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Jenseits von Japan: Abu Dhabi & Oman

August 22nd, 2013 | Tagged | 1 Kommentar | 11609 mal gelesen

Hier also mal wieder ein “Out-of-Japan”-Beitrag, damit es nicht langweilig wird.
Gute zwei Jahre waren seit dem letzten Deutschlandbesuch verstrichen, also wurde es mal wieder Zeit. Der Entschluss, im August zu fliegen, also in der Zeit, in der halb Japan unterwegs ist, kam relativ spät, und das merkte man beim Ticketkauf. Die Preise für alle Flüge, die insgesamt weniger als 40 Stunden dauerten, waren bereits exorbitant. Es blieben lustige Routen mit 5 Mal umsteigen, über China und die Wallachei usw. Und eine Verbindung über Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten, mit 23 Stunden Aufenthalt beim Hin- und 16 Stunden Aufenthalt beim Rückflug. Lang genug also für einen Kurzurlaub, und alle vier Flüge waren Nachtflüge. Und man braucht kein Visum. Und ich war noch nie dort. Alea iacta est.
Kurz vor 10 Uhr abends ging es von Narita los, und das war für mich schon mal ein Novum, da ich bisher immer nur am frühen Morgen oder gegen Mittag von dort losgeflogen sind. Da wir nicht sicher waren, ob es an Bord Abendessen geben würde ob der späten Stunde, hiess es also Abendessen im Flughafen. Natürlich gab es dann später eine volle Mahlzeit im Flugzeug. Etihad hiess die Airline, und von Kleinigkeiten abgesehen konnte man nicht klagen.

Kind schlief wie geplant, und an die Zeit zwischen Mittelchina und Bangladesh konnte ich mich nicht erinnern, also muss ich wohl auch geschlafen haben. Statt wie geplant um 4 Uhr morgens kamen wir bereits um 3 Uhr morgens in Abu Dhabi an – halbwegs gut ausgeruht und nach 11 Stunden Flug. Für uns war es ja immerhin schon 8 Uhr morgens. An Abu Dhabi selbst hatte ich kein grosses Interesse, denn die Stadt ist bekanntermassen groß und ziemlich neu, also quasi wie Tokyo in der Wüste. Interessanter sah da für mich schon das rund 150 km entfernte Al Ain aus – eine Wüstenstadt im Osten, an der Grenze zum Oman.

Im Zentrum von Al-Ain

Im Zentrum von Al-Ain

Also flugs Geld gewechselt, nach Bussen erkundigt (keine in den nächsten zehn Stunden), und notgedrungen ein Taxi geschnappt. Schnell sollten wir feststellen, dass es kaum korrektere Taxis gibt als in Abu Dhabi. Alle Taxis sind mit Meter ausgestattet, und ein Foto des Fahrers nebst Namen auf dem leicht verständlichen Display des Taxometers läßt kaum Zweifel aufkommen. Der Taxifahrer schätzte, dass es bis Al-Ain wohl um die 240 Dirham, also weniger als 50 Euro kosten würde. Recht sollte er behalten. Also ging es auf der durchgehend beleuchteten, äußerst leeren Wüstenautobahn gen Osten. Mit genau 120 km/h, denn immer wenn diese Gschwindigkeit überschritten wurde, mahnte eine Frauenstimme auf Englisch, dass, nun ja, die Gschwindigkeit gleich überschritten würde. Kurz vor 6 Uhr morgens kamen wir im Zentrum an, just in dem Moment, in dem die Sonne hinter der größten Moschee hervorkroch. Noch war es angenehm.

Die Strassen waren wie blankgeleckt. Nur ein paar indisch aussehende Straßenreinigungsfacharbeiter waren unterwegs. Auch für diese Erkenntnis brauchten wir nicht lange: Für Berufe, in denen man nicht zwingendermassen einen Universitätsabschluss braucht, verlässt man sich in den Emiraten gern auf Gastarbeiter. Kellnerinnen? Pinoy. Taxifahrer? Pakistani. Verkäufer und Reinigungskräfte? Inder. Mittenmang die einheimischen Männer mit ihren blütenweissen Gewändern und die mehr oder weniger stark verhüllten Frauen in ihren schwarzen Kleidern. Nur hier kann man aus einem Kilometer Entfernung Männlein und Weiblein so leicht auseinanderhalten!

Dattelpalmenoase in Al-Ain

Dattelpalmenoase in Al-Ain

Nach einem kleinen Spaziergang durch die ebenfalls sehr gepflegte Dattelpalmenoase, krampfhaft versuchend, den überall mit einem satten “Plopp!” herunterfallenden Datteln auszuweichen, stiegen wir in ein Taxi und lotsten es zum Grenzübergang. Derer gibt es zwei in der Stadt – einer kann nur von Golfstaatenbewohnern benutzt werden, der andere auch von Leuten wie uns. Bis in die 1990er war die Grenze an dieser Stelle wohl offen, doch die VAE entschied sich dann doch, eine Grenze hochzuziehen, um unliebsame Einwanderer fernzuhalten, die den Oman als Transitland nutzen. Es waren weit über 5 Kilometer bis zur Grenze, und wir zahlten 15 Dirham. Einheimische lotsten uns zu einer Hütte, wo wir unsere Ausreisestempel abholten. Der Stempelmann murmelte irgendetwas auf Englisch von wegen “bevor wir zurückkommen, brauchen wir einen Ausreisestempel auf der anderen Seite der Grenze” oder so. Das leuchtete in dem Augenblick ein. Man entliess uns aus der Hütte, und schon waren wir im Oman. Und dort war nichts: Keine Grenzpolizei, kein Zoll, keine Wechselstuben, einfach gar nichts, Nicht einmal ein Willkommensschild. Sehr merkwürdig, Wir liefen an ein paar Autorwerkstätten vorbei und bald erblickten wir ein Taxi. Ich hielt das Taxi an und fragte, ob er auch VAE-Geld akzeptiert. Tat er. Ich sagte “ins Zentrum”, und er reagierte verwirrt. Zentrum? Naja, zentraler Platz, Geschäfte, Imbissbuden, was weiß ich – Zentrum eben! Er fuhr erstmal los. Nach ein paar hundert Metern kamen wir an einer kleinen, aber schönen Festung vorbei. Er hielt an und fragte, ob wir sie uns ansehen wollen. Sicher doch! Er liess uns aussteigen und sagte, er komme sofort wieder, in 5 Minuten. Die Festung war so schön wie geschlossen. 20 Minuten später kam der Fahrer wieder und fuhr uns einen knappen Kilometer. Da sah es so wie Zentrum aus – also so, wie man sich eben das Zentrum einer unbedeutenden omanischen Wüstenstadt eben vorstellt. Ich fragte, wieviel er für die Taxifahrt verlange. “So viel wie ihr denkt das es wert ist”, lautete die Antwort. Das habe ich von einem Taxifahrer seit meinen Touren durch Rumänien nicht mehr gehört. Ich sage “20 Dirham” – schliesslich habe ich auf der anderen Seite für eine wesentlich längere Strecke nur 15 bezahlt. Taxifahrer schaute enttäuscht. Er sagte mir, er hätte eher an 40 Dirham gedacht. Das kann er gerne tun, aber ich dachte nicht dran und fort war er, etwas mürrischer als vorher.

Posieren vor omanischer Festung

Posieren vor omanischer Festung

Das Zentrum der Kleinstadt al-Buraimi also. Ebenfalls ziemlich sauber, aber die Häuser und Läden sahen spürbar ärmlicher aus. Alles hatte geschlossen, bis auf zwei kleine pakistanische Restaurants. Der Taxifahrer hatte uns kurz zuvor aufgeklärt: Der Tag des Fastenbrechens ist von Land zu Land leicht unterschiedlich, und in Oman war eben heute Id al-fitr, das offizielle Ende des Ramadan. Das ist wie Weihnachten und Ostern zusammen (nun gut, es ist der zweitwichtigste Feiertag im Islam, wie es scheint), und dementsprechend hatte alles zu. Die Strassen waren wie leergefegt. Burg hatten wir gesehen, und es begann, wärmer und wärmer zu werden. Also trollten wir uns wieder Richtung Grenzübergang. Es ging zur gleichen Amtsstube wie vorher, doch dort verweigerte man uns die Einreise:

“Sie brauchen zuerst einen Ausreisestempel aus dem Oman!”
“Woher genau bekomme ich den denn?”
“Vom anderen Grenzübergang in [interessante, unnachahmbare Laute hier einfügen]“
“Wie komme ich dorthin?”
“Nur mit Taxi”
“…”

Man zeigte auf ein omanisches Taxi. Mit einem uralten Fahrer. Ich fragte nach dem Preis, und er zeigte mir einen 500-Dirham-Schein. Das sind 100 Euro. Und meiner Kenntnis nach war der nächste Grenzübergang nur 4 km entfernt. Das roch stark nach Aufpreis, errechnet aus dem (Ahnungslosigkeit-im-Gesicht + Shorts + Sonnenbrille + blasse Hautfarbe) * ÄtschbätscheinanderesTaxifindetihrhiersoschnellnicht²-Koeffizienten. Ich erhob natürlich Einspruch. Leider verstand der Herr kein Wort Englisch, also rief er jemanden hinzu, der übersetzen konnte. Plötzlich hiess es 300 Dirham. Das kam mir immer noch zu viel vor. Schließlich hatte ich am morgen für 150 km – im Nachttarif wohlgemerkt – gerademal 240 Dirham bezahlt.

Wüste im Nordwesten von Oman

Wüste im Nordwesten von Oman

Doch weiter liess der Fahrer nicht mit sich handeln. Das kann doch nicht wahr sein, dachte ich mir, machte die Tür zu und machte Anstalten, zu gehen. Wenig später kam der Fahrer nebst Dolmetscher hinterher, zeigte auf meine Tochter und sagte “200 Dirham. Weniger geht wirklich nicht. Ist ein weiter Weg”. Wäre ich allein gewesen, wäre ich stur geblieben, aber mehr wollte ich dem 6-jährigen, schwitzenden Mädchen nicht zumuten. Notgedrungenerweise stiegen wir ein, und das Taxi brauste los – erstaunlicherweise in eine ganz andere Richtung. Wir bretterten durch die Wüste. 10 km. 20 km. 30 km. Die Wüste wurde immer schroffer, es sah aus wie auf dem Mond, nur mit Beleuchtung. Nach gut 30 km kamen wir an einem völlig anderen Grenzübergang mitten im Nichts an: dem Wadi al-Jizzi-Übergang. Das Gebäude auf omanischer Seite war hochmodern aber in traditioneller Architektur gebaut und im Inneren 25 Grad kälter als draussen. Wir stellten uns an. Um Visa, Einreisestempel UND Ausreisestempel gleichzeitig zu bekommen. Das Visum kostete 5 Rial Omani für 10 Tage (nun gut, für uns 5 Stunden), also 10 Euro etwa. Nach einer knappen halben Stunde war alles erledigt und der Taxifahrer bretterte mit uns zurück zum Grenzübergang, wo wir endlich aus- und wieder einreisen konnten.
Gleichzeitig erfüllte sich so der Alptraum eines Hobby-Numismatikers: Da war ich also im Oman, und habe nicht die geringste Chance gehabt, omanisches Geld zu tauschen und zu benutzen! So ein Ärger aber auch. Wie oft hört man denn schon Freunde und Bekannte sagen: “Du, ich war letzten Sonnabend im Oman!” – “Ach ja? Hey, hast Du vielleicht ein paar Münzen oder Geldscheine über, die du nicht mehr brauchst?”.

