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Fliegende Sektflaschen und ein lohnender Ausblick

Dezember 21st, 2014 | Tagged , | 5 Kommentare | 2143 mal gelesen

Mangels echter Nachrichten habe ich mal ein bisschen auf meinem Handy gekramt, um zu schauen, was ich so in jüngster Zeit an Schnappschüssen gesammelt habe. Und siehe da, es fanden sich zwei interessante Aufnahmen. Zum einen wäre da das Werbeposter von Freixenet (ja, die haben vor ein paar Jahren den Sprung nach Japan gemacht). Das Poster als solches mag etwas unpassend in dieser Gegend sein, da man es hier nicht so hat mit dem „Prosit Neujahr – und jetzt lasst uns alle anstossen“. Von dieser Kleinigkeit mal abgesehen finde ich das Poster jedoch sehr gut gedacht – und vor allem gut umgesetzt. Von nahem sieht man schliesslich nur herumfliegende Sektflaschen – von weitem jedoch steht da jedoch tatsächlich etwas geschrieben. Auf einem Foto ist es allerdings leichter zu erkennen, was da steht – man bedenke, dass das Werbeposter in natura etliche Meter breit und hoch ist.

Freixenet-Werbung

Das zweite Foto habe ich vergangene Woche im Izumi Garden Tower in Roppongi aufgenommen. Dort besuche ich quasi jede Woche mindestens ein Mal einen Kunden. Um zu dessen Büro zu kommen, muss ich erstmal mit dem Shuttle-Fahrstuhl zum 24. Stock fahren und dort in einen anderen Fahrstuhl umsteigen. Auf der „Umsteigeetage“ gibt es eine riesige Halle, komplett verglast, von der man natürlich einen famosen Ausblick auf die Stadt hat. Inklusive Mori Tower, Roppongi Midtown und, er darf nicht fehlen, den Fuji-san im Hintergrund. Wenn man von der Kulissen jedocn ein Foto machen möchte, muss man sich beeilen – denn auf der Etage haust ein uniformierter Blockwart, der sofort angerannt kommt, die Hände kreuzt und ruft „No photo! No“. Warum? Ich weiss es nicht.

izumi-garden-tower

In diesem Sinne möchte ich dann auch noch allen Lesern eine frohe Weihnacht wünschen. Ich werde mich in diesem Jahr sicherlich noch mit einem Jahresrückblick melden, aber bis dahin hoffe ich, dass jeder die Weihnachtsfeiertage gebührend geniesst!

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Grün. Wolken. Onsen. Hitze. Grün. Kyushu II

August 28th, 2012 | Tagged , | 7 Kommentare | 1418 mal gelesen

Dies ist die Fortsetzung von Teil 1.

Wäre ich eine Kuh, würde ich hier übernachten wollen

Weiter ging es, immer weiter weg von Kumamoto, immer am Kraterrand entlang, der Milchstrasse folgend. Oder wie man die sogenannte Milk Road auch sonst übersetzen möchte. Die heisst so, weil es dort aufgrund der wahrhaft saftig aussehenden Wiesen auf der rund 1,000 m hoch gelegenen Hochebene viele Kühe gibt. Von den Bauern kann man teilweise direkt Milcherzeugnisse kaufen, aber die Preise haben sich gewaschen. Für einen Liter Milch zahlt man da schon mal locker knapp 10 Euro. Nicht, dass man das wirklich rausschmecken würde (alles schon mal probiert), aber was tut man nicht alles für glückliche Kühe. Es ging weiter bis 奥阿蘇 (Hinter-Aso), zu einem kleinen Dorf namens 産山 Ubuyama, und dort ist die Welt zu Ende. Eine Strasse führt hinein, und die gleiche Strasse wieder hinaus. Das wars. Zahlreiche Straßen in der Umgebung wurden bei den sintflutartigen Regenfällen im Juni diesen Jahres weggespült und sind noch immer nicht brauchbar. Unterwegs kamen wir dabei an ein paar prächtigen Schlamm- und Gerölllawinen vorbei, die breite Schneisen in die Wälder geschnitten hatten. Relativ junger Vulkan gleich hohe Hangneigung gleich instabile Hänge gleich Schwerkraft in Aktion: Für Geomorphologen ist der Aso ein Paradies.
In Ubuyama steht eine alte Herberge, und in der gibt es sprudelndes, heißes Wasser aus dem Untergrund. Das kann man gleich am Eingang testen, denn dort fließt ein bisschen heißes Wasser aus einem Bambusrohr. Die Herberge ist nahezu komplett aus Holz und sehr geschmackvoll eingerichtet. Überrascht war ich nur, zu lesen, daß das heiße Quellwasser erst vor ein paar Jahren dazu kam. Die Besitzer haben dafür tief bohren lassen – erst in fast 1,000 m Teufe wurden sie fündig. Aber das war offensichtlich eine gute Idee: Die Herberge gilt heute als 秘湯 hitō – als „Abgelegene heiße Quelle“ (das hi bedeutet eigentlich „geheim“), und ist somit ein Schatz für Onsen-Fans. Zudem ist das Wasser ideal: Es ist genug, um kein Wasser hinzufügen zu müssen, und warm genug, so dass man es nicht weiter erhitzen oder herunterkühlen muss.

