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Wo man Zugreisen noch ernst nimmt: Shiki-shima oder der 8’000 Euro-Fahrschein

Mai 8th, 2017 | Tagged , , | 3 Kommentare | 745 mal gelesen

Eisenbahnliebhaber gibt es überall – das ist in Japan nicht anders. Es gibt unzählige Eisenbahnliebhaber, und das Schöne an Japan ist, dass es auch in den Vorstandsetagen der zahllosen Eisenbahngesellschaften an wahren Enthusiasten nicht mangelt. Und da entwickelt sich ein interessanter Trend. Während Nachtzüge in Japan früher was für Leute war, die sich entweder kein Flugticket leisten konnten oder Angst vorm Fliegen hatten, so sind Nachtzüge mehr und mehr was für Eisenbahnfans mit praller Brieftasche. Während die regulären Nachtzüge, wegen der Farbe wurden diese ブルートレイン Blue Train genannt, nach und nach aus dem Fahrplan verschwinden (ich hatte damals noch das Glück, mit dem Hayabusa von Tokyo nach Kumamoto fahren zu können, aber auch diese Verbindung gibt es nicht mehr), denken sich die Eisenbahngesellschaften neue Verbindungen aus. Das Sahnehäubchen wurde am 1. Mai diesen Jahres von JR East (der ehemals staatlichen Eisenbahngesellschaft) feierlich eingeweiht: Der 四季島 Shiki-Shima. Wörtlich übersetzt: Insel der Vier Jahreszeiten (wie passend, waren wir doch neulich erst beim Thema). Der Zug fährt von jetzt an von Tokyo nach Tohoku, also in den Nordosten, und manchmal weiter nach Hokkaido – und zurück. Man kann zwischen einer 2-Tagesreise und einer 4-Tagesreise wählen. Der komplette Zug wurde eigens für diese Linie entworfen und wurde laut JR nur „aus besten Materialien“ zusammengesetzt. Und das ganze ist in der Tat sehr erlesen: Gerade mal 34 Passagiere können mitfahren und zwischen drei verschiedenen Suiten wählen. Zur Atzung gibt es nur das Feinste, gekocht von einem Sternekoch.

Shikishima-Luxuszug (Quelle: Mainichi Shimbun)

Shikishima-Luxuszug (Quelle: Mainichi Shimbun)

Die billigste Suite kostet pro Person ca. 2’000 Euro, die teuerste Suite, so man sie allein nutzen will, geschlagene 1’050’000 Yen, also rund 8’000 Euro. Wer jetzt denkt, dass sei doch ein Schnäppchen und gleich zugreifen möchte, hat jedoch Pech gehabt: Bis März 2018 ist bereits alles ausgebucht. Jiji-Press hat dazu ein nettes Werbevideo gedreht (siehe unten). Wer mehr darüber lesen möchte (und wissen will, wie es im Zug aussieht), dem sei dieser Artikel der BBC anempfohlen.

Purer Luxus, klar. Aber dahinter steckt viel Arbeit und ein 遊び心 asobigokoro – „Spielen – Herz“, also Freude am Spielen. Und das ist doch mal eine Nachricht wert.

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Geschichten aus der Mongolei – Teil 3

Januar 7th, 2017 | Tagged , | 5 Kommentare | 909 mal gelesen

Dies ist der dritte und gleichzeitig letzte Teil des Mongolei-Reiseberichtes. Ab dem nächsten Beitrag wird sich wieder alles um Japan drehen. Teil 1 dieses Berichtes befindet sich hier, der zweite Teil hier.

Verabredet war, dass mich der Guide um 8:30 vom Hotel abholt. Vorher musste ich allerdings auschecken, und da hatte ich wirklich Glück, denn ich hatte das Hotel vom 25. bis zum 29. Dezember gebucht – dabei bin ich jedoch bis zum 30. Dezember in der Stadt, und werde nun am 28. Dezember außerhalb übernachten. Das Umbuchen war für das Hotelpersonal überhaupt kein Problem, was allerdings auch daran liegen könnte, dass im Winter kaum Gäste im Hotel übernachten. Ein flüchtiger Blick auf die Frühstücksliste offenbarte, dass es neben mir rund 5 andere Hotelgäste gibt — und das Hotel hat mehrere dutzende Zimmer auf jeder der 5 Etagen.

Kaum habe ich ausgecheckt – so gegen 8:10 – tippt mir jemand auf die Schulter. Hinter mir steht eine rund 35-jährige Frau mit breitem Lächeln und voller Wintermontur und fragt mich, ob ich der bin der ich bin. Bin ich. Und das ist also der Guide. Eine zierliche Mongolin mit deutlich amerikanischem Akzent. Wir machen uns kurz bekannt, und dann geht es zum 6-sitzigen Off-Roader, der vor dem Hotel wartet. Der Fahrer ist ein verschmitzt dreinschauender, rund 50 Jahre alter Mongole, der offensichtlich nicht viel Englisch spricht. Und schon geht es los. Bayaraa, die Führerin, setzt sich neben mich in die zweite Reihe und erklärt munter drauf los. Sie macht das schon lange, aber normalerweise nur im Sommer, da sie im Winter eigentlich selbst auf Achse ist. Und ich merke schnell, dass ich in Sachen Ulan Bator dank des Fahrers vom Vortag schon relativ gut informiert bin. Aber so kann ich dank ihrer sehr guten Englischkenntnisse noch hier und da etwas nachhaken. In einem kurzen Moment der Stille wird mir erstmal bewusst, wie viel Luxus ich gerade im Begriff bin zu genießen. Ich habe Fahrer, Fahrzeug und Führer ganz für mich allein, für zwei volle Tage. Der Spaß kostet mich 450 US-Dollar (darin ist alles, aber auch wirklich alles für die kommenden zwei Tage enthalten – so gesehen ist das kein zu hoher Preis, wenn man den Aufwand bedenkt). Wäre ich mit noch jemandem unterwegs, hätte es mich 330 Dollar gekostet, zu dritt dann noch weniger und so weiter – logisch, denn man würde sich ja alles teilen.

Wir brausen erstmal gen Osten, entlang der transmongolischen Eisenbahntrasse, nach Налайх (Nalaich) – einer Kohlestadt und eines der 9 Distrikte der Hauptstadt. Das etwa 30’000-Einwohner-Städtchen wäre gern unabhängig von der Hauptstadt, um die Stadt selbst verwalten zu können, aber den Gefallen tut ihr die Stadtverwaltung von Ulan Bator nicht. Der Ort ist übrigens berühmt-berüchtigt für illegalen Kohleabbau – und damit einhergehend für eine enorm hohe Anzahl tödlicher Grubenunglücke — mehr dazu siehe hier.

Blick auf das Kohlestädtchen Nalaich

Blick auf das Kohlestädtchen Nalaich

In den Ort selbst fahren wir allerdings nicht – wir biegen kurz davor ab gen Norden. Und wir fahren an einem interessanten Friedhof vorbei – die Hälfte des Friedhofes ist ganz „dünn besiedelt“, die andere ganz dicht. Des Rätsels Lösung: In der dicht besiedelten Sektion liegen ethnische Kasachen – Muslime – begraben, und die bestatten eben anders. Die Nomaden in der Mongolei bevorzugen übrigens auch heute noch die sogenannte Himmelsbestattung: Der Leichnam wird nach einer Zeremonie unter freiem Himmel zurückgelassen. Kümmern sich Geier um den Kadaver (und in der Mongolei gibt es zum Beispiel beeindruckend große Mönchsgeier), dann fährt die Seele gen Himmel. Kümmern sich jedoch Wölfe oder Hunde um den toten Körper, geht es direkt in die Hölle. Das Leben nach dem Tod ist in der Mongolei ein Lotteriespiel.

Oboo am Eingang zum Nationalpark

Oboo am Eingang zum Nationalpark

Nur wenige Kilometer später geht die Straße bergauf und führt direkt in den Горхи-Тэрэлж БЦГ (Gorchi-Tereldsch-Nationalpark) – einem 1993 gegründeten Nationalpark, der im Norden an den Khan Khentii-Nationalpark grenzt – hinter jenem liegt dann bereits die russische Grenze. Am Eingang zum Nationalpark gibt es einen Pass, der zwar nicht sehr hoch liegt, aber es ist trotzdem wesentlich kälter hier. Wie kalt weiss ich leider nicht, denn das Thermometer des Autos für die Außentemperatur misst nur bis -30 Grad – darunter wird ein Fehler angezeigt. Direkt an dem Pass steigen wir aus und laufen zu dem Oboo am Wegesrand – einem großen Steinhaufen, wie es sie zum Beispiel auch in Tibet gibt. Wer auf eine Reise mit gutem Ausgang hofft, soll hier einen Stein ablegen und drei Mal um den Haufen laufen. Leicht gesagt, denn bei dem Schnee findet man nicht ohne weiteres Steine. Es gibt aber auch eine andere Geschichte zu den Oboo: Angeblich legten Soldaten auf dem Weg in den Krieg einen Stein nieder, und nahmen einen Stein mit, wenn sie zurückkehrten. An der Menge der zurückgebliebenen Steine konnte man damit erkennen, wie viele Menschen nicht aus dem Krieg zurückkamen. Schaurig. Auf dem Oboo am Eingang zum Nationalpark lagen außerdem ein paar Opfergaben sowie drei Hunde, die auf Almosen warteten – und von der Führerin, die sich hier natürlich auskennt, auch bekamen.

Der Schildkrötenfelsen im Terelj-Nationalpark

Der Schildkrötenfelsen im Terelj-Nationalpark

Wir steigen wieder ein und fahren talwärts. Nach nicht allzu langer Zeit taucht vor uns ein gewaltiges Granitgebilde auf – der Мэлхий хад (Schildkrötenfelsen), ein rund 15 Meter großes Granitmassiv, das in der Tat eindeutig an eine Schildkröte erinnert. Zumindest, wenn man aus dieser Richtung kommt. Man kann übrigens bis auf den Hals der Schildkröte klettern, aber wenn man den ganzen Weg gehen will, sollte man nicht zu üppig gefrühstückt haben, denn am Ende der Strecke gibt es eine sehr enge Passage, durch die normal große Personen nur unter akrobatischen Verrenkungen durchkriechen können.
Die kurze Kletterei tat jedenfalls gut – Bewegung ist immer gut gegen Kälte. Immerhin ist hier die Luft wesentlich klarer als in und um Ulan Bator, und der Frostnebel lüftet sich auch gerade, so dass man die Umgebung immer besser sehen kann.

Hin und wieder unterhalten sich die Führerin und der Fahrer auf mongolisch. Logisch. Mongolisch schreibt man (fast immer) mit kyrillischen Buchstaben – aber es gibt zwei Buchstaben, die man hinzufügen musste: „Ө“ (in etwa: „ö“) und „Y“ (in etwa: „ü“). Das bedeutet also, dass ich Mongolisch „lesen“ kann. Meine Russischkenntnisse sind zwar eingerostet, aber noch gut genug, um schnell bestätigen zu können, dass Mongolisch außer der Schrift so gut wie nichts mit dem Russischen gemein hat. Kein Wunder – Mongolisch gehört zu einer völlig anderen Sprachfamilie (und zwar zur Uralo-Altaischen – also der Sprachfamilie, zu der auch Koreanisch, Japanisch, Ungarisch, Finnisch usw. gehören). Aus historischen Gründen gibt es allerdings ein paar russische Lehnwörter, wobei man häufig im Mongolischen den letzten Buchstaben weglässt: „Apteka“ (Apotheke) ist also „Aptek“ im Mongolischen, „fabrika“ ist „fabrik“, „maschina“ (Auto) ist „maschin“ und dergleichen. Es sind allerdings nicht genug Lehnwörter, um mal eben so drauflos zu raten. Mongolisch klingt jedenfalls ziemlich „hart“ – mit vielen Frikativlauten (wie das phonetische [x], also das „ch“ in „Bach“).

Meditationstempel. Mit Hund.

Meditationstempel. Mit Hund.



Wir fahren ein bisschen weiter und kommen an einem sogenannten Meditationstempel an, den man nach 5 Minuten Treppen steigen und einer Hängebrücke erreicht. Das besondere an diesem Bauwerk: Es sieht sehr alt aus, ist es aber nicht – man hat den ganzen Tempel mit sehr viel Liebe zum Detail vor rund 15 Jahren wiederauferstehen lassen. Die Mongolei bis Ende der 1920er ein klerikaler Staat mit sehr engen Verbindungen zu Tibet. Buddhistische Mönche hatten das Sagen. Die klügsten und oder besten Männer wurden zu buddhistischen Mönchen ausgebildet und, da einem Zölibat unterliegend, quasi dem mongolischen Genpool entzogen. Medizinische Versorgung gab es nicht, und damit war die Kindersterblichkeit extrem hoch und die Lebenserwartung gering. Lag ein Kind im Sterben, sagten die Mönche ihre Sprüche auf, und wenn das Kind tot war, war es eben der Wille der Götter. Doch dann erstarkten die Kommunisten, und die Bolschewiken aus dem Norden verwandelten die Mongolei in den 1930ern in das zweite sozialistische Land auf der Welt. Auf der Strecke blieben zehntausende hingemetzelte Mönche und tausende zerstörte Tempel und Klöster. Doch der Sozialismus bescherte dem Land feste Straßen, eine Eisenbahnlinie, ein Schulwesen, ein Gesundheitswesen, moderne Fabriken, Elektrizität und so weiter. Das Fazit der Führerin: Wären die Russen nicht gewesen, wären die Mongolen wahrscheinlich schon ausgestorben. Und das habe ich bei allen Mongolen, die ich während der kurzen Reise feststellen können: Man liebt die Nachbarn im Norden. Und man hasst die Nachbarn im Süden. Basta. Die meisten Sachen werden zwar dennoch aus China importiert, aber nur deshalb, weil dort alles billiger zu haben ist.

Das mit dem Buddhismus, Schamanismus und dergleichen ist dabei eine spannende Angelegenheit. Ich frage die Führerin irgendwann, ob denn alle mongolische Namen eine Bedeutung hätten. Scheinbar ja, obwohl es durchaus auch etliche tibetanische, russische und andere Namen gibt. Eine alte Praxis scheint man jedoch allmählich einzustellen: Wenn zum Beispiel früher ein Kind sehr jung oder bei der Geburt verstorben war, gab man dem nächsten Kind einen sehr abstoßenden Namen (als Beispiel fiel das Wort „Schlampe“), um die bösen Geister von dem Kind abzulenken. Ob das denn nicht in der Schule für Probleme sorgte, wollte ich daraufhin wissen – und ja, natürlich hatten diese Kinder an solchen Namen schwer zu knabbern.

