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Gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Japan bald gleichgestellt?

Februar 13th, 2015 | Tagged , , , | 2 Kommentare | 631 mal gelesen

Heute, am 12. Februar 2015, gab es bei einer Pressekonferenz der Bezirksverwaltung von Shibuya-ku (Tokyo) eine kleine Sensation¹: Dort gab man nämlich bekannt, dass man einen Antrag auf Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften im Stadtbezirk Shibuya eingereicht hat – über den soll dann im März 2015 entschieden werden. Das bedeutet zwar nicht, dass gleichgeschlechtliche Paare in Japan heiraten dürfen, aber das Rathaus von Shibuya würde, so der Antrag Erfolg hat, eben jenen Paaren eine Bescheinigung ausstellen, die ihnen erlauben würde, im Bezirksgebiet wie Ehepartner behandelt zu werden.

Das ist insofern eine Sensation, als gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Japan einfach kein Thema sind: Dieses Angelegenheit wird lauthals totgeschwiegen, und weder Politiker noch Medien scheinen grossartig Interesse daran zu haben, sich dafür zu erwärmen. Sicher, die Fernsehprogramme sind voll mit Männern in Frauenkleidern (Ai Haruna, Matsuko Deluxe oder Mitz Mangrove, um nur einige zu nennen) oder schrägen Typen wie Hard Gay, die mit dem Darstellen von Stereotypen ihr Geld verdienen, aber Homosexualität, obwohl nicht illegal, steht einfach nicht zur Debatte.

Da gleichgeschlechtliche Partner in Japan nicht heiraten dürfen, entgehen ihnen zahlreiche für verheiratete Menschen übliche Privilegien. Das geht bei Bürg- und Erbschaften los und hört bei Patientenverfügungen und steuerlichen Vergünstigungen bestimmt nicht auf. Wie man in Shibuya-ku nun auf den Gedanken gekommen ist, als erste Kommune Japans gleichgeschlechtlichen Paaren entgegenzukommen, ist unklar. Sollte der Entwurf jedoch angenommen werden – und sollte Shibuya auf Dauer die einzige Kommune Japans bleiben – kann sich das ohnehin schon trendige Stadtviertel wahrscheinlich einen neuen Fortschrittsstern ans Revers heften.

¹ Siehe NHK News (Japanisch) und Japan Times (Englisch).

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I am Kenji oder das grosse Missverständnis des Herrn Abe

Februar 3rd, 2015 | Tagged | 8 Kommentare | 1349 mal gelesen

Am Sonntag morgen japanischer Zeit wurde es traurige Gewissheit: Auch 後藤 健二 Gotō Kenji, freier Fotograf, wurde Opfer von ISIS – hingemeuchelt wie etliche andere Geiseln auch. Eine Zeit lang sah es so aus, als ob er seinem Schicksal entkommen könnte: Der Islamische Staat forderte erst 200 Millionen US-Dollar, exekutierte dann Gotōs Freund und Bekannten Yukawa und erklärte sich schliesslich bereit, Gotō freizulassen, wenn Jordanien die dort zum Tode verurteilte irakische Terroristin Sajida Mubarak Atrous al-Rishawi freiliesse. Das brachte die jordanische Regierung in die Zwickmühle, denn der Islamische Staat hält auch einen Jordanier gefangen – einen Piloten, der bei einem Angriff auf den Islamischen Staat abstürzte. Jordanien änderte also die Bedingungen und forderte erstmal ein Lebenszeichen des Piloten. Die Tagesschau meldete daraufhin – fälschlicherweise – dass der Islamische Staat mit dem Austausch 2 gegen 1 einverstanden wäre, aber dem war nicht so. Offenbar wurde das dem Islamischen Staat zu viel, und so wurde Gotō enthauptet. Er hinterlässt unter anderem 3 Töchter – die jüngste wurde erst vor ein paar Wochen geboren.