Die schönsten Onsen sehen oft recht unspektakulär aus: Das Wasser hier war auf jeden Fall sehr gut

Ach, Onsen! Das erste Mal hatte ich eine solche heiße Quelle 1997 besucht. Das war in einem kleinen Dorf in Nagano. In heißen Quellen wird meistens nach Männlein und Weiblein getrennt. Manchmal gibt es auch Familienräume (家族風呂 kazoku-buro). Im Onsen in Nagano damals gab es nur getrennte Räume, und ich war mit weiblicher Begleitung dort. Die Instruktionen waren denkbar knapp: Ausziehen, waschen, rein ins heiße Bad, und zwar nackt, versteht sich, und entspannen. Nochmal richtig gründlich waschen danach und fertig. Als ich meine Begleiterin fragte, wie lange man denn so im heißen Bad bleibe, wurde mir gesagt „na, so 30 Minuten“. Gesagt, getan. Ich war damals der einzige im Männerbereich. Und das Wasser war verdammt heiß. Nach ein oder zwei Minuten aber wieder aus dem Wasser zu steigen hielt ich für eigenartig: Wenn 30 Minuten gesagt wird, werde ich das wohl durchziehen müssen, um ein Onsen zu verstehen, dachte ich so. Nach noch nicht einmal 10 Minuten wurde mir allerdings irgendwie blümerant. Immerhin bemerkte ich es rechtzeitig und kroch aus dem Wasser. Es kostete mich einiges an Selbstbeherrschung, nicht umgehend zu kollabieren: Bäder im Onsen gehen kräftig auf den Kreislauf, und zwar erst recht dann, wenn man starrsinnig länger als nötig sitzen bleibt. Ach ja, damals war ich noch jung, und offensichtlich schön blöd… Diese erste Begegnung mit einem Onsen prägte erstmal. Kreislaufkollaps? Nein, danke. Aber natürlich ging es später wieder in Onsen, und wenn man sich nicht so dämlich anstellt und auf seinen Körper hört (Heiß! Ganz heiß! Raus hier!), machen Onsen großen Spaß. Allerdings sind die Onsen in der Tat sehr verschieden: Einige sind warm, andere heiß, wieder andere brühend heiß.

Süß-sauer eingelegtes Gemüse gefällig?

Das Bad in der Herberge in Ubuyama passte. Es gab auch zwei kleine 露天風呂 rotenburo (Bäder im Freien), und hätten mich dort nicht umgehend zwei Bremsen gestochen, wäre ich wohl eine ganze Weile dringeblieben.
Das Abendessen in der Herberge war ebenfalls nicht zu verachten. Die Gegend ist bekannt für 漬け物 tsukemono – auf Neudeutsch „pickles“. Und zwar all-you-can-eat. Natürlich gab es noch viel, viel mehr, und vor allem reichhaltig. Unser Sohn hatte später irgendwie seinen Essnapf aus dem Eßraum geschmuggelt und stand plötzlich mit selbigem vor uns – darin: Gemahlenes Eis. „Nanu, wo hat der denn plötzlich gemahlenes Eis her?“ dachten wir noch so. Und dann: Wieso ist das Eis nicht kalt?! Des Rätsels Lösung: Im Raum stand ein großer Behälter mit Geleekugeln, die dazu dienen sollten, der Luft Feuchtigkeit zu entziehen. Das hatte man arg nötig, da es vorher, wie eingangs erwähnte, wochenlang ohne Unterlaß geregnet hatte. Die Geleebrocken waren nun überall. In seinen Haaren, im Bett, auf seinen Sachen, und eins… wo sonst, im Mund. Leicht angesäuert riefen wir die Herbergsmutter. Die fand jedoch den richtigen Ton, machte alles schnell sauber und rief auch noch einen Arzt an, um zu hören, was der zum Thema „Kleinkind vs. feuchtigkeitsentziehende Geleebrocken“ zu sagen hatte. Nun – nichts Neues. Kind beobachten. Kind nicht zu sehr erhitzen (onsen!). Falls Schaum aus dem Mund kommt (was normalerweise auch so schon der Fall ist), anfangen, Sorgen zu machen. Das Ende vom Lied: Entwarnung. Sohn quietschmunter (nach um 10 Uhr abends sogar munterer als sonst um diese Zeit – mein Gott, was war im Gelee drin?) und alles im grünen Bereich. Und er sollte uns am nächsten Tag auch wieder viel Freude machen.
Dann ging es nämlich zu einer berühmten Quelle in der Nähe (池山水源 Ikeyama Suigen), mit glasklarem, trinkbaren Wasser. Das richtig gut schmeckte. Daneben gab es einen kleinen Teich. Für ein paar hundert Yen kann man dort kleine Fische (Saiblinge) fangen, denen man dann gleich vor Ort ein langes Stäbchen in den Anus rammt, sie dann in Salz rollt, um sie anschliessend über Kohle zu grillen. Nein, Fisch möchte ich in diesem Land nicht sein. In dem kleinen Tümpel tummelten sich dutzende, wenn nicht gar hunderte dieser Fische. Los ging es: Angelroute für 100 Yen geliehen. Dazu gab es einen großen Klumpen Futter. Tochter mit Angel vertraut gemacht. Jemand rief „(Schwieger)mutter, pass mal kurz auf den Kleinen auf!“. Der Kleine liess sich nicht lumpen und schaffte es in den zwei Sekunden Aufseherwechsel, den grossen Futterklumpen zu krallen und mit Schwung in den Tümpel zu werfen. Und schon verwandelte sich der kleine Teich in einen Whirlpool! Welch ein Spaß!

