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​ G7-Gipfel in Japan und ein historischer Besuch | Olympische Spiele gekauft?

Mai 13th, 2016 | Tagged | Kein Kommentar bisher | 313 mal gelesen

Am 26-27 Mai ist es wieder soweit: Ein G7-Gipfel steht an, abgehalten in Japan, und wie immer hat man sich auch dieses Mal wieder angestrengt und eine besonders schöne Ecke des Landes ausgesucht. Getagt wird auf einer Halbinsel in der Gemeinde 伊勢志摩 Ise-Shima, Präfektur Mie – eine wunderschöne Gegend mit einer aufregenden Küste. Die Teilnahmer nebst Entourage fahren mit Sicherheit besonders gern zu den Gipfeln in Japan, denn hier gibt es quasi keine Proteste gegen die Veranstaltung.

Um dem ganzen noch das i-Tüpfelchen aufzusetzen, wurde heute bekannt, das Präsident Obama am 27. Mai auch noch einen Abstecher nach Hiroshima unternehmen möchte. Laut japanischen Medien war der Kommentar der Polizei von Hiroshima zu den Nachrichten lediglich ein マジかよ majikayo! („Das ist doch nicht Euer Ernst!“) – haben die Sicherheitskräfte doch gerade mal zwei Wochen Zeit, die Route zu planen und zu sichern. Die meisten anderen Japaner werden dem Besuch hingegen sicherlich wohlwollend entgegensehen, denn hier besucht zum ersten Mal ein US-Präsident die Stadt, die sein Land vor 71 Jahren mit einer einzigen Bombe in Schutt und Asche legte. Rechtfertigungen zum Abwurf gab es seitdem viele, aber keine Entschuldigungen. Ob die aus dem Munde des Präsidenten kommen wird, bleibt fragwürdig, aber Obama und seine Redenschreiber werden das ganze schon geschickt über die Bühne bringen. Allerdings wurde soeben bekannt, dass keine grosse Rede geplant sei.

Und wie gerne würde ich doch bei einem G7-Gipfel Mäuschen spielen. Geht es bei den Einzelgesprächen bitterernst zu? Oder sarkastisch gar?

Atombombendom von Hiroshima

Atombombendom von Hiroshima

Zudem kam heute ans Licht, dass die französischen Behörden zwei insgesamt 1,3 Millionen Euro schwere Überweisungen aus Japan an ein Konto in Singapur untersuchen – jenes Konto gehört einem zwielichtigen IOC-Funktionär, und da in Verbindung mit der Überweisung auch die Worte „Olympische Spiele“ verbunden waren, hegt man den Verdacht, dass die Olympischen Spiele in 2020 womöglich gekauft waren. Wen wundert’s? Nachrichten dieser Art ist man ja nunmehr gewohnt. Auch in Japan ist Korruption kein Fremdwort, auch in Japan wird gern mit gezinkten Karten gespielt — und doch: Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, so wird das doch ganz schön an der Volksseele kratzen.

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Versandhandel mit Drohnen gestartet

April 26th, 2016 | Tagged , , | 2 Kommentare | 467 mal gelesen

Soraraku - Drohnenbringdienst von Rakuten

Soraraku – Drohnenbringdienst von Rakuten

Rakuten, der japanische Versandhandelgigant, hat heute mit grossem Trara sein そら楽 Soraraku-Pilotprojekt vorgestellt¹: Es geht um die bereits von Amazon propagierte Idee, Online bestellte Waren mittels Drohnen zum Endverbraucher zu bringen. Das hat man nun auch zum ersten Mal in Japan getestet – indem man Golfzubehör mittels Drohne zu einem Golfplatz in der Präfektur Chiba transportierte. Die eigens für Rakuten entworfene Drohne kann bis zu 2 Kilogramm transportieren; der Versand soll wohl kostenlos werden.

Das Wort Soraraku² setzt sich zusammen aus „sora“ (Himmel) und „raku“ (bequem, bzw. auch der erste Teil im Firmennamen). Ganz offiziell soll der Versand mit Drohnen allerdings erst im Jahr 2020 beginnen. Und man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass man damit in Japan sehr schnell ernst macht. Dann wird es im japanischen Luftraum vor den hässlich-rosanen Rakuten-Drohnen nur so wimmeln.

