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Walfang einstellen? Aber warum denn nur?

September 18th, 2014 | Tagged | 10 Kommentare | 773 mal gelesen

Am 31. März dieses Jahres verbot der UN-Gerichtshof Japan, weiterhin Wale zu fangen¹ – mit der Begründung, dass die Behauptung Japans, Wale aus rein wissenschaftlichen Zwecken zu fangen, nicht den Tatsachen entspricht. Ein Moratorium auf Walfang besteht ja bereits seit 1986, und Japan ist eigentlich daran gebunden, zumal das Land ja bereits 1951 und damit nur 5 Jahre nach Inkrafttreten das Internationale Übereinkommen zur Regelung des Walfangs unterschrieben hatte. Doch bekanntermassen betrieb man weiter Walfang – in antarktischen Gewässern sowie im Nordpazifik östlich der Kurilen. Internationale Proteste sowie skurrile Gerüchte wie die erst neulich in den sozialen Medien die Runde machende Meldung Japanese whaling crew ‘eaten alive by killer whales, 16 dead’ hat japanische Politiker dabei bisher nicht die Bohne gekümmert.

Heute, am 17. September, hat Japan bei der Walfangkommissionssitzung in Slowenien erklärt, es werde alles in seiner Kraft stehende versuchen, um das Verbot aufheben zu lassen². Der japanische Vertreter zeigte sich dabei optimistisch, das Gericht überzeugen zu können, dass der Walfang tatsächlich aus wissenschaftlichen Gründen erfolgt – um die Population sowie den Einfluss der Meeressäuger auf das Ökosystem zu messen.

Aha. Es ist immer wieder amüsant, in japanischen Nachrichtensendern zu verfolgen, wie die Medien versuchen, dem Walfang eine gewisse Legitimität zuzusprechen. Das ist logisch betrachtet gar nicht so einfach, denn jedes Kind weiss, dass es in allen gut sortierten Supermärkten und Fischhändlern Walfleisch zu kaufen gibt.

Wahrscheinlich ist der Ansatz “Japan verbieten, Wale zu fangen” einfach von Grund auf falsch, denn auf solche Verbote von ausserhalb hat man in Japan (aber nicht nur dort) schon seit jeher eher trotzig reagiert. Da wird der Imageschaden einfach billigend in Kauf genommen. Ich hielte da einen anderen Ansatz für richtiger: Japan den Verkauf und Verzehr von Walfleisch zu verbieten. Denn ohne den Verkauf von Walfleisch wären Japans Politiker ganz sicher nicht bereit, Unsummen in diese Art “Forschung” zu investieren.


¹Siehe unter anderem hier (Englisch).
²Siehe unter anderem hier (Japanisch).

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Dengue-Fieber in Tokyo

August 29th, 2014 | Tagged | 5 Kommentare | 2488 mal gelesen

Eigentlich ist es eher aus den Tropen und Subtropen bekannt: Das von Mücken übertragene Dengue-Fieber (auf Japanisch: デング熱 dengu netsu). Vom Verlauf her wie eine schwere Grippe, die mitunter auch tödlich verlaufen kann. Eine Impfung gibt es nicht, und eine echte Therapie auch nicht – man kann maximal die Symptome lindern.

In dieser Woche tauchten in Tokyo bisher drei Menschen auf, die am Dengue-Fieber erkrankt sind. Die erste Person (und die anderen beiden wahrscheinlich auch) hat sich dabei definitiv in Japan infiziert, denn sie war in letzter Zeit nicht im Ausland. Wohl aber im Yoyogi-Park, mitten in Tokyo, wo sie sich auch darank erinnern konnte, von Mücken gestochen worden zu sein. Als Überträger kommen dabei vor allem asiatische Tigermücken (ヒトスジシマカ Hitosujishima-ka) in Frage, und von denen gibt es in Japan mehr als genug. Um eine zu “fangen”, muss ich momentan nur zehn Sekunden vor das Haus gehen.

Das Dengue-Fieber ist nicht völlig unbekannt in Japan – zum letzten Mal gab es vor 69 Jahren Epidemien, aber das lag daran, dass sich unzählige japanische Soldaten in Siam, Indonesien usw. infizierten, nach Hause zurückkehrten, dort von Mücken gestochen worden – und diese dann wiederum andere Menschen stachen. Wie der Erreger jedoch nun in die Mücken des Yoyogi-Parks kamen, muss wohl noch geklärt werden. Ebenso die Frage, ob das nun gerade der Beginn einer grösseren Welle ist oder nicht. Aber wenigstens ist es nicht Ebola.