Kaltes, klares Wasser in der Ikeyama-Quelle

Wir sprachen kurz mit jemandem von der Quelle. Die spuckt pro Sekunde angeblich 30 Tonnen allerfeinstes Trinkwasser aus, und das ist beachtlich. Dieses Wasser wird auch verkauft – und nach der Erdbebenkatastrophe machte man den großen Reibach. Auch wir bezogen nach dem Beben unser Wasser von hier, da ja das Trinkwasser in Tokyo zeitweise (?) radioaktiv belastet war. Eine eiserne Notreserve Ikeyama-Quellwasser steht noch immer bei uns im Schuhschrank. O-Ton: „Wir hoffen natürlich nicht, dass sich so etwas wiederholt, aber…“

Forsetzung folgt.

P.S. Ihr kennt ein schönes Onsen? Dann mal her damit! Nach 47 Präfekturen bin ich auf der Suche nach neuen Reisezielen!

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Grün. Wolken. Onsen. Hitze. Grün. Kyushu I

August 21st, 2012 | Tagged , , | 5 Kommentare | 1268 mal gelesen

So, da bin ich wieder, zurück im Moloch, nach einer kompletten Woche auf der Insel Kyūshū. Es war die fünfte Tour auf die Insel, und so viel steht fest: Immer wieder gern. Die Landschaft, die Menschen, das Essen –  es stimmt nahezu alles dort. Die Temperaturen unterscheiden sich kaum von denen in Tokyo – im Gegenteil, wenn man ins bergige Innere fährt, kann es sogar ganz angenehm sein.

Ein Muß wenn man in Kumamoto is(s)t: Tonkotsu-Rāmen

Am Sonntag ging es mit der Familie los: Frau, zwei aufgeregte Kinder und die Schwiegereltern waren mit von der Partie. Keine 2 Stunden dauert der Flug, und sofort begann erstmal die Kür: Erst zur Oma in Kumamoto, dann gemeinsam auf den Friedhof, um das Grab des vor vielen Jahren verstorbenen Opas zu pflegen. Nach den ununterbrochenen Regenschauern im Juni und Juli sah es recht wüst aus. Dann ging es zum ebenfalls obligatorischen Tonkotsu-Rāmen-Essen in die Innenstadt. Kumamoto ist bekannt für einige Leckerbissen – darunter rohes Pferdefleisch, mit Senfpaste gefüllte Lotuswurzeln, und besagten „Schweineknochen-Rāmen“. Ein Gedicht, und mit 700 Yen pro dampfender Schüssel mit dicken Schweinefleischscheiben auch erschwinglich.
Das Hotel war eine Überraschung der anderen Art. Wir wollten im Zentrum übernachten und hatten nach etwas familienfreundlichem gesucht. Das hatten wir auch gefunden: Ein Hotel mit Familienraum, geräumig und mit Doppelstockbett für die Kinder. Was wir jedoch nicht wussten: Als uns der Concierge das Zimmer zeigte, bestiegen wir mit ihm den Fahrstuhl, und er drückte nicht etwa eine Zahl zwischen 1 und 10, sondern den Knopf unter der 1. B1. Du meine Güte, sie bringen uns in den Keller! Da hatte der Hotelmanager offensichtlich eine clever Idee: Auf einem alten Fluchtplan sahen wir, dass dies einst der Pausenraum der Angestellten war. Das war also das Familienzimmer. Zugegebenermassen war die Einrichtung in Ordnung, und da wir die einzigen Gäste dort unten waren, konnten sich die Kinder nach Herzenslust austoben, aber normalerweise bevorzugen wir schon Zimmer mit Fenster….
Am Nachmittag ging es in großer Hitze zu den ehemaligen „Wirkungsstätten“ meiner Frau, darunter auch zu ihrer Grundschule. Da Ferien waren, war das Tor natürlich zu, aber das sollte meine Frau nicht hindern: „Ach, passt schon“ sagte sie, während sie das Tor aufriss und die Kinder in den grossen Schulhof entliess. Gleich am Eingang gibt es ein großes Fußbad, denn: An vielen Schulen in Kumamoto wird noch barfuß auf dem Schulhof gespielt.

Kumazemi (Zikadenart) in Kumamoto

Interessant war die Zikadendichte: Der Boden in den Parks sah aus wie ein schweizer Käse, und die Äste hingen voller leerer Zikadenhüllen. Die vormaligen Bewohner der braunen Hüllen brüllten sich die Seele aus dem Leib oder lagen halb angefressen auf dem Boden. In Tokyo findet man fast nur die bereits eindrucksvollen Aburazemi, aber in Kumamoto findet man mittlerweilen (es werden immer mehr) Kumazemi, und die sind noch etwas größer. Und höllisch laut. Meine Tochter fing auch flugs eine ein und rannte mit dem zeternden, schwarzen Biest freudestrahlend durch die Gegend. Gut, daß sie keine Angst vor Insekten hat.

Am nächsten Tag sollte es mit dem Leihwagen zum 阿蘇 Aso gehen. Aso – das ist der Vulkan mit dem größten Krater in der Welt. In den Krater passen ein paar Städte und mehrere Quadratkilometer Felder sowie ein paar neue Vulkane, die sich da in der Mitte des alten Kraters gebildet haben. Die Kraterwände sind viele hundert Meter hoch und sehr deutlich erkennbar – es gibt nur einen Durchbruch, und der befindet sich praktischerweise in der Richtung von Kumamoto Stadt. Vor 10 Jahren war ich schon einmal mit guten Freunden oben am Krater des einzigen momentan aktiven Nebenvulkans, und damals sah ich so gut wie gar nichts. Dieses Mal sah es auch wieder so aus, als ob ich Pech hätte. Aber die Wolken verzogen sich manchmal für ein paar Minuten und gaben den Blick zum Schlund des Kraters frei.

