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Das andere Tokyo: Mitake

Mai 11th, 2012 | Tagged , , | 2 Kommentare | 1075 mal gelesen

Besuch aus der alten Heimat ist immer eine gute Gelegenheit, Dinge in Japan zu sehen, die man noch nicht gesehen hat. Klar, man sollte erstmal Orte zeigen, die man selber schon gut kennt. Ist der Besuch allerdings bereits zum vierten Mal zu Besuch, kann man gern auch etwas Neues erschliessen. Zum Beispiel die Kneipe im eigenen Haus. Seit knapp zwei Jahren lebe ich nun in meiner jetzigen Wohnung. Zusammen mit 10 anderen Mietparteien (was für ein seltsames Wort) und einer Kneipe im Erdgeschoß. In die ich es bis dato tatsächlich noch nicht geschafft hatte. Aber das nur am Rande.

Für zwei Tage ging es auch nach Tokyo. Und damit meine ich nicht DAS Tokyo, sondern das andere. Ausserhalb Japans ist kaum bekannt, dass zu Tokyo auch subtropische Inseln und über 2’000 Meter hohe Berge gehören. Anders gesagt, assoziieren viele mit Tokyo entweder das Stadtzentrum selbst ODER das gesamte Ballungsgebiet Tokyo, inklusive Teilen der benachbarten Präfektur Saitama, Chiba, Kanagawa, Gunma, Tochigi und Yamanashi. Ersteres nennt man umgangssprachlich die 23区 (nijūsan-ku, die 23 -ku genannten Stadtteile) und offiziell 東京都区部 (Tōkyō-to Kubu), letzteres 首都圏 Shutoken (Hauptstadtregion).

Standseilbahn zum Mitake-san

Verwaltungstechnisch gesehen gibt es übrigens Tokyo nicht. Tokyo – das ist eigentlich 東京都 Tōkyō-to. Das -to liest man auch miyako und das bedeutet „Hauptstadt“. Tokyo ist eine der 47都道府県 (TOdōfuken) – 47 Präfekturen, und nur Tokyo darf das -to im Namen tragen, auch wenn sich Ōsaka momentan bemüht, seinen Suffix -FU in ein -TO umzuwandeln. Die Verwirrung um Tokyo und Tokyo-to kann man gut in der Wikipedia sehen: Die Seite über Tokyo auf Japanisch geht eigentlich nur auf den Namen ein und darauf, wann und wie Tokyo verwaltungstechnisch einzuordnen ist. Es gibt nur wenige Links zu Artikel über Tokyo in anderen Sprachen – darunter zur deutschen Hauptseite über Tokyo (Status: Exzellenter Artikel), aber es gibt keinen Link zum englischen Artikel. Schaut man jedoch auf den Wiki-Artikel über Tokyo-to auf Japanisch, findet man unzählige Sprachversionen – darunter auch den Link zur Präfektur Tokyo auf Deutsch und den Link über Tokyo auf Englisch. Von Amts wegen müsste da mal jemand aufräumen. Wenn ich mal viel Zeit habe…

Blick von der Standseilbahnstation zum Dorf und zum Schrein. Hier blüht die Kirsche sogar noch Anfang Mai

Die meisten Besucher sehen von Tokyo nur die oben genannten 23 -ku und Takao im Südwesten – jenes gehört zur Stadt 八王子 Hachiōji. Aber es gibt noch viel mehr zu sehen, und nach und nach will ich selbst auch dieses andere Tokyo bereisen und beschreiben. So zum Beispiel 御岳山 Mitake-san im Nordwesten von Tokyo-to in der Stadt 青梅市 Ōme-shi (Wörtlich: „Grüne Pflaume“). Die Anreise ist bereits interessant: Vom Wolkenkratzermeer in Shinjuku fährt man mit einem normalen Schnellzug der Chūō-Linie eine gute Stunde bis Ōme. Von dort geht es mit der Ōme-Linie knapp 20 Minuten weiter bis zum Bahnhof 御嶽 Mitake. Die Berge beginnen bereits bei Ōme, und Mitake liegt bereits mitten in den Bergen an einem steilen Flusstal. Von dort geht es gute 10 Minuten weiter mit dem Bus bis zur Standseilbahnstation. Jene ist knapp 1 Kilometer lang und legt über 400 Höhenmeter zurück. Et voilà – und so schnell gelangt man vom Moloch Tokyo ins bergige, abgeschiedene Tokyo auf über 800 Meter Höhe. Hier ist es gleich mal im Schnitt 7 Grad kälter als „unten“.

