur einen Sinn, wenn man sich vorstellt, dass die USA Abe dazu gedrängt hat, für den Bündnisfall vorzusorgen. Im Gegenzug macht die USA vielleicht Zugeständnisse bezüglich ihrer heftig umstrittenen Militärstützpunkte auf Okinawa – seit Jahren ein gewaltiger innenpolitischer Zankapfel. Ob dem so ist, wird sich wahrscheinlich in den nächsten Monaten herausstellen, denn das Projekt der Umsiedlung des Stützpunktes Camp Schwab nach Henoko geht in seine heisse Phase – man will den Stützpunkt nämlich gänzlich los werden.

Es fielen vorher Argumente wie “was Japan macht, ist einfach nur Realpolitik” oder “es ist ja nicht so, dass Japan dann in Bälde China angreift”. Nein, das ist natürlich nicht zu erwarten. Aber an der Verfassung und am Volk vorbei Gesetze zu erlassen ist etwas anderes. Interessant wäre dabei auch noch ein Interview, dass Abe just heute zum Thema überteuertes Olympiastadion gab: “Man müsse der Sache auf den Grund gehen, denn man muss schon darauf hören, was das Volk sagt”. Sagt Abe. Ausgerechnet Abe, dem es erklärterweise völlig egal ist, was Volk (und Gelehrte) zu seinem Gesetzesentwurf sagen.

Wer mehr zum Thema lesen möchte, dem sei dieser exzellente Artikel zur Lektüre empfohlen: The Daily Beast: Are These the Last Days of Japan’s Prime Minister Abe?.

Und für die Japanisch-Kenner oder -Lernenden auch noch zwei Schmankerl: Parodie auf “Der Untergang” (in Originalsprache — die Untertitel nehmen Bezug auf Abe):

Und dann wäre da noch “Akari-chan”, die das Sicherheitsgesetz auseinandernimmt:

¹ Siehe Tagesschau.de: Gegen die Verfassung und gegen das Volk

Teilen:  

Abe kauft sich Zeit

Juni 23rd, 2015 | Tagged , | 9 Kommentare | 1442 mal gelesen

Auf die Gefahr hin, meine Leser zu langweilen, kommt hier schon wieder… Politik. Denn es tut sich so einiges – die nächsten Monate könnten spannend werden. Im Wesentlichen dreht sich alles um den 安全保障関連法案 Anzen Hoshō Kanren Hōan – den Gesetzesentwurf zur (Landes)sicherheit, mit dem man quasi die pazifistische Verfassung aushebeln möchte. Erst sah es so aus, als ob Abe mittels einer bequemen Mehrheit im Parlament den Gesetzesentwurf irgendwie durchmogeln kann. Doch es regt sich Widerstand. Anfangs manifestierte sich der erst durch Rentner, die vor Bahnhöfen davor warnten, dass Japans friedliebender Charakter in Gefahr ist. Hinzu kam eine Graswurzelbewegung, ins Leben gerufen von einer Hausfrau, mit dem gleichen Ziel – den Pazifismusartikel in der Verfassung zu erhalten. Daraus wiederum entstand eine Bewegung zahlreicher Honoratioren im In- und Ausland, die sich darum bemühen, die japanische Verfassung mit dem Friedensnobelpreis zu krönen. Keine schlechte Idee, wie ich finde.

In der vergangenen Woche schlossen sich nun zahlreiche Forscher zusammen, um vor Abes Plänen zu zu warnen: Sein Vorhaben sei 違憲 – iken – verfassungswidrig. Abe tobte – wer hat da die Wissenschaftler auf den Plan gerufen? Doch das war nicht alles. Seit der vergangenen Woche gibt es zudem Demonstrationen in Tokyo – oft organisiert und hauptsächlich besucht von jungen Japanern. Sehr jungen Japanern – einige Sprecher waren noch nicht mal im wahlfähigen Alter.