Blick in den Krater des aktiven Vulkans Naka-dake

Der 1’506 m hohe 中岳 Naka-Dake (Mittlerer Gipfel) ist noch ziemlich aktiv und spuckt manchmal etwas mehr aus – davon zeugen die Betonbunker sowie durchaus häufige Gaswarnungen: Bläht der Wind plötzlich den Schwefeldampf nach oben, muss jedermann schnellstmöglich den Gipfel verlassen.

Was mich dieses Mal jedoch am meisten faszinierte, war das Grün: Im Juni und Juli hatte es nahezu ununterbrochen in Strömen gegossen, und nun war nahezu alles Grün. Soviel Grün habe ich schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, und es tat den Augen gut.

Im inneren Vulkanmassiv des Aso: Alles Grün. Könnte genauso gut irgendwo in der Mongolei sein

Nach dem Naka-Dake ging es zurück zum Tal nördlich der Vulkangruppe. Der Boden der alten Caldera liegt auf rund 470 m Höhe und ist vielerorts topfeben. Das Tal wird im Norden, Süden und Osten von der rund 500 m hohen alten Kraterwand begrenzt, und das ist schlichtweg eindrucksvoll. Und alles ist einfach nur grün.

Blick von der äußeren Kraterwand (外輪山 - Gairinzan) in das Tal und die neue Vulkangruppe

Fortsetzung folgt…

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Fundstücke: Tekitōismus oder: ein verlorenes Stück Holz

Dezember 8th, 2011 | Tagged , , | 2 Kommentare | 1059 mal gelesen

Jetzt, da ich endlich mit einer für das Internet halbwegs brauchbaren Kamera ausgestattet bin (mit der man sogar telefonieren kann), kann ich endlich mal spontan Aufnahmen von alltäglichen Nichtigkeiten machen und ein paar Zeilen dazu schreiben. Sonst geht mir ja nach fast 650 Artikeln der Stoff aus, oder ich muss wieder lange suchen, um sicher zu gehen, nicht schon einmal darüber geschrieben zu haben.

Das Photo rechts entstand heute auf meinem Weg zur Arbeit. Der Ort: Bahnhof 新木場 Shinkiba, Bahnsteig der リンかい線 Rinkai-sen (wörtlich in etwa: Ufer-Bahnlinie). Diese Linie ist eine der jüngsten Bahnlinien in Tokyo; der erste Abschnitt (von Shinkiba bis Tōkyō Teleport) wurde 1996 fertiggestellt, der Rest (bis 大崎 Ōsaki an der Yamanote-Linie) erst 2002. Die Linie verläuft größtenteils unterirdisch und hat Anschluss an die 埼京線 Saikyō-Linie (Saikyō steht für SAItama ↔ TōKYŌ – Saitama ist die Präfektur nördlich der Hauptstadt). Das bedeutet, man kann bequem und ziemlich schnell von Shinkiba im Osten nach Ebisu, Shinjuku, Ikebukuro usw. fahren. Einziger Nachteil: Die Linie ist im Vergleich zu anderen Linien fast doppelt so teuer. Vorteil dessen wiederum: Die Züge sind meistens ziemlich leer. Ich habe jedenfalls noch nie stehen müssen. Das ist gut, denn so kann ich unterwegs etwas arbeiten. Oder sinnlose Blogeinträge verfassen.

Zurück zum Photo: Da die Linie neu ist, ist die ganze Anlage inkl. aller Bahnhöfe natürlich auch neu. Eine Orgie aus Beton und Stahl, und wie man es in der Regel gewohnt ist in Japan, ist alles blitzsauber. Nur dieses kleine Brett am Zugende, mit dem aufgeschraubten 発車ベル (Zugabfahrtssignalknopf), passt irgendwie gar nicht so recht ins Bild. Was war da wohl passiert?

„Du, Cheffe, alles fertig! Sieht toll aus, oder?“ – „Ach ja? Und wo ist der Zugabfahrtssignalknopf bitteschön? Deinen Bonus kannste vergessen! Und bis morgen früh um 4 Uhr erwarte ich eine handschriftliche Erklärung von Dir, warum Du so versagt hast! In 20-facher Ausfertigung! Aber jetzt lass uns erstmal beim Karaoke-Schuppen einen antütern. Ich schau morgen dann mal zu Hause, habe da irgendwo noch ein altes Brett liegen..“

Ist es das? Oder steht auf Seite 1328 des 5. Anhanges zur 42. revidierten Ausgabe der Eisenbahnbauanleitung (gültig nur für Südosttokyo), daß der Zugabfahrtssignalknopf ganz unbedingt auf einem Brett zu montieren ist, da sonst durch die Vibrationen des einfahrenden Zuges eine Schraube herausfallen könnte? Man weiss es nicht.

In der Regel sind Japaner im Beruf und im Hobby Perfektionisten. Allerdings mit einer nur allzu menschlichen Neigung zum Tekitōismus*.

*tekitō (適当) – eigentlich „angemessen“ bzw. „passend“, wird dieses Wort auch oft für „irgendwie hinbiegen“ benutzt.

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Mann im Himmel – Abteilung Traumjobs

November 4th, 2011 | Tagged , | 6 Kommentare | 1549 mal gelesen

Spannender Arbeitsplatz!