In der Grossstadt werden die Fluggeräte nicht viel ausrichten können, aber in ländlichen Regionen könnte der Einsatz von Drohnen durchaus sinnvoll sein und sogar umweltschonend: Anstatt einen Kleintransporter loszuschicken, setzt man einfach kleine Drohnen ein. Aber schon bei der Bekanntgabe der Amazon-Drohne habe ich mich ernsthaft gefragt, wie man das mit der Sicherheit bewerkstelligen möchte — vom Hacken der Drohnen selbst mal ganz abgesehen könnte ich mir gut vorstellen, dass ドローン狩り dorōn-gari Drohnenjagd schnell zu einem beliebten Hobby wird. Einen Rotor zerschiessen, mit einer Aludecke bewerfen und zum Absturz bringen, EMP — es gibt bestimmt zahlreiche Möglichkeiten, um an die Beute zu kommen, und es dürfte schwer werden, den Übeltäter zu finden.

Drohnen-Regeln laut MLIT

Drohnen-Regeln laut MLIT (Quelle: MLIT)

Auch in Japan wird natürlich mehr und mehr über Drohnen diskutiert – so fand man zum Beispiel im vergangenen Jahr eine Drohne auf dem Dach der Residenz des Ministerpräsidenten, und in einem Land, in dem vor gar nicht allzu langer Zeit Giftgasanschläge auf U-Bahnen verübt wurden, macht man sich zu Recht sorgen. Aus diesem Grund wurden im März 2016 vom MLIT (Ministry of Land, Infrastructure, Transport and Tourism) neue Richtlinien darüber erlassen, wann man eine Erlaubnis zum Drohnenflug braucht und wann nicht³.

¹ Siehe Pressemitteilung.
² Siehe Webseite des Soraraku-Services
³ Siehe hier

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Vom Niedergang der japanischen Fernsehnachrichten

April 12th, 2016 | Tagged , | 5 Kommentare | 764 mal gelesen

Hodo Station - mit Furutachi. Quelle: http://matome.naver.jp/odai/2142458479436089401

Hodo Station – mit Furutachi. Quelle: http://matome.naver.jp/odai/2142458479436089401

Morgens auf dem Weg zur Arbeit die Tagesschau, manchmal SPON. Während der Mittagspause BBC, manchmal auch andere, englischsprachige Nachrichtenquellen. Abends, nach der Arbeit, japanische Fernsehnachrichten. So sieht meine Nachrichtendiät seit vielen Jahren aus. Sicher nicht perfekt und viel Mainstream, aber wenigstens verschiedene Facetten.

Doch mittlerweile weiss ich nicht mehr, welche japanischen Nachrichten ich noch schauen kann. NHK, dem staatlichen Fermsehsender, traue ich schon lange nicht mehr. Dort wird zu viel einfach totgeschwiegen, und was dort an der Spitze los ist, ist einfach nur suspekt. Früher habe ich, vor allem weil die Sendezeit (23 Uhr) günstig war, News Japan, die Nachrichten auf Fuji TV, gesehen. Doch der Sender driftet immer deutlicher Richtung rechts ab, und in jüngster Zeit hat man sich gänzlich vom letzten Rest seriösen Journalismus‘ losgesagt: Jetzt unterlegt man alle Videobeiträge mit unterschwelligen Geräuschen und konzentriert sich nahezu vollständig auf Verbrechen: Je gruseliger und abstruser, um so besser. Vor allem die musikalische Untermalung bringt mich umgehend auf die Palme und wirft die Frage auf, für wie blöd die Macher den Zuschauer eigentlich halten, ihn mit solch billigen, manipulativen Tricks zu foltern. Nein, ich möchte keine Antwort auf diese Frage.

News Zero begann vor ein paar Jahren, und zu dieser bunt-flippigen, sogenannten Nachrichtensendung gibt es nicht viel zu sagen. Nur so viel: Die Reihenfolge der beiden Wörter im Namen der Sendung sollte vertauscht werden, das würde das Programm besser beschreiben.

