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Der Massenmord von Zama

November 14th, 2017 | Tagged | Kein Kommentar bisher | 349 mal gelesen

​In den meisten japanischen Nachrichten wird tagtäglich von irgendwelchen Verbrechen berichtet, gerade so, als ob Japan ein absolut gefährliches Land sei. Doch der Fall, der momentan durch die Presse und die Köpfe der Menschen geistert, wird vielen noch lange in Erinnerung bleiben. Es geht um den Fall von Shiraishi, einem 27-jährigen, wohnhaft in einem Apartment in der Stadt Zama, Präfektur Kanagawa.

Aufmerksam wurde die Polizei auf Shiraishi am 31. Oktober, Halloween also, als sie Häuser durchsuchte, da es einige Vermißtenfälle gab und die Handyortung der Opfer jeweils in der gleichen Gegend schwächer wurden. In der Wohnung des mutmaßlichen Täters fanden die Beamten über 200 Körperteile von insgesamt 9 Menschen – verteilt auf Kühltruhen, Kübel und so weiter, nur hier und da mühsam mit Katzenstreu bedeckt. Es dauerte ein paar Tage, um die Opfer zu identifizieren: Es handelt sich um 8 junge Frauen zwischen 15 und 26 Jahren (darunter drei Oberschülerinnen) und einen jungen Mann, der, so fand man später heraus, auf der Suche nach seiner vermissten Freundin war.

Bei der ersten Vernehmung gab der junge Mann an, sich über Twitter und andere Netzwerke an Menschen gewandt zu haben, die Selbstmordabsichten geäussert hatten. Er bot ihnen an, mit ihnen zu reden, und ihnen unter Umständen zu helfen. Dabei gab er vor, ebenfalls mit Selbstmordgedanken zu spielen. Später widerrief er seine Aussage und gab zu, dass seine Opfer meistens nur reden wollten, und das er eigentlich nur auf das Geld der Opfer aus war.

Kaltblütige Mordserien wie diese gibt es überall irgendwann mal. Das wirklich Erschreckende an dem Fall ist, dass der Täter erst am 22. August diesen Jahres in die Wohnung eingezogen war. Und diese Wohnung befindet sich in einem dicht bebauten Wohngebiet. In jenem Wohngebiet also konnte der Mörder quasi innerhalb von rund zwei Monaten 9 Menschen ermorden – erst eine komplizierte Handyortung konnte die Polizei auf die richtige Fährte bringen.

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Die Schlagwörter des Jahres

November 10th, 2017 | Tagged , | Kein Kommentar bisher | 408 mal gelesen

Das Jahr hat noch ein paar Wochen übrig, doch Bildungsgigant U-can ist wie jedes Jahr wieder dabei, das beliebteste bzw. prägendste neue oder in Mode gekommene Wort des Jahres zu ermitteln – auf dieser Seite. Etliche Worte sind in der Tat neu, andere gibt es schon seit langem, aber sie tauchten nun in diesem Jahr verstärkt als Schlagwörter in den Nachrichten auf. In die engere Auswahl kamen erstmal 30 Begriffe, die einen schönen Eindruck davon liefern, was die Menschen in Japan in diesem Jahr soweit beschäftigte. Aus dieser Auswahl wird nun erstmal die Top 10 ermittelt. An dieser Stelle deshalb erstmal eine Liste der 30 bewegendsten Schlagwörter des Jahres 2017 – für alle, die Japanisch lernen oder lernen wollen. Interessanterweise ist dieses Jahr auch ein rein deutsches Wort dabei — allerdings unter einer nur Eingeweihten bekannten Bedeutung.