Heute trat Abe konsequenterweise auf die Bremse: Er verlängerte die diesjährige Parlamentssitzungsperiode um 95 Tage bis Ende September. So lange wurde die Sitzungsperiode im Nachkriegsjapan noch nie verlängert. Das Ziel ist klar: Abe möchte eine ausreichende Mehrheit sowie die Bevölkerung hinter sich sehen, denn seine Umfragewerte sind stark gefallen. Momentan erklären sich weniger als 40% der Bevölkerung mit Abes Arbeit zufrieden; nur 29% sind dabei für die Neuinterpretation der Verfassung und 53% dagegen¹. Abe wird freilich stur bleiben und auf sein Ziel hinarbeiten, aber dank des immer stärker werdenden Widerstandes könnte in den nächsten Monaten so einiges passieren.

Interessant ist in diesem Licht da die heutige Meldung zum Anlass des 50-jährigen Jahrestages der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen (Süd)korea und Japan. Abe sprach bei einer von der südkoreanischen Botschaft in Tokyo abgehaltenen Zeremonie² und versicherte dort, dass er an einer auf Freundschaft fussenden Beziehung mit Südkorea arbeiten möchte – zusammen mit der südkoreanischen Präsidentin. Dies sei schliesslich wichtig, um Friede und Stabilität in der Region zu gewähren. Auch aus Südkorea kamen heute ermunternde Töne von der Präsidentin. Meldungen dieser Art hat man seit Jahren nur noch selten gehört und lassen aufhorchen. Buhlt Abe da um Verständnis für sein Gesetzesvorhaben beim Nachbarn? Oder will er damit der eigenen Bevölkerung zeigen, dass er ja nichts Böses im Schilde führt? Es bleibt abzuwarten. Ich jedenfalls vertraue dem Burschen nicht.

¹Siehe hier.
²Siehe unter anderem hier.

Teilen:  

Japanische Erwachsene werden jünger

Juni 19th, 2015 | Tagged , , | 6 Kommentare | 1555 mal gelesen

Unter 20 Jahre? Dann bleibt der Hahn trocken!

Unter 20 Jahre? Dann bleibt der Hahn trocken!

Gestern, am 17. Juni 2015, geschah etwas ziemlich seltenes im japanischen Oberhaus: Eine Gesetzesnovelle wurde einstimmig beschlossen. Es geht um eine Änderung des Wahlgesetzes, die besagt, dass das Wahlalter von 20 auf 18 Jahre gesenkt wird. Somit haben die japanischen Parteien schlagartig 2,4 Millionen neue potentielle Wähler hinzugewonnen. Zwar nicht umgehend, denn traditionell verstreicht erstmal ein volles Jahr, bis die Änderung wirklich umgesetzt wird, aber immerhin. Zum letzten Mal wurde das Wahlalter übrigens 1945 herabgesenkt – von 25 auf 20 Jahre.

Im internationalen Vergleich¹ lag Japan mit seinem hohen Wahlalter ziemlich abgeschlagen auf den hinteren Rängen – üblich sind 18 Jahre. Und es ist nicht verwunderlich, dass nun umgehend eine alte Debatte aufflammt: Ab wann ist man in Japan volljährig? Noch sind es 20 Jahre, wobei vor ein paar Jahren schon die Grenze für das Jugendstrafrecht gesenkt wurde. Doch Verträge abschliessen, Alkohol kaufen geschweige denn trinken und vieles Weitere ist für unter 20-jährige noch immer tabu. Das Absenken des Wahlalters allerdings ist eine Sache – unter 20-jährige in den Genuss von Alkohol kommen zu lassen eine andere.

Dass das Alter so hoch liegt, ist für Japaner natürlich völlig normal – schliesslich war das quasi schon immer so. Von daher gehört dies auch zu den Fakten über das eigene Land, mit denen man so ziemlich jeden Japaner regelrecht schocken kann: “In Deutschland darf man mit 16 Jahren Bier trinken”² ruft jedes Mal ungläubige Blicke hervor.

¹ Siehe hier.
² Siehe Internationaler Vergleich Alkoholersterwerbsalter.

Teilen:  

Die Renten sind sicher – so sicher wie unsere Daten

Juni 4th, 2015 | Tagged , | 5 Kommentare | 1486 mal gelesen

Geschichte hat die Angewohnheit, sich zu wiederholen. Und dieses Mal hoffe ich insgeheim, dass sie sich vielleicht wirklich wiederholt. Es geht um die 年金機構 – die japanische Rentenkasse. Vor ca. 8 Jahren stellte man plötzlich fest, dass die Daten von rund 50 Millionen Versicherten nicht auffindbar oder unvollständig sind. Eine Glanzleistung, bei rund 125 Millionen Einwohnern. Natürlich hatte das Konsequenzen, und die Schlamperei trug wesentlich dazu bei, dass die regierenden Liberaldemokraten unter Ministerpräsident Abe bei den folgenden Wahlen regelrecht verjagt wurden.