Neulich rief mein Kind – in unserer Wohnung wohlgemerkt – „Papa, da ist ein Mann im Himmel, vor unserem Haus!“. Während wahrscheinlich alle normalen Eltern sofort „Na klar, mein Kind! Nun komm, iß Dein Fliegenpilzkompott auf!“ entgegnet hätten, war ich doch zu neugierig und beschloß, der Sache mit einem Blick aus dem Fenster auf den Grund zu gehen. Und siehe da, da war ein Mann im Himmel! Er hing direkt in der Hochspannungsleitung, die ca. 100 Meter schräg über unserem Haus vorbeigeht. Nein, ich lebe nicht auf dem Land, ehrlich nicht! Eine überirdische Hochspannungsleitung mitten in der Stadt ist hier kein Thema, und aus noch nicht erforschten Gründen sterben die Leute, die unterhalb der Leitungen wohnen, eher an Altersschwäche als an basketballgrossen Gehirntumoren. Das soll allerdings nicht heissen, daß ich übermäßig erbaut bin über die Leitung – bei hoher Luftfeuchtigkeit gibt es immer ein verdächtiges Kribbeln und Brummen in der Leitung…

Wie auch immer: Der gute Mann krabbelte recht gekonnt durch die Leitungen, um … irgendwas zu machen. Zusammen mit dutzenden Kollegen, die ihn von beiden Masten linker- und rechterhand und von unten mit Argusaugen beobachteten. Aber das ist ja normal hier: Einer arbeitet, 10 Leute schauen zu. Ein, wie soll ich sagen, interessanter Job. Er wird schon gut genug gesichert sein, aber ich stelle mir das schon spannend vor, in ca. 20, 30 m Höhe über Strassen, Kreuzungen und Häusern durch Starkstromkabel zu klettern.

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Neulich, nachts im Chemiepark

Dezember 20th, 2010 | Tagged , | 9 Kommentare | 925 mal gelesen

Ja, man(n) wird langsam älter: Früher nutzte man SonnAbende vornehmlich dazu, schwofen zu gehen oder sich irgendwo mit irgendwem bequem einen hinter die Binde zu giessen. Heute fährt man Sonnabend abend stattdessen mit dem Auto durch gottverlassene Industrieanlagen um hier und da ein paar Fotos zu machen. Kein Witz. Rund um Tokyo ist es momentan in (ist das Wort in eigentlich noch in oder schon lange wieder out?), Industrieanlagen, vornehmlich der chemischen Industrie, nachts heimzusuchen und zu photographieren. Zu recht, auch wenn das Manchem etwas otaku-istisch anmuten mag: Die grossen Anlagen der Chemiebetriebe sehen einfach beeindruckend aus (mit der quälenden Frage im Hinterkopf, ob überhaupt jemand weiss, wozu die Rohre alle gut sind und was die Apparatur davon abhält, im nächsten Augenblick mit ohrenbetäubendem Krach auseinanderzufliegen).
Mein Schwiegervater und ein Freund der Familie, seines Zeichens Photograph, hörten davon und schlugen vor, es auch mal zu versuchen. Also ging es gestern zu dritt nach Kawasaki, Chemiekombinate auflauern. Davon gibt es genug auf den Neulandinseln von Kawasaki, nur einen Tunnel vom Flughafen Haneda entfernt. Das ganze war auch eine gute Gelegenheit, unsere neue Kamera zu testen. Leider ohne Objektiv Stativ, aber es geht trotzdem gerade so:

In den Industrieparks fühlte ich mich fast wie zu Hause: Schliesslich habe ich in Deutschland über 10 Jahre im Zentrum des deutschen Chemiedreiecks gelebt und kenne den Anblick nur zu gut. Zu Studentenzeiten hatte mich sogar mal in den Semesterferien eine Zeitarbeitsfirma in einen grossen Chemiekomplex geschickt. Aufgabe: Rohre reinigen und streichen. Nur so viel: Vor den Anlagen stehen und Photos schiessen macht mehr Spass.

Wem die beiden Aufnahmen nicht reichen – hier ist das komplette Set zum durchstöbern:

Get the flash player here: http://www.adobe.com/flashplayer

Das Wort des Tages: 工場 Kōjō. Die Fabrik.

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20TOKYO10 – Ideen gesucht

März 21st, 2010 | Tagged , , | 7 Kommentare | 900 mal gelesen

Heute abend habe ich Niko getroffen – ein Schweizer Typograf, Fotograf und Videokünstler, der momentan (mal wieder) in Tokyo weilt. Niko alias nubero hat bereits früher einen sehr kurzen Film über das Nachtleben gemacht – im timelapse-Verfahren. Der Film ist entsprechend eher eine Installation aus zahllosen Fotos mit passend eingebauter Geräuschkulisse. Lange Rede, kurzer Sinn – seht es Euch selbst an (ist kurz):

Momentan ist ein neues Werk in Planung unter dem Arbeitstitel 20Tokyo10: Die Idee ist, verschiedene Leute aus Tokyo zu Wort kommen zu lassen – eine Collage aus ungeschnittenen Interviews in verschiedenen Sprachen und passenden Fotos. Die Idee dahinter ist die Tatsache, dass es zwar sehr viele Dokumentationen über Japan gibt, viele dabei allerdings ziemlich alt sind.

Über die Qualität des Schnittes und der Umsetzung schlechthin mache ich mir bei Anblick des Erstlingswerkes keine Sorgen, aber der Film lebt und stirbt mit der Auswahl der Menschen, die zu Wort kommen. Deshalb an dieser Stelle ein kleiner Aufruf: Wer hat Ideen für die Auswahl der Menschen, die zu Wort kommen sollen? Wer kennt jemanden, der interessant und interessiert sein könnte? Es können Japaner sein und Ausländer – die Sprache kann Englisch, Deutsch oder Japanisch sein. Über jegliche Vorschläge würden sich nubero und meine Wenigkeit sehr freuen – das ganze könnte sehr interessant werden.

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240 Minuten – oder 4 Stunden?

