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Gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Japan bald gleichgestellt?

Februar 13th, 2015 | Tagged , , , | 2 Kommentare | 636 mal gelesen

Heute, am 12. Februar 2015, gab es bei einer Pressekonferenz der Bezirksverwaltung von Shibuya-ku (Tokyo) eine kleine Sensation¹: Dort gab man nämlich bekannt, dass man einen Antrag auf Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften im Stadtbezirk Shibuya eingereicht hat – über den soll dann im März 2015 entschieden werden. Das bedeutet zwar nicht, dass gleichgeschlechtliche Paare in Japan heiraten dürfen, aber das Rathaus von Shibuya würde, so der Antrag Erfolg hat, eben jenen Paaren eine Bescheinigung ausstellen, die ihnen erlauben würde, im Bezirksgebiet wie Ehepartner behandelt zu werden.

Das ist insofern eine Sensation, als gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Japan einfach kein Thema sind: Dieses Angelegenheit wird lauthals totgeschwiegen, und weder Politiker noch Medien scheinen grossartig Interesse daran zu haben, sich dafür zu erwärmen. Sicher, die Fernsehprogramme sind voll mit Männern in Frauenkleidern (Ai Haruna, Matsuko Deluxe oder Mitz Mangrove, um nur einige zu nennen) oder schrägen Typen wie Hard Gay, die mit dem Darstellen von Stereotypen ihr Geld verdienen, aber Homosexualität, obwohl nicht illegal, steht einfach nicht zur Debatte.

Da gleichgeschlechtliche Partner in Japan nicht heiraten dürfen, entgehen ihnen zahlreiche für verheiratete Menschen übliche Privilegien. Das geht bei Bürg- und Erbschaften los und hört bei Patientenverfügungen und steuerlichen Vergünstigungen bestimmt nicht auf. Wie man in Shibuya-ku nun auf den Gedanken gekommen ist, als erste Kommune Japans gleichgeschlechtlichen Paaren entgegenzukommen, ist unklar. Sollte der Entwurf jedoch angenommen werden – und sollte Shibuya auf Dauer die einzige Kommune Japans bleiben – kann sich das ohnehin schon trendige Stadtviertel wahrscheinlich einen neuen Fortschrittsstern ans Revers heften.

¹ Siehe NHK News (Japanisch) und Japan Times (Englisch).

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Japan im Visier des Islamischen Staates

Januar 21st, 2015 | Tagged , , | 5 Kommentare | 2499 mal gelesen

Nun ist es also geschehen: Kaum hatte die japanische Regierung verkündet, rund 200 Millionen US-Dollar für nichtislamische Staaten bereitzustellen, damit diese den Islamischen Staat bekämpfen können (Japan darf ja zum Leidwesen der jetzigen Regierung aufgrund seiner pazifistischen Verfassung nicht selbst mitmachen, führte der Islamische Staat zwei japanische Geiseln vor: Die Reporter bzw. Fotografen Gotō und Yukawa. Die Szene kennt man ja bereits: Ein vermummter Mann mit Messer und eindeutig britischem Akzent steht neben den in orangenen Sachen knienden Gefangenen und droht. In diesem Fall soll nun also Japan binnen 72 Stunden oben genannte Summe an den Islamischen Staat zahlen – sonst werden die beiden enthauptet.

Die japanische Regierung liess daraufhin recht schnell verlauten, was sie von der Forderung hält: Nichts. Natürlich nicht. So also kein Wunder geschieht, droht den beiden Männern ein grauenvolles Schicksal. Das wird freilich nichts an der japanischen Aussenpolitik ändern. Aber es wird den Islamischen Staat etwas in den Mittelpunkt rücken, denn zwar wird darüber gelegentlich berichtet, aber wie es in Japan nun mal so ist: Man ist weit entfernt vom Geschehen und deshalb eher mäßig interessiert. Der Islamische Staat präsentiert sich hier nun aber so, wie man ihn gern von aussen sieht: Eine gottverlassene, verbrecherische und bigotte Zusammenrottung von Menschen, die irgendwo irgendwann ihrer Perspektiven beraubt wurden – oder denen zu viel versprochen wurde.