"Minimarkt" in Terelj

„Minimarkt“ in Terelj

Nach fast einer Stunde am Tempel geht es weiter. Überall sieht man Ger-Camps (die Bezeichnung „Jurten-Hotel“ passt da wohl am ehesten) sowie mehr oder weniger fertig gebaute Hotels. Terelj ist dank der Nähe zur Hauptstadt die touristischste Ecke weit und breit. Die Sommerfrische. Im Winter menschenleer. Wie sich all die neuen Bauten mit dem Nationalparkkonzept vertragen, weiss ich allerdings nicht. Bald kommen wir im Dörfchen Terelj selbst an – sehr malerisch gelegen an einem Flüsschen, nebst Luxushotel, Golfanlage und… einem blitzblanken Dorfladen nebst gelangweilter Verkäuferin. Den wir aber gleich wieder verlassen. Gleich am Dorf gibt es eine Furt, über die man im Sommer nur sehr schwer kommt, aber jetzt ist Winter und der Fluss ist vollkommen zugefroren. Danach geht es durch ein kleines Wäldchen – auf einem Weg, den man ohne Offroader auf gar keinen Fall passieren kann. Das mit den Bäumen hier ist ganz einfach: Prinzipiell gibt es in der Gegend nur sehr wenige, da es einfach zu wenig Niederschlag gibt. Auf einigen Bergen und entlang der Flüsse findet man jedoch welche. Wir verlassen aber bald den Fluss und fahren entlang einer durch den Schnee blendend weißen Hügelkette, bis wir irgendwann in ein kleines Tal einbiegen. Alle 500 Meter bis 1’000 Meter sieht man eins, zwei Jurten nebst Umzäunung. An der zweiten Jurte im Tal halten wir — unser Ziel. Ein Karree, mit drei Jurten auf der linken Seite und Bretterverschläge für das Viehzeug. Wir parken das Auto und betreten die rechte Jurte.

Die Gästejurte

Die Gästejurte

In der selbigen ist es bullig warm. Von einem mit Folie bespannten Loch in der Mitte dringt Tageslicht herein. In der Mitte stehen die beiden Hauptstreben der Jurte, und davor steht der Ofen, der gleichzeitig als Herd benutzt wird. Es gibt drei Betten, zwei kleine, farbenfrohe Schränke, einen Teppich an der Wand. Rechterhand sitzen drei kräftig genährte Frauen und schwatzen. Gegenüber der kleinen Eingangstür sitzt der Hausherr, ein hochgewachsener und sehr freundlich dreinschauender Mann. Wir werden einander vorgestellt und an den winzigen Tisch mit den Campingstühlen gebeten. Der Hausherr spricht sogar ein wenig Englisch. Erstmal gibt es eine Tasse des bereits bekannten сүүтэй цай (Suutei Tsai) – leicht gesalzener Milchtee, wobei die Milch eindeutig dominiert. DAS Getränk in der Mongolei. Die Frauen sind dabei, Бууз (Buuz) zu machen: Teigtaschen mit Fleischfüllung. Auch die habe ich schon in der Hauptstadt kennen- und schätzengelernt. Ich bin schon immer ein Riesenfan von chinesischen Xiǎolóngbāo gewesen, weshalb ich mich gerade im Paradies wähne: Mit einem kleinen Nudelholz werden runde Teigfladen gerollt, in die kommt dann ein Löffel frisches Fleisch, dann werden die Teigtaschen oben zusammengezwirbelt. Beim Dünsten bildet sich dann etwas Brühe in den Teigtaschen, die dann beim Essen langsam in den Mund strömt. Ein Gedicht.

Trinkwasservorrat (kommt vom Fluss)

Trinkwasservorrat (kommt vom Fluss)

Wir unterhalten uns ein wenig beim Essen. Irgendwann kommen wir auf das Thema Wölfe zu sprechen, da die in der Mongolei für die Nomaden eine rechte Plage sind. Ich frage, ob es hier auch Wölfe gibt (teilweise aus Eigeninteresse, denn die „Toilette“, ein Bretterverschlag mit Loch im Boden, halbem Dach und ohne Tür steht rund 50 Meter von den Jurten entfernt). Der Mann bejaht das, wird jedoch plötzlich ganz ernst und weist mich daraufhin, dass man beim Essen nicht über Wölfe spricht. Nun gut, dass muss man erstmal wissen. Nach dem Essen verabschiedet sich der Mann — er muss seine Tochter aus der 50 Kilometer entfernten Schule abholen, da ab morgen Ferien sind.

Die Führerin weist mir die mittlere, blitzsaubere Jurte zu. Da soll ich schlafen. Es gibt drei Betten, einen Ofen sowie eine Kiste der Reisefirma mit ein paar Büchern und anderen Sachen. Fahrer und Führerin werden in der linken Jurte übernachten. Die beiden benehmen sich dabei wie zu Hause, aber auch das werde ich noch merken: Das ist normal. Jurten werden nicht abgeschlossen, die Leute kommen und gehen – und alle benehmen sich wie zu Hause. Ganz normal.

Schnee und Eis. Unten: Gehöfte von vier Familien

Schnee und Eis. Unten: Gehöfte von vier Familien

Es ist jetzt 14 Uhr am Nachmittag. Ich hätte jetzt mit einem Pferd reiten können, aber das habe ich beim Gespräch mit der Reiseagentur abgewählt. Sicher, das macht auf jeden Fall Spaß. Aber meine Schuhe und Handschuhe sind definitiv nicht geeignet für einen längeren Ausritt bei diesen Temperaturen. Also gibt es nicht viel zu tun bis zum Abendessen. Bayaraa fragt, ob ich mich etwas ausruhen möchte. Oder ob ich einen Spaziergang machen möchte. Zum Ausruhen ist die Zeit zu schade. Also laufen wir den sanften Hügel hinter den Jurten hoch, durch herrlich knirschenden Schnee. Hinter dem Hügel lockt ein Berg – geschätzt rund 400 Meter hoch (wir befinden uns übrigens schon auf rund 1’500 Meter Höhe), und soweit sichtbar so gut wie baumfrei. Ich deute an, dass wir ja einfach weiterlaufen könnten. Und meine Begleiterin hat nichts dagegen. Ein mittelgroßer, schwarzer Hund mit Halsband läuft uns immer ein paar dutzend Meter voraus – er gehört zur Familie und scheint Spaß daran zu haben, uns zu führen. Und so geht es immer höher. Im Schnee etwas beschwerlich, wird es in den etwas steileren Passagen leichter, da dort der Schnee weggeweht wurde. Und so geht es rund anderthalb Stunden immer höher.

Oben stehen gleich zwei Oboo. Beide sind eine Mischung aus Steinhaufen mit grösseren Ästen darauf. In dem kleineren liegt ein bereits reichlich verwitterter Pferdeschädel, und auch der hat seine Bedeutung: Jemand hat den dort platziert, weil er sich wünscht, ein Rennpferd großziehen zu können. Auf dem Gipfel stehen ziemlich viele Bäume, aber man hat trotzdem – zumindest in drei Richtungen – eine famose Aussicht. Die Luft ist glasklar, und in den drei Richtungen gibt es weit und breit nichts Höheres. Ein erhabener Anblick, und ich bin Bayaraa dankbar, dass sie ohne Murren mitgelaufen ist, denn ich bin nicht sicher, ob ich hier, mitten in der Mongolei, allein hochgelaufen wäre, denn hier grasen auch Pferde und rennen Hunde herum. Und den Hundebesitzer hatten wir auch schon aus der Ferne gesehen. Der Hund, der uns von Anfang an begleitet, ist immer noch da und zeigt uns erstaunlich präzise den besten Weg durch den Schnee.

Oboo mit Pferdeschädel

Oboo mit Pferdeschädel

Doch es ist schon kurz vor vier, und kurz nach 5 Uhr wird es dunkel. Bis dahin sollten wir also besser zurück sein. Wir kommen an einer kleinen Herde Pferde vorbei, die am Hang nach Futter suchen. Kühe und Yaks sind klug genug, die kehren am Abend allein zur Behausung zurück. Schafe und Ziegen müssen heimgeführt werden. Pferde jedoch dürfen draussen bleiben, auch nachts. Wo sie allerdings gelegentlich, vor allem im Winter, Wölfen zum Opfer fallen. Und die Pferde sind recht agil. Erst vor ein paar Tagen, erzählte mir der Familienvater, war er drei Tage unterwegs, um seine Pferde zu suchen. Die hat er schließlich auch gefunden – und ist dann wieder nach Hause zurückgekehrt. Ohne Pferde. Er wollte nur wissen, wo sie ungefähr zu finden sind. Dieser Gedanke, zwei, drei oder mehr Tage draussen herumzureiten, um irgendwo seine Pferde zu suchen, ist betörend. Viele mongolische Nomaden ziehen übrigens nicht etwa kreuz und quer durch das Land, sondern bleiben in einem relativ überschaubaren Bereich. Auch meine Gastfamilie zieht jeden Sommer um – aber nur einen knappen Kilometer, zum nahegelegenen Fluss, denn dort ist es im Sommer rund 10 Grad kühler, und es gibt natürlich mehr Wasser und damit auch Futter. Ich frage meine Begleitung, wie mongolische Nomaden denn dann einen Partner zum Heiraten finden, wenn sie mehr oder weniger in der gleichen Gegend bleiben. Die Antwort ist logisch: Beim Pferdesuchen. Sie reiten tagelang ihren Pferden hinterher und müssen natürlich überall herumfragen, ob jemand die Pferde gesehen hat. Und so findet man sich eben. Irgendwie. Früher war es wohl auch dementsprechend verboten, jemanden aus der gleichen Gegend zu heiraten. Mongolische Pferde sind übrigens vergleichsweise klein, aber sehr robust und kräftig. Bayaraa warnt mich jedoch, dass es eine üble Beleidigung sei, die Pferde mit Ponys zu vergleichen. Also: Beim Essen nicht über Wölfe reden. Das Wort „Pony“ nicht in den Mund nehmen. Lässt sich einrichten. Und noch was: Weiße Pferde darf man nicht „weißes Pferd“ nennen, sonst werden die bösen Geister neidisch und raffen das Pferd dahin. Stattdessen muss man es „braunes Pferd“ oder irgendwie anders nennen.

Mongolische Pferde

Mongolische Pferde

Die Sonne geht langsam unter und taucht die Gegend in ein ganz besonderes Licht. Unsere langen Schatten laufen auf den Baumkronen eines kleinen Wäldchens entlang immer weiter Richtung Tal, und der Hund läuft treu vorneweg. Gegen 5 Uhr kommen wir an der ersten Jurte vorbei und machen einen weiten Bogen: Jurten werden generell von Hunden bewacht, und die sind auf Zack. Kommt man zu nahe und es ist niemand zu Hause (oder man kann kein Mongolisch…) kann es also brenzlig werden. Und in der Tat: Als wir in rund 50 Meter Entfernung vorbeilaufen, kommt ein mittelgroßer Hund raus, der uns zwar nicht anbellt, aber uns sehr genau beobachtet und stets zwischen Jurte und uns bleibt. Noch 300 Meter und es ist geschafft: Wir sind an Jurtenansammlung Nummer 2, unseren Jurten, angekommen. In der knappen halben Stunde seit die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist, wurde es spürbar kühler.

Jurten, Viehverschläge, kleine Hütten - und die Toilette (links)

Typisch: Jurten, Viehverschläge, kleine Hütten – und die Toilette (links)

„Zu hause“ angekommen gibt es von der Frau Gemahlin erstmal einen Milchtee. Und da noch viel Zeit ist bis zum Abendessen, holt jemand einen Packen Karten raus, und man erklärt mir die Regeln von хөзөр (Chösör), ein in der Mongolei beliebtes Kartenspiel. An die Reihenfolge (Ass – 2 – 3 – König – Dame etc.) muss man sich erstmal gewöhnen. Interessant ist auch das Ziel des Spieles: Jenes ist nämlich nicht, zu gewinnen, sondern nicht zu verlieren. Und der, der im Uhrzeigersinn vor dem Gewinner sitzt, hat verloren. Das klingt erstmal komisch, aber wenn man taktisch gut spielt, kann man hier auf zwei Ziele hinarbeiten: Entweder, selbst zu gewinnen (damit man nicht verliert), oder durch geschicktes Legen dafür sorgen, dass der Nachbar nicht gewinnt. Interessant. Immerhin weiss ich jetzt, dass „mä!“ auf Mongolisch „Nimm das!“ und „beriberi“ „Ich nehme das“ heißt (wer mehr wissen will – die Regeln gibt es hier auf Englisch).

Rindvieh mit rauchender Jurte

Rindvieh mit rauchender Jurte

Schnell sind fast zwei Stunden rum. Der Hausherr ist immer noch nicht zurück. Plötzlich geht die kleine Tür auf, und sechs oder mehr Kinder und ein paar Erwachsene strömen herein. Unangemeldet. Die Massen lassen sich nieder, wo es passt, und sind ziemlich laut. Man ignoriert mich völlig, und das ist ebenfalls interessant. Die Menschenmenge scheint eine Mischung aus Verwandtschaft und Nachbarn zu sein. Die Mutter überredet alle, zum Essen zu bleiben, denn „dann schmeckt es doch besser“. Auch der Gastvater ist inzwischen zurückgekehrt, mit seiner erstaunlich großen und pummeligen, sechs-jährigen Tochter. Jetzt ist Essenszeit, und jeder erhält eine dampfende Schale mit гурилтай шол (Guriltay Schol), einer Nudel-Fleisch-Suppe mit ohne Gemüse. Das ganze Fleisch ist übrigens immer von selbst gezüchteten Tieren, Nudeln und Teig immer handgemacht. Es scheint, dass die Menschen hier nur zwei Sachen einkaufen: Mehl und Salz. Basta.

Unser treuer Begleiter

Unser treuer Begleiter

Irgendwann werden die Kinder nach draußen gescheucht – junge und ältere – um die Kühe, die einfach so vor den Jurten herumlungern, ins Gehege zu scheuchen. Und so schnell wie alle gekommen sind, sind sie auch wieder verschwunden: Es wird plötzlich leise in der Jurte. Die Gemahlin kündigt noch an, dass sie schnell eins, zwei Kühe melken muss, und so gehen wir alle zusammen noch mal raus. Wo es jetzt richtig bitterkalt ist. Ich hatte mir vorgenommen, ein Foto vom Sternenhimmel zu machen. Es ist Neumond, doch die Sterne leuchten so hell, dass man draussen kein Licht braucht. Und die Mlchstraße ist sehr deutlich zu erkennen. So einen prachtvollen Sternenhimmel habe ich jedenfalls seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen – kein Wunder, bei der Kälte, der klaren Luft und der Tatsache, dass es weit und breit keinen Lichtsmog gibt. Aufnahmetechnisch stosse ich jedoch leider an die Grenzen der Ausrüstung: Lasse ich die Kamera in der Jurte, friert beim rausgehen sofort die Linse ein, und man sieht gar nichts. Lasse ich die Kamera nebst Tasche eine halbe Stunde draußen stehen, versagt die Batterie vollständig (und ist nach einer Weile in der Jurte wieder vollkommen erholt). Ausserdem liegt die maximale Belichtungszeit bei 30 Sekunden, was nicht vorne und nicht hinten reicht. Davon mal abgesehen muss ich allerdings sagen, dass meine Canon X8i die Kälte in der Mongolei ausgezeichnet weggesteckt hat.

Winterlandschaft

Winterlandschaft

Als wir wieder drin sind, sind Zehen und Finger gut durchgefroren. Man unterhält sich noch ein bisschen – über einen politischen Mordfall von vor 15 Jahren, der nun plötzlich auf mysteriöse Weise aufgeklärt wurde, und über eine von Nachbars Kühen, die schon so alt ist, dass sie keine Zähne mehr hat – und das der Nachbar sie doch langsam schlachten sollte. Mit Hilfe von Bayaraa unterhalte ich mich auch noch ein wenig mit der Tochter und frage sie, was sie denn in der ersten Klasse für Schulfächer hat. Darunter: Umwelt und Natur. Alle Achtung.