# Japanischer Begriff Aussprache Direkte Übersetzung Hintergrund / Bedeutung
1 アウフヘーベン aufuheeben (aufheben) Aufheben (im Hegelschen Sinne) Von Governeurin Koike benutzt – im Sinne von “eine Diskussion überwinden”
2 インスタ映え insutabae Instagram-Abbild Dinge zurechtrücken/manipulieren, damit sie auf Instagram einen guten Eindruck machen
3 うつヌケ utsunuke Depression überwinden Nach einem beliebten Mangatitel
4 うんこ漢字ドリル unko kanji doriru Fäkalien-Kanji-Drill Bei Kindern beliebtes Lernmaterial, bei dem ein Kothaufen den Lehrer mimt
5 炎上○○ enjō (marumaru) XYZ-Aufflackern Nach einem beliebten Comedy-Programm. Für Netizens bedeutet “Enjō” auch “Shitstorm” oder Netzdiskussion
6 AIスピーカー ei-ai-supiika- Künstliche-Intelligenz-Lautsprecher Amazon’s Alexa & Co.
7 9・98(10秒の壁) kyū ten kyūhachi 9,98 (die 10-Sekunden-Barriere) Bezieht sich darauf, ob die japanischen 100m-Sprinter die 10-Sekunden-Marke knacken können
8 共謀罪 kyōbōzai Konspirationsstraftat Siehe hier
9 GINZA SIX (Kaufhausname) Name eines neuen Kaufhauses an der Ginza, in dem 241 Markenläden vertreten sind (eröffnet im April 2017)
10 空前絶後の kūzen zetsugo no “früher nicht und später auch nicht” extrem selten
11 けものフレンズ kemono furenzu Biesterfreunde Populäres Anime/RPG
12 35億 sanjūgo oku 3.5 Milliarden Beliebter Slogan der Komödiantin “Bluson Chiemi with B” (bezieht sich auf Anzahl der Männer auf der Erde)
13 Jアラート jei araato J-Alarm Frühwarnsystem der japanischen Regierung für Raketenabschüsse in Nordkorea
14 人生100年時代 jinsei hyakunen jidai Zeitalter der 100-jährigen Diskussion über gesellschaftliche Veränderungen im Angesicht der gesteigerten Lebenserwartung
15 睡眠負債 suimin fusai Schlafschulden / Schlafdefizit Diskussion über mangelnden Schlaf in Japan und die gesundheitlichen Spätfolgen
16 線上降水帯 senjō kōsuitai Regenband Meteorologisches Phänomen, das in Japan 2017 zu einigen, lokal stark begrenzten Sturzfluten mit zahlreichen Toten sorgte
17 忖度 sontaku Vorauseilender Gehorsam / Wunsch von den Lippen ablesen Im Zusammenhang mit Korruptionsaffären benutzter Begriff – siehe auch hier: http://www.tabibito.de/japan/blog/2017/04/03/metis-patriotenporno/
18 ちーがーうーだーろー! chi-ga-u-da-ro-u Das ist doch völlig falsch! Verzweifelter Ausruf der Ex-Abgeordneten Toyoda, als sie ihren Sekretär nach Strich und Faden massregelte
19 刀剣乱舞 Tōken Ranbu “Schwerttanz” Beliebtes PC- und Mobilspiel von DMM Games
20 働き方改革 Hatarakikata Kaikaku Reform der Arbeitsweise Öffentliche Diskussion über die Art und Weise, wie in japanischen Firmen gearbeitet wird (Stichwort Überstunden)
21 ハンドスピナー handosupina- Handspinner Die auch in Japan beliebten Spielzeuge
22 ひふみん hifumin Zahnloser, älterer und sehr drolliger Shōgi-Experte
23 フェイクニュース feiku nyuusu Fake News
24 藤井フィーバー Fujii fiibaa Fujii-Fieber Fujii ist ein Mittelschüler, der in atemberaubender Geschwindigkeit zum Shōgi-Meister aufstieg
25 プレミアムフライデー puremiamu furaidee Premium Friday Initiative zum Abbau von Überstunden/Ankurbelung des Konsums – siehe hier: http://www.tabibito.de/japan/blog/2017/01/16/premium-freitag/
26 ポスト真実 posuto shinjitsu Postfaktisch
27 魔の2回生 ma no nikaisei “Teuflische Wiedergewählte” Eine Reihe von wiedergewählten Politikern, die sich in Sicherheit wähnten und sich grobe Fehltritte erlaubten
28 ○○ファースト (marumaru) faast XYZ-First Nach “America First”, “tomin fiirst” (siehe auch hier)
29 ユーチューバー yūchūbaa You-Tuber
30 ワンオペ育児 wanope ikuji “one operator”-Kindeserziehung Familien, bei denen aus diversen Gründen sich nur ein(e) Einzige(r) um die Kinder kümmern kann
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Multikulti in japanischen Convenience Stores

