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Mt. Bandai und Aizu Wakamatsu

September 24th, 2009 | Tagged , , , | 11 Kommentare | 1362 mal gelesen

So, heute hatte ich etwas mehr Glück mit dem Wetter: Morgens vereinzelte Wolken, die sich später wohlwollend in Luft auflösten. Ziel war der 磐梯山 Mt. Bandai, ein 1’819 m hoher Berg bei Aizu Wakamatsu. Jener gehört zu einer Vulkankette, und früher gab es zwei Berge namens Bandai: Der kleine und der grosse Bandai. 1881 beschloss der Vulkan Bandai jedoch, etwas aktiver in das Projekt Terraforming einzugreifen: Ohne Vorwarnung explodierte der kleine Gipfel und verschwand daraufhin Richtung Tal. Etliche Dörfer verschwanden, ein Fluss wurde aufgestaut und eine neue Seenplatte entstand.

Soviel steht erstmal fest: Antizyklisch reisen in Japan ist jedes Mal ein Vergnügen: Man hat die gesamte Infrastruktur beinahe für sich allein. So geschehen heute in 猪苗代 (Inawashiro) – der einzige Insasse im Bus Richtung Bandai-Plateau war ich. 750 Yen ärmer und 30 Minuten später war ich in 五色沼入口 (Goshiki-Numa Iriguchi – Eingang zu den fünffarbigen Seen). Dort gibt es einen leichten, ca. 4 km langen Wanderweg vorbei an verschiedenfarbenen Seen.

Dort wimmelt es nur so von Rentnern, und wie es in Japan Usus ist, grüsst man sich mit einem freundlichen Nicken und „konnichiwa“, wenn man sich beim Wandern begegnet.
Nach dem Rundgang ging es endlich los. Erstmal eine lange, staubige Strasse entlang. Dann eine lange Skipiste herauf. Dann geht es in den Wald. Es riecht leicht nach Schwefel, der daran erinnert, dass man sich auf einem nachwievor aktiven Vulkan befindet.
Der Waldweg ist angenehm, aber es geht gut bergauf. Im Vergleich zum Gassan ist der Aufstieg aber noch recht zivil: Man kann sich nahezu ausnahmslos aufrecht durch das Gelände bewegen. Nichtsdestotrotz läuft man fast zwei Stunden lang nur bergauf – kein Wunder: Es gilt, 1’000 Höhenmeter, verteilt auf rund 2 Kilometer, zu bewältigen. Wann hört die Vegetation auf, dachte ich dabei die ganze Zeit: Schaut man von Norden auf den Berg, sieht man nämlich keine Bäume, nur blankes Gestein und fast senkrechte, vulkantypisch sehr bröcklige Wände. Irgendwann bemerkte ich rechterhand einen grossen, roten Hügel: Aha, der Herbst hat hier definitiv schon begonnen. Aber wo ist der Gipfel?
Auf ca. 1,600 m stehen zwei Hütten – dort werden Getränke und Andenken verkauft. Die Besitzer, ein altes Ehepaar, sprechen mich vorsichtig an. Und geben mir einen kleinen Becher mit Kaffee, für umsonst. Sie betreiben den Laden seit vielen Jahren. Sie steigen jeden Morgen hoch und jeden Abend herunter. Im Gepäck: die Getränke, die sie verkaufen. Wahnsinn.
Der Ausblick ist grandios – in der näheren Umgebung gibt es nur einen einzigen Berg, der höher ist – der 西吾妻 Nishi-Azuma, 2’035 m hoch und ebenfalls ein Vulkan. Man sieht die Stelle, an der der kleine Bandai stand, mehr als deutlich. Ein Traumanblick für Geografen und Geologen. Ich bin überrascht, denn der rote Hügel ist bereits der Bandai – von der Hütte sind es nur noch 20 Minuten – die letzten Meter sind wirklich steil, aber man bewegt sich mitten durch Krüppel… nein, Kiefern sind das nicht. Und dann steht man auf dem Bandai und überschaut einfach alles. Ein grandioser Berg und relativ leicht zu ersteigen.

Schnell ein Onigiri verzehrt, die Aussicht genossen und allmählich zum Abstieg klargemacht – es ist immerhin schon 14:30. Die gleiche Route zu nehmen halte ich für langweilig und wähle deshalb die Südroute (bei diesem Berg auch „Vorderseite“ genannt). Vorteil: Ich muss nicht wieder mit dem Bus fahren, sondern kann direkt zum Bahnhof laufen. Nachteil: Andere Wanderer hatten mich schon gewarnt, dass die Route 険しい (steil, schroff) ist. Sie hatten recht. Kein Zickzack, sondern steil den Berg hinunter. Keine Bäume, an denen man sich zur Not festhalten kann, stattdessen loses Geröll und ein Gefälle, dass jeden Fehltritt zur echten Gefahr macht – hier kann man sich an nichts festhalten, es geht einfach steil bergab. Dass die Steine dort zum Teil bimssteinartig sind, macht die Sache nicht einfacher – nicht nur, dass selbst grosse Steine oft unerwartet lose sind, nein, sie zerbröseln teilweise sogar beim rauftreten. Und so geht es auf allen vieren runter.