Gotō war freier und erfahrener Fotograf, der vor allem über das Leid der Frauen und Kinder in Kriegsgebieten berichtete – aus Syrien, Irak, Sierra Leone, Südsudan und so weiter und so fort. Gerade mal 47 Jahre alt wurde er. Sein Tod trat nun in Japan eine Debatte los. Hat die Regierung genug getan, um seinen Tod zu verhindern? Die Lösegeldforderung wurde (zu recht) umstandslos abgelehnt. Nun gibt es Stimmen, die kritisieren, dass die Regierung nicht einmal versuchte, zu verhandeln. Es gibt auch – wenn auch versteckte – Kritik an Jordanien: Hätte Jordanien nicht plötzlich seinerseits Bedingungen gestellt, würde Gotō vielleicht noch leben. Das schlimmste, und das war zu befürchten, ist jedoch die angebliche Lektion, die Ministerpräsident Abe aus dem Vorfall zu ziehen versucht: Er sieht sich in seinem Vorhaben bestätigt, die seiner Meinung nach nicht mehr zeitgemässe, pazifistische Verfassung Japans zu ändern, damit Japan aktiv ins Kriegsgeschehen eingreifen kann. Gotōs Witwe sowie seine Mutter sprachen sich umgehend dagegen aus: Gotō wollte mit seiner Arbeit schliesslich nur eins zeigen: Dass Krieg nur Leid und Unheil über die Schwächsten bringt. Seinen Tod nun zu instrumentalisieren, um Japan zum Krieg zu befähigen, ist Zynismus pur. Und Abes Begründung einfach nur falsch: “So etwas lässt sich nur verhindern, wenn Japan aktiv am Kampf gegen den Islamischen Staat teilnehmen kann”. Weniger Opfer, weniger Gewalt, wenn sich das Land in einen Krieg fernab der Heimat begibt? Das ist schwer vorstellbar.

Es gibt auch Kritik daran, dass Abe ankündigte, den Islamischen Staat und alle Beteiligten bedingungslos zur Rechenschaft ziehen zu wollen. Die Kritiker sind der Meinung, dass Abe mit dieser Äusserung alle im (arabischen) Ausland befindlichen Japaner zur Zielscheibe macht. Über diesen Punkt mag man nun streiten: Propaganda auch in der westlichen Welt hin oder her – der Islamische Staat ist ganz sicher kein Wohlfahrtsverein und seine Taten mit gesundem Menschenverstand schwer zu begreifen. Dazu Stellung zu beziehen ist sicher besser, als stillschweigend alles zu dulden.

Ein paar Fotos und Berichte (leider alles auf Japanisch) kann man auf Gotos Webseite sehen: ipgoto.com.

In diesem Sinne – Rest in Peace, Gotō-san. Ein bewundernswerter Mann mit viel Herz und Mut, der dieses Ende auf keinen Fall verdient hat. Ich wünschte, Ministerpräsident Abe hätte sich ein bisschen mehr mit der Arbeit dieses Mannes auseinandergesetzt.

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Rauer Ton im Krankenhaus

Januar 30th, 2015 | Tagged , | 6 Kommentare | 1697 mal gelesen

In dieser Woche tauchte ein – anfangs zumindest heimlich aufgenommenes – Video bei YouTube auf, das momentan ziemlich hohe Wellen schlägt. Der Hintergrund: Ein brasilianischer Vater brachte sein krankes Kleinkind in die Notaufnahme eines Krankenhauses der Stadt Iwata in der Präfektur Shizuoka (dort leben sehr viele japanischstämmige Brasilianer). Die Ärzte schauten sich das Kind an und meinten hernach, das sei nichts Schlimmes, und der Vater solle am nächsten Tag noch mal bei einem regulären Arzt vorbeischauen. Daraufhin verlangte der Vater ein 診断書 shindansho – Attest, doch der Arzt weigerte sich, das Dokument auszustellen – mit der Begründung, so etwas gibt es in der Notaufnahme nicht.

Damit gab sich der besorgte Vater jedoch nicht zufrieden. Verständlicherweise. Wie sich später herausstellte, hatte er 5 Kinder, und eines der Kinder war bereits sehr jung verstorben. Und so redete er in brüchigem, aber höflichen Japanisch weiter auf den Arzt ein: “Was passiert nun, wenn es doch etwas Schlimmes ist?” fragte er den Arzt, worauf jener lapidar “Dann verklag uns doch” antwortete. Als der Arzt einen Anruf auf sein Handy empfing, gab er den Vater mit einem gemurmelten くそ野郎 kusoyarō (wörtlich: Scheißkerl) an seinen Kollegen weiter. Dabei fiel wohl auch das Wort 死ね (Verrecke!). Der Vater hatte dummerweise schon vorher die Kamera seines Handys angeschaltet, und so existiert alles schön auf Video.