Oktober 26th, 2017 | Tagged , | 2 Kommentare | 837 mal gelesen

Wie jüngst bei einer Umfrage unter den drei größten Convenience Store-Ketten (convenience stores, kurz „konbini“, sind kleine Läden, die rund um die Uhr geöffnet haben und nahezu alles verkaufen – in erster Linie Essen und Getränke) ans Licht kam, arbeiten allein bei diesen drei Ketten rund 44’000 Ausländer – das sind rund 6% aller Konbini-Angestellten. Kunden im Großraum Tokyo dürfte diese Nummer nicht ins Staunen bringen, denn die Zahl der Ausländer hinter der Ladentheke hat in der Tat stark und spürbar zugenommen. Das ist insofern beachtlich, dass das eigentlich gar nicht so geplant war: Intern- und andere Visa, die zum Arbeiten berechtigen, schließen eigentlich den Niedriglohnsektor aus. Da bleiben eigentlich nur Studenten und Ehepartner übrig. Doch die Angestellten sind oft Eingesessene – und sicherlich nicht in jedem Fall verheiratet. Den Convenience-Store-Ketten kommt das gerade recht, und aus der Wirtschaft kommen nun auch Rufe Richtung Regierung, auch Positionen wie die eines Konbini-Manager in die Visaregelung einzuschliessen – soll heissen, wer eine Stelle als Manager angeboten bekommt, soll deshalb auch ein Visum bekommen dürfen.

Convenience Store in Japan

Convenience Store in Japan

Das ganze ist aus Sicht von 7-Eleven und Co. sinnvoll, wenn nicht sogar überlebensnotwendig, denn den Läden gehen schlicht die Arbeitskräfte aus. Die Arbeit in den Geschäften ist, vor allem für die Manager, definitiv kein Zuckerschlecken – man ist pausenlos auf Trab und muss sich mit vielen hundert verschiedenen Dingen gleichzeitig beschäftigen. Zudem ist das Gehalt nicht gerade üppig, weshalb die Stellen natürlich wenig attraktiv sind – erst recht in einer Zeit wie eben jetzt, in der es zumindest im Raum Tokyo wesentlich mehr Teilzeitstellen als Arbeitskräfte gibt.

Wird Japan damit internationaler? Bedingt, ja. Hervorragende Englischkenntnisse sollte man deshalb trotzdem nicht erwarten: Die meisten ausländischen Angestellten kommen aus dem südost- und südasiatischen Raum und sprechen deshalb nicht zwangsläufig gutes Englisch.

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Wenn das Volk den Ministerpräsidenten jagt

Oktober 10th, 2017 | Tagged , , , | 1 Kommentar | 463 mal gelesen

Plakat des geplanten Auftritts in Shinyurigaoka

Plakat des geplanten Auftritts in Shinyurigaoka

Das Land steckt mitten im Wahlkampf, und bei diesem Wahlkampf wird natürlich auch seine Majestät MP Abe aktiv und geht auf Tournee. Das erweist sich jedoch als gar nicht so einfach, wie sich spätestens am 5. Oktober erwies. An jenem Tag wollte er eigentlich eine Rede vor dem Bahnhof von 新百合ケ丘 Shin’yurigaoka, einer relativ wohlhabenden Gegend im Westen von Kawasaki, halten. Sin’yurigaoka und Umgebung kenne ich sehr gut — es liegt schließlich keine zwei Kilometer von mir entfernt. Doch dann geschah etwas unerwartetes: Der Auftritt wurde urplötzlich verlegt. Und zwar fünf Bahnhöfe weiter, nach 向ヶ丘遊園 Mukōgaoka-Yuen (das ich auch wie meine Westentasche kenne). Was war geschehen?