Also verlegte ich mich auf 報道ステーション Hōdō Station auf TV Asahi: Eine recht kritische Nachrichtensendung, die zwar auch mitunter stark vom Bildungsauftrag eines Nachrichtensenders abschweifte, aber wenigstens hin und wieder kritisch hinterfragte. Die Sendung lebte von ihrem Sprecher, Ichirō Furutachi, der die Sendung 12 Jahre lang führte und, so wollen es die Gerüchte, sich letztendlich mit den Oberen überwarf, von denen wiederum aus der Politik gefordert wurde, sich mit der Kritik an der Regierung zurückzuhalten. Die war nämlich für japanische Verhältnisse recht scharf in der Sendung. Dass Furutachi die Dinge neutral betrachtete, konnte man ihm jedenfalls nicht nachsagen – es ging recht deutlich gegen Kernkraft, gegen Verfassungsänderungen, gegen die Wirtschaftspolitik… Dass zwischen Politik und dem Sender Asahi brodelte, deutete sich vor fast genau einem Jahr bereits bei diesem Vorfall an. Leider fiel der Sender jedoch auf einen Schwindel rein: So beschäftigte man ein Jahr lang den selbsternannten Business-Consultant mit dem klangvollen Namen Sean McArdle Kawakami als Kommentator, bis herauskam, dass sowohl der Name als auch der Lebenslauf purer Schwindel waren: Sean K. war ein, wenn auch eloquenter, Hochstapler wie aus dem Bilderbuch.

Heute schaute ich zum ersten Mal die neue Version von Hōdō Station mit den neuen Nachrichtenvorleser. Die Sendung begann mit ein paar Sekunden Nachrichten, dann gab es ein 10-minütiges Exklusivinterview mit dem japanischen Schwimmhelden Kitajima, der heute seinen Rücktritt bekanntgab, gefolgt von 2, 3 Minuten Inlandspolitik, gefolgt von einem Interview mit einem Ex-Baseballprofi, der heute in den japanischen Selbstverteidigungskräften arbeitet und über die Hilfe der Truppe nach der Erdbebenkatastrophe sprach. Was für eine Entwicklung! Bleibt nur noch die Sendung News 23 Cross auf TBS, wie es scheint, aber auch die ist eher mangelhaft. Man kann heute bei den japanischen Nachrichten quasi auswählen, ob man mehr über japanische Spitzensportler oder Spitzenverbrecher lernen möchte. Kritische Berichterstattung aus dem Inland ist hingegen Mangelware.

Kurzum: Mit seriösen Nachrichtensendungen sieht es in Japan immer schlechter aus. Das ist besorgniserregnend – sicher, ich kann mich nach Alternativen umschauen, aber viele machen das nicht und lassen sich so von schlecht gemachten, manipulativen Sendungen einlullen. Keine schöne Aussicht.

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Neues Jahr – Neuer Feiertag! So einfach geht das.

Januar 5th, 2016 | Tagged , | 5 Kommentare | 726 mal gelesen

Auch in Japan bringt 2016 einige Neuerungen mit sich, und eine Neuerung der angenehmeren Sorte habe ich erst heute festgestellt: Ab 2016 gibt es einen Feiertag mehr in Japan. Und zwar (Fanfaren, bitte) den 山の日 yama no hi – Tag des Berges. Dafür hat man den 11. August ausgewählt – ein Feiertag mit festem Datum also, was bedeutet, dass dieser Feiertag ausfällt, wenn er auf einen Sonnabend fällt. Eigentlich sollte der 12. August Tag des Berges werden, doch davon hat man aus Pietätsgründen letztendlich abgesehen: 1985 zerschellte Flug JAL123 an einem Berg in der Präfektur Gunma – 520 Passagiere starben, nur 4 überlebten.

Von dem neuen Feiertag werden nicht allzu viele Japaner etwas haben, denn Obon fällt in vielen Jahren auf dieße Zeit und ist damit sowieso schon in vielen Firmen ein Feiertag. Am Tag des Berges soll man von jetzt an gefälligst die Berge wertschätzen. Warum auch nicht. Es gibt bereits den Tag des Meeres, und sowohl Berge als auch Meere gibt es mehr als genug in Japan.

Feiertage sind in Japan – leider, muss man sagen – Staatssache. Sprich, alle nunmehr 16 (!) Feiertage gelten für das gesamte Land. In Deutschland sind viele Feiertage Ländersache, und im Schnitt kommt man auf 9 bis 13 Feiertage, je nach Bundesland. Ein Gedanke hinter den doch ungewöhnlich vielen Feiertagen ist die Idee, Japaner zu mehr Urlaub „zu zwingen“. Zwar gibt es auch hier gesetzlichen Urlaub, aber in vielen Firmen ist es noch immer fast unmöglich, den Urlaub auch wirklich einzulösen.

