You are currently browsing posts tagged with Politik

Interview mit Botschafter Dr. Hans Carl von Werthern

November 10th, 2016 | Tagged , , , | 2 Kommentare | 1955 mal gelesen

Dieses Interview war schon länger in Planung und soll in dieser Form auch nicht das einzige bleiben – geplant ist eine ganze Reihe von Interviews mit Deutschen in Japan. Ein Interview mit dem Botschafter ist natürlich eine ganz besondere Angelegenheit, denn es handelt sich hier um den höchsten Repräsentanten Deutschlands in Japan, und damit um einen ganz eigenen Blickwinkel.

Das Interview fand am 29. September 2016 zwischen dem Botschafter und mir in der Kanzlei der Deutschen Botschaft in Tokyo statt. Zum besseren Verständnis jedoch erstmal eine kurze Biographie des jetzigen Botschafters.

Werdegang
1971 Abitur
1972 Amerikanisches High School Diplom, St. Albans School, Washington, D.C.
1973-1975 Wehrdienst
1979 Diplom-Volkswirt, Universität Mainz
1979-1984 Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Mainz
1984-1986 Attaché (Ausbildung) im Auswärtigen Amt, Bonn
1986-1987 Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Hamburg
1987-1990 Botschaft Hanoi, Vietnam
1990-1992 Ständige Vertretung bei der NATO, Brüssel
1992-1994 Stv. Ausbildungsleiter für den Höheren Dienst, Auswärtiges Amt, Bonn
1994-1997 Botschaft Asunción, Paraguay
1997-2000 Stv. Leiter des Westeuropa-Referats, Bonn/Berlin
2000-2002 Referent für Europapolitik, FDP-Bundestagsfraktion, Berlin
2003 Royal College of Defence Studies, London
Magister in Internationalen Beziehungen, King’s College, London
2004-2005 Leiter des Arbeitsstabes “Deutschland in Japan 2005/2006”, Auswärtiges Amt, Berlin
2005-2007 Leiter des Ostasienreferats, Auswärtiges Amt, Berlin
2007-2010 Gesandter, Botschaft Peking, China
2010-2011 Beauftragter für Personal, Auswärtiges Amt, Berlin
2011-2014 Leiter der Zentralabteilung, Auswärtiges Amt, Berlin
seit März 2014 Botschafter in Tokyo
Interview mit Botschafter von Werthern

Interview mit Botschafter von Werthern

Tabibito: ​Herr Botschafter, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben. Sie waren vor Japan ja unter anderem in China, Vietnam und in Paraguay tätig. War Japan Ihr Wunschland? Oder wie hat es Sie letztendlich nach Japan verschlagen?
Botschafter von Werthern: ​ Ich war in Deutschland ab 2004 zuständig für ein Großprojekt, das sich „Deutschland in Japan 2005/2006“ nannte, und anschließend Referatsleiter für Ostasien; auch mit der Zuständigkeit für unsere Beziehungen zu Japan. Deswegen habe ich mir immer gewünscht, mal nach Japan versetzt zu werden. Dass ich als Botschafter kommen würde, habe ich mir eigentlich gar nicht zu erträumen gewagt. Deswegen könnte man sagen, dass die Berufung nach Japan die Erfüllung eines Wunsches ist, den ich eigentlich nie ernsthaft gehegt habe.
Tabibito: ​Dann brauche ich Sie wahrscheinlich nicht nach Ihrem ersten Gedanken fragen, der Ihnen durch den Kopf ging, als Sie gehört haben, dass es nach Japan geht.
Botschafter von Werthern: ​Ich war natürlich sehr, sehr froh, denn ich hatte damit eigentlich nicht gerechnet. Ich wusste, dass Japan einer der offenen Posten war, denn die Botschafterstelle war schon seit vier Monaten vakant. Aber es standen auch noch einige andere Posten zur Auswahl, wo ich natürlich auch gerne hingegangen wäre. Japan stand jedoch ganz oben auf meiner Liste.
Tabibito: ​ Haben Ihnen Ihre Erfahrungen in China eigentlich in Japan helfen können?
Botschafter von Werthern: ​ Ja, sehr. Ich habe in Peking beziehungsweise von Peking aus auch auf die Region im weiteren Sinne geschaut, inklusive der Beziehungen Chinas mit seinen Nachbarn, mit Japan und Korea, die Territorialkonflikte im Südchinesischen und im Ostchinesischen Meer. Ich finde, dass mir das geholfen hat, weil ich sozusagen auch die andere Seite gut kenne. Das hilft natürlich beim Verständnis des Konfliktes als solchem, aber auch beim Verständnis dafür, wie Japan auf manche Dinge reagiert.
Tabibito: ​Dazu aus aktuellem Anlass: Vor zwei Stunden ist in fünfhundert Metern Entfernung von der Botschaft eine anti-chinesische Demonstration vorbeigezogen. Haben Sie das in China eigentlich auch einmal erlebt?
Botschafter von Werthern: ​ Ja, es gab anti-japanische Demonstrationen, es gab auch anti-europäische, z.B. anti-französische Demonstrationen. So hat es 2008, als das olympische Feuer durch die Welt getragen wurde, einen sehr unschönen Vorfall in Paris gegeben. Da ist die chinesische Fackelträgerin – eine Rollstuhlfahrerin – angegriffen worden. Danach hat es wilde Proteste in China gegeben, zum Beispiel auch einen Boykott von Carrefour. Es hat auch anti-japanische Demonstrationen gegeben; zum Teil sicher auch staatlich gelenkt. Weder in China noch hier in Japan gefallen mir diese Dinge. Ich verstehe zwar nicht, was sie sagen, aber diese von der Intonation her hasserfüllten Brüllereien sind nicht nur unjapanisch, sondern auch unschön.
Tabibito: ​ Das war ja zum Glück nur ein sehr kleines Häufchen. Aber nun zu etwas anderem. Sie haben ja die Stelle an der Botschaft in Tokyo im Frühjahr 2014 angetreten. Keine drei Monate später waren Sie bereits in Fukushima vor Ort. Es ist schon eine Weile her, aber was war Ihr persönlicher Eindruck von der Lage vor Ort?
Botschafter von Werthern: ​Das war schon ein spannender Besuch in jeglicher Hinsicht. Ich war zum ersten Mal überhaupt im Leben im Inneren eines Atomkraftwerks, noch dazu im Inneren eines havarierten Atomkraftwerks. Uns wurde alles gezeigt, was wir sehen wollten – und wo man hin konnte, natürlich – einige Stellen sind natürlich immer noch viel zu gefährlich wegen der hohen Strahlung. Ich hatte das Gefühl, dass die Betreiber des Kraftwerks das Menschenmögliche tun, um dort die Schäden zu beseitigen. Nach eigener Aussage wird das aber mindestens vierzig Jahre dauern. Das hängt natürlich damit zusammen, dass die Probleme unglaublich groß sind. Also auch jetzt, zwei Jahre nach meinem Besuch, haben sie den Durchfluss des Grundwassers immer noch nicht im Griff. Und auch die Dekontaminierung des Grundwassers, sowie die Dekontaminierung der Erde außenrum, ist sehr, sehr schwierig und langwierig. Nachdem ich das gesehen habe, verstehe ich noch besser den Beschluss der deutschen Bundesregierung – kurz nach Fukushima ist der ja gefallen – den Zeitplan für den Ausstieg aus der Kernkraft vorzuziehen. Das hat die Bundeskanzlerin ja auch hier öffentlich gesagt im letzten Jahr. Sie hat sich gedacht: Wenn noch nicht einmal ein so hochtechnologisiertes und so hervorragend organisiertes Land wie Japan offensichtlich mit den Risiken der Atomkraft umgehen kann, wer soll das dann eigentlich können?
Tabibito: ​Warum denken Sie, dass Japan nicht damit umgehen kann? Ist es die Natur, ist es menschliches Versagen, ist es politisches Versagen?
Botschafter von Werthern: ​Es ist wie immer ein Zusammenspiel mehrerer Dinge. Ich habe dort auch gelernt, dass das Ausmaß der Katastrophe sehr viel geringer gewesen wäre, wenn man sich an die Auflagen der Aufsichtsbehörde gehalten hätte. Denn die Aufsichtsbehörde hat ja bestimmt, dass die Notfallgeneratoren nicht mehr vor dem Kernkraftwerk, sozusagen am Strand, stehen dürfen, sondern hinter das Kernkraftwerk, höher ins Gelände, verlegt werden müssen. Das haben sie auch getan. Aber die Schaltzentrale ist unten am Strand geblieben, und nachdem sie überflutet war, fiel das ganze Notstromkonzept dort aus. Es ist aber vielleicht wirklich so, dass wir mit den Risiken der Atomkraft gerade in einem Land, das immer wieder von Naturkatastrophen heimgesucht wird, letztendlich nicht jedes Risiko ausschließen können. Und das zeigt Fukushima. Von der auch hier völlig ungelösten Frage der Endlagerung mal ganz abgesehen.
Tabibito: ​Sie haben neulich den Deutsch-Japanischen Kooperationsrat zur Energiewende, kurz GJETC¹, mit ins Leben gerufen. Was wird da im Hinblick auf die Atomkraft geschehen?
Botschafter von Werthern: ​ Dieses Gremium wird sich hauptsächlich mit erneuerbaren Energien beschäftigen. Es geht nicht um Atomkraft, sondern um die Förderung der Erneuerbaren, also Windkraft, Sonnenkraft, Wasserkraft und so weiter. Da haben Deutschland und Japan ohnehin eine enge Zusammenarbeit vereinbart. Anfang des Jahres, als sich die Umweltminister hier getroffen haben, wurde ein Memorandum of Understanding unterschrieben. Dieser Energierat versammelt jetzt Experten und Leute, die ganz praktisch mit erneuerbaren Energiequellen zu tun haben, um Erfahrungen auszutauschen, voneinander zu lernen und in beiden Ländern möglichst die erneuerbaren Energien voranzutreiben.