Für eine PEGIDA à la Dresden wird es freilich nicht reichen – in Japan dürfte die Zahl der Muslime bei schätzungsweise 30’000 liegen (siehe unter anderem hier), und die meisten Japaner werden wohl noch nie im Leben einen echten Moslem gesehen haben. Zumal man ja in Japan bereits schon seit langem ein liebevoll gepflegtes Feindbild hat: Koreaner und Chinesen. Und auf Hokkaido Russen.

Während die Tagesschau zum Beispiel darauf verzichtet, die Gesichter der Geiseln zu zeigen, zeigt man in Japan weniger Zurückhaltung: Das Video mit der Drohung flimmerte in voller Länge heute auf allen Kanälen:


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Liberaldemokraten gewinnen haushoch | Lausige Wahlbeteiligung

Dezember 15th, 2014 | Tagged , | 7 Kommentare | 2583 mal gelesen

Am Morgen hatte ich noch etwas Hoffnung: Auf Twitter und anderen sozialen Medien war einiges los in Sachen Wahlen, und als ich auf dem Weg zum Bäcker an einem Wahllokal vorbeifuhr, sah ich eine lange Schlange von Wählern und noch viel mehr Leute, die auf dem Weg zum Wahllokal waren. Könnte diese Wahl vielleicht doch noch eine Überraschung bergen?

Sie konnte nicht. Das Ergebnis war exakt genau so vorhersehbar. Die Wahlbeteiligung ist eine Schande für eine Demokratie: Gerade mal 52,6% der Bürger waren wählen (bei Huffingtonpost.jp gibt es eine schöne Übersicht darüber, wie hoch die Wahlbeteiligung in den einzelnen Präfekturen war) – das sind mehr als 6% weniger als bei der Parlamentswahl 2012 (und die Wahlbeteiligung bei jener Wahl war bereits die schlechteste seit dem 2. Weltkrieg!). 475 Sitze waren zu vergeben – beim jetzigen Stand (1 Uhr morgens) sind nur noch 9 Sitze nicht ausgezählt. Die regierenden Liberaldemokraten kommen mit ihrem Juniorpartner, der Komeito, soweit auf 319 Sitze (vor der Wahl waren es 325), die stärkste Oppositionspartei – die vor 2012 regierenden Demokraten – kommen demnach auf ganze 71 Sitze. Das sind immerhin 9 mehr als vor der Wahl. Die Kommunisten kommen auf 20 (vorher 8 Sitze), und die 次世代の党 – The Party for Future Generations des ehemaligen Gouverneurs von Tokyo, Ishihara, sowie Hashimoto, Statthalter von Osaka, wurde abgestraft: Vorher hatte sie 19 Sitze, jetzt nur noch 2. Anders gesagt – die Regierungskoalition bestätigt ihre satte Zwei-Drittel-Mehrheit.

Abe darf also weiter dabei beobachtet werden, wie er an der Wirtschaft und der japanischen Verfassung herumdoktert. Und er kann sich durch das Ergebnis bestätigt fühlen. Auch wenn es ihm hoffentlich zu denken gibt, dass sich gerade mal die Hälfte der Bevölkerung überhaupt dafür zu interessieren scheint.

In diesem Sinne kann man ganz getrost die Wahl mit 4 Wörtern beschreiben: Ausser Spesen nichts gewesen.

Die aktuellen Ergebnisse – mit Graphiken – sieht man bei NHK.

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Wen wählen – und warum (wenn man nur dürfte)?

Dezember 10th, 2014 | Tagged , | 10 Kommentare | 2532 mal gelesen

Was ist ernst und was nicht? Abe: Zum Wirtschaftsaufschwung hilft nur mein Weg!

Was ist ernst und was nicht? Abe: Zum Wirtschaftsaufschwung hilft nur mein Weg!

Innerlich bin ich noch immer aufgebracht über die von Abe so plötzlich einberufenen Neuwahlen (siehe hier und hier), so dass ich eigentlich gar nicht drüber schreiben mag. Zur Erinnerung: Am 18. November wurde Abe amtlich attestiert, dass er die ohnehin nicht gerade vor Kraft strotzende Wirtschaft mit seiner Politik gerade gegen die Wand fährt. Am folgenden Tag löste er das Unterhaus auf und rief Neuwahlen aus. Die sollten erst am 21. Dezember stattfinden, aber man hatte es sogar noch eiliger: Am 14. Dezember ist es soweit. Abe will sich durch die Wahlen in seinem Kurs bestätigen lassen. In einer Zeit, in der weit und breit keine Opposition in Sicht ist. Eine völlig unsinnige, verschwenderische Aktion also.

