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Nationales Gedankengut auf Japanisch
Gestern kam nun ans Licht, dass Marineschiffe der Volksrepublik China am 30. Januar ein Schiff der japanischen Selbstverteidigungskräfte ins Visier genommen hatten – und zwar in der Nähe der umstrittenen Senkaku-Inseln. Ins Visier nehmen bedeutet heutzutage, jemanden mit dem Zielradar zu erfassen, und ab dort ist es bekanntlich nur noch ein Knopfdruck, bis es Bumm® macht. Nun hat es zwar nicht Bumm gemacht, aber undenkbar ist das natürlich nicht. Es muss dazu nicht mal einen Befehl geben – ein nationalistisch gesinnter Hitzkopf, und davon gibt es in diesem Winkel der Erde mehr als reichlich – am Abzug, und schon ist es geschehen.
Was würde dann passieren? Militärschläge? Wohl erstmal nicht. Was jedoch leicht geschehen könnte, ist ein Ausbruch willkürlicher Gewalt in Japan gegenüber Chinesen und Koreanern – egal, ob sie nur zu Besuch hier sind oder seit Generationen hier leben. Wie China darauf reagiert, falls jemand zu Tode kommt, möchte ich mir lieber nicht vorstellen. Mit reiner Logik wird man nicht weitkommen, und den UN-Sicherheitsrat anrufen würde wahrscheinlich ziemlich sinnlos sein – mit China als ständigem Mitglied (wobei – was passiert eigentlich, wenn eines der ständigen Mitglieder in einen Konflikt gerät!? Verliert dieses Mitglied dann automatisch sein Vetorecht?)
Schaue ich mir die Kommentare zu dem eingangs genannten Vorfall auf Yahoo! Japan an, wird mir ganz anders: Ein Kommentator schwadroniert, dass Japan umgehend Stützpunkte auf den Okinawa-Inseln auf- und ausbauen müsse, um China (er benutzt dabei konsequenterweise ein heute oft als abwertend verstandenes Wort: 支那 (shina) – der Gebrauch dieses Wortes ist so üblich am rechten Tellerrand), einer “Nation von Verbrechern”, paroli zu bieten. Seiner Meinung nach ist es dabei auch nicht nötig, die Einwohner von Okinawa nach ihrer Meinung zu fragen (seit vielen Jahren hagelt es ja dort Proteste dort gegen Militärstützpunkte), da die Bewohner von Okinawa sowieso 国賊非国民 (kokuzoku hikokumin – Landesverräter & Unbürger) seien.
Woraufhin jemand von der Rikkyō-Universität (eine angesehene Uni in Japan) antwortet, den Kommentator als verrückten Hund bezeichnet und jener sich schämen sollte. Woraufhin wiederum andere Kommentatoren über den Rikkyō-Kommentator herfallen und ihn ob dessen angeblicher anti-japanischen Haltung geißeln. Ein Kommentator fragt sogar, ob der Rikkyō-Kommentator überhaupt ein 純日本人 – jun-nipponjin (reinrassiger Japaner) sei, und dass er doch gleich mal Nachforschungen diesbezüglich anstellen will (der Name scheint schließlich ein Klarname zu sein).
Nun gut, die meisten dürften selbst die Erfahrung gemacht haben, daß Nachrichten mit Kommentarfunktion allerhand, sagen wir mal “interessante”, Leute anlocken. Das ist bei der Online-Ausgabe der Tagesschau oder bei SPON nicht anders. Aber es ist weniger der oben Kommentar über Okinawa, der mich bedrückt – sondern die vielen “likes”, die der gute Herr da bekommen hat. Es sind nicht nur die Brandredner und Steinewerfer, die Sorgen bereiten – sondern die Leute, die drum herum stehen und klatschen. Bzw. heutzutage “liken”.