¹ Siehe Webseite des GJETC und Nachrichten zum Start

Tabibito: ​ Sie haben im Jahr 2015 an der Akita International University eine Rede zum Thema „Deutsch-französische Versöhnung und was man daraus lernen kann“ gehalten. Was kann Japan davon lernen? Ist da irgendwas übertragbar?
Botschafter von Werthern: ​Eins-zu-eins ist sicher nichts übertragbar. Die Situation sowohl unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg als auch in der Zwischenzeit bis heute ist in Ostasien und in Europa doch sehr unterschiedlich. Die Essenz dessen, was ich damals und bei anderen Gelegenheiten gesagt habe, ist aber dies: Die deutsch-französische Erfahrung, dass zwei Länder, die über Jahrhunderte hinweg Erzfeinde waren und viele Kriege gegeneinander geführt haben, jetzt so eng zusammenarbeiten, wie zwei souveräne Länder nur zusammenarbeiten können; dass auch die Zivilgesellschaften eng miteinander verflochten und verbunden sind – diese Erfahrung macht auch für andere Länder oder andere Regionen in der Welt Hoffnung. Wir sagen nicht, dass wir in Europa oder gar die Deutschen es richtig gemacht haben und die anderen falsch – das wäre nicht nur überheblich, sondern auch nicht richtig. Aber gerade letztes Jahr, siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, haben wir oft darüber gesprochen, welche Erfahrungen wir gemacht haben. Wir bieten diese Erfahrungen an, aber Japan und die Japaner müssen daraus ihre eigenen Schlüsse ziehen, wenn sie das überhaupt wollen.
Tabibito: ​Angela Merkel hat rund einen Monat später beim Forum in der Asahi Pressezentrale genau das gleiche Thema angesprochen. Warum gilt das als so wichtig?
Botschafter von Werthern: ​ Zu besonderen Jahrestagen stellt man sich die Frage: „Was können wir lernen, was haben wir mitgenommen?“ So, wie wir uns 2014 die Frage gestellt haben „Befindet sich die Welt möglicherweise in einer Situation, die mit 1914 vergleichbar ist, als der Erste Weltkrieg ausgelöst wurde?“, so hat man sich 2015 eben die Frage gestellt: „Was ist eigentlich 1945 gewesen und warum ist es hier so und dort anders gewesen und welche Schlüsse können wir daraus ziehen?“ Im Wesentlichen lag das an diesem Jubiläum. Und nicht zuletzt hat Premierminister Abe zu dem gleichen Jubiläum im August eine viel beachtete Erklärung abgegeben. Auch in Europa ist natürlich in allen Hauptstädten des Endes des Zweiten Weltkrieges gedacht worden.
Tabibito: ​Was müsste Ihrer Meinung nach eigentlich passieren, damit, die Beziehung zwischen Japan und China sich ähnlich entwickelt wie die zwischen Deutschland und Frankreich oder Deutschland und Polen? Ist das überhaupt möglich in der jetzigen Konstellation?
Botschafter von Werthern: ​Wir hatten in Europa eine wahrscheinlich historisch einmalige Chance. Und insofern hatten wir Deutsche 1945 und in den Jahren danach auch ein unglaubliches Glück, dass wir direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Nachbarn wie Frankreich hatten, die die Hand zur Versöhnung ausgestreckt haben. Schon knapp zwanzig Jahre später, bei der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags 1963, war das Verhältnis zu Frankreich schon schwieriger. Und der Élysée-Vertrag wäre auch beinahe nicht zustande gekommen. Es war wirklich eine historische Chance, die weder für Deutschland heute wiederholbar wäre, noch ist sie für Japan und China wiederholbar. In Europa ist es uns vielleicht besonders gut gelungen, und das ist immer noch weit davon entfernt, vollständig gelungen zu sein, dass wir Deutsche gelernt haben, uns als Täter im Zweiten Weltkrieg zu verstehen – dass wir gelernt haben, in Europa uns selber und die Konflikte mit unseren Nachbarn in der Vergangenheit auch durch die Augen der anderen zu sehen. Jemand hat mal gesagt: „Die Erinnerung an die eigene Vergangenheit ist immer dann unvollständig, wenn sie nicht auch die Erinnerung der Opfer mit umfasst.“ Ich glaube, das haben wir in Deutschland in einem langen, sehr, sehr schmerzhaften und umstrittenen Prozess inzwischen einigermaßen hinbekommen. Und das ist eine Regel, die überall anwendbar sein sollte: Wir müssen versuchen, auch durch die Augen des Anderen sehen zu lernen. Dadurch wären, glaube ich, Fortschritte möglich.
Tabibito: ​Japan und Korea zum Beispiel scheinen ja da noch immer gerade mal auf halbem Wege zu sein. Im August wurde der Oberbürgermeister von Freiburg im Breisgau gefragt, ob er in einem Park der Stadt eine Trostfrauen-Statue aufstellen könne. Und er sagte erst mal ja, hat das aber wieder später zurückgezogen. Was wäre eine diplomatische Antwort auf diese Problematik mit der Trostfrauen-Statue?
Botschafter von Werthern: ​ Die Antwort hat der Oberbürgermeister von Freiburg ja selber gefunden. Er hat gesagt, dass ihm die internationale Implikation nicht klar war, als er dieses Angebot bekommen und ihm zugestimmt hat. Es war ihm nicht klar, welche Gefühle er damit in Japan verletzen würde. Und deswegen hat er diese Entscheidung dann auch zurückgenommen. Das passt schon auch ein bisschen auf die Antwort auf die letzte Frage. In diesem Fall hat man nur auf Korea geschaut und nicht auf Japan. Wenn man beide Winkel in den Blick nimmt, dann findet man auch bessere Antworten. Im Übrigen haben sich Japan und Korea ja in der sogenannten Trostfrauen-Frage doch sehr aufeinander zubewegt. Die Vereinbarung vom 28. Dezember letzten Jahres, die jetzt auch zu großen Teilen umgesetzt worden ist, ist doch nicht nur objektiv eine erfreuliche Entwicklung, sondern wird so auch in Japan und Korea von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung als positiv angesehen.

