You are currently browsing posts tagged with Medien

Japan im Visier des Islamischen Staates

Januar 21st, 2015 | Tagged , , | 5 Kommentare | 3632 mal gelesen

Nun ist es also geschehen: Kaum hatte die japanische Regierung verkündet, rund 200 Millionen US-Dollar für nichtislamische Staaten bereitzustellen, damit diese den Islamischen Staat bekämpfen können (Japan darf ja zum Leidwesen der jetzigen Regierung aufgrund seiner pazifistischen Verfassung nicht selbst mitmachen, führte der Islamische Staat zwei japanische Geiseln vor: Die Reporter bzw. Fotografen Gotō und Yukawa. Die Szene kennt man ja bereits: Ein vermummter Mann mit Messer und eindeutig britischem Akzent steht neben den in orangenen Sachen knienden Gefangenen und droht. In diesem Fall soll nun also Japan binnen 72 Stunden oben genannte Summe an den Islamischen Staat zahlen – sonst werden die beiden enthauptet.

Die japanische Regierung liess daraufhin recht schnell verlauten, was sie von der Forderung hält: Nichts. Natürlich nicht. So also kein Wunder geschieht, droht den beiden Männern ein grauenvolles Schicksal. Das wird freilich nichts an der japanischen Aussenpolitik ändern. Aber es wird den Islamischen Staat etwas in den Mittelpunkt rücken, denn zwar wird darüber gelegentlich berichtet, aber wie es in Japan nun mal so ist: Man ist weit entfernt vom Geschehen und deshalb eher mäßig interessiert. Der Islamische Staat präsentiert sich hier nun aber so, wie man ihn gern von aussen sieht: Eine gottverlassene, verbrecherische und bigotte Zusammenrottung von Menschen, die irgendwo irgendwann ihrer Perspektiven beraubt wurden – oder denen zu viel versprochen wurde.

Für eine PEGIDA à la Dresden wird es freilich nicht reichen – in Japan dürfte die Zahl der Muslime bei schätzungsweise 30’000 liegen (siehe unter anderem hier), und die meisten Japaner werden wohl noch nie im Leben einen echten Moslem gesehen haben. Zumal man ja in Japan bereits schon seit langem ein liebevoll gepflegtes Feindbild hat: Koreaner und Chinesen. Und auf Hokkaido Russen.

Während die Tagesschau zum Beispiel darauf verzichtet, die Gesichter der Geiseln zu zeigen, zeigt man in Japan weniger Zurückhaltung: Das Video mit der Drohung flimmerte in voller Länge heute auf allen Kanälen:


Teilen:  

Huffington Post ab jetzt auch in Japan

Mai 10th, 2013 | Tagged | 4 Kommentare | 1782 mal gelesen

Huffington Post Japan

Na, da tut sich doch was im japanischen Medienbereich: DIE berühmteste Internetzeitung der USA, wenn nicht sogar der Welt, gibt es seit vorgestern, also dem 7. Mai, auch in Japan. Die Chefredakteurin und Gründerin des als Politblog gestarteten Projekts, Arianne Huffington, reiste deshalb eigens nach Japan, um den Startschuß zu gehen. Da man als Ausländer ohne Rückhalt durch hiesige Vertreter der jeweiligen Branche nicht weit kommt, hat sich Huffington zu einer Zusammenarbeit mit einem japanischen Mediengiganten, der Asahi Shimbun, zusammengeschlossen. Und der Zusammenschluss ist auf jeden Fall sinnvoll – für beide Seiten, denn Asahi Shimbun und andere japanische Zeitungen müssen allmählich sehen, dass sie Land gewinnen, denn der Kahlschlag in der Presse ist auch in Japan eklatant.

Auch in der japanischen Version sollen sich Leser ausführlich an aktuellen Diskussionen beteiligen. In der Japan Times, einer der beiden verbliebenen englischsprachigen Tageszeitungen, wurde angemerkt:

Although Japan’s Internet discussion sites tend to be filled with ultranationalistic and defamatory comments, she promised that won’t be an issue with Huffington Post Japan.

“Our editors will evaluate and decide … so it’s not a free-for-all. It’s complete quality control,” she said, adding that comments on articles will also be monitored.