Aufgrund chronischer Unpässlichkeit der japanischen Opposition bzw. der kurzzeitig regierenden Demokraten sind also die Liberaldemokraten wieder an der Macht, und mit ihnen bekannterweise Ministerpräsident Abe. Und die Rentenkasse hat wieder einen Knaller gezündet: Konsterniert musste man feststellen, dass die persönlichen Daten von mindestens 1,25 Millionen Versicherten nach draussen gelangten. Und zwar höchstwahrscheinlich durch einen mit einem Virus infizierten Computer der Anstalt in Fukuoka. Und das ist womöglich nur die Spitze des Eisberges, denn der Chef der Rentenkasse musste heute bei einer Anhörung im Parlament zugeben, dass man das wahre Ausmass des Datenlecks noch nicht kennt.

Seit Bekanntwerden des Lecks hagelt es Anrufe bei der Behörde, denn Betrugsfälle haben sprunghaft zugenommen. Anrufer scheinen die Daten zu nutzen, um glaubwürdig als Vertreter der Rentenkasse aufzutreten und so nach noch vertraulicheren Informationen zu fragen. Diesbezüglich gab es diversen Quellen zufolge schon über 150,000 Anrufe – auch das ist kein Pappenstiel.

Überrascht? Sicherlich nicht. Diese Dinge passieren überall (und in Japan etwas häufiger, wie ich meine). Aber vielleicht werden die Liberaldemokraten bei der nächsten Wahl wieder abgestraft. Doch halt – es gibt ja immer noch keine nennenswerte Opposition. Was wird also dieses Mal passieren? Nichts!

Teilen:  

“Sendeunfall” bei Asahi: Vergreift sich der Staat an den Medien?

April 1st, 2015 | Tagged , , | 6 Kommentare | 2554 mal gelesen

Koga mit selbst gemachtem Schild. Photo mit freundlicher Genehmigung von Ryusaku Tanaka

Koga mit selbst gemachtem Schild. Photo mit freundlicher Genehmigung von Ryusaku Tanaka (Blogos.com)

Das, was da am 27. März in der Nachrichtensendung 報道ステーション Hōdō Station auf TV Asahi, einem der grossen Privatsender Japans, live in der Sendung geschah, war schon drehbuchreif: Da schweifte auf einmal der Stammkommentator 古賀茂明 Shigeaki Koga vom Thema ab. Eigentlich ging es um die Lage im Mittleren Osten, doch Koga merkte plötzlich an, dass dies sein letzter Auftrat als Sidekick des Moderators 古舘伊知郎 Ichirō Furutachi sein werde. Die Begründung: Er wäre vom Sender und Furutachi’s Produktionsfirma geschasst worden. Er hätte schon zuvor verbale Prügel vom Kantei, dem japanischen Pedant zum Kanzleramt, bezogen, aber dank der Unterstützung vieler Menschen bis hierher durchgehalten.

Furutachi war sichtlich überrascht, sprang aber sofort in die Diskussion ein und sagte “Aber das stimmt doch so gar nicht. Und ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich, so sich eine Gelegenheit ergibt, wieder mit Ihnen zusammen arbeiten möchte”. Koga entgegnete: “Aber Sie haben doch selbst gesagt, dass es Ihnen leid tut, dass sie nichts dagegen (gemeint ist seine Absetzung) tun konnten. Ich habe das alles aufgenommen … und wenn es sein muss, werde ich das veröffentlichen”, woraufhin Furutachi ebenso mit der Veröffentlichung von “allem” drohte¹.

Koga kommentierte die politische Lage jeden Freitag in der Sendung, und er wusste, wovon er redete – er war einst selbst Amtsträger im Wirtschaftsministerium. Nun ist Asahi und auch die Nachrichtensendung dafür bekannt, nicht besonders angetan von Abe’s Politik zu sein, aber Koga war da wesentlich undiplomatischer und ein Kritiker vor dem Herrn. Als es um Abe’s Entscheidung ging, indirekt den Kampf gegen den Islamischen Staat zu unterstützen, hielt er sogar ein im Stil von “Je suis Charlie” aufgesetztes Schild mit der Inschrift “I am not Abe” in die Kamera.