​Wie das entstanden ist, weiß ich nicht, aber natürlich haben sich viele schon lange die Frage gestellt, warum es eigentlich zwei Demokratien und zwei Marktwirtschaften wie Japan und Korea nicht schon viel früher geschafft haben, im Angesicht eines immer übermächtiger werdenden China näher zueinanderzufinden.

Tabibito: ​Man könnte fast meinen, dass diese doch recht plötzliche und späte Einigung quasi unter dem Druck Chinas entstanden ist. Würden Sie dem zustimmen?
Botschafter von Werthern: ​Wie das entstanden ist, weiß ich nicht, aber natürlich haben sich viele schon lange die Frage gestellt, warum es eigentlich zwei Demokratien und zwei Marktwirtschaften wie Japan und Korea nicht schon viel früher geschafft haben, im Angesicht eines immer übermächtiger werdenden China näher zueinanderzufinden. Aber ob das – ich würde es nicht unbedingt Druck, sondern vielleicht einfach nur Vernunft nennen – eine Rolle gespielt hat, kann ich letztlich nicht beurteilen.

Die Diskussion in Japan heute erinnert mich sehr stark an die Diskussion in Deutschland nach der Wiedervereinigung Anfang der 90er-Jahre, als wir ja auch von der internationalen Staatengemeinschaft aufgefordert wurden, uns stärker an friedenserhaltenden Maßnahmen zu beteiligen.

Tabibito: ​ Die jetzige japanische Regierung versucht momentan, die Verfassung zu ändern. Und zwar geht es vor allem um die Änderung, wenn nicht gar Abschaffung, des sogenannten Pazifismus-Paragrafen 9. Dazu entstand vor zwei Jahren eine interessante Initiative, angestoßen von einer Hausfrau aus Kawasaki. Diese versuchte, genau diesen Paragrafen als Friedensnobelpreis-Kandidaten vorzuschlagen. Was halten Sie eigentlich von der Idee an sich, die Verfassung zu ändern?
Botschafter von Werthern: ​ Nach unserem Staats- und Verfassungsverständnis sind Verfassungsänderungen etwas völlig Normales. Auch das deutsche Grundgesetz ist unzählige Male verändert worden. Allerdings haben wir da den Kernbestand der ersten 19 Artikel, in denen unter anderem grundlegende Menschenrechte festgelegt sind, die nicht verändert werden dürfen. Nach unserem Verständnis ist eigentlich eine Verfassung, die seit fast siebzig Jahren unverändert ist, etwas unnormal. Wenn ich es richtig verstanden habe, will die Regierung auch nicht den Kernbestand des Artikels 9 verändern, also das Verständnis, dass Japan eine friedliche Nation ist und keinen Angriffskrieg mehr führen will, genauso, wie sich Deutschland das ja festgeschrieben hat, sondern Japan möchte in der Lage sein, sich auch mit militärischen Mitteln an internationalen Friedensmissionen zu beteiligen. Das begrüßen wir sehr. Die Diskussion in Japan heute erinnert mich sehr stark an die Diskussion in Deutschland nach der Wiedervereinigung Anfang der 90er-Jahre, als wir ja auch von der internationalen Staatengemeinschaft aufgefordert wurden, uns stärker an friedenserhaltenden Maßnahmen zu beteiligen. Damals dachten in Deutschland auch viele, dass das eine Rückkehr zum alten Militarismus bedeutet. Man muss derlei Veränderungen in der eigenen Bevölkerung sehr sorgfältig diskutieren, und man muss es eben auch dem Nachbarn verständlich machen.
Tabibito: ​Ich denke, da ist noch viel nachzuholen. Denn ein Grundtenor der Rhetorik ist zurzeit, dass sich Japan angeblich im Falle eines Angriffs nicht verteidigen dürfte. Der Eindruck scheint in vielen Schichten der Bevölkerung entstanden zu sein, die das nun befürworten.
Botschafter von Werthern: ​Dass sich Japan selber verteidigt, ist schon immer möglich gewesen durch die Interpretation des Artikels 9 und die Aufstellung der Selbstverteidigungskräfte.

Aber irgendwann werden die Zinsen wieder steigen, und dann wird der japanische Staat ein echtes Problem haben.