Grenzanlage zwischen der VAE und Oman

Grenzanlage zwischen der VAE und Oman

Kaum hatten wir die Grenze passiert, hielt ein grosser, dicker Mann in einem sehr teuren Auto neben uns und fragte im feinsten Englisch, wo wir hinwollen. Sicher, man soll nicht zu fremden Männern ins Auto steigen. Erst recht nicht mit Kindern. Aber ich bilde mir ein, einen Riecher dafür zu haben, und überhaupt habe ich mich selten so sicher gefühlt wie in den Emiraten. Selbst Japan erscheint wie ein gefährliches Pflaster dagegen. Er meinte, er könne uns ins Stadtzentrum mitnehmen. Wir stiegen ein. Der Mann entpuppte sich als Sudanese, der vor achwievielen Jahren nach Dänemark gezogen war und nun im Auftrag seiner Firma in Al-Ain arbeitet und in al-Buraimi lebt, da dort die Miete viel billiger sei. Ich sollte (gottseidank) Recht behalten – ein sehr interessanter, sehr gebildeter Mann, von dem ich einiges erfahren konnte.

Er liess uns neben einem schmucken Park mit grossem Spielplatz kurz vor dem Zentrum raus – direkt an der beinahe mit der Berliner Mauer konkurrienden Landesgrenze. Den Spielplatz hatte meine Tochter, wenn sie auch sonst schon nahezu provokatorisch nicht aus dem Fenster schaut, auf der Hinfahrt im Taxi bemerkt. Na bitte, soll ja niemand zu kurz kommen! Der Spielplatz war wirklich sehr schön, und absolut menschenleer. Viele Klettergerüste, Schaukeln, Rutschen und was alles. Alles schön aus Metall und in der Sonne stehend. Bein Anfassen verbrannte man sich fast die Finger. Das war selbst meiner spielwütigen Tochter zu viel.

Hoummus. Einfach genial.

Hoummus. Einfach genial.

Die Zeit kam uns beinahe wie eine Ewigkeit vor, doch es war erst kurz nach zwölf. Essen fassen. In einem typisch arabischen Restaurant. Dort gab es Hoummous (die andere Schreibweise, “Humus”, mag ich irgendwie nicht…”), Fladenbrot und sehr viel Gemüse. Und wenn es einen Grund gibt, wieder und wieder in den Nahen und Mittleren Osten zu fahren, dann ist es eben jenes Hoummous. Das ist wie Sushi in Japan, halbe-Tiere-grillen in Russland oder Currywurst in Berlin. Und das sagt nebenbei gesagt jemand, der sich sonst nicht allzuviel aus Bohnen macht. Nach dem oppulenten Mal, inkl. einer Flasche Wasser kostete es gerade mal 12 Dirham, schauten wir uns noch eine kleine alte Festung in der Nähe an und fuhren mit dem Fernbus nach Abu Dhabi. Die Temperatur lag mittlerweilen bei knapp 50 Grad, die Sonne brannte und der Wind wehte. Wie sich das anfühlt? Einfach einen Heißluftfön ins Gesicht halten und ab und an ein paar Krümel Sand hineinstreuen! Demenstprechend war nicht mehr viel zu machen. Wir zogen uns in ein vorher gebuchtes Hotelzimmer irgendwo zwischen Flughafen und Stadtzentrum zurück, schliefen bis Mitternacht und flogen gegen 2 Uhr nachts nach Deutschland.

Gewaltige Moschee in Abu Dhabi

Gewaltige Moschee in Abu Dhabi

Auf dem Rückflug hatten wir wieder viel Zeit in Abu Dhabi – von 6 Uhr morgens bis 10 Uhr abends. Dieses Mal schauten wir uns in der Stadt um und gingen Souvenire jagen für die liebe Verwandschaft. Wieder waren es knapp 50 Grad. Und der kurze Nachtflug von Berlin nach Abu Dhabi machte die Sache nicht einfacher. Sicher – Abu Dhabi ist schon interessant, und ich werde der Stadt sicherlich, wie es Tradition ist, auf dieser Webseite eine eigene Seite widmen. Aber spektakulär ist die Stadt nicht, zumindest nicht, wenn man sowieso schon in einer Großstadt wohnt.

So muss ein Wolkenkratzer aussehen!

So muss ein Wolkenkratzer aussehen!

Modern, moderner, am modernsten...

Modern, moderner, am modernsten…

Vielleicht sollte ich noch anmerken, dass ausnahmslos alle Leute, denen wir in den Emiraten über den Weg rannten, ausgesprochen nett und zuvorkommend waren. Mit Englisch kommt man ohne Mühen überall hin und durch. Vor Taxifahrern in Oman sei allerdings gewarnt…

Der Plan, mit diesen Flügen den Jet Lag zu reduzieren, ging, das sollte auch noch angemerkt werden, voll auf. Kein Jet Lag. Nichts. Wir waren viel zu müde dafür nach den Tagesausflügen. Und da die Zeit nur kurz war, wird dies auch der einzige Beitrag zum Thema sein. Ab jetzt geht es weiter – zur Abwechslung mit Themen aus und über Japan. Inshallah.

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Philippinen IV (letzter Teil)

Januar 22nd, 2013 | Tagged | 6 Kommentare | 680 mal gelesen

Fortsetzung von Teil I, Teil II und Teil III.

Hier also nun der vierte und letzte Teil der Philippinen-Serie – danach werde ich mich und diesen Blog wieder ganz Japan widmen. Versprochen. Ich hatte einfach nur Lust, mal wieder einen traditionellen Reisebericht zu schreiben.

Tag 3 also. In der Nacht habe ich wieder bei der Rezeption angefragt, was denn ein Fahrer bis zum Pinatubo-Vulkan kosten würde. Das Hotel hat diverse Fahrer unter Vertrag, was wahrscheinlich bedeutet, dass man etwas mehr zahlt, dafür aber auch etwas mehr Sicherheit hat. Die Antwort bekam ich eine Stunde später – 5’000 Peso, also rund 100 Euro, und zwar all inclusive, wie man mir extra versicherte – Benzin, Maut und was auch immer sei im Preis enthalten. Der Preis erscheint mir mehr als gerechtfertigt – der Pinatubo ist gute 100 km von Manila entfernt, und man muss ja auch aus der Stadt raus- und wieder reinkommen. Also bestelle ich den Fahrer für 7:30, denn Frühstück gibt es ab 7 Uhr und man ist ja schließlich im Urlaub. Ich hatte übrigens kurz nach meiner Anreise schon ein Reisebüro in Manila angeschrieben, das Touren zum Pinatubo organisiert, aber es war alles schon ausgebucht.

Pünktlich um 7:30 stand das Gefährt vor dem Hotel. Ich war überrascht, denn ich hatte mit einem normalen Auto gerechnet, nicht mit einem Bully. Was für eine Verschwendung – in dem Auto hätten 8 Leute mitfahren können. So gesehen wäre der Preis ein echtes Schnäppchen gewesen. Der Fahrer ist, welch Überraschung, eine richtige Frohnatur, hat kaum Zähne und plaudert umgehend los. Toni heißt er und hat nach eigenen Angaben auch einige deutsche Stammkunden. Wir brausen los, aber er muß erstmal tanken und bittet mich, schon mal 1’000 Pesos vorzuschießen, damit er an der Tankstelle volltanken kann.

Wer es wissen möchte: Mexiko liegt ein paar Kilometer südlich von Angeles!Wer es wissen möchte: Mexiko liegt ein paar Kilometer südlich von Angeles!

Wer es wissen möchte: Mexiko liegt ein paar Kilometer südlich von Angeles!

Es dauert eine gute halbe Stunde, bis wir aus dem zähflüssigem Verkehr von Manila raus sind. Quezon City ist da schneller durchquert, obwohl Quezon mehr Einwohner hat als Manila. Wieder was dazugelernt. Und bei Quezon beginnt auch eine mautpflichtige Autobahn – und die ist leer! Mit Karacho geht es Richtung Norden, an Mexico vorbei bis nach Angeles. Überhaupt, Ortsnamen: Spanische Ortsnamen, vor allem in den Städten, gibt es sehr viele, obwohl keiner mehr Spanisch spricht. Auch englische Ortsnamen gibt es häufig, da das Land ja zeitweise amerikanische Kolonie war. Und mitten in Manila gibt es ein Vierte mit dem seltsamen Namen Blumentritt.

Die Stadt hört relativ abrupt auf und macht grünen Reisefeldern Platz. Die Luft wird spürbar klarer, und interessante Berge tauchen nach und nach am Horizont auf. Hinter Angeles verlassen wir die Autobahn und fahren in die Stadt Mabalacat herein. Dort überquert man auf einer modernen Brücke einen kleinen Fluß mit einem seltsam anmutenden Flußtal. Das Flußtal sieht aus wie neu – irgendwie nicht natürlich – aber genau das ist es: Toni ruft “Lahar! Lahar!”. Von hier bis zum Pinatubo sind es nur 25 Kilometer Luftlinie. Was damals geschah: Der damals 1’745 m hohe Pinatubo sprengte am 1991 seine Kuppe weg – und war danach gute 250 m kleiner. Eigentlich galt der Vulkan als erloschen, aber zum Glück kündigte sich die gewaltige Eruption durch zahlreiche Vorzeichen an, so dass sehr viele Menschen evakuiert werden konnten. Die Folgen: Der Vulkan spie so viel Material aus, dass sich der Staub rund um den Erdball bewegte und die Temperaturen weltweit um 0.5 Grad sinken liess. Kurz nach Beginn der Eruption fegte auch noch ein Taifun über das Gebiet. Die Regenmassen vermischten sich mit dem Staub, und gewaltige Schlammlawinen, auch Lahar genannt, wälzten sich talabwärts. Bis nach Mabalacat. Dort wurden ganze Stadtteile (sowie Luftwaffenstützpunkte der Amerikaner) vom Schlamm begraben. Das, was da vom Pinatubo herunterkam, scheint als Baumaterial heutzutage sehr begehrt zu sein – man sieht zahlreiche Menschen, die die weiß-graue Tephra in riesengroße Tüten schippen.

Verkehr in Mabalacat

Verkehr in Mabalacat

Dass hier etwas passiert sein muss, sieht man schnell, wenn man durch Mabalacat fährt: Die Straße ist nagelneu und sehr gut. Der Verkehr ist auch hier mörderisch – aber nur auf der Hauptstraße. Zum ersten Mal sehe ich ein Moped mit Beiwagen (die vorher bereits erwähnten Tricycle) mit insgesamt 5 Passagieren, plus Fahrer. Zwei sitzen hinter dem Fahrer, zwei in dem mickrigen Ansatz und einer auf dem Beiwagen. Es sieht abenteuerlich aus. Bald verlassen wir den Ort durch eine kleine Seitenstraße. Die Siedlungen werden spärlicher und die Landschaft immer schöner. Ich halte nach dem Gipfel des Pinatubo Ausschau, aber man sieht ihn einfach nicht. Schuld daran könnten die schwarzen Wolken am Horizont sein. Wir kommen an einem Armeestützpunkt, Camp O’Donnell, vorbei, und passieren irgendwann einen Checkpoint der Armee. Dann sind wir in Santa Juliana, dem Ende der Straße. Es ist bereits 10 Uhr. Wir halten vor einem Komplex aus lose hingebauten und sehr gepflegten Häusern. Dort steht am Eingang ein Büro, in das ich hineindelegiert werde. Eine bebrillte junge Frau sitzt am Schreibtisch und mustert mich. Der Fahrer erklärt ihr… irgendwas. Dann spricht mich die Frau an: Nein, auf den Berg können sie heute nicht mehr rauf, dafür ist es zu spät. Dazu müssten sie bis 8 Uhr morgens hier sein. Nun – ich war nicht völlig überrascht. Offensichtlich ist das Terrain am Vulkan noch immer gefährlich, vor allem nach Regengüßen, und die sind in den Tropen ja bekanntermaßen keine Seltenheit. Aber ich hatte trotzdem gehofft… Ich bohre ein bisschen: Ob wir nicht mit dem Auto ein paar Kilometer rankönnten. Nein. Militärisches Sperrgebiet. Allein loslaufen würde demnach auch nicht gehen. Aber ich könnte ja eine kleine Tour machen: Ein Auto mit Allradantrieb würde mich zu einer heißen Quelle bringen. Und zu einem Dorf eines dort lebenden… Stammes? Und Mittagessen wäre auch dabei, und eine Massage, wenn ich das möchte. 5,000 Peso koste der Spaß. Scheint wohl ein Standardpreis zu sehen. Alles kostet entweder 100, 500 oder 5,000 Peso.