Am 30. März folgte das Dementi aus der Kanzlei: Man habe keinerlei Einfluss auf den Sender genommen, das sei alles gelogen. Dass die japanische Rechte natürlich genüsslich über den Vorfall herzieht, ist nicht verwunderlich, denn man hat sich schon vor vielen Jahren auf die linksliberale Asahi eingeschossen.

Koga warnte schon vor geraumer Zeit, dass es drei Schritte bis zum Verlust der Pressefreiheit bräuchte²:

  1. Die Regierung unterdrückt mediale Berichterstattung
  2. Medien üben daraufhin Zurückhaltung aus
  3. Autokraten gewinnen die Wahlen aufgrund mangelnder Informationen

Dabei warnte Koga, dass Japan sich bereits mitten in der zweiten Stufe befindet.

Was trieb also Koga dazu, alle Tabus zu brechen und “on air” seinem Frust freien Lauf zu lassen? Ist er paranoid? Oder ist er einer der letzten Rufer in der Wüste? Soll man ihm glauben? Soll man der Regierung glauben? Ist er ein Held oder ein Spinner? Naturgemäss tendiere ich zu ersterem. Denn der Regierung ist alles zuzutrauen – erst recht seit das Gesetz zum Schutz von Geheiminformationen erlassen wurde, um nur ein Beispiel zu nennen. Es wird auf jeden Fall interessant sein, den Werdegang Kogas zu verfolgen.

Eine Anmerkung hätte ich noch: Sucht man nach einem Videomitschnitt der besagten Szene, muss man schon sehr tief graben: Es tauchen tausend Videos auf, aber die meisten sind editiert und schlichtweg Hetze. Es ist schon ein bisschen wie bei “1984”: Man versucht mit allen Mitteln das Geschehene ungeschehen zu machen – als hätte es den Vorfall nie gegeben. Stattdessen findet man nur verzerrte Splitter.


¹ Den genauen Wortlaut gibt es hier (Japanisch): Huffingtonpost.jp: 古舘伊知郎氏、番組降板する古賀茂明氏と口論 報道ステーション(全文) (29. März 2015)
² Asahi Shimbun: Abe critic claims on air he was axed from TV program at behest of management (29. März 2015)

Teilen:  

Geschichte schreiben lassen: Japan macht 15 Millionen USD locker für US-Universitäten

März 17th, 2015 | Tagged , | 2 Kommentare | 2630 mal gelesen

Um die einzig wahre Geschichtsschreibung in puncto Japans Rolle im Zweiten Weltkrieg herrscht ja nun schon seit dem Tag, an dem der Krieg endete, Streit zwischen den betroffenen Staaten. Das ist nichts Neues und trotzdem ein immer wieder kehrendes Thema, auch auf diesem Blog. Der Streit um die Deutungshoheit wird dabei offensichtlich in jüngster Zeit mehr und mehr ausserhalb des ehemaligen Kriegsgebietes ausgetragen. Ein Beispiel dafür ist das Errichten von Gedenkstätten für die sogenannten “Trostfrauen” in Glendale, Kalifornien und New Jersey durch koreanische Initiatoren. Japanfreundliche Gruppen hatten im vergangenen Jahr erfolglos dagegen vor US-Gerichten geklagt¹.