Passend zum Thema, hat sich vor zwei Wochen beinahe die gesamte Familie des Nachbarhauses mit Mumps infiziert. Erst die Tochter, dann die Mutter, schliesslich der Vater. Einzig der Sohn, bei dem alle hofften, dass er sich infiziert, damit er es hinter sich bringt, ist nicht krank geworden. Denn bei Erwachsenen ist Mumps wohl wesentlich unangenehmer. Lust hätte ich darauf auch nicht – erst recht, wenn man hört, dass jeder dritte Mann sich dabei auch noch eine Orchitis einfängt. Oh je.

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Junge Psychopathen

Juli 29th, 2014 | Tagged , | 17 Kommentare | 5232 mal gelesen

Briefe des Kobe-Mörders

Briefe des Kobe-Mörders

Es war 1997, und ich hatte gerade damit begonnen, Japanisch zu lernen. Unsere Lehrerin legte uns damals gelegentlich Nachrichtenartikel vor, und einer blieb mir in bleibender Erinnerung – es ging um einen Mordfall in Kōbe. Der Mörder gab sich den Namen 酒鬼薔薇 聖斗 Sakakibara Seito und hatte es vor allem auf Kinder abgesehen. Drei Kinder wurden von dem Täter zum Teil schwer verletzt, zwei überlebten nicht. Seinem letzten Opfer, einem 11-jährigen Jungen, trennte der Mörder den Kopf ab und legte ihn, nachdem er die Augen entfernt und das Gesicht verstümmelt hatte, mit einem Bekennerschreiben im Mund vor die örtliche Schule. Das Bekennerschreiben ebenso wie Briefe an die Presse waren ziemlich kryptisch, wohl formuliert und furchteinflössend da vom Inhalt her abgrundtief böse. Die Besonderheit an der Tat: Der Mörder war gerade mal 14 Jahre alt (eine sehr ausführliche Beschreibung des Vorfalls gibt es hier auf Japanisch und hier, wenngleich viel kürzer, auf Englisch).

Vorgestern kam es zu einem anderen Mord, der mich sofort an den Artikel zurückdenken liess. In Sasebo, bei Nagasaki, ermordete eine 15-jährige Mittelstufenschülerin ihre Klassenkameradin und trennte der Leiche danach in ihrem eigenen Zimmer den Kopf und die linke Hand ab. Da sie die Tat in einem einschlägigen Forum (das berüchtigte 2-Channel) schilderte und die Klassenkameradin vermisst wurde, führte die Spur am nächsten Morgen zur Täterin. Die bereute in einem ersten Gespräch mit der Polizei wohl nichts und gab an, schon immer mal so etwas machen wollte. Wahrscheinlich kein Zufall ist bei diesem Geschehen die Tatsache, dass im selbigen Sasebo vor 10 Jahren, also 2004, eine 12-jährige Schülerin eine Mitschülerin erstach. Im vorgestrigen Fall wurde klar, dass die beiden in die gleiche Klasse gingen und gleiche Leidenschaften teilten. Die Mutter der Täterin verstarb vor einem Jahr an Krebs, und der Vater heiratete kurz darauf eine andere Frau.

Aus diesen Fällen kann man natürlich keine grossen Schlüsse ziehen, aber diese Fälle sind natürlich furchteinflössend – zumal sie ja von Kindern begangen wurden, die nicht wegen Mordes angeklagt werden können. Auch der Kōbe-Mörder ist seit Jahren auf freiem Fuss und angeblich nahezu vollständig resozialisiert. Da er zur Tatzeit minderjährig war, darf sein wahrer Name nicht bekanntgegeben werden. Aber dass die Leute Angst haben, er könnte heute in unmittelbarer Nachbarschaft leben, ist natürlich verständlich: Und so bietet Google, wenn man nach dem oben genannten Zwischenfall (offizielle Bezeichnung: “Kōbe Serienkindermord-Vorfall”) sucht, sofort als Suchhilfe den Begriff “wahrer Name” an: Den findet man freilich nicht, aber es ist klar dass viele Menschen nach eben dieser Information suchen.

Ob ein Kind, dass eine solche Tat begangen hat, je ein “normaler” Mensch, was auch immer das sein mag, werden kann, wage ich hindes nicht zu beurteilen. Als Mensch sage ich ja, als Vater zweier Kinder wohl doch eher nein…

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Iwao Hakamada oder das lebende Plädoyer gegen die Todesstrafe

März 31st, 2014 | Tagged , | 7 Kommentare | 6130 mal gelesen

In der vergangenen Woche machte ein alter Mann die Schlagzeilen, der nur noch mühsam gehen und sprechen kann: Iwao Hakamada, geboren 1936 in Shizuoka und damit 78 Jahre alt. Vor 48 Jahren war er das Gegenteil dessen, was er heute verkörpert: Er war ein Profiboxer. Heute hält er jedoch einen vom Guinnessbuch der Rekorde zertifizierten, traurigen Rekord: Niemand sass länger in der Todeszelle als er. Genau – 48 Jahre lang. In der vergangenen Woche entschied das Gericht, nach zahlreichen erfolglosen Anläufen zuvor, dass der Fall wieder neu verhandelt werden – und der Angeklagte bis dahin freigelassen werden muss.