Nach einer Weile kam eine Krankenschwester, die portugiesisch kann, hinzu und begann zu vermitteln. Der Vater offenbarte schliesslich, dass er filmte, und das ist dem Arzt sichtbar peinlich. Das ganze ist für den Arzt freilich ganz dumm gelaufen: Man kann davon ausgehen, dass er sich sicher war, dass der Zugewanderte die Schimpfwörter nicht versteht. Verstand er aber.

Ist das nun Fremdenfeindlichkeit? Schwer zu sagen. Aber eins ist es auf jeden Fall: Ein akuter Fall von flatus cerebri auf Seiten des Arztes. So redet man nicht. Nicht mit Patienten, egal ob sie die gleiche Sprache sprechen oder nicht. Und schon gar nicht mit dem besorgten Vater eines kleinen Kindes.

iwata-krankenhaus

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Japan im Visier des Islamischen Staates

Januar 21st, 2015 | Tagged , , | 5 Kommentare | 2490 mal gelesen

Nun ist es also geschehen: Kaum hatte die japanische Regierung verkündet, rund 200 Millionen US-Dollar für nichtislamische Staaten bereitzustellen, damit diese den Islamischen Staat bekämpfen können (Japan darf ja zum Leidwesen der jetzigen Regierung aufgrund seiner pazifistischen Verfassung nicht selbst mitmachen, führte der Islamische Staat zwei japanische Geiseln vor: Die Reporter bzw. Fotografen Gotō und Yukawa. Die Szene kennt man ja bereits: Ein vermummter Mann mit Messer und eindeutig britischem Akzent steht neben den in orangenen Sachen knienden Gefangenen und droht. In diesem Fall soll nun also Japan binnen 72 Stunden oben genannte Summe an den Islamischen Staat zahlen – sonst werden die beiden enthauptet.

Die japanische Regierung liess daraufhin recht schnell verlauten, was sie von der Forderung hält: Nichts. Natürlich nicht. So also kein Wunder geschieht, droht den beiden Männern ein grauenvolles Schicksal. Das wird freilich nichts an der japanischen Aussenpolitik ändern. Aber es wird den Islamischen Staat etwas in den Mittelpunkt rücken, denn zwar wird darüber gelegentlich berichtet, aber wie es in Japan nun mal so ist: Man ist weit entfernt vom Geschehen und deshalb eher mäßig interessiert. Der Islamische Staat präsentiert sich hier nun aber so, wie man ihn gern von aussen sieht: Eine gottverlassene, verbrecherische und bigotte Zusammenrottung von Menschen, die irgendwo irgendwann ihrer Perspektiven beraubt wurden – oder denen zu viel versprochen wurde.

Für eine PEGIDA à la Dresden wird es freilich nicht reichen – in Japan dürfte die Zahl der Muslime bei schätzungsweise 30’000 liegen (siehe unter anderem hier), und die meisten Japaner werden wohl noch nie im Leben einen echten Moslem gesehen haben. Zumal man ja in Japan bereits schon seit langem ein liebevoll gepflegtes Feindbild hat: Koreaner und Chinesen. Und auf Hokkaido Russen.

Während die Tagesschau zum Beispiel darauf verzichtet, die Gesichter der Geiseln zu zeigen, zeigt man in Japan weniger Zurückhaltung: Das Video mit der Drohung flimmerte in voller Länge heute auf allen Kanälen:


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Walfang einstellen? Aber warum denn nur?