Interessant fand ich in dem Zusammenhang jedoch eine Unterhaltung mit dem hiesigen Gutsherren. Gutsherr? In unserer Nachbarschaft lebt ein sehr netter Mann, dem einst unser Grundstück gehörte. Sich davon zu trennen war kein grosses Problem, denn dem guten Mann gehört hier die halbe Gegend. Und jede dritte Familie in der Gegend trägt seinen Familiennamen. Es ist ein regelrechter Clan. Neulich stand er mit einem jungen Zausel vor unserer Tür (ich war leider nicht da, aber dafür meine Frau) und sagte “Das ist Herr *@+>#& von den Liberaldemokraten. Der ist zwar für nichts zu gebrauchen, aber vielleicht könnt ihr ihn ja doch am Sonntag wählen!”. Also sprach der Gutsherr. Natürlich wird dies nicht der Fall sein, denn wir mögen die Liberaldemokraten nicht.

Abe: In diesem Land gibt es keine Butter. (Anm. d. Red.: Stimmt.)

Abe: In diesem Land gibt es keine Butter. (Anm. d. Red.: Stimmt.)

Wenig später unterhielt sich meine Frau mit des Gutsherren Gemahlin. Eine sehr lustige, nette Frau wohlgemerkt. Und sie meinte zu dem Thema: “Also mit dem Typen von den Liberaldemokraten kann ich gar nichts anfangen. Und der alte Typ von den Demokraten ist auch zu nichts gut. Ich werde wieder die Kōmeitō wählen. Als im letzten Winter so furchtbar viel Schnee fiel, habe ich erst die Stadt angerufen, damit die Räumen. Und dann die Liberaldemokraten und dann den Demokraten. Nichts passierte. Kaum aber habe ich den Vertreter von der Kōmeitō angerufen, kam eine von ihm beauftragte Firma und räumte den Schnee. Und das neue Krankenhaus hat auch die Kōmeitō gebaut”.

Übersetzen wir den Text mal ins Deutsche: “Als die Strassen voller Schnee waren, habe ich erst die Stadt, dann die CDU und dann die SPD angerufen. Nichts geschah. Aber als ich die FDP anrief, kam sofort eine FDP-nahe Firma und hat den Schnee geräumt. Ach ja, das neue Krankenhaus wurde auch von der FDP gebaut”.

Klingt irgendwie irrsinnig? Aber nicht doch! Das ist völlig normal! Hier zumindest. Ich weiss wirklich nicht, ob ich froh sein soll oder traurig darüber, dass ich hier nicht wählen darf. Die einzige Wahlkämpfer hier, die mir, obwohl ich Ausländer bin, Wahlkampfzettel in die Hände drücken, sind die Kommunisten…

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Neuwahlen im Wirtschaftschaos: ABEr was denn nur!?

November 19th, 2014 | Tagged , | 6 Kommentare | 3130 mal gelesen

Gestern wurden also die Quartalszahlen für das dritte Quartal des Jahres 2014 bekanntgegeben. Und siehe da – die Wirtschaft wuchs im dritten Quartal nicht um rund 2% wie eigentlich vorhergesagt, sondern sie schrumpfte um 1,6% im Vergleich zum Vorjahr. Was tun? Erst im April dieses Jahres wurde die Mehrwertsteuer von 5 auf 8% angehoben. Im folgenden, zweiten Quartal des Jahres brach logischerweise die Wirtschaft ein, da sich die Kunden mit Neuanschaffungen zurückhielten. Im Oktober des kommenden Jahres, 2015, sollte die Mehrwertsteuer erneut angehoben werden – auf 10%. Gleichzeitig sollte die Bank of Japan die Geldpresse anwerfen, um den Yen zu entwerten, damit das Land aus der Deflation herauskommt und japanische Produkte im Ausland wieder konkurrenzfähig werden. Das erhöht jedoch die Staatsschulden, und deshalb die Mehrwersteuererhöhung. Das ganze nennt man dann Abenomics, und das Experiment läuft seit fast 2 Jahren.