(Quelle: Japan Times: Huffington in Tokyo for launch of Japanese-language version of HuffPost, 9. Mai 2013)

Nun – das ist begrüßenswert, aber die Redakteure, die sich durch den Wust der Diskussionsbeiträge wühlen müssen, tun mir jetzt schon leid, denn was man selbst bei Kommentaren auf grossen Plattformen wie Yahoo! Japan zu sehen bekommt, sprüht oft nur so vor Haß und Verleumdung.

Ich wünsche der HuffPost jedenfalls einen guten Start und werde sicherlich häufiger vorbeischauen. Eine möglichst unabhängige Nachrichtenquelle auf Japanisch und aus dem Ausland stammend ist ein Novum, und ich bin gespannt, wie es ankommen wird. Als Pessimist bin ich allerdings, nun ja, nicht überaus optimistisch. Sie werden es schwer haben. Und im schlimmsten Fall sich anpassen. Ich hoffe, die Redaktion bleibt standhaft und besteht aus fähigen Leuten. Und ich bin gespannt, welche Agenda die Huffington verfolgen wird. Hoffentlich keine amerikanische. Und hoffentlich keine traditionell japanische.

Die japanische Version der Huffington Post gibt es ab sofort hier.

Teilen:  

Warum trifft Journalismus über Japan nachwievor nicht den Punkt?

Februar 23rd, 2012 | Tagged , , | 33 Kommentare | 3026 mal gelesen

Neulich stolperte ich als regelmässiger Nutzer der Tagesschau-App (die, so viel Lob muss sein, sehr gut gemacht ist) über einen kurzen Artikel mit dem Titel „Das vielfache Vergessen von Fukushima„. Ein Video dazu war auch da (nun scheint es wohl weg zu sein) und dutzende Kommentare, bei denen sich mir wirklich der Magen umdrehte. Auch die Kommentare kann ich nicht mehr finden. Ist wohl auch besser so.

Lese ich mir den Artikel so durch, bekomme ich es mit der Angst zu tun. Sind alle Themen der Tagesschau so schlecht recherchiert? Eigentlich sollte man doch von der ARD vergleichsweise hochwertigen Journalismus erwarten können, oder?

Mein erster Eindruck nach meiner Ankunft in Tokio war ernüchternd: Für die Bewohner der Millionen-Metropole scheint Fukushima genauso weit weg zu sein wie für die Menschen in Köln oder Berlin. Auf den Straßen herrscht Betriebsamkeit, wie man sie von Fotos oder Filmen her kennt.

Du meine Güte – was hat der Berichterstatter erwartet? Das alle mit gesenktem Kopf und Gasmaske trist und traurig durch die Strassen schleichen? Hätte der Reporter doch mit Hilfe seines Dolmetschers, den er doch hoffentlich dabei hatte, wenigstens ein paar Leute interviewt! Dann hätte er wahrscheinlich schnell herausgefunden, dass die Katastrophe den Leuten noch immer in den Knochen steckt! Es vergeht kaum ein Tag ohne bemerkenswerte Erdstösse. Und Fukushima taucht nahezu täglich in den Nachrichten auf. Viele Leute haben das Gefühl, dass das noch nicht alles war. Vor allem nicht in Sachen Erdbeben, denn zahlreiche Wissenschaftler haben erst kürzlich vermeldet, dass die Wahrscheinlichkeit, das Tokyo in ziemlich naher Zukunft einen schweren Direkttreffer erleben könnte stark gestiegen ist.

Auch die Sorge um verstrahlte Lebensmittel und das Gefühl, dass im AKW Fukushima noch lange nicht alles in trockenen Tüchern ist, ist bei vielen vorhanden. Aber, lieber Reporter, drei Mal darfst Du raten, wovor der Hauptstädter mehr Angst hat: Vor einem schweren Erdbeben direkt unter der Hauptstadt mit zehntausenden Toten, hunderttausenden zerstörten Häusern, wochenlangen Versorgungsengpässen und so weiter und so fort, oder vor Fukushima? Vor Fukushima natürlich? Ist klar…

Am Abend flimmert und leuchtet die Stadt, keine Spur von Stromausfällen – obwohl inzwischen nur noch ganze drei der einst 54 AKW des Landes am Netz sind.

Klingt alles so einfach, oder? Als ob man die 54 AKW ganz aus Spass betrieben hatte! Vielleicht sollte mit einer winzigen Fussnote erwähnt werden, das Japan einen sehr hohen Preis dafür zahlt. Aufgrund der jetzigen Lage verzeichnet Japan das erste Handelsdefizit seit Erhebung der Daten 1979. Warum? Fossile Brennstoffe müssen teuer importiert werden. Die Folge, vor allem aufgrund der seit Monaten steigenden Energiepreise: Rezession. Wieder. Klar, ohne die AKW ist es besser – und die letzten 3 kann man jetzt auch ruhig abschalten (aber das wird so schnell nicht passieren).