Zugeschüttetes Flußtal am Pinatubo

Zugeschüttetes Flußtal am Pinatubo

Und so stecke ich im Dilemma. Entweder, ich muß mich diesen Menschen hier überlassen, zahle 100 Euro für was weiß ich und kann trotzdem nicht auf den Gipfel. Oder ich bitte den Fahrer, woanders hin zu fahren. Ganz eigentlich ist die Sache aber schon klar in meinem Kopf: Ich bin nicht den ganzen Weg hierhergekommen, um einfach so wieder zu verschwinden. Die Philippinen sind zwar nicht weit weg von mir, aber wer weiß, wann ich es noch mal zum Pinatubo schaffe. Der Fahrer übernimmt die Rolle des Teufels auf meiner linken Schulter: “Mensch, mach doch! Ist eine gute Idee und macht ganz viel Spaß!”. Klar. Während ich die Tour mache, kann er natürlich Siesta machen und kriegt so schnell den Tag herum. Ich kann es ihm nicht verdenken.

Gottseidank hatte ich am Morgen mehr Geld als üblich abgehoben. Normalerweise halte ich mich an die Regel, in Ländern wie diesen niemals große Summen von Bargeld mit mir herumzutragen. Zumindest nicht, wenn ich weiß, dass es Banken bzw. Geldautomaten in der Gegend gibt. Denn es dauert eine Weile, bis man 100 Euro ausgegeben hat. Am Morgen hatte ich eine Ausnahme gemacht und 20,000 Yen umgetauscht, also 200 Euro. Und ich hatte noch Geld vom Vortag übrig. Also willigte ich schliesslich ein. Die Frau schrieb eine Rechnung und sagte mir, dass mein Gefährt in ein paar Minuten fertig sei. Und das ich mich schonmal in der Umkleide umziehen könne. Da vorher von einer heißen Quelle die Rede war, nahm ich an, dass man sich besser umzieht. Also wechselte ich in kurze Hosen und schloß mein, zugegebenermassen sehr leichtes Gepäck ein. Das sollte sich später als Fehler erweisen.

Landschaft...

Landschaft…

Ich komme mir vor wie ein Großwildjäger, als ich in den Jeep auf den Beifahrersitz krabbele, direkt neben dem mürrisch dreinblickenden Fahrer. Hinten auf dem Jeep sitzen zwei weiterer Männer auf, wobei mir einer der beiden als Guide vorgestellt wird. Die Funktion des dritten Mannes scheint nur darin zu bestehen, dafür zu sorgen, dass dem Guide nicht langweilig wird – zum Beispiel dadurch, mir irgendwas erklären zu müssen oder gar ein Gespräch anzufangen. Aber egal, ich bin nicht wegen des Guides hier, sondern wegen der Landschaft. Und die fängt quasi gleich hinter dem nächsten Militärcheckpoint an. Und was für eine Landschaft! Vor uns erstreckt sich ein sehr langes und cirka 2 km breites, topfebenes und mit weißem Geröll bedecktes Tal, dass vor allem durch fehlende Vegetation besticht. Man muss nicht allzu viele Geologievorlesungen besucht haben, um zu sehen, was hier geschehen ist: Beim Ausbruch des Vulkans wälzte sich eine gewaltige Schlammlawine durch dieses Tal und blieb schliesslich hier liegen. Kurz vor dem Ort, wie es scheint. Berghänge wurden weggerissen und zeigen ihr nacktes Profil. In diesem Tal floß einst der Fluß Marella, doch die pyroklastischen Ströme legten hier Material in bis zu 200 m Höhe an.

Anfangs geht es trotz mangelnder Straßen sehr zügig voran, doch nach etlichen Kilometern, wir näherns uns dem Ende des Tals, wird es schon schwieriger. Das Wasser vom Vulkan hat schon längst damit begonnen, sich in den Schutt zu graben, und es wird scheinbar immer schwieriger, eine Furt zu finden, die man mit dem Allrad noch durchwaten kann. Hier verstehe ich die Sorge der Behörden, keine Wanderer am späten Morgen oder noch später zum Gipfel starten zu lassen: Ein kurzer Regenschauer, und aus dem kleinen Rinnsal wird schnell ein reißender Fluß. Vor ein paar Jahren soll dies auch ein paar Jeeps nebst Besuchern weggerissen und umgebracht haben.

Pannorama am Pinatubo - der Gipfel versteckt sich linkerhand

Pannorama am Pinatubo – der Gipfel versteckt sich linkerhand

Wir verlassen das Tal und biegen in eine kleine, schmale Schlucht ein, an der sich der Fahrer mit Müh und Not entlang des Baches weiterquält. Dann stehen wir vor ein paar offenen Hütten, die lose im grünen Gras herumstehen. Dort gibt es zwei Wasserbecken – und vier ältere Herrschaften in Badeanzügen, die im Wasser liegen. Und was mauß ich da hören – Deutsch natürlich. Im Eingangsbereich steht ein Schild voller Hangul (koreanisches Alphabet) mit ein paar wenigen Schriftzeichen darüber. Nun kann ich zwar Hangul lesen, aber viel bringt es mir nicht, da ich die meisten Wörter nicht verstehe. Die 4 Schriftzeichen reichen auch zur Erklärung: Schwefelquellen-Fußbad. Aha. Ich will den anderen Reisenden die Freude nicht verderben und erspare mir die Bemerkung, dass dies nur ein Fußbad ist.

Landschaft am Talende

Landschaft am Talende

Mein wortkarger Guide schockt mich ein wenig später, als er mich fragt: “Warum gehst Du nicht zum Gipfel?” Wie jetzt. Ich erkläre ihm, dass mir die Parkleitung verboten hat, so spät zum Gipfel zu starten. Er winkt nur ab und sagt “Ach, kein Problem. Lauf einfach los.” Und das hätte ich auch liebend gerne gemacht, aber dummerweise hatte ich meinen Sonnenschutz in Form in einer Hutbedeckung und Sonneschutzcreme in der Station eingeschlossen, und ohne die komme ich nicht weit. Davon mal abgesehen sollen wohl Auf- und Abstieg um die 5 Stunden dauern, und das klang nach Ärger – entweder mit der Parkleitung oder meinen anderen Fahrer. Und wer weiß, ob die drei mürrischen Gestalten überhaupt warten würden. Also verwerfe ich den Gedanken an einen Aufstieg – zum zweiten Mal.

Schule im Aeta-Dorf

Schule im Aeta-Dorf

Wir fahren wieder Richtung Dorf, aber auf dem Weg dorthin steht noch ein Programmpunkt an: Der Besuch eines Dorfes der Aeta – eines Stammes mit rund 50,000 Mitgliedern, die schon immer am Pinatubo siedelten, aber während der Eruption in alle möglichen Gegenden evakuiert wurden. Nun haben sie wieder ein Dorf gebaut – mit nagelneuer Kirche, gespendet von koreanischen Missionaren. Südkorea scheint in der Gegend sehr aktiv zu sein. Das Dorf sieht man vom Tal nicht. Irgendwo halten wir an einem unglaublich steilen Weg, den selbst das Fahrzeug nicht bewältigen kann. Wir beginnen hochzulaufen, aber der etwas beleibtere Fahrer zögert. Mein stummer Guide ruft ihm lachelnd irgendwas zu, in etwa “Murmel brabbel EXCERCISE brabbel rhabarber”. Das habe sogar ich verstanden. Der Dicke keucht daraufhin ebenfalls den Hang hoch. Und wir stehen mitten im Dorf, aber so richtig mag ich so etwas nicht. Soll ich hier rumrennen, Kinder tätscheln und alte Leute fotographieren? So richtig ist das nicht meine Sache. Ein paar Kinder nähern sich neugierig, und meine Begleiter unterhalten sich mit ein paar der älteren Leute. Die Haut der Aeta ist so dunkel, dass man sich kurz in Afrika wähnt.

Blick vom Dorf auf das Tal und den Lahar

Blick vom Dorf auf das Tal und den Lahar

Wir machen uns auf den Rückweg, und nun klappt es sogar mit der Unterhaltung. Meine Begleiter scheinen ganz lustig zu sein und aus der Gegend zu stammen. Mit dem Jeep brausen wir durch die leere Ebene nach Santa Juliana zurück und trennen uns dort. Ein Lakai führt mich sofort zu Tisch. Ich hatte die Wahl zwischen koreanischem – welch Überraschung – und philippinischem Essen. Ich habe mich für letzteres entschieden, denn Koreanisch kann ich an jeder Straßenecke in Japan essen. Und das Essen war gut, wenn auch mal wieder viel zu viel. Warum nur muss man hier so viel auftischen? Interessant waren die kleinen Bananen, die sicherlich aus heimischer Produktion stammen, denn die waren richtig gut. Ich bin weder Bananenfan noch Bananenhasser, eher ersteres, wenn überhaupt, aber diese Exemplare sind etwas besonderes.

Nochmal Landschaft. Mit Wolken.

Nochmal Landschaft. Mit Wolken.

Reichhaltiges Essen. Duschen. Danach eine Massage auf einer weiten, spiegelglatten und überdachten Holzbühne. Bloß nicht auf den Bauch drücken. So muss man sich also als Tourist fühlen! Leise trauere ich jedoch immer noch dem verpatzten Aufstieg nach.

Nach einer Weile finde ich auch meinen Fahrer wieder. Er sagt mir, dass wir 50 Pesos für den Parkplatz zahlen müssen. So viel zum Thema alles im Preis enthalten, aber was soll’s. Ich habe nur 100 Pesos, er sagt, das gehe auch. Für den alten Mann, dem das Haus nebst Parkfläche gehört. Beziehungsweise für seine Medizin. Ich sehe den Mann kurz an und glaube ihm sofort. Der Mann sieht nicht gut aus.

Es geht wieder zurück. Unterwegs bitte ich den Fahrer noch, an einem großen, recht neuen Mahnmal anzuhalten, dass da in der Landschaft herumsteht und den Opfern des Todes-Marsches von Bataan gewidmet ist. Ja, die Japaner. Zimperlich waren sie damals nicht im Krieg – was man, wenn man japanische Männer heute so sieht – sich kaum vorstellen kann.

Bataan-Marsch-Denkmal

Bataan-Marsch-Denkmal

Am späten Nachmittag brausen wir gen Manila zurück, und werden umgehend vom Smog erschlagen. Es wird plötzlich diesig, warm und sehr schmutzig. Der Kontrast ist atemberaubend, im wahrsten Sinne des Wortes.

Den nächsten Tag sollte ich noch in der Gegend verbringen – und zwar in Quezon City, welches zum Hauptstadtbezirk Metro Manila gehört. Da gibt es zwar nicht viel zu sehen, aber die Stadt ist irgendwie aufgeräumter und erfrischender als Manila selbst. Auch hier wird, wie überall scheinbar auch, sehr viel gebaut. Man spürt es deutlich: Die Philippinen befinden sich im Aufschwung, und das hat das Land nach all den Diktatoren und Okkupanten auch verdient. Ich kehre bestimmt wieder hierher zurück. Aber nächstes Mal lasse ich ganz sicher Manila weg – ein Mal reicht!