Tabibito: ​Sie haben ja vor einiger Zeit auch Volkswirtschaft studiert.
Botschafter von Werthern: ​ Vor sehr langer Zeit, ja.
Tabibito: ​Was sagt der Volkswirt in Ihnen in Anbetracht der japanischen Schuldensituation?
Botschafter von Werthern: ​Die Schulden sind, wenn man die reinen Zahlen anschaut, schon atemberaubend: Fast 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Andererseits gibt es das Argument, dass die japanischen Staatsschulden fast zu 100 Prozent von Japanern selbst gehalten werden – es gibt also keine Auslandsverschuldung, sodass die Gefahr eines Zusammenbruchs dadurch, dass sich zum Beispiel Ausländer von japanischen Staatspapieren trennen, und dass es dadurch riesige Wechselkursverwerfungen und mehr gibt, nicht besteht. Trotzdem muss natürlich auch eine Verschuldung, die im Inland gehalten wird, bedient werden. Das geht verhältnismäßig leicht, wenn die Zinsen niedrig sind. Aber irgendwann werden die Zinsen wieder steigen, und dann wird der japanische Staat ein echtes Problem haben. Dies umso mehr, da ja noch enorme demografische Probleme hinzukommen – größere, als wir sie in Deutschland kennen. Denn die Japaner bekommen genauso wenige Kinder wie wir, aber sie werden noch viel älter, und das wird eine weitere Belastung des Staatshaushaltes mit sich führen. Und da ist der Rat der Experten teuer.
Tabibito: ​Die Deutsche Botschaft kümmert sich wie, ja, wie jede Botschaft in jedem Land, zu einem gewissen Grade um die deutschen Staatsbürger in Japan. Über wie viele Deutsche sprechen wir da?
Botschafter von Werthern: ​ Wir wissen es nicht genau. Wir schätzen etwa 6.000. Wir ermutigen alle Deutschen, sich bei der Botschaft online zu registrieren. Das geht auch ganz leicht über die gemeinsame Website von Botschaft und Generalskonsulat (www.japan.diplo.de). Denn wir möchten gerne die Deutschen erreichen im Falle einer Katastrophe. Ich halte das auch deswegen für wichtig, weil der deutsche Anteil an den Ausländern in Japan verschwindend gering ist. Also wenn die Japaner, sagen wir mal im Fall einer großen Katastrophe, an Ausländer denken, denken sie zunächst an Chinesen, Koreaner und so weiter. Das heißt, uns als Botschaft wird in einem solchen Fall eine große Verantwortung zukommen. Und dafür wäre es gut, wenn wir wüssten, wie wir unsere Landsleute erreichen können. Es registrieren sich aber nicht alle, und man ist dazu auch nicht verpflichtet.
Tabibito: ​ Es gibt ja seit geraumer Zeit den „Fonds für hilfsbedürftige Deutsche“ in Japan, einst als Dittman-Fond bekannt. Was macht der Fond? Was geschieht da eigentlich?
Botschafter von Werthern: ​Der BDF genannte Fond kümmert sich um Deutsche, die hier in Japan in Not geraten. Auf den ersten Blick kommt einem das etwas merkwürdig vor, es gibt aber doch immer wieder Fälle. Zum Beispiel deutsche Frauen, die mit japanischen Männern verheiratet waren, inzwischen geschieden oder verwitwet sind, und die Mühe haben, die Ausbildungskosten für ihre Kinder zu bezahlen. Es gibt natürlich auch ein paar, glücklicherweise nicht sehr viele, deutsche Familien, die mit Krankheit oder sonstigen Dingen zu kämpfen haben, wo einfach die Finanzierung und manchmal auch die Basis dafür fehlt, um sich hier im Sozialsystem oder überhaupt in der japanischen Gesellschaft zurechtzufinden. Da hat der BDF eine wirklich sehr wichtige Aufgabe, die natürlich auch unsere Arbeit in der Botschaft sehr erleichtert, indem er Geld sammelt und es diesen Familien zur Verfügung stellt, sowie ihnen auch mit Rat und Tat zur Seite steht.
Tabibito: ​ Wie viele Leute, schätzen Sie, werden so unterstützt?
Botschafter von Werthern: ​Das weiß ich gar nicht, denn ich bin nicht Mitglied des BDF, und das unterliegt natürlich auch der Schweigepflicht. Um zum Beispiel einem Kind die Schulausbildung oder auch ein Studium zu bezahlen, ist in Japan eine Menge Geld notwendig. Deswegen macht der BDF auch jedes Jahr im Residenzgarten sein Sommerfest, zu dem man zugegebenermaßen ziemlich teure Tickets kaufen kann. Das Geld geht eben alles in die Arbeit des BDF und – wenn ich ein bisschen Reklame dazu machen darf – ist auch eine schöne Gelegenheit, bei normalerweise gutem Wetter, deutsches Essen und Getränke im Residenzgarten zu genießen und an einer Tombola teilzunehmen, wo es auch schicke Preise gibt.
Tabibito: ​Um einmal zur Botschaftssituation von vor vier Jahren zu kommen. Sie haben ja gesagt, dass sich die Botschaft zum Beispiel im Falle einer neuen Katastrophe um die Mitbürger im Land kümmert, nur haben das viele Deutsche, ob das nun gerechtfertigt ist oder nicht, sich vor fünf Jahren, ja, im Stich gelassen gefühlt, weil die Botschaft relativ schnell im Vergleich zu anderen Botschaften nach Ōsaka umgezogen ist und auch viele Leute keine Benachrichtigung erhalten haben. Wenn jetzt wieder ein schweres Erdbeben geschieht, und wenn dann vielleicht auch noch das AKW in Niigata wieder in Betrieb gegangen ist und havariert – würde irgendwas anders laufen? Es gab ja zum Beispiel Town-Hall-Meetings mit Ihrem Vorgänger. Gab es irgendwelche Konsequenzen oder Schlüsse, dass irgendetwas anders gemacht werden wird?

Natürlich ist ein solcher Vorfall wie 2011 nicht im Voraus planbar. Es bricht immer – das ist völlig unvermeidlich – erst mal das große Chaos aus.

Botschafter von Werthern: ​Wir haben versucht, so viel wie möglich aus der damaligen Situation zu lernen. Ich habe ja, als ich hier ankam, auch noch ein Town-Hall-Meeting gehalten, und habe zum Beispiel die Deutschen aufgefordert, sich bei uns zu registrieren, habe versucht, auf die vielfältigen Fragen einzugehen. Wir halten auch in der Botschaft seitdem jedes Jahr eine große Krisenübung ab, in der wir – auch weil unsere Belegschaft ja ständig wechselt – versuchen, uns ganz praktisch auf eine solche Situation einzustellen. Also das wird sozusagen unter echten Bedingungen gespielt. Wir haben ja einen Verteidigungsattaché hier. Die Soldaten wissen, wie man solche Übungen macht und wie man da auch Szenarien einspielt, die realistisch sind. Da kommt so mancher, einschließlich meiner Person, schon ins Schwitzen. Aber es ist gut, dass wir uns darauf einstellen. Wir wollen in Zukunft diese Übungen auch ausweiten, indem wir zum Beispiel die deutsche Schule in Yokohama oder das Goethe-Institut, die Handelskammer und so weiter, deren Rolle wir bisher nur gespielt haben, auch einbeziehen, sodass ich glaube, dass wir verhältnismäßig gut vorbereitet sind. Natürlich ist ein solcher Vorfall wie 2011 nicht im Voraus planbar. Es bricht immer – das ist völlig unvermeidlich – erst mal das große Chaos aus. Aber je besser man sich darauf eingestellt hat, desto schneller kriegt man das Chaos dann auch in den Griff. Zu Ihrer Bemerkung über die Verlagerung der Botschaft nach Ōsaka-Kōbe – da war ich ja noch nicht hier, aber wenn ich es recht verstehe, stand man damals vor der Frage „Was passiert, wenn die radioaktive Wolke nach Tokio kommt? Ist es dann nicht besser, wir operieren von einem Gebiet aus, in dem wir einigermaßen sicher sind, als dass die Botschaft, wenn sie hier geblieben wäre, vielleicht völlig außer Funktion gesetzt wäre?“ Es hätten dann alle im Keller gesessen und gar nichts mehr tun können. Damals ist die Entscheidung gefallen, dass es vernünftiger ist, zu verlagern. Aber natürlich ist das auch immer eine Frage der Kommunikation. Andere haben es anders entscheiden. Im Nachhinein sind wir natürlich auch klüger. Aber im Nachhinein sieht immer alles leichter aus, als wenn man in der Situation steht.
Tabibito: ​Dann wollen wir hoffen, dass es so schnell nicht wieder zu der Situation kommt.
Botschafter von Werthern: Dazu kann ich nur Amen sagen.
Tabibito: ​ Dann möchte ich mich herzlich bei Ihnen für das Interview bedanken.
Teilen:  

Was passiert wenn… Trump gewinnt?

November 8th, 2016 | Tagged , | 5 Kommentare | 1800 mal gelesen

Wie wahrscheinlich in den meisten anderen Ländern auch ist man sich in Japan ziemlich einig in der Meinung über Ronald Trump. Bei der Umfrage von Yahoo! Japan, wen man am geeignetsten für den Posten des amerikanischen Präsidenten hält, lag Clinton mit 78,9% uneinholbar weit vorn¹. Beachtlich: Bisher haben fast eine Viertel Millionen Leser bei der Umfrage mitgemacht. Man verfolgt das Geschehen in den USA also auch in Japan, und — man hat regelrecht Angst davor, was kommen könnte, wenn Trump gewinnt. Einen sonderlich japanfreundlichen Eindruck hat der Kandidat nämlich soweit nicht gemacht, und das wird sich sicherlich auch nicht ändern. Eine Aussage lautete zum Beispiel

If somebody attacks Japan, we have to immediately go and start World War III, okay? If we get attacked, Japan doesn’t have to help us. Somehow, that doesn’t sound so fair.