Gegen 9 Uhr ist Zapfenstreich. Draussen wird noch etwas herumgefuhrwerkt und an den Tieren gemacht, doch bald ist es zappenduster, bullig warm in der Jurte und still. Irgendwann in der Nacht werde ich wach, weil es doch etwas kälter geworden ist – aber nicht sehr kalt. Doch irgendjemand legt gegen 4 Uhr Holz nach.

Am nächsten Morgen gibt es wie immer Milchtee und dazu хайлмаг Chailmag – eine mongolische Spezialität aus Yakmilchrahm (selbst geschöpft), Zucker und Mehl. Das wird dann noch warm aufs Brot geschmiert – und es schmeckt. Kalorien? Bestimmt um die 10’000 pro Löffel. Aber eben auch lecker. Nach dem Frühstück heisst es dann auch schon Aufbruch – schliesslich hat die Familie auch noch einiges zu tun. Der Gastvater, Naraa ist sein Name, ist übrigens im Sommer häufig Anführer von Treckingtouren mit Pferden in der Gegend. Das macht sicher großen Spaß – Naraa ist sehr geduldig und hat seinen eigenen Sinn für Humor.

Chailmag - ganz frisch

Chailmag – ganz frisch

Wir brausen zurück, zum Dorf über den Pass, und dann fast in die gleiche Richtung zurück. Nur eine kleine Bergkette trennt uns nach weit mehr als einer Stunde Fahrt von der Familie. Wäre es normal kalt, hätten wir den ganzen Weg enorm abkürzen können, doch nach einiger Beratung mit den Nachbarn wurde klar, dass der Fluss vor der Bergkette an einigen Stellen eben noch nicht komplett zugefroren ist. Tagsüber sind es nur knapp -20 Grad, und das ist wärmer als üblich. Unser Ziel ist dieses Mal eine gigantische Dschingis-Khan-Statue mitten im Nirgendwo. Die ist keine zwanzig Jahre alt und wurde von einem Politiker und Wirtschaftsmagnaten initiiert. Der gilt zwar ebenfalls als korrupt, wie viele seiner Kollegen in der Mongolei, doch immerhin, erklärt die Führerin, tut er was für sein Land. Er hinterlässt zum Beispiel eine riesige, sichtbare Statue für den berühmtesten Sohn des Landes — der ja selbst so gut wie gar nichts Sichtbares hinterlassen hat. Die Statue ist beeindruckend, und das Museum im Sockel durchaus sehenswert. Wenige Fahrminuten entfernt essen wir schliesslich noch Mittag, bei einem Mongolen, der Flüge im Gyrokopter anbietet. Allerdings nicht im Winter. Schade eigentlich, denn die Preise sind sehr zivil.

Gigantische Dschingis-Khan-Statue

Gigantische Dschingis-Khan-Statue

Danach geht es langsam zurück in die laute, versmogte Hauptstadt. Da wir noch etwas Zeit haben und ich Souvenire für die Verwandschaft kaufen will, geht es in einen „Factory Store“ der Firma Gobi – die mongolische Marke für echte Kaschmirwollprodukte. Dort herrscht richtiger Trubel, denn es ist Jahresendschlussverkauf.

Nach einem Abend im sehr empfehlenswerten Beer House gleich hinter der riesigen russischen Botschaft bricht auch schon die letzte Nacht an. Am nächsten Tag wartet wieder, wie verabredet, der Taxifahrer vor dem Hotel und bringt mich zurück zum Flughafen. Er wird etwas wehmütig: Ab 2017 soll der neue Flughafen in Betrieb genommen werden – dieser liegt dann 50 Kilometer entfernt von der Hauptstadt – zu weit für ihn, um, wahrscheinlich oftmals vergeblich, dort auf Reisende hoffend jeden Tag im Flughafen auf einen der wenigen Flüge zu warten.

Und hier noch ein Alltagsgruß aus Ulan Bator, kurz "UB" genannt

Und hier noch ein Alltagsgruß aus Ulan Bator, kurz „UB“ genannt

Das waren sie also – 6 Tage in der Mongolei, mitten im Winter. Ich muss auf jeden Fall noch mal hierher – und so schön es im Winter auch ist, möchte ich das ganze dann doch auch mal gern im Sommer sehen. Etwas länger, wenn möglich. Sowohl der Fahrer als auch die Führerin gehören jetzt zu meinen Facebook-Kontakten, also ist doch schon mal ein Anfang gemacht…

Vielen Dank für’s Lesen, und beim nächsten Mal geht es wieder weiter mit Japan!

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​Geschichten aus der Mongolei – Teil 2

Januar 3rd, 2017 | Tagged | 2 Kommentare | 885 mal gelesen

Im ersten Beitrag des neuen Jahres geht es nicht um Japan – sondern erneut um die Mongolei. Dies ist der zweite Teil – der erste Teil befindet sich hier.

Nach Gandan laufe ich gemächlich – nein, wegen der Kälte eigentlich eher schnell – zurück Richtung Blue Sky, dem markanten, segelförmigen Bürohochhaus. Daneben steht der Lama-Tempel. Der Plan: Lama-Tempel ansehen, dann zum Naturkundemuseum und danach den Tag in Ruhe ausklingen lassen. Die Wirklichkeit: Der Lama-Tempel hat zu wegen Montag. Das Naturkundemuseum hat zu – und allem Anschein nach nicht nur diesen Montag, sondern fortan alle Montage. Und auch die anderen sechs Wochentage. Sprich, das Gebäude verfällt, keine Spur von Leben. Der Alternativplan: Ins nahegelegene Geschichtsmuseum. Hat aber auch zu – genau, wegen Montag. Es ist beinahe so, als ob mir jemand sagen wollte, daß ich mich nicht so haben soll und gefälligst die Minusgrade genießen soll.

Also trotte ich weiter, Richtung Süden, denn dort steht noch ein weiterer, wohl sehr bedeutender Tempel. Der liegt einen guten Kilometer entfernt vom Zentrum, aber man merke, daß sich bei minus 20 Grad die Entfernungen gefühlt verdoppeln. Und entlang der vollgestopften Hauptstraße zu laufen macht auch nicht sonderlich Spaß. Kurz vor dem Tempel erinnere ich mich auch daran, daß bei der Kälte die Blase schneller drückt. Zum Glück gibt es direkt neben dem Tempel ein kleines, modernes – und warmes! – Einkaufszentrum.

Der Богд хааны ордон музей (Bogd-Khan-Tempel/Palast) ist definitiv die Mühe wert. Das einzige, was mich ärgert, ist die erforderliche Fotoerlaubnis: Der Eintritt kostet rund 2 Euro, die „Amateurfotoerlaubnis“ 20 Euro. Dieses Prinzip, was man zum Beispiel auch in der Belarus und der Ukraine (und sicher auch in Rußland) findet oder zumindest bei meinen letzten Besuchen fand, hat mir noch nie eingeleuchtet. Sicher, man möchte mehr Geld verdienen. Aber ich wage zu bezweifeln, dass das wirklich den gewünschten Effekt hat. Ich jedenfalls weigere mich aus Prinzip, das zu bezahlen. Es gab auch schon Orte, wo ich dann freilich trotzdem ein oder zwei Aufnahmen gemacht habe – keck aus der Hüfte geschossen – aber nicht hier – der ganze Tempel wimmelt nur so von kleinen Überwachungskameras. Dabei ist die Anlage sehr fotogen, da sie zwar gepflegt, aber nicht totgepflegt ist. Und außer mir gibt es nur einen weiteren Besucher, der leider zwei dumme Angewohnheiten hat – erstens, mit geöffnetem Mund Kaugummi zu kauen und zweitens, fast die gesamte Zeit in meiner Nähe zu sein.

Das Eingangstor des Bogd-Khaan-Tempels

Das Eingangstor des Bogd-Khaan-Tempels

Im Tempel / Palast (die Anlage ist quasi beides) bleibe ich letztendlich, bis man mich rauswirft – um 5 macht man im Winter zu. Die Artifakte im Tempelbereich sind interessant; noch interessanter sind jedoch all die Gegenstände des letzten Khan der Mongolei, der hier bis 1925 residierte. Das ist nicht einmal 100 Jahre her, und doch eine völlig andere Zeitrechnung. Zumindest in diesem Teil der Welt.
Um 5 ist es dann auch schon fast komplett dunkel. Ich kehre kurz zum benachbarten Einkaufszentrum zurück, um dort eine Tasse heißen Kaffees zu fassen, und entdecke dort zufällig einen Fast-Food-Laden mit dem Namen „German Prime Döner“. Bei rechtem Licht betrachtet gar nicht mal so verkehrt – die meisten Ausländer, die Deutschland länger als ein paar Tage lang besucht haben, kennen (und meistens schätzen) einen ordentlichen Döner Kebab. Und den findet man in der Türkei eben nicht (jetzt vielleicht schon – war schon seit über 10 Jahren nicht mehr da). Ich bin allerdings nicht zum Döner essen hergekommen, sondern wegen des Kaffees. Den gibt es zumindest in der Hauptstadt an allen Ecken und Enden – entweder als Espresso oder Americano – zu einem Preis, bei dem dem Durchschnittsmongolen die Ohren schlackern dürften. Starbucks hat es übrigens noch nicht hierher geschafft.

Der Rückweg ist eine Qual – es ist jetzt stockfinster, deutlich kälter ohne Sonne, leicht windig, und dank der großen Straße, an der ich entlang laufen muss, ist die Luft einfach furchtbar. Irgendwann tut mir die Nase weh – bei genauer Betrachtung kein Wunder, denn ein Nasenloch ist vereist. Ein Schluck Mineralwasser aus der Flasche im Rucksack gestaltet sich auch schwieriger als geplant: Der Inhalt, obwohl im Rucksack ständig in Bewegung, ist nahezu vollständig vereist. Und das sind nur rund minus 30 Grad – hier wird es aber in einem heftigen Winter bis minus 50 Grad kalt. Froh, gegen 6 zurück im Hotel zu sein, rufe ich den anonymen Taxifahrer vom Vortag an und erkläre ihm, wo ich hin will. Circa 50 Kilometer, 6 Stunden – er veranschlagt 120,000 Tröten. Knapp 50 Euro also. Das klingt fair, also verabreden wir uns für den nächsten Morgen.

Zehn Minuten vor der verabredeten Zeit gehe ich nach einem ausgiebigen Frühstück (ausgiebig bedeutet in meinem Fall ein Kaffee und ein Glas Milch – es gibt mehr, aber ich bin eher ein Spätstücker) in die Hotellobby, wo der Fahrer bereits wartet. Denn auch das bemerke ich schnell hier: Mongolen sind sehr pünktlich. Los geht’s – und zwar erst zu einem sowjetischen Denkmal, dem Зайсан толгой (Zaisan Tolgoi), dass im Süden der Stadt auf einem Hügel thront. Mit dem Auto kommen wir nur bis zur Hälfte, denn die Strasse ist komplett vereist. Allzu viel sieht man auch nicht von oben, denn heute ist der Smog wieder relativ stark (allerdings kein Vergleich zu Peking zum Beispiel). Das Denkmal? Nun ja, kennt man ein sowjetisches Monument, kennt man alle.

Das Zaisan-Denkmal: Typisch sowjetisch

Das Zaisan-Denkmal: Typisch sowjetisch

Wir unterhalten uns etwas über die peri- und postsowjetische Zeit. In Ostdeutschland würde man sagen, dass der Fahrer der Ostalgie nachhängt. Nach der friedlichen Revolution in der Mongolei geschah ähnliches wie in Ostdeutschland: Die Industrie ging nieder, viele verloren in der Stadt ihre Arbeit. Die russische Armee zog ab – ebenfalls damals ein großer Arbeitgeber. China sprang zwar als reicher Nachbar hier und da ein, aber Chinesen betrachtet man (auch) hier mit großem Argwohn.

Jetzt brausen wir quer durch die Stadt Richtung Norden. Rund 15 Kilometer nördlich des Zentrums befindet sich ein von der japanischen Regierung errichtetes Mahnmal – das Дамбадаржаа япон цэргийн цогцолбор (Japanischer Militärkomplex in Dambadarzhaa). Gedacht wird hier den japanischen Siedlern und Kriegsgefangenen, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges hier und in der Mandschurei steckenblieben und, auf die Rückkehr nach Japan wartend, aufgrund der Entbehrungen starben. Es ist eine ziemlich große Anlage, mitten im Nichts. Laut (japanischem) Reiseführer soll man vor dem Besuch die Familie anrufen, die die Anlage wartet, damit die den Wachhund zurückpfeifen, wenn man ankommt. Das sagt schon einiges aus. Der Fahrer macht das auch. In der Anlage befindet sich auch ein Minimuseum mit Karten, Fotos, Namensschildern und riesigen Blumengebinden diverser japanischer Ministerien. Es liegt auch ein Gästebuch aus – dort tragen Besucher ein, wann sie dort waren und in welcher Präfektur sie wohnen. Der letzte Eintrag ist zwei Wochen alt (das könnte stimmen: der Schnee in der Anlage ist tatsächlich jungfräulich).

Japanische Gedenkstätte bei Ulan Bator

Japanische Gedenkstätte bei Ulan Bator

Interessant ist jedoch die Fahrt zur Anlage. Denn wir fahren durch die sogenannten Ger-Viertel. Ger (in etwa „girr“ ausgesprochen) heißen die traditionellen Jurten, und die gibt es auch in den Außenbezirken von Ulan Bator. Ein Grund dafür ist, dass die Winterbevölkerung der Hauptstadt größer ist als die Sommerbevölkerung. Universitätsstudenten zum Beispiel lernen in den Sommermonaten draußen in der Provinz – und im Winter in der Hauptstadt. Das Problem dabei ist allerdings, daß alle Jurten und viele kleine, ärmlich erscheinende Häuser einzeln heizen – mit Kohle, Holz oder Dung. Das Ergebnis ist furchtbar schlechte Luft. Fast alle Kinder hier tragen deshalb spezielle Masken. Laut Fahrer ist diese Gegend die wahre Mongolei – nicht das glitzernde Stadtzentrum.

Smog im Ger-Viertel (an einem klaren Wintertag!)

Smog im Ger-Viertel (an einem klaren Wintertag!)

Wir fahren zurück ins Zentrum zum größten Markt der Stadt, dem Нарантуул зах (Narantuul-Markt), im mongolischen Volksmund „Schwarzmarkt“ genannt, weil es hier wohl, wenn man weiß, wo man suchen muss, wohl auch unerlaubte Sachen wie Munition und dergleichen geben soll. Das kann man sich bei der Größe und dem Labyrinthcharakter des Marktes auch gut vorstellen. Hier wird alles verkauft. Im hinteren Teil gibt es auch ein paar Buden für Schamanenzubehör, und die sind besonders interessant.

Der Narantuul-Markt. Das Tor ist extrem stilvoll.

Der Narantuul-Markt. Das Tor ist extrem stilvoll.