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Philippinen III

Januar 8th, 2013 | Tagged | 3 Kommentare | 877 mal gelesen

Fortsetzung von Teil I und Teil II.

Der zweite, volle Tag bricht an. Und das Wetter sieht schlecht aus. Von der Stadt habe ich erstmal genug, und ich bin eigentlich auch nicht hier, um von einer Riesenstadt zur nächsten Riesenstadt zu reisen. Ich bin wegen der Vulkane hier. Und heute soll es der Taal-Vulkan sein. Das Konzept ist einfach: Großer See auf einer Insel (Luzon). Im See auf der Insel: Eine Insel. Der Taal-Vulkan. In der Insel auf dem See auf der Insel: Ein See. Auf dem See auf der Insel im See auf der Insel: Eine winzige Insel. Ganz einfach, eigentlich. Ich hatte mich in der Nacht zuvor beim Hotelpersonal dazu erkundigt: Wieviel würde es kosten, ein Auto nebst Fahrer zu mieten, der mich zum Vulkan bringt. 4,000 Pesos (also rund 80 Euro) war die Antwort, aber die relativ kurze Entfernung (70 km) und ein bisschen Abenteuerlust liessen mich zu dem Entschluß hinreißen, das ganze selbst in Angriff zu nehmen. Wenn man zum Taal-Vulkan will, muss man erstmal nach Tagaytay. Busse dorthin fahren vom Busbahnhof in Pasay (technisch gesehen nicht mehr Manila, sondern eine eigene Stadt).

Vorher heißt es Frühstück fassen. Dieses Mal habe ich “Würstchen” und “Toastbrot” angekreuzt. Die Würstchen sind mir sehr suspekt und das Toastbrot… nun ja. Dann schnappe ich mir ein Taxi, das mich zum Busbahnhof in Pasay bringen soll. “Hast Du ein Taxameter?” frage ich den Fahrer. Er grinst und sagt ja. Kaum sitze ich, sehe ich auch das Taxameter – natürlich ausgeschaltet. Er will es auch nicht anschalten. Wir einigen uns auf 200 Peso. Er beginnt, mich auszufragen – woher, wohin, wieso, weshalb. Er erklärt mir leidenschaftlich, warum ich nicht mit dem Bus fahren soll. “Schläfst Du gern im Bus? Dann ist ruckzuck Dein Gepäck weg!”. Natürlich kennt er die Alternative: Für 2’000 Peso kann er mich zum Vulkan bringen. Der Verkehr wird derweilen immer zäher, und die Zeit sehe ich davonrinnen. Also lenke ich irgendwann ein und sage: “Wenn 1’500 Pesos ok sind, dann bring mich zum Vulkan”. Er sagt “1’800″. Ich sage “1’500″. Er sagt “Na gut.”

Also geht es mit dem Taxi am Busbahnhof vorbei durch ein hochmodernes Gewerbegebiet mit der nagelneuen “Mall of Asia”, an den Flughäfen vorbei, durch Slums und erneut an modernen Einkaufszentren vorbei immer weiter Richtung Süden. Der Verkehr ist streckenweise ein Alptraum – Himmel und Hölle sind in Bewegung. Auffällig sind zahlreiche kleine Kirchen, manche sehen eher aus wie ein umgewandelter Schuppen. Überall kann man lesen, wie lieb einen Gott hat und wie lieb die Menschen wiederum Jesus haben. Die nagelneuen Einkaufszentren und all die vielen, kleinen Händler, vor allem in den Slums, fallen ebenfalls auf. Ich mache mir so langsam Sorgen: Wird denn in diesem Land auch etwas produziert? Oder nur konsumiert? Jeder Zweite scheint irgendwie damit beschäftigt zu sein, irgendwas zu verkaufen. Davon wird man als Autofahrer oder Buspassagier nicht verschont, da an vielen Ampeln wahrhaftig fliegende Verkäufer ihre 10-Peso Snacks und was auch immer verkaufen.

Fliegender Händler beim Besteigen eines Busses

Nach mehr als zwei Stunden kommen wir endlich in Tagaytay an. Ein kleiner Ort, wie es scheint, und der Fahrer hält an der Rotunda, einem Verkehrskreisel mit einem deplatziert wirkenden Weihnachtsmann in der Mitte. Ach ja, es ist ja Weihnachten. Der Fahrer sagt “one thousand eight hundred pesos please”, aber ich erinnere ihn dezent an unser “agreement” und gebe ihm 1’500 Pesos – und kein Trinkgeld, denn ich bin mir sehr sicher, dass ich weit mehr bezahle als üblich.

Mir bleiben nach dem Aussteigen nur eins, zwei Sekunden Zeit, mich über die angenehm kühle und überraschend klare Luft zu wundern, denn sofort werde ich von guides bestürmt, die mich mit ihrem Tricycle sonstwohin bringen wollen. Alles, was ich jedoch erstmal will, ist ein paar Minuten Ruhe und etwas zu trinken. Also sage ich den Leuten “not now”. Einer bleibt hartnäckig, aber ich erkläre ihm noch mal, dass ich erstmal meine Ruhe haben will. Nun wird er etwas unwirsch und ruft mir irgendwas hinterher, was ich bestimmt nicht übersetzt haben möchte. Sieh an. Das Gros der Filipinos, die ich bisher getroffen habe, war einfach nur nett, aber natürlich gibt es auch hier Ausnahmen. Erstmal kaufe ich also etwas zu trinken und gehe dann zu einer Ballustrade, von der man einen schönen Blick über den Vulkansee hat. Beziehungsweise hätte haben sollen, denn das Wetter ist sehr durchwachsen, Teile der Kraterwand sind wolkenverhangen (eigentlich ist der komplette See ein alter, gigantischer Krater). Dem Wetter entsprechend gibt es kaum Besucher ausser mir, und das erklärt auch die Ungeduld des Tricyclisten Minuten vorher. Wenn man den ganze Tag umsonst auf Beute, ähm, Kunden wartet und dann abgebürstet wird, ist das sicherlich frustrierend.

Gefangen im Tricycle-Beiwagen oder Dezentes Selbstportrait

Wie immer laufe ich erstmal los, aber mir kommen schnell Zweifel, denn ich habe keine Karte, das Seeufer scheint etliche Kilometer entfernt zu sein und es sieht nach Regen aus. Ein Tricycle fährt an mir vorbei, vorsichtig Blickkontakt suchend, und ich deute mit einem Nicken an, dass ich interessiert bin. Das ist fast wie bei der Balz. Ich sage ihm, dass ich zum Ufer möchte – dorthin, wo die Boote zur Insel abfahren. Tricycles haben keine Taxameter – man muss den Preis aushandeln. Er sagt 200 Pesos, und ich habe keinen Schimmer, ob das ehrlich ist oder nicht, aber der See ist wirklich etliche Kilometer entfernt und liegt weit unten, und 4 Euro sind nicht die Welt, also sage ich einfach ja. Und zwänge mich in das kleine Aluminiumgerüst, dass da selbstgebastelt und wie eine Seepocke an dem billigen chinesischen Kreidlerverschnitt klebt. Nein, einen Unfall möchte ich mit dem Ding nicht erleben – ein kleiner Zusammenstoß von der Seite, und es bleibt dem Bestatter nichts anderes übrig, das arme Opfer gleich in der Aluminiumverschalung zu beerdigen.

Mit einem Ferrari-Tricycle unterwegs

Wie es sich umgehend herausstellt, bin ich natürlich in die falsche Richtung gelaufen. Er fährt ein paar hundert Meter zurück, tankt erstmal gemächlich und dann geht es nur noch abwärts, immer die Serpentinen herunter. Vor jeder Kurve hupt er wie besessen, was zwar nach der 100sten Kurve nervt, aber mir immer noch lieber ist, als in einer Aluminiumdose beerdigt zu werden. Es müssen so um die 15 Kilometer sein, bis wir an einem beschaulichen Ort namens Talisay am Seeufer ankommen. Er fährt weiter zum Ufer – dort stehen Holzhütten herum und ein paar bunte Boote liegen im Wasser. Das ganze ist gleichzeitig ein Restaurant. Angestellte kommen auf mich zu, und schnell erklärt mir jemand, dass heute keine Boote fahren. Wetter schlecht – keine Boote. Die Polizei wacht darüber. Tja, dumm gelaufen, aber ob ich etwas essen möchte? Klar, warum nicht. Hunger habe ich reichlich.

Die Vulkaninsel. Mit Boot. Mal fahren sie, mal nicht...

Neben mir gibt es noch einen anderen Ausländer mit philippinischer Begleitung. Der Tricycle-Fahrer ist mittlerweilen nicht faul und deutet an, dass er mich auch zurückfahren kann – wann immer ich möchte. Er ist ein angenehmer Zeitgenosse, sehr freundlich und kein bisschen aufdringlich. Er erklärt mir ein paar Sachen über den See und den Vulkan und das Leben schlechthin. Ich stehe jedenfalls noch eine Weile dumm unter den Palmen am Wasser rum und schaue zum Vulkan herüber, der da, ziemlich klein und kompakt, aus dem See ragt. Also auf ein anderes Mal. Die Restaurantfachkräfte sind derweilen wieder verschwunden, aber irgendwann bekomme ich jemanden zu fassen, und frage, wo denn nun die Speisekarte sei, die man mir vorhin bringen wollte. Mir wird daraufhin kurz und knapp erklärt, dass die Köche nicht kochen wollen, da ja keine Gäste da sind. Aha. Weiter zu warten bringt nicht viel, zumal es leicht zu regnen anfängt. Der Tricycle-Fahrer meinte zuvor, dass er mich für ingesamt 500 Peso wieder hochfährt. Einfache Fahrt 200, Hin- und Rückfahrt 500? Das geht nicht so recht auf, aber was soll’s. Wahrscheinlich würde er das ganze damit begründen, dass es hinzu ja nur bergab fährt (währenddessen er tatsächlich gelegentlich den Motor abstellte). Immerhin wartete er ja auch geduldig. Also geht es wieder hoch. Zwischendurch hält er an einer Stelle mit sagenhafter Aussicht über den See an, und dafür bin ich ihm sehr dankbar. Er versucht zudem, mich zu vertrösten: Komme einfach wieder, und hier ist meine Telefonnummer – ruf mich vorher an, und ich kann Dir sagen, ob die Boote fahren oder nicht. Soso. Dann hättest Du das ja womöglich heute auch vorher sagen können! Aber ich kann es ihm nicht verübeln.

Blick auf einen Teil des Vulkan-Sees mit Insel

Wieder oben angekommen, setze ich mich – recht hungrig nun – in ein Restaurant und wähle aus der zum Glück mit Bildern bestückten Speisekarte – ohne Preise, wohlgemerkt – etwas aus, dass gut aussieht. Was es genau ist, sieht man nicht so richtig, aber es wird ein gebackenes Schweinebein. Mit einer Tunke aus Sojasauce, Chili, Knoblauch, Essig… und einer großen Portion Reis. Der Kellner grinst mich an: “Might be quite a lot for one person”. Na schönen Dank auch! Ein ganzes Schweinebein mit einer Riesenportion trockenen Reis’ – ja, das könnte in der Tat eng werden. Während ich esse, grübele ich: Soll ich mir den Rest einpacken lassen und mit nach Manila nehmen und jemanden dort auf der Straße geben? Ich verwerfe den Gedanken wieder. Wird bestimmt auch hier nicht weggeworfen.