Immerhin hat sich der Reporter mit japanischer Begleitung nach Minami-Sōma gewagt, und seine Beobachtungen dort decken sich zum Teil mit dem, was ich dort erlebt habe. Die Region ist nachwievor im Ausnahmezustand.

Wesentlich schlimmer als der Artikel waren die Kommentare. Eine arme, gut deutsch schreibende Japanerin verzweifelte schier daran und versuchte zu erklären, welchen Stellenwert welcher Teil der Katastrophe für die Japaner hat. Sie wurde natürlich gleich als Atomlobbyistin abgetan. Wer nicht wie wir ist, muss einer von denen sein. Ein Kommentator war sich auch ganz sicher, dass in Kürze ganz Japan, Korea und Sibirien verstrahlt sein werden.

Nun – Ziel des Reporters war es, sich „… ein Bild davon machen, welche Spuren die größte Reaktorkatastrophe seit Tschernobyl in diesem Land hinterlassen hat – auf den Straßen, Feldern und Dächern der Städte rund um den Reaktor, aber auch in den Köpfen und Herzen der Menschen.“ Ziel verfehlt. Vielleicht begreift irgendwann mal ein Reporter, das man die drei Komponenten – Tsunami, Erdbeben und Reaktorkatastrophe – nicht so ohne weiteres trennen sollte? Allein in Minamisōma sind über 400 Leute vom Tsunami getötet worden, und rund 1’000 Bewohner gelten als vermisst. Auch das beschäftigt die Menschen nachwievor. Aber Erdbeben und Tsunami sind wahrscheinlich zu abstrakt und so weit entfernt wie Köln oder Berlin…

Teilen:  

Von Illuminati und der grossen Tsunamilüge

Juni 15th, 2011 | Tagged , , , | 27 Kommentare | 4204 mal gelesen

Von Spam einmal abgesehen gilt für diesen Blog eigentlich, dass alle Kommentare freigeschaltet werden. Und zwar ungeschnitten. Von dieser eigentlich selbstverständlichen Regelung musste ich mich leider nach dem Erdbeben am 11. März verabschieden. Die meisten Leser werden sich kaum vorstellen können, womit ich bzw. der Blog hier zugeschüttet wurde. Da ich mir jedoch selbst ein gewisses Mass an Seriösität verschrieben habe (ob berechtigt oder nicht), musste ich leider etliche Kommentare aussen vor lassen: Ich hatte und habe keine Lust, wilden Spekulationen und Fehlinformationen oder einfach nur unseriösem Quatsch ein Forum zu bieten.

Beispiele?

Schon gewusst? Das Erdbeben war nicht etwa ein normales Erdbeben, sondern wurde von den Illuminati mittels geschickt plazierter Bomben am Meeresgrund eingeleitet, um damit Japan auseinanderzubrechen und untergehen zu lassen. Ihr glaubt es nicht? Doch, doch! Steht alles ganz genau im Internet, also da, wo all die richtigen Informationen herkommen. Hier, guck:

http://www.politaia.org/wichtiges/japan-staged-or-an-attack-video-englisch/

http://erbeben-earthquake-terremoto.blogspot.com/2011/04/haarp-japan-erdbeben-tsunami-die.html

Anmerkung 1: Man achte auf die Schreibweise des ersten Wortes im Link! Bürgt schon von anfang an für Qualität!!
Anmerkung 2: Ja, genau – die gleichen Illuminati, die auch schon bei den grossen Beben 1923, 1854, 1707, 1605, 1498 (soll ich weitermachen!?) die Bomben gelegt hatten.