September 18th, 2014 | Tagged | 15 Kommentare | 7041 mal gelesen

Am 31. März dieses Jahres verbot der UN-Gerichtshof Japan, weiterhin Wale zu fangen¹ – mit der Begründung, dass die Behauptung Japans, Wale aus rein wissenschaftlichen Zwecken zu fangen, nicht den Tatsachen entspricht. Ein Moratorium auf Walfang besteht ja bereits seit 1986, und Japan ist eigentlich daran gebunden, zumal das Land ja bereits 1951 und damit nur 5 Jahre nach Inkrafttreten das Internationale Übereinkommen zur Regelung des Walfangs unterschrieben hatte. Doch bekanntermassen betrieb man weiter Walfang – in antarktischen Gewässern sowie im Nordpazifik östlich der Kurilen. Internationale Proteste sowie skurrile Gerüchte wie die erst neulich in den sozialen Medien die Runde machende Meldung Japanese whaling crew ‘eaten alive by killer whales, 16 dead’ hat japanische Politiker dabei bisher nicht die Bohne gekümmert.

Heute, am 17. September, hat Japan bei der Walfangkommissionssitzung in Slowenien erklärt, es werde alles in seiner Kraft stehende versuchen, um das Verbot aufheben zu lassen². Der japanische Vertreter zeigte sich dabei optimistisch, das Gericht überzeugen zu können, dass der Walfang tatsächlich aus wissenschaftlichen Gründen erfolgt – um die Population sowie den Einfluss der Meeressäuger auf das Ökosystem zu messen.

Aha. Es ist immer wieder amüsant, in japanischen Nachrichtensendern zu verfolgen, wie die Medien versuchen, dem Walfang eine gewisse Legitimität zuzusprechen. Das ist logisch betrachtet gar nicht so einfach, denn jedes Kind weiss, dass es in allen gut sortierten Supermärkten und Fischhändlern Walfleisch zu kaufen gibt.

Wahrscheinlich ist der Ansatz “Japan verbieten, Wale zu fangen” einfach von Grund auf falsch, denn auf solche Verbote von ausserhalb hat man in Japan (aber nicht nur dort) schon seit jeher eher trotzig reagiert. Da wird der Imageschaden einfach billigend in Kauf genommen. Ich hielte da einen anderen Ansatz für richtiger: Japan den Verkauf und Verzehr von Walfleisch zu verbieten. Denn ohne den Verkauf von Walfleisch wären Japans Politiker ganz sicher nicht bereit, Unsummen in diese Art “Forschung” zu investieren.


¹Siehe unter anderem hier (Englisch).
²Siehe unter anderem hier (Japanisch).

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Dengue-Fieber in Tokyo

August 29th, 2014 | Tagged | 5 Kommentare | 4809 mal gelesen

Eigentlich ist es eher aus den Tropen und Subtropen bekannt: Das von Mücken übertragene Dengue-Fieber (auf Japanisch: デング熱 dengu netsu). Vom Verlauf her wie eine schwere Grippe, die mitunter auch tödlich verlaufen kann. Eine Impfung gibt es nicht, und eine echte Therapie auch nicht – man kann maximal die Symptome lindern.

In dieser Woche tauchten in Tokyo bisher drei Menschen auf, die am Dengue-Fieber erkrankt sind. Die erste Person (und die anderen beiden wahrscheinlich auch) hat sich dabei definitiv in Japan infiziert, denn sie war in letzter Zeit nicht im Ausland. Wohl aber im Yoyogi-Park, mitten in Tokyo, wo sie sich auch darank erinnern konnte, von Mücken gestochen worden zu sein. Als Überträger kommen dabei vor allem asiatische Tigermücken (ヒトスジシマカ Hitosujishima-ka) in Frage, und von denen gibt es in Japan mehr als genug. Um eine zu “fangen”, muss ich momentan nur zehn Sekunden vor das Haus gehen.

Das Dengue-Fieber ist nicht völlig unbekannt in Japan – zum letzten Mal gab es vor 69 Jahren Epidemien, aber das lag daran, dass sich unzählige japanische Soldaten in Siam, Indonesien usw. infizierten, nach Hause zurückkehrten, dort von Mücken gestochen worden – und diese dann wiederum andere Menschen stachen. Wie der Erreger jedoch nun in die Mücken des Yoyogi-Parks kamen, muss wohl noch geklärt werden. Ebenso die Frage, ob das nun gerade der Beginn einer grösseren Welle ist oder nicht. Aber wenigstens ist es nicht Ebola.