(das Schöne an Trumps Reden ist, dass man sie nicht übersetzen muss – da reichen selbst rudimentäre Englischkenntnisse)
Das Zitat ist umso besorgniserregender, wenn man bedenkt, dass Trump eine besondere Vorliebe für Diktaturen hat. Wem wird er also eher vor den Kopf stossen – den Chinesen? Oder den Japanern? Was allerdings noch bei dem Zitat auffällt, ist seine Fähigkeit, ob nun gewollt oder ungewollt, den Zusammenhang zu ignorieren. Richtig – das Sicherheitsabkommen mit Japan ist in der Tat einseitig. Allerdings lassen sich die Amerikaner die Stationierung ihrer Soldaten in Japan auch ziemlich gut bezahlen. Ein anderes Zitat gibt ebenfalls Anlass zur Sorge:

I’m not angry at China and I’m not angry at Japan. They send us hundreds of thousands — millions of cars. We give them nothing. You look at a trade imbalance: we send them beef, and they don’t even want to take the beef. We send them wheat and they send us cars. The numbers are staggering.

Bereits vorher hatte Trump gedroht, dass man 38% Importzoll auf japanische Autos erlassen werde, wenn Japaner 38% Importzoll für amerikanisches Rindfleisch verlangen. Bekanntermassen ist Trump auch kein Freund des geplanten Transpazifischen Freihandelsabkommens, womit er allerdings ziemlich vielen Japanern einen Gefallen tun würde, denn das Abkommen hat auch in Japan viele Feinde.

Dementsprechend wurde heute die Nachricht, dass das FBI die Ermittlungen gegen Hillary Clinton wegen ihres unprofessionellen Umgangs mit dienstlichen Emails nicht wieder aufnehmen wird, positiv aufgenommen: Der Nikkei schoss in die Höhe, und auch der Dollar legte wieder etwas zu. Insgeheim hofft, nein, bangt Japan, dass der Trump-Spuk am 8. November vorbei ist.

Und nun zur allgemeinen Unterhaltung noch ein putziges Trump-Video aus Japan:

trump-video

¹ Siehe hier.

Teilen:  

Schachspiel im Fernen Osten: Man formiert sich

August 12th, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 641 mal gelesen

Japanische Selbstverteidigungskräfte. Quelle: Wikimedia Commons/ 治部少輔

Japanische Selbstverteidigungskräfte. Quelle: Wikimedia Commons/ 治部少輔

In den frühen Morgenstunden des 11. August kam es unweit der Senkaku-Inseln zu einem Zusammenstoss zwischen einem chinesischen Fischkutter und einem griechischen Frachter: Das Fischerboot sank, und der Frachter rief die japanische Küstenwache zur Hilfe: Die fischte soweit 6 von insgesamt 14 Besatzungsmitgliedern lebend aus dem Wasser, woraufhin die Regierung in Peking ein paar Stunden später ihre Dankbarkeit ausdrückte¹.

Harmonie im Fernen Osten? Mitnichten. Am 2. August erschien das alljährlich veröffentlichte japanische Weissbuch der Verteidigung 2016², und der ist dieses Jahr mit 484 Seiten 60 Seiten dicker als im vergangenen Jahr. Kein Wunder: Nordkorea schiesst noch immer mit Raketen um sich, und die Volksrepublik China macht keinerlei Anzeichen, ihren aggressiven Kurs gegenüber den Nachbarn zu ändern. Von April 2015 bis März 2016 schickte Japan insgesamt 570 mal Kampfflugzeuge in den Himmel, um Luftraumverletzungen durch chinesische Flugzeuge abzuwehren³. Und im Moment schwirrt eine riesige Flotte von 230 Fischerbooten und dutzenden chinesischen Patroullienbooten rund um die eingangs erwähnten, von Japan verwalteten Senkaku-Inseln.

Diese Nachrichten helfen der jetzigen Regierung unter Ministerpräsident Abe – denn die will Japan durch eine Änderung der Verfassung wehrhafter machen (ein fadenscheiniges Argument, denn natürlich kann sich Japan auch jetzt, ohne Verfassungsänderung, wehren). Doch man macht sich ernsthaft Sorgen und beginnt, für den Fall der Fälle vorzubereiten: Durch militärische Bündnisse mit Australien, Vietnam und den Philippinen zum Beispiel, oder mit dem Versuch, ein altes Kriegsbeil zwischen Südkorea und Japan (Trostfrauenproblem) zu begraben. Am wichtigsten bleibt jedoch das Bündnis mit der Schutzmacht USA – doch auch hier ist man besorgt; hat doch der republikanische Traumkandidat Trump bereits angedeutet, dass Japan entweder wesentlich mehr zahlen oder sich gefälligst langsam selbst schützen solle (“Of course they should pick up all the expense. Why are we paying for this?”) – eine Forderung, die der japanischen Bevölkerung nur schwer vermittelbar sein dürfte.

¹ Siehe unter anderem Japan Times (Englisch)
² Siehe unter anderem The Diplomat (Englisch)
³ Siehe unter anderem Al Jazeera (Englisch)

Teilen:  

Befürchtungen werden wahr: Pro-Verfassungsreform-Parteien gewinnen ⅔-Mehrheit im Oberhaus

Juli 10th, 2016 | Tagged , , | 5 Kommentare | 967 mal gelesen

Durften heute zum ersten Mal wählen: 18-20-Jährige

Durften heute zum ersten Mal wählen: 18-20-Jährige

Wie in diesem Beitrag erwähnt, ging es bei den heutigen Oberhauswahlen nicht darum, wer die Wahl gewinnt, denn das stand quasi mangels starker Opposition schon lange vorher fest, sondern darum, ob die Regierungsparteien bzw. deren nahestehenden Parteien nach dem Unterhaus nun auch im Oberhaus die ⅔-Mehrheit erreichen oder nicht. Denn – mit einer 2/3-Mehrheit in beiden Häusern kann die Regierungspartei die Verfassung ändern, wie sie will – und Pläne dazu gibt es bereits. Nur eine APO könnte dann noch die Regierungspläne stoppen.

Um eine ⅔-Mehrheit zu gewinnen, brauchte das Lager 67 Sitze bei dieser Wahl, denn 95 Sitze hatten sie schon (bei der Oberhauswahl wird nur die Hälfte der Mandate vom Volk gewählt). Und genau diese 67 Mandate hat man just in diesem Moment laut Auszählungsergebnis erreicht. Wenn die Regierungsparteien jetzt die Verfassung ändern wollen, finden sie wesentlich leichter die erforderliche 2/3-Mehrheit als vorher.

Sehen die Japaner die Gefahren nicht, die auf sie zukommen können, wenn die Liberalen nach Belieben die Verfassung ändern können? Viele sehen die Gefahr, doch die Liberalen waren nicht dumm und liessen das Thema Verfassungsänderung aussen vor. Stattdessen konzentrierte man sich auf das Thema Wirtschaft, und das interessiert den Großteil der Wähler mehr als die drohende Abschaffung des pazifistischen Charakters der Verfassung. Das veranschaulichte Eriko Imai von der in Japan sehr bekannten Popband SPEED wunderbar. Sie zog heute tatsächlich für die Liberalen ins Oberhaus, und bei einem kurzen Interview antwortete sie auf die Frage, was sie von der Verfassungsänderung halte, dass sie sich erst nach der Wahl dazu äussern möchte. Scheinbar hat sich diese Wolf-im-Schafspelz-Taktik heute ausgezahlt.

Teilen:  

Banzai! 63,4% zahlen wirklich ihre Rente!

Juli 1st, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 579 mal gelesen

Besser gut aufheben: Das japanische Rentenbeitragsbuch

Besser gut aufheben: Das japanische Rentenbeitragsbuch

Eine sensationelle Nachricht drang heute aus dem Arbeits- und Wohlfahrtsministerium: Seit 4 Jahren steigt die Rate derer, die in die staatliche Rentenkasse einzahlen, an, und lag so im Jahr 2015 bei … Fanfaren bitte … 63,4%¹. Damit ist jedoch nicht der Anteil derer gemeint, die in die Rentenkasse an sich einzahlen, sondern der Anteil derer, der eigentlich einzahlen müsste — und letztendlich auch wirklich zahlt!