Und das der ganze Tsunami nur eine Inszenierung war und eigentlich gar nicht stattfand, sollte auch jedem klar sein: Schliesslich kann ja auch nicht sein, was man nicht selbst sieht. Glaubt Ihr auch nicht? Nee, ehrlich. Ihr müsst nur die richtigen Nachrichtenquellen finden, nicht immer die kommerziellen, von der Politik gegängelten Medien. Denn nur unabhängige Quellen mit ganz dollen Experten wissen wirklich, was los ist:

http://www.terra-germania.org/japaner-zweifeln-an-tsunami-katastrophe/

http://polskaweb.eu/japan-tsunami-erdbeben-und-radioaktivitat-mit-zweifeln-5887978.html

Glücklicherweise gibt es im Internet Menschen, die mich ganz doll kennen und sehr besorgt um mich sind. Zum Beispiel darüber, dass ich eventuell vor Langeweile und Müdigkeit vom Stuhl falle. Und da ich ja diesen Blog schreibe und zufällig auch noch vor Ort bin, passt das ja richtig gut, um ein paar wichtige Infos zu kommunizieren. Beispiel – erst vor zwei Stunden reingekommen:

Ich habe zu Beginn der „Krise“ geschrieben, verlasst Japan und das war ernst gemeint. Nun nachdem immer mehr Infos bekannt werden, zeigt sich, dass mein Rat 100% richtig war, denn die ganze Welt wurde ob des Ausmaßes der Katastrophe belogen. Wesentlich dabei ist jedoch folgendes Bild.
1) Unfall mit variierenden Infos
2) Laufende Beschwichtigungen ducrh Medien
3) Verschwinden des Messpunkts bei Fukushima von internat. Strahlungskarten. (letzter Messwert 6,2 Sievert/h)
4) Verschwinden der Stahlenkarten der USA aus www.
5) Anhebung der internat. Strahlengrenzwerte
6) Einzug der Strahlenmessgeräte der Schweizer ABC Truppe durch die Armeeführung (die Geräte sind bei den Soldaten zu Hause)
7) Lieferzeiten für Messgeräte in Europa auf März 2012 verschoben. (derzeit KEINE Messgeräte am Markt)
8) Langsames Durchsickern des wahren Ausmaß des Unglücks über alternative Medien.

Ja, herrlich. 6.2 Sievert pro Stunde in Fukushima. Na, das wäre ja dann wirklich mal besorgniserregend! Als ich das las, wollte ich am liebsten meinen Kopf in die Mikrowelle stecken. Ach ja, untermauert werden diese Informationen (naja, zumindest ein paar) auch mit sehr wichtigen, ernstzunehmenden Links:

http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/geostrategie/mike-adams/das-gebiet-von-fukushima-ist-jetzt-eine-radioaktive-todeszone-wie-ein-von-einer-atombombe-getroffe.html

http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2011/05/schweizer-armee-zieht-geigerzahler-ein.html
(Lesetipp: Sucht nach dem Kommentar von elektromagnetisch und einer Antwort darauf weiter unten von Torsten

Ist aber auch egal, ob wir das alles lesen oder nicht, denn bekanntermassen geht die Welt ja sowieso 2012 unter. Ob ein bisschen radioaktiver als vorher dürfte dann ja egal sein.

Ach ja, der Quartalspreis für vollkommene Unverfrorenheit geht an

http://www.biallo.at/

die unzählige Male versuchten, mit grösstenteils irrelevanten Beiträgen Besucher auf ihre eigene Seite zu führen. Danke dafür – hatte sowieso nichts besseres zu tun als Spreu vom Weizen zu trennen!

Anmerkung 1: Da ich oben erwähnten Webseiten keinen Aufwind geben möchte, sind die Seiten nicht verlinkt.
Anmerkung 2: Ich danke allen von Herzen, die versucht haben, teilweise sehr bedeutsame Links/Informationen auf diesem Wege zu teilen. Das half nicht nur mir sondern mit Sicherheit auch vielen anderen Lesern.

Teilen:  

Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XVIII

Mai 19th, 2011 | Tagged , , , | 1 Kommentar | 1203 mal gelesen

Auf Wunsch einiger Leser – per Kommentar oder persönlicher Nachricht – zum ersten Mal seit Wochen wieder ein Update zum Thema Erdbeben. Es wird wieder sehr subjektiv werden.

Nachbeben
————–
Vorneweg die gute Nachricht: Die Nachbeben haben in letzter Zeit an Intensität und Häufigkeit eindeutig nachgelassen. Vor meiner Kurzreise nach Deutschland spürte ich bei uns tagtäglich Nachbeben – seit ich zurück bin, und das ist immerhin schon wieder eine Woche her – habe ich erst eines eindeutig gespürt. Das soll nicht heissen, das es nur eins gab – ein Blick auf die Erdbebeninfos zeigt, dass es schon noch mehr sind als üblich – aber glücklicherweise Wache ich bei Beben unter der Stärke 3 meistens nicht auf und so spüre ich in letzter Zeit zumindest nachts nichts. Die Woche in Deutschland hat mich auch vorerst von der leichten Form der Erdbebenkrankheit geheilt – das ständige Gefühl, dass die Erde bebt, ob wahr oder nicht, habe ich nicht mehr.
Das ist natürlich keine Entwarnung. Es können noch starke Nachbeben folgen. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass das in Tokyo schon seit geraumer Zeit erwartete schwere Beben zuschlägt, dürfte nachwievor höher sein als sonst. Aber das ist schwer in Zahlen zu fassen, auch wenn es manche Schlaumeier versuchen – die dann in Foren wie DinJ einfach mal so behaupten, dass die Wahrscheinlichkeit für „the Big One“ in den nächsten Wochen bei 97% liegt.

AKW Fukushima
————–
So langsam kommen also die Details ans Licht, und wie schon zuvor befürchtet, ist alles noch schlimmer als man dachte. Wirklich? Eine Kernschmelze hatte also im Block 1 keine 24 Stunden nach dem Beben eingesetzt. Und man weiss noch nicht mal, was genau in Block 2 und 3 nun passierte. Und dann ist da noch Block 4, und viele Tonnen abgebranntes Material in den Abklingbecken. Eigentlich ist es da geradezu erstaunlich, dass da nicht noch viel mehr passierte, aber wie es bereits von zahlreichen Wissenschaftlern vorher bemerkt wurde: Der Reaktortyp ist anders als Tschernobyl und damit sind auch die Abläufe bei einer Katastrophe anders.
Sollte man jetzt also Panik verbreiten? Um der momentanen Entwicklung mal etwa Positives abzugewinnen: Immerhin beginnt man langsam zu verstehen, was wirklich geschah und geschieht. Das ist der erste Schritt zur Planung der richtigen Massnahmen. Und: Der Austrag radioaktiven Materials scheint momentan wesentlich geringer zu sein als noch vor Wochen. Die Strahlung in und um Tokyo, aber auch in anderen Präfekturen, nimmt kontinuierlich ab bzw. ist in einigen Gebieten bereits auf normalem Level. Allerdings gibt es selbst im Grossraum Tokyo grosse örtliche Unterschiede: So stellte man z.B. in Nordwestchiba, in der Gegend um Matsudo, Abiko und Nagareyama, eine 3 bis 5-fach höhere Belastung als im Zentrum Tokyos fest (diese Werte sind damit wohl so hoch wie in Teilen Bayerns nach Tschernobyl). Offensichtlich kam es dort Mitte März zu einem übermässig hohen Eintrag radioaktiver Stoffe, so dass dort der Boden bzw. damit auch die Luft in geringer Höhe stärker belastet ist als anderswo. Einwohner verlangen deshalb nun auch nach einer genauen Messung der Werte im Boden z.B., um gegebenenfalls zu reagieren (Warnung an Eltern usw.)

Ansonsten bekomme ich fast täglich nette Kommentare (die ich nicht veröffentliche) und private Nachrichten, in denen ich auf den einen oder anderen obskuren Link hingewiesen werde, mit Worten wie „Wach endlich auf! Ist alles ganz schlimm!“ oder mit wüsten Verschwörungstheorien nach dem Motto „Warum werden die Werte geheimgehalten? Weil alles noch viel schlimmer ist“ usw. usf. Argumente wie „die Werte werde nicht geheimgehalten, selbst Greenpeace und andere NGO veröffentlichen sie“ dürften da nicht ziehen – wer an Verschwörung glauben will, glaubt dran. Ich jedenfalls aber habe keinen Bedarf nach obskurer Literatur zum Thema.

Versorgungslage
————–
Mittlerweilen gibt es eigentlich wieder alles. Die Politiker beissen beim Pressetermin herzhaft in Gurken aus Fukushima und verkünden dabei, das alles in Ordnung sei. Ich bin zwar kein Verschwörungstheoretiker, aber das glaube selbst ich nicht: Klar, für den 75-jährigen Politiker wird der Biss in die Gurke ganz sicher keine Konsequenzen haben. Aber was ist mit stillenden Müttern und kleinen Kindern? Das Risiko werden wir nicht eingehen und verzichten damit nachwievor auf Gemüse aus der Region. Was gar nicht so leicht ist, da fast alles grüne Gemüse aus dieser Region hier stammt.

Lage im Norden
————–
Nun, es geht wohl voran mit dem Saubermachen, aber erwartungsgemäss wird es noch sehr, sehr lange dauern. Man dürfte von Jahren ausgehen. Noch immer leben zehntausende Menschen in Notunterkünften, aber wenigstens scheint sich die Versorgungslage verbessert zu haben.

Die dunkle Seite
————–
Ich hatte einmal geschrieben, dass die Japaner in punkto Ruhe bewahren nach der Katastrophe und gegenseitiger Hilfe der Gipfel der Zivilisation seien. Aber es gibt auch eine dunkle Seite (die ich schon mehrfach in anderen Beiträgen erwähnt hatte): Das Ausstossen ganzer Gruppen aus der Gesellschaft hat noch immer Konjunktur, und dieses Mal trifft es Fllüchtlinge und Einwohner aus Fukushima. Zahlreiche Fälle wurden bereits gemeldet, in denen Hotelbesitzer z.B. Gäste aus Fukushima ablehnen oder selbst Notunterkünfte von den Menschen verlangen, nachzuweisen, dass sie nicht verstrahlt sind. Dies wird noch wildere Blüten treiben. Aber selbst der Aufruf der Regierung, dies zu unterlassen, und der Hinweis darauf, dass Strahlung nicht ansteckend ist, wird da nicht helfen. Das Ausstossen von Menschen aus der Gesellschaft aufgrund einer (in der Regel nicht mal selbst verschuldeten) „Verunreinigung“ hat hier Tradition.

Soviel erstmal nur. Mehr bei Bedarf und bei Gelegenheit.

Teilen:  

Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XV

April 4th, 2011 | Tagged , , , , , | 23 Kommentare | 2745 mal gelesen

Ja, doch, der Name des Erdbebenereignisses vom 11. März 2011 wurde schon wieder geändert: Man hat sich nun auf 東日本大震災 Higashi-Nihon Daishinsai, Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe geeinigt. Der Name trifft es auch gut, denn auf die eine oder andere Weise war bzw. ist dieses Erdbeben eine Katastrophe für (fast) ganz Ostjapan.

Zwischen Westerwelle und Libyen scheint das AKW in Fukushima noch immer gelegentlich für eine Hauptmeldung in den Nachrichten gut zu sein: Immerhin wurde man ja rhetorisch auch schon seit drei Wochen auf die Apokalypse vorbereitet – da kann man die ja schliesslich nicht so einfach abblasen. Natürlich ist der Reaktor noch immer nicht stabil. Natürlich ist die Lage kritisch, da stark radioaktiv verseuchtes Wasser direkt in den Pazifik fliesst. Natürlich wird man hier noch lange mit den Langzeitfolgen kämpfen müssen. Trotz allem bleibt uns hier in Tokyo nichts weiter übrig, als nach vorne zu schauen, und auch die wenigen Erfolgsnachrichten zu bewerten. „Leck, durch das radioaktiv stark verseuchtes Wasser in den Pazifik gelangt, konnte noch nicht geschlossen werden“ kann man nämlich auch anders lesen: „Leck, durch das radioaktiv stark verseuchtes Wasser in den Pazifik gelangt, gefunden“. Zynismus hin oder her: Das ist wenigstens ein Fortschritt. Man weiss, wo das Wasser herkommt. Und wenn man das weiss, kann man auch über Massnahmen nachdenken. Vor eins, zwei Wochen wusste man – gar nichts.
Andere, momentan leicht beruhigende Nachrichten sind z.B., das die Strahlungsbelastung in ganz Ostjapan seit zahlreichen Tagen zwar langsam, aber stetig abnimmt. Und das das Trinkwasser in der Region um Tokyo nicht mehr mit über 100 Becquerel pro Liter, sondern nur noch mit knapp einem Becquerel belastet ist. 0 wäre natürlich besser, aber weniger als 1 ist besser als 100. Oder? Das sich die Lage beim nächsten Regen wieder verschlechtern kann/wird, ist natürlich klar.

In diesem Sinne stiess ich gerade auf einen Beitrag von Reinhard Zöllner für „Die Welt Online“. Ich kenne Professor Zöllner flüchtig – er stiess zur Japanologie der Martin Luther Universität Halle-Wittenberg, als ich wegging. Als Japanologe ist er dem Thema gegenüber sicherlich nicht unvoreingenommen, aber besagter Artikel Apokalypse jetzt! Wir Deutschen sollten uns schämen trifft es meiner Meinung nach genau auf den Kopf. Und es rückt den kurzen THW-Einsatz erneut in ein schlechtes Licht, wie hier schon einmal diskutiert.

Eines der Wörter, die man zur Zeit am häufigsten liest und hört, ist das Wort 自粛 – jishuku – Selbstbeschränkung. Das bedeutet zum Beispiel, dass plötzlich die Werbung von den Fernsehbildschirmen verschwindet, da Firmen und Agenturen aus Pietätsgründen darauf verzichten. Grössere, eher erfreuliche Veranstaltungen (Feuerwerke im Sommer, Festivals, Konzerte usw) werden auch abgesagt. Auch die nächtliche Beleuchtung der Kirschblüten usw. usf. Mittlerweilen melden sich jedoch auch die Kritiker: Versinkt Japan in einer monatelangen Selbstbeschränkung, schadet das der Wirtschaft und der Gesellschaft eher. Ein verständliches Argument, drei Wochen nach dem Beben. Aber es fällt natürlich schwer, so unbeschadet wie vorher weiterzumachen. Jedoch: Selbst die Kirschblüten betreiben jishuku. Normalerweise stehen die Kirschbäume vor unserem Haus ab Ende März in voller Blüte – jetzt sind noch nicht mal Blütenansätze zu sehen. Der Grund ist der ungewöhnlich lange Winter / kalte Frühling: Normalerweise herrschen zu dieser Zeit 18 Grad am Tag und 9 Grad in der Nacht. Die Tageshöchsttemperatur war heute 9 Grad. Den Apokalyptikern sei jedoch versichert: Dies ist nicht der atomare Winter!

————

Anbei noch ein paar Bilder, die ich heute in meiner Stadt gemacht habe: Die Bilder entstanden innerhalb einer halben Stunde – auf dem Weg von unserem Haus zum Bahnhof (mit ein paar Umwegen). Alle Bilder zeigen Schäden durch Bodenverflüssigung – sie sind also eine indirekte Folge des Bebens.
Dazu eine schlichte Erklärung zur „Bodenverflüssigung“. Man kann dies eigentlich ganz leicht zu Hause darstellen. Man nehme eine kleine Kiste und fülle Sand hinein. Dann giesst man etwas Wasser dazu – und zwar so viel, dass der Sand feucht wird, sich aber keine Wasseroberfläche bildet. Dann lege man etwas auf den Sand – Hauptsache, es hat ein kleines bisschen Gewicht. Dann schüttele man das ganze sanft für eine Weile – und man kann zuschauen, wie das Objekt langsam versinkt und Wasser hochsteigt.
Im Extremfall können Gebäude umstürzen – in vielen Fällen passiert jedoch folgendes: Flächen mit geringem Bebauungsgewicht sacken ab, während schwerere Objekte wie Inseln stehenbleiben. Absackungen von bis zu einem Meter sind keine Seltenheit. Gullis bleiben meist stehen und ragen aus der Oberfläche, da sie mit Rohren im Untergrund verankert sind.

 

 

Dieses Haus (rechts) ist nicht mehr bewohnbar – es ist teilweise abgesackt. Das linke Haus ist noch halbwegs intakt.

 

 

Dieses Gebäude wurde von den Einwohnern liebevoll きのこ交番 – „Pilz-Polizeiwache“ – genannt. Auch dieses Gebäude wird man wohl nicht retten können.

 

 

In diesem Fall hat es den kompletten Balkon abgerissen – da der Balkon weniger Druck auf den Untergrund ausübte.

 

 

Viele Japan-Besucher wundern sich, warum fast überall die Elektrik oberirdisch verlegt ist. Das mag verschiedene Gründe haben – ein Grund ist jedoch auf jeden Fall die hohe Anzahl von Erdbeben: Natürlich besteht eine gewisse Gefahr, dass die Masten umstürzen und die Trafos im schlimmsten Fall Brände auslösen. Andererseits sorgt die oberirdische Verkabelung dafür, dass so schnell der Strom nicht ausfällt. Selbst die am schlimmstenn betroffenen Gebiete in unserer Stadt hatten wochenlang zwar nichts – aber Strom und Internet funktionierten.

 

 

Als Folge der Bodenverflüssigung setzt sich das Wasser vom Sand ab und sprudelt nach oben, während der Rest in Folge der