Hakamada arbeitete nach Karriereende in einer Miso-Fabrik. 1966 brannte das Haus einer seiner Vorgesetzten nieder, und nach eigenen Angaben versuchte Hakamada, das Feuer zu löschen. Nach dem Brand fand man die Familie des Vorgesetzten – Mann, Frau und zwei Kinder – erstochen in der Ruine. Und es fehlte eine grosse Menge Geld. Umgehend wurde Hakamada festgenommen. Und es begann eine Tortur. Angeblich wurde er 264 Stunden lang verhört, oftmals 16 Stunden am Tag, 23 Tage lang. Das reichte anscheinend aus, ihn zu brechen: Er gestand die Tat. Aber er widerrief sein Geständnis vor Gericht. Doch die Polizei präsentierte ein Pyjama des Verdächtigen, mit Blutflecken der Opfer. Drei Richter verurteilten in 1968 zu Tode.

Da sass Hakamada also in der Todeszelle. In Japan bedeutet dies verschärfte Einzelhaft, nur sehr wenige Besuche und absolute Ungewissheit: Weder der Todeskandidat noch seine Familie oder Anwälte erfahren, wann die Hinrichtung stattfindet. Dies kann ein paar Monate oder ein paar Jahrzehnte nach der Urteilsverkündigung geschehen. Nur wenige Stunden vor der Hinrichtung wird der Todeskandidat eingeweiht.

Es gab etliche Versuche, den Fall wieder aufzurollen. Einer der drei Richter, Kumamoto, trat 2007 an die Öffentlichkeit und erklärte, dass an dem Fall wahrscheinlich etwas faul war. Und doch dauerte es bis 2014, bis endlich erneut verhandelt wurde. Dieses Mal mit einer DNA-Analyse, die nahezu zweifelsfrei feststellte, dass Hakamada mit dem einzigen Beweisstück nichts zu tun hat – sehr wahrscheinlich wurde dieses von der Polizei gefälscht.

Allein 2013 wurden in Japan acht Gefangene exekutiert. Hakamada hat die lange Einzelhaft mürbe gemacht. In den letzten Jahren wurden fast alle Besuche nicht genehmigt – das betraf vor allem seine ältere Schwester, die in all den Jahrzehnten immer zu ihm stand. Nun ist er also “draußen”, in einem Zeitalter, in dem er sich nur schwer zurechtfinden dürfte. Gebrochen, mit Diabetes und psychischen Schäden. Ob er jemals wieder froh wird? Man darf es bezweifeln. Dieser Fall zeigt deutlich, warum die Todesstrafe – ob in Japan oder anderswo – abgeschafft gehört. Und dass die japanische Art und Weise, Todeskandidaten zu behandeln, einfach unmenschlich ist. Sicher, der Großteil der Japaner unterstützt die Todesstrafe. Ist es deshalb richtig, als Außenstehender die Abschaffung zu verlangen? Unbedingt. Der Großteil der deutschen Bevölkerung stand auch hinter den Nazis. Das bedeutet jedoch nicht, dass das, was die Nazis gemacht haben, richtig war. Eine etwas brutale Analogie, vielleicht, aber bloss weil die öffentliche Meinung nach dem Galgen verlangt, muss das noch lange nicht heissen, dass dies legitim ist.

Dieser Fall kennt eigentlich nur Verlierer: Hakamada, seine Familie, das japanische Justizsystem, die Polizei – keiner hat etwas gewonnen. Aber es kennt einen Helden: Kumamoto, dessen späte Reue dafür gesorgt hat, dass der Fall wieder in die Öffentlichkeit rückte. Er hätte genauso gut schweigen können, aber er trat an die Öffentlichkeit, weil ihn sein Gewissen plagte. Und natürlich Hakamada’s Schwester, die all die Jahrzehnte zu ihm gehalten hat.