So ganz funktioniert das ganze allerdings nicht. Zum einen liegt das daran, dass Dienstleister, aber auch viele andere Gewerbezweige selbst gesetzliche Feiertage ignorieren (der Postbeamte, der jeden Tag Pakete aus meinem Büro abholt, erzählte mir erst heute, dass er morgen zum ersten Mal seit 44 Tagen einen freien Tag hat). Zum anderen hat ein Feiertag, an dem quasi das gesamte Land frei hat, nur bedingten Erholungswert: Wohin man auch geht, es ist überall hoffnungslos überfüllt, Übernachtungen sind teurer als üblich und so weiter und so fort. Daran wird sich allerdings so bald nichts ändern – man kennt es einfach nicht anders.

Hier noch einmal der Vollständigkeit halber die aktualisierte Liste japanischer Feiertage:

1. Januar 元旦 (gantan) Neujahr
2. Montag im Januar 成人の日 (Seijin no hi) Tag des Erwachsenen
11. Februar 建国記念の日 (Kenkoku kinen no hi) Tag der Staatsgründung
20. März 春分の日 (shunbun no hi) Frühjahrs-Tag- und Nachtgleiche
29. April 昭和の日 (Shōwa no hi) Shōwa-Tag (vorheriger Kaiser)
3. Mai 憲法記念日 (kempō kinenbi) Tag der Verfassung
4. Mai みどりの日 (midori no hi) Tag des Grüns
5. Mai こどもの日 (kodomo no hi) Tag des Kindes
3. Montag im Juli 海の日 (umi no hi) Tag des Meeres
11. August 山の日 (yama no hi) Tag des Berges
3. Montag im September 敬老の日 (keirō no hi) Tag des Respekts für alte Menschen
22. September 秋分の日 (shūbun no hi) Herbst-Tag- und Nachtgleiche
2. Montag im Oktober 体育の日 (taiiku no hi) Tag des Sports
3. November 文化の日 (bunka no hi) Tag der Kultur
23. November 勤労感謝の日 (rōdō kansha no hi) Tag des Dankes für die Arbeit
23. Dezember 天皇誕生日 (tennō tanjōbi) Tennō-Geburtstag

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Japans Start in die kommerzielle Raumfahrt | Syphilis im Kommen

November 25th, 2015 | Tagged , , | 2 Kommentare | 769 mal gelesen

Im Hafen von Tanegashima: Man ist stolz auf sein Raketenzentrum.

Im Hafen von Tanegashima: Man ist stolz auf sein Raketenzentrum.

Japan hat heute zum ersten Mal in seiner Geschichte einen ausländischen Satelliten ins All geschossen – und zwar einen kanadischen Kommunikationssatelliten. Und das auch noch erfolgreich. Damit meldet sich JAXA (Japan Aerospace Exploration Agency) erstmals auf der internationalen Bühne, denn man möchte langsam mit der Raumfahrt Geld verdienen und den Russen, Amerikanern und Europäern Konkurrenz machen. Erstaunlicherweise spielte ja Japan trotz all der Technikfreudigkeit international gesehen bisher eher eine untergeordnete Rolle. Der erfolgreiche Start heute war, wie es in Japan so Usus ist, die Nachricht des Tages und wurde in allen Medien gebührend gefeiert. Das geht wahrscheinlich so lange, bis die erste japanische Rakete beim Start explodiert.

Die Raketen werden übrigens von der Insel Tanegashima in der Präfektur Kagoshima abgefeuert – denn je näher man dem Äquator ist, desto weniger Energie braucht man, die Raketen ins All zu schiessen. Die Starts kann man auch von der nahegelegenen Insel Yakushima gut sehen, wo sich zu diesem Anlass jeweils die halbe Inselbevölkerung auf halber Strecke einer Bergstrasse einfindet. Man kann es verstehen – faszinierend ist der Anblick bestimmt.