In dieser Hinsicht ist Japan schon sehr eigenartig. Es gibt für alles Regeln, und im Grossen und Ganzen hält man sich hier an die Gesetze, aber wenn es um Steuern und Beiträge geht, ist der Anteil derer, der nicht zahlt, enorm hoch. Im Falle der Rente ist ein Drittel eine gigantische Menge und ein massives Problem, denn die Nichtzahler müssen natürlich auch irgendwie im Alter versorgt werden — den zahlenden zwei Dritteln kann man jedoch nicht zumuten, deren Beiträge mitzuzahlen. Im rasch alternden Japan ist das besonders schwerwiegend. Solange man diese Beiträge nicht ernsthaft einfordert, helfen auch so schön klingende Projekte wie das umstrittene 年金積立金管理運用独立行政法人 nenkin tsumitatekin kanri un’yō dokuritsu gyōsei hōjin – kurz „GPIF“ (Government Pension Investment Fund)² nicht viel. Der GPIF ist übrigens der grösste Rentenfond der Welt und hantiert mit knapp einer Billion Euro.

Rente muss jeder, ob Japaner oder Ausländer, zahlen, der zwischen 20 und 60 Jahre alt ist. Fest Angestellten wird die Rente direkt vom Gehalt abgezogen – diese Rente wurde bis vor kurzem noch 厚生年金 kōsei nenkin („Wohlfahrtsrente“) genannt, und von ihr ging direkt die oben genannte 国民年金 Kokumin nenkin, wörtlich Volksrente, ab.

Diese Kategorie mit einbezogen gibt es in Japan rund 40 Millionen Menschen, die eigentlich auf den einen oder anderen Weg einzahlen müsste. Wenn die Statistik nun besagt, dass man von einem Drittel keine Beiträge einsammeln konnte, so beinhaltet das noch nicht mal die Menschen, deren Zahlungen aus Härte- oder anderen Gründen gestundet wurde. Nimmt man diese Gruppe mit in die Rechnung auf, so sind es lediglich 50% derer, die eigentlich einzahlen müssten, dieses aber nicht tun.

Das ist auch insofern erstaunlich, dass die Strafen eigentlich hart sind. Firmen bezahlen zum Beispiel bis zu 15% Strafzins, wenn sie mehr als zwei Monate mit der Weiterleitung der Beiträge im Verzug sind. Auch bei Privatpersonen werden saftige Zinsen draufgeschlagen. Nach ein paar Monaten wird dann auch sowohl Firmen als auch Privatpersonen mit Pfändung (差押え sashiosae) gedroht – doch die Statistik macht klar, dass das nicht funktioniert.

¹ Siehe unter anderem hier (Japanisch)
² Hier ist die offizielle Seite des GPIF (Englisch)

Teilen:  

Oberhauswahlen mit einem tiefgesteckten, aber wichtigen Ziel

Juni 28th, 2016 | Tagged | 2 Kommentare | 511 mal gelesen

Kore de ii no nihon?Am 10. Juli ist es mal wieder soweit. Turnusgemäss werden Japaner zur Wahlurne gerufen, um die wählbaren Oberhausmandate neu zu wählen. 121 Sitze, beziehungsweise genau 50% der Sitze, um genau zu sein. So nichts aussergewöhnliches geschieht, findet diese Wahl alle 3 Jahre statt. Für die regierenden Liberaldemokraten um Ministerpräsident Abe wird auch diese Wahl wieder ein Spaziergang, denn es gibt zwar mittlerweile eine ganze Reihe von Oppositionsparteien, doch keine von denen kann auf nennenswerte Ergebnisse hoffen – dieser Zustand hält bereits seit 5 Jahren an, und noch ist kein Ende in Sicht. Die davor regierenden Demokraten haben dies scheinbar auch eingesehen und deshalb ihre Ziele und ihre Botschaft an einem wichtigen Punkt festgemacht. Der Wahlkampfspruch lautet „Auf keinen Fall eine Zweidrittelmehrheit zulassen!“, und der wird mit der これでいいの日本? („Willst Du das wirklich, Japan?“)-Kampagne unters Volk gebracht.

Eine Zweidrittelmehrheit zu erreichen ist natürlich Abes Ziel bei dieser 24 Oberhauswahl, und das Ziel ist, leider, realistisch. 136 der 242 Sitze hält die Regierung bereits jetzt, also mehr als 50%. Und was passiert, wenn daraus mehr als 66% werden? Wie in vielen anderen Demokratien mit einer Verfassung reicht in Japan eine einfache Mehrheit im Parlament, um Gesetze zu erlassen, zu ändern oder abzuschaffen. Da es bei der Verfassung jedoch ans Eingemachte geht, benötigt man häufig, und aus gutem Grund, eine Zweidrittelmehrheit. Dem ist auch in Japan so, und diese Mehrheit braucht man in Japan in beiden Parlamenten – dem Ober- und dem Unterhaus. Denn das Oberhaus kann die Verfassung zwar nicht ändern, aber es hat Vetorecht und kann somit das Unterhaus daran hindern, die Verfassung zu ändern. Im Unterhaus halten die Regierungsparteien bereits eine Zweidrittelmehrheit – erreichen sie dies also auch im Oberhaus, besteht das Vetorecht nur noch auf dem Papier.

Was aber werden die Regierungsparteien mit ihren nahezu unbegrenzten Möglichkeiten machen? Drei Verfassungsänderungen stehen auf dem Plan – die Artikel 9, 11 und 13 sollen geändert werden, und jede Veränderung wird einen grossen, nochnicht vollständig ansehbaren Einfluss auf die japanische Außenpolitik (Artikel 9) und Gesellschaft (Artikel 11 und 13) haben. Das Rentensystem soll zum Beispiel umgekrempelt werden (GPIF) und das transpazifische Freihandelsabkommen (TTP) ratifiziert werden. Gegen beide Unterfangen gibt es erheblichen Widerstand beziehungsweise Unwollen, da viele Menschen das Gefühl haben, nicht genügend informiert zu werden.

Doch der Brexit, der auch in Japan mit grossem Interesse verfolgt wird, scheint der Regierungspartei genau recht zu kommen. Im Grossen und Ganzen wird die Abenomics genannte Wirtschaftspolitik mit Argwohn betrachtet, doch den zahlreichen Oppositionsparteien traut man offensichtlich keine kompetentere Wirtschaftspolitik zu. Und um auf Nummer sicher zu gehen, zaubern die Liberalen auch noch einen Joker aus dem Ärmel und streuen das Gerücht in den Medien, dass die Demokraten unter Naoto Kan nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima erlassen haben sollen, dass das Wort „Kernschmelze“ auf gar keinen Fall benutzt werden solle, obwohl man längst wusste, dass es eine gab. Die betroffenen Politiker bestreiten das vehement, doch 5 Jahre nach dem Geschehen und so kurz vor der Parlamentswahl sieht das ganze einfach nur nach einem Versuch aus, die Demokraten noch weiterzu diskreditieren.

Zweidrittelmehrheit hin oder her – man muss kein Hellseher sein, um vorherzusehen, dass die Wahlbeteiligung auch bei der kommenden Wahl wieder kläglich sein wird. Das merkz man schon am – für japanische Politikerverhältnisse gelungenem – Video der Kampagne oben: Das Video ist schon mindestens eine Woche verfügbar, hat aber gerade mal 6’000 Views. Das ist so gut wie gar nichts.