In der Mongolei dominieren Buddhismus und Schamanismus – nicht selten auch eine Mischung von beiden (ähnlich dem Shintōismus und Buddhismus in Japan). Um es extrem zu vereinfachen: Beim Shintōismus geht es um das Göttliche in allen Dingen, beim Schamanismus um die Geister in allen Dingen. Auf den Schamanismus ist man stolz in der Mongolei, und ich habe Stimmen gehört, nach denen sich auch die jüngeren Mongolen wieder mehr für den Schamanismus interessieren. Allerdings ist auch das Christentum auf dem Vormarsch – vor allem seit der friedlichen Revolution, nach deren Wirren vor allem einige Hauptstädter plötzlich ohne Arbeit und ohne Geld (und dementsprechend auch ohne Essen) dastanden. Die ideale Voraussetzung für Seelenfänger, die mit dem Versprechen auf eine warme Mahlzeit Menschen in die neu entstandenen Kirchen lockten.

Mongolischer Käse. Alles andere ist Wurst.

Mongolischer Käse. Alles andere ist Wurst.

Sechs Stunden waren ausgemacht, von 9:30 bis 15:30. Jetzt ist es kurz nach Mittag, und es fällt allmählich schwer, zu entscheiden, was es noch so sehenswertes gibt in der Hauptstadt. Der Fahrer schlägt vor, raus nach Terelj zu fahren, aber das ist bereits für den nächsten Tag geplant. Also fahren wir noch zu einem anderen kleinen Markt mitten in der Innenstadt, in der es frisches Fleisch und frisches Gemüse, mongolischen Käse und dergleichen gibt. In der dem Markt angeschlossenen Kantine essen wir schließlich Mittag und fahren daraufhin noch schnell beim Bahnhof von Ulan Bator vorbei. Irgendwann mal, wenn ich groß bin, muss ich wirklich mal die Fahrt mit der Transmongolischen Eisenbahn von Moskau bis Peking machen… eigentlich hatte ich mir auch gedacht, mit der mongolischen Eisenbahn einen Tag lang Richtung Norden oder Richtung Süden zu fahren, dort dann irgendwo zu übernachten und am nächsten Tag zurückzufahren, aber die Züge fahren so selten und so merkwürdig, dass es keinen rechten Sinn ergeben hätte. Das ist natürlich schade, denn mit einem langsamen Zug gemächlich durch atemberaubende Landschaften zu fahren ist ein Luxus, den man in Japan kaum noch findet.

Bahnhof von Ulan Bator

Bahnhof von Ulan Bator

Gegen 14 Uhr quälen wir uns allmählich durch den ewigen Stau der Innenstadt zurück und verabschieden uns am Lama-Tempel- und Museum. Unterwegs deutet der Fahrer noch auf das eine oder andere Gebäude: „Das hier ist eine Ringer-Arena, finanziert von Asashōryū. Oder: „Die Tankstelle hier gehört zur Firmengruppe von Hakuhō“. Beide sind in Japan sehr bekannte Sumō-Ringer (beide haben den höchsten Rang, den Titel des Yokozuna, erreicht). Wie es aussieht, haben beide ihren in Japan schwer erarbeiteten Reichtum gut in der Heimat angelegt, und das ist natürlich eine schöne Sache. Dass vor allem Mongolen im japanischen Nationalsport Sumo so erfolgreich sind, ist kein Zufall: Traditionelles Ringen ist DER Volkssport der Mongolei, national zelebriert beim berühmten Sportfest „Nadaam“, das alljährlich im Juli in Ulan Bator stattfindet.

Gebäude des Lama-Tempels vor dem Blue Sky-Bürogebäude

Gebäude des Lama-Tempels vor dem Blue Sky-Bürogebäude

Heute hat das Чойжин ламын сүм музей (Choijin Lama Tempel-Museum) geöffnet, und ich bin scheinbar der erste Besucher, denn eine Angestellte schließt der Reihenfolge nach die einzelnen Gebäude für mich auf. Alles sehr beeindruckend – am beeindruckendsten ist aber der Kontrast zwischen den alten Tempelgebäuden und den Bürohochhäusern gleich daneben. Gefolgt wird das ganze von einem längeren Plausch mit der Angestellten des Museumsshops, denn die Frau spricht fließend Englisch, Russisch, Französisch und ein wenig Deutsch – das ganze artet in einen kurzweiligen Diskurs über vergleichende Linguistik aus und macht ziemlichen Spaß, zumal sie nebenher noch etliche Sachen über dem Tempel und die Mongolei an sich erklärt.

Schließlich geht es noch ins ebenfalls am Vortag verpasste Geschichtsmuseum, wo ein älteres deutsches Nebenpaar im gleichen Saal ihren deutsch sprechenden mongolischen Führer zusammenfaltet, weil der verkünden muss, dass aus der geplanten Folkloreveranstaltung am Abend leider nichts wird. Das ganze wird mit der drohend klingenden Bemerkung des Gemahls „Ich bin mir sicher, daß Sie bis zum Abend gebührenden Ersatz gefunden haben werden“ abgeschlossen. Ich frage mich unweigerlich, ob der Guide am Abend sich noch in einen Schamanen verwandeln und vor den beiden tanzen wird…

Den Abend lasse ich im Grand Khan Pub ausklingen. Dieser riesige, hochmoderne Pub war wohl bis zum vergangenen Jahr extrem angesagt und sowohl mittags als auch abends immer ausgebucht, doch seit 2016 steckt die Mongolei in einer mittelschweren Wirtschaftskrise, inklusive rund 30% Inflation, und seitdem ist der Grand Khan Pub, Barometer der mongolischen Wirtschaft, größtenteils leer.
In der Nacht geht es im Hotel Ulan Baator wieder hoch her: Im großen Saal wird lautstark gefeiert. Viele Teilnehmer sind betrunken – und verkleidet. Wie ich später erfahre, lassen mongolische Firmen das Jahr gern mit einer großen Sause ausklingen, bei der sich die Teilnehmer gern verkleiden.

Wie es aussieht, komme ich nicht um einen dritten Teil herum, und der wird am interessantesten, denn dann geht es raus aus der Hauptstadt in die Provinz – inklusive Übernachtung in einer Jurte bei einer Nomadenfamilie…

Und hier ist er: Teil 3 (letzter Teil).

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Geschichten aus der Mongolei

Dezember 27th, 2016 | Tagged | 9 Kommentare | 837 mal gelesen

Hauptstädte zu besuchen, die aus nur einem Wort bestehen, ist out. Hauptstädte mit zwei Wörtern sind in. Nach Kuala Lumpur vor genau einem Jahr ging es dieses Jahr also nach Ulan Baator, Hauptstadt der Mongolei. Und zugleich die kälteste Hauptstadt der Welt: Die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt -2 Grad. Und im Winter geht es richtig zur Sache mit Temperaturen bis zu minus 40 Grad. Aber egal, das soll uns nicht von einer Stippvisite abhalten.

Direktflüge aus Japan gibt es im Winter nicht – logisch, wer ist schon so blöd, im Winterzu fliegen. Also ging es erstmal mit Air China nach Peking. Der Flug startete um 7:10 von Haneda – das dumme ist dabei, dass nichts zeitig genug nach Haneda fährt, um den Flug sicher zu erreichen. Also hiess es – wieder mal – am Abend hinzufahren um dortzu übernachten. Dieses Mal entschied ich mich dafür, direkt im Terminal zu übernachten, im „First Cabin“-Hotel. Das sind Kojen, in die gerade eben so ein Bett passt, mehr nicht. Es gibt auch keine Türen, nur eine Art Jalousie, die man aber auch nicht bis nach ganz unten ziehen kann. 5’300 Yen kostet die Nacht dort. Vom Preis her also nicht schlecht. Wenn man nicht das Pech hat, dass der Mitgefangene in der Koje gegenüber, den Waden nach zu urteilen eine sehr stramme Gestalt, so laut und unregelmäßig schnarcht, dass man Angst hat, er könne jeden Moment verrecken. Außerdem ist es viel zu warm in dem Gefängnis. Sprich – es ist eine echte Qual.

Mehr Kapsel als Zimmer: First Cabin im Flughafen Haneda

Mehr Kapsel als Zimmer: First Cabin im Flughafen Haneda

Halbwegs pünktlich fliegt das Flugzeug am nächsten Tag ab – und vier Stunden später und zum ersten Mal seit 19 Jahren bin ich wieder in Peking. Ich habe aber nur knapp anderthalb Stunden. Also rein in den Transitbereich, nochmals Sicherheitskontrolle, ewig lange zum Gate laufen und verzweifelt nach Kaffee suchen. Da, ein Starbucks! Bekannt für seine freundlichen Angestellten! Aber nicht in China. Drei Angestellte quatschen, und nur äußerst widerwillig bemüht sich eine Angestellte, sich mit mir abzugeben. Wie kann ich auch das Gespräch stören? Eine knappe Stunde später geht es weiter. Das Flugzeug ist nur halbvoll, und die meisten Passagiere scheinen Mongolen zu sein. Nach gut zwei Stunden befinden wir uns im Anflug auf eine traumhafte, aber karge Winterlandschaft. Mit famoser Weitsicht. Die endet aber kurz vor dem Flughafen, und die Ursache kann man aus dem Flugzeug heraus sehr gut erkennen: Riesige Schlote, die Unmengen an Rauch in den windstillen Winterhimmel spucken. Man erkennt sogar wunderbar die Inversionsgrenze: Hier kommt der Qualm nicht weiter und muss sich entsprechend im Tal verbreiten. Smog also.

Smogverursacher in Ulan Baator

Smogverursacher in Ulan Baator

Der Flughafen ist winzig klein, und unser Flugzeug das einzige Flugzeug dort. Hier scheint ja im Winter wirklich die Post abzugehen. Lange muss ich an der Einreise nicht warten. Ein Kärtchen hatte ich schon im Flugzeug ausgefüllt, und ein Visum brauchen die meisten nicht. Die Grenzbeamtin lächelt sogar ein wenig. Und als ich zum Gepäckband laufe, liegen alle Gepäckstücke schon fertig zum abholen da. Fantastisch. Es ist 3 Uhr Machmittags, und die Sonne strahlt.

Kaum erreiche ich die Ankunftshalle, kommen die ersten Taxifahrer angelaufen. „Taxi! Taxi!?“ Ja ja, keine schlecht Idee, aber ich möchte erstmal Luftholen… und Geld abheben. Ein Taxifahrer ist hartnäckig und läuft in anständigem Anstand hinter mir her und gibt gelegentlich Tipps in gebrochenem Englisch. „ATM – there!“ und so weiter. Immerhin funktioniert der erste Automat und ich bin stolzer Besitzer von 250’000 Tögrög – rund 100 Euro. Der größte Schein ist dabei der 20’000 Tögrög (ich muss das erst ein paar Mal schreiben, bis ich mich an den Namen gewöhnt habe)-Schein. Sofort kaufe ich mir an einem Kiosk für 1’000 Tröten ein Feuerzeug, denn das hat mir die chinesische Securitate in Peking abgenommen.

Dschingis-Khan-Flughafen

Dschingis-Khan-Flughafen

Da ich im Flugzeug nicht faul war und etwas in meinem japanischen Reiseführer über die Mongolei recherchiert hatte, wusste ich, dass es keinen offiziellen Flughafenzubringer gibt – nur einen ganz normalen Linienbus, der wohl unweit vom Flughafen durch ein Wohngebiet fährt. Vielleicht sollte ich also erstmal hören, was der Taxi-Fahrer verlangt. Was, 30’000 Tröten? Abgemacht! Und schon führt er mich zu seinem zerbeulten, aber grossen, schwarzen Nissan, an dem absolut gar nichts hindeutet, dass es sich um ein Taxi handelt. Andere Taxis sehe ich allerdings auch nicht. Die Mongolei – das Land der Stealth-Taxis! Später fühlte ich mich in meiner Beobachtung bestätig, als ich unzählige Male sah, wie frierende oder eilig aussehende Mongolen verzweifelt in die Automenge winken, um ein Taxi zu ergattern – da an den meisten Taxis aber nichts dransteht, ist das ein seltsames Lotteriespiel.

Mein Fahrer schaut zwar etwas grimmig, aber er kann ein bisschen Englisch und ist letztendlich sogar etwas gesprächig. Und schon rauschen wir los, auf einer Schnellstraße ohne jegliche Markierung und ohne Regeln. Es geht so chaotisch zu, dass ich mich ernsthaft frage, ob hier Links- oder Rechtsverkehr herrscht. Eigentlich sieht es nach Rechtsverkehr aus, aber der Fahrer sitzt rechts von mir (des Rätsels Lösung: Die meisten Autos kommen gebraucht aus Japan über Rußland in die Mongolei).

Es geht vorbei an einem riesigen Kraftwerk, und an Neubauten, die, je näher wir dem Stadtzentrum kommen, immer älter, sprich sozialistischer, aussehen. Im unmittelbaren Zentrum gesellen sich moderne Glas- und Stahlbauten hinzu. Nach einer guten halben Stunde sind wir am Ziel – am altehrwürdigen (seit 1961) Hotel Ulan Baator. Einst die erst Adresse der Stadt, wurde das Hotel natürlich längst von Kempinski & Co. eingeholt. Ich bezahle, und der Fahrer gibt mir seine Visitenkarte – falls ich wieder einen Fahrer brauche. Ist gemacht.

Hat Stil: Ulan Baator-Hotel

Hat Stil: Ulan Baator-Hotel

Das Hotel ist wunderbar 1960-sozialistisch. Herrlich. Die Angestellten am Empfang sind professionell, und 15 Minuten später stehe ich in meinem Zimmer. Sieht soweit ganz gut aus. Und der Ausblick auf die Mischung aus sowjetischer und postsowjetischer Architektur ist großartig. Also schnell die Sachen abgestellt und raus zu einem Spaziergang in der Nachbarschaft – hier gibt es vor allem Regierungsgebäude und Bürohäuser. Und die Temperaturen sind mit minus 20 Grad knackig. Um 5 Uhr wird es allerdings schon dunkel (und es wird allmählich wirklich kalt), also zurück ins Hotel, und etwas später raus zum Abendessen. In der Nähe gibt es ein ziemlich exquisit aussehendes Restaurant – mit Garderobe, auch das ist typisch russisch/sowjetisch – wo eine Platte mit gemischten mongolischen Spezialitäten, sprich Hammelfleisch mit Hammelfleisch, dazu etwas Hammelfleisch – letztendlich nicht einmal 10 Euro kostet.

Umgebung des Hotels

Umgebung des Hotels

Nach einer verdienten Nachruhe geht es gegen 9 Uhr, kurz nach Sonnenaufgang, los zu einem ausgedehnten Stadtspaziergang. Bei anfangs minus 30 Grad. Vorher will ich aber ein Reisebüro aufsuchen, das angeblich sehr gut sein soll, um auszuloten, was ich während der 5 Tage hier auch außerhalb der Hauptstadt anstellen kann. Theoretisch ist es auch ganz einfach: Ich steige in den Trolleybus der Linie 5, der immer geradeaus fährt, und steige an einer gewissen Haltestelle, deren Namen ich sogar kenne, aus. Angeblich bezahlt man beim Besteigen des Busses 500 Tröten. Also steige ich ein, und ein junger Mann vor mir am Eingang nimmt mir den Schein aus der Hand… dreht sich um und verschwindet nach hinten. Das kommt mir seltsam vor. Ich laufe hinterher, tippe ihn an und sage das russische Wort für Fahrkarte (man merke allerdings: Ausser der Schrift hat Mongolisch nichts mit dem Russischen zu tun): Billet! Er schaut mich fragend an, und ich texte ihn auf Englisch zu: „You took my money, so where is the ticket then?“ Nun scheint es ihm zu brenzlig zu werden, er greift in seine Jackentasche und gibt mir den Schein zurück. Den ich dann, wie ich inzwischen beobachten konnte, in eine Box am Eingang werfen werde. Währenddessen sind wir wahrscheinlich an meiner Haltestelle vorbeigefahren. Irgendwie kommt mir jedenfalls die Fahrt zu lang vor, so dass ich irgendwo in einem Außenbezirk aussteige und wieder zurückfahre. Dieses Mal passe ich besser auf und erwische die richtige Haltestelle.