Demographischer Wandel 1930-2055 in Japan: Quelle: www.ipss.go.jp
Heute veröffentlichte das staatliche 国立社会保障・人口問題研究所 (Nationales Forschungsinstitut für Bevölkerung und Soziale Sicherheit) alarmierende Forschunsergebnisse. Alle 5 Jahre veranstaltet das Institut Umfragen dieser Art. Befragt wurden gut 10,000 Japaner jeglicher Altersgruppen, sozialer Schichten und Geschlechts – darunter gut 7,000 Männer und Frauen zwischen 18 und 34 Jahren. Das wichtigste Ergebnis der Umfrage: 61.4% der befragten Männer sowie 49.5% der Frauen jener Altersgruppe gaben an, keinen Partner zu haben.
Prinzipiell wollen rund 86% der Männer und gut 89% der Frauen zwar irgendwann mal heiraten, aber die 18 bis 24-jährigen geben an, sich noch zu jung dafür zu fühlen – die 25 bis 34-jährigen finden irgendwie nie nicht den Passenden oder die Passende. Interessant ist übrigens, dass bei der Umfrage explizit mit dem Attribut 異性 – isei (andersgeschlechtlich) gefragt wird: Homosexuelle zählen hier also nicht. Andererseits würden die sicher den Kohl auch nicht fett machen. Der Anteil der Partnerlosen ist der grösste seit Beginn der Befragungen: Jener stieg in den vergangenen Jahren um 10% bei Männern und 5% bei Frauen.
Überraschende Ergebnisse? Im Prinzip schon. Es war schon klar, dass der Anteil der Partnerlosen gross ist. Aber die Untersuchung zeigt, dass alles noch viel schlimmer ist. Das Problem in diesem Land ist nicht etwa eine hohe Scheidungsrate oder zu wenige Kinder: Es hapert bereits beim allerersten Schritt. Schaue ich mich dabei in meiner Umgebung um, kann ich diese Zahlen nur bestätigen. Quo vadis, Japan? Wäre ich ein halbwegs junger Politiker in diesem Land, würde ich mir jedenfalls sehr grosse Sorgen machen.
Den kompletten Report kann man hier herunterladen.
Quelle der Graphik und des Reports: IPSS
In der vergangenen Woche schreckte eine Meldung zahlreiche Hauptstädter – sowie zahlreiche deutsch- und englischsprachige Blogger und ausländische Medien auf: In 世田谷区 Setagaya-ku, einem relativ zentral gelegenen und vergleichsweise gehobenen Distrikt von Tokyo, wurde an einem alten, zerfallenen Holzhaus eine Strahlenbelastung gefunden, die über der von Iitate liegt. Iitate gilt als einer der verstrahltesten Orte Japans und liegt in der Präfektur Fukushima.
Genauer gesagt fanden Privatpersonen bei einer Messung in Setagaya-ku einen Wert von 2.7 Mikrosievert vor (offizielle Meldung hier, Japanisch). In Iitate misst man momentan (im Schnitt) 2 Mikrosievert. Das sind aufs Jahr gerechnet 23.6 Millisievert. Die Internationale Atomenergiebehörde und zahlreiche andere internationale Behörden empfehlen für Normalsterbliche eine jährliche Dosis von maximal 1 Millisievert (siehe unter anderem hier, Englisch); andere Behörden und Organisationen wiederum gehen von 20 Millisievert pro Jahr als absolut unbedenkliche Menge aus. In Japan gilt der Grenzwert 1 mSv, obwohl man den Wert auf 20 mSv für Teile der Präfektur Fukushima erhöhen wollte bzw. teilweise wohl hat.
Vielleicht mag sich der eine oder andere gewundert haben, warum mir die obige Schlagzeile keinen Beitrag wert war. Nun: Das Ganze roch etwas nach Fisch. Warum? Der Wert erschien mir doch etwas zu hoch. Denn: Seit Monaten misst nicht nur die Regierung. Gottseidank. Mehr und mehr Privatpersonen und Organisationen ziehen mit Geigerzählern durch die Hauptstadtregion und teilen gern ihre Messwerte dem interessierten und besorgten Mitmenschen mit. Das ist gut, lobenswert und sehr wichtig. Und gleichzeitig ein Novum – noch nie haben die Bürger ihrer Regierung so stark misstraut.