Schon vor ein paar Wochen gab es bei einem Auftritt von Abe in Akihabara/Tokyo unschöne Szenen: Anhänger der Anti-Abe-Bewegung riefen immer wieder Sachen wie „帰れ kaere“ – „Geh nach Hause“ oder „やめろ!“ yamero – „Hör auf“ dazwischen. Irgendwann wurde es Abe zu bunt: Er sagte zu seinen Anhängern, auf die Störenfriede zeigend:

こんな人たちに負けるわけにはいかない – konna hitotachi ni makeru wake ni wa ikanai (Es kann nicht angehen, dass wir gegen die da den Kürzeren ziehen)

Besonders das „konna hitotachi“, in etwa „die da“, erregte Anstoß, beschrieb es doch ganz gut, was Abe über all jene, Politiker oder nicht, denkt, die nicht mit ihm übereinstimmen. Diese auch in den Parlamenten beliebten Zwischenrufe werden ヤジ yaji genannt, und Abe ist seit langem für seine patzigen Antworten bekannt. Er hat quasi eine Zwischenrufallergie, und die äußert sich nicht selten in einer dreisten Arroganz.

Natürlich wussten Abes Gegner von seinem geplanten Auftritt in Shin’yurigaoka (zu deutsch übrigens „Neu-Lilienberg“) und bliesen zur Attacke – vor allem auf Twitter. Das ging soweit, dass seine Berater ihm abrieten dort aufzutreten, und stattdessen nach Mukōgaoka-Yūen auswichen, was für einige Verwirrung in Neu-Lilienberg sorgte. Und für Freude im Anti-Abe-Lager natürlich, hatte man doch so seinen Auftritt verhindert.

Heute wurde Abes weiteres Programm bekanntgegeben – geplant sind öffentliche Auftritte im Nordosten des Landes, doch bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass einige Auftritte gestrichen wurden. Begründet wurde dies mit der Nordkorea-Krise¹, doch das kann man getrost als Ausrede bewerten, denn in Nordkorea ändert sich momentan nichts. Nichts jedenfalls, was es wert wäre, den Wahlkampf zu unterbrechen.

Auf Twitter gab es für die Shin’yurigaoka-Situation natürlich viel Häme, zum Beispiel hier:

Aber auch sonst kursieren auf Twitter sehr viele relevante Hashtags – zum Beispiel:

#安倍アラート („Abe-Alarm“
#安倍総理を追え („Jagt Ministerpräsident Abe“)
#国難 („Landesübel“ – ein Wort, das Abe gern benutzt. Seine Gegner bezeichnen ihn deshalb gern als eigentliches Landesübel)
#阿部やめろ („Abe hör auf“).

¹ Siehe unter anderem hier

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Sayonara 2channel. Oissu, 5channel!

Oktober 2nd, 2017 | Tagged , | Kein Kommentar bisher | 495 mal gelesen

Da staunten Millionen Japaner gestern und heute nicht schlecht, als sie ihr allseits beliebtes 2channel im Browser aufriefen – und plötzlich zu 5channel umgeleitet wurden! Erklärt wird das ganze mit einer wie üblich putzigen Animation, bei der die 2 durch ein possierliches Tierchen weggekickt wird und eine 5 auftaucht. 2ちゃんねる 2channel hatte ich früher schon einmal vorgestellt, aber dieses japanische Internetphänomen ist trotzdem eine weitere Meldung wert.