Gandan-Tempel

Gandan-Tempel

Im Reisebüro erklärt mir ein netter Engländer meine Optionen: Sie sind stark begrenzt, denn im Winter fährt kaum was und fliegt nichts. Immerhin habe ich seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich entschliesse mich letztendlich für eine 2-Tages-Tour in einen Nationalpark in der Nähe von Ulan Baator, mit Übernachtung bei einer Nomadenfamilie in einer Jurte usw. Warum nicht. Hauptsache etwas raus aus der Hauptstadt.

Gandan-Tempel

Gandan-Tempel

Es geht zu Fuß weiter, zum wichtigsten Tempel nicht nur der Stadt, sonder des ganzen Landes – dem Gandan-Tempel. Und der sieht sehr tibetisch aus, nebst tibetanischen Gebetsrollen. Die Tempelanlage ist wunderschön, zumal ich sie dank der Kälte ganz für mich allein habe. Letztendlich verbringe ich dort eine gute Stunde. Als ich gehen will, kommt ein Mongole auf mich zu und spricht mich auf russisch an – er habe wunderschöne Bilder, die er selbst gemalt hat und verkauft. Alle auf Leder gemalt. Eigentlich kaufe ich nichts von fliegenden Händlern, aber seine Sachen gefallen mir ziemlich gut. 10 Minuten später bin ich um 1 Bild, zwei Bildchen (mangels Wechselgeld) und einem Set mongolischer Münzen, die ja nicht mehr im Umlauf sind (ich bin Münzsammlet, wohlgemerkt) reicher und um 40’000 Tröten ärmer, habe aber kein schlechtes Gefühl dabei.

Weiter geht’s zu Teil 2.

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Japanisches Essen in Deutschland – Coco Genki

August 8th, 2016 | Tagged , | 3 Kommentare | 875 mal gelesen

Morgen geht es nach fast drei Wochen Europa wieder zurück nach Japanistan — und eine Erkenntnis, die ich dieses Mal aus Deutschland mitnehme, ist die, dass sich die japanische Küche in Deutschland rasend schnell auszubreiten scheint. Plötzlich sehe ich überall Sushi, aber auch Udon und Co. scheinen sich mehr und mehr auszubreiten. Das ist schön, denn es kann nicht schaden, die japanische Küche zu kennen. Heute hatte ich zudem bei einem Berlinbummel die Gelegenheit, das Restaurant einer guten Freundin zu besuchen: Das Coco Genki in Berlin Mitte. Die Co-Betreiberin Noriko kenne ich seit 1995, und ich habe sie seit wahrscheinlich 10 Jahren (oder so) nicht mehr gesehen. Nun, heute stand ich ungefragt und unangemeldet vor dem Restaurant, und siehe da — es war geschlossen. Wie es sich aber für einen gewissenhaften Restaurantbetreiber gehört, war sie trotzdem da.

Coco Genki in Berlin Mitte

Coco Genki in Berlin Mitte

Im Coco Genki (ein etwas verwortspielter Name – „coco“ (bzw. im Japanischen koko) kann „hier“ bedeuten, „genki“ bedeutet gesund. Es geht weniger um Sushi sondern um gesunde, und nur zu einem gewissen Teil japanische Küche. Auf jeden Fall ein schönes Lokal in schöner Umgebung, direkt an der U-Bahn-Station Märkisches Museum (Linie U2). Die genauen Koordinaten:

Bistro Cafe COCO GENKI
Wallstr.36 10179 Berlin
Tel: 030-548272-73
URL: facebook.com/cocogenki.berlin

Und wo wir gerade beim Thema asiatisches Essen sind: Erfreut habe ich auch zwei Mal feststellen dürfen, dass es nun auch hervorragendes vietnamesisches Essen in Deutschland gibt. Bzw. in Berlin und Umgebung. Zum Beispiel das Cowei (James-Simon-Park 152, 10178 Berlin) – das mit vietnamesischen und japanischen Spezialitäten aufwartet. Ich hatte keine Lust, dort japanisches Essen zu probieren, aber das vietnamesische Essen dort war reichlich schmackhaft – und nicht mal allzu teuer.

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Sag mir wo die Japaner sind…

Juli 30th, 2016 | Tagged , | 13 Kommentare | 1174 mal gelesen

Ein munteres ¡Hola! aus Barcelona… und nur ein kurzer Beitrag am Rande. Seit 8 Tagen bin ich nebst Familie auf Tour – über Doha (Qatar) ging es erst nach Berlin und nun schliesslich nach Barcelona, dessen bekanntester Fussballclub ja auch von Qatar gesponsert wird, womit sich der Kreis wunderbar schliesst.

Was mir bei dieser Reise allerdings von Anfang an auffiel, ist das nahezu vollständige Fehlen japanischer Touristen. Normalerweise sieht man sie überall – vor allem um diese Jahreszeit, denn schliesslich haben in Japan bereits die Ferien begonnen. Doch selbst im Flieger nach Doha waren mehr Ausländer im Flugzeug als Japaner, und weder in Deutschland noch in Barcelona sind mir welche begegnet (mit Ausnahme von zwei Japanern am Bahnhof von Wittenberg), was recht merkwürdig ist. Allerdings habe ich bisher auch keine Koreaner – und nur sehr wenige Chinesen gesehen.

Die Ursache dürfte klar sein. Nachrichten von Terror- und anderen Attacken in Europa mehren sich, und obwohl Europa natürlich sehr gross ist, wird schnell die Assoziation Europa = Terror = Hochgefährlich in den Köpfen implantiert. Selbst meine Geschäftskollegen quittierten meine Nachricht, dass ich nun eine Weile in Europa sein werde, mit einem mitleidsvollen Blick und den Worten „passen Sie bloss auf sich auf!“.

Ewige Baustelle Sagrada Família - so gesehen könnte man den neuen Hauptstadtflughafen BER auch zum UNESCO-Weltkulturerbe erklären!

Ewige Baustelle Sagrada Família – so gesehen könnte man den neuen Hauptstadtflughafen BER auch zum UNESCO-Weltkulturerbe erklären!

Und so bleiben die Touristen aus, werden Geschäftstreffen abgeblasen oder verschoben und so weiter und so fort. Dass einige der Geschehnisse in jüngster Zeit keine Terrorattacken waren sondern einen anderen Hintergrund hatten spielt da kaum eine Rolle, denn in den ersten Schlagzeilen taucht meistens das Wort Terror auf. Ob dahinter ein Fragezeichen stand oder nicht weiss am nächsten Tag niemand mehr. Und dass so etwas auch in Japan vorkommen kann (Sarin-Anschlag der Aum-Sekte, Amoklauf in Akihabara oder das Massaker an den Einwohnern einer Behinderteneinrichtung in Sagamihara vor 4 Tagen mit 19 Toten) scheint auch keine Rolle zu spielen.

Der indirekte wirtschaftliche Verlust für Europa wird enorm sein, und er wird mit jedem Anschlag oder jeder Tat, die nach Anschlag aussieht, wachsen. Mehr Sorge als die Anschläge selbst machen mir jedoch die „Massnahmen“, die danach immer ergriffen werden – greifen sie doch in der Regel tief in das Leben der „Unbescholtenen“ ein. Man denke nur daran, wie unkompliziert das Fliegen vor 2001 war und wie kompliziert es heute ist.

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Out of Japan: Kleines Malaysia A-Z

Dezember 24th, 2015 | Tagged | 1 Kommentar | 760 mal gelesen

Aufgrund diverser günstiger Umstände war es mal wieder soweit: Ein Kurzausflug in die liebe weite Welt. Eigentlich dachte ich da erst an einen besonders störenden weissen Fleck auf meiner Südostasien-Karte: Kambodscha. Als ich jedoch die Flugverbindungen raussuchte (24 Stunden unterwegs, mit zwei bis drei Zwischenstops in China) überlegte ich mir das ganze dann doch noch mal, denn ich wollte vor Weihnachten wieder zurück sein. Als nächstes boten sich Indonesien und Malaysia an. Malaysia? Eigentlich kein weisser Fleck auf meiner Karte, denn 1998 war ich in Johor Bahru, direkt neben Singapur. Ein mehrstündiger Abstecher zählt aber nicht so richtig, also dann lieber noch mal richtig hin.

Anbei also, unter der Rubrik „Out of Japan“ eine kleine Zusammenfassung in alphabetischer Reihenfolge:

Air Asia
LCC-Fluglinie aus Malaysia mit zahllosen Verbindungen in Asien. Man zahlt für alles extra – Essen, Gepäck (nur 7kg Kabinengepäck sind inklusive) – und es gibt keine Fernseher. Musste daher zu drastischen Massnahmen schreiten und ein Buch kaufen. Mein erster (!) Flug mit einem LCC.

Bukit Bintang
Nabel von Kuala Lumpur. Hier steppt der Bär, hier sind grosse Shopping Malls, in der Nähe gibt es etliche Bars, Strassenrestaurants (ziemlich teuer wohlgemerkt) und was man sonst noch so braucht.

Momentan einfach nur eine Riesenbaustelle: Bukit Bintang

Momentan einfach nur eine Riesenbaustelle: Bukit Bintang

Chow Kitt
Marktviertel im Norden von KL mit allem – von der Wäscheklammer bis zum fertigen Huhn. Hier stellt man erstmal erschrocken fest, dass man mindestens die Hälfte der hier angebotenen Obst- und Gemüsesorten nicht kennt.

Na, wie die wohl schmecken? Aufllösung: Ja, Mangostane sind sehr geniessbar

Na, wie die wohl schmecken? Aufllösung: Ja, Mangostane sind sehr geniessbar

Durian
A propos Obst – angeblich ist die Durian ja die Königin der Obstsorten. Eine Königin mit sehr eigenwilligem Geruch wohlgemerkt. Wie auch in Thailand ist Durian auch in Malaysia allgegenwärtig. Und nein, man soll sich vom Geruch nicht abschrecken lassen.

Einwanderer
Baustellen, Bars, Massagesalons – all diese mit Arbeit verbundenen Arbeiten überlässt man in Malaysia gern den lieben Mitmenschen aus Nepal, Bangladesh, Myanmar usw. Diese Praxis kennt man ja von anderswo.

Flughafen
KLIA, der Hauptflughafen von KL, liegt zwar etwas abseits in der Pampa, ist aber mit dem laut Eigenwerbung „schnellstem Zug von Südostasien“, dem Klia Ekspres, in einer halben Stunde von KL Sentral erreichbar. Achtung: Vor allem die Laufentfernungen in KLIA 2 sind nicht ohne.

Geld
Geld abheben mit der Kreditkarte ist praktisch und auch in Malaysia möglich, allerdings ein bisschen wie Lotto spielen: Mal klappt’s, mal klappt’s nicht. Praktischerweise benutzt man in Malaysia auch die Reichsmark (abgekürzt: RM). Das Gerücht, RM könnte für etwas anderes stehen wie zum Beispiel Ringgit Malaysia, ist natürlich absurd.

Höhlen von Batu
Wer genug hat von KL und kann kurz ein bisschen nach Indien möchte, kann dies recht einfach tun: Man setze sich in de Komuter-Zug nach Batu Caves und 30 Minuten später muss man sich nur an der Endhaltestelle rauswerfen lassen. Man findet dort beeindruckende Höhlen, Hindi-Tempel, Affen und den obligatorischen, fein verteilten Müll. Empfehlenswert: Kurze Höhlenwanderung durch die Höhlen linkerhand des Tempels.

Das. Ist. Meine. Kokosnuss.

Das. Ist. Meine. Kokosnuss.

Instantnudeln
Als ich ein chinesisch geführtes Strassenrestaurant fand, in dem handgeschabte Nudeln mit Suppe angeboten werden (eine meiner Leibspeisen) war ich sofort begeistert und liess meine Bestellung vom Stapel. Antwort: Die Nudeln sind leider aus, man könne aber gern die (zeigt auf eine Riesentüte voller Instantnudeln) verwenden. Ja, is klar, Chef!

Jetlag
Eine Stunde Zeitverschiebung zwischen Japan und Malaysia. Entsprechend mörderisch der Jetlag. Mitteleuropäer haben mehr von: 7 Stunden im Winter, 6 im Sommer.

Kuala Lumpur
Nabel von Malaysia. Der Name klingt schon irgendwie komisch – kein Wunder, bedeutet er ja auch so was wie schlammige Flussmündung. Aus verständlichen Gründen kürzen die Eingeborenen und Expats/Experts den Namen auch ganz cool ab und sagen „Käi Ell“. Klingt doch viel besser, oder?

Wie viel alt und neu passt auf ein Photo?

Wie viel alt und neu passt auf ein Photo?

Landessprache
Malaiisch-Kreolisch-Chinesisch-Fremdländisch. Schöne Sprache! Glücklicherweise ist Englisch ziemlich gut verbreitet. Malaysia hat dabei etwas versucht, was England schon vor Jahrhunderten hätte machen sollen: Die englische Rechtschreibung zu reformieren. Express ist jetzt Ekspres, Central is Sentral, Museum ist Muzium usw.

Malakka (auch: Melaka)
Provinzstadt, die erst von Portugiesen, dann von Holländern, dann Engländern, dann Japanern und just von chinesischen Touristen überrannt wird. Ganz nett, wenn man die unsäglichen und dann auch noch lauten Trishaws verbannen würde.

Detailansicht des Stadthuys von Malakka

Detailansicht des Stadthuys von Malakka

Nasi nochwas
Es gibt Reis, Baby! Nasi Dagang, Nasi Lemak, Nasi Briyani… Meist mit Kokos, Currygewürzen, Fleisch, manchmal mit appen Fischköppen und Gemüse. Malaysia ist kulinarisch nicht ganz überraschend zwischen Thailand und Indonesien angesiedelt.

Nasi mit ...

Nasi mit …

Oh, Du fröhliche…
Da fährt man eigens in ein islamisches Land, um so etwas dem Vorweihnachtstrubel zu entkommen… und dann das: Überall Weihnachtslieder und Kitsch in Malaysia! Es gibt einfach kein Entrinnen mehr.

Quantenphysik, die
Siehe Air Asia. Endlich mal geschafft, Stephen Hawking’s „A brief history of time“ zu lesen. Bis zum Ende reichen die 7 Stunden Flug dann aber doch nicht.

Petronas Towers, die
Zwei Ungetüme aus Stahl und Glas, aus unerfindlichen Gründen mit viel Petrodollar in die Stadtmitte geknallt. Doch immerhin: Wofür bitte war KL vorher bekannt? Ach, fällt Ihnen wohl gerade nicht ein? Sehn’se! Genau deshalb stehen die beiden Türme jetzt da. Wer auf die Spitze will und nicht King Kong ist, zahlt 86 Reichsmark.