Vor allem die “Trostfrauenfrage” zieht sich wie ein roter Faden durch Japans Aussenpolitik und Geschichtsauffassung. Während man vor allem in Korea und China darauf beharrt, dass es systematisch und von staatlicher Ebene organisierte Versklavung und Zwangsprostitution von Frauen in den von Japan besetzten Gebieten gab – und Japan sich dafür nicht angemessen entschuldigt, von Reparationsleistungen ganz zu schweigen, hat, debattiert man in Japan noch immer, dass das ganze eine gewaltige Lüge und viel zu sehr aufgebauscht sei. Schliesslich war Krieg, und sowas kommt eben vor im Krieg – nicht nur in Japan. Und von “systematisch” und “Versklavung” beziehungsweise “Zwangsprostitution” könne sowieso keine Rede sein. Die Debatte wurde nun auch noch durch einen Vorfall im vergangenen Jahr befeuert: Dabei stellte sich wohl heraus, dass ein von der links-liberalen Asahi-Shimbun veröffentlichter Artikel des Journalisten Takashi Uemura, der zu dem Schluss kam, dass Japan durchaus in der Schuld steht, teilweise gefälschte Daten enthielt. Nein, wir reden nicht von einem Artikel, der in der vergangenen Woche erschien, sondern vor sage und schreibe 23 Jahren. Es begann eine sehr hässliche Hetzjagd auf Asahi Shimbun und den Journalisten, der an einer Universität als Dozent arbeitet.

Südkorea, aber auch China lassen seit etlichen Jahren nichts unversucht, die Problematik ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, und wie man am obigen Beispiel sieht, durch teils recht einfallsreiche Methoden (so darf man zu Recht fragen, was ein an die Trostfrauen in Ostasien erinnerndes Mahnmal eigentlich in der USA zu suchen hat). In Japan deutet man diese Aktionen verständlicherweise als Rufmord – und dem will man entgegentreten. Ebenfalls mit allen Mitteln. So staunten die Mitarbeiter des grossen US-Schulbuchverlages McGraw-Hill Education nicht schlecht, als im vergangenen Jahr plötzlich Vertreter der japanischen Botschaft in der Redaktion standen und forderten, dass der Verlag doch bitte seine Beschreibung über die Rolle Japans im 2. Weltkrieg umschreiben solle². McGraw-Hill Education dachte freilich nicht daran.

Nun wurde heute also bekannt, dass die japanische Regierung im laufenden Jahr 9 Universitäten in den USA mit 15 Millionen Dollar Forschungsgelder ausstatten möchte³. So etwas gab es seit 40 Jahren nicht mehr. Und nein, hier geht es nicht um die Erforschung von Einzellern, sondern um “korrekte” historische Forschung. Prinzipiell kann man dagegen nichts einwenden, obwohl mir der Gedanke, dass die Regierung eines Landes Universitäten eines anderes Landes mit Geld beschenkt, damit diese die Geschichte ins rechte (ja, rechte!) Licht rücken, nicht sehr behagt. Zu den Begünstigten zählt auch das weltberühmte MIT. Aber was sollen Japans Rechte auch machen? China und Korea werden auf keinen Fall lockerlassen in ihren Bemühungen, Japans Geschichte in ihrem Sinne zu verbreiten. Wenn ich jedoch daran denke, dass ich für so etwas Steuer zahle, wird mir ganz blümerant.


¹ Siehe hier: LA Times: Federal judge upholds ‘comfort women’ statue in Glendale park
² Siehe unter anderem NY Times: U.S. Textbook Skews History, Prime Minister of Japan Says
³ Japan Times: To counter China and South Korea, government to fund Japan studies at U.S. colleges

Teilen:  

Souverän in Japan: Merkel teilt aus. Mit dem Silberlöffel.

März 10th, 2015 | Tagged | 7 Kommentare | 3321 mal gelesen

Angela Merkel ist zur Zeit auf Stippvisite in Japan – ein mit zwei Tagen sehr kurzer Besuch, bei dem sie mit Sicherheit keine Freude am Wetter hatte. Aber deswegen war sie bestimmt auch nicht hier.

Die Wahl der Stationen ihrer Reise kann man als gelungen bezeichnen – genauso die Aufmerksamkeit, die man ihrem Besuch schenkte. Immherhin empfing man sie mit vollen militärischen Ehren (im Gebäudeinneren, wohlgemerkt – siehe Wetter) und arrangierte Gespräche mit Abe sowie sogar dem Tennō. Gelungen deshalb, weil Merkel bei einem Symposium der eher linksliberal ausgerichteten Asahi-Shinbun (shinbun = Zeitung) auftrat, wo sie den Teilnehmern Rede und Antwort zu verschiedenen Themen stehen konnte. Das hat mehr Wirkung als kurze, vom Protokoll beschnittene Pressekonferenzen.