Offensichtlich funktioniert das Geheimrezept nicht so, wie es sollte. Das überraschte wohl Abe, nicht aber die meisten Ökonomen. Abe ruderte heute also zurück, und verschob die zweite Steuererhöhung um 18 Monate auf den April 2017, versehen mit der Bemerkung, dass sie dann aber wirklich kommen werde. Gleichzeitig löst er mit Wirkung zum 21. November das Unterhaus auf und ordnete Neuwahlen an, die bereits einen Monat später, am 21. Dezember stattfinden sollen. Das allerdings ist kaum überraschend, gab es doch schon seit ein paar Tagen recht deutliche Gerüchte.

Eine Niederlage für Abe und seine gewagte Wirtschaftspolitik, könnte man meinen. Das Gegenteil ist leider der Fall. Abe stellt dem Volk nach seinen eigenen Worten die Vertrauensfrage, indem er Neuwahlen ausruft. Die Neuwahlen wurden jedoch schon bereits von den Medien ganz treffend mit 4 Schriftzeichen charakterisiert: 一強多弱 ikkyō tajaku: “Ein Starker, viele Schwache”. Anders gesagt: Es gibt momentan keine wahre Opposition. Die vorher regierenden Demokraten haben sich von ihrer krachenden Niederlage im Dezember 2012 noch immer nicht erholt und haben es nicht geschafft, sich auch nur in irgendeiner Art und Weise zu profilieren. Alle anderen Parteien wiederum sind so klein und so verschieden, dass man sie nur unter “ferner liefen” verbuchen kann. Das wird sich innerhalb eines Monates nicht ändern.

Man braucht kein Orakel sein, um zu sehen, was da kommt: Die ohnehin schon immer sehr niedrige Wahlbeteiligung am 21. Dezember wird noch niedriger als sonst ausfallen. Abe wird die Wahl gewinnen, und weiter mit der Brechzange an der kränkelnden Wirtschaft Japans herumdoktern. Die Rettung könnte theoretisch aus China kommen, denn China bringt sehr viel Geld ins Land. Doch China ist gleichzeitig der Erzfeind der japanischen Rechten, und Abe ist ebenfalls in jenem Spektrum einzuordnen – ergo legt er sich lieber mit China an. Man darf gespannt sein, wie das ganze noch enden soll. Soviel steht allerdings fest: Selten war Japan so günstig für Urlauber aus dem Ausland.

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Razzia an der Universität Kyoto

November 14th, 2014 | Tagged , | 3 Kommentare | 3405 mal gelesen

Oft hatte ich den Eindruck, dass der Großteil der japanischen Studenten wenn überhaupt dann nur sehr mässig an Politik interessiert ist – von politischen Aktivitäten ganz zu schweigen. Aber es gibt sie noch – die Horte politischer Akitivität. Traditionsgemäss gehört die 京大 Kyōdai dazu – das ist die Kurzform von Kyoto Daigaku (Daigaku = Universität). Die Uni hat über 20,000 Studenten und gilt als die zweitbeste Universität Japans. Dementsprechend anspruchsvoll sind auch die Eintrittsprüfungen. Die Uni ist berühmt für ihre philosophische Fakultät, ihre erstklassigen Forschungseinrichtungen (6 Nobelpreisträger kommen von dieser Universität) und für aufmüpfige Studenten – die zum Beispiel 1951 forderten, den Tennō nur als ganz normalen Menschen anzusehen, worauf es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kam.

Einige der Studenten scheinen dabei der 中核派 Chūkaku-ha (wörtlich: “Kerngruppe”) anzugehören. Der eigentliche Name dieser mit den Kommunisten und einigen Gewerkschaften eng verbundenen Gruppierung lautet 革命的共産主義者同盟全国委員会 Nationales Kommittee der Revolutionär-kommunistische Liga) – eine trotzkistisch angehauchte Gruppierung, die in den vergangenen drei Jahrzehnten recht unauffällig war, aber in den 1980ern zum Beispiel im Mittelpunkt der gewaltsamen Proteste gegen den Bau des Flughafens von Narita stand. Unter anderem griffen die Anhänger zu jener Zeit das Büro der Liberaldemokraten mit einem auf einem LKW aufgebauten Flammenwerfer an.