Das letzte klitzekleine Problem war nur noch, den Bahnhof zu finden. Letztendlich erwies sich der Abstieg als ebenso anstrengend wie der Aufstieg – zumindest erfordert er weit mehr Konzentration. Wer auch immer den Bandai in Angriff nehmen möchte, sei gewarnt: Für die Südroute braucht man eine sehr gute Kondition beim Aufstieg – und gutes Schuhwerk + ein Mindestmass an Erfahrung beim Abstieg.

Seit gestern mittag bin ich übrigens in Aizu Wakamatsu – ein Ort, den jeder Japaner aus den Geschichtsbüchern kennt, da die Stadt historisch bedeutsam ist. Sehr bekannt ist die Geschichte der 白虎隊 (Byakkotai – „Trupp der weissen Tiger“), die während der Meiji-Restauration gegen die kaiserliche Armee für alte Werte kämpfte. Besagte Gruppe sah von einem Hügel die Stadt brennen, und dachte, die Burg sei gefallen (was aber wohl nicht der Fall war). Sie hielten die Lage daraufhin für aussichtslos und so beschloss eine Gruppe von 20 16 bis 17-Jährigen Samurai-Azubis, Seppuku (aka Harakiri) zu begehen. Einer überlebte (die einen sagen, seine Frau fand ihn, andere sagen, ein Bauer fand ihn) und lebte noch bis 1931, die anderen waren „erfolgreich“.
Diese Geschichte ist sehr beliebt in Japan, und sowohl Mussolini als auch die Nazis liebten die Geschichte sehr. Mussolini sandte eine Originalstele aus Pompei:

Darin preist er die „BIACCOTAI“ (vorletzte Zeile). Gezeichnet wurde mit ANNO MCMXXVIII VI ERA FASCISTA – Jahr 1928 – Jahr 6 der Faschisten (Mussolini wurde 1922 Ministerpräsident). Auf der Rückseite würdigt man „Allo Spirito du Bushido“ – das wurde wohl nach 1945 von den Alliierten entfernt, später aber wieder erneuert. Aiuch ein deutscher Gedenkstein, gezeichnet „Ein Deutscher – Den jungen Rittern von Aizu“ von 1935 steht dort – das Hakenkreuz wurde und bleibt bei diesem Stein entfernt.

Wie es der Zufall so will, war gestern in Aizu auch grosses Festival – Mittelalterspektakel auf Japanisch, sozusagen:

Das schönste am Bergsteigen heute – ca. 20 km Längenkilometer und 2,500 Höhenmeter – war erwartungsgemäss das Herumlümmeln im Onsen und das Bier danach. Prost!

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Von Bären und Trampern: Gassan & Yamadera

September 22nd, 2009 | Tagged , , | 16 Kommentare | 1886 mal gelesen

Heute wollte ich nun also mal auf den Mt. Gassan (月山) – ein 1’984 m hoher, zudem auch noch heiliger Berg in der Mitte der Präfektur Yamagata. Um 8 Uhr fuhr der Bus von Yamagata Stadt, und um 9 war ich am Fuss des Berges. In den letzten Tagen war das Wetter typisch für den Herbst hier: Meist heiter, kaum Regen. Das änderte sich jedoch gegen 8:50 – Starkregen. Dann sah es jedoch nach einer Besserung aus, und los ging es: 3 km Strasse bergauf, dann noch mal 2 km Strasse bergauf und danach auf den richtigen Wanderweg.
Und der hatte es in sich: Prinzipiell war es eine sehr steile Naturtreppe mitten durch den Dschungel. Stehenbleiben war keine gute Idee, denn dann wurde man sofort von Myriaden von Mücken überfallen. Weiter oben ging es schliesslich auf nahezu senkrecht stehenden Leitern weiter.

Als ich auf einem Plateau in ca. 1’400 m Höhe ankam (gestartet war ich von 700 m), bot sich mir obiger Anblick: Da gibt’s nichts zu sehen. Alles hing in den Wolken, und die begannen sich auch noch schnell zu senken. Satz mit x – das war wohl nix! Die Vernunft siegte über die Neugier, und ich kletterte zurück. Die Entscheidung war richtig – es fing schnell auch weiter unten an, gut zu regnen.