Wäre der in Setagaya gemessene Wert nun die Regel, wäre dies auf jeden Fall eher und aus mehreren Ecken publik geworden. Die Medien griffen den Ausreisser gern auf, zumal ein Schulweg an dem besagten Haus vorbeiführt. Die lokalen Behörden nahmen das Haus unter die Lupe – und fanden dort in einem schmalen geheimfach-ähnlichen Hohlraum eine Kiste mit Ampullen. Darin: Radium. Jenes wurde bis in die 1950er unter anderem in Japan häufig verwendet: Zum Beispiel, um die Zeiger in Uhren im Dunkeln leuchten zu lassen. Nun – die Ampullen schienen aus der Zeit zu stammen. Sie wurden entfernt, und jetzt misst man am gleichen Ort weniger als 0.01 Mikrosievert. Das entspricht anderen Messungen.
“Foul!” erschallte es sodann aus allerlei Ecken. “Das riecht ja nach Vertuschung – das stinkt doch irgendwie!”. Nun gut. An dieser Stelle mal die notwendige “What if”- Frage: “Was, wenn dort wirklich jemand Flaschen mit Radium hortete – und die über Jahrzehnte dort lagerten und vergessen wurden?” Ausgeschlossen? Nein. Es ist einfach logisch, dass solche Dinge jetzt ans Licht kommen: Wer ist vor März 2011 schon mit einem Geigerzähler durch Tokyo gerannt? Grund zur Panik oder zur sofortigen Bemühung althergebrachter Verschwörungstheorien? Nein.
Oder? Andere Messung: In der vergangenen Woche wurden in Yokohama an zwei Orten hohe (bzw. relativ hohe) Strontiumkonzentrationen gefunden. Brisant ist daran, dass Strontium zum ersten Mal soweit entfernt von Fukushima gemessen wurde. Und: Strontium ist besonders gefährlich, da es vom Körper anstelle von Kalzium aufgenommen und in Knochengewebe eingebaut wird, um dort später Knochen- und andere Krebsarten auszulösen. Nun lag die maximal gemessene Konzentration in Yokohama bei 195 Becquerel / Kilogramm (Originalmeldung siehe hier), aber es wurde auch noch nicht flächendeckend gemessen. Die Konzentration ist relativ gering, aber es ist nicht mehr zu leugnen: Strontium gibt es nun auch in der Hauptstadtregion.
Das allgemeine Verständnis lautet dieser Tage so:
- Die Strahlenbelastung in der Luft liegt auf einem (nahezu) natürlichen bzw. vernachlässigbar erhöhten Level
- Trinkwasser in der Hauptstadtregion ist sicher (unter Nachweisgrenze)
- Gemüse, Fleisch, Fisch usw: Streckenweise belastet. Leider ist es schwer einzugrenzen – vor allem bei Fleisch und Milchprodukten, da man nicht weiss, wo was verfüttert wurde. Wer bei Meereserzeugnissen auf Nummer sicher gehen möchte, kauft nur, was in Westjapan (Japanisches Meer) oder im Ausland gefangen wurde (jedoch: norwegischer Lachs ist dank englischer AKW auch belastet usw.). Wer bei Gemüse auf Nummer sicher gehen möchte, vermeidet Gemüse aus Fukushima, Miyagi, Saitama, Ibaraki, Tokyo, Chiba, Shizuoka, Yamagata, Niigata und Nagano, wobei jedoch Chiba, Shizuoka, Nagano und Niigata mittlerweilen als unbelasted gelten
- Wer Kinder hat und in der Hauptstadtregion lebt, vermeidet altes Laub, den Zwischenraum zwischen Häusern, die Gegend um Gullydeckel und eigentlich alle Stellen, an denen sich leicht Regenwasser sammelt.