Nach dem oppulenten Mahl – gerade mal die Hälfte war machbar – bin ich fest entschlossen, dieses Mal mit dem Bus zurückzufahren. Und siehe da, ich laufe nicht mal eine Minute, als ein Bus an mir vorbeifährt und der Fahrgastfänger mir zuruft: “Pasay! Manila!!!”. Ich steige ein und bezahle kurz nach dem Einsteigen – 80 Peso. Zum Vergleich – Taxi: 1’500 Peso. Und der Bus sollte nicht wesentlich langsamer sein. Ich stehe auch nur ein paar Minuten, bis ein Platz frei wird. Neben mir setzt sich kurz darauf eine bebrillte, ca. 50 Jahre alte Frau ein, die sofort ein Gespräch beginnt. Auch sie ist eine Frohnatur und plaudert munter vor sich hin. Auch sie ist ein durchaus angenehmer Gesprächspartner mit viel Humor. Und ich solle doch unbedingt mal ihren Neffen in Japan besuchen, der dort Gebrauchtwagen verkauft. Und hier ist mein Name, und finde mich doch auf Facebook! und und und.

Es ist schon fast 6 Uhr abends und dunkel, als wir im Busbahnhof von Pasay EDSA ankommen – ein brodelndes Gemenge aus tausenden Menschen, hunderten Imbissständen und unzähligen Bussen. Ein großes Areal, in dem es fast unmöglich erscheint, den richtigen Bus zu finden. Irgendwie kämpfe ich mich durch die Menschenmassen zur Hochbahn. Das ganze gleicht einem Ameisenhaufen, aber wenn man sich in der Menge treiben läßt, kommt man schon irgendwie durch. Mit der Hochbahn geht es schließlich in recht kurzer Zeit in Hotelnähe.

Merke: Schweinebein kann gut schmecken - ist aber etwas viel für eine Person

Und gleich geht es weiter – erst zu einem Café namens 1951, das vorher wohl als Penguin Café bekannt war. Ein sehr schön ausgestaltetes Café / Restaurant mit viel Kunst und gediegener Atmosphäre – vor allem, da kaum Gäste da sind. Ein Ort der Ruhe, wie man ihn in Downtown Manila wirklich suchen muss. Ich gönne der philippinischen Küche bei der Gelegenheit eine Pause und bestelle Quesadillas, und die sind gar nicht mal schlecht. Den Abend lasse ich in einer Musikbar namens Ka Freddie’s ausklingen. Auch dort ist es sehr ruhig – wahrscheinlich, weil man 100 Peso Eintritt zahlen muss und ein Bier 120 Peso kostet (in vielen anderen Kneipen in der Gegend kostet ein Bier hingegen nur knapp 40 Peso). Wie auch am Vortag in einer anderen Tränke treffe ich auf Deutsche – überhaupt soll ich in Manila schließlich weit mehr Deutsche als alles andere treffen. Soll mir recht sein – in Japan habe ich so gut wie gar nicht mit Landsleuten zu tun.

Den Weg zum Hotel finde ich nachts nun schon mit verbundenen Augen. Die Prostituierten auf dem Weg dorthin sind zum Glück auch nicht zu aufdringlich – als beste Waffe erscheint mir die folgende Unterhaltung:

“Sorry, not interested” – “But why?” – “Because I’m married”

Ha, als ob alle Freier unverheiratet wären! Aber der Satz klingt so schön treudoof, dass ich nie eine Widerrede gehört habe. Und die Begründung ist noch nicht mal gelogen. Auch wenn sie treudoof klingen mag.

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Philippinen II

Januar 6th, 2013 | Tagged | 2 Kommentare | 804 mal gelesen

Fortsetzung von Philippinen I.

Da bricht er also an, mein erster Morgen auf den Philippinen. Der Morgen ist schwer als solcher erkennbar, da das Fenster im Hotelzimmer so klein ist, aber das hat seine Richtigkeit: Wäre es größer, wäre es heißer und lauter im Hotelzimmer. Ich schlurfe den Gang entlang und die Treppen herunter zum Hotelrestaurant. Unterwegs begegne ich einem halben Dutzend Hotelangestellten an allen Ecken und Enden, die mir alle lächelnd ein “G’morning, Sir!” an den Kopf werfen. Wie schön – so fühlt man sich also als Neo-Kolonialist. Auf mein im Preis enthaltenes Frühstück muss ich nicht lange warten. Auf der am Vorabend eingereichten “Frühstückswunschliste”, auf der ich meine Preferenzen ankreuzen sollte, hatte ich “Gebratenes Rindfleisch” und “Knoblauchreis” angekreuzt, dazu Kaffee, denn wenn man schon mal hier ist, will man ja schließlich was einheimisches probieren.
Leider bin ich aufgrund meiner vielen Jahre in Japan in Sachen Reis sensibilisiert: Der Reis schmeckt kaum nach etwas und kann problemlos die dereinst in Deutschland so oft propagierte “Uncle Ben’s Gabelprobe” bestehen, nach der Reiskorn für Reiskorn einzeln von der Gabel fällt. Dazu gebratene Rindfleischfetzen – ohne Sauce. Und die Reisportion war riesig. Körniger Reis ohne Sauce also. Ich werde wohl nach Alternativen Ausschau halten, auch wenn das Fleisch in Ordnung ist. Der Kaffee hingegen schmeckt wie Knüppel auf den Kopf, aber das ist nach ein paar Bissen Knoblauchfleisch sowieso irrelevant.

Rizal-Park

Es geht raus ins versmogte, heiße Manila. Nach zahllosen Reisen bin ich noch immer der festen Überzeugung, dass man einen Ort nur verstehen lernt, wenn man ihn sich erläuft. Sicher könnte ich mit Taxi oder Jeepney oder Tricycle (Motorradtaxi mit selbstgebasteltem Beiwagen) von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hechten – vor allem in Manila ist das preislich kaum der Rede wert – aber man würde nichts sehen ausser den ausgetrampelten Touristenpfaden.
Erstmal geht es zum großen Rizal-Park. Aha, ein großer Park – mit Teich, Springbrunnen, Denkmälern, Buden und was auch immer. Ich komme an einer Rizal-Gedenkstätte vorbei und werde von einem älteren Menschen, der sich als Paul vorstellt, angehalten. José Protacio Rizal Mercado y Alonso Realonda, kurz José Rizal ist DER philippinische Nationalheld. Geboren 1861, wurde er mit nur 35 Jahren von den damaligen Kolonialherren, den Spaniern, wegen vermeintlichen Landesverrats hingerichtet. Rizal war Dichter, Arzt, Künstler, Sprachgenie, Revolutionär und gilt als der erste philippinische Wissenschaftler. Was man halt so macht, bevor man mit 35 Jahren erschossen wird.

Ich begegne Paul mit Skepsis. Was will er? Will ich hier wirklich eine private Führung oder mir alles lieber selbst erschließen? Aber er ist zu liebenswürdig. Ich bezahle die 20 Peso (0.50 Euro) Eintrittsgeld, und Paul zeigt und erklärt die gesamte Gedenkstätte. Und verschwindet irgendwann von selbst. Nein, Paul ist offensichtlich nicht auf Pesos aus, sondern daran interessiert, Besucher wissen zu lassen, was hier wie und warum und seit wann gezeigt wird. Und er ist eine Quelle zahlreicher interessanter Informationen. Gedenkstätten wie diese brauchen Leute wie Paul.

Modernes Manila komplett mit Müll

Weiter geht’s. Ich will zum Ufer, aber der Weg ist versperrt. Ich komme an einem Vergnügungspark vorbei und an einer Paradestrecke. Alles ist schön gleichmäßig mit Müll übersät, und überall sind Menschen, die dort irgendwie im Freien übernachten. Die Philippinen sind überwiegend katholisch, sehr kinderreich, und der neue Reichtum hat sich noch nicht herumgesprochen. Eine Zusammenfassung des Landes in einem Satz.

Nach einer Weile komme ich an einem wunderschön gepflegten Golfplatz mitten im Zentrum vorbei – darin versteckt liegen Befestigungsanlagen. Das also ist Intramuros (wörtlich: Innerhalb der Mauern), die alte spanische Festung. Irgendwann komme ich sogar am Eingang an, wo mich sofort Reiseführer belagern, die mir ihre Dienste anbieten. Darauf habe ich allerdings keine Lust. Später vielleicht, jetzt nicht. Die Führer sind enttäuscht. Bald komme ich am Pasig-Fluss an und beschliesse, meine Beine weiterlaufen zu lassen. Über die Jones Bridge geht es nach China Town – erstmal zur alten Kirche St. Lorenzo Ruiz am gleichnamigen Platz. Der Verkehr auf dem langgestreckten Platz ist mörderisch. Ein völlig chaotisches Wirrwarr aus Autos und Jeepneys umkreist den Platz wie Schmeißfliegen einen Kuhfladen. Zur grünen Platzmitte zu kommen ist ein echtes Abenteuer, aber der Verkehr ist gottseidank zäh genug, um die Straße unbeschadet zu überqueren. Normalerweise kein Starbucks-Fan, bin ich doch froh, einen Starbucks-Laden zu sehen. Ahh, Kaffee! Der Cappucino kostet 120 Pesos, also gute 2 Euro – ein stolzer Preis, wenn man die Lage bedenkt. Ein Mann mit Pistole im Holster und lupenrein weißem Hemd öffnet mir die Tür. Überhaupt Security – alle Banken werden von freundlichen Männern mit martialisch aussehenden Second-Hand-Pump Guns bewacht.

Dies war mal ein Fluß

Mittlerweilen hat es zu regnen begonnen. Macht nichts, denke ich, denn gleich neben dem Platz ist ein quirliger Straßenmarkt, da wird es doch bestimmt auch Regenschirme geben. Dem ist allerdings nicht so – es gibt nirgendwo etwas, was man als Regenschirm verwenden könnte. Und tatsächlich, nur sehr wenige scheinen einen Regenschirm zu besitzen. Der Rest verkrümelt sich irgendwo unter Dächer oder beeilt sich, aus dem Regen zu kommen. Aber so stark regnet es zum Glück noch nicht. Also laufe ich weiter, zurück zur Kirche und ins Viertel Binondo. China-Town, zu erkennen an zahlreichen chinesischen Restaurants und Apotheken. Eine Kloake durchzieht das Viertel – das Wasser stinkt und ist voller Müll. Eine funktionierende Stadt kann man in der hiesigen Zeit an ihrer Infrastruktur und dem Zustand der Gewässer im Stadtgebiet messen. Demzufolge gibt es in Manila noch sehr, sehr viel zu tun. Die Straßen in der Gegend sind eng und sehr belebt. Bei einem der chinesischen Restaurants mache ich Halt und esse zu Mittag. An der Carriedo Fountain vorbei geht es weiter, bis ich plötzlich am Bahnhof Carriedostehe.

Markt in der Carriedo St.

Unter dem Bahnhof und in der am Bahnhof beginnenden, gleichnamigen Straße geht es wüst zu: Ein gigantischer Straßenmarkt mit mehr oder weniger fliegenden Händlern, die einfach alles verkaufen. Der blanke Wahnsinn spielt sich hier ab, und als Reisender fällt man auf wie ein bunter Hund. Der Trubel kulminiert vor der Quiapo-Kirche und der näheren Umgebung und geht auch im Fußgängertunnel hinter der Kirche weiter. Der Regen ist mittlerweilen recht stark, aber im Tunnel entdecke ich einen Verkäufer, der Regenschirme für 150 Peso verkauft. Die Verkäuferin fragt mich bei der Gelegenheit “Regnet es etwa draußen?”. Aber nicht doch.