Aus 2 mach 5: 2channel benennt sich um

Aus 2 mach 5: 2channel benennt sich um (auf das Bild klicken um Animation zu sehen)

Gegründet wurde 2channel im Jahr 1999 – als sehr, sehr einfaches BBS (bulletin board system) mit null Layout, gewährleisteter Anonymität und Schmuddelimage, welches unter anderem auch durch das Geschäftsmodell unterstrichen wurde: Das Portal finanzierte sich dadurch, nicht jugendfreie Banner einzublenden, wenn man einen Link nach aussen klickte – erst danach wurde und wird man weitergeleitet. Bis 1998 existierten andere, beliebte Boards, zum Beispiel tennou.com, aber die verschwanden nach und nach. 2channel profilierte sich schnell als „Speaker’s corner“ im Internet. Im Jahr 2002 zählte man bis zu 3 Millionen Nutzer pro Tag – im weltweiten Internetseitenranking lag 2ch, wie die Seite gern abgekürzt wird, auf Rang 4. Die Spielregeln waren und sind relativ einfach:

• Jedes Thema (thread) kann maximal 1’000 Beiträge haben oder bis zu 500kb groß sein. Danach fällt das Beil – egal wo die Diskussion steckt.
• Man muss keinen Namen eingeben, und auch keine Email-Adresse: Deshalb gibt es extrem viele Beiträge von „名無しさん nanashi-san“ — „Herr/Frau Namenlos“
• Es gibt bzw. gab rund 1’000 freiwillige Wächter – die allerdings fast alles durchgehen ließen und lassen.

2ch bzw. jetzt eben 5ch ist aus besagten Gründen ein beliebtes Ventil, um im Internet Luft abzulassen, und entsprechend rauh ist der Umgangston – zumal man in Japan in Sachen politischer Korrektheit weniger empfindlich ist. Hin und wieder tauchen auch brauchbare Informationen auf, aber letztendlich ist das meiste Klatsch, Tratsch und sinnloses Aufeinanderrumhacken.

Der Namenswechsel wurde von Loki Technology, Inc, einer kleinen amerikanischen Firma, beschlossen – diese übernahm gestern, am 1. Oktober 2017, 2channel. Was die Firma damit will, ist nicht ganz klar, aber so viel steht fest: 2ch ist auf einem absteigenden Ast. Junge Leute benutzen lieber Twitter, Facebook, Instagram und Co. Die Benutzer von 5ch werden immer älter — aber deshalb nicht unbedingt freundlicher. So gesehen wird es schon interessant zu sehen, was Loki damit machen will. Momentan braucht die Webseite geschlagene 60 Server, und die müssen natürlich irgendwie bezahlt werden.

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Tattoos bald nur noch vom Doktor?

September 28th, 2017 | Tagged , | 5 Kommentare | 717 mal gelesen

​Die Entscheidung des Richters in Osaka gestern, am 27. September, schlug bei einem kompletten Berufszweig ein wie eine Bombe: Der Richter verurteilte einen Tattoostecher, der um das Jahr 2014 herum sein eigenes Tattoostudio betrieb. Dem Urteil zufolge sind „Tattoos als medizinischer Eingriff zu werten, da die Haut des Menschen bewusst mit einer Nadel zerstochen wird und als Ergebnis Infektionen und weitere Komplikationen auftreten können, die so nur von Medizinern ordnungsgemäß vermieden beziehungsweise behandelt werden können. Da die japanische Verfassung das Recht auf körperliche Unversehrtheit festschreibt, verstießen die Handlungen des nicht medizinisch geschulten Tattookünstler gegen geltendes Recht“. So lautete in etwa die Urteilsbegründung. Das Strafmaß wurde auf eine Geldbuße von 150’000 Yen (rund 1’200 Euro) festgesetzt und fiel damit äußerst milde aus. Der Anwalt des Angeklagten kündigte umgehend an, in Revision zu gehen, und beklagte, dass sein Plädoyer quasi vollständig vom Richter ignoriert wurde – in selbigem legte er dar, dass Tattoos unter anderem durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt seien, und dass das Stechen eines Tattoos wohl kaum als medizinischer Eingriff bewertet werden kann.