Zum letzten Punkt muss jedoch folgendes gesagt werden: Die Werte sind bei weitem zu gering, um äussere Strahlenschäden zu bewirken. Es geht hier um die innere Strahlenbelastung ((体)内被曝 – (tai)naihibaku). Eltern sollten deswegen vorsichtshalber sichergehen, dass Kinder nicht auf irgendeine Art und Weise Schmutz aus diesen Bereichen aufnehmen – zum Beispiel, indem sie dort spielen und dann an ihren Fingern lecken usw. Kurzum: Nicht im Laub oder rund um Wassergräben, Gullydeckeln usw. spielen lassen.
Wie geht es weiter?
Es wird noch einiges ans Licht kommen. Die erhöhten Konzentrationen im Grossraum Tokyo werden mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit gegen Mitte 2012 nahezu verschwunden (ausgewaschen) sein – so war es auch in Bayern ein Jahr nach Tschernobyl. Das Auswaschen radioaktiver Partikel wird jedoch noch auf lange Sicht Probleme im Wasserkreislauf verursachen.
Die Nachrichten gestern warteten gleich mit 2 Hiobsbiotschaften für Tarō Normalverbraucher auf: Zum einen verkündete Finanzminister Azumi bei eibem Treffen mit der Spitze des Keidanren (hiesiger Wirtschaftsverband), daß er auf jeden Fall gedenkt, im nächsten Jahr einen Gesetzesentwurf einzureichen, demzufolge die Mehrwertsteuer erhöht werden soll. Dies ist seit geraumer Zeit im Gespräch, nicht erst seit der Erdbebenkatastrophe. Die Zahl, die man am häufigsten hört, ist 10%, und dieser Prozentsatz soll Mitte dieses Jahrzehnts erreicht werden. Momentan liegt er bei 5%, vor wenigen Jahren lag er noch bei 3%. Nicht-Japan-Kundigen sollte an dieser Stelle allerdings gesagt sein, daß die Mehrwertsteuer im Bezug auf die Endverbraucherpreise ein relatives Maß ist: 5% klingt niedrig für die meisten Europäer, bedeutet aber nicht, daß die Endverbraucherpreise klein sind.
Ein anderer Vorstoß kam zeitgleich aus anderen Ecken: Man wird nicht anders können als das Rentenalter zu erhöhen. In vielen traditionellen Firmen liegt das Renteneintrittsalter noch bei 60 Jahren, oft auch bei 62. Die Rente setzt sich dabei in der Regel aus der staatlichen Rente (mickrig) und der Betriebsrente (kann je nach Firma durchaus stattlich sein) zusammen. In Sachen Renteneintrittsalter möchte man scheinbar nicht gern kleckern, sondern klotzen: Sofort war die Zahl 70 im Gespräch.
Dies ist freilich nicht weiter verwunderlich: Japan hat eine der höchsten Lebenserwartungen, aber gleichzeitig dummerweise eine der niedrigsten Geburtenraten. Momentan zahlen 2.5 Angestellte die Rente eines Rentners, und das Verhältnis wird nicht besser. Will heissen, Japans Rentenkasse steuert auf die Pleite zu, wenn sich sobald nichts ändert.
Das ist alles schön und gut, und bis zu einem gewissen Grad wahrscheinlich unvermeidlich, zumal die Staatsverschuldung Japans vorsichtig ausgedrückt enorm ist (das Gros der Schuldpapiere wird jedoch glücklicherweise von Japanern gehalten). Leider bekämpft man hier allerdings – wie schon seit sehr langem – nur die Folgen und nicht die Ursache: Die lange versprochene Aufstockung der finanziellen Anreize für Eltern wurde bereits über Bord geworfen, mit der offiziellen Begründung, das Geld werde für den Wiederaufbau der Katastrophenregion gebraucht. Dabei wurde bereits vor dem Beben laut darüber nachgedacht, dieses für viele Wähler stimmentscheidende Wahlversprechen zu brechen. Da Japan sich auch nicht gerade um Zuwanderer reißt, tickt die demographische Bombe weiter.