Vor kurzem nahm die Polizei bei einer Demonstration drei Protestierer fest – und fand heraus, dass zwei der 3 Festgenommenen Studenten der Kyoto Universität waren. Und man fackelte nicht lange: Heute rückten 120 zum Teil martialisch ausgerüstete Polizeibeamte in ein Studentenwohnheim der Universität ein, und es gab heftige Proteste seitens der Studenten. Vor einigen Tagen (am 4. November 2014) setzten die Studenten sogar einen Ermittler in Zivilkleidung fest, der sich in das Wohnheim geschmuggelt hatte. Man übergab ihn schliesslich jedoch unversehrt seinen Kollegen.

Diese Bilder sind in Japan selten geworden. Und ich bin interessant, wie sich das weiterentwickelt. Im geheimen freuen mich die Bilder – stehen sie doch im Gegensatz zur Grundrichtung, auf die Japan gerade getrimmt wird: Stramm rechts.

Anbei ein Nachrichtenausschnitt zu den Unruhen. Die Studenten verlangen – zu Recht, aber scheinbar erfolglos – nache einem Durchsuchungsbefehl.

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Zwei auf einen Streich – Abe verliert seine Minister

Oktober 21st, 2014 | Tagged | 9 Kommentare | 4338 mal gelesen

Der Fächer des Anstosses

Der Fächer des Anstosses

Heute gab es in Japan zur Abwechslung mal ein politisches Erdbeben – nicht ganz unerwartet, aber dennoch überraschend, da alles auf ein Mal stattfand. Gleich zwei Minister, genauer gesagt Ministerinnen, gaben heute ihren Rücktritt bekannt. Als da wären:

小渕 優子 Yūko Obuchi, Ex-Wirtschaftsministerin, stolperte über einen Spendenskandal, da sie Parteispenden für falsche Zwecke missbrauchte. Das ist, wie es scheint, in Japan Volkssport bei Politikern. Genauer gesagt wuchs die Diskrepenz zwischen Einnahmen und Ausgaben in ihrem Wahlbezirk auf rund 350,000 Euro an – Geld, bei dem nicht klar ist, wie es eigentlich verwendet wurde.

松島 みどり Midori Matsushima, Ex-Justizministerin, hingegen trat aufgrund eines Verstosses gegen das Wahlkampfgesetz zurück. Jenes Gesetz verbietet Geschenke mit geldwertem Vorteil jeglicher Art an (potentielle) Wähler. Trotzdem hielt und hält noch immer die Ministerin das Verteilen von Wegwerffächern, bedruckt mit ihrem Konterfei, an über 20’000 Besucher eines Voksfestes für unverfänglich, da die Fächer “kaum einen Wert haben”. Sie betonte beim Rücktritt auch eigens, dass ihr Rücktritt kein Schuldeingeständnis sei, sondern dass sie damit Schaden von der Regierung abwenden möchte. Eine noble Geste, quasi.

Matsushima hatte es mir schon vorher sehr angetan. Sie ist eine eifrige Verfechterin der Todesstrafe und findet, dass man zum Beispiel muslimischen Gefangenen in japanischen Gefängnisssen durchaus Schweinefleisch geben sollte – japanische Gefangene befragt man ja auch nicht, ob sie lieber Brot oder Reis möchten. Dementsprechend sei dies “umgekehrte Diskriminierung”. Dass es hier weniger um kulinarische Vorlieben geht als um Glaubensfragen, ist dabei Wurst. Schweinewurst, natürlich.

Abe hatte beide Ministerinnen erst vor einem guten Monat ins Kabinett geholt – quasi als Teil der Botschaft “Schaut her, wir sind modern und beteiligen viele (5) Frauen an der Regierung”. Bei einer eigens eingeraumten Pressekonferenz übernahm Abe heute jedoch zwangsläufig die Verantwortung, da er ja die Personalie durchgewunken hat. Verantwortung? Ja. Konsequenzen? Natürlich nicht. Dabei war Abe einer der Politiker, die am lautesten nach Neuwahlen schrien, als sich die damals regierenden Demokraten an ihren Skandalen versuchten.