Was soll man nun da oben? Oben gibt es ein kleines Dorf mit sehr, sehr engen Strassen, zahlreichen Herbergen (erfreulicherweise sind dies alles sehr kleine, meist traditionell japanische Herbergen und keine Bettenburgen). Die Strassen und die einzige Zufahrtsstrasse zum Ort sind so eng, dass nur Kei-Cars (Leichtautomobile) mit besonderer Zulassung hinauffahren dürfen. Rundumleuchten auf dem Dach scheinen dabei Pflicht zu sein. Das ist natürlich besonders selten in Japan: Ein Ort, durch den man relativ gelassen spazieren kann, ganz ohne Ampeln und ohne ständiger Sorge, mangels Bürgersteigen und Verkehrssicherheitsbewusstsein an der nächsten Strassenecke über den Haufen gefahren zu werden.

Ehrlich, das ist in Tokyo! Und kein Museum, nur ein Haus!

Mitake ist bedeutend aufgrund seiner Schreine. „Mitake“ heisst wörtlich „verehrter Berg“ und der Name deutet darauf hin, dass dies ein (meist shintōistisch) bedeutsamer religiöser Ort ist. In diesem Fall ist dies der 武蔵御嶽神社 (Musashi-Mitake-Schrein)auf dem Gipfel des 929 Meter hohen Mitake. Der Grundstein wurde der Legende zufolge bereits 91 vor Christus gelegt, aber diese Angaben sind mit Vorsicht zu geniessen. Der Aufgang zum Schrein ist recht bombastisch, mit massiven Granittreppen, aber der Schrein selbst ist erstaunlich klein – und fein. Majestätische 檜 (hinoki – eine Scheinzypressenart) umsäumen den Schrein und sind auch sonst recht verbreitet.

Im Musashi-Mitake-Schrein. Ganz mit ohne Leute!

Vom Mitake-san selbst gehen zahlreiche Wanderwege ab – diese führen durch dichte Wälder an steilen Hängen entlang, mit Wasserfällen hier und da. Es ist auch für alle was dabei – Wanderwege für Waldspaziergänge bis hin zu langen, anspruchsvollen Routen, die teilweise zu ein paar Tausendern in der Gegend führen. Bei gutem Wetter hat man von der Gegend sogar einen richtig guten Blick auf Tokyo. Das ist tagsüber natürlich schön – aber nachts noch viel eindrucksvoller. Allerdings muss man sich schon im Winter nach Miyake-san bewegen, ansonsten stehen die Chancen für klare Sicht relativ schlecht.

Wasserfall am Mitake-san

Fazit: Takao ist quasi ein Pflichtabstecher von Tokyo aus, aber wer noch einen Tag übrig hat oder in Japan wohnt, dem sei ein Abstecher nach Miyake-san wärmstens empfohlen. Übernachtet haben wir übrigens in einer japanischen Herberge namens 能保利 Nobori. Kaum hatten wir unser Gepäck im Zimmer abgestellt, kamen die beiden kleinen Kinder (5 Jahre und 6? 7? Jahre). Durch die Reservierung wussten die Kinder scheinbar, dass ich eine 5-jährige Tochter dabei hatte. Die ging nur allzu gerne mit – und tobte fortan mit den beiden Kindern der Betreiber durch das ganze Haus. Das Essen dort war auch ganz vorzüglich. Bei traditionellen Herbergen bei Schreinen und Tempeln gibt es meistens vegetarisches Essen – hier gab es jedoch auch Fisch (Bachsaibling – eher eine Seltenheit in Japan, da kein Meeresfisch) und Muscheln. Die meisten der geschätzten 15 bis 20 Leckerbissen waren jedoch vegetarisch, und ausnahmslos köstlich.

Der Tisch ist gut gedeckt – und das ist noch nicht mal die Hälfte

So, das war es zum Thema. In Bälde wird es dann eine Extra-Seite in meiner Tokyo-Sektion geben. Wer mehr Ausflugstipps im westlichen Teil der Präfektur Tokyo hat – immer her damit!