Passend zum Thema, hat sich vor zwei Wochen beinahe die gesamte Familie des Nachbarhauses mit Mumps infiziert. Erst die Tochter, dann die Mutter, schliesslich der Vater. Einzig der Sohn, bei dem alle hofften, dass er sich infiziert, damit er es hinter sich bringt, ist nicht krank geworden. Denn bei Erwachsenen ist Mumps wohl wesentlich unangenehmer. Lust hätte ich darauf auch nicht – erst recht, wenn man hört, dass jeder dritte Mann sich dabei auch noch eine Orchitis einfängt. Oh je.

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Junge Psychopathen

Juli 29th, 2014 | Tagged , | 17 Kommentare | 16041 mal gelesen

Briefe des Kobe-Mörders

Briefe des Kobe-Mörders

Es war 1997, und ich hatte gerade damit begonnen, Japanisch zu lernen. Unsere Lehrerin legte uns damals gelegentlich Nachrichtenartikel vor, und einer blieb mir in bleibender Erinnerung – es ging um einen Mordfall in Kōbe. Der Mörder gab sich den Namen 酒鬼薔薇 聖斗 Sakakibara Seito und hatte es vor allem auf Kinder abgesehen. Drei Kinder wurden von dem Täter zum Teil schwer verletzt, zwei überlebten nicht. Seinem letzten Opfer, einem 11-jährigen Jungen, trennte der Mörder den Kopf ab und legte ihn, nachdem er die Augen entfernt und das Gesicht verstümmelt hatte, mit einem Bekennerschreiben im Mund vor die örtliche Schule. Das Bekennerschreiben ebenso wie Briefe an die Presse waren ziemlich kryptisch, wohl formuliert und furchteinflössend da vom Inhalt her abgrundtief böse. Die Besonderheit an der Tat: Der Mörder war gerade mal 14 Jahre alt (eine sehr ausführliche Beschreibung des Vorfalls gibt es hier auf Japanisch und hier, wenngleich viel kürzer, auf Englisch).

Vorgestern kam es zu einem anderen Mord, der mich sofort an den Artikel zurückdenken liess. In Sasebo, bei Nagasaki, ermordete eine 15-jährige Mittelstufenschülerin ihre Klassenkameradin und trennte der Leiche danach in ihrem eigenen Zimmer den Kopf und die linke Hand ab. Da sie die Tat in einem einschlägigen Forum (das berüchtigte 2-Channel) schilderte und die Klassenkameradin vermisst wurde, führte die Spur am nächsten Morgen zur Täterin. Die bereute in einem ersten Gespräch mit der Polizei wohl nichts und gab an, schon immer mal so etwas machen wollte. Wahrscheinlich kein Zufall ist bei diesem Geschehen die Tatsache, dass im selbigen Sasebo vor 10 Jahren, also 2004, eine 12-jährige Schülerin eine Mitschülerin erstach. Im vorgestrigen Fall wurde klar, dass die beiden in die gleiche Klasse gingen und gleiche Leidenschaften teilten. Die Mutter der Täterin verstarb vor einem Jahr an Krebs, und der Vater heiratete kurz darauf eine andere Frau.

Aus diesen Fällen kann man natürlich keine grossen Schlüsse ziehen, aber diese Fälle sind natürlich furchteinflössend – zumal sie ja von Kindern begangen wurden, die nicht wegen Mordes angeklagt werden können. Auch der Kōbe-Mörder ist seit Jahren auf freiem Fuss und angeblich nahezu vollständig resozialisiert. Da er zur Tatzeit minderjährig war, darf sein wahrer Name nicht bekanntgegeben werden. Aber dass die Leute Angst haben, er könnte heute in unmittelbarer Nachbarschaft leben, ist natürlich verständlich: Und so bietet Google, wenn man nach dem oben genannten Zwischenfall (offizielle Bezeichnung: “Kōbe Serienkindermord-Vorfall”) sucht, sofort als Suchhilfe den Begriff “wahrer Name” an: Den findet man freilich nicht, aber es ist klar dass viele Menschen nach eben dieser Information suchen.