Einer der beiden Petronas-Tower am Abend

Einer der beiden Petronas-Tower am Abend

Religion, die
Eigentlich ist Islam angesagt, wären da nicht die ganzen Chinesen und Inder. Also Islam light: Kein Muezzin ruft öffentlich zum Gebet, Frauen können anziehen, was sie wollen, und Alkohol gibt’s auch (Anmerkung: Gilt so zumindest für KL und Malaka, kann in anderen Landesteilen aber anders sein.)

In der Staatlichen Moschee von Kuala Lumpur

In der Staatlichen Moschee von Kuala Lumpur

Schleier, der
In etwa die Hälfte der Frauen in Malaysia trägt Kopftuch (Hijab). Die Vollversion, den Niqab, sieht man kaum (und wenn, dann sind es wahrscheinlich Besucher von ausserhalb). Was ich diesbezüglich sehr komisch fand, war eine Frau mit Niqab und Sonnenbrille, die da in Badu mit ihrem Selfiestick ein Photo von sich schoss. Aha.

Transportwesen, das
Schnellzüge, Monorails, Taxis, bei denen man in den meisten Fällen den Preis besser vorher aushandelt, Fernbusse – in Sachen Transport ist Malaysia, zumindest aber die Region um KL, richtig gut aufgestellt. Angeblich will man jetzt auch eine Art Shinkansenstrecke zwischen Singapur und KL bauen – mit chinesischer Technologie. Dumm gelaufen, Japan!

Ungeziefer, das
Kakerlaken habe ich interessanterweise keine gesehen – dabei befand sich eine grosse Bäckerei direkt in den ersten Etagen meines Hotels. Dafür habe ich aber oft am hellichten Tag Ratten über die Strassen huschen sehen, und das waren ordentliche Kawenzmänner!

Visum, das
Kaum ein anderes Land ist so einfach in Südostasien: Kein Visum erforderlich, und man muss noch nicht mal irgendwelche sinnlosen Formulare ausfüllen. Dafür werden bei der Einreise jetzt auch hier Photo und Fingerabdrücke genommen.

Widerspruch, der
Überall wird auf Teufel komm raus gebaut – neue Wohnungen, neue Bahnlinien, neue Strassen – alles! Und doch sagen die Menschen, dass es seit Jahren nur bergab gehe. Wörter wie „korrupte Politiker“ und „Premierministers muss weg“ hört man hier und da hinter kaum vorgehaltener Hand.

Einfach auf den Punkt gebracht

Einfach auf den Punkt gebracht

XYZ
Die letzten drei Buchstaben im Alphabet. Kamen bei dieser kurzen Reise nicht vor.

Sicher werde ich später wieder eine eigene Seite über Malaysia schreiben, aber das soll es für heute gewesen sein.

Ich wünsche allen Lesern eine fröhliche Weihnacht! Esst für mich mit!

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Jenseits von Japan – Tabibito in Vietnam. Teil 1

Dezember 29th, 2014 | Tagged | 1 Kommentar | 1929 mal gelesen

Weihnachtsferien – Reisezeit. Dieses Mal zog es uns also nach Vietnam. Mit Kind und Kegel. Erst die Franzosen, dann die Amerikaner – und jetzt meine Kinder. Vietnam hat es wirklich nicht leicht. Aber dieses Mal möchte ich aus Gründen grosser Müdigkeit auf einen ausführlichen Reisebericht verzichten und einfach mit Stichwörtern um mich werfen.

Vietnam Airlines
Mit dieser Fluglinie war ich zum ersten Mal unterwegs, und wir hatten keinen guten Start. Eigentlich sollten wir um 15:40 in Tokyo/Haneda losfliegen und 20:45 in Hanoi ankommen (es gibt zwei Stunden Zeitverschiebung zwischen Japan und Vietnam). Beim Check-in wies jedoch ein Schild darauf hin, das „wegen starken Windes“ in Taipei zwischengelandet werden muss. Die Schalterdame war da auskunftsfreudiger: Es lag nicht am Wind, sondern daran, dass „vietnamesische Passagiere zu viel Gepäck hätten“. Statt 20:45 sollten wir nun gegen Mitternacht in Hanoi ankommen. Das ist nicht lustig, wenn man den Transfer zum Hotel bereits arrangiert hat und mit zwei kleinen Kindern unterwegs ist. Wir diskutierten ziemlich lange mit den Angestellten, und sie machten uns klar, dass wir nichts von Vietnam Airlines diesbezüglich erwarten könnten. Punkt. Kinder hin oder her – Vietnam Airlines war es völlig wurst, ob wir nach Mitternacht mit zwei kleinen Kindern im jott-weh-deh-Flughafen von Hanoi ankommen oder nicht und was dann aus uns wird.
Ende vom Lied: Wir schafften es in letzter Minute, den Transfer vom Flughafen zum Hotel auf Mitternacht zu legen. Wir waren dann sogar schon gegen zwei Uhr morgens im Hotel.

Verkehrswahnsinn in Hanoi

Verkehrswahnsinn in Hanoi

Hà Nội – Hanoi
Eine laute, vielschichtige, hektische Stadt – in der angenehmerweise die üblichen nagelneuen, komplett verglasten Wolkenkratzer fehlen. Wir verbrachten 5 Tage und 6 Nächte in der kleinen Altstadt und wussten schnell, wo sich was befindet. Sicher, die Luft ist nicht die beste. Der Verkehr ist dank der unendlich vielen Mopedfahrer einfach mörderisch – aber es macht auch Spass, die Stadt Stück für Stück zu ergründen. Schön ist es, dass alle Gassen in der Altstadt ihre eigene Bestimmung haben: Es gibt Strassen, in denen sich Spielzeugläden aneinanderreihen – in anderen gibt es nur Schuhe, oder nur Seide, oder nur Metallgegenstände… usw. usf.
Mit der Übernachtung hatten wir zum Glück die richtige Wahl getroffen – wir verbrachten 6 Nächte im Hanoi Charming 2 Hotel – eine kleine, aber feine Unterkunft in der Altstadt mit wirklich sehr hilfreichen und freundlichen Angestellten.

Trấn Quốc-Tempel in Hanoi

Trấn Quốc-Tempel in Hanoi

Ho Chi Minh-Mausoleum

Ho Chi Minh-Mausoleum

City View Cafe im Zentrum von Hanoi

City View Cafe im Zentrum von Hanoi

Lug & Trug & Bauernfang
Ich hatte viel darüber im Voraus gelesen: In Vietnam muss man aufpassen. Es war letztendlich weniger schlimm als erwartet, aber das liegt zum Teil auch daran, dass ich allerhand Erfahrung damit habe. Besonders auffällig sind die fliegenden Doughnut-Händlerinnen, die einem ein Stück Teigbällchen „for free! try it!“ anbieten und danach unverschämte Preise verlangen. Keine besonders ausgeklügelte Strategie, aber die schiere Masse macht’s: Auf Schritt und Tritt kommen sie angerannt. Und das schlimmste (und das ging uns wirklich auf den Keks): Sie benutzen scheinbar gern die Kinder als Teil ihres Spiels, indem sie einfach den Kindern direkt etwas anbieten. Wie soll man einem 3-jährigen nun glaubhaft erklären, dass es sich hier nicht um eine nette Tante bittet, die einem aus purer Kinderliebe einen Snack in den Mund stopft? Wer mit kleinen Kindern unterwegs ist, muss hier besonders aufpassen.
Andere Masche: Fliegende Schuster. An einer Ampel ist es einfach geschehen: Plötzlich rammte jemand von hinten eine kleine Klebstoffampulle zwischen – zugegebenermassen leicht abgelöster – Sohle und Schuh. Und zog mir hernach in Null-Komma-Nix den Schuh aus, und begann ihn zu nähen und zu putzen. Nach 3 Minuten und zahlreichen Protesten war es vorbei. Was soll das denn nun kosten, fragte ich. „Nur 275,000 Dong!“. 11 Euro also. Ich erklärte ihm recht deutlich, was ich davon halte. Und er sagte dann „Na gut, 250,000 Dong“. Ich wurde etwas deutlicher, und er fragte, was ich bereit wäre zu zahlen. Nämlich 2 Euro. Nun war er entrüstet und spielte mit dem Schuhmachermesser in seiner Kiste. Also sagte ich ihm 4 Euro, des lieben Friedens willen, und dabei blieb es dann auch. Sicherlich, kein grosser Verlust. Aber wer hier nachgibt und alles bezahlt, macht es anderen Reisenden noch schwerer.

Rechnen üben mit Ding und Dong
In Vietnam bezahlt man in Dong. Oder wahlweise auch in Dollar. Da ich seit 10 Jahren in Japan lebe, rechne ich natürlich im Kopf nur noch in Yen – danach richtet sich heuer mein Kompass darüber, was billig und was teuer ist (ich weiss mittlerweile bei etlichen Dingen gar nicht mehr, was sie eigentlich in Deutschland / in Euro kosten würden). Beim Dong wird es dann schwer, denn 1 Yen = 175 Dong. Und während man in Vietnam wie in Europa mit Hundert/Tausend/Millionen rechnet, rechnet man in Japan mit Hundert (hyaku)/Tausend (sen)/Zehntausend (man)/100 Millionen (oku). Will heissen, selbst wenn man eigentlich recht gut im Kopfrechnen ist, erfordert es etwas Übung, einfach mal so im Kopf auszurechnen, wieviel Yen eigentlich „40 man dong“ sind. Beim Euro ist es wesentlich einfacher – 1 Euro = 25,000 Dong. Also einfach 5 Nullen wegstreichen und mit 4 multiplizieren…

Taxigebühren einfach erklärt

Taxigebühren einfach erklärt

Vịnh Hạ Long – Halong-Bucht
Wer kennt sie nicht – die Bilder des während der letzten Eiszeit ertrunkenen Kegelkarstes im Golf von Tonkin. Quasi wie Guilin in China, nur im Wasser. 1,969 kleine und kleinste Kalksteininseln, die nicht selten mit 90 Grad steilen Wänden aus dem Wasser ragen. Das mussten wir uns natürlich ansehen, und wir entschieden uns für eine Tour, bei der man auf einem kleinen Hotelschiff durch die Inseln kurvt – und auf dem Schiff dann eben isst und übernachtet. Ich entschied mich letztendlich für die Dragon Legend Cruise von Indochina Junk (siehe hier) – und wir sollten es nicht bereuen. Ich war nie ein Freund von geführten Reisen und werde es nie sein, aber die Unterkunft war sehr gut und alle Angestellten wirklich sehr freundlich. Obwohl die Tour eigentlich nicht auf Familien mit Kindern zugeschnitten ist, kümmerten sich einige Angestellte wirklich rührend um die Kinder. Das Highlight aus meiner Sicht jedenfalls waren letztendlich zwei Kayak-Fahrten durch die windstille See rund um ein paar der kleinen Inseln.

Halong-Bucht

Halong-Bucht

Halong-Bucht

Halong-Bucht

Teil 2 folgt!

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Jenseits von Japan: Abu Dhabi & Oman

August 22nd, 2013 | Tagged | 1 Kommentar | 12216 mal gelesen

Hier also mal wieder ein „Out-of-Japan“-Beitrag, damit es nicht langweilig wird.
Gute zwei Jahre waren seit dem letzten Deutschlandbesuch verstrichen, also wurde es mal wieder Zeit. Der Entschluss, im August zu fliegen, also in der Zeit, in der halb Japan unterwegs ist, kam relativ spät, und das merkte man beim Ticketkauf. Die Preise für alle Flüge, die insgesamt weniger als 40 Stunden dauerten, waren bereits exorbitant. Es blieben lustige Routen mit 5 Mal umsteigen, über China und die Wallachei usw. Und eine Verbindung über Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten, mit 23 Stunden Aufenthalt beim Hin- und 16 Stunden Aufenthalt beim Rückflug. Lang genug also für einen Kurzurlaub, und alle vier Flüge waren Nachtflüge. Und man braucht kein Visum. Und ich war noch nie dort. Alea iacta est.
Kurz vor 10 Uhr abends ging es von Narita los, und das war für mich schon mal ein Novum, da ich bisher immer nur am frühen Morgen oder gegen Mittag von dort losgeflogen sind. Da wir nicht sicher waren, ob es an Bord Abendessen geben würde ob der späten Stunde, hiess es also Abendessen im Flughafen. Natürlich gab es dann später eine volle Mahlzeit im Flugzeug. Etihad hiess die Airline, und von Kleinigkeiten abgesehen konnte man nicht klagen.

Kind schlief wie geplant, und an die Zeit zwischen Mittelchina und Bangladesh konnte ich mich nicht erinnern, also muss ich wohl auch geschlafen haben. Statt wie geplant um 4 Uhr morgens kamen wir bereits um 3 Uhr morgens in Abu Dhabi an – halbwegs gut ausgeruht und nach 11 Stunden Flug. Für uns war es ja immerhin schon 8 Uhr morgens. An Abu Dhabi selbst hatte ich kein grosses Interesse, denn die Stadt ist bekanntermassen groß und ziemlich neu, also quasi wie Tokyo in der Wüste. Interessanter sah da für mich schon das rund 150 km entfernte Al Ain aus – eine Wüstenstadt im Osten, an der Grenze zum Oman.

Im Zentrum von Al-Ain

Im Zentrum von Al-Ain

Also flugs Geld gewechselt, nach Bussen erkundigt (keine in den nächsten zehn Stunden), und notgedrungen ein Taxi geschnappt. Schnell sollten wir feststellen, dass es kaum korrektere Taxis gibt als in Abu Dhabi. Alle Taxis sind mit Meter ausgestattet, und ein Foto des Fahrers nebst Namen auf dem leicht verständlichen Display des Taxometers läßt kaum Zweifel aufkommen. Der Taxifahrer schätzte, dass es bis Al-Ain wohl um die 240 Dirham, also weniger als 50 Euro kosten würde. Recht sollte er behalten. Also ging es auf der durchgehend beleuchteten, äußerst leeren Wüstenautobahn gen Osten. Mit genau 120 km/h, denn immer wenn diese Gschwindigkeit überschritten wurde, mahnte eine Frauenstimme auf Englisch, dass, nun ja, die Gschwindigkeit gleich überschritten würde. Kurz vor 6 Uhr morgens kamen wir im Zentrum an, just in dem Moment, in dem die Sonne hinter der größten Moschee hervorkroch. Noch war es angenehm.

Die Strassen waren wie blankgeleckt. Nur ein paar indisch aussehende Straßenreinigungsfacharbeiter waren unterwegs. Auch für diese Erkenntnis brauchten wir nicht lange: Für Berufe, in denen man nicht zwingendermassen einen Universitätsabschluss braucht, verlässt man sich in den Emiraten gern auf Gastarbeiter. Kellnerinnen? Pinoy. Taxifahrer? Pakistani. Verkäufer und Reinigungskräfte? Inder. Mittenmang die einheimischen Männer mit ihren blütenweissen Gewändern und die mehr oder weniger stark verhüllten Frauen in ihren schwarzen Kleidern. Nur hier kann man aus einem Kilometer Entfernung Männlein und Weiblein so leicht auseinanderhalten!