A propos schlechte Nachrichten: Schon erwähnt, daß TEPCO, die Betreiberfirma der AKW’s in Fukushima und alleiniger Stromlieferant im Großraum Tokyo, bereits im 9. Monat in Folge den Strompreis erhöht hat? Offizielle Begründung: Gestiegene Preise für fossile Brennstoffe auf dem Weltmarkt. Diese Begründung ist natürlich der blanke Hohn – der Yen jagt ein Rekordhoch nach dem anderen. Man kann sicherlich nur schwer zugeben, daß letztendlich die Verbraucher für den kompletten AKW-Schaden aufkommen werden müssen.
Seit einigen Tagen häufen sich die “Go! Tohoku”-Werbeposter in den U-Bahnen und anderswo. 東北 (Tōhoku) bedeutet Nordosten (bzw. streng übersetzt Ostnord) und ist der Name für die 6 Präfekturen im Norden der Insel Honshū. Die Küste entlang der Osthälfte der Region wurde bekanntlich bei dem schweren Erdbeben am 11. März 2011 verwüstet.

Go! Tohoku-Kampagne
Mittlerweilen gibt es immer weniger Privatpersonen und Gesellschaften im Nordosten, die Freiwillige für körperliche Arbeit benötigen. Das bedeutet, dass vieles aufgeräumt wurde. Das bedeutet aber nicht, dass alles wieder aufgebaut wurde. Die meisten Schulen zum Beispiel wurden noch nicht wiederaufgebaut – da in zahlreichen vom Tsunami betroffenen Gemeinden erst noch geklärt werden muss, ob man eine erneute Bebauung überhaupt zulassen kann. Möglicherweise werden weite Gebiete für die Bebauung gesperrt, da zahlreiche überflutete Bereiche durch das Beben schlagartig derart abgesenkt wurden, dass sie unter dem Meeresspiegel liegen – und damit besonders anfällig für neue Tsunamis und Sturmfluten sind.
Die “Unterstützt den Nordosten einfach dadurch, dass Ihr hinfahrt und konsumiert”-Idee kam bereits im April/Mai auf – quasi zu dem Zeitpunkt, als die wichtigsten Verkehrstrassen wiederhergestellt und auch die Versorgung wieder halbwegs funktionierte. Der Grundgedanke ist auch verständlich. Viele Gemeinden lebten vom Tourismus, und wenn schlagartig auch noch alle Touristen ausbleiben, wird die Lage sicherlich nicht besser. Andererseits ist die ganze Angelegenheit jedoch auch moralisch heikel. Einfach mal Katastrophe angucken fahren hinterlässt einen faden Nachgeschmack. Ich weiss nicht, ob ich das könnte – meine Frau könnte ich damit jedenfalls nicht überzeugen.
Etwas apart ist der Slogan dieser Kampagne: 観て、食べて、感じて (Mite, Tabete, Kanjite) – wörtlich: “Ansehen, essen, (mit)fühlen”. Oha.
Immerhin wurden gestern die letzten Massennotunterkünfte (Turnhallen, Kongresszentren, Schulen usw.) in der Präfektur Iwate geschlossen: Alle Bewohner konnten – nach fast einem halben Jahr – mittlerweilen anderweitig untergebracht werden.
Anbei noch der Link zur oben genannten Kampagne. Das Portal sammelt quasi Veranstalter solcher Touren und vermittelt Reisen – wer über das Portal bucht, bekommt Rabatt: Go! Tohoku 被災地応援ツアー
Erwartungsgemäß ist heute Ministerpräsident Naoto Kan (菅直人) zurückgetreten. Jener hatte am 8. Juni 2010 das Amt angetreten und hat es damit über ein Jahr an der Spitze ausgehalten. Das ist in Japan schon vergleichsweise lang.