Ob ein Kind, dass eine solche Tat begangen hat, je ein “normaler” Mensch, was auch immer das sein mag, werden kann, wage ich hindes nicht zu beurteilen. Als Mensch sage ich ja, als Vater zweier Kinder wohl doch eher nein…

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Iwao Hakamada oder das lebende Plädoyer gegen die Todesstrafe

März 31st, 2014 | Tagged , | 7 Kommentare | 6179 mal gelesen

In der vergangenen Woche machte ein alter Mann die Schlagzeilen, der nur noch mühsam gehen und sprechen kann: Iwao Hakamada, geboren 1936 in Shizuoka und damit 78 Jahre alt. Vor 48 Jahren war er das Gegenteil dessen, was er heute verkörpert: Er war ein Profiboxer. Heute hält er jedoch einen vom Guinnessbuch der Rekorde zertifizierten, traurigen Rekord: Niemand sass länger in der Todeszelle als er. Genau – 48 Jahre lang. In der vergangenen Woche entschied das Gericht, nach zahlreichen erfolglosen Anläufen zuvor, dass der Fall wieder neu verhandelt werden – und der Angeklagte bis dahin freigelassen werden muss.

Hakamada arbeitete nach Karriereende in einer Miso-Fabrik. 1966 brannte das Haus einer seiner Vorgesetzten nieder, und nach eigenen Angaben versuchte Hakamada, das Feuer zu löschen. Nach dem Brand fand man die Familie des Vorgesetzten – Mann, Frau und zwei Kinder – erstochen in der Ruine. Und es fehlte eine grosse Menge Geld. Umgehend wurde Hakamada festgenommen. Und es begann eine Tortur. Angeblich wurde er 264 Stunden lang verhört, oftmals 16 Stunden am Tag, 23 Tage lang. Das reichte anscheinend aus, ihn zu brechen: Er gestand die Tat. Aber er widerrief sein Geständnis vor Gericht. Doch die Polizei präsentierte ein Pyjama des Verdächtigen, mit Blutflecken der Opfer. Drei Richter verurteilten in 1968 zu Tode.

Da sass Hakamada also in der Todeszelle. In Japan bedeutet dies verschärfte Einzelhaft, nur sehr wenige Besuche und absolute Ungewissheit: Weder der Todeskandidat noch seine Familie oder Anwälte erfahren, wann die Hinrichtung stattfindet. Dies kann ein paar Monate oder ein paar Jahrzehnte nach der Urteilsverkündigung geschehen. Nur wenige Stunden vor der Hinrichtung wird der Todeskandidat eingeweiht.

Es gab etliche Versuche, den Fall wieder aufzurollen. Einer der drei Richter, Kumamoto, trat 2007 an die Öffentlichkeit und erklärte, dass an dem Fall wahrscheinlich etwas faul war. Und doch dauerte es bis 2014, bis endlich erneut verhandelt wurde. Dieses Mal mit einer DNA-Analyse, die nahezu zweifelsfrei feststellte, dass Hakamada mit dem einzigen Beweisstück nichts zu tun hat – sehr wahrscheinlich wurde dieses von der Polizei gefälscht.

Allein 2013 wurden in Japan acht Gefangene exekutiert. Hakamada hat die lange Einzelhaft mürbe gemacht. In den letzten Jahren wurden fast alle Besuche nicht genehmigt – das betraf vor allem seine ältere Schwester, die in all den Jahrzehnten immer zu ihm stand. Nun ist er also “draußen”, in einem Zeitalter, in dem er sich nur schwer zurechtfinden dürfte. Gebrochen, mit Diabetes und psychischen Schäden. Ob er jemals wieder froh wird? Man darf es bezweifeln. Dieser Fall zeigt deutlich, warum die Todesstrafe – ob in Japan oder anderswo – abgeschafft gehört. Und dass die japanische Art und Weise, Todeskandidaten zu behandeln, einfach unmenschlich ist. Sicher, der Großteil der Japaner unterstützt die Todesstrafe. Ist es deshalb richtig, als Außenstehender die Abschaffung zu verlangen? Unbedingt. Der Großteil der deutschen Bevölkerung stand auch hinter den Nazis. Das bedeutet jedoch nicht, dass das, was die Nazis gemacht haben, richtig war. Eine etwas brutale Analogie, vielleicht, aber bloss weil die öffentliche Meinung nach dem Galgen verlangt, muss das noch lange nicht heissen, dass dies legitim ist.