Unterhaltungsshow beim Abendessen: Fernseher braucht man nicht

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Wenn es auf den regnet, der schon nass ist

August 2nd, 2011 | Tagged , , , , | 13 Kommentare | 1488 mal gelesen

Wer momentan an der Beweisführung für den sogenannten Matthäus-Effekt arbeitet, kann mit Sicherheit in Japan fündig werden. Dieses Jahr wird wohl mit einigen Rekorden in die Annalen eingehen. Das schwere Erdbeben am 11. März mit dem nachfolgenden Tsunami war da erst der Anfang, aber Japan hat ja noch weit mehr als das zu bieten. Taifune und Starkregenereignisse zum Beispiel. Ein starker Taifun richtete erst in der vergangenen Woche grosse Schäden in Westjapan an. Vom 26. bis 30. Juli war dann die Präfektur Niigata und der Westen von Fukushima (das AKW Fukushima I steht im Osten) dran: Drei Tage regnete es dort ununterbrochen, an einigen Orten bis zu 400 mm pro Tag. Ganze Landstriche und Ortschaften standen und stehen unter Wasser, 4 Menschen kamen bisher ums Leben und ein Teil der Infrastruktur hat stark gelitten. Rund 400’000 Menschen wurde die Evakuierung angeordnet – darunter sind auch tausende Menschen, die bereits als Flüchtlinge behelfsmässig untergebracht waren.
Da vergisst man doch glatt die Erdbeben. Vorgestern nacht um 4 Uhr morgens gab es erst ein Beben der Stärke 6.4, quasi gleich in der Nähe des AKW, und in weiten Teilen Chibas und Tokyos mit der Stärke 3 nach der japanischen Skala deutlich spürbar. Vor einer Stunde bebte es dann westlich der Izu-Halbinsel, Stärke 6.1; auch das war in Tokyo und Chiba mit Stärke 3 stark spürbar.
Zum Glück gibt es noch andere Sprichwörter. Zum Beispiel „Es kann ja nicht immer regnen“. Oder?

Gestern gab es in der Sendung „Mr. サンデー“ (Mr. Sunday – in etwa vergleichbar mit Spiegel TV, so es das noch gibt) einen interessanten Beitrag über die Wahrnehmung von Radioaktivität in Japan. Man verglich dabei die heutigen Werte in den sogenannten Hotspots (also Orten, in denen die Radioaktivität nach dem AKW-Unglück von Fukushima 1 deutlich zunahm) und anderen Orten weltweit, wie etwa Rom. Da war zwar nicht allzu viel Neues dabei, aber die Hintergrundinformationen über die Strahlenbelastungsgrenze in Japan (zur Zeit 20 Millisievert pro Jahr) waren recht interessant: Dazu sprach unter anderem der Chef der Internationale Strahlenschutzkommission, der nur lapidar meinte, dass Japan den untersten Grenzwert gewählt hat und alles unter 100 Millisievert pro Jahr eine „blackbox“ ist – man weiss nicht, ob eine Belastung unter 100 Millisievert etwas ausmacht. Die Empfehlungen der Strahlenschutzkommission (PDF, deutsch) lesen sich nicht ganz so zuversichtlich, aber die Diskussion um die Werte zeigt eins: Nicht nur die Reaktoren sind überhitzt, sondern auch die Gemüter: Die Regierung meint, da ist doch noch Platz mit den Grenzwerten, während einige Verbände erbost einen Grenzwert von 1 Millisievert / Jahr fordern.

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Kirishima-Ausbruch / Schneemalheur

Februar 1st, 2011 | Tagged , | 7 Kommentare | 796 mal gelesen

Freunde der aktuellen Nachrichten aus dem Bereich der Natur kommen in Japan momentan voll auf ihre Kosten. Zum einen wäre da der Ausbruch des 霧島 Kirishima – ein Vulkan bzw. eigentlich ein kleines, bis 1’700 m hohes Bergmassiv auf Südkyūshū, welches sich die Präfektur Kagoshima und Miyajima teilen. In dem Massiv befindet sich der gut 1’400 m hohe 新燃岳 Shin-moe-dake (Neu-Brennen-Berg, ein recht junger Vulkan, der seit 3 Tagen vor sich hin rumort, ungehörige Mengen Asche ausspuckt – und innerhalb der letzten 24 Stunden einen neuen Lavadom mit fast 500 m Durchmesser bildete. Dieser könnte in den nächsten Tagen mit lautem Knall auseinanderfliegen und pyroklastische Ströme zur Folge haben.

Kirishima – von Kagoshima aus aufgenommen

 

Noch herrscht rund um den Berg Eruptionswarnstufe 3 (5 ist die höchste) – das bedeutet, das der Zugang zum Berg begrenzt ist. Ab Stufe 4 wird begonnen zu evakuieren. Eine Webkamera, die auf den Shinmoedake gerichtet ist, gibt es hier.