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Wissenschaftskrimi live

März 26th, 2014 | Tagged | 6 Kommentare | 5078 mal gelesen

Obokata bei der Arbeit. Photo von 伊藤壽一郎, veröffentlicht hier: http://bizmakoto.jp/makoto/articles/1401/30/news037.html

Obokata bei der Arbeit. Photo von 伊藤壽一郎, veröffentlicht hier

In Japan kann man zur Zeit einen echten Wissenschaftskrimi live verfolgen, denn die Medien haben Geschmack daran gefunden und so geistert die Geschichte durch alle Zeitungen und Kanäle. Es geht um sogenannte STAP-Zellen – und es ist gut, dass es diese Abkürzung gibt, denn den vollen Namen merkt man sich so leicht nicht: Stimulus-triggered acquisition of pluripotency cell. Als Laie würde ich mal fast behaupten, STAP-Zellen sind in der Biochemie das, was in der Physik lange Zeit das Higgs-Teilchen war: Man vermutet, dass es so etwas gibt, aber gefunden hat man es noch nicht. Gut, das Higgs-Teilchen wurde nun endlich gefunden, und die Stammzellforscherin Haruko Obokata vom renommierten RIKEN-Forschungszentrum gab an, STAP-Zellen hergestellt zu haben. Ach so: STAP-Zellen sind Stammzellen, die man aus ganz normalen, bereits spezialisierten Zellen gewinnt, indem man sie auf die eine oder andere Weise (Druck, Chemikalien usw.) Stress aussetzt. Würde dies tatsächlich gelingen, wäre dies auf jeden Fall eine Sensation, denn momentan ist es noch sehr schwierig und kostspielig, echte Stammzellen zu gewinnen. Könnte man körpereigene Stammzellen dadurch gewinnen, dass man sein eigenes Haar sagen wir mal bei 48 Grad in 0.5%iger Salpetersäure unter UV-Licht eine Minute liegen läßt, würde dies die Medizin revolutionieren.

Obokata’s Forschungsergebnisse brachten es bis in das wohl bekannteste Wissenschaftsmagazin Nature, doch dann kam Teruhiko Wakayama, einer der Mitautoren, und zog die Bremse: Die Artikel sollten zurückgezogen werden, da es zu viele Ungereimtheiten gäbe. Es begann ein Streit vor der entzückten Presse. Hier die 30-jährige, gut aussehende Stammzellforscherin, da der schon etwas ältere Wissenschaftler im Schlabberlook. Wer hat recht? Es scheint wohl wirklich sehr viele Ungereimtheiten zu geben. Zumal es niemandem auch nur annähernd gelungen ist, das Experiment, das zur Entstehung von STAP-Zellen geführt haben soll, zu wiederholen. Heute wurde auch noch veröffentlich, dass die Zellproben, die im Forschungsbericht analysiert wurden, von Mäusen stammten, die gar nicht am Experiment beteiligt waren.

Sehr merkwürdig, das Ganze. Was mich jedoch verblüffte, war die Darstellung der Forscherin in den Medien: Da stand sie, mit wallender Mähne und ohne Handschuhe im Biochemielabor. Ich hatte ein Mal das Vergnügen, ein Labor von innen zu sehen, in dem DNA und andere Sachen erforscht wurden. Da war nichts mit nackten Händen und wallenden Haaren – zu gefährlich. Die in solchen Laboren zum Einfärben von DNA verwendete Chemikalie Ethidiumbromid zum Beispiel durchdringt in wenigen Sekunden sogar ganz normale Latexhandschuhe – von nackter Haut mal ganz zu schweigen.

Natürlich würde ich der Forscherin den Erfolg gönnen. Aber das ganze mutet schon sehr merkwürdig an…

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Der ganz normale nationalistische Wahnsinn

Februar 7th, 2013 | Tagged , | 10 Kommentare | 795 mal gelesen

Nationales Gedankengut auf Japanisch

Nationales Gedankengut auf Japanisch

Gestern kam nun ans Licht, dass Marineschiffe der Volksrepublik China am 30. Januar ein Schiff der japanischen Selbstverteidigungskräfte ins Visier genommen hatten – und zwar in der Nähe der umstrittenen Senkaku-Inseln. Ins Visier nehmen bedeutet heutzutage, jemanden mit dem Zielradar zu erfassen, und ab dort ist es bekanntlich nur noch ein Knopfdruck, bis es Bumm® macht. Nun hat es zwar nicht Bumm gemacht, aber undenkbar ist das natürlich nicht. Es muss dazu nicht mal einen Befehl geben – ein nationalistisch gesinnter Hitzkopf, und davon gibt es in diesem Winkel der Erde mehr als reichlich – am Abzug, und schon ist es geschehen.

Was würde dann passieren? Militärschläge? Wohl erstmal nicht. Was jedoch leicht geschehen könnte, ist ein Ausbruch willkürlicher Gewalt in Japan gegenüber Chinesen und Koreanern – egal, ob sie nur zu Besuch hier sind oder seit Generationen hier leben. Wie China darauf reagiert, falls jemand zu Tode kommt, möchte ich mir lieber nicht vorstellen. Mit reiner Logik wird man nicht weitkommen, und den UN-Sicherheitsrat anrufen würde wahrscheinlich ziemlich sinnlos sein – mit China als ständigem Mitglied (wobei – was passiert eigentlich, wenn eines der ständigen Mitglieder in einen Konflikt gerät!? Verliert dieses Mitglied dann automatisch sein Vetorecht?)

