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Tokyos Antwort auf den Berliner Flughafen BER

September 19th, 2016 | Tagged , | 5 Kommentare | 506 mal gelesen

Mit Grausen verfolge ich seit Jahren das jämmerliche Gezerre um den neuen Berliner Grossflughafen BER. Die geballte Inkompetenz und die grandios unterschätzten Baukosten eignen sich wunderbar zum, wie heisst es doch in letzter Zeit so schön, „Fremdschämen“. Aber zum Glück ist Berlin nicht ganz allein, schafft man doch so etwas auch in Hamburg… und wie es aussieht, auch in Tokyo. Zwar hat man dort vor ein paar Jahren in rekordverdächtig kurzer Zeit den Tokyo Sky Tree mitten ins Stadtzentrum gepflanzt, doch ein anderes Grossprojekt nimmt ähnlich groteske Züge an wie der BERühmte Möchtegernflughafen: Es handelt sich um den neuen Standort für den berühmten Tokyoter Fischmarkt 築地Tsukiji. Das jetzige Gelände ist seit 1935 in Betrieb, nicht ausbaufähig mangels Raum und ziemlich in die Jahre gekommen. So kam man auf die Idee, die Markthallen zu verlegen – und zwar nach 豊洲 Toyosu, einer Neulandinsel im Distrikt Koto und keine zwei Kilometer Luftlinie vom jetzigen Standpunkt entfernt.

Die Baustelle des neuen Marktes auf Toyosu (aufgenommen im November 2014)

Die Baustelle des neuen Marktes auf Toyosu (aufgenommen im November 2014)

Eigentlich sollte der gesamte Grossmarkt – in dem pro Jahr cirka eine Millionen Tonnen Waren umgeschlagen werden (zwei Drittel Fisch, ein Drittel Obst und Gemüse) im Februar 2017 in die neuen Hallen auf der Insel Toyosu umziehen. Von Anfang an gab es dagegen Protest, denn auf dem neuen Gelände befand sich früher ein gewaltiges Gaswerk von Tokyo Gas, und – zu recht – befürchtete man Grundwasser- und Bodenverschmutzung. Diese Befürchtungen wurden durch eine Untersuchung untermauert: Die Grenzwerte für Benzen, Blausäure, Blei und Arsen wurden zum Teil sehr deutlich überschritten. Schaut man sich allerdings die Geschichte des jetzigen Standortes Tsukiji an, wird einem ebenfalls Angst und Bange, denn hier stand nicht nur ein Giftgaslabor der kaiserlichen Marine – hier verbuddelte man auch mehrere Tonnen Thunfisch, die ein japanischer Trawler aus den Wasserstoffbombentestgebieten aus der Südsee heimbrachte. Besagtes Boot namens 第五福竜丸 Daigofukuryū-Maru geriet damals unbewusst in ein Testgebiet – 23 Besatzungsmitglieder wurden zum Teil stark verstrahlt.

Bei einer Begehung der fast fertigen, neuen Hallen in der vergangenen Woche stiess man auf eine unangenehme Überraschung: Im Untergeschoss der Hallen stand eine enorme Menge Wasser, und man konnte noch nicht einmal sagen, wo es herkommt – ob vom Regen oder vom Untergrund. Der pH-Wert war zudem enorm hoch, was allerdings vom Beton stammen könnte. Ausserdem stellte man fest, dass die gesamte Fläche scheinbar nicht, wie ursprünglich geplant, komplett versiegelt und asphaltiert war, sondern aus Kies bestand, auf den man eine dünne Schicht Beton gegossen hat. Gleichzeitig tauchten erste Ungereimtheiten bei den Verträgen auf. Obwohl die Stadtregierung ursprünglich das Projekt mehrfach ablehnte, wurde trotzdem irgendwann ein Vertrag aufgesetzt – mit Auflagen, die ganz offensichtlich nicht eingehalten wurden. Der damalige Governeur von Tokyo, Ishihara, gab bei einer ersten Befragung an, sich an nichts mehr zu erinnern.

Der Umzug im Februar nächsten Jahres wird damit wohl ins Wasser fallen, und möglicherweise werden sich die in Tsukiji ansässigen rund 1’000 Handelsfirmen jetzt gänzlich gegen den Umzug wehren. Die Hallen hätte man dann quasi ganz umsonst gebaut. Man darf gespannt sein, wie man das Problem bis zu den Olympischen Spielen im Jahr 2020 lösen wird, denn Toyosu befindet sich quasi direkt neben dem geplanten Olympischen Dorf und zahlreichen Wettkampstätten. Da muss ich die Stadtregierung ins Zeug legen, sonst hat man bald eine japanische Variante des BER mitten in Tokyo.

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Schachspiel im Fernen Osten: Man formiert sich

August 12th, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 601 mal gelesen

Japanische Selbstverteidigungskräfte. Quelle: Wikimedia Commons/ 治部少輔

Japanische Selbstverteidigungskräfte. Quelle: Wikimedia Commons/ 治部少輔

In den frühen Morgenstunden des 11. August kam es unweit der Senkaku-Inseln zu einem Zusammenstoss zwischen einem chinesischen Fischkutter und einem griechischen Frachter: Das Fischerboot sank, und der Frachter rief die japanische Küstenwache zur Hilfe: Die fischte soweit 6 von insgesamt 14 Besatzungsmitgliedern lebend aus dem Wasser, woraufhin die Regierung in Peking ein paar Stunden später ihre Dankbarkeit ausdrückte¹.

Harmonie im Fernen Osten? Mitnichten. Am 2. August erschien das alljährlich veröffentlichte japanische Weissbuch der Verteidigung 2016², und der ist dieses Jahr mit 484 Seiten 60 Seiten dicker als im vergangenen Jahr. Kein Wunder: Nordkorea schiesst noch immer mit Raketen um sich, und die Volksrepublik China macht keinerlei Anzeichen, ihren aggressiven Kurs gegenüber den Nachbarn zu ändern. Von April 2015 bis März 2016 schickte Japan insgesamt 570 mal Kampfflugzeuge in den Himmel, um Luftraumverletzungen durch chinesische Flugzeuge abzuwehren³. Und im Moment schwirrt eine riesige Flotte von 230 Fischerbooten und dutzenden chinesischen Patroullienbooten rund um die eingangs erwähnten, von Japan verwalteten Senkaku-Inseln.

Diese Nachrichten helfen der jetzigen Regierung unter Ministerpräsident Abe – denn die will Japan durch eine Änderung der Verfassung wehrhafter machen (ein fadenscheiniges Argument, denn natürlich kann sich Japan auch jetzt, ohne Verfassungsänderung, wehren). Doch man macht sich ernsthaft Sorgen und beginnt, für den Fall der Fälle vorzubereiten: Durch militärische Bündnisse mit Australien, Vietnam und den Philippinen zum Beispiel, oder mit dem Versuch, ein altes Kriegsbeil zwischen Südkorea und Japan (Trostfrauenproblem) zu begraben. Am wichtigsten bleibt jedoch das Bündnis mit der Schutzmacht USA – doch auch hier ist man besorgt; hat doch der republikanische Traumkandidat Trump bereits angedeutet, dass Japan entweder wesentlich mehr zahlen oder sich gefälligst langsam selbst schützen solle (“Of course they should pick up all the expense. Why are we paying for this?”) – eine Forderung, die der japanischen Bevölkerung nur schwer vermittelbar sein dürfte.

¹ Siehe unter anderem Japan Times (Englisch)
² Siehe unter anderem The Diplomat (Englisch)
³ Siehe unter anderem Al Jazeera (Englisch)

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Dankt der Kaiser ab? Das baldige Ende einer Zeitrechnung

Juli 15th, 2016 | Tagged | 1 Kommentar | 612 mal gelesen

Name: Akihito.
Jahrgang: 1933.
Alter: 82 Jahre
Beruf: Japanischer Kaiser.
Berufsantritt: 1989.

Stimmen die Überlieferungen, so ist der jetzige Tennō der 125. in einer direkten Linie japanischen Kaiser – den ersten Kaiser kröhnte man wohl im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung – obwohl es diesbezüglich auch Zweifel gibt. Bis 1945 war der Tennō nicht nur ein Kaiser, sondern gleichsam eine Gottheit und Hohepriester des Shintōismus. Seit 1945 ist der Tennō jedoch das, was der Bundespräsident für Deutschland ist. Der höchste Repräsentant des Landes. Und da der Kaiser ein Kaiser auf Lebenszeit ist, kann man gut nachvollziehen, dass derselbige sich mit 82 Jahren – nach Herzoperationen, Lungenentzündungen und dergleichen – etwas nach Ruhe sehnt. Dieses 生前退位 seizen taii, die „Abdankung zur Lebenszeit“, ist laut kaiserlichem Regelwerk nicht ausgeschlossen, aber eher selten: Das letzte Mal gab es so etwas vor gut 200 Jahren während der Edo-Zeit.

Der Kaiser nebst Thronfolger bei seiner Geburtstagsrede (2007)

Der Kaiser nebst Thronfolger bei seiner Geburtstagsrede (2007)

Was würde ein Wechsel des Kaisers bedeuten? Nun, das Problem ist das sogenannte 年号 nengō- System. Jedem Kaiser in China, Vietnam und Japan wurde seit Jahrtausenden jeweils ein Motto angetragen. Der jetzige Kaiser hat das Motto „平成“ heisei (etwa: Frieden überall). Und dieses Motto ist Basis der Zeitrechnung. Der jetzige Kaiser ist seit 1989 auf dem Thron, und deshalb ist 2016 das Jahr Heisei 28. Und: Öffentliche Behörden sind verpflichtet, das kaiserliche Datum zu benutzen. Und so findet man auf nahezu allen japanischen Formularen, aber auch in bedeutendem Masse im Internet, die kaiserliche Zeitrechnung. So muss man beim Geburtsdatum dann erstmal ankreuzen, ob man in der Taishō- (ab 1912), Shōwa-(ab 1925) oder Heisei (ab 1989)-periode geboren wurde, dazu kommt das Jahr der Regentschaft und dann der Rest. Die VR China und Vietnam haben dies mangels Kaisers vor langer Zeit abgeschafft, nur in Taiwan zählt man noch ähnlich, aber man bezieht sich dort auf das Gründungsjahr der Republik China.

Selbst im Online-Banking zu finden: Das Kaiserjahr 28 statt 2016

Selbst im Online-Banking zu finden: Das Kaiserjahr 28 statt 2016

Dieses von außen sicher als Anachronismus anmutendes System ist zwar lästig, aber eine kulturelle Besonderheit, von der Japan so schnell nicht ablassen wird. Natürlich wird es viele Millionen Euro und Stunden kosten, auf „einen neuen Kaiser umzustellen“. Aber wenn man bedenkt, dass die Kaiser normalerweise, salopp gesagt, recht lange halten, wird sich das nicht ändern. Obwohl, der Thronfolger, Naruhito, ist auch schon 56 Jahre alt und geht damit quasi selbst auf das Rentenalter zu.

Gerüchten zufolge möchte der jetzige Kaiser übrigens nicht mit ansehen, wie während seiner Regentschaft der Pazifismusparagraph 9 der japanischen Verfassung abgeschafft wird. Seine im wesentlichen pazifistische Gesinnung hat der Kaiser ja schon des öfteren durchblicken lassen – in dem Sinne ist der jetzige Tenno eine sehr angenehme und zurückhaltend-bescheidene Persönlichkeit, die auf jeden Fall meinen Respekt verdient. So wenig ich auch sonst von Monarchien halte.

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Befürchtungen werden wahr: Pro-Verfassungsreform-Parteien gewinnen ⅔-Mehrheit im Oberhaus

Juli 10th, 2016 | Tagged , , | 5 Kommentare | 934 mal gelesen

Durften heute zum ersten Mal wählen: 18-20-Jährige

Durften heute zum ersten Mal wählen: 18-20-Jährige

Wie in diesem Beitrag erwähnt, ging es bei den heutigen Oberhauswahlen nicht darum, wer die Wahl gewinnt, denn das stand quasi mangels starker Opposition schon lange vorher fest, sondern darum, ob die Regierungsparteien bzw. deren nahestehenden Parteien nach dem Unterhaus nun auch im Oberhaus die ⅔-Mehrheit erreichen oder nicht. Denn – mit einer 2/3-Mehrheit in beiden Häusern kann die Regierungspartei die Verfassung ändern, wie sie will – und Pläne dazu gibt es bereits. Nur eine APO könnte dann noch die Regierungspläne stoppen.

Um eine ⅔-Mehrheit zu gewinnen, brauchte das Lager 67 Sitze bei dieser Wahl, denn 95 Sitze hatten sie schon (bei der Oberhauswahl wird nur die Hälfte der Mandate vom Volk gewählt). Und genau diese 67 Mandate hat man just in diesem Moment laut Auszählungsergebnis erreicht. Wenn die Regierungsparteien jetzt die Verfassung ändern wollen, finden sie wesentlich leichter die erforderliche 2/3-Mehrheit als vorher.

Sehen die Japaner die Gefahren nicht, die auf sie zukommen können, wenn die Liberalen nach Belieben die Verfassung ändern können? Viele sehen die Gefahr, doch die Liberalen waren nicht dumm und liessen das Thema Verfassungsänderung aussen vor. Stattdessen konzentrierte man sich auf das Thema Wirtschaft, und das interessiert den Großteil der Wähler mehr als die drohende Abschaffung des pazifistischen Charakters der Verfassung. Das veranschaulichte Eriko Imai von der in Japan sehr bekannten Popband SPEED wunderbar. Sie zog heute tatsächlich für die Liberalen ins Oberhaus, und bei einem kurzen Interview antwortete sie auf die Frage, was sie von der Verfassungsänderung halte, dass sie sich erst nach der Wahl dazu äussern möchte. Scheinbar hat sich diese Wolf-im-Schafspelz-Taktik heute ausgezahlt.

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Tragödie in Bangladesch – 7 japanische Freiwillige unter Anschlagsopfern

Juli 5th, 2016 | Tagged | Kein Kommentar bisher | 465 mal gelesen

Aktivitätsreport des Asia Arsenic Networks - diese Organisation kümmert sich um die Grundwasserreinigung in Bangladesch

Aktivitätsreport des Asia Arsenic Networks – diese Organisation kümmert sich um die Grundwasserreinigung in Bangladesch

Es ist immer schmerzhaft, anzusehen, wie Menschen von Fanatikern einfach so aus dem Leben gerissen werden. Ganz besonders tragisch ist es dann noch, wenn es sich um Kinder handelt – oder um Menschen, die eigentlich vor Ort waren, um zu helfen. Dies war leider auch beim Terroranschlag in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, am 1. Juli der Fall: 7 der 28 getöteten Geiseln stammten aus Japan, und sie waren als Freiwillige an einem von der japanischen Regierung finanzierten Hilfsprojekt vor Ort. Leider waren sie auch nicht die ersten – bereits im Oktober vergangenen Jahres wurde der Mitarbeiter einer japanischen NPO in Bangladesch brutal ermordet. Die Gefahr liegt dabei auf der Hand: Wenn sich solche Anschläge häufen, werden sich weniger freiwillige Mitarbeiter und weniger Spenden finden, und das kann man den Menschen auch nicht verübeln. In Japan gibt es mindestens sechs Organisationen¹, die sich ausschliesslich auf Hilfe in Bangladesch spezialisiert haben, und die ersten haben bereits angekündigt, ihre Arbeit vor Ort vorerst auf Eis zu legen.

Leider kann man nicht allzu viel gegen solche Angriffe tun: Wenn Terroristen zuschlagen wollen, dann finden sie auch ihre Ziele. Einzig Bangladesch kann dafür sorgen, dass die Mitarbeiter geschützt sind, aber einen vollständigen Schutz wird es nie geben. Die NPO können nur eins tun — und das machen sie nun auch: Mitarbeitern anraten, häufig von Ausländern frequentierte Plätze zu meiden. Aber das ist leichter gesagt als getan.

¹ Siehe hier (Japanisch).

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Etwas Nihonium gefällig? Element 113 hat jetzt einen Namen

Juni 9th, 2016 | Tagged , | 3 Kommentare | 569 mal gelesen

Heute wurden die Namen von vier in den letzten Jahren entdeckten (sprich synthetisch hergestellte) Elementen bekanntgegeben¹: So wird in Zukunft Element 115 Moscovium (Mc), 117 Tennessine (Ts), 118 Oganesson (Og) – und Element 113 Nihonium (Nh) heissen. Der Name Japonium stand wohl auch zur Diskussion, aber man entschied sich dann doch für den Landesnamen in der Landessprache. Ganz offiziell ist das jedoch noch nicht: Das endgültige OK erfolgt erst in ein paar Monaten durch das International Union of Pure and Applied Chemistry, das erstmal feststellen muss, ob wirklich alle Kriterien erfüllt wurden (Wiederholbarkeit des Experiments usw. – man hat das Element aber bereits drei Mal erfolgreich hergestellt. Immerhin ist Nihonium auch das erste Element überhaupt, dass in Asien entdeckt wurde. Viel Freude hat man an dem Element zwar nicht – man kann nur ein paar Atome herstellen, und die zerfallen in ein paar Tausendstelsekunden wieder, aber das ist nicht verwunderlich, da alles oberhalb der 105 (wenn ich mich recht entsinne) diese Merkmale aufweist.

Nach Darmstadt, Berkeley und Ytterby kommt nun also auch Japan zu der Ehre. Und die japanischen Forscher des Riken-Instituts begründeten ihre Nameswahl damit, dass sie damit dem japanischen Volk für seine Unterstützung danken wollen. Recht so – Riken wird ja auch von Steuergeldern finanziert. Unüblich ist das nicht: In den vergangenen Jahren wurden Elemente häufig nach dem Entdeckungs/Forschungsort benannt. Und ich kann mir gut vorstellen, dass Kim Jong-un beim lesen solcher Nachrichten auf die Idee kommt, dass das nordkoreanische Volk ebenso ein Element benennen sollte. An der Herstellung vom Kim-Il-Sungium wird vielleicht sogar schon gebastelt, wer weiss.

Im Japanischen benutzt man übrigens nur für 15 Elemente Schriftzeichen – das ist etwas schade und schwer zu lernen, denn Namen wie den für Brom liessen sich um ein vielfaches einfacher merken, und man weiss auch gleich, woran man bei dem Element ist:

Schriftzeichen Lesung Bedeutung Übersetzung
水素 suiso Wasser-Element Wasserstoff
tetsu Eisen Eisen
白金 hakkin weisses Gold/Metall Platin
Kupfer Kupfer
gin Silber Silber
kin Gold Gold
水銀 suigin Wasser-Silber Quecksilber
亜鉛 aen Sub-Blei Zink
炭素 tanso Kohle-Element Kohlenstoff
酸素 sanso Säure-Element Sauerstoff
硫黄 Schwefe-Gelb Schwefel
en Blei Blei
窒素 chisso Stick-Element Stickstoff
臭素 shūso Stink-Element Brom
塩素 enso Salz-Element Chlor

Wer unbedingt möchte, kann noch eine Handvoll weiterer Elemente mit Schriftzeichen schreiben – so zum Beispiel ケイ素 (珪素) keiso Silicium) oder ヒ素 (砒素) hiso Arsen, aber da die Schriftzeichen eher selten sind, bevorzugt man die Katakana+素 (Element)-Schreibweise. Das Gros der Elemente wird jedoch gänzlich mit Katakana geschrieben. Da haben es die Chinesen leichter oder schwerer – je nachdem, wie man es nimmt: Germanium wird auf Japanisch ゲルマニウム (Gerumaniumu) geschrieben, auf Chinesisch hingegen 锗 zhě (was rein gar nichts mit Deutschland zu tun hat – man hat einfach ein Zeichen mit dem Element Metall zum Schriftzeichen bestimmt).

Japanische Periodensysteme und vieles mehr kann man übrigens kostenlos bei der Webseite des MEXT (Ministerium für Bildung, Wissenschaft usw.) herunterladen – siehe zum Beispiel unten:

Periodentafel auf Japanisch. Quelle: MEXT (Ministerium für Bildung und Wissenschaft)

Periodentafel auf Japanisch. Quelle: MEXT (Ministerium für Bildung und Wissenschaft)

¹ Siehe unter anderem hier.

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Drastische Massnahmen: Striktes Alkoholverbot für alle amerikanischen Matrosen

Juni 6th, 2016 | Tagged | 5 Kommentare | 701 mal gelesen

Einfahrt zum Militärstützpunkt von Iwakuni

Einfahrt zum Militärstützpunkt von Iwakuni

Da werden sich die tausenden US-Navy-Angehörigen in den Stützpunkten in ganz Japan aber bedanken: Ihr Oberkommando hat heute nach Gesprächen mit der US-Botschafterin Kennedy und Vertretern der japanischen Selbstverteidigungskräfte beschlossen, ab sofort ein striktes und unbegrenztes Alkoholverbot einzuführen. Dieses gilt nicht nur ausserhalb, sondern ausdrücklich auch innerhalb der Stützpunkte. Bedanken können sich die Matrosen bei Aimee Mejia, die vor ein paar Tagen auf Okinawa betrunken auf der falschen (für Mitteleuropäer: richtigen) Seite der Strasse fuhr und dabei zwei Zivilisten verletzte.

Das allein würde wahrscheinlich nicht für ein striktes Alkoholverbot ausreichen, doch es könnte sehr wohl das Fass zum überlaufen bringen: Vor cirka 3 Wochen ermordete ein 32-jähriger amerikanischer Stützpunktangestellter (Zivilangestellter, wohlgemerkt) eine 20-jährige Frau auf Okinawa. Und dies nur ein paar Tage, nach dem seine Frau ihr erstes Kind geboren hatte. Der Amerikaner ist geständig und sitzt nun in Untersuchungshaft.

Vorfälle dieser Art kommen für beide Seiten sehr ungelegen, denn Abe und viele andere Politiker wollen die Stützpunkte im Land behalten, doch seit nunmehr 20 Jahren versucht man, zumindest den Futenma-Stützpunkt aus dicht besiedelten Gebiet in Okinawa an die Küste zu verlegen, doch dagegen gibt es seit Bekanntwerden der Pläne vehementen Widerstand. Und natürlich gibt es auch Stimmen, die fordern, amerikanische Stützpunkte ganz aus Japan zu verbannen – nach Guam zum Beispiel. Um diese Stimmen zu besänftigen, greift man deshalb zu dieser drastischen Massnahme. Sie beinhaltet nicht nur ein Alkoholverbot, sondern auch eine Ausgangssperre an sich: Selbst wer ausserhalb des Stützpunktes wohnt, darf jetzt nur noch zu wichtigen Besorgungen (Einkaufen, Tanken usw.) raus in die Öffentlichkeit.

Dann hoffen wir mal, dass es nicht zur Meuterei kommt — zehntausende Militärangehörige müssen jetzt nämlich die Suppe auslöffeln, die ihnen eins, zwei Verrückte eingebrockt haben. Und quasi wie im Gefängnis leben.

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​ G7-Gipfel in Japan und ein historischer Besuch | Olympische Spiele gekauft?

Mai 13th, 2016 | Tagged | Kommentare deaktiviert für ​ G7-Gipfel in Japan und ein historischer Besuch | Olympische Spiele gekauft? | 450 mal gelesen

Am 26-27 Mai ist es wieder soweit: Ein G7-Gipfel steht an, abgehalten in Japan, und wie immer hat man sich auch dieses Mal wieder angestrengt und eine besonders schöne Ecke des Landes ausgesucht. Getagt wird auf einer Halbinsel in der Gemeinde 伊勢志摩 Ise-Shima, Präfektur Mie – eine wunderschöne Gegend mit einer aufregenden Küste. Die Teilnahmer nebst Entourage fahren mit Sicherheit besonders gern zu den Gipfeln in Japan, denn hier gibt es quasi keine Proteste gegen die Veranstaltung.

Um dem ganzen noch das i-Tüpfelchen aufzusetzen, wurde heute bekannt, das Präsident Obama am 27. Mai auch noch einen Abstecher nach Hiroshima unternehmen möchte. Laut japanischen Medien war der Kommentar der Polizei von Hiroshima zu den Nachrichten lediglich ein マジかよ majikayo! („Das ist doch nicht Euer Ernst!“) – haben die Sicherheitskräfte doch gerade mal zwei Wochen Zeit, die Route zu planen und zu sichern. Die meisten anderen Japaner werden dem Besuch hingegen sicherlich wohlwollend entgegensehen, denn hier besucht zum ersten Mal ein US-Präsident die Stadt, die sein Land vor 71 Jahren mit einer einzigen Bombe in Schutt und Asche legte. Rechtfertigungen zum Abwurf gab es seitdem viele, aber keine Entschuldigungen. Ob die aus dem Munde des Präsidenten kommen wird, bleibt fragwürdig, aber Obama und seine Redenschreiber werden das ganze schon geschickt über die Bühne bringen. Allerdings wurde soeben bekannt, dass keine grosse Rede geplant sei.

Und wie gerne würde ich doch bei einem G7-Gipfel Mäuschen spielen. Geht es bei den Einzelgesprächen bitterernst zu? Oder sarkastisch gar?

Atombombendom von Hiroshima

Atombombendom von Hiroshima

Zudem kam heute ans Licht, dass die französischen Behörden zwei insgesamt 1,3 Millionen Euro schwere Überweisungen aus Japan an ein Konto in Singapur untersuchen – jenes Konto gehört einem zwielichtigen IOC-Funktionär, und da in Verbindung mit der Überweisung auch die Worte „Olympische Spiele“ verbunden waren, hegt man den Verdacht, dass die Olympischen Spiele in 2020 womöglich gekauft waren. Wen wundert’s? Nachrichten dieser Art ist man ja nunmehr gewohnt. Auch in Japan ist Korruption kein Fremdwort, auch in Japan wird gern mit gezinkten Karten gespielt — und doch: Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, so wird das doch ganz schön an der Volksseele kratzen.

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Versandhandel mit Drohnen gestartet

April 26th, 2016 | Tagged , , | 2 Kommentare | 565 mal gelesen

Soraraku - Drohnenbringdienst von Rakuten

Soraraku – Drohnenbringdienst von Rakuten

Rakuten, der japanische Versandhandelgigant, hat heute mit grossem Trara sein そら楽 Soraraku-Pilotprojekt vorgestellt¹: Es geht um die bereits von Amazon propagierte Idee, Online bestellte Waren mittels Drohnen zum Endverbraucher zu bringen. Das hat man nun auch zum ersten Mal in Japan getestet – indem man Golfzubehör mittels Drohne zu einem Golfplatz in der Präfektur Chiba transportierte. Die eigens für Rakuten entworfene Drohne kann bis zu 2 Kilogramm transportieren; der Versand soll wohl kostenlos werden.

Das Wort Soraraku² setzt sich zusammen aus „sora“ (Himmel) und „raku“ (bequem, bzw. auch der erste Teil im Firmennamen). Ganz offiziell soll der Versand mit Drohnen allerdings erst im Jahr 2020 beginnen. Und man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass man damit in Japan sehr schnell ernst macht. Dann wird es im japanischen Luftraum vor den hässlich-rosanen Rakuten-Drohnen nur so wimmeln.

In der Grossstadt werden die Fluggeräte nicht viel ausrichten können, aber in ländlichen Regionen könnte der Einsatz von Drohnen durchaus sinnvoll sein und sogar umweltschonend: Anstatt einen Kleintransporter loszuschicken, setzt man einfach kleine Drohnen ein. Aber schon bei der Bekanntgabe der Amazon-Drohne habe ich mich ernsthaft gefragt, wie man das mit der Sicherheit bewerkstelligen möchte — vom Hacken der Drohnen selbst mal ganz abgesehen könnte ich mir gut vorstellen, dass ドローン狩り dorōn-gari Drohnenjagd schnell zu einem beliebten Hobby wird. Einen Rotor zerschiessen, mit einer Aludecke bewerfen und zum Absturz bringen, EMP — es gibt bestimmt zahlreiche Möglichkeiten, um an die Beute zu kommen, und es dürfte schwer werden, den Übeltäter zu finden.

Drohnen-Regeln laut MLIT

Drohnen-Regeln laut MLIT (Quelle: MLIT)

Auch in Japan wird natürlich mehr und mehr über Drohnen diskutiert – so fand man zum Beispiel im vergangenen Jahr eine Drohne auf dem Dach der Residenz des Ministerpräsidenten, und in einem Land, in dem vor gar nicht allzu langer Zeit Giftgasanschläge auf U-Bahnen verübt wurden, macht man sich zu Recht sorgen. Aus diesem Grund wurden im März 2016 vom MLIT (Ministry of Land, Infrastructure, Transport and Tourism) neue Richtlinien darüber erlassen, wann man eine Erlaubnis zum Drohnenflug braucht und wann nicht³.

¹ Siehe Pressemitteilung.
² Siehe Webseite des Soraraku-Services
³ Siehe hier

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Vom Niedergang der japanischen Fernsehnachrichten

April 12th, 2016 | Tagged , | 5 Kommentare | 883 mal gelesen

Hodo Station - mit Furutachi. Quelle: http://matome.naver.jp/odai/2142458479436089401

Hodo Station – mit Furutachi. Quelle: http://matome.naver.jp/odai/2142458479436089401

Morgens auf dem Weg zur Arbeit die Tagesschau, manchmal SPON. Während der Mittagspause BBC, manchmal auch andere, englischsprachige Nachrichtenquellen. Abends, nach der Arbeit, japanische Fernsehnachrichten. So sieht meine Nachrichtendiät seit vielen Jahren aus. Sicher nicht perfekt und viel Mainstream, aber wenigstens verschiedene Facetten.

Doch mittlerweile weiss ich nicht mehr, welche japanischen Nachrichten ich noch schauen kann. NHK, dem staatlichen Fermsehsender, traue ich schon lange nicht mehr. Dort wird zu viel einfach totgeschwiegen, und was dort an der Spitze los ist, ist einfach nur suspekt. Früher habe ich, vor allem weil die Sendezeit (23 Uhr) günstig war, News Japan, die Nachrichten auf Fuji TV, gesehen. Doch der Sender driftet immer deutlicher Richtung rechts ab, und in jüngster Zeit hat man sich gänzlich vom letzten Rest seriösen Journalismus‘ losgesagt: Jetzt unterlegt man alle Videobeiträge mit unterschwelligen Geräuschen und konzentriert sich nahezu vollständig auf Verbrechen: Je gruseliger und abstruser, um so besser. Vor allem die musikalische Untermalung bringt mich umgehend auf die Palme und wirft die Frage auf, für wie blöd die Macher den Zuschauer eigentlich halten, ihn mit solch billigen, manipulativen Tricks zu foltern. Nein, ich möchte keine Antwort auf diese Frage.

News Zero begann vor ein paar Jahren, und zu dieser bunt-flippigen, sogenannten Nachrichtensendung gibt es nicht viel zu sagen. Nur so viel: Die Reihenfolge der beiden Wörter im Namen der Sendung sollte vertauscht werden, das würde das Programm besser beschreiben.

Also verlegte ich mich auf 報道ステーション Hōdō Station auf TV Asahi: Eine recht kritische Nachrichtensendung, die zwar auch mitunter stark vom Bildungsauftrag eines Nachrichtensenders abschweifte, aber wenigstens hin und wieder kritisch hinterfragte. Die Sendung lebte von ihrem Sprecher, Ichirō Furutachi, der die Sendung 12 Jahre lang führte und, so wollen es die Gerüchte, sich letztendlich mit den Oberen überwarf, von denen wiederum aus der Politik gefordert wurde, sich mit der Kritik an der Regierung zurückzuhalten. Die war nämlich für japanische Verhältnisse recht scharf in der Sendung. Dass Furutachi die Dinge neutral betrachtete, konnte man ihm jedenfalls nicht nachsagen – es ging recht deutlich gegen Kernkraft, gegen Verfassungsänderungen, gegen die Wirtschaftspolitik… Dass zwischen Politik und dem Sender Asahi brodelte, deutete sich vor fast genau einem Jahr bereits bei diesem Vorfall an. Leider fiel der Sender jedoch auf einen Schwindel rein: So beschäftigte man ein Jahr lang den selbsternannten Business-Consultant mit dem klangvollen Namen Sean McArdle Kawakami als Kommentator, bis herauskam, dass sowohl der Name als auch der Lebenslauf purer Schwindel waren: Sean K. war ein, wenn auch eloquenter, Hochstapler wie aus dem Bilderbuch.

Heute schaute ich zum ersten Mal die neue Version von Hōdō Station mit den neuen Nachrichtenvorleser. Die Sendung begann mit ein paar Sekunden Nachrichten, dann gab es ein 10-minütiges Exklusivinterview mit dem japanischen Schwimmhelden Kitajima, der heute seinen Rücktritt bekanntgab, gefolgt von 2, 3 Minuten Inlandspolitik, gefolgt von einem Interview mit einem Ex-Baseballprofi, der heute in den japanischen Selbstverteidigungskräften arbeitet und über die Hilfe der Truppe nach der Erdbebenkatastrophe sprach. Was für eine Entwicklung! Bleibt nur noch die Sendung News 23 Cross auf TBS, wie es scheint, aber auch die ist eher mangelhaft. Man kann heute bei den japanischen Nachrichten quasi auswählen, ob man mehr über japanische Spitzensportler oder Spitzenverbrecher lernen möchte. Kritische Berichterstattung aus dem Inland ist hingegen Mangelware.

Kurzum: Mit seriösen Nachrichtensendungen sieht es in Japan immer schlechter aus. Das ist besorgniserregnend – sicher, ich kann mich nach Alternativen umschauen, aber viele machen das nicht und lassen sich so von schlecht gemachten, manipulativen Sendungen einlullen. Keine schöne Aussicht.

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