Mal davon abgesehen, dass Kan mich einmal beinahe überfahren hatte, war mir der Mann relativ sympathisch. Aber das soll nichts heissen – er war mir lediglich “vergleichsweise” sympathisch. Kan hatte auf jeden Fall eine besonders schwere Amtszeit. Inmitten einer sich zuspitzenden Schuldenkrise des Landes schlug das schwere Erdbeben am 11. März 2011 zu und erforderte alle vorhandenen Reserven in jeglichem Sinne. Kan gilt, auch wenn man das bei seinen Auftritten im Fernsehen kaum glauben mag, als Choleriker, der gelegentlich zu ordentlichen Wutausbrüchen neigte. Sein Auftritt bei Tepco nach Bekanntwerden der Situation im AKW Fukushima I wird mit Sicherheit in die Geschichtsbücher eingehen: Die TEPCO-Manager versuchten dem Ministerpräsidenten zu erklären, daß am AKW nichts mehr zu retten sei und sie deshalb sämtliches Personal evakuieren wollen. Es folgte wohl ein gehörige Standpauke des Ministerpräsidenten, bei der er die Manager anbrüllte, daß sie gefälligst zusehen wollen, dass sie das Problem in den Begriff bekommen. Was wäre wohl passiert, wenn Kan nachgegeben hätte? Besser wäre es auf keinen Fall geworden. Sehr wahrscheinlich wäre es noch viel schlimmer gekommen.
Kan’s Rückzug geschah auf Raten. Er stand schon lange in der Kritik, befeuert von allen Seiten: Der Opposition, den eigenen Reihen, der Bevölkerung. Unter anderem wurde sein Krisenmanagement gerügt. Eins steht jedoch fest: Bei einer solchen Katastrophe gibt es kein perfektes Krisenmanagement. Vieles hätte man bestimmt besser machen können, aber ich hatte den Eindruck, daß Kan sich sehr viel Mühe gab.
Aufgrund der bodenlosen Kritik nicht nur aus oben genannten Grund kündigte er seinen Rücktritt schon Wochen vorher an – knüpfte den Zeitpunkt jedoch an die Bedingung, dass diverse von ihm initiierte Gesetzesvorlagen erstmal von den beiden Kammern abgesegnet werden. Dies geschah heute – eine Gesetzesvorlage zur Sonderauflage von Staatsanleihen sowie ein Gesetz zur Förderung regenerativer Energieformen wurden verabschiedet. Diese beiden Sachen waren die letzten Dinge auf seiner “to-do list”, und so gab er konsequenterweise seinen Rücktritt bekannt.
Um die Nachfolge wird bereits seit einigen Wochen gerangelt.
Heute, am 12. Juli 2010, fanden die 22. Wahlen des Oberhauses (参議院) statt. Zur Wahl stand nicht das komplette Oberhaus, sondern nur 121 der 233 Sitze (das ist bei der Oberhauswahl so – nur ein Teil wird direkt gewählt). Diese Wahl war mit Spannung erwartet worden, denn das Regierungsbündnis hielt vorher nur eine sehr knappe Mehrheit, und die Stimmung im Land ist schon seit geraumer Zeit eher negativ gegenüber den 2009 an die Macht gekommenen Demokraten.
Die Stimmenauszählung ist jetzt (13. Juli, 1:00 morgens) noch nicht vollendet, aber soviel steht fest: Das Regierungsbündnis wurde abgestraft und verliert etliche Sitze – und damit die Mehrheit. Gewinner sind die Liberaldemokraten mit mindestens 51 Sitze, gefolgt von den Demokraten mit mindestens 43, danach der Kōmeitō mit 9, der Minna-no-tō (ebenfalls 9), den Kommunisten mit 3 und den Sozialdemokraten mit einem Sitz. 5 Sitze waren zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht eindeutig vergeben, aber sie werden nichts mehr am Endergebnis ändern.