Waren das nun alle Skandale? Natürlich nicht. Für wesentlich skandalöser halte ich das Verhalten von 山谷えり子 Eriko Yamatani, Sonderbeauftragte für das Referat Entführung (japanischer Staatsbürger durch Nordkorea). Sie hält das Trostfrauenproblem für eine Lüge und wurde im September dafür bekannt, dass sie sich mit Vertretern der 在特会 Zaitokukai (eine ultranationale Vereinigung, die es hauptsächlich auf seit Generationen in Japan lebende Koreaner abgesehen hat) traf. Und gemeinsam fotografieren liess. Darauf angesprochen, erwiderte sie – vor Reportern – dass sie nicht wusste, mit wem sie sich da traf. Als Reporter nachbohrten und fragten, ob sie die Aktivitäten der Zaitokukai kritisch betrachte (jene laufen schliesslich mit Postern durch die Strassen, auf denen Sprüche stehen wie “Ob gute Koreaner oder böse Koreaner – tötet sie alle!”¹), lehnte sie eine Stellungnahme ab. Und zwar drei Mal.

Ist es Unwissenheit? Oder einfach nur Unverfrorenheit? Sicher, deutsche Politiker zum Beispiel leisten sich auch das eine oder andere dicke Ding. Aber an japanische Politiker kommen sie in puncto Dreistigkeit bei weitem nicht heran.

Siehe hier.

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So heult man sich viral

Juli 7th, 2014 | Tagged | 3 Kommentare | 5406 mal gelesen

Seit einigen Tagen macht ein YouTube-Video in Japan die Runden – es zeigt einen 47-jährigen Abgeordneten des Präfekturparlaments von Hyōgo (dort befindet sich unter anderem die Stadt Kōbe) bei einer Pressekonferenz. Hauptthema der anberaumten Pressekonferenz war die Tatsache, dass der Abgeordnete Nonomura im Verdacht stand, innerhalb eines Jahres rund 3 Millionen Yen (gut 20,000 Euro) veruntreut zu haben. Genauer gesagt ging es um zweifelhafte Spesenabrechnungen in 195 Fällen (nicht schlecht bei 365 Tagen im Jahr), da es meistens um Ausflüge zu heissen Quellen usw. ging. Letztendlich wurde er – aus mir nicht bekannten Gründen – vom Vorwurf freigesprochen, und so kam es zu der hier nunmehr schon legendären Pressekonferenz. Wer es nicht gesehen hat – hier ein Ausschnitt:

Es ist recht zusammenhangloses Zeug, was der gute Mann da zwischen den Heulkrämpfen zusammenstammelt: Vom Problem der Überalterung der Bevölkerung ist die Rede, davon, dass er einen Unterschied machen wollte und so weiter.
Vor dem Geheule wurde er zu den Vorwürfen befragt, doch seine Erklärungsversuche sind schlichtweg stupide: Er hätte gedacht, die Spesen nicht belegen zu müssen. Er dachte, es sei genug, sich Notizen von den Spesen zu machen (und daraufhin gefragt, ob er die Notizen noch habe, erwidert er dreist, er hätte sie weggeworfen). Er sei immer erster Klasse gefahren, um sofort aus dem Zug springen und loslegen zu können. Problem an der Sache: Er ist Präfekturpolitiker, doch sehr viele seiner Touren führten ihn in andere Präfekturen.

Kurz und gut – hier bellte ein getretener Hund, und der gute Mann ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten. Wenn das die neue Politikergarde des Landes ist, dann gute Nacht Japan.nonomura

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Selbstverbrennung in Shinjuku und eine gewichtige Entscheidung

Juli 1st, 2014 | Tagged , | 14 Kommentare | 8673 mal gelesen

Auf diesem Blog ist das Thema eigentlich schon ein alter Hut, aber morgen wird es ernst: Mit einem gewieften Trick soll morgen die pazifistische Verfassung ausgehebelt werden. Artikel 9 der japanischen Verfassung besagt,

1) In aufrichtigem Streben nach einem auf Gerechtigkeit und Ordnung gegründeten internationalen Frieden verzichtet das japanische Volk für alle Zeiten auf den Krieg als ein souveränes Recht der Nation und die Androhung oder Ausübung von militärischer Gewalt als ein Mittel zur Regelung internationaler Streitigkeiten.

2) Zur Erreichung des Zwecks des Absatz 1 werden Land-, See- und Luftstreitkräfte sowie andere Kriegsmittel nicht unterhalten. Ein Kriegsführungsrecht des Staates wird nicht anerkannt.