Eine andere Nachricht des heutigen Tages war der Vormarsch der Syphilis in Japan: In diesem Jahr wurden bisher gut 2’000 Fälle der auch in Japan meldepflichtigen Geschlechtskrankheit registriert – im letzten Jahr waren es wohl nur 1’600 Fälle. Kein Wunder, möchte man meinen, wo doch Präser oder andere Vorsichtsnahmen in Japan nahezu unbekannt sind. Allerdings gab es im bevölkerungsärmeren Deutschland in den letzten Jahren rund 5’000 neue Fälle pro Jahr. Damit ist die Krankheit also weniger häufig anzutreffen. Interessanterweise nennt man die Krankheit auf Japanisch 梅毒 baidoku (wörtlich: Pflaumengift). Ein Schelm, wer da… aber die Wortgenese ist wohl anders. Die Furunkel auf der Haut im fortgeschrittenen Stadium ähneln in Grösse und Farbe den Bergpfirsichen, und in dem Wort kommt eben das Schriftzeichen „梅“ (BAI, ume – alleinstehend: Pflaume) vor. Ergo: Immer schön aufpassen.

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Schmälern Sportfeste die Lebenserwartung?

Oktober 2nd, 2015 | Tagged , | 4 Kommentare | 654 mal gelesen

Minipyramiden an eiiner Grundschule

Minipyramiden an eiiner Grundschule

Schulsportfeste, genannt 運動会 undōkai, an japanischen Kindergärten und Schulen sind ein fester Bestandteil der Kindheit aller Japaner: Die lange Vorbereitung, der Stolz, die Tränen… es ist ein Großereignis, zumal meistens auch die Verwandten zur Leistungsschau antreten um zu sehen, wie tapfer sich der Nachwuchs schlägt. Die Krönung der Sportfeste ist überall der Staffellauf, denn nur die besten dürfen dort mitlaufen. Die Auserwählten. Weitere Highlights sind das 綱引き tsunahikiTauziehen (mit weit mehr als 100 Schülern pro Mannschaft), der 騎馬戦 kibasen – bei dem ich mir gar nicht sicher bin, wie das auf Deutsch heisst, auf Englisch heisst es jedenfalls chicken fight (vielleicht Pferd-und-Reiter-Kampf!?) sowie 組体操 kumi taisō – das Gruppenturnen, beziehungsweise, um genau zu sein, die menschliche Pyramide. Jedes Jahr kommt es dabei zu mehr oder weniger folgenschweren Unfällen. So auch vor 3 Tagen: Bei einer 10-stöckigen menschlichen Pyramide an einer Mittelschule in Osaka sackte das Gebilde plötzlich ein: 157 14 bis 16-jährige Schüler fielen da plötzlich übereinander, es gab 6 Verletzte, darunter auch mindestens ein Knochenbruch¹. Interessant daran: Ein Lehrerkollege meinte danach, dass die Pyramide mit den 10 Stockwerken bei den Proben nicht ein einziges Mal geklappt hat. Da war dann wohl jemand etwas fahrlässig, äh, ich meine natürlich ehrgeizig.

Ob der Bilder flammte natürlich sofort eine alte Diskussion auf. Sollte man die menschlichen Pyramiden nicht untersagen? Sind die nicht zu gefährlich? Und gab es beim Massentauziehen nicht sogar schon tödliche Unfälle? Nun ja, das japanische Sportkomitee hat dazu ein paar nette Statistiken erstellt² und die sprechen eigentlich eine deutliche Sprache: Zwar sehen die Unfälle bei den Pyramiden am spektakulärsten aus, doch sind die anderen Sportarten genauso gefährlich. Auch beim Staffellauf kommt es immer wieder zu Verletzungen. Wer also nach der Abschaffung dieser Sparte kräht, muss eigentlich ganz gegen Sportfeste sein. Eine 10-stufige Pyramide mit ungeübten Halbwüchsigen ist und bleibt allerdings ziemlich gewagt…

Neulich wurde ich gefragt, ob es auch in Deutschland Sportfeste an den Schulen gibt. Ich konnte da nur mit den Schultern zucken. In meiner Zeit gab es Sportfeste – das war dann aber mit allen Schulen der Stadt gleichzeitig. Ich erinnere mich da noch gut an meine Silbermedaille im Freistil-Ringen. Zweiter! Der ganzen Stadt! Und das beim ersten Ringkampf meines Lebens! Wie viele Schüler in dieser Sportart in der gleichen Gewichtsklasse antraten bleibt mein Geheimnis.

¹ Nachrichten, inklusive Video, gibt es hier.
² Siehe hier.