Tattoos sind im heutigen Japan, zumindest meiner Beobachtung nach, beliebter als noch vor zwanzig Jahren zum Beispiel. Die Pauschalisierung, dass Tattooträger auf jeden Fall etwas mit den Yakuza zu tun haben müssen, verschwindet immer mehr aus den Köpfen der Menschen. Da allerdings Tattooträger immer noch sanktioniert werden (viele öffentliche Bäder und heiße Quellen zum Beispiel verbieten den Zutritt mit Tattoos), hält sich die Zahl der Tätowierten im Vergleich zu europäischen Ländern zum Beispiel stark in Grenzen. Das schöne an dieser Situation ist, dass man viel weniger abgrundtief schlechte Tattoos in Japan sieht als anderswo. Und die echten Yakuzatattoos sind sogar richtig etwas für’s Auge.

Man darf gespannt sein, ob die nächste Instanz das Urteil kassiert oder nicht. Persönlich halte ich von dem Urteil nichts – es ist einfach zur völlig übertrieben.

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Japanische Rente jetzt schon nach 10 Jahren Beitragszahlungen erhältlich

September 25th, 2017 | Tagged , | 1 Kommentar | 565 mal gelesen

Besser gut aufheben: Das japanische Rentenbeitragsbuch

Besser gut aufheben: Das japanische Rentenbeitragsbuch

Beinahe habe ich es vergessen, aber die Japan Times hat mich zum Glück daran erinnert: Am 1. August 2017 erschien auf der Webseite des 日本年金機構 Japan Pension Service (JPS) eine unscheinbare Mitteilung¹, die schon lange erwartet wurde. Die Nachricht besagt, dass der Mindestzeitraum für Rentenbeitragszahlungen von 25 auf 10 Jahre gekürzt wird. Soll heißen, man musste vorher mindestens 25 Jahre lang in die japanische Rentenkasse eingezahlt haben, um eine japanische Rente beziehen zu können. Wer weniger als 25 Jahre einzahlte (das betraf in erster Linie Ausländer, die vor Ablauf der Zeit zurückgingen), hatte einfach mal Pech. Die einzige Möglichkeit, die es gab, etwas von seinem Geld wiederzusehen, war der Antrag auf Rückzahlung: Somit konnte man maximal 36 Monatsbeiträge zurückerstattet bekommen, aber das musste bzw. immer noch muss innerhalb von 2 Jahren nach Wegzug geschehen.

Für Ausländer ist das eine gute Nachricht, denn 25 Jahre sind natürlich eine lange Zeit, und wer zum Beispiel „nur“ 15 Jahre in Japan lebte, hat quasi 13 Jahre lang immer nur in die Rentenkasse eingezahlt, ohne je etwas ausser den 3 Jahressätzen zurückbekommen zu können. Für einige Nationalitäten ist das allerdings nur bedingt so einfach zusammenfassbar, denn es gibt durchaus auch Rentenabkommen zwischen einigen Staaten – so auch zwischen Deutschland und Japan (eine Broschüre dazu gibt es online²).

Die japanische „Volksrente“ (国民年金 kokumin nenkin) gibt es übrigens seit 1961. Seit Bestehen dieser Rente sind die Renten um das 32-fache gestiegen – die Beiträge hingegen um das 110-fache. Die Richtung ist deutlich. Wer den vollen Betrag erhalten will, muss dabei mindestens 40 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt haben. Und der volle Betrag (面金満額 nenkin mangaku) sind in diesem Jahr 779,300 yen pro Jahr (bzw. 65,000 yen, knapp 500 Euro) pro Monat – 800 Yen weniger pro Jahr als 2016.