Will heissen, Japan darf nicht Krieg führen. Und keine Armee unterhalten. Aber das möchten konservative Kreise und natürlich allen voran die politische Rechte schon lange ändern. Nun gibt es schon seit langem grossen Widerstand gegen eine Verfassungsänderung. Morgen soll dazu ein erster, grosser Schritt erfolgen. Es geht genau genommen um die Etablierung des 集団自衛権 (Shūdanteki Jieiken) – Recht auf kollektive Selbstverteidigung. Um konkret zu werden: Die USA sind Japans wichtigster Verbündeter. Greift eine andere Macht Japan an, ist die USA verpflichtet, beizuspringen. Greift jedoch eine andere Macht die USA an, ist es Japan verboten, aktiv dem Verbündeten zu helfen. Passiv, zum Beispiel mit militärischen Tankflugzeugen usw., ist dies zum Beispiel im 2. Irakkrieg jedoch schon erfolgt.

Ministerpräsident Abe und seine Regierung möchten nun in einer ausserordentlichen Sitzung des Parlamentes am 1. Juli diese Situation “korrigieren”. Da eine Verfassungsänderung jedoch ziemlich schwierig ist, greift man in die Trickkiste: Sicher, es gibt Artikel 9. Es gibt aber auch Artikel 65 in der Verfassung, und der besagt kurz und knapp:

行政権は、内閣に属する。 – Die vollziehende Gewalt liegt bei dem Kabinett.

Und so beschliesst man morgen also mit einer bequemen Mehrheit im Parlament, die Art und Weise, wie die Verfassung interpretiert wird, zu ändern: Artikel 65 sticht Artikel 9 aus. Ganz einfach. Dass nur ein Drittel der Bevölkerung dies für gut befindet und eine Hälfte schlichtweg dagegen ist¹, ist den regierenden Liberaldemokraten dabei so ziemlich egal.

Das ganze geht nicht ohne Proteste vonstatten: Heute demonstrierten tausenden – genaue Zahlen muss ich leider schuldig bleiben – vielerorts, unter anderem vor der Residenz des Ministerpräsidenten, gegen die heraufziehende Abstimmung. Schade nur, dass die Ministerpräsidenten schon seit ein paar Jahren nicht mehr in der Residenz wohnen, da es dort angeblich spuken soll. Aber das ist natürlich nur ein Gerücht.

Gestern, am 29. Juni 2014, kam es zudem zu einem aussergewöhnlichen Zwischenfall am Südausgang des weltweit belebtesten Bahnhofs – Shinjuku. Ein Mann postierte sich dort gegen 1 Uhr nachmittags mit einem Megaphon auf einer Fußgängerbrücke und begann, gegen die Entscheidung zu protestieren. Das ging eine Stunde lang so, und in dieser Zeit bereitete die Feuerwehr Luftkissen und ähnliches vor. Gegen 2 Uhr übergoss sich der Mann plötzlich mit einer braunen Flüssigkeit und zündete sich an (wer sich das unbedingt ansehen muss – es gibt natürlich alles auf YouTube² – schliesslich ist Shinjuku um diese Tageszeit voller Menschen). Die Feuerwehr war natürlich in Sekundenschnelle dabei, den Mann zu löschen. Jener kam schliesslich mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus, soll aber ansprechbar sein. Interessant ist dabei, dass das geplante Opfer zwar auf viel Interesse in ausländischen Medien stiess, in den japanischen Mainstream-Medien jedoch kaum ein Echo fand.

Politische Auffassung hin oder her – dass Japan der Krieg in der eigenen Verfassung verboten wird, hat seine Gründe. Prinzipiell ist ja gegen das Recht auf Selbstverteidigung nichts einzuwenden. Aber der Gedanke an das folgende Szenarie macht schon bange: Irgendwie schafft Nordkorea es, ein amerikanisches Schiff zu versenken oder es erklärt den USA einfach so den Krieg. Japans Falken beschliessen, dass der Bündnisfall damit geschaffen ist, und lassen die zur Armee verwandelten Selbstverteidigungskräfte anlanden. Und schon stehen japanische Soldaten zwischen China und Südkorea. Beziehungsweise dort, wo meinetwegen jeder sein darf – nur kein japanischer Soldat.