Januar 9th, 2010 | Tagged , | 6 Kommentare | 1611 mal gelesen

Zur Bespassung eines Kindes lässt man sich einiges einfallen. Heute wollten wir unsere Tochter mit einem Besuch bei „Alice in Wonderland“ beglücken: Im April erscheint ja die Neuverfilmung, und aus Promo-Zwecken hat man deshalb im Gebäude von Nippon Terebi (NTV, grosser, privater Fernsehsender) eine Art Miniatur-Wunderland aus dem Film aufgebaut. Die kann man in diesem Film sehen – und kostenlos (!) besuchen. Bis zum 11. Januar. Also nichts wie hin, dachten wir uns heute. Als erstes muss unsere Tochter heiss gemacht werden: Sie kennt Alice in Wonderland nicht, also machen wir es ihr schmackhaft.
Das ganze findet in 汐留 (Shiodome) statt – jenes liegt direkt neben Shinbashi, also sehr nah an der Ginza. Die Gegend ist hochmodern, es gibt zahlreiche neue Wolkenkratzer. Der Veranstaltungsort ist schnell gefunden, und auch das Ende der Schlange. Na bitte – gar nicht so viele Leute und sofort gefunden. Aber warum ist das Ende im 5. Stockwerk und das Wunderland laut Aushang im 2.? Und was steht auf dem Schild, das der Mann am Ende der Schlange hält?

Das bischen Warten…

Das man anstehen muss, war mir ja klar. Aber 240 Minuten? Meine Frau hatte vorher bereits einen der Ordner gefragt, wie lange es dauert. Und wir dachten, wir hatten uns verhört. Aber nun war es traurige Gewissheit: Geschlagene 4 Stunden musste man anstehen – die Schlange sah man von draussen nicht, denn sie begann vor dem Gebäude (ja, im 5. Stock) und zog sich durch das ganze Haus. Wir gaben auf: Bis wir dran wären, würde es abends sein. Schwer enttäuscht: Unsere Tochter, die wir ja davor heiss gemacht hatten…

Bei schönem Wetter, aber auch nachts hat die sterile Gegend mit all den modernen Wolkenkratzern in Shiodome und im nahegelegenen Shinagawa ihren Reiz:

Wolkenkratzer in Shiodome

Das Gebilde links unten ist übrigens die 日テレ大時計 Nitere Ōdokei – die grosse NTV-Uhr, entworfen von Hayao Miyazaki und seinem Studio Ghibli und versehen mit einem aufwändigen Mechanismus, der vier Mal am Tag in Gang gesetzt wird. Es gibt sogar eine Japanisch-Englische Webseite dazu hier.

Ghibli-Uhr in Shiodome

So, dass war jetzt endlich mal ein Artikel, der sich nicht ums Essen dreht…

Das Wort des Tages: 行列 gyōretsu. Die Schlange (zum Anstehen). Unvermeidlich in Tokyo.

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Okinawa – ein Schnupperkurs

Dezember 24th, 2009 | Tagged , | 13 Kommentare | 1926 mal gelesen

Stille Nacht! Heil’ge Nacht! Alles schläft; einsam wacht … ein Blogger, der da gerade von Okinawa zurückgekehrt ist und dementsprechend ein paar frische Eindrücke niederschreiben will. Wie angekündigt, war ich vom 21. bis 24. Dezember auf Okinawa – es war wirklich nur ein Schnupperkurs, aber es wird bestimmt nicht die letzte Tour gewesen sein.

Okinawa ist wirklich anders. Das Essen ist etwas anders, die Leute sind etwas anders, Klima und Vegetation sind anders. Mit tagsüber 20+ Graden und nächtlichen Temperaturen nicht unter 15 Grad ist es wesentlich wärmer.
Den ersten vollen Tag habe ich mit dem verbracht, was ich häufig tue, wenn ich allein unterwegs bin: Die Existenz von jeglichen Verkehrsmitteln ignorieren und einfach loslaufen. Erst ging es so zum Shuri, dem alten Königspalast des Ryūkyū-Königreiches. Alles nachgebaut, denn die Originalanlage wurde im 2. Weltkrieg völlig zerstört. Der Nachbau ist aber durchaus sehenswert:

Shuri-Burg / Palast in Okinawa

Danach ging es zu Fuss weiter – durch Urasoe bis nach Ginowan, ca. 10 km nördlich von Naha. Eins habe ich dabei festgestellt: Naha und die anliegenden Städte sind einfach nur gewuchert – es gibt kein übersichtliches Strassennetz, man verläuft sich in Windeseile. Mehrfach endete ich in Sackgassen und ein Mal mitten auf einem halb zugeschütteten Friedhof. Grosse Strassen habe ich versucht zu vermeiden – der Verkehr ist mörderisch und die Luft atemberaubend. Der Grund: Es gibt nur eine kurze Bahnlinie (Monorail), ansonsten nur Busse, und die sind relativ selten. Ohne Auto ist man einfach aufgeschmissen, aber mit auch: Die Stadt ist von morgen bis abends völlig verstopft. Naha und Umgebung ist wie LA, nur ein bisschen kleiner.