Schaue ich mir die Kommentare zu dem eingangs genannten Vorfall auf Yahoo! Japan an, wird mir ganz anders: Ein Kommentator schwadroniert, dass Japan umgehend Stützpunkte auf den Okinawa-Inseln auf- und ausbauen müsse, um China (er benutzt dabei konsequenterweise ein heute oft als abwertend verstandenes Wort: 支那 (shina) – der Gebrauch dieses Wortes ist so üblich am rechten Tellerrand), einer “Nation von Verbrechern”, paroli zu bieten. Seiner Meinung nach ist es dabei auch nicht nötig, die Einwohner von Okinawa nach ihrer Meinung zu fragen (seit vielen Jahren hagelt es ja dort Proteste dort gegen Militärstützpunkte), da die Bewohner von Okinawa sowieso 国賊非国民  (kokuzoku hikokumin – Landesverräter & Unbürger) seien.

Woraufhin jemand von der Rikkyō-Universität (eine angesehene Uni in Japan) antwortet, den Kommentator als verrückten Hund bezeichnet und jener sich schämen sollte. Woraufhin wiederum andere Kommentatoren über den Rikkyō-Kommentator herfallen und ihn ob dessen angeblicher anti-japanischen Haltung geißeln. Ein Kommentator fragt sogar, ob der Rikkyō-Kommentator überhaupt ein 純日本人 – jun-nipponjin (reinrassiger Japaner) sei, und dass er doch gleich mal Nachforschungen diesbezüglich anstellen will (der Name scheint schließlich ein Klarname zu sein).

Nun gut, die meisten dürften selbst die Erfahrung gemacht haben, daß Nachrichten mit Kommentarfunktion allerhand, sagen wir mal “interessante”, Leute anlocken. Das ist bei der Online-Ausgabe der Tagesschau oder bei SPON nicht anders. Aber es ist weniger der oben Kommentar über Okinawa, der mich bedrückt – sondern die vielen “likes”, die der gute Herr da bekommen hat. Es sind nicht nur die Brandredner und Steinewerfer, die Sorgen bereiten – sondern die Leute, die drum herum stehen und klatschen. Bzw. heutzutage “liken”.

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Einsames Japan: Mehr als die Hälfte der 18 bis 34-jährigen partnerlos

November 26th, 2011 | Tagged , | 9 Kommentare | 1420 mal gelesen

Demographischer Wandel 1930-2055 in Japan: Quelle: www.ipss.go.jp

Heute veröffentlichte das staatliche 国立社会保障・人口問題研究所 (Nationales Forschungsinstitut für Bevölkerung und Soziale Sicherheit) alarmierende Forschunsergebnisse. Alle 5 Jahre veranstaltet das Institut Umfragen dieser Art. Befragt wurden gut 10,000 Japaner jeglicher Altersgruppen, sozialer Schichten und Geschlechts – darunter gut 7,000 Männer und Frauen zwischen 18 und 34 Jahren. Das wichtigste Ergebnis der Umfrage: 61.4% der befragten Männer sowie 49.5% der Frauen jener Altersgruppe gaben an, keinen Partner zu haben.

Prinzipiell wollen rund 86% der Männer und gut 89% der Frauen zwar irgendwann mal heiraten, aber die 18 bis 24-jährigen geben an, sich noch zu jung dafür zu fühlen – die 25 bis 34-jährigen finden irgendwie nie nicht den Passenden oder die Passende. Interessant ist übrigens, dass bei der Umfrage explizit mit dem Attribut 異性 – isei (andersgeschlechtlich) gefragt wird: Homosexuelle zählen hier also nicht. Andererseits würden die sicher den Kohl auch nicht fett machen. Der Anteil der Partnerlosen ist der grösste seit Beginn der Befragungen: Jener stieg in den vergangenen Jahren um 10% bei Männern und 5% bei Frauen.

Überraschende Ergebnisse? Im Prinzip schon. Es war schon klar, dass der Anteil der Partnerlosen gross ist. Aber die Untersuchung zeigt, dass alles noch viel schlimmer ist. Das Problem in diesem Land ist nicht etwa eine hohe Scheidungsrate oder zu wenige Kinder: Es hapert bereits beim allerersten Schritt. Schaue ich mich dabei in meiner Umgebung um, kann ich diese Zahlen nur bestätigen. Quo vadis, Japan? Wäre ich ein halbwegs junger Politiker in diesem Land, würde ich mir jedenfalls sehr grosse Sorgen machen.