¹ Siehe hier
² Siehe Deutsche Rentenversicherung: Arbeiten in Deutschland und in Japan (PDF)

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Licht an im Straßenverkehr | Neue Seiten über Kagawa

September 14th, 2017 | Tagged , , | 4 Kommentare | 681 mal gelesen

Heute gab die japanische Polizei einen Aufruf an die Presse durch, dass Autofahrer doch bitte etwas eher ihr Licht anschalten mögen¹. Grund für den Aufruf war die Erkenntnis, dass ein Sechstel aller Verkehrstoten in der Stunde vor Sonnenuntergang verunglückten – besonders im Herbst. In Zahlen: 2015 kamen in ganz Japan 4’113¹ Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben, in Deutschland waren es im Vergleichszeitraum 3’459 Verkehrstote³. Das ist nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass Japan rund 50% mehr Einwohner hat als Deutschland. Aber es sind dennoch genau 4’113 Tote zu viel. Der Aufruf mit dem Licht ist durchaus berechtigt, und vielleicht löst es ja auch ein anderes Problem: In japanischen Städten sind auch reichlich viele Fahrer mitten in der Nacht gänzlich ohne Licht unterwegs, und die sind natürlich noch gefährlicher. Der Grund liegt in der fast überall reichlich vorhandenen Straßenbeleuchtung – viele Fahrer merken offensichtlich nicht, dass sie kein Licht anhaben, da es ohnehin ziemlich hell ist. Aus leidlicher, eigener Erfahrung weiss ich, dass es sich dabei fast immer um Frauen handelt, die ihre Männer vom Bahnhof abholen. So richtig schön mit Vorfahrt missachten, Bordstein überfahren und dergleichen.


Eine kurze Notiz noch in eigener Sache: Ich habe es jetzt endlich geschafft, einen Teil des Sommerurlaubs aufzuarbeiten. Das Ergebnis sind zwei nagelneue Seiten – eine über Naoshima und eine andere über die Stadt Kanonji. Aus gegebenem Anlass gibt es deshalb noch ein Foto der etwas anderen Art aus Kanonji – aufgenommen bei Ebbe am Seto-Binnenmeer.

Watt und Sonnenuntergang bei Kanonji, Shikoku

Watt und Sonnenuntergang bei Kanonji, Shikoku

¹ Siehe unter anderem hier (Japan Times, Englisch).
²Quelle: Siehe hier.
³Quelle: Siehe hier.

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Wovor man so alles Angst hat Teil 817: Zecken

September 11th, 2017 | Tagged , | 1 Kommentar | 544 mal gelesen

Man kann nicht sagen, dass es Japanern an Beschäftigung mangelt. Vor allem wenn es um Ängste geht. Prinzipiell hat man vor 1001 Dingen Angst, und man tut alles, um das Gefürchtete zu vermeiden. Ganz radikal. Zur Zeit gaukeln sich die Medien dabei gegenseitig bei einem Thema hoch: Zecken (auf Japanisch: マダニ Madani). Der Grund ist eine relativ neue, und zur Zeit noch auf Ostasien beschränkte Krankheit, die von den kleinen Blutsaugern übertragen wird: SFTS. Die Abkürzung steht für Severe fever with thrombocytopenia syndrome (starkes Fieber mit Thrombozytopenie – das heißt, die Blutplättchen werden stark dezimiert). Verursacht wird SFTS durch ein Virus der Bunyaviridae-Familie. Ursprünglich war diese Krankheit nur im ländlichen China zu Hause, aber es gab bereits auch mindestens einen Todesfall in Korea, und im Juli diesen Jahres auch den ersten in Japan: Eine von einer Katze gebissene Frau war infiziert. Die Krankheit hat es in der Tat in sich – die Sterblichkeitsrate liegt laut Wikipedia zwischen 12% und 30%.

Die Lösung ist radikal: Man soll nicht mehr in die Natur gehen. Basta. Natur ist gefährlich. So zumindest kommt es bei der Bevölkerung an, wenn man den Fernsehsendern Glauben schenken soll. Noch gefährlicher sind scheinbar nur Pressekonferenzen: Bei einer solchen zum Thema „Gefahr durch Zecken aufgrund von SFTS usw.“, veranstaltet in der vergangenen Woche von der Präfekturverwaltung der Präfektur Miyazaki brachten die Verantwortlichen zwei Zecken mit: Eine tote und eine lebende. Damit die Presse auch was zu filmen hat, wurde die lebende Zecke auf einem Tisch ausgesetzt, und tat das, was Zecken eben so tun: Sie krabbelte unter den Kameras einfach davon. Der Versuch, die Zecke mit der Pinzette (!) wieder einzufangen, misslang – sie ward nie wieder gesehen. Im Anschluss daran wurde im Raum Insektengift versprüht – und es gab eine offizielle Entschuldigung der Verantwortlichen. Auf die Idee, mit einem einfachen Blatt Papier die Zecke am Fortkrabbeln zu hindern kam scheinbar niemand. Oder man hatte schlicht und ergreifend zu viel Angst.

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Die neue Ex-Prinzessin

September 4th, 2017 | Tagged | 3 Kommentare | 745 mal gelesen

By Monadaisuki (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Am Sonntag, dem 3. September, fand eines der größten Medienereignisse dieses Jahres in Japan statt: Die öffentliche Bekanntgabe der Verlobung zwischen 眞子内親王 Mako Naishin’ō (Prinzession Mako) – und 小室圭 Kei Komuro. Beide sind 25 Jahre alt, und die Verlobung ist eine schon längst beschlossene Sache, aber aufgrund der schweren Regenfälle mit zahlreichen Todesopfern im Juli auf Kyushu wurde die Bekanntgabe bis gestern verschoben. Man hatte letztendlich jedoch etwas Pech, denn die Nachrichten über den neuen Kernwaffentest Nordkoreas wogen auch ziemlich schwer. Aber gerade in solchen Zeiten giert dem Volk nach erfreulichen Nachrichten.

Prinzessin Mako ist die Tochter von 秋篠宮文仁親王 Prinz Fumihito Akishino皇太子徳仁親王 Kronprinz Naruhito, der nächste in der Thronfolge ist. Die geplante Hochzeit von Prinzessin Mako ist nun deshalb etwas Besonderes (obwohl es das auch schon vorher gab), weil sie einen „Gewöhnlichen“ heiratet. Damit tritt sie automatisch aus der kaiserlichen Familie aus – sie verliert den Titel „Prinzessin“ – und wird wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben mehr oder weniger frei sein, denn das Leben am japanischen Hof ist streng vom 宮内庁 kunaichō, dem Kaiserlichen Hofamt, sowie der Klatschpresse reglementiert bzw. eingeschränkt. So viel setzt die Prinzessin jedoch auch nicht aufs Spiel, denn aufgrund der rigiden Erbfolgegesetze (die mangels männlicher Thronfolger durchaus kontrovers betrachtet werden) sind weibliche Thronfolger ohnehin gänzlich ausgeschlossen.

Die Pressekonferenz der Beiden gestern wurde in allen Nachrichtensendern genüsslich seziert. Prinzessin Mako verglich ihren Zukünftigen mit der Sonne, er seine Angebetete mit dem Mond. Das Ganze wirkte (und etwas anderes darf man natürlich nicht erwarten) bis auf das allerkleinste Detail abgesprochen und extrem angestrengt. Kennengelernt haben sich beide übrigens an der 国際基督教大学 ICU – der „International Christian University“ – einer Eliteuni in Tokyo.

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