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Zum Thema Flüchtlinge

September 8th, 2015 | Tagged , | 14 Kommentare | 1348 mal gelesen

Mit Erstaunen schaut nicht nur ganz Japan, sondern auch meine Wenigkeit auf das, was da gerade in Deutschland geschieht. Die Bilder der Flüchtlingstrecks, von Menschen, die an Bahnhöfen die Flüchtlinge begeistert begrüssen, Plakate, auf denen „Mama Merkel“ gebeten wird, sie aufzunehmen… ein Bild nach dem anderen rauscht durch die hiesigen Nachrichten und durch meinen Kopf. Hinzu kommen all die Reportagen aus Mazedonien, Serbien, Ungarn – alles Länder, die ich mehr oder weniger gut aus eigener Erfahrung kenne. Die Zahlen. 800,000 Flüchtlinge allein in Deutschland – in einem Jahr? Die Bilder der sogenannten Wutbürger, brennende Unterkünfte – aber das kannte ich ja bereits.

All das könnte jedoch ferner nicht sein. Vor sieben Jahren hatte ich der Thematik bereits den Artikel [zynismus]Japan von Flüchtlingswelle überrollt?[/zynismus] gewidmet, aber mal sehen, was sich in Sachen Statistik so seitdem ergeben hat:

Jahr 2010 2011 2012 2013 2014
Antragsteller 1,455 2,119 2,198 2,642 3,169
Davon genehmigt 26 7 5 3 6

Quelle: Japan Association for Refugees

Wie man sieht, ist Japan also nach wie vor voll beschäftigt mit der Aufnahme von Flüchtlingen. So sehr, dass in einigen Fällen 9 Jahre vergehen zwischen Antragstellung und Bescheid. Damit ist Japan allerdings nicht allein – in Südkorea sieht es nicht wesentlich anders aus, so man die eigenen Landsleute aus Nordkorea nicht berücksichtigt.

Die meisten Chancen auf Genehmigung des Antrags hatten übrigens Menschen aus Myanmar, aber da sich dort nunmehr der Wind gedreht hat, erhält kaum noch jemand Asyl. Nun könnte man meinen, dass das doch selbstverständlich wäre: Japan liegt schliesslich weit ab vom Schuss. Im wahrsten Sinne des Wortes. Das gleiche lässt sich allerdings auch über Australien sagen — oder über Kanada, und dort gibt es wesentlich mehr Antragsteller. Und anerkannte Flüchtlinge. Aber so sehr Japan auch bei Touristen beliebt ist, und so sehr Japan sich auch um selbige bemüht — den Nimbus eines für Flüchtlinge nahezu vollkommen geschlossenen Landes lässt man sich nicht gerne nehmen. Ist ja auch klar. Die sprechen ja alle ausländisch, und das ist ja nun wirklich ein unlösbares Problem in Japan.

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Wir borgen uns ein Logo. Oder zwei.

August 21st, 2015 | Tagged , | 5 Kommentare | 967 mal gelesen

Es sind noch 5 Jahre bis zu den Olympischen Spielen in Tokyo, aber selbige sorgen bereits mehr und mehr für Unterhaltung. War es vorher das sündhaft teure Stadion, ob dessen sich die Gemüter erhitzten (das Ganze ist jedoch noch nicht ausgestanden), so ist es jetzt das Olympialogo. Das Logo wurde vom Grafikdesigner 佐野 研二郎 Kenjirō Sano entworfen – der 43-jährige hat natürlich schon einiges Andere vorher entworfen und diverse Designpreise eingeheimst. 104 verschiedene Entwürfe reichte Sano ein, und ein markantes T für Tokyo wurde ausgewählt. Im Juli gab man schliesslich ganz offiziell das Emblem bekannt. Davon bekam auch ein belgischer Designer Wind: Das Logo ähnele dem des Theaters von Liege doch allzu sehr. So sehr, daß man geistigen Diebstahl vermutet und rechtlich dagegen vorgehen möchte.

Nun ist die Ähnlichkeit grenzwertig. Es ist kein allzu kompliziertes Logo, und es besteht durchaus die Möglichkeit, daß Sano das belgische Logo nie gesehen hat. Doch dann meldete sich ein spanisches Designbüro zu Wort. Jenes hatte nach der Erdbebenkatastrophe ein „Rebuild Japan“ (ausgerechnet!)-Logo entworfen. Spätestens beim Anblick dieses Logos fällt es schwer, an einen dummen Zufall zu glauben.