Den kompletten Report kann man hier herunterladen.

Quelle der Graphik und des Reports: IPSS

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Ist Tokyo nun verstrahlt? Oder nicht? Eine Bestandsanalyse

Oktober 17th, 2011 | Tagged , , , , | 10 Kommentare | 2093 mal gelesen

In der vergangenen Woche schreckte eine Meldung zahlreiche Hauptstädter – sowie zahlreiche deutsch- und englischsprachige Blogger und ausländische Medien auf: In 世田谷区 Setagaya-ku, einem relativ zentral gelegenen und vergleichsweise gehobenen Distrikt von Tokyo, wurde an einem alten, zerfallenen Holzhaus eine Strahlenbelastung gefunden, die über der von Iitate liegt. Iitate gilt als einer der verstrahltesten Orte Japans und liegt in der Präfektur Fukushima.

Genauer gesagt fanden Privatpersonen bei einer Messung in Setagaya-ku einen Wert von 2.7 Mikrosievert vor (offizielle Meldung hier, Japanisch). In Iitate misst man momentan (im Schnitt) 2 Mikrosievert. Das sind aufs Jahr gerechnet 23.6 Millisievert. Die Internationale Atomenergiebehörde und zahlreiche andere internationale Behörden empfehlen für Normalsterbliche eine jährliche Dosis von maximal 1 Millisievert (siehe unter anderem hier, Englisch); andere Behörden und Organisationen wiederum gehen von 20 Millisievert pro Jahr als absolut unbedenkliche Menge aus. In Japan gilt der Grenzwert 1 mSv, obwohl man den Wert auf 20 mSv für Teile der Präfektur Fukushima erhöhen wollte bzw. teilweise wohl hat.

Vielleicht mag sich der eine oder andere gewundert haben, warum mir die obige Schlagzeile keinen Beitrag wert war. Nun: Das Ganze roch etwas nach Fisch. Warum? Der Wert erschien mir doch etwas zu hoch. Denn: Seit Monaten misst nicht nur die Regierung. Gottseidank. Mehr und mehr Privatpersonen und Organisationen ziehen mit Geigerzählern durch die Hauptstadtregion und teilen gern ihre Messwerte dem interessierten und besorgten Mitmenschen mit. Das ist gut, lobenswert und sehr wichtig. Und gleichzeitig ein Novum – noch nie haben die Bürger ihrer Regierung so stark misstraut.

Wäre der in Setagaya gemessene Wert nun die Regel, wäre dies auf jeden Fall eher und aus mehreren Ecken publik geworden. Die Medien griffen den Ausreisser gern auf, zumal ein Schulweg an dem besagten Haus vorbeiführt. Die lokalen Behörden nahmen das Haus unter die Lupe – und fanden dort in einem schmalen geheimfach-ähnlichen Hohlraum eine Kiste mit Ampullen. Darin: Radium. Jenes wurde bis in die 1950er unter anderem in Japan häufig verwendet: Zum Beispiel, um die Zeiger in Uhren im Dunkeln leuchten zu lassen. Nun – die Ampullen schienen aus der Zeit zu stammen. Sie wurden entfernt, und jetzt misst man am gleichen Ort weniger als 0.01 Mikrosievert. Das entspricht anderen Messungen.

“Foul!” erschallte es sodann aus allerlei Ecken. “Das riecht ja nach Vertuschung – das stinkt doch irgendwie!”. Nun gut. An dieser Stelle mal die notwendige “What if”- Frage: “Was, wenn dort wirklich jemand Flaschen mit Radium hortete – und die über Jahrzehnte dort lagerten und vergessen wurden?” Ausgeschlossen? Nein. Es ist einfach logisch, dass solche Dinge jetzt ans Licht kommen: Wer ist vor März 2011 schon mit einem Geigerzähler durch Tokyo gerannt? Grund zur Panik oder zur sofortigen Bemühung althergebrachter Verschwörungstheorien? Nein.

Oder? Andere Messung: In der vergangenen Woche wurden in Yokohama an zwei Orten hohe (bzw. relativ hohe) Strontiumkonzentrationen gefunden. Brisant ist daran, dass Strontium zum ersten Mal soweit entfernt von Fukushima gemessen wurde. Und: Strontium ist besonders gefährlich, da es vom Körper anstelle von Kalzium aufgenommen und in Knochengewebe eingebaut wird, um dort später Knochen- und andere Krebsarten auszulösen. Nun lag die maximal gemessene Konzentration in Yokohama bei 195 Becquerel / Kilogramm (Originalmeldung siehe hier), aber es wurde auch noch nicht flächendeckend gemessen. Die Konzentration ist relativ gering, aber es ist nicht mehr zu leugnen: Strontium gibt es nun auch in der Hauptstadtregion.