Die Stärke der Liberaldemokraten überrascht etwas – schliesslich hatten etliche wichtige Köpfe der Partei frustriert die Partei verlassen und neue Parteien gegründet (dazu zählt auch die jetzt sehr erfolgreiche “Minna-no-tō”.
Das Oberhaus ist in Sachen Gesetzgebung dem Unterhaus untergeordnet – gesetzgebende Verfahren können auch unter Umgehung des Oberhauses durchgeboxt werden. Den Demokraten sollte das Ergebnis jedoch eine deutliche Warnung sein – wenn sie so weitermachen wie bisher, kommen sie höchstens bis zur nächsten Unterhauswahl. Aber die findet ja erst in drei Jahren statt.
Das Wort des Tages: 惨敗 sanpai – “tragisch” + “Niederlage”. Die schwere Niederlage.
Die Querelen der vergangenen Monate waren heute dem regierenden Ministerpräsidenten Hatoyama wohl doch zu bunt: In einer eigens eingerufenen Sondersitzung beider Kammern erklärte er vor wenigen Stunden seinen Rücktritt vom Amt des Ministerpräsidenten.
Als Gründe gab er die Streitereien um die Verlegung des Stützpunktes von Futenma sowie das damit einhergehende Auseinanderbrechen der Koalition sowie das seit langem schwelende Streitthema 政治とカネ – seiji to kane – Politik und Geld an. Es liessen sich freilich noch einige andere Gründe finden: So zum Beispiel der Rückhalt bei der Bevölkerung, der jüngst die 20%-Marke unterschritt.
Im Grossen und Ganzen kein überraschender Rücktritt, und doch geschieh das nun ziemlich plötzlich. Die Börse in Tokyo reagierte prompt mit (wenn auch noch massvollen) Kurseinbrüchen, da keiner so richtig sieht, was nun kommt: Der Nachfolger – jener wird vorläufigerweise am 4. Juni, also übermorgen, bekanntgegeben, erbt nämlich jede Menge Probleme. Wenn man sich nicht einigen kann, könnte es unter Umständen sogar zu (sehr weit) vorgezogenen Neuwahlen kommen.
Hatoyama kam damit einem Misstrauensvotum zuvor. Jenes hätte er dank einer grossen Mehrheit im Unterhaus wohl überstanden, aber scheinbar hat jeder so seine Grenze – sowohl ein deutscher Bundespräsident als auch ein japanischer Ministerpräsident.
Na, wenn das mal nicht zwei weit auseinanderliegende Themen sind.
Zum ersten – schon aufgrund der geographischen Nähe interessiert man sich natürlich sehr in Japan dafür, was auf der koreanischen Halbinsel so passiert. Da schlugen natürlich auch hier vor rund zwei Monaten die Wellen hoch, als eine Korvette der südkoreanischen Marine an der Seegrenze zu Nordkorea ganz plötzlich explodierte, in zwei Teile zerbrach und sank. Viele Matrosen konnten gerettet werden, doch für 46 Mann kam jede Hilfe zu spät. Südkoreanische Korvette? Grenze zu Nordkorea? Ganz plötzliche Explosion? Man muss kein Da Vinci-Code-Fan zu sein, um da einen Zusammenhang zu mutmassen. Also setzte man eine “unabhängige” Expertenkommission (bestehend aus Südkoreanern und Amerikanern) ein. Explosionsursache? Eindeutig von aussen ausgehend. Sprengstoff? RDX, mit Markern, die auf Nordkorea weisen. Hinzu kommt noch ein Torpedopropeller, mit einer Seriennummer, deren Font hauptsächlich im Norden genutzt wird.
Heute gab die südkoreanische Regierung schlussendlich den Bericht heraus: Die Korvette wurde von einem nordkoreanischen Torpedo versenkt. Nordkorea dementiert. Südkorea kündigt an, harte Massnahmen einzuleiten.