Teilen:  

Und der Preis für den hartnäckigsten Politiker geht an…

Juni 16th, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 661 mal gelesen

Masuzoe. Quelle: Chatham House/Wikipedia

Masuzoe. Quelle: Chatham House/Wikipedia

…Yōichi Masuzoe (舛添要一) – Ex-Arbeitsminister und seit gestern, dem 15. Juni 2016, auch Ex-Governeur von Tokyo. Der 67-jährige Jurist gab nach zehrenden Wochen nun – endlich, muss man sagen – auf. Es ging, gelinde gesagt, um Geiz und Völlerei. Masuzoe, seit Februar 2014 an der Macht in Tokyo, bestach seit geraumer Zeit durch üppige Spesenabrechnungen für teure Hotels, Kunstwerke, außerdienstliche Fahrten mit Chauffeur und vielem mehr. Das kam vor ein paar Wochen ans Licht und war für die Presse ein gefundenes Fressen. Zumal das ganze ja auch durchaus Tradition hat. Der vorherige Governeur, 猪瀬直樹 Naoki Inose, hielt sich genau ein Jahr im Amt, bevor auch er wegen Korruptions- und Veruntreuungsvorwürfen den Sessel räumen musste.

Masuzoes Verhalten hat mich persönlich etwas schockiert, denn bisher hielt ich ihn für einen raren Vertreter eines integren und seriösen Politikers. Den Eindruck versuchte er auch mit all seinen Kräften in den Pressekonferenzen aufrecht zu erhalten, doch das lief in den letzten Wochen ins Lächerliche: Masuzoe ersteigerte zum Beispiel diverse Kunstwerke und andere Sachen bei Internetauktionen und kaufte auch sonst gut ein – mit Steuergeldern. Dazu gehörten auch zwei Kleidungsstücke aus Seide, die er für umgerechnet 3’000 Euro in China erwarb. Die Erklärung dafür in der Pressekonferenz war etwas ganz Besonderes: Er betreibe fast täglich Kalligraphie, und er mache auch viel Judo. Wegen des Judo habe er ganz viele Muskeln, und gewöhnliche Kleidung bleibe beim Schönschreiben an den vielen Muskeln hängen. Nur chinesische Seide gleite so schön, dass sie beim Schreiben nicht stört. Ein Journalist wollte es daraufhin wissen und sagte: Warum schreiben Sie dann nicht mit ärmelloser Kleidung? Dazu kam prompt die Gegenfrage: „Und was, wenn es etwas kälter wird?“

Die Pressekonferenzen wurden allmählich beinahe legendär, und ob der Abgebrühtheit des Governeurs fielen auch bald fragen wie: „Herr Masuzoe, was muss eigentlich noch passieren, damit sie zurücktreten?“ oder „Woher nehmen sie eigentlich die Nerven?“. Quittiert wurde das jeweils mit einem vielsagenden Lächeln.

Letztendlich beauftragte Masuzoe zwei neutrale Anwälte (seiner Wahl!), die durchleuchten sollten, ob er illegal politische Spenden- (sprich Steuergelder) für persönliche Zwecke missbraucht habe. Das Ergebnis: Hat er nicht, aber der Gebrauch von rund 4,4 Millionen Yen (rund 32’000 Euro) sei zumindest moralisch etwas anrüchig gewesen. Vielen Politikern in der Stadtversammlung reichte das nicht, und so drohten sie mit einem Mißtrauensvotum, das er aller Wahrscheinlichkeit nach verloren hätte. Doch dem kam er jetzt zuvor.

Hungern wird der Ex-Governeur vorerst voraussichtlich nicht, denn zum Baschied bekommt er 22 Millionen aus der Stadtkasse. Ob die wegen unehrenhafter Entlassung gekürzt werden oder nicht kann dabei nur einer entscheiden: Masuzoe selbst, da er vorläufig die Amtsgeschäfte beibehält. Und Masuzoe sieht nach wie vor nicht ein, dass er etwas grundlegend falsches gemacht hat.

Der Rücktritt kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Der Posten wird jeweils für 4 Jahre vergeben. Das bedeutet – vorausgesetzt das sich der nächste Kandidat 4 Jahre lang halten kann – das genau während der Olympischen Spiele in Tokyo 2020 ein neuer Governeur gewählt werden muss.

In Verbindung mit dem Skandal fiel übrigens ein Wort besonders häufig: せこい (sekoi). Das hat furchtbar viele Bedeutungen – unter anderem „knauserig“ (im Englischen würde ich sekoi am ehesten mit „tacky“ übersetzen).

Teilen:  

Beginn der Liberalisierung des japanischen Strommarktes

April 5th, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 588 mal gelesen

Alles neu macht der… April. Am 1. April beginnt das neue Schuljahr, am 1. April beginnen die „Neuen“ in den Firmen zu arbeiten, am 1. April beginnt für viele Firmen das Fiskaljahr. Dementsprechend treten am 1. April auch oftmals neue Gesetze in Kraft. Eine der größten Änderungen am 1. April des Jahres 2016 dürfte die schon seit langem angekündigte Liberalisierung des Strommarktes sein. Bisher nämlich gab es pro Region nur einen einzigen Versorger (ganz Japan wurde so unter exakt 10 Stromlieferanten aufgeteilt); im Falle Tokyos und Umgebung war dies die berühmt-berüchtigte Firma TEPCO. Ob man wollte oder nicht – man kam nicht um Tepco herum. Das ist nun also seit dem 1. April anders, und es ist amüsant zu sehen, wer da alles plötzlich auf den Markt drängt. Am lautesten sind unter anderem die großen Mobilfunkanbieter, aber auch Tokyo Gas zum Beispiel. Man lockt mit allerlei Tarifen und Ideen: Ein Betreiber zum Beispiel verspricht Preisnachlässe, je mehr der Stromabnehmer am Tag läuft. Dazu bekommt man einen Schrittzähler aufgebrummt, der die Schritte (und den damit verbundenen, obgleich sehr geringen) Preisnachlass in Echtzeit anzeigt.

Doch die Japaner sind vorsichtig, und das ist verständlich. Bis zum 23. März haben gerade mal 0,4% der Japaner beschlossen, den Anbieter zu wechseln¹. Die Strompreise kann man dabei schon seit Monaten vergleichen, doch wenn man genau hinschaut, wird der Strom als solcher nicht gerade billiger. Es sind maximal die zahlreichen kleinen Zugaben, Coupons zum Beispiel, mit denen man etwas hinzugewinnen kann, doch lohnt sich der Aufwand wirklich? Und – welcher der Anbieter wird überleben? Für wen soll man sich entscheiden – und wer garantiert, das man bei all dem Kleingedruckten letztendlich nicht übers Ohr gehauen wird? Und vor allem: Woher kommt plötzlich der ganze Strom her? Die Liberalisierung des Strommarktes bedeutet ja, dass quasi jeder Strom produzieren, kaufen, weiterleiten und verkaufen kann. Bei Anbietern wie au (einer der 3 Mobilfunkgiganten) zum Beispiel kann man davon ausgehen, dass es hier weniger um die Stromerzeugung als um den geschickten Handel mit der Elektrizität geht – verbunden mit der geschickten Förderung des eigentlichen Geschäftsfeldes, denn wer bei au telefoniert und Strom bezieht, bekommt natürlich einen Rabatt. Bei Tokyo Gas ist die Sache natürlich anders, denn die können natürlich sehr wohl ihren eigenen Strom produzieren (und mit der sogenannten „Enefarm“ produzieren lassen) – und Rabatte anbieten, so die Kunden auch ihr Gas von dort beziehen.