Dieser Fall kennt eigentlich nur Verlierer: Hakamada, seine Familie, das japanische Justizsystem, die Polizei – keiner hat etwas gewonnen. Aber es kennt einen Helden: Kumamoto, dessen späte Reue dafür gesorgt hat, dass der Fall wieder in die Öffentlichkeit rückte. Er hätte genauso gut schweigen können, aber er trat an die Öffentlichkeit, weil ihn sein Gewissen plagte. Und natürlich Hakamada’s Schwester, die all die Jahrzehnte zu ihm gehalten hat.

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Wissenschaftskrimi live

März 26th, 2014 | Tagged | 6 Kommentare | 5233 mal gelesen

Obokata bei der Arbeit. Photo von 伊藤壽一郎, veröffentlicht hier: http://bizmakoto.jp/makoto/articles/1401/30/news037.html

Obokata bei der Arbeit. Photo von 伊藤壽一郎, veröffentlicht hier

In Japan kann man zur Zeit einen echten Wissenschaftskrimi live verfolgen, denn die Medien haben Geschmack daran gefunden und so geistert die Geschichte durch alle Zeitungen und Kanäle. Es geht um sogenannte STAP-Zellen – und es ist gut, dass es diese Abkürzung gibt, denn den vollen Namen merkt man sich so leicht nicht: Stimulus-triggered acquisition of pluripotency cell. Als Laie würde ich mal fast behaupten, STAP-Zellen sind in der Biochemie das, was in der Physik lange Zeit das Higgs-Teilchen war: Man vermutet, dass es so etwas gibt, aber gefunden hat man es noch nicht. Gut, das Higgs-Teilchen wurde nun endlich gefunden, und die Stammzellforscherin Haruko Obokata vom renommierten RIKEN-Forschungszentrum gab an, STAP-Zellen hergestellt zu haben. Ach so: STAP-Zellen sind Stammzellen, die man aus ganz normalen, bereits spezialisierten Zellen gewinnt, indem man sie auf die eine oder andere Weise (Druck, Chemikalien usw.) Stress aussetzt. Würde dies tatsächlich gelingen, wäre dies auf jeden Fall eine Sensation, denn momentan ist es noch sehr schwierig und kostspielig, echte Stammzellen zu gewinnen. Könnte man körpereigene Stammzellen dadurch gewinnen, dass man sein eigenes Haar sagen wir mal bei 48 Grad in 0.5%iger Salpetersäure unter UV-Licht eine Minute liegen läßt, würde dies die Medizin revolutionieren.

Obokata’s Forschungsergebnisse brachten es bis in das wohl bekannteste Wissenschaftsmagazin Nature, doch dann kam Teruhiko Wakayama, einer der Mitautoren, und zog die Bremse: Die Artikel sollten zurückgezogen werden, da es zu viele Ungereimtheiten gäbe. Es begann ein Streit vor der entzückten Presse. Hier die 30-jährige, gut aussehende Stammzellforscherin, da der schon etwas ältere Wissenschaftler im Schlabberlook. Wer hat recht? Es scheint wohl wirklich sehr viele Ungereimtheiten zu geben. Zumal es niemandem auch nur annähernd gelungen ist, das Experiment, das zur Entstehung von STAP-Zellen geführt haben soll, zu wiederholen. Heute wurde auch noch veröffentlich, dass die Zellproben, die im Forschungsbericht analysiert wurden, von Mäusen stammten, die gar nicht am Experiment beteiligt waren.

Sehr merkwürdig, das Ganze. Was mich jedoch verblüffte, war die Darstellung der Forscherin in den Medien: Da stand sie, mit wallender Mähne und ohne Handschuhe im Biochemielabor. Ich hatte ein Mal das Vergnügen, ein Labor von innen zu sehen, in dem DNA und andere Sachen erforscht wurden. Da war nichts mit nackten Händen und wallenden Haaren – zu gefährlich. Die in solchen Laboren zum Einfärben von DNA verwendete Chemikalie Ethidiumbromid zum Beispiel durchdringt in wenigen Sekunden sogar ganz normale Latexhandschuhe – von nackter Haut mal ganz zu schweigen.