Harte Massnahmen? Da bin ich ja neugierig. Militärische Vergeltung? Das bedeutet, in ein Hornissennest zu greifen. UN-Sicherheitsrat anrufen? Sanktionen? Schon mal einem nackten Mann in die Taschen gefasst? Ehrlich – in der Haut des südkoreanischen Präsidenten möchte ich jetzt nicht stecken: Er ist schlichtweg machtlos, und was immer er jetzt auch machen wird oder besser gesagt nicht machen wird – es wird das Falsche sein.
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Mittags: Geschäftsessen beim Brasilianer mit zwei Engländern in Harajuku. Abends: Meeting mit anschliessendem kurzen Umtrunk mit einem Amerikaner, einem Südafrikaner und einem Engländer in einer japanisch-britischen Bar. Was sehen kurze Zeit darauf meine glasigen, entzündeten Augen direkt über der Tür im Zug? Für einen kurzen Augenblick wurde ich da fast schon sentimental: Eine grosse Werbung für Haribo! Nanu! “グミの国から、やってきました。” verkündet der bekannte Bär dort – “Aus dem Land des Gummis komme ich her!”. Aha. Fairerweise sollte ich dabei gleich dazu sagen, dass das hier verwendete japanische Wort für Gummi (gumi) keinerlei Konnotationen hat. “Gumi” steht für Fruchtgummi, basta. Haribo kann man schon seit Jahren in sehr gut sortierten Supermärkten finden, aber eine Werbekampagne habe ich zum ersten Mal gesehen.
Mal sehen, ob sie auch versuchen, Lakritzschnecken zu vermarkten. Das wäre ein Spass.
Laut Artikel der Japan Times sind seit Montag 60 Insassen des 東日本入国管理センター (Immigrationsverwaltungszentrum Ostjapan) in den Hungerstreik getreten.
“Immigrationsverwaltungszentrum Ostjapan” ist dabei (meine) wörtliche Übersetzung des offiziellen japanischen Namens, wobei diese Bezeichnung ein schlichtweg euphemischer Begriff ist: Die Anlage in 牛久 Ushiku in der Präfektur Ibaraki, in der Einflugschneise des Internationalen Flughafens Narita, ist kurz gesagt ein Knast für Ausländer, und mag man den Inhaftierten sowie diversen japanischen Gruppen glauben, so muss das dort die Hölle sein.
Die in den Hungerstreik getretenen Ausländer sitzen zumeist wegen Verstosses gegen das Einreisegesetz in Haft, und gute 200 der fast 400 Insassen sitzen dort bereits mehr als ein halbes Jahr ein. Ohne Verurteilung, wohlgemerkt! Für die meisten läuft der Aufenthalt letztendlich auf Zwangsabschiebung hinaus, egal, ob sie in ihrer Heimat verfolgt werden oder nicht. Die meisten kommen dabei aus Ländern wie Sri Lanka, China, Uganda, Pakistan, der Türkei (Kurden) usw.
Die Streikenden verlangen dabei eine Verbesserung der Lebenssituation, die Verkürzung der Verweildauer dort auf 6 Monate, die Befreiung von unter 18-Jährigen von der Inhaftierung, eine geringere Kaution – die liegt momentan bei guten 5’000 Euro – usw. In der Anstalt gibt es zum Beispiel nur einen Arzt, und selbst der ist nicht immer vor Ort. Brisant wird das ganze auch durch den Selbstmord zweier Insassen dieses Jahr in Ushiku.
Kurzum – was sich Japan da leistet, ist eine Schande. Man mag darüber mutmassen, warum sich nichts ändert – einerseits will man sich wahrscheinlich nicht reinreden lassen, andererseits soll das Ganze bestimmt auch als Abschreckung dienen. Die Verzweiflung der dort Inhaftierten kann man sich jedenfalls wahrscheinlich kaum ausmalen.
Mehr zu lesen über die Anstalt gibt es bei den japanischen Aktivisten des 牛久の会 Ushiku-Vereins in diesem langen Artikel sowie bei der Free Jamal Campaign.
Das Wort des Tages: 収容 shūyō. Die Haft, die Internierung.
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