Dattelpalmenoase in Al-Ain

Dattelpalmenoase in Al-Ain

Nach einem kleinen Spaziergang durch die ebenfalls sehr gepflegte Dattelpalmenoase, krampfhaft versuchend, den überall mit einem satten „Plopp!“ herunterfallenden Datteln auszuweichen, stiegen wir in ein Taxi und lotsten es zum Grenzübergang. Derer gibt es zwei in der Stadt – einer kann nur von Golfstaatenbewohnern benutzt werden, der andere auch von Leuten wie uns. Bis in die 1990er war die Grenze an dieser Stelle wohl offen, doch die VAE entschied sich dann doch, eine Grenze hochzuziehen, um unliebsame Einwanderer fernzuhalten, die den Oman als Transitland nutzen. Es waren weit über 5 Kilometer bis zur Grenze, und wir zahlten 15 Dirham. Einheimische lotsten uns zu einer Hütte, wo wir unsere Ausreisestempel abholten. Der Stempelmann murmelte irgendetwas auf Englisch von wegen „bevor wir zurückkommen, brauchen wir einen Ausreisestempel auf der anderen Seite der Grenze“ oder so. Das leuchtete in dem Augenblick ein. Man entliess uns aus der Hütte, und schon waren wir im Oman. Und dort war nichts: Keine Grenzpolizei, kein Zoll, keine Wechselstuben, einfach gar nichts, Nicht einmal ein Willkommensschild. Sehr merkwürdig, Wir liefen an ein paar Autorwerkstätten vorbei und bald erblickten wir ein Taxi. Ich hielt das Taxi an und fragte, ob er auch VAE-Geld akzeptiert. Tat er. Ich sagte „ins Zentrum“, und er reagierte verwirrt. Zentrum? Naja, zentraler Platz, Geschäfte, Imbissbuden, was weiß ich – Zentrum eben! Er fuhr erstmal los. Nach ein paar hundert Metern kamen wir an einer kleinen, aber schönen Festung vorbei. Er hielt an und fragte, ob wir sie uns ansehen wollen. Sicher doch! Er liess uns aussteigen und sagte, er komme sofort wieder, in 5 Minuten. Die Festung war so schön wie geschlossen. 20 Minuten später kam der Fahrer wieder und fuhr uns einen knappen Kilometer. Da sah es so wie Zentrum aus – also so, wie man sich eben das Zentrum einer unbedeutenden omanischen Wüstenstadt eben vorstellt. Ich fragte, wieviel er für die Taxifahrt verlange. „So viel wie ihr denkt das es wert ist“, lautete die Antwort. Das habe ich von einem Taxifahrer seit meinen Touren durch Rumänien nicht mehr gehört. Ich sage „20 Dirham“ – schliesslich habe ich auf der anderen Seite für eine wesentlich längere Strecke nur 15 bezahlt. Taxifahrer schaute enttäuscht. Er sagte mir, er hätte eher an 40 Dirham gedacht. Das kann er gerne tun, aber ich dachte nicht dran und fort war er, etwas mürrischer als vorher.

Posieren vor omanischer Festung

Posieren vor omanischer Festung

Das Zentrum der Kleinstadt al-Buraimi also. Ebenfalls ziemlich sauber, aber die Häuser und Läden sahen spürbar ärmlicher aus. Alles hatte geschlossen, bis auf zwei kleine pakistanische Restaurants. Der Taxifahrer hatte uns kurz zuvor aufgeklärt: Der Tag des Fastenbrechens ist von Land zu Land leicht unterschiedlich, und in Oman war eben heute Id al-fitr, das offizielle Ende des Ramadan. Das ist wie Weihnachten und Ostern zusammen (nun gut, es ist der zweitwichtigste Feiertag im Islam, wie es scheint), und dementsprechend hatte alles zu. Die Strassen waren wie leergefegt. Burg hatten wir gesehen, und es begann, wärmer und wärmer zu werden. Also trollten wir uns wieder Richtung Grenzübergang. Es ging zur gleichen Amtsstube wie vorher, doch dort verweigerte man uns die Einreise:

„Sie brauchen zuerst einen Ausreisestempel aus dem Oman!“
„Woher genau bekomme ich den denn?“
„Vom anderen Grenzübergang in [interessante, unnachahmbare Laute hier einfügen]“
„Wie komme ich dorthin?“
„Nur mit Taxi“
„…“

Man zeigte auf ein omanisches Taxi. Mit einem uralten Fahrer. Ich fragte nach dem Preis, und er zeigte mir einen 500-Dirham-Schein. Das sind 100 Euro. Und meiner Kenntnis nach war der nächste Grenzübergang nur 4 km entfernt. Das roch stark nach Aufpreis, errechnet aus dem (Ahnungslosigkeit-im-Gesicht + Shorts + Sonnenbrille + blasse Hautfarbe) * ÄtschbätscheinanderesTaxifindetihrhiersoschnellnicht²-Koeffizienten. Ich erhob natürlich Einspruch. Leider verstand der Herr kein Wort Englisch, also rief er jemanden hinzu, der übersetzen konnte. Plötzlich hiess es 300 Dirham. Das kam mir immer noch zu viel vor. Schließlich hatte ich am morgen für 150 km – im Nachttarif wohlgemerkt – gerademal 240 Dirham bezahlt.

Wüste im Nordwesten von Oman

Wüste im Nordwesten von Oman

Doch weiter liess der Fahrer nicht mit sich handeln. Das kann doch nicht wahr sein, dachte ich mir, machte die Tür zu und machte Anstalten, zu gehen. Wenig später kam der Fahrer nebst Dolmetscher hinterher, zeigte auf meine Tochter und sagte „200 Dirham. Weniger geht wirklich nicht. Ist ein weiter Weg“. Wäre ich allein gewesen, wäre ich stur geblieben, aber mehr wollte ich dem 6-jährigen, schwitzenden Mädchen nicht zumuten. Notgedrungenerweise stiegen wir ein, und das Taxi brauste los – erstaunlicherweise in eine ganz andere Richtung. Wir bretterten durch die Wüste. 10 km. 20 km. 30 km. Die Wüste wurde immer schroffer, es sah aus wie auf dem Mond, nur mit Beleuchtung. Nach gut 30 km kamen wir an einem völlig anderen Grenzübergang mitten im Nichts an: dem Wadi al-Jizzi-Übergang. Das Gebäude auf omanischer Seite war hochmodern aber in traditioneller Architektur gebaut und im Inneren 25 Grad kälter als draussen. Wir stellten uns an. Um Visa, Einreisestempel UND Ausreisestempel gleichzeitig zu bekommen. Das Visum kostete 5 Rial Omani für 10 Tage (nun gut, für uns 5 Stunden), also 10 Euro etwa. Nach einer knappen halben Stunde war alles erledigt und der Taxifahrer bretterte mit uns zurück zum Grenzübergang, wo wir endlich aus- und wieder einreisen konnten.
Gleichzeitig erfüllte sich so der Alptraum eines Hobby-Numismatikers: Da war ich also im Oman, und habe nicht die geringste Chance gehabt, omanisches Geld zu tauschen und zu benutzen! So ein Ärger aber auch. Wie oft hört man denn schon Freunde und Bekannte sagen: „Du, ich war letzten Sonnabend im Oman!“ – „Ach ja? Hey, hast Du vielleicht ein paar Münzen oder Geldscheine über, die du nicht mehr brauchst?“.

Grenzanlage zwischen der VAE und Oman

Grenzanlage zwischen der VAE und Oman

Kaum hatten wir die Grenze passiert, hielt ein grosser, dicker Mann in einem sehr teuren Auto neben uns und fragte im feinsten Englisch, wo wir hinwollen. Sicher, man soll nicht zu fremden Männern ins Auto steigen. Erst recht nicht mit Kindern. Aber ich bilde mir ein, einen Riecher dafür zu haben, und überhaupt habe ich mich selten so sicher gefühlt wie in den Emiraten. Selbst Japan erscheint wie ein gefährliches Pflaster dagegen. Er meinte, er könne uns ins Stadtzentrum mitnehmen. Wir stiegen ein. Der Mann entpuppte sich als Sudanese, der vor achwievielen Jahren nach Dänemark gezogen war und nun im Auftrag seiner Firma in Al-Ain arbeitet und in al-Buraimi lebt, da dort die Miete viel billiger sei. Ich sollte (gottseidank) Recht behalten – ein sehr interessanter, sehr gebildeter Mann, von dem ich einiges erfahren konnte.

Er liess uns neben einem schmucken Park mit grossem Spielplatz kurz vor dem Zentrum raus – direkt an der beinahe mit der Berliner Mauer konkurrienden Landesgrenze. Den Spielplatz hatte meine Tochter, wenn sie auch sonst schon nahezu provokatorisch nicht aus dem Fenster schaut, auf der Hinfahrt im Taxi bemerkt. Na bitte, soll ja niemand zu kurz kommen! Der Spielplatz war wirklich sehr schön, und absolut menschenleer. Viele Klettergerüste, Schaukeln, Rutschen und was alles. Alles schön aus Metall und in der Sonne stehend. Bein Anfassen verbrannte man sich fast die Finger. Das war selbst meiner spielwütigen Tochter zu viel.

Hoummus. Einfach genial.

Hoummus. Einfach genial.

Die Zeit kam uns beinahe wie eine Ewigkeit vor, doch es war erst kurz nach zwölf. Essen fassen. In einem typisch arabischen Restaurant. Dort gab es Hoummous (die andere Schreibweise, „Humus“, mag ich irgendwie nicht…“), Fladenbrot und sehr viel Gemüse. Und wenn es einen Grund gibt, wieder und wieder in den Nahen und Mittleren Osten zu fahren, dann ist es eben jenes Hoummous. Das ist wie Sushi in Japan, halbe-Tiere-grillen in Russland oder Currywurst in Berlin. Und das sagt nebenbei gesagt jemand, der sich sonst nicht allzuviel aus Bohnen macht. Nach dem oppulenten Mal, inkl. einer Flasche Wasser kostete es gerade mal 12 Dirham, schauten wir uns noch eine kleine alte Festung in der Nähe an und fuhren mit dem Fernbus nach Abu Dhabi. Die Temperatur lag mittlerweilen bei knapp 50 Grad, die Sonne brannte und der Wind wehte. Wie sich das anfühlt? Einfach einen Heißluftfön ins Gesicht halten und ab und an ein paar Krümel Sand hineinstreuen! Demenstprechend war nicht mehr viel zu machen. Wir zogen uns in ein vorher gebuchtes Hotelzimmer irgendwo zwischen Flughafen und Stadtzentrum zurück, schliefen bis Mitternacht und flogen gegen 2 Uhr nachts nach Deutschland.

Gewaltige Moschee in Abu Dhabi

Gewaltige Moschee in Abu Dhabi

Auf dem Rückflug hatten wir wieder viel Zeit in Abu Dhabi – von 6 Uhr morgens bis 10 Uhr abends. Dieses Mal schauten wir uns in der Stadt um und gingen Souvenire jagen für die liebe Verwandschaft. Wieder waren es knapp 50 Grad. Und der kurze Nachtflug von Berlin nach Abu Dhabi machte die Sache nicht einfacher. Sicher – Abu Dhabi ist schon interessant, und ich werde der Stadt sicherlich, wie es Tradition ist, auf dieser Webseite eine eigene Seite widmen. Aber spektakulär ist die Stadt nicht, zumindest nicht, wenn man sowieso schon in einer Großstadt wohnt.

So muss ein Wolkenkratzer aussehen!

So muss ein Wolkenkratzer aussehen!

Modern, moderner, am modernsten...

Modern, moderner, am modernsten…

Vielleicht sollte ich noch anmerken, dass ausnahmslos alle Leute, denen wir in den Emiraten über den Weg rannten, ausgesprochen nett und zuvorkommend waren. Mit Englisch kommt man ohne Mühen überall hin und durch. Vor Taxifahrern in Oman sei allerdings gewarnt…

Der Plan, mit diesen Flügen den Jet Lag zu reduzieren, ging, das sollte auch noch angemerkt werden, voll auf. Kein Jet Lag. Nichts. Wir waren viel zu müde dafür nach den Tagesausflügen. Und da die Zeit nur kurz war, wird dies auch der einzige Beitrag zum Thema sein. Ab jetzt geht es weiter – zur Abwechslung mit Themen aus und über Japan. Inshallah.

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Philippinen IV (letzter Teil)

Januar 22nd, 2013 | Tagged | 6 Kommentare | 1007 mal gelesen

Fortsetzung von Teil I, Teil II und Teil III.

Hier also nun der vierte und letzte Teil der Philippinen-Serie – danach werde ich mich und diesen Blog wieder ganz Japan widmen. Versprochen. Ich hatte einfach nur Lust, mal wieder einen traditionellen Reisebericht zu schreiben.

Tag 3 also. In der Nacht habe ich wieder bei der Rezeption angefragt, was denn ein Fahrer bis zum Pinatubo-Vulkan kosten würde. Das Hotel hat diverse Fahrer unter Vertrag, was wahrscheinlich bedeutet, dass man etwas mehr zahlt, dafür aber auch etwas mehr Sicherheit hat. Die Antwort bekam ich eine Stunde später – 5’000 Peso, also rund 100 Euro, und zwar all inclusive, wie man mir extra versicherte – Benzin, Maut und was auch immer sei im Preis enthalten. Der Preis erscheint mir mehr als gerechtfertigt – der Pinatubo ist gute 100 km von Manila entfernt, und man muss ja auch aus der Stadt raus- und wieder reinkommen. Also bestelle ich den Fahrer für 7:30, denn Frühstück gibt es ab 7 Uhr und man ist ja schließlich im Urlaub. Ich hatte übrigens kurz nach meiner Anreise schon ein Reisebüro in Manila angeschrieben, das Touren zum Pinatubo organisiert, aber es war alles schon ausgebucht.

Pünktlich um 7:30 stand das Gefährt vor dem Hotel. Ich war überrascht, denn ich hatte mit einem normalen Auto gerechnet, nicht mit einem Bully. Was für eine Verschwendung – in dem Auto hätten 8 Leute mitfahren können. So gesehen wäre der Preis ein echtes Schnäppchen gewesen. Der Fahrer ist, welch Überraschung, eine richtige Frohnatur, hat kaum Zähne und plaudert umgehend los. Toni heißt er und hat nach eigenen Angaben auch einige deutsche Stammkunden. Wir brausen los, aber er muß erstmal tanken und bittet mich, schon mal 1’000 Pesos vorzuschießen, damit er an der Tankstelle volltanken kann.

Wer es wissen möchte: Mexiko liegt ein paar Kilometer südlich von Angeles!Wer es wissen möchte: Mexiko liegt ein paar Kilometer südlich von Angeles!

Wer es wissen möchte: Mexiko liegt ein paar Kilometer südlich von Angeles!

Es dauert eine gute halbe Stunde, bis wir aus dem zähflüssigem Verkehr von Manila raus sind. Quezon City ist da schneller durchquert, obwohl Quezon mehr Einwohner hat als Manila. Wieder was dazugelernt. Und bei Quezon beginnt auch eine mautpflichtige Autobahn – und die ist leer! Mit Karacho geht es Richtung Norden, an Mexico vorbei bis nach Angeles. Überhaupt, Ortsnamen: Spanische Ortsnamen, vor allem in den Städten, gibt es sehr viele, obwohl keiner mehr Spanisch spricht. Auch englische Ortsnamen gibt es häufig, da das Land ja zeitweise amerikanische Kolonie war. Und mitten in Manila gibt es ein Vierte mit dem seltsamen Namen Blumentritt.