¹ Siehe Nikkei Shimbun vom 29. Juni 2014
² Siehe unter anderem hier

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Chauvinismus hautnah

Juni 24th, 2014 | Tagged , | 16 Kommentare | 9145 mal gelesen

Das war schon starker Tobak, der am 18. Juni bei der Vollversammlung der Abgeordneten von Tokyo geboten wurde. Die mit 35 Jahren a) erstaunlich junge und b) erstaunlicherweise nicht männliche Abgeordnete Shiomura appellierte gerade an die Versammlung, etwas gegen die seit vielen Jahren anhaltende, besorgniserregend niedrige Geburtenrate zu tun – zum Beispiel durch das Fördern von Aktivitäten für Mütter und Kinder sowie Beihilfen für Paare, die nicht ohne weiteres Kinder zeugen können. In Japan ist das – nicht verwunderlich – eine Steilvorlage: Es kamen Zwischenrufe wie “Du solltest schnell Kinder zeugen” oder “Solltest Du nicht besser schnell heiraten?”. Gelächter folgte. Die Abgeordnete beendete noch flink ihre Rede, aber man konnte Ihr ansehen, dass die Sprüche sie ziemlich mitgenommen haben.

Das ganze mag ja vielleicht noch gehen, wenn die Zwischenrufer sich später zu erkennen geben würden, aber genau das passierte natürlich nicht. Man ortete die Übeltäter zwar in der Fraktion der regierenden Liberaldemokraten, doch die Fraktion hielt dicht und versuchte gar noch, die Schuld von sich zu weisen und zu behaupten, dass das auch aus einer anderen Fraktion gekommen sein könnte.

Der Druck wurde letztendlich zu gross. Die Szene fand auch im Ausland Beachtung (siehe unter anderem hier), und bei change.org fanden sich schnell über 70’000 Menschen, die forderten, den Vorfall aufzuklären. Heute trat nun Suzuki von den Liberaldemokraten vor und entschuldigte sich öffentlich(keitswirksam) bei Shiomura. Die befand, zu recht, dass die Entschuldigung etwas spät komme.

Chauvinismus in Japan ist eine, nun ja, interessante Angelegenheit. Denn: Chauvinistische Sprüche oder das Blondinen-Witze-ähnliche Blödeln bis Beleidigen von Frauen hört man in Japan eigentlich kaum. Das mag daran liegen, dass man in Japan keine Witze erzählt. In Japan ist der Chauvinismus, so habe ich jedenfalls nicht selten den Eindruck, boshafter, er sitzt tief, ganz tief in der Gesellschaft verankert, die von der weiblichen Hälfte recht klare Erwartungen hat: Viel lernen, gute Bildung – um einen attraktiven Ehepartner zu finden, Kinder zu zeugen und fortan sich um Haus, Kinder und Mann zu kümmern. Und – das schreibe ich nicht zum ersten Mal – die Gesellschaft hat die Arbeitsumwelt in Japan so geformt, dass ich aufgrund der vielen Widrigkeiten dem weiblichen Geschlecht gegenüber nicht wenige Japanerinnen gern diesem Schema unterwerfen.

shiomura

Doch momentan brandet eine interessante Diskussion in Japan auf. Bei der verheerend geringen Geburtenrate und der fortschreitenden Überalterung der Gesellschaft wird Japan es sich womöglich nicht mehr allzu lange leisten können, einfach so auf die Hälfte ihrer Bevölkerung auf dem Arbeitsmarkt zu verzichten. Und das deutet sich schon mehr und mehr an: Natürlich ist die folgende Beobachtung sehr subjektiv, aber ich glaube schon, mehr und mehr Frauen zu sehen, die in berufen arbeiten, die eigentlich traditionell Männerdomäne sind: Auf Baustellen, als Bus- und Taxifahrer, Paketzusteller, Zugfahrer usw. Unnötig anzumerken, dass die Frauen dabei den Männern in nichts nachstehen. Und ein schwacher Trost bleibt den japanischen Frauen letztendlich: Zu Hause haben ganz klar sie die Hosen an.

Anbei noch – eigentlich war das ja lange Zeit Tradition auf diesem Blog – das Wort des Tages: 野次yaji – der Zwischenruf bzw. der Zwischenrufer.

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