Unten angekommen, war es bereits 12:30. Nächster Bus nach Yamagata: 16:00. Klasse. Ein älteres Ehepaar, das ich auch schon vorher getroffen hatte, sprach mich an: „Sind sie etwa den ganzen Weg gelaufen?“ – „Ja, wieso?“ – „Haben Sie keinen Bären getroffen? Oben (am Tempeleingang in ca. 1,000 m Höhe) wurde uns gesagt, dass weiter unten an der Strasse vorhin einer gesichtet wurde!“. Nein, den hatte ich nicht gesehen. Übrigens: vor ein paar Tagen fiel ein Bär an einem Parkplatz in der Präfektur Gifu eine Reisegruppe an und verletzte einige Leute.
Hmm, Glück gehabt. Die beiden meinten nur „Da haben Sie ja wirklich Glück gehabt!“. Ich meinte darauf hin: „Naja, ich habe ja immerhin ein Jagdmesser dabei, damit kann man sich im Notfall verteidigen“. Darauf wurde ich etwas verdutzt angesehen- frage mich bloss warum!?

Da kein Bus fuhr, tat ich etwas, was ich ausgiebigst in Europa, aber noch nie in Japan tat: Ich versuchte zu trampen. Und siehe da: das 10. Auto (in etwa) hielt an und nahm mich bis nach Yamagata mit. Ein Ehepaar aus Sendai, und sie waren sehr nett. Geht also auch tatsächlich in Japan.

Immerhin hatte ich so noch Zeit, nach 山寺 Yamadera (=Bergtempel) zu fahren. Der liegt zwischen Sendai und Yamagata, existiert seit dem 9. Jhd. und ist wirklich sehr schön gelegen. Bis man was davon hat, muss man jedoch ordentlich Treppen steigen (das ist aber kein Vergleich zum Gassan).

So, das war seltenerweise mal wieder ein richtiger (wenn auch kurzer) Reisebericht – zu beiden Orten dann mehr später auf diesen Seiten.

Das Wort des Tages: 登山 tozan – „steigen – berg“. Bergsteigen. Hoffentlich habe ich übermorgen mehr Glück…

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Von Prostituierten und Spinnen

September 20th, 2009 | Tagged , | 15 Kommentare | 7603 mal gelesen

Beziehungsweise von Prostituiertenspinnen. Arachnophobiker sollten jetzt lieber den Browser schliessen. Kurzes Vorwort: Jemand sagte mal zu mir „Du interessierst Dich wohl auch für jeden Mist“. Da konnte ich nur zustimmend nicken.
Schon seit langem sind mir bei Herbstspaziergängen in Japan Spinnen aufgefallen, die ich so in Europa noch nie gesehen habe: Sie sind gross, die Beine sind schwarz-gelb und der Körper ist, nun ja, recht bunt. Das ganze Tier scheint einem damit eines anzudeuten: „F-a-s-s m-i-c-h n-i-c-ht a-n!!!“. Mich dünkt, dasss ich die gleiche Spinne auch schon mal in Laos gesehen habe: Meine damalige Freundin hatte panische Angst vor nahezu allen Insekten. Als ich ein Photo von ihr in Laos vor einem riesengrossen Blatt machte, bemerkte ich hinter ihr eine Riesenspinne – auch schwarz-gelb. Da die Spinne ausser Beissweite war, war ich Gentleman genug, sie nicht darauf hinzuweisen, sondern nach erfolgtem Foto elegant weiterzulotsen. Manchmal kann ich richtig nett sein.

Besagte Spinne bemerkte ich heute wieder in einem Park: Das Netz hatte einen Durchmesser von mindestens einem Meter, und war mit einem Ast in geschätzten 4 Metern Höhe verankert. Und – in dem Netz war ordentlich was los: Es war eine ganze WG, mit mindestens drei der possierlichen Achtbeiner, zahlreichen wesentlich kleineren Spinnen (das waren die Männchen, las ich später) und einem betrachtlichen Vorrat an Frischfutter. Die folgende Stunde war ich schwer damit beschäftigt, dass mein begeistert eichelnsammelndes Kind nicht in das Netz fällt – die hätte wahrscheinlich den Schreck ihres Lebens bekommen und den Spinnen traute ich auch einiges zu.

Jedenfalls weiss ich ab heute wenigstens, wie die Gesellen heissen: ジョロウグモ (Jorōgumo) – jorō ist ein altes Wort für Prostituierte, -gumo (kumo) bedeutet Spinne. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich den Hersprung des Namens zu denken. Laut japanischer Quelle haben diese Spinnen zwar ein Gift, welches die Motorik lähmt, aber das ist wohl so gering, dass es bei Menschen „selten wirkt“. Wetten können noch abgeschlossen werden. Diese Spinnen kommen jedenfalls in ganz Südostasien vor – bis nach Japan (auser Hokkaido, da ist es zu kalt). Wer im Herbst in Japan weilt, halte mal Ausschau – es gibt sie wirklich überall.

So, und als nächstes finde ich heraus, wie die possierlichen kleinen, schwarzen Spinnen mit dem kleinen weissen Streifen (kein Kreuz!) heissen, die da gelegentlich in unserer Wohnung herumhüpfen. Ja, hüpfen! Ich habe noch nie ein Netz entdeckt, aber gelegentlich die Tiere selbst. Und sie springen, aber nicht weit.

Das Wort des Tages: クモ (蜘蛛) – kumo – Spinne.

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