Die Stadt hört relativ abrupt auf und macht grünen Reisefeldern Platz. Die Luft wird spürbar klarer, und interessante Berge tauchen nach und nach am Horizont auf. Hinter Angeles verlassen wir die Autobahn und fahren in die Stadt Mabalacat herein. Dort überquert man auf einer modernen Brücke einen kleinen Fluß mit einem seltsam anmutenden Flußtal. Das Flußtal sieht aus wie neu – irgendwie nicht natürlich – aber genau das ist es: Toni ruft „Lahar! Lahar!“. Von hier bis zum Pinatubo sind es nur 25 Kilometer Luftlinie. Was damals geschah: Der damals 1’745 m hohe Pinatubo sprengte am 1991 seine Kuppe weg – und war danach gute 250 m kleiner. Eigentlich galt der Vulkan als erloschen, aber zum Glück kündigte sich die gewaltige Eruption durch zahlreiche Vorzeichen an, so dass sehr viele Menschen evakuiert werden konnten. Die Folgen: Der Vulkan spie so viel Material aus, dass sich der Staub rund um den Erdball bewegte und die Temperaturen weltweit um 0.5 Grad sinken liess. Kurz nach Beginn der Eruption fegte auch noch ein Taifun über das Gebiet. Die Regenmassen vermischten sich mit dem Staub, und gewaltige Schlammlawinen, auch Lahar genannt, wälzten sich talabwärts. Bis nach Mabalacat. Dort wurden ganze Stadtteile (sowie Luftwaffenstützpunkte der Amerikaner) vom Schlamm begraben. Das, was da vom Pinatubo herunterkam, scheint als Baumaterial heutzutage sehr begehrt zu sein – man sieht zahlreiche Menschen, die die weiß-graue Tephra in riesengroße Tüten schippen.

Verkehr in Mabalacat

Verkehr in Mabalacat

Dass hier etwas passiert sein muss, sieht man schnell, wenn man durch Mabalacat fährt: Die Straße ist nagelneu und sehr gut. Der Verkehr ist auch hier mörderisch – aber nur auf der Hauptstraße. Zum ersten Mal sehe ich ein Moped mit Beiwagen (die vorher bereits erwähnten Tricycle) mit insgesamt 5 Passagieren, plus Fahrer. Zwei sitzen hinter dem Fahrer, zwei in dem mickrigen Ansatz und einer auf dem Beiwagen. Es sieht abenteuerlich aus. Bald verlassen wir den Ort durch eine kleine Seitenstraße. Die Siedlungen werden spärlicher und die Landschaft immer schöner. Ich halte nach dem Gipfel des Pinatubo Ausschau, aber man sieht ihn einfach nicht. Schuld daran könnten die schwarzen Wolken am Horizont sein. Wir kommen an einem Armeestützpunkt, Camp O’Donnell, vorbei, und passieren irgendwann einen Checkpoint der Armee. Dann sind wir in Santa Juliana, dem Ende der Straße. Es ist bereits 10 Uhr. Wir halten vor einem Komplex aus lose hingebauten und sehr gepflegten Häusern. Dort steht am Eingang ein Büro, in das ich hineindelegiert werde. Eine bebrillte junge Frau sitzt am Schreibtisch und mustert mich. Der Fahrer erklärt ihr… irgendwas. Dann spricht mich die Frau an: Nein, auf den Berg können sie heute nicht mehr rauf, dafür ist es zu spät. Dazu müssten sie bis 8 Uhr morgens hier sein. Nun – ich war nicht völlig überrascht. Offensichtlich ist das Terrain am Vulkan noch immer gefährlich, vor allem nach Regengüßen, und die sind in den Tropen ja bekanntermaßen keine Seltenheit. Aber ich hatte trotzdem gehofft… Ich bohre ein bisschen: Ob wir nicht mit dem Auto ein paar Kilometer rankönnten. Nein. Militärisches Sperrgebiet. Allein loslaufen würde demnach auch nicht gehen. Aber ich könnte ja eine kleine Tour machen: Ein Auto mit Allradantrieb würde mich zu einer heißen Quelle bringen. Und zu einem Dorf eines dort lebenden… Stammes? Und Mittagessen wäre auch dabei, und eine Massage, wenn ich das möchte. 5,000 Peso koste der Spaß. Scheint wohl ein Standardpreis zu sehen. Alles kostet entweder 100, 500 oder 5,000 Peso.

Zugeschüttetes Flußtal am Pinatubo

Zugeschüttetes Flußtal am Pinatubo

Und so stecke ich im Dilemma. Entweder, ich muß mich diesen Menschen hier überlassen, zahle 100 Euro für was weiß ich und kann trotzdem nicht auf den Gipfel. Oder ich bitte den Fahrer, woanders hin zu fahren. Ganz eigentlich ist die Sache aber schon klar in meinem Kopf: Ich bin nicht den ganzen Weg hierhergekommen, um einfach so wieder zu verschwinden. Die Philippinen sind zwar nicht weit weg von mir, aber wer weiß, wann ich es noch mal zum Pinatubo schaffe. Der Fahrer übernimmt die Rolle des Teufels auf meiner linken Schulter: „Mensch, mach doch! Ist eine gute Idee und macht ganz viel Spaß!“. Klar. Während ich die Tour mache, kann er natürlich Siesta machen und kriegt so schnell den Tag herum. Ich kann es ihm nicht verdenken.

Gottseidank hatte ich am Morgen mehr Geld als üblich abgehoben. Normalerweise halte ich mich an die Regel, in Ländern wie diesen niemals große Summen von Bargeld mit mir herumzutragen. Zumindest nicht, wenn ich weiß, dass es Banken bzw. Geldautomaten in der Gegend gibt. Denn es dauert eine Weile, bis man 100 Euro ausgegeben hat. Am Morgen hatte ich eine Ausnahme gemacht und 20,000 Yen umgetauscht, also 200 Euro. Und ich hatte noch Geld vom Vortag übrig. Also willigte ich schliesslich ein. Die Frau schrieb eine Rechnung und sagte mir, dass mein Gefährt in ein paar Minuten fertig sei. Und das ich mich schonmal in der Umkleide umziehen könne. Da vorher von einer heißen Quelle die Rede war, nahm ich an, dass man sich besser umzieht. Also wechselte ich in kurze Hosen und schloß mein, zugegebenermassen sehr leichtes Gepäck ein. Das sollte sich später als Fehler erweisen.

Landschaft...

Landschaft…

Ich komme mir vor wie ein Großwildjäger, als ich in den Jeep auf den Beifahrersitz krabbele, direkt neben dem mürrisch dreinblickenden Fahrer. Hinten auf dem Jeep sitzen zwei weiterer Männer auf, wobei mir einer der beiden als Guide vorgestellt wird. Die Funktion des dritten Mannes scheint nur darin zu bestehen, dafür zu sorgen, dass dem Guide nicht langweilig wird – zum Beispiel dadurch, mir irgendwas erklären zu müssen oder gar ein Gespräch anzufangen. Aber egal, ich bin nicht wegen des Guides hier, sondern wegen der Landschaft. Und die fängt quasi gleich hinter dem nächsten Militärcheckpoint an. Und was für eine Landschaft! Vor uns erstreckt sich ein sehr langes und cirka 2 km breites, topfebenes und mit weißem Geröll bedecktes Tal, dass vor allem durch fehlende Vegetation besticht. Man muss nicht allzu viele Geologievorlesungen besucht haben, um zu sehen, was hier geschehen ist: Beim Ausbruch des Vulkans wälzte sich eine gewaltige Schlammlawine durch dieses Tal und blieb schliesslich hier liegen. Kurz vor dem Ort, wie es scheint. Berghänge wurden weggerissen und zeigen ihr nacktes Profil. In diesem Tal floß einst der Fluß Marella, doch die pyroklastischen Ströme legten hier Material in bis zu 200 m Höhe an.

Anfangs geht es trotz mangelnder Straßen sehr zügig voran, doch nach etlichen Kilometern, wir näherns uns dem Ende des Tals, wird es schon schwieriger. Das Wasser vom Vulkan hat schon längst damit begonnen, sich in den Schutt zu graben, und es wird scheinbar immer schwieriger, eine Furt zu finden, die man mit dem Allrad noch durchwaten kann. Hier verstehe ich die Sorge der Behörden, keine Wanderer am späten Morgen oder noch später zum Gipfel starten zu lassen: Ein kurzer Regenschauer, und aus dem kleinen Rinnsal wird schnell ein reißender Fluß. Vor ein paar Jahren soll dies auch ein paar Jeeps nebst Besuchern weggerissen und umgebracht haben.

Pannorama am Pinatubo - der Gipfel versteckt sich linkerhand

Pannorama am Pinatubo – der Gipfel versteckt sich linkerhand

Wir verlassen das Tal und biegen in eine kleine, schmale Schlucht ein, an der sich der Fahrer mit Müh und Not entlang des Baches weiterquält. Dann stehen wir vor ein paar offenen Hütten, die lose im grünen Gras herumstehen. Dort gibt es zwei Wasserbecken – und vier ältere Herrschaften in Badeanzügen, die im Wasser liegen. Und was mauß ich da hören – Deutsch natürlich. Im Eingangsbereich steht ein Schild voller Hangul (koreanisches Alphabet) mit ein paar wenigen Schriftzeichen darüber. Nun kann ich zwar Hangul lesen, aber viel bringt es mir nicht, da ich die meisten Wörter nicht verstehe. Die 4 Schriftzeichen reichen auch zur Erklärung: Schwefelquellen-Fußbad. Aha. Ich will den anderen Reisenden die Freude nicht verderben und erspare mir die Bemerkung, dass dies nur ein Fußbad ist.

Landschaft am Talende

Landschaft am Talende

Mein wortkarger Guide schockt mich ein wenig später, als er mich fragt: „Warum gehst Du nicht zum Gipfel?“ Wie jetzt. Ich erkläre ihm, dass mir die Parkleitung verboten hat, so spät zum Gipfel zu starten. Er winkt nur ab und sagt „Ach, kein Problem. Lauf einfach los.“ Und das hätte ich auch liebend gerne gemacht, aber dummerweise hatte ich meinen Sonnenschutz in Form in einer Hutbedeckung und Sonneschutzcreme in der Station eingeschlossen, und ohne die komme ich nicht weit. Davon mal abgesehen sollen wohl Auf- und Abstieg um die 5 Stunden dauern, und das klang nach Ärger – entweder mit der Parkleitung oder meinen anderen Fahrer. Und wer weiß, ob die drei mürrischen Gestalten überhaupt warten würden. Also verwerfe ich den Gedanken an einen Aufstieg – zum zweiten Mal.

Schule im Aeta-Dorf

Schule im Aeta-Dorf

Wir fahren wieder Richtung Dorf, aber auf dem Weg dorthin steht noch ein Programmpunkt an: Der Besuch eines Dorfes der Aeta – eines Stammes mit rund 50,000 Mitgliedern, die schon immer am Pinatubo siedelten, aber während der Eruption in alle möglichen Gegenden evakuiert wurden. Nun haben sie wieder ein Dorf gebaut – mit nagelneuer Kirche, gespendet von koreanischen Missionaren. Südkorea scheint in der Gegend sehr aktiv zu sein. Das Dorf sieht man vom Tal nicht. Irgendwo halten wir an einem unglaublich steilen Weg, den selbst das Fahrzeug nicht bewältigen kann. Wir beginnen hochzulaufen, aber der etwas beleibtere Fahrer zögert. Mein stummer Guide ruft ihm lachelnd irgendwas zu, in etwa „Murmel brabbel EXCERCISE brabbel rhabarber“. Das habe sogar ich verstanden. Der Dicke keucht daraufhin ebenfalls den Hang hoch. Und wir stehen mitten im Dorf, aber so richtig mag ich so etwas nicht. Soll ich hier rumrennen, Kinder tätscheln und alte Leute fotographieren? So richtig ist das nicht meine Sache. Ein paar Kinder nähern sich neugierig, und meine Begleiter unterhalten sich mit ein paar der älteren Leute. Die Haut der Aeta ist so dunkel, dass man sich kurz in Afrika wähnt.

Blick vom Dorf auf das Tal und den Lahar

Blick vom Dorf auf das Tal und den Lahar

Wir machen uns auf den Rückweg, und nun klappt es sogar mit der Unterhaltung. Meine Begleiter scheinen ganz lustig zu sein und aus der Gegend zu stammen. Mit dem Jeep brausen wir durch die leere Ebene nach Santa Juliana zurück und trennen uns dort. Ein Lakai führt mich sofort zu Tisch. Ich hatte die Wahl zwischen koreanischem – welch Überraschung – und philippinischem Essen. Ich habe mich für letzteres entschieden, denn Koreanisch kann ich an jeder Straßenecke in Japan essen. Und das Essen war gut, wenn auch mal wieder viel zu viel. Warum nur muss man hier so viel auftischen? Interessant waren die kleinen Bananen, die sicherlich aus heimischer Produktion stammen, denn die waren richtig gut. Ich bin weder Bananenfan noch Bananenhasser, eher ersteres, wenn überhaupt, aber diese Exemplare sind etwas besonderes.

Nochmal Landschaft. Mit Wolken.

Nochmal Landschaft. Mit Wolken.

Reichhaltiges Essen. Duschen. Danach eine Massage auf einer weiten, spiegelglatten und überdachten Holzbühne. Bloß nicht auf den Bauch drücken. So muss man sich also als Tourist fühlen! Leise trauere ich jedoch immer noch dem verpatzten Aufstieg nach.

Nach einer Weile finde ich auch meinen Fahrer wieder. Er sagt mir, dass wir 50 Pesos für den Parkplatz zahlen müssen. So viel zum Thema alles im Preis enthalten, aber was soll’s. Ich habe nur 100 Pesos, er sagt, das gehe auch. Für den alten Mann, dem das Haus nebst Parkfläche gehört. Beziehungsweise für seine Medizin. Ich sehe den Mann kurz an und glaube ihm sofort. Der Mann sieht nicht gut aus.

Es geht wieder zurück. Unterwegs bitte ich den Fahrer noch, an einem großen, recht neuen Mahnmal anzuhalten, dass da in der Landschaft herumsteht und den Opfern des Todes-Marsches von Bataan gewidmet ist. Ja, die Japaner. Zimperlich waren sie damals nicht im Krieg – was man, wenn man japanische Männer heute so sieht – sich kaum vorstellen kann.

Bataan-Marsch-Denkmal

Bataan-Marsch-Denkmal

Am späten Nachmittag brausen wir gen Manila zurück, und werden umgehend vom Smog erschlagen. Es wird plötzlich diesig, warm und sehr schmutzig. Der Kontrast ist atemberaubend, im wahrsten Sinne des Wortes.

Den nächsten Tag sollte ich noch in der Gegend verbringen – und zwar in Quezon City, welches zum Hauptstadtbezirk Metro Manila gehört. Da gibt es zwar nicht viel zu sehen, aber die Stadt ist irgendwie aufgeräumter und erfrischender als Manila selbst. Auch hier wird, wie überall scheinbar auch, sehr viel gebaut. Man spürt es deutlich: Die Philippinen befinden sich im Aufschwung, und das hat das Land nach all den Diktatoren und Okkupanten auch verdient. Ich kehre bestimmt wieder hierher zurück. Aber nächstes Mal lasse ich ganz sicher Manila weg – ein Mal reicht!

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