Verschiedene Themen kamen bei dem Symposium zur Sprache – unter anderem die Haltung gegenüber Russland, der Ausstieg aus der Kernenergie, aber auch die leidvolle Aufarbeitung der Geschichte Japans. Wie gewohnt trat Merkel dabei nicht polternd auf, sondern eher mit bedachten Worten. Nein, sie kritisierte Japan nicht für die störrische Haltung den ostasiatischen Nachbarn gegenüber. Stattdessen erklärte sie, wie Deutschland seine Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg aufarbeitete: Sätze wie “Aussöhnung sei nur möglich, wenn sich Länder ihrer Vergangenheit stellten” oder “Es gab eine große Bereitschaft in Deutschland, die Dinge beim Namen zu nennen” fielen. Sicher – darüber, ob diese Bereitschaft nun wirklich überall so gross war – kann man wohl streiten, aber bestreiten kann man nicht, dass eine gewisse Bereitschaft zur Aufarbeitung, ein paar “grosse Gesten” deutscher Staatsmänner (und -frauen, natürlich) sowie, auch das ist wichtig, die Bereitschaft der Nachbarn, sich zu versöhnen, dazu beigetragen haben, dass Deutschland wirklich sehr gute Beziehungen zu seinen Nachbarn hat.

In Japan ist man davon noch Lichtjahre entfernt, und das ganze kann man allmählich als Huhn-Ei-Problem betrachten: Wer ist Schuld – Japan, dass noch immer lautstark seine eigene Schuld anzweifelt? Oder Korea und China, denen auch versöhnliche Gesten, die es ja nun durchaus auch schon gab, nicht viel zu bedeuten scheinen? Nein, es ist schon Japan, so viel steht fest. Aber in ein paar Jahrzehnten wird sich niemand mehr sicher sein, wer eigentlich wann was gesagt und gemacht hat.

Wie bereits erwähnt ging es auch um den Ausstieg aus der Kernenergie. Auch hier: Weise Ratschläge zum Thema, so dass man fast denken könnte, dass Merkel von den Grünen geködert wurde. Sehr unterhaltsam ist da zum Beispiel der Thread zum Besuch, vor allem zum Thema Fokushima (sic), bei Die Welt zu lesen – siehe hier. Da wird an Merkels Auftritt in Japan kein heiles Haar gelassen, aber der Grossteil der Kommentare hat einen enorm hohen Troll-Level, weshalb die Lektüre eher in die Rubrik “Entertainment” fällt.

Erschreckend muss ich jedoch feststellen, dass mir der Auftritt im Grossen und Ganzen zusagte. Die japanischen Medien haben ihre Bemerkungen durchaus positiv aufgenommen und darüber berichtet. Die – wenn auch sehr leise – Kritik war richtig im Tonfall. Ein blosses Eindreschen auf Japan hat noch nie etwas gebracht, und auch wenn ihre Kommentare sicherlich so schnell nichts ändern werden in Japan, so dürften sie doch ein paar Leute dazu anregen, nachzulesen und nachzudenken, wie Deutschland zum Beispiel seine Vergangenheitsbewältigung betrieben hat. Nein, nicht vorbildlich, aber eben doch wesentlich besser als Japan. Die meisten Regierungschefs würden zu diesem Thema kein offenes Gehör finden in Japan, aber Deutschland gilt in diesem Punkt als anhörenswert. Leider ist Ministerpräsident Abe und sein Stab illustrer Berater(erinnen), von denen eine vor kurzem sogar vorschlug, dass es doch toll wäre, die Apartheid in Japan einzuführen, jedoch beratungsresistent, und so wird am Ende wohl doch ausser Spesen nicht viel gewesen sein.

Teilen:  

Gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Japan bald gleichgestellt?

Februar 13th, 2015 | Tagged , , , | 2 Kommentare | 1607 mal gelesen

Heute, am 12. Februar 2015, gab es bei einer Pressekonferenz der Bezirksverwaltung von Shibuya-ku (Tokyo) eine kleine Sensation¹: Dort gab man nämlich bekannt, dass man einen Antrag auf Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften im Stadtbezirk Shibuya eingereicht hat – über den soll dann im März 2015 entschieden werden. Das bedeutet zwar nicht, dass gleichgeschlechtliche Paare in Japan heiraten dürfen, aber das Rathaus von Shibuya würde, so der Antrag Erfolg hat, eben jenen Paaren eine Bescheinigung ausstellen, die ihnen erlauben würde, im Bezirksgebiet wie Ehepartner behandelt zu werden.