Ich laufe noch etwas weiter, bis zur Goldenen Moschee, die der Stadt vor etlicher Zeit von Gaddafi gespendet wurde. Die Gegend um die Moschee sieht schon etwas, nun ja, anspruchsvoller aus, was das Herumstrolchen als Europäer anbelangt. Hier möchte man nicht auffällig werden, aber natürlich wird man von allen angestarrt. Die Frage “Was will denn der hier?” steht allen ins Gesicht geschrieben. Im Moscheebereich scheinen Heerscharen von bettelnden Kindern zu wohnen. Denen ich kein Geld gebe, denn aus Prinzip gebe ich bettelnden Kindern nichts. Egal wo. Und das nicht, weil ich Kinder nicht mag, sondern weil ich sie mag. Ich beschliesse, mich von dieser Seite des Flusses zurückzuziehen und laufe zur McArthur Bridge. Plötzlich sind drei Kinder hinter mir, und der älteste von ihnen, vielleicht um die 12 Jahre alt, zieht von hinten an meiner Tasche. Allerdings so halbherzig, das ich nicht sicher bin, ob er versuchte, sie zu klauen oder einfach nur meine Aufmerksamkeit erregen wollte. Die drei sind schon etwas aggressiver, aber konzentrieren sich ziemlich schnell auf einen anderen Passanten.

Bald gelange ich wieder an den Außenmauern von Intramuros, dieses Mal auf der anderen Seite, an. Ein junger Mann heftet sich dort plötzlich an meine Fersen. Ich habe Durst vom vielen Laufen und trinke einen Schluck grünen Tee, den ich am Vortag noch in Japan gekauft hatte und seitdem mit mir rumschleppe. Er sieht das und fragt:

“Can you give me some water, Sir?”

Er sieht nicht so aus wie jemand, dem ich meine Wasserflasche geben – und danach zurückverlangen würde. Viel ist nicht mehr in der Flasche, aber ich sage:

“Sure. Just keep it. It’s green tea, though”.

Er trinkt etwas, sieht aber noch immer nicht ganz glücklich aus.

“Do you have some food?”

“Errh, no. Sorry, I don’t have anything with me.”

Ich deute dabei auf meine kleine Tasche, in die wirklich nicht viel reinpasst. Er sieht etwas unglücklich aus. Ich verabschiede mich freundlich und laufe weiter. Und merke, dass er mir folgt. Das gefällt mir nicht, und ich bleibe stehen, um so zu tun, als ob ich den Golfplatz bewundere. Er nähert sich wieder und sagt:

“I can give you blowjob”

Weia. Mit dieser Wendung habe ich nicht gerechnet. Ich lehne dankend ab und er läßt mich hernach auch in Ruhe. Aber irgendwie beschäftigt mich diese Begegnung noch eine Weile: Er hat nicht um Geld gebettelt – das war wahrscheinlich unter seiner Würde. Im Nachhinein bereue ich es schließlich, ihm nicht ein paar Pesos gegeben zu haben. Stattdessen war es nur grüner Tee, der ihm wahrscheinlich nicht sehr weit half.

Nach rund 20 Kilometer Fußmarsch gelange ich wieder am Hotel an, aber laufe gleich noch ein bißchen weiter. Nach einer Weile stehe ich plötzlich vor der Robinson’s Mall – ein riesiges, vierstöckiges Einkaufszentrum, das sich vor denen in Japan und den USA nicht verstecken braucht. An den Eingängen läuft man durch Metalldetektoren; das Gepäck wird halbherzig vom Wachpersonal untersucht – getrennt nach Männchen und Weibchen, versteht sich. Der Kontrast könnte kaum größer sein zum Manila, das ich vorher in der Nähe der Moschee sah. Das Einkaufszentrum durchquere ich schnell, aber es dauert eine ganze Weile.

Alles adobo: Fleisch mit sehr, sehr viel Reis

Am Abend beschließe ich, der philippinischen Küche auf den Grund zu gehen und gehe in ein laut Reiseführer “Gourmet-Restaurant” für die hiesige Küche. Dort spielt eine kleine Combo Musik – die drei lustigen Musikanten gehen von Tisch zu Tisch und spielen Lieder, die der Nationalität der Speisenden angepasst sind: Simon & Garfunkel und was weiß ich für Amerikaner… und ein paar traditionelle japanische Lieder für die Japaner am Nebentisch. Sie sind gar nicht mal schlecht. Weil ich allein bin, werde ich ausgelassen, und das soll mir recht sein. Das Menü erschlägt mich regelrecht, also frage ich, was man mir empfiehlt. Das Ergebnis: Große Brocken Fleisch mit ein bisschen Sauce auf einem Bananenblatt – und eine ungehörig grosse Portion körnigen… Knoblauchreis. Das Verhältnis von Beilage und Reis ist einfach nur verkehrt. Wer kann so große Mengen Reis mit so wenig Beilage essen? Ich jedenfalls nicht. Das Fleisch ist adobo gekocht – also mit Knoblauch und Essig. Es schmeckt, aber allmählich verstehe ich, warum es keine philippinischen Restaurants in Japan gibt: Die Sachen sind essbar, aber nicht unbedingt spektakulär. Aber ich bin mir sicher, dass es viele versteckte, kulinarische Spezialitäten in diesem Land gibt – aber es wird wohl mehr als ein paar Tage und ein Besuch in der Hauptstadt brauchen, um diese zu finden. Zur Not bleiben dann eben die zahlreichen chinesischen, koreanischen und japanischen Restaurants, die es in Hülle und Fülle gibt. Aber all das bekomme ich in Japan auch, und wahrscheinlich besser.

Und so geht Tag 1 zu Ende. Insgesamt waren es wohl um die 30 Kilometer. Das sollte für den ersten Tag reichen.

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Philippinen I

Januar 4th, 2013 | Tagged | 4 Kommentare | 714 mal gelesen

Es ist 17 Uhr abends am ersten Weihnachtsfeiertag, und ich warte auf mein Flugzeug. Das soll 18 Uhr abheben und mich ins 3’500 km entfernte Manila bringen. Mit mir warten hunderte Andere, und wie es scheint, sind die meisten Wartenden Pinoys1. Davon gibt es besonders viele in Japan. Vor mir sitzt ein Ehepaar – er ein Japaner älteren Semesters, schon etwas tatterig, und sie mindestens 30 Jahre jünger, mit Sonnenbrille im dunklen Wartebereich, und zwischen den beiden zwei Plätze Abstand.

“Was ist Deine Sitzplatznummer?”

monsterte sie ihn an.

“Häh?”
“Deine Sitzplatznummer! Da, auf dem Flugticket”

er kramt herum, findet aber die Nummer auf dem Ticket nicht.

“Na, Hauptsache, Du sitzt nicht neben mir, Du alter Sack!”

Das hat man also davon, wenn man die aus dem Katalog bestellte Ehefrau nicht altersgerecht hält. Das sollte auch nicht der letzte Dialog sein. Er hatte mittlerweilen eine Flasche Makgeolli2 geköpft und begonnen, sich die Brühe hinter die Binde zu gießen. Sofort geiferte sie los:

“Wo hast Du das her?”
“Vorhin irgendwo da gekauft”
“Wo ist meine Flasche? Los, geh mir auch eine kaufen!”

Ein paar Minuten später kam er wieder. Mit einer großen Flasche japanischen Reisweins, denn Makkori gab es in der näheren Umgebung offensichtlich nicht. Und natürlich fing er sich damit sofort wieder Schelte ein. Aber das war mit Makkori im Kopf nun wahrscheinlich erträglicher.

Rund 4 Stunden später schweben wir in Manila ein. Es ist sehr warm, es ist schwül, und die Luft ist irgendwie schlecht. Ich habe nur Handgepäck und stehe damit keine 15 Minuten nach dem Aussteigen bereits in der Hitze der Stadt. Ohne einen Peso, denn alles hat schon zu um diese Zeit. Nach ein bisschen Herumirren und Herumfragen finde ich doch noch eine Wechselstube und tausche meine hartverdienten Yen in bunte Peso-Scheine. Kurs 2:13 – das rechnet sich wenigstens einfach.

Immerhin hatte ich im Flugzeug schon damit begonnen, mich auf die Reise gründlich vorzubereiten. Fazit der Lektion: Ein vorbezahltes, “sicheres” Taxi in die Innenstadt kostet wohl 550 Pesos, ein normales Taxi, sprich mit einem Fahrer, der einen oftmals einfach nur übers Ohr hauen möchte, im besten Fall 200 bis 300 Pesos.
Nun ist in einem Land wie den Philippinen der Internationale Flughafen einer der besten Orte, um von Taxifahrern nach Strich und Faden ausgenommen zu werden. Ich bin mir sicher, dass Taxifahrer, egal wo, Ortsunkundige bereits am Geruch erkennen. Wahrscheinlich haben manche sogar einen Radar im Auto, mit dem man den Adrenalinspiegel bleicher Touristen scannen kann. Je höher, desto Beute. Also tue ich das, was ich in solchen Fällen immer tue: Ich lasse mich nicht vom Taxi finden, sondern wähle mein Taxi selbst aus, indem ich ein paar Hundert Meter laufe und ein Taxi anhalte. Offensichtlich ging die Rechnung nicht ganz auf:

“To Ermita please”
“Ok”
“Where’s your meter? Can you switch it on, please?”
“Ehmm, it’s broken”
“Ok, how much then to Ermita?”

Taxifahrer antwortet wie aus der Pistole geschossen:

“1’400, Sir”4
“Wow, that’s way too much. Please let me out then”
“Why? How much do you want to pay then?”
“Around 300 is the standard fare, as far as I know”
“Ah. Well, it’s late already, so what about 400?”

Jeepney in Manila

Nun, es ist 11 Uhr nachts und 400 Pesos sind nicht die Welt, also stimme ich zu. So macht feilschen Spaß – von 1’400 auf 400 Pesos mit einem Satz. Ein bisschen Smalltalk, und keine 5 Minuten später stecken wir plötzlich in einem furchtbaren Verkehrsgewusel. Die Straße ist breit, sehr breit, aber es ist zwecklos, die Spuren zu zählen. Wahrscheinlich sind es 4. Praktisch sind es 6 bis 7, es wechselt von Sekunde zu Sekunde. Die Hälfte des Verkehrs scheint aus Jeepneys5 zu bestehen. Der Fahrer murmelt etwas von Fest und viel Verkehr. Aber kaum 15 Minuten später ist der Verkehr plötzlich verschwunden, und wir brausen nach Ermita im Zentrum von Manila. Anscheinend weiß der Fahrer nicht so recht, wo mein Hotel ist, aber irgendwie finden wir es doch. 400 Pesos wechseln ihren Besitzer (und später lese ich, dass man hier unbedingt Trinkgeld gibt – aber als Bewohner des trinkgeldlosen Archipels Japan muss ich mich erst wieder an dieses unlogische Konzept gewöhnen) und ich stehe vor dem Hotel.

Das Hotel trägt den klangvollen Namen Casa Bocobo, hat zwei Stockwerke und, wie es scheint, sehr kompetente Betreiber: Die Angestellten sind sehr freundlich, und alles ist blitzblank. Ich hatte – eigentlich unüblich – Flugticket und Übernachtung im Paket gebucht – ein Twin-Room mit Frühstück kostete mich so 4’000 Yen (also rund 40 Euro), und der Preis sollte sich als geechtfertigt erweisen.
Also die Sachen abgelegt und raus zu einem mitternächtlichen Bummel, um zu sehen, was in der näheren Umgebung so anliegt. In punkto Sicherheit sieht es eher bedenklich aus. Einige Ecken sind recht dunkel, und zwielichtige Gestalten irren durch die Nacht. Es ist schmutzig, und es wimmelt von Obdachlosen. In kürzester Zeit finde ich drei Convenience Stores und begebe mich so in einen 7-Eleven, um dort Getränke zu kaufen. Zum Beispiel Bier. Eine Flasche kostet 35 Pesos. Vor dem Schlafen verköstige ich zwei, drei der Getränke und werde plötzlich irgendwie schläfrig. Ich schaue mir das Etikett des Zaubertranks etwas genauer an: Red Horse heißt es, und hat sagenhafte 6.9 Prozent. Und so fallen die Augen…. langsam… zuuuuuuuuuu.