Ansonsten leidet Japan momentan auch unter dem La Niña-Phänomen: Sicher, man ist seit jeher an ordentliche Schneemengen im Winter entlang der Westküste gewöhnt, doch dieses Jahr brechen zahlreiche Orte sämtliche Rekorde. In einigen Orten rund um Niigata türmt sich der Schnee bis zu 4 m auf, und ein Schnellzug an der Westküste kam bei sehr rasch gefallenen 2.5 m Neuschnee nicht mehr weiter – über 300 Fahrgäste müssen nun schon die zweite Nacht in Folge im Zug übernachten. Das selbe geschah bereits kurz nach Weihnachten vergangenen Jahres, als es auf einer Schnellstrasse bei Aizu-Wakamatsu (Fukushima) weder vor noch zurück ging: Gute zwei Tage standen hunderte Autos und LKWs im Schnee, ohne das jemand zu ihnen vordringen konnte.

In Tokyo hält sich das alles freilich wie immer in Grenzen – gestern fielen vereinzelte Krümel, aber ein richtiger Schneeschauer liess sich noch nicht blicken. Das kann aber noch kommen – wenn Schnee in der Hauptstadt fällt, dann erst im Februar oder Anfang März.

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Von Prostituierten und Spinnen

September 20th, 2009 | Tagged , | 15 Kommentare | 7603 mal gelesen

Beziehungsweise von Prostituiertenspinnen. Arachnophobiker sollten jetzt lieber den Browser schliessen. Kurzes Vorwort: Jemand sagte mal zu mir „Du interessierst Dich wohl auch für jeden Mist“. Da konnte ich nur zustimmend nicken.
Schon seit langem sind mir bei Herbstspaziergängen in Japan Spinnen aufgefallen, die ich so in Europa noch nie gesehen habe: Sie sind gross, die Beine sind schwarz-gelb und der Körper ist, nun ja, recht bunt. Das ganze Tier scheint einem damit eines anzudeuten: „F-a-s-s m-i-c-h n-i-c-ht a-n!!!“. Mich dünkt, dasss ich die gleiche Spinne auch schon mal in Laos gesehen habe: Meine damalige Freundin hatte panische Angst vor nahezu allen Insekten. Als ich ein Photo von ihr in Laos vor einem riesengrossen Blatt machte, bemerkte ich hinter ihr eine Riesenspinne – auch schwarz-gelb. Da die Spinne ausser Beissweite war, war ich Gentleman genug, sie nicht darauf hinzuweisen, sondern nach erfolgtem Foto elegant weiterzulotsen. Manchmal kann ich richtig nett sein.

Besagte Spinne bemerkte ich heute wieder in einem Park: Das Netz hatte einen Durchmesser von mindestens einem Meter, und war mit einem Ast in geschätzten 4 Metern Höhe verankert. Und – in dem Netz war ordentlich was los: Es war eine ganze WG, mit mindestens drei der possierlichen Achtbeiner, zahlreichen wesentlich kleineren Spinnen (das waren die Männchen, las ich später) und einem betrachtlichen Vorrat an Frischfutter. Die folgende Stunde war ich schwer damit beschäftigt, dass mein begeistert eichelnsammelndes Kind nicht in das Netz fällt – die hätte wahrscheinlich den Schreck ihres Lebens bekommen und den Spinnen traute ich auch einiges zu.

Jedenfalls weiss ich ab heute wenigstens, wie die Gesellen heissen: ジョロウグモ (Jorōgumo) – jorō ist ein altes Wort für Prostituierte, -gumo (kumo) bedeutet Spinne. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich den Hersprung des Namens zu denken. Laut japanischer Quelle haben diese Spinnen zwar ein Gift, welches die Motorik lähmt, aber das ist wohl so gering, dass es bei Menschen „selten wirkt“. Wetten können noch abgeschlossen werden. Diese Spinnen kommen jedenfalls in ganz Südostasien vor – bis nach Japan (auser Hokkaido, da ist es zu kalt). Wer im Herbst in Japan weilt, halte mal Ausschau – es gibt sie wirklich überall.

So, und als nächstes finde ich heraus, wie die possierlichen kleinen, schwarzen Spinnen mit dem kleinen weissen Streifen (kein Kreuz!) heissen, die da gelegentlich in unserer Wohnung herumhüpfen. Ja, hüpfen! Ich habe noch nie ein Netz entdeckt, aber gelegentlich die Tiere selbst. Und sie springen, aber nicht weit.

Das Wort des Tages: クモ (蜘蛛) – kumo – Spinne.

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