Das allgemeine Verständnis lautet dieser Tage so:

  • Die Strahlenbelastung in der Luft liegt auf einem (nahezu) natürlichen bzw. vernachlässigbar erhöhten Level
  • Trinkwasser in der Hauptstadtregion ist sicher (unter Nachweisgrenze)
  • Gemüse, Fleisch, Fisch usw: Streckenweise belastet. Leider ist es schwer einzugrenzen – vor allem bei Fleisch und Milchprodukten, da man nicht weiss, wo was verfüttert wurde. Wer bei Meereserzeugnissen auf Nummer sicher gehen möchte, kauft nur, was in Westjapan (Japanisches Meer) oder im Ausland gefangen wurde (jedoch: norwegischer Lachs ist dank englischer AKW auch belastet usw.). Wer bei Gemüse auf Nummer sicher gehen möchte, vermeidet Gemüse aus Fukushima, Miyagi, Saitama, Ibaraki, Tokyo, Chiba, Shizuoka, Yamagata, Niigata und Nagano, wobei jedoch Chiba, Shizuoka, Nagano und Niigata mittlerweilen als unbelasted gelten
  • Wer Kinder hat und in der Hauptstadtregion lebt, vermeidet altes Laub, den Zwischenraum zwischen Häusern, die Gegend um Gullydeckel und eigentlich alle Stellen, an denen sich leicht Regenwasser sammelt.

Zum letzten Punkt muss jedoch folgendes gesagt werden: Die Werte sind bei weitem zu gering, um äussere Strahlenschäden zu bewirken. Es geht hier um die innere Strahlenbelastung ((体)内被曝 – (tai)naihibaku). Eltern sollten deswegen vorsichtshalber sichergehen, dass Kinder nicht auf irgendeine Art und Weise Schmutz aus diesen Bereichen aufnehmen – zum Beispiel, indem sie dort spielen und dann an ihren Fingern lecken usw. Kurzum: Nicht im Laub oder rund um Wassergräben, Gullydeckeln usw. spielen lassen.

Wie geht es weiter?
Es wird noch einiges ans Licht kommen. Die erhöhten Konzentrationen im Grossraum Tokyo werden mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit gegen Mitte 2012 nahezu verschwunden (ausgewaschen) sein – so war es auch in Bayern ein Jahr nach Tschernobyl. Das Auswaschen radioaktiver Partikel wird jedoch noch auf lange Sicht Probleme im Wasserkreislauf verursachen.

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Rente mit 70, Mehrwertsteuer um 100% rauf?

Oktober 13th, 2011 | Tagged , , | 4 Kommentare | 604 mal gelesen

Die Nachrichten gestern warteten gleich mit 2 Hiobsbiotschaften für Tarō Normalverbraucher auf: Zum einen verkündete Finanzminister Azumi bei eibem Treffen mit der Spitze des Keidanren (hiesiger Wirtschaftsverband), daß er auf jeden Fall gedenkt, im nächsten Jahr einen Gesetzesentwurf einzureichen, demzufolge die Mehrwertsteuer erhöht werden soll. Dies ist seit geraumer Zeit im Gespräch, nicht erst seit der Erdbebenkatastrophe. Die Zahl, die man am häufigsten hört, ist 10%, und dieser Prozentsatz soll Mitte dieses Jahrzehnts erreicht werden. Momentan liegt er bei 5%, vor wenigen Jahren lag er noch bei 3%. Nicht-Japan-Kundigen sollte an dieser Stelle allerdings gesagt sein, daß die Mehrwertsteuer im Bezug auf die Endverbraucherpreise ein relatives Maß ist: 5% klingt niedrig für die meisten Europäer, bedeutet aber nicht, daß die Endverbraucherpreise klein sind.

Ein anderer Vorstoß kam zeitgleich aus anderen Ecken: Man wird nicht anders können als das Rentenalter zu erhöhen. In vielen traditionellen Firmen liegt das Renteneintrittsalter noch bei 60 Jahren, oft auch bei 62. Die Rente setzt sich dabei in der Regel aus der staatlichen Rente (mickrig) und der Betriebsrente (kann je nach Firma durchaus stattlich sein) zusammen. In Sachen Renteneintrittsalter möchte man scheinbar nicht gern kleckern, sondern klotzen: Sofort war die Zahl 70 im Gespräch.

Dies ist freilich nicht weiter verwunderlich: Japan hat eine der höchsten Lebenserwartungen, aber gleichzeitig dummerweise eine der niedrigsten Geburtenraten. Momentan zahlen 2.5 Angestellte die Rente eines Rentners, und das Verhältnis wird nicht besser. Will heissen, Japans Rentenkasse steuert auf die Pleite zu, wenn sich sobald nichts ändert.