Mein Ziel in Ginowan war der Militärflughafen des US Marine Corps Futenma, denn darum prügeln sich Japan und die USA schon seit geraumer Zeit, und ich wollte mir einfach nur ein Bild davon machen, wie es in Wahrheit aussieht. Angeblich kämpfen ja die Anwohner seit geraumer Zeit gegen den Stützpunkt, der laut Medien „mitten im Wohngebiet“ liegt. Nun – vor Ort ergab sich ein differenzierteres Bild. Futenma wird offensichtlich nur von kleinen Maschinen und Hubschraubern, nicht aber von grossen und Kampfflugzeugen genutzt (dazu gibt es den Stützpunkt Kadena ein paar Kilometer weiter nördlich). Das Rollfeld sieht man nicht – es sei denn, man klettert irgendwo auf ein Dach. Der ganze Stützpunkt ist von einem grünen Gürtel umgeben. Und nicht alles rund um den Stützpunkt ist Wohngebiet.
Anwohner sind vor allem wegen der Unfälle besorgt: Grund ist der Absturz eines Kampfhubschraubers auf das Gelände einer angrenzenden Universität – aber es gab auch zahlreiche andere Zwischenfälle wie herunterfallende Teile, Notlandungen usw.

Marine Corps Air Station Futenma

Nun, der Hubschrauberbetrieb ist wirklich enorm: Irgendein Hubschrauber scheint immer in der Luft zu sein – ob die üblichen Chopper, Kampfhubschrauber oder Bananenhubschrauber. Allerdings hatte die örtliche Verwaltung 1986 im Raumnutzungsplan festgeschrieben, dass das ganze Gelände rund um den Stützpunkt nunmehr als Wohnviertel zu nutzen sei. Diese Entscheidung ist schwer nachzuvollziehen: Man baut keine Wohngebiete entlang von gut genutzten Militärstützpunkten! Sollte man zumindest nicht. Interessant sind zumindest die gewaltigen Grabstätten entlang und teilweise innerhalb des Stützpunktes – scheinbar baute man damals mitten in einen Friedhof herein.

Irgendwann gegen 14 Uhr meldete mein Magen Hunger an – nach ca. 15 km laufen verzeihlich. Viel Auswahl gab es nicht – ich ging zu einem Imbiss innerhalb einer Golf-Abschlagübungsanlage (neue Wortschöpfung?). Dort Okinawa-Soba (Nudeln) bestellt. Die Köchin war wohlgenährt, ein gutes Zeichen. Na, etwas Reis dazu? „Ein kleines bisschen“. „Etwas Miso zum Reis? Essen Sie Miso?“ – „Klar, äh… danke“. Während ich ass (an einem provisorischen Tresen), wurde es immer mehr: „Hier, Karashina – ein Okinawa-Gemüse. Musste mal probieren“. „Schau mal, Eingelegtes auf Okinawa-Art!“ … „Das hier ist auch gut, getrocknetes Rindfleisch!“. Wohlgemerkt, ich hatte eine Schüssel Nudelsuppe bestellt, für 500 Yen. Ich war mehr als satt danach.
Während in Tokyo und Umgebung oftmals die Leute davon ausgehen, dass man evtl. ein bisschen Japanisch verstehen könnte, denkt das in Okinawa niemande: Es gibt viel zu viele Soldaten, und von denen sprechen nur sehr, sehr wenige Japanisch. Dementsprechend kippten fast alle Okinawa-Bewohner, die ich traf, aus ihren Latschen, als sie merkten, dass ich Japanisch spreche. Das war teilweise belastend, aber da kann man eben nichts machen. Ich fühlte mich in Okinawa deshalb wirklich wie im Ausland.

Tag 2 – ein offizieller Feiertag. Das bedeutet, noch schlechtere Busverbindungen. Nach fast einer Stunde kommt der einzige Bus, der zum ehemaligen Marine-Hauptquartier fährt: Dort gibt es viel zu sehen in punkto Schlacht um Okinawa. Es muss wirklich schlimm gewesen sein – die Fotos sind kaum zu beschreiben. Weiter mit dem nächsten Bus nach Itoman, einem verschlafenen Dorf im Süden. Nach Essen gesucht und nichts gefunden. Weiter mit dem Bus zum Friedenspark – dort endlich was zu Essen gefunden – und es schmeckte grausam. Okinawa ist bekannt für seine spezielle Küche, bei der sich (leider) alles ums Schwein dreht: Schweineohren (Mimiga) und Schweinegesicht (nein, nicht im Ganzen). Nudeln mit Schweinerippchen. Dann Geschmortes mit Goya (Bittergurken) – essbar. Tofu mit einem winzigen, übel riechenden Fisch drauf. Vergorenen Tofu. Usw. usf. Japanisches Essen – ja. Okinawa-Küche – muss nicht unbedingt sein. Aber das ist Geschmackssache.
Weiter mit dem Bus. Umsteigen – Fehlanzeige. Nächster Bus fährt in 1½ Stunden. Laufen. Komme nach fast 1½ Stunden strengen Fussmarsches an der Endhaltestelle an – wo ich wieder umsteigen muss. Doch: Jener Bus fährt nicht an Feiertagen. Taxis fahren auch nicht vorbei. Also mal wieder trampen. Der Ort, wo ich hinwill, heisst 斎場御嶽 – Saijō-Mitake. Dachte ich. Erstaunlicherweise (die meisten tippen wohl bei meinem Anblick – kurze Haare, BW-Rucksack – bestimmt auf GI) hält jemand an. Ich sage, wo ich hinwill, und sie verstehen nur Bahnhof. Ich zeige ihnen die Schriftzeichen: „Ah, Seefa Utaki!“. Ja, hier ist Okinawa. Kanji lesen können bedeutet hier rein gar nichts – 豊見城 liest man nicht etwa „Toyomi-jō“ sondern „Tomiguzuku“, 与那原 nicht Yonahara sondern Yonabaru und 斎場御嶽 eben nicht Saijō-Mitake sondern Seefa Utaki (was ganz und gar nicht Japanisch klingt).
Das junge Paar, stellt sich heraus, wohnt im gleichen Ort wie der Ort, zu dem ich hinwill – immerhin UNESCO-Weltkulturerbe – war aber selbst noch nie da und entscheidet spontan, sich das dann doch mal gleich anzusehen. Und es lohnt sich – zumindest der Ausblick von dort:

Blick auf eine kleine Insel von Sefa-utaki

Danach ging es munter weiter: Ich schaue nach, wann der nächste Bus nach Naha fährt: Als ich nachschaue, ist es 16:31 – der letzte (und einzige) Bus fuhr 16:28, der nächste 17:58. Und ich musste noch Mitbringsel für die Familie kaufen. Also laufe ich wieder los und trampe. Nach 30 Minuten laufen nimmt mich ein Student mit – sehr netter Geselle – bis ich nach etlichen Kilometern einen Bus mit der Aufschrift „Naha“ hinter uns sehe. Ich sage, dass ich an der nächsten Haltestelle aussteige, denn es gibt jetzt einen Bus. Er protestiert: Ich bring Dich nach Naha, kein Problem! Allerdings wäre das ein Riesenumweg für ihn (er musste ganz woanders hin). Also bestand ich darauf, auszusteigen.

Und damit waren die zwei Tage auch schon vorbei. Kurz, aber intensiv. Fazit: Wer länger in Japan wohnt und ein anderes Japan erleben möchte, sollte sich unbedingt mal in Okinawa umschauen. Aber ohne eigenes Gefährt ist es – zumindest auf der Hauptinsel – recht mühselig.

Mehr – und in sachlicherer Form – gibt es natürlich in Bälde auf den Japan-Seiten.
Hier die ganzen Bilder – von Anfang bis Ende:

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Das Wort des Tages: 美ら島 churashima. So bezeichnen Okinawa-Bewohner ihre Insel selbst – chura bedeutet „schön“, -shima „Insel“. Keine Standardlesung.

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Von falschen Weihnachtsmärkten, Godzilla und Bettlern

Dezember 12th, 2009 | Tagged , | 17 Kommentare | 1487 mal gelesen

Auf der verzweifelten Suche nach einem Hauch Weihnachtsmarkt ging es heute zum Tokyo International Forum, denn dort findet momentan der Marché de Noël de Strasbourg a Tokyo – der „Strassburger Weihnachtsmarkt“ – statt. Um meinen Mitlesern, die sich auch im Raum Tokyo aufhalten und krampfhaft versuchen, ihren Kindern oder sich selbst so etwas wie vorweihnachtliche Stimmung vorzugaukeln, einen unnützen Weg zu ersparen, hier ein paar Zeilen dazu:

Was es gibt: Ca. 10 kleine Holzbuden und ein winziges Kinderkarussell. Dazu viel zu viele Leute.
Was es nicht gibt: Glühwein, weihnachtliche Stimmung, genügend zu essen.

Offener Brief an die Veranstalter: Schon mal was von Angebot und Nachfrage gehört? Schon mal mit dem Gedanken gespielt, das ganze zwei Fressbuden für einen grossartig angekündigten Weihnachtsmarkt im Zentrum von Tokyo unter gewissen Umständen nicht ganz ausreichen könnte? Nein? Ein Indiz dafür könnten die jeweils ca. 100 m langen Schlangen von Menschen sein, die verzweifelt versuchen, etwas zu essen zu fassen…

Nach einem anschliessenden Spaziergang im nahen Hibiya habe ich mal wieder eins festgestellt: Ich kenne Tokyo nicht. Wahrscheinlich weiss so ziemlich jeder Tagesbesucher der Stadt aufgrund vorangegangener Lektüre von Reiseführern und anderen Quellen, dass es in Tokyo ein Godzilla-Denkmal gibt. Ich wusste es bis dato jeweils nicht:

Gut 50 Jahre alt und noch immer topfit – Godzilla

Das ganze ist freilich nur eine Sache der Perspektive: In Wahrheit ist der Godzilla eher – wie sagt man so schön – „knuffig“: Das dem Gorilla-Wal-Mutanten hier also ein Monument errichtet wurde, ist eine leichte Übertreibung, aber es ist schon ein schönes Denkmal.

Godzilla-Denkmal in Hibiya

Im nebenan liegenden Hibiya-Park gab es dann noch ein Novum: Ich wurde erstmals in Japan um Geld angebettelt. In Deutschland und anderswo ist das, zumindest in einigen Städten und Stadtvierteln, völlig normal, aber in Japan habe ich das in all den Jahren noch nie erlebt (und ehrlich gesagt auch nicht erwartet). Vor knapp einem Jahr gab es ja im Hibiya-Park eine temporäre Zeltstadt massenhaft entlassener Leiharbeiter, doch wie es aussieht, sind ein paar der Leute dort geblieben. In dieser Angelegenheit bin ich allerdings nachwievor stur: Ich spende zwar regelmässig für Organisationen (z.Z. „Ärzte ohne Grenzen“), aber nicht für einzelne Personen. Was mich im nachhinein jedoch interessieren würde ist die Antwort auf die Frage, ob besagter Mann (ich tippe mal auf ein Alter um die 50) mich „angehauen“ hat, weil ich Ausländer bin, oder ob er auch seine Landsleute fragt. Obwohl „fragen“ nicht ganz passend formuliert ist: Er brachte es gleich auf den Punkt: „ねぇねぇ、お金チョーダイ!“ – Du da, gib mir Geld.

Das Wort des Tages: 物乞い – monogoi. – „um Sachen bitten“. Bettler, betteln.

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