Das ist insofern eine Sensation, als gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Japan einfach kein Thema sind: Dieses Angelegenheit wird lauthals totgeschwiegen, und weder Politiker noch Medien scheinen grossartig Interesse daran zu haben, sich dafür zu erwärmen. Sicher, die Fernsehprogramme sind voll mit Männern in Frauenkleidern (Ai Haruna, Matsuko Deluxe oder Mitz Mangrove, um nur einige zu nennen) oder schrägen Typen wie Hard Gay, die mit dem Darstellen von Stereotypen ihr Geld verdienen, aber Homosexualität, obwohl nicht illegal, steht einfach nicht zur Debatte.

Da gleichgeschlechtliche Partner in Japan nicht heiraten dürfen, entgehen ihnen zahlreiche für verheiratete Menschen übliche Privilegien. Das geht bei Bürg- und Erbschaften los und hört bei Patientenverfügungen und steuerlichen Vergünstigungen bestimmt nicht auf. Wie man in Shibuya-ku nun auf den Gedanken gekommen ist, als erste Kommune Japans gleichgeschlechtlichen Paaren entgegenzukommen, ist unklar. Sollte der Entwurf jedoch angenommen werden – und sollte Shibuya auf Dauer die einzige Kommune Japans bleiben – kann sich das ohnehin schon trendige Stadtviertel wahrscheinlich einen neuen Fortschrittsstern ans Revers heften.

¹ Siehe NHK News (Japanisch) und Japan Times (Englisch).

Teilen:  

Japan im Visier des Islamischen Staates

Januar 21st, 2015 | Tagged , , | 5 Kommentare | 3132 mal gelesen

Nun ist es also geschehen: Kaum hatte die japanische Regierung verkündet, rund 200 Millionen US-Dollar für nichtislamische Staaten bereitzustellen, damit diese den Islamischen Staat bekämpfen können (Japan darf ja zum Leidwesen der jetzigen Regierung aufgrund seiner pazifistischen Verfassung nicht selbst mitmachen, führte der Islamische Staat zwei japanische Geiseln vor: Die Reporter bzw. Fotografen Gotō und Yukawa. Die Szene kennt man ja bereits: Ein vermummter Mann mit Messer und eindeutig britischem Akzent steht neben den in orangenen Sachen knienden Gefangenen und droht. In diesem Fall soll nun also Japan binnen 72 Stunden oben genannte Summe an den Islamischen Staat zahlen – sonst werden die beiden enthauptet.

Die japanische Regierung liess daraufhin recht schnell verlauten, was sie von der Forderung hält: Nichts. Natürlich nicht. So also kein Wunder geschieht, droht den beiden Männern ein grauenvolles Schicksal. Das wird freilich nichts an der japanischen Aussenpolitik ändern. Aber es wird den Islamischen Staat etwas in den Mittelpunkt rücken, denn zwar wird darüber gelegentlich berichtet, aber wie es in Japan nun mal so ist: Man ist weit entfernt vom Geschehen und deshalb eher mäßig interessiert. Der Islamische Staat präsentiert sich hier nun aber so, wie man ihn gern von aussen sieht: Eine gottverlassene, verbrecherische und bigotte Zusammenrottung von Menschen, die irgendwo irgendwann ihrer Perspektiven beraubt wurden – oder denen zu viel versprochen wurde.

Für eine PEGIDA à la Dresden wird es freilich nicht reichen – in Japan dürfte die Zahl der Muslime bei schätzungsweise 30’000 liegen (siehe unter anderem hier), und die meisten Japaner werden wohl noch nie im Leben einen echten Moslem gesehen haben. Zumal man ja in Japan bereits schon seit langem ein liebevoll gepflegtes Feindbild hat: Koreaner und Chinesen. Und auf Hokkaido Russen.

Während die Tagesschau zum Beispiel darauf verzichtet, die Gesichter der Geiseln zu zeigen, zeigt man in Japan weniger Zurückhaltung: Das Video mit der Drohung flimmerte in voller Länge heute auf allen Kanälen:


Teilen:  

« Ältere Einträge