Das ist alles schön und gut, und bis zu einem gewissen Grad wahrscheinlich unvermeidlich, zumal die Staatsverschuldung Japans vorsichtig ausgedrückt enorm ist (das Gros der Schuldpapiere wird jedoch glücklicherweise von Japanern gehalten). Leider bekämpft man hier allerdings – wie schon seit sehr langem – nur die Folgen und nicht die Ursache: Die lange versprochene Aufstockung der finanziellen Anreize für Eltern wurde bereits über Bord geworfen, mit der offiziellen Begründung, das Geld werde für den Wiederaufbau der Katastrophenregion gebraucht. Dabei wurde bereits vor dem Beben laut darüber nachgedacht, dieses für viele Wähler stimmentscheidende Wahlversprechen zu brechen. Da Japan sich auch nicht gerade um Zuwanderer reißt, tickt die demographische Bombe weiter.

A propos schlechte Nachrichten: Schon erwähnt, daß TEPCO, die Betreiberfirma der AKW’s in Fukushima und alleiniger Stromlieferant im Großraum Tokyo, bereits im 9. Monat in Folge den Strompreis erhöht hat? Offizielle Begründung: Gestiegene Preise für fossile Brennstoffe auf dem Weltmarkt. Diese Begründung ist natürlich der blanke Hohn – der Yen jagt ein Rekordhoch nach dem anderen. Man kann sicherlich nur schwer zugeben, daß letztendlich die Verbraucher für den kompletten AKW-Schaden aufkommen werden müssen.

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Anschauen, essen, fühlen! Katastrophentourismus 2011

September 2nd, 2011 | Tagged , , | 3 Kommentare | 721 mal gelesen

Seit einigen Tagen häufen sich die “Go! Tohoku”-Werbeposter in den U-Bahnen und anderswo. 東北 (Tōhoku) bedeutet Nordosten (bzw. streng übersetzt Ostnord) und ist der Name für die 6 Präfekturen im Norden der Insel Honshū. Die Küste entlang der Osthälfte der Region wurde bekanntlich bei dem schweren Erdbeben am 11. März 2011 verwüstet.

Go! Tohoku-Kampagne

Mittlerweilen gibt es immer weniger Privatpersonen und Gesellschaften im Nordosten, die Freiwillige für körperliche Arbeit benötigen. Das bedeutet, dass vieles aufgeräumt wurde. Das bedeutet aber nicht, dass alles wieder aufgebaut wurde. Die meisten Schulen zum Beispiel wurden noch nicht wiederaufgebaut – da in zahlreichen vom Tsunami betroffenen Gemeinden erst noch geklärt werden muss, ob man eine erneute Bebauung überhaupt zulassen kann. Möglicherweise werden weite Gebiete für die Bebauung gesperrt, da zahlreiche überflutete Bereiche durch das Beben schlagartig derart abgesenkt wurden, dass sie unter dem Meeresspiegel liegen – und damit besonders anfällig für neue Tsunamis und Sturmfluten sind.

Die “Unterstützt den Nordosten einfach dadurch, dass Ihr hinfahrt und konsumiert”-Idee kam bereits im April/Mai auf – quasi zu dem Zeitpunkt, als die wichtigsten Verkehrstrassen wiederhergestellt und auch die Versorgung wieder halbwegs funktionierte. Der Grundgedanke ist auch verständlich. Viele Gemeinden lebten vom Tourismus, und wenn schlagartig auch noch alle Touristen ausbleiben, wird die Lage sicherlich nicht besser. Andererseits ist die ganze Angelegenheit jedoch auch moralisch heikel. Einfach mal Katastrophe angucken fahren hinterlässt einen faden Nachgeschmack. Ich weiss nicht, ob ich das könnte – meine Frau könnte ich damit jedenfalls nicht überzeugen.

Etwas apart ist der Slogan dieser Kampagne:  観て、食べて、感じて (Mite, Tabete, Kanjite) – wörtlich: “Ansehen, essen, (mit)fühlen”. Oha.

Immerhin wurden gestern die letzten Massennotunterkünfte (Turnhallen, Kongresszentren, Schulen usw.) in der Präfektur Iwate geschlossen: Alle Bewohner konnten – nach fast einem halben Jahr – mittlerweilen anderweitig untergebracht werden.

Anbei noch der Link zur oben genannten Kampagne. Das Portal sammelt quasi Veranstalter solcher Touren und vermittelt Reisen – wer über das Portal bucht, bekommt Rabatt: Go! Tohoku 被災地応援ツアー

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