Liberalisierung des Strommarktes: Sonnige Zeiten für Solarenergie?

Liberalisierung des Strommarktes: Sonnige Zeiten für Solarenergie?

Ist die Liberalisierung des Strommarktes also eine gute Nachricht? Auf jeden Fall. Man hat in Fukushima gesehen, was geschehen kann, wenn eine Firma ein absolutes Monopol innehält. Denn, man kann es gar nicht oft genug wiederholen, die Reaktorkatastrophe war nur bedingt Folge des Tsunamis und Erdbebens – der Hauptschuldige war Tepco. Nun beginnt jedoch der Wettbewerb, und das kann natürlich im Endeffekt zu höherem Kostendruck und daraufhin zu Einsparungen in der Anlagensicherheit führen. Doch mit der Liberalisierung hat man endlich eine Wahl: Bisher musste man seinen Strom von Tepco und Co beziehen – oftmals widerwillig wohlgemerkt, denn bei der Idee, dass diese Giganten wider besseren Wissens die Atomkraftwerke wieder hochzufahren versuchen, behagt natürlich nicht. So jedoch kann man mit einem Wechsel des Anbieters ein Zeichen setzen und bewusst auf diverse Erzeugungsarten verzichten.

Momentan spielen dabei fossile Brennstoffe die eindeutige Hauptrolle: Gute 40% der Energie werden mit Erdgas produziert, 30% mit Kohle und knapp 15% mit Erdöl. Knapp 8% werden in Wasserkraftwerken produziert, und gerade mal knappe 3% mit anderen, regenerativen Energiequellen (allen voran Solarenergie)². Deshalb gibt es heute auch nur ganze 3 Anbieter, die ausschliesslich regenerative Energie anbieten – zu mehr reicht die Produktion noch nicht.

Es wäre freilich schön, wenn vor allem regenerative Energiegewinnungsformen von der Liberalisierung profitieren. Vielleicht findet sogar eine echte Dezentralisierung statt – das wäre im erdbebengeplagten Japan mit Sicherheit keine schlechte Sache. Ob sich der Markt wirklich in diese Richtung entwickelt, wird man allerdings erst in ein, zwei Jahren einschätzen können – wenn hoffentlich mehr Japaner Interesse an alternativen Anbietern entwickeln.

¹ Siehe unter anderem hier
² Siehe Weissbuch der Energie in Japan 2015

Teilen:  

Die Geburt einer neuen Partei und die 1-Mann-Partei

Februar 26th, 2016 | Tagged | Kommentare deaktiviert für Die Geburt einer neuen Partei und die 1-Mann-Partei | 709 mal gelesen

minshutoGanz nach dem Motto „wir haben eh nichts zu verlieren“, haben in dieser Woche die Parteispitzen der 民主党 minshutō (Demokraten) und die der 維新の党 ishin no tō (Partei der Erneuerung) beschlossen, einen neuen Haufen zu gründen. Die Erneuerungspartei hat 4% der Sitze im Unterhaus und 2% im Oberhaus; die Demokraten 15% beziehungsweise 24%. Die Erneuerungspartei hat schon einen holprigen Weg hinter sich – sie entstand aus dem Zusammenschluss anderer Parteien und hat sich vor ein paar Monaten dann gespalten. Bekannt war die Partei bis zur Spaltung vor allem durch den relativ jungen, und angeblich charismatischen Ex-Präfekturchef von Ōsaka, Tōru Hashimoto.

Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt: Im Juli sind Oberhauswahlen, und man kann beide Parteien getrost als chancenlos einschätzen. Sicher, einige Vertreter werden nicht müde, das Kabinett von Ministerpräsident Abe mit feurigen Reden zu attackieren. Das wird durch die Liberaldemokraten auch regelrecht provoziert, denn momentan stehen drei Minister unter Beschuss – so wegen Korruptionsvorwürfen als auch wegen Inkompetenz, kann doch die für die kleineren Inseln zuständige Ministerin nicht einmal die Inselnamen korrekt lesen. Teflon-Abe läßt jedoch wie immer jegliche Kritik an sich abprallen oder antwortet recht unwirsch. Die Folge: Ohnmacht im Parlament, Ohnmacht bei den Wählern. Doch es fehlt den Oppositionsparteien, zumindest scheint es so, ein wirklich greifendes Konzept. Zudem sitzt bei vielen Japanern noch die vergeigte Regierungsperiode der Demokraten zu tief im Gedächtnis als dass man diese in naher Zukunft wählen würde. Also wird auf den Reset-Knopf gedrückt und gehofft.
Momentan suchen die beiden Parteien nach einem neuen Namen. Das wird im japanischen Netz mit unverhohlener Ironie begleitet – zu Recht, gibt es doch schon genügend absurde Parteinamen im Land. Ob diese neue Partei damit bei den Wahlen eine bessere Startvoraussetzung hat, darf bezweifelt werden. Wahrscheinlich tritt eher das Gegenteil ein, da es vor allem bei den Demokraten durchaus Gegenstimmen gibt.
Die Demokratische Partei verschwindet übrigens nicht vollständig: Die Partei bleibt – voraussichtlich mit nur einem einzigen Mitglied. Sonst müßte sie nämlich ungefähr 80 Millionen Euro staatlicher Gelder zurückzahlen¹.

¹ Siehe unter anderem hier

Teilen:  

Opposition im Kampf wider die Mehrarbeit

Januar 16th, 2016 | Tagged , | 4 Kommentare | 572 mal gelesen

Katsuya Okada 2010 in Honolulu. Quelle: Wikipedia.

Katsuya Okada 2010 in Honolulu. Quelle: Wikipedia.

Katsuya Okada, Chef der oppositionellen Demokratischen Partei, machte heute einen interessanten Gesetzesvorschlag: Unbezahlte Überstunden (sogenannte サービス残業) sollen demnach verboten werden, die Zahl der Wochenstunden soll durch eine Obergrenze reguliert werden sowie die Zeit zwischen zwei Arbeitsschichten soll durch eine gesetzlich festgelegte Untergrenze definiert werden. Begründung: Die jetzige Arbeitskultur läßt sich so gut wie gar nicht mit dem Familienleben vereinbaren.

Der Vorschlag kommt am gleichen Tag, an dem nahe Karuizawa in der Präfektur Nagano spät in der Nacht ein Bus mit 39 Skiurlaubern verunglückte. 14 Insassen überlebten den Unfall nicht. An der Unfallstelle gab es wohlgemerkt weder Schnee noch Eis. Nur wenige Stunden später fand man jedoch heraus, dass die Busgesellschaft bereits im Visier der Aufsicht war, da man es versäumte, die obligatorischen Gesundheitschecks für die Fahrer durchführen zu lassen. Zudem gab es schon Gerüchte, daß die beiden Fahrer schon seit drei Tagen täglich auf Autobahnen durch die Gegend fuhren, was die Diskussion um die Arbeitszeiten noch weiter anfachen könnte.

Nun ist Okadas Vorschlag natürlich lobenswert, doch leider gibt es da einen kleinen Schönheitsfehler: Okada und seine Partei sind Teil der Opposition, und die hat momentan in Japan absolut gar nichts zu sagen. Von daher wird wahrscheinlich nicht allzu viel passieren.

Passend zum Thema: Vor einer guten Woche erschien in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung der Artikel Im Land des Hechelns, in dem es um die Arbeitsbedingungen für japanische Frauen geht. Von der, nun ja, gewöhnungsbedürftigen Schlagzeile mal abesehen ist der Artikel durchaus lesenswert und spiegelt ganz gut eine recht traurige Realität wieder.

Teilen:  

« Ältere Einträge