Natürlich würde ich der Forscherin den Erfolg gönnen. Aber das ganze mutet schon sehr merkwürdig an…

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Der ganz normale nationalistische Wahnsinn

Februar 7th, 2013 | Tagged , | 10 Kommentare | 830 mal gelesen

Nationales Gedankengut auf Japanisch

Nationales Gedankengut auf Japanisch

Gestern kam nun ans Licht, dass Marineschiffe der Volksrepublik China am 30. Januar ein Schiff der japanischen Selbstverteidigungskräfte ins Visier genommen hatten – und zwar in der Nähe der umstrittenen Senkaku-Inseln. Ins Visier nehmen bedeutet heutzutage, jemanden mit dem Zielradar zu erfassen, und ab dort ist es bekanntlich nur noch ein Knopfdruck, bis es Bumm® macht. Nun hat es zwar nicht Bumm gemacht, aber undenkbar ist das natürlich nicht. Es muss dazu nicht mal einen Befehl geben – ein nationalistisch gesinnter Hitzkopf, und davon gibt es in diesem Winkel der Erde mehr als reichlich – am Abzug, und schon ist es geschehen.

Was würde dann passieren? Militärschläge? Wohl erstmal nicht. Was jedoch leicht geschehen könnte, ist ein Ausbruch willkürlicher Gewalt in Japan gegenüber Chinesen und Koreanern – egal, ob sie nur zu Besuch hier sind oder seit Generationen hier leben. Wie China darauf reagiert, falls jemand zu Tode kommt, möchte ich mir lieber nicht vorstellen. Mit reiner Logik wird man nicht weitkommen, und den UN-Sicherheitsrat anrufen würde wahrscheinlich ziemlich sinnlos sein – mit China als ständigem Mitglied (wobei – was passiert eigentlich, wenn eines der ständigen Mitglieder in einen Konflikt gerät!? Verliert dieses Mitglied dann automatisch sein Vetorecht?)

Schaue ich mir die Kommentare zu dem eingangs genannten Vorfall auf Yahoo! Japan an, wird mir ganz anders: Ein Kommentator schwadroniert, dass Japan umgehend Stützpunkte auf den Okinawa-Inseln auf- und ausbauen müsse, um China (er benutzt dabei konsequenterweise ein heute oft als abwertend verstandenes Wort: 支那 (shina) – der Gebrauch dieses Wortes ist so üblich am rechten Tellerrand), einer “Nation von Verbrechern”, paroli zu bieten. Seiner Meinung nach ist es dabei auch nicht nötig, die Einwohner von Okinawa nach ihrer Meinung zu fragen (seit vielen Jahren hagelt es ja dort Proteste dort gegen Militärstützpunkte), da die Bewohner von Okinawa sowieso 国賊非国民  (kokuzoku hikokumin – Landesverräter & Unbürger) seien.

Woraufhin jemand von der Rikkyō-Universität (eine angesehene Uni in Japan) antwortet, den Kommentator als verrückten Hund bezeichnet und jener sich schämen sollte. Woraufhin wiederum andere Kommentatoren über den Rikkyō-Kommentator herfallen und ihn ob dessen angeblicher anti-japanischen Haltung geißeln. Ein Kommentator fragt sogar, ob der Rikkyō-Kommentator überhaupt ein 純日本人 – jun-nipponjin (reinrassiger Japaner) sei, und dass er doch gleich mal Nachforschungen diesbezüglich anstellen will (der Name scheint schließlich ein Klarname zu sein).

Nun gut, die meisten dürften selbst die Erfahrung gemacht haben, daß Nachrichten mit Kommentarfunktion allerhand, sagen wir mal “interessante”, Leute anlocken. Das ist bei der Online-Ausgabe der Tagesschau oder bei SPON nicht anders. Aber es ist weniger der oben Kommentar über Okinawa, der mich bedrückt – sondern die vielen “likes”, die der gute Herr da bekommen hat. Es sind nicht nur die Brandredner und Steinewerfer, die Sorgen bereiten – sondern die Leute, die drum herum stehen und klatschen. Bzw. heutzutage “liken”.

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