Olympia-Logo-Entstehung - alles nur Zufall?

Olympia-Logo-Entstehung – alles nur Zufall?

Flugs wurde eine Pressekonferenz einberufen, bei der Sano beteuerte, daß er noch nie von anderen Entwürfen geklaut habe. Das unerlaubte kopieren, kurz geistiger Diebstahl, wird auf Japanisch パクる pakuru genannt. Natürlich begannen nun die Menschen, etwas näher hinzuschauen, und siehe da: Das Olympialogo ist kein Einzelfall. Sano hat über Jahre hinweg munter kopiert. Mal mehr, mal weniger offensichtlich. Am besten haben das die Kollegen vom japanischen Netgeek-Blog zusammengefasst (siehe Netgeek.biz):

Sanos Design unter der Lupe

Sanos Design unter der Lupe – Quelle: Netgeek.biz

In den sozialen Netzwerken wird der Vorfall heftig diskutiert. Wie immer tauchen sofort Posts auf, die behaupten, daß Sano kein echter Japaner sei sondern ein Zainichi. Viele fragen sich, ob in der Designwelt etwa auch Beziehungen die Welt sind, da Sano dorthin gehend etliche Beziehungen hat.

Persönlich betrachte ich das ganze zugegebenermassen nicht ganz ohne Häme. Die japanischen Medien sind seit Jahren gnadenlos über die Raubkopiererei in China hergefallen, gerade so als ob so etwas niemals in Japan passieren könnte. Sicher, China ist in Sachen geistiges Eigentum noch immer Wildwest, und es wird kopiert, was das Zeug hält. Aber es ist ja nicht so, daß man in Japan diesbezüglich gänzlich immun sei.

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Anschlag auf ein Nationalsymbol: Selbstverbrennung im Shinkansen

Juli 1st, 2015 | Tagged , | 9 Kommentare | 1764 mal gelesen

Will man Japan ins Mark treffen, dann gibt es nur wenige Dinge, bei denen man das so leicht erreichen kann wie beim Shinkansen. Das Shinkansen-Netz gibt es seit 1964, also seit 51 Jahren, und die Beliebtheit ist ungebrochen – das Netz wird auch heute noch ausgebaut, und tagtäglich benutzen durchschnittlich 400,000 Fahrgäste die Züge. Und: Bisher gab es noch nie in der langen Geschichte einen tödlichen Unfall. Bis heute: Im Nozomi, dem schnellsten Shinkansen zwischen Tokyo und Osaka, lief ein laut Augenzeugen etwas verwahrloster, älterer Mann den Gang im ersten Wagen auf und ab, sprach einen Fahrgast mit „Wie sieht’s aus mit einer Zigarette?“ an (alle Abteile sind Nichtraucherabteile, wohlgemerkt) und blieb schliesslich neben einer jungen Frau in der ersten Reihe stehen. Dieser legte er dann ein paar 1’000-Yen-Scheine auf den Tisch und sagte „Habe ich gefunden. Kannst Du behalten!“. Als die Frau ablehnte, sagte er ihr „verschwinde von hier, sonst wirst Du verletzt“. Anschliessend goss er sich eine brennbare Flüssigkeit über den Körper und zündete sich an.

Im Abteil brach Panik aus – die Fahrgäste versuchten aus dem Abteil zu fliehen, doch die enorme Rauchentwicklung führte schliesslich dazu, dass nicht nur der 71-jährige Selbstmörder aus Tokyo, sondern auch eine unbeteiligte, gut 50 Jahre alte Frau aus Yokohama noch vor Ort verstarb. Im fahrenden Shinkansen. Zudem gab es rund 20 Verletzte, vornehmlich mit Rauchvergiftung. Der Zug wurde schliesslich angehalten und Löschkräfte drangen zum Waggon vor, aber viel war nicht mehr zu tun: Von dem Mann blieb wohl nicht viel übrig, und der Waggon selbst fing nicht Feuer. Genauer gesagt war von aussen rein gar nichts zu sehen.