Fortsetzung folgt…

1 Umgangssprachliche Bezeichnung für im Ausland arbeitende / lebende Filipinos.

2 Trüber, naturbelassener Reiswein aus Korea. In Japan seit nicht allzu langer Zeit unter dem Namen マッコリ (Makkori) beliebt

3 Kurs zu dieser Zeit: 10’000 Yen = 4’760 Yen bzw. 1 Euro = 54 Pesos

4 Eine Anmerkung an dieser Stelle: Englisch ist aufgrund der babylonischen Sprachenvielfalt auf den Philippinen Amtssprache – neben Tagalog. Dementsprechend sprechen die meisten – mehr oder weniger gut – Englisch. Allerdings gibt es etliche Eigenarten. So werden Männer grundsätzlich mit “Sir” und Frauen mit “Ma’am” angesprochen.

5 Traditionelles Verkehrsmittel auf den Philippinen: Sieht von vorn aus wie ein Jeep, besteht meist aus zusammengehämmertem Aluminium, nicht selten mit Mercedes-Stern auf dem Grill und vielen bunten Zeichnungen an der Seite (von Superman bis zur Heiligen Jungfrau Maria) sowie einer überdachten “Ladefläche” mit zwei Sitzbänken, auf denen bis zu 16 Personen Platz nehmen können – Jeepneys sind Sammeltaxis, die auf festgelegten Routen fahren, die man allerdings überall anhalten kann. Die Motoren sind sehr stark – ein plötzlich beschleunigendes Jeepney klingt in etwa wie ein Podracer aus Star Wars. Allerdings sind die Aggregate auch wahre Drecksschleudern.

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Hindernislauf in Südkorea – Teil 2

August 16th, 2010 | Tagged , , | 6 Kommentare | 697 mal gelesen

Nach dem ersten Teil über die letzte kurze Tour nach Südkorea will ich den kurzen Reisebericht nicht unvollendet lassen.

Was vorher geschah: Anreise in Seoul, Hauptgrund Geschäftstreffen geplatzt. Brütende Hitze. Am nächsten Tag: Fahrt an die Ostküste bei strömendem Regen, vorbeiziehender Taifun verspricht, auch die nächsten Tage Bergwanderungen unmöglich zu machen – und das war eigentlich der Hauptgrund für den Abstecher an die Ostküste. Alternative: Fahrt an die nordkoreanische Grenze am nächsten Morgen. Ein zufällig am Abend kennengelernter Koreaner möchte mit – ich soll ihn am nächsten Tag um 10 Uhr anrufen.

Und so ging es weiter: Eigentlich will ich lieber allein los – erst recht, da besagter Koreaner nur ca. 100 Wörter Englisch kann, wobei er mir dabei um Längen voraus ist: Ich kann gerade mal Hallo, Tschüss, Danke und “Ein Bier bitte” sagen. Obwohl ich (erneut) festgestellt habe, dass Japanischkenntnisse mitunter nützlich sind: Der “Intercity-Busterminal” heisst “Shigai taaminaru” auf Japanisch, und “Sige tominar” (oder so) auf Koreanisch – ich brauche nur zu nuscheln und man versteht mich. Das ist aber eher eine Ausnahme. Andererseits das gleiche Phänomen wie auch in Japan: Man sagt etwas auf Koreanisch, wird aber nicht verstanden, da das Gegenüber die Kombination “grosser weisser Mann (mit Bart!)” + Koreanischkenntnisse als invalide Eingabe abtut und auf stumm schaltet – so sage ich einer jungen Dame in einem abstrusen Cafe “Hat Koppi juseyo” – “heissen Kaffee bitte”. Sie schaut mich an wie ein Alien, aber ein anderer Bediensteter hinter ihr sagt exakt die gleichen Wörter nochmal, mit der gleichen Intonation: “Hat!” … “Koppi!”.

Südkorea
Diskriminierung mal anders rum: Schild an einer Toilettentür (westliche Toilette) im Busbahnhof von Sok’cho. Die Übersetzung ist nicht 100% korrekt, auf Koreanisch steht dort nämlich nur “Oeguk-in chon’yo” – “Für Ausländer”, aber es impliziert in der Tat ein bisschen, dass Koreaner diese Toilette nicht nutzen sollen.

Ach ja – eigentlich will ich also nicht, aber da ich es versprochen hatte, rief ich doch den Koreaner an. Genauer gesagt zerrte ich eine Koreanerin im Hostel herbei, schilderte ihr die Lage und hielt ihr mein Handy ans Ohr. Antwort: “Teilnehmer vorübergehend nicht erreichbar”. Na sieh mal einer an, da hatte wohl noch einer kalte Füsse bekommen.

Also ging es allein los. Natürlich goss es in Strömen. Ich habe einen japanischen Reiseführer bei mir. Klar komme ich mir damit ein bisschen blöd vor, aber mein Lonely Planet von Korea ist über 10 Jahre alt, und wegen einer knappen Woche einen Neuen kaufen lohnt nicht. Zumal der japanische Reiseführer den Vorteil hat, dass Stadtpläne mit Schriftzeichen UND Hangul (koreanisches Alphabet) versehen sind – beides hilfreicher als lateinische Buchstaben.

Laut Reiseführer muss ich mit dem Bus knapp 50 km bis nach Daejin fahren, von dort “etwas” laufen und dann auf Glück hoffen: Wer zur Grenze will, muss sich vor dem Sperrgebiet (ca. 12 km von der Grenze entfernt) registrieren – und sich dann irgendwie durchschlagen, denn ohne Auto darf man nicht rein. Ich hatte freilich gerade keins dabei. Klingt … interessant. Ich bin der einzige Fahrgast im Bus, und es geht immer weiter nach Norden entlang der Küste. Koreanische Busfahrer rasen wie die Wilden, und so bin ich gute 30 Minuten später an der Endhaltestelle – im Nirgendwo. Ich laufe erstmal los – erstaunlicherweise regnet es hier kaum. Nach ca. 2 km komme ich zum grossen Besucherzentrum. Ich gehe zur Anmeldung. “Ihr Auto?” werde ich gefragt. “Halte ich später an” antworte ich. Der Mann guckt etwas schräg, und deutet an, dass ich in der Ecke warten möge. Die nächsten melden sich an. Dann die Nächsten – ein junges Pärchen. Der Schaltermensch erklärt etwas, und zeigt in meine Richtung. Dann winkt er mich herüber: Er hatte die beiden gefragt, ob sie mich mitnehmen könnten, und die beiden hatten nichts dagegen.

Ich danke den beiden auf Koreanisch und bleibe erstmal stumm. Will sie ja schliesslich nicht sinnlos zutexten. Wir schauen zusammen einen kurzen Film zur Verhaltensweise im Sperrgebiet an. Dann gehen wir zum Auto. Er spricht mich dann schliesslich an – offenbar kann er ein bisschen Englisch. Madam scheint weniger begeistert.

Los geht es also mit dem Auto – durch zahllose Barrikaden und vorbei an einem hypermodernen Grenzübergang – hier wurde optimistischerweise schwer in die Infrastruktur im Falle einer plötzlichen Wiedervereinigung investiert. Wenig später erreichen wir das Ziel – das 고성통일전망대 Gonseng (Wieder)vereinigungsobservatorium. Immerhin geht es etwas leiser zu als vor 11 Jahren, als ich an einem anderen Punkt der Grenze war: Damals beschallte man sich noch lautstark von beiden Seiten.

Südkorea
Grenze zu Nordkorea: Die eigentliche Grenze liegt in etwa auf Höhe der kleinen Halbinsel

Die DMZ (entmilitarisierte Zone) ist an dieser Stelle Koreas besonders interessant: Dank der sogenannten “Sonnenscheinpolitik” Südkoreas, die allerdings schon wieder beendet ist, war es an diesem Ort nämlich für zahlende Südkoreaner möglich, ein paar Kilometer weit nach Nordkorea hereinzufahren – zu einem besonders schönen Abschnitt der koreanischen Bergwelt. Bis eine Touristin quasi “aus Versehen” von einem nordkoreanischen Soldaten erschossen wurde.

Und so hat man unter sich die kompletten Grenzanlagen mit allerneuester Strassen- und Eisenbahnanbindung vor sich, und keiner darf sie benutzen. Automatisch denkt man dabei an die Wiedervereinigung Deutschlands zurück – an all die Probleme die Kosten und die Tatsache, dass selbst nach 20 Jahren noch erhebliche Unterschiede bestehen. Dabei waren sich Ost- und Westdeutschland noch relativ nah: Der Unterschied zwischen Nordkorea und Südkorea sowie die Probleme bei einer potentiellen Wiedervereinigung dürften jeglicher Vorstellungskraft trotzen. Nur als Beispiel: Es gibt zahlreiche Berichte von Flüchtlingen und Hilfsorganisationen aus dem Norden, dass die Menschen dort aufgrund der desaströsen Nahrungsmittelknappheit entgegen dem allgemeinen Trend nicht immer größer, sondern immer kleiner werden: 1.4 m “grosse” Soldaten sollen wohl keine Seltenheit sein.

Mit den beiden Koreanern komme ich mehr und mehr ins Gespräch. Sie spricht etwas Englisch, er etwas Japanisch. Zu einer Diskussion über Politik reicht es zwar nicht, aber wir unterhalten uns ganz gut. Danach geht es noch zusammen in ein hypermodernes Museum über die Grenze und die Teilung. Die beiden fragen, wohin ich nach der Grenze gehen möchte. Ich sage “nach Sok’cho”. Da wollen die
Beiden auch hin, und sie bieten an, mich bis dahin mitzunehmen. Unterwegs halten wir noch an einem See – dort steht die Villa des ersten südkoreanischen Präsidenten sowie – keinen Kilometer davon entfernt – das Wochenendhaus vom Kim Il Sung, dem nordkoreanischen Gottvater (die gesamte Region gehörte von 1945 bis 1950 zu Nordkorea).

Gegen 6 Uhr abends erreichen wir Sok’cho. Ob ich auch hungrig sei, fragt er – ja, sage ich, denn außer einer Scheibe Toastbrot am Morgen hatte ich noch nichts gegessen. Sie haben auch Hunger, sagt er – sie hatten ebenfalls kein Mittag. Toll. So hat keiner aus Rücksicht auf den Anderen was gegessen. Jedenfalls verabschieden wir uns dort – ich gebe ihnen meine Visitenkarte und sage ihnen, sie sollen sich unbedingt bei mir melden, falls sie mal nach Japan kommen – das kann durchaus passieren.

Am nächsten Tag hatte ich gerade mal den Vormittag zur Verfügung, denn am Nachmittag musste ich schon wieder zurück nach Seoul. Also früh aufgestanden, und raus mit dem Bus zum Nationalpark. Von den Bergen sieht man gerade mal die Füsse, und die Seilbahn fährt ins weiße Nichts. Aber man hofft ja. Aus purem Zeitmangel geht es also mit der Seilbahn in die Wolken und dann ein paar Hundert Meter durch zähen Nebel – sowie die letzten paar Meter am Seil entlang auf den Gipfel. Und wer hätte das gedacht: Die Wolken haben Löcher, und nach einer Weile kann man tatsächlich etwas sehen. Aber nur für kurze Zeit.

Südkorea
Glück gehabt: Die Wolken haben ein Loch

Am nächsten Tag ging es dann auch schon wieder zurück. bei strömendem Regen, versteht sich. Alles in allem gab es aber dank der Berge doch noch ein versöhnliches Ende.

Bei meiner ersten Tour nach Südkorea war ich nicht allein, bei dieser Tour jedoch schon. An der Stelle eine kleine Warnung an alle, die sich allein auf den Weg nach Südkorea machen: Ausserhalb der Grossstädte wie Seoul oder Pusan ist es sehr schwer für Einzelne, auswärts essen zu gehen – sehr viele koreanische Restaurants lassen Einzelpersonen gar nicht erst rein. Nein, das kann nicht nur an mir gelegen haben – ich sah eigentlich relativ gepflegt aus… Dachte ich so zumindest….

Mehr Fotos gibt es hier zu sehen:

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So, nach dem kurzen Abstecher geht es ab dem nächsten Beitrag wieder um Japan….

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Hindernislauf in Südkorea

August 10th, 2010 | Tagged , , | 7 Kommentare | 783 mal gelesen

Manchmal gibt es Reisen, bei denen man denkt, dass alles verflucht ist. Gestern kam ich nachmittags in Seoul an – und es war abgemacht, dass ich am Flughafen unseren koreanischen Geschäftspartner anrufe, um festzumachen, wann wir uns wo und warum treffen. Gesagt, getan. Eine Frauenstimme schimpfte auf mich umgehend am Telefon ein. Ich weiss nicht warum, aber für ungeübte Ohren klingt Koreanisch immer ein bisschen so, als ob man gerade was ausgefressen und nun dafür verbal bestraft wird. Eins war jedoch klar – es war eine Ansage vom Band. Versuchte mir wahrscheinlich beizubringen, dass der Teilnehmer momentan nicht erreichbar ist.

Nun gut. Also erstmal zum Hotel. Eine Stunde später halte ich der Rezeption das Telefon ans Ohr und bitte, zu übersetzen. Siehe da, Teilnehmer nicht erreichbar. Also rufe ich im Büro an. Lapidare Antwort dort: Ist nicht da. Erst als ich den Teilnehmer am anderen Ende der Leitung zur Schnecke mache – schliesslich bin ich gerade extra wegen des Meetings aus Tokyo angeflogen – erklärt er mir, dass die Mutter des Chefs am Vortag verstorben sei und er deshalb momentan nicht in Seoul ist. Oops. Mail gecheckt – siehe da, ein paar Stunden zuvor kamen zwei Emails von ihm und seinem Sekretär mit Lageschilderung. Soviel zum geschäftlichen Teil dieser Reise. Natürlich kann man ihm da keinerlei Vorwürfe machen.

Heute ging es schliesslich dann mit dem Bus nach Sok’cho an der Ostküste. Dort gibt es einen ganz famosen Nationalpark in den Bergen, und letztere riefen mich mit ganz lauter Stimme. Heute regnete es in Strömen, doch das sollte mir relativ egal sein – war die meiste Zeit sowieso im Bus. Dachte ich so. Meine Frau funkte mich derweilen an und sagte “Ach ja, da ist ein Taifun im Anmarsch. Sei vorsichtig”. Schnell im Internet nachgesehen – und schau an! Der Taifun zieht genau zwischen Korea und Japan lang und streift dabei die Gegend hier am Nachmittag. Wenn ein Taifun “vorbeistreift” bedeutet dies in der Regel eins: Aushaltbare Windstärken, aber ungeheure Wassermengen. Klasse. Berge kann ich also getrost vergessen.

Dafür traf ich heute aber zufällig zwei nette Koreaner beim Abendessen, denen ich partout nicht ausreden konnte, mein Essen mitzubezahlen. Zwei Leute waren es – einer sprach gar kein Englisch, der andere ungefähr 100 Wörter. Als ich fragte, ob sie vielleicht Japanisch können (keineswegs abwegig hier) zeigten sie mir auch ohne Worte relativ deutlich, was sie von Japan halten. Als ich mit ihnen anhand einer Reisekarte in meinem (japanischen) Reiseführer etwas erklärte, erblickten sie die japanische Bezeichnung 日本海 Nihonkai, Japanisches Meer, worauf sich die Minen noch mehr verdüsterten. Aber egal – ich bin ja schliesslich Deutscher und kein Japaner. Weia.

Da die Berge wohl morgen ins Wasser fallen (bruhaha… was für ein Brüller), muss ich also nach Alternativen Ausschau halten. Eine wäre eine Fahrt an der Küste entlang bis zur Grenze nach Nordkorea. Dort gibt es ein Museum, eine Aussichtsplattform usw. Als Ostdeutscher ist man ja schliesslich nur den Blick von der anderen Seite der Mauer gewohnt :) Einer der beiden Koreaner möchte unbedingt mit – ich soll ihn deshalb morgens um 10 anrufen. Na, das wird bestimmt ein Gaudi.

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Zurück aus Macao – Casinos und Mittelalter

August 15th, 2009 | Tagged , , | 13 Kommentare | 950 mal gelesen

So, da bin ich wieder – zurück von einer bunten Kurzreise durch die verschiedenen Chinas: ein Tag Taiwan, ein Tag Hongkong, ein Tag Festlandschina, ein paar Tage Macao. Soll ja keiner behaupten, ich wüsste nicht, wie ich meinen kargen Urlaub nutzen kann. Irgendwie gewann ich während der Woche auch den zugegebenermassen leicht vermessenen Eindruck, eine Art Heilsbringer zu sein: Kaum betrat ich taiwanesischen Boden, verliess ein äusserst zerstörerischer Taifun den selbigen (neueste Zahlen schätzen, dass er rund 500 Menschenleben forderte). Am Tag, nach dem ich Japan verliess, gab es ein halbwegs starkes Erdbeben in der Region Tokyo. Einen Tag später traf der erste Taifun des Jahres Tokyo. Und am folgenden Tag gab es ein doch schon recht heftiges Erdbeben. Also, macht Euch keine Sorgen: Ich bin wieder im Lande!

Aber nun stellen wir uns mal ganz dumm und fragen, wat is eijentlich een Macao? Macao ist die portugiesische Antwort auf Hongkong, nur viel, viel kleiner. Wie auch Hongkong, wurde es 1999 an China zurückgegeben. Macao ist nur eine Bootsstunde von Hongkong entfernt. Macao ist der einzige Ort in der grösseren chinesischen Wohlstandssphähre (man verzeihe mir den Ausdruck), an dem Glücksspiel erlaubt ist. Macao bezieht 70% seiner Einkünfte aus dem Glücksspiel.


Macao
Alt und neu: Hotel + Casion Grand Lisboa, vom Guia-Leuchtturm aus gesehen
Und – Macao hat die höchste Dichte an UNESCO-Weltkulturerbestätten – das Gebiet ist nur 28 km² gross, hat aber 41 als Weltkulturerbe eingetragene Stätten. Zusätzlich ist Macao für F 3 und Motorradrennen mitten durch die Innenstadt bekannt.

Faszinierend an Macao ist der Facettenreichtum: Eine historische, portugiesisch geprägte Altstadt hier, hypermoderne, glitzernde Casinos und Hotels da – nur 500 m entfernt. Wie eine Fata Morgana. Dabei bleibt sogar Platz für Natur und abgelegene Strände und kleine Dörfer, die man genauso gut am Mittelmeer vermuten kann.

Alle namhaften Hotels haben sich hier niedergelassen. Mit namhaften Hotels meine ich nicht so schnöde Absteigen wie das Hilton, sondern MGM, The Venetian (2,5 Milliarden Dollar teuer, mit Canale Grande Nachbildung), Wynn usw. Klientel: Hongkong-Chinesen und Chinesen, bei denen das Glücksspiel eben verboten ist.


Macao
Reichlich unchinesisch: Dorf Coloane
Nun könnte man vermuten, dass Macao ein reichlich teures Pflaster ist. Wer hier Geld lassen möchte, kann das leicht tun – die Preise sind im allgemeinen aber sehr niedrig – viel niedriger als in Hongkong zum Beispiel. Taxis, Restaurants, normale Hotels – alles sehr erschwinglich.

Mittlerweilen ist es sogar recht einfach, Macao zu verlassen: An der Grenze zur China kann man unkompliziert ein 3-Tage-Visum für China erhalten. Das ist allerdings nur gültig für die benachbarte Sonderwirtschaftszone Zhuhai.


Macao
Zhuhai nördlich von Macao
Ob sich der Aufwand jedoch lohnt, bleibt jedem selbst überlassen: Fakt ist, dass ein Unterschied zu Macao und Hongkong noch sehr spürbar ist, jedoch mehr und mehr schwindet.
Für das benachbarte Hongkong braucht man jedenfalls kein Visum, und es gibt dutzende Fären am Tag – die brauchen nur eine Stunde. Wahrscheinlich benutzen die meisten allerdings die umgekehrte Route: In Hongkong übernachten, mit Tagesausflug nach Macao.


Macao
Hongkong: Blick von Kowloon nach Hongkong Island
Fest steht jedoch: August ist wahrscheinlich nicht die beste Zeit für die Region – es regnet sehr oft und sehr ausgiebig. Mit Englisch kommt man ein bisschen voran, aber nicht überall. Portugiesisch kann man vergessen – nicht mal die portugiesischen Ortsnamen (obwohl alle Schilder zweisprachig sind) werden verstanden. Chinesisch hilft nur begrenzt weiter, es muss schon Kantonesisch sein.

Der Satz der Woche (und aus Faulheit gleich Wort des Tages) stammt von meiner 2½-jährigen Tochter. Für sie hatten wir Milch vom 7-Eleven gekauft: “Fresh Milk, 3,6% Fat” stand auf Chinesisch und Englisch drauf. Haltbar bis zum 15. August 2009 (gekauft am 10.). Kaum dass ich meiner Tochter die Milch gab, sagte sie freudestrahlend ヨーグルトみたい (yōguruto mitai!) – yōguruto = Joghurt. mitai = wie. Wie Joghurt. Wenn frische Milch wie Joghurt schmeckt, stimmt was nicht. Erst recht, wenn sie wie bitterer Joghurt schmeckt – die Milch war eindeutig verdorben. Gottseidank war es nicht genug, um sich den Magen zu verderben.

Was hat das ganze nun mit Japan zu tun? Um eine gewisse Themenrelevanz an den Haaren herbeizuziehen: Die Portugiesen nutzten ab dem 16. Jahrhundert Macao als ihre Basis, um Ostasien zu missionieren. Auch Japan. Das scheiterte bekanntermasssen jedoch auf recht blutige Art und Weise.

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Palmen statt Schnee

März 30th, 2009 | Tagged | 8 Kommentare | 925 mal gelesen

An dieser Stelle noch einen elektronischen Gruss an alle, die mich (mehr oder weniger gut) kennen. Die Konferenz in Denver ging gestern zu Ende und damit ist die Arbeit hier getan – heute ging es entsprechend weiter, von Denver nach L.A. Hier sitze ich nun in einem netten, kleinen Hotel direkt in Venice Beach – gegenüber das Meer, mit meiner Wahlheimat auf der anderen Seite des Pazifiks.

Los Angeles
Venice Beach / Los Angeles

Die Zeit reichte gerade so, Venice Beach und Santa Monica zu erkunden – für Beverly Hills, Hollywood usw. wird wohl keine Zeit mehr sein. Schade eigentlich.

So. Ab übermorgen folgt die übliche Berichterstattung aus Japan! Versprochen!!!

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Blizzard statt Kirschblüte

März 27th, 2009 | Tagged | 8 Kommentare | 621 mal gelesen

Das ich in diesem Winter noch in den Genuss eines ausgewachsenen Schneesturms komme, hätte ich auch nicht gedacht. Der Fussmarsch von meinem Hotel in Denver zum Convention Center dauert eigentlich nur 5 Minuten, aber schon nach wenigen Metern sah man wie ein Schneemann aus.

Denver/Colorado

Denver/Colorado

Ich hoffe, der nicht Japan-bezogene Artikel wird mir verziehen… Am Sonntag geht es nach L.A., da sollte es doch ein bisschen wärmer sein. Hoffentlich.

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