Dieses tragische Ereignis ist ein Schock – Shinkansen sind Japans Stolz und – vollkommen zurecht – ein Symbol für Pünktlichkeit, Sicherheit, Sauberkeit und Effizienz. Und obwohl natürlich sofort etliche Leute nach Massnahmen krähen – so ist das heutige Ereignis natürlich nicht mehr als ein freak accident – man kann sich nicht vor allen Dingen schützen.

Die Shinkansen rollten nach drei Stunden wieder, und nur wenig später war der Selbstmörder identifiziert – ein ehemaliger Abrissunternehmer, der vor kurzem in Rente ging und als unauffällig und nett galt. Was ihn zu der Tat wohl bewogen hat? Seine Geste mit dem Geld deutet auf Geldnot hin. Einen Abschiedsbrief hat man noch nicht gefunden, aber ein politischer Hintergrund würde mich überraschen.

Aus gegebenem Anlass an dieser Stelle mal ein gut gemachtes Video, in dem erklärt wird, wieso die Shinkansen so sauber sind, wie sie sind:

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Wenn alte Wunden aufreissen: Kobe-Mörder schreibt Bestseller

Juni 12th, 2015 | Tagged , | 5 Kommentare | 1621 mal gelesen

Zekka - vom Kobe-Mörder Shin'ichirō Azuma

Zekka – vom Kobe-Mörder Shin’ichirō Azuma

Es ist gar nicht so lange her, dass ich darüber auf diesem Blog (und für ein Magazin) geschrieben habe: Den Sakakibara-Serienmord von Kobe, geschehen 1997 und verübt von einem 14-jährigen. Die Details sind so grausam, dass ich sie nicht noch einmal wiederholen möchte.

Der Vorfall hatte damals nicht nur bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen, sondern natürlich auch bei den meisten Japanern. Nach 18 Jahren geriet die Geschichte natürlich trotzdem langsam aber sicher in Vergessenheit, und der Täter, damals immer “少年A” (shōnen A) genannt, da aufgrund des japanischen Gesetzes zum Schutz Minderjähriger seine wahre Identität nicht veröffentlich werden durfte, lebt seit vielen Jahren unter uns… irgendwo, als freier Mensch.

In dieser Woche rief sich jedoch der Täter plötzlich wieder ins Gedächtnis aller zurück: Er veröffentlichte ein Buch mit dem Titel 絶歌 Zekka – in etwa “Ausklingendes Lied/Gedicht” unter dem Pseudonym 元少年A, also “Ehemaliger Jugendlicher A”. Erschienen ist das Buch beim kleinen Verlag Ohta Shuppan — siehe hier. Und siehe da, einen Tag später stand das Buch auf Platz 1 der Amazon-Bestsellerliste. Natürlich gibt es Proteste gegen das Buch, zumal es sich bei dem Buch nicht gerade um ein Schuldbekenntnis handelt: Im Gegenteil, die Einleitung lässt bereits erahnen, woher der Wind weht:

1997年6月28日。僕は、僕ではなくなった。

— 28. Juni 1997. Der Tag, an dem ich aufhörte, ich zu sein.

Es geht darum, dass er hernach seinen Namen gegen den Namen “Shōnen A” eintauschen musste – nicht mehr als “formloses Symbol”. Zwar entschuldigt sich der Täter in dem Buch bei den Angehörigen der Opfer, doch letztendlich schrieb er das Buch nur, um selbst Erlösung zu finden.

Natürlich laufen viele Menschen Sturm gegen das Buch — und gegen den Verlag. Das erkennt man schon an den zahllosen negativen Kommentaren bei Amazon. Der Grundtenor:

• Wenn er schon ein Buch veröffentlichen muss, dann soll er als jetzt Erwachsener gefälligst seinen wahren Namen nennen
• Was will der Verlag machen, wenn jemand aufgrund des (die Tat verherrlichenden) Buches eine ähnliche Tat begeht?
• Wenn wenigstens das Autorenhonorar an die Angehörigen gespendet werden würde

und so weiter. Und doch: Das Buch ist auf Platz 1 der Bestsellerliste. Denn das Böse fasziniert nunmal die Menschen. Und es dürfte auch nicht wenige Menschen geben, die einfach nur versuchen zu verstehen, denn die Tat hatte damals wirklich grosses Entsetzen ausgelöst – bei Erwachsenen sowieso, aber vor allem bei Kindern, die damals in einem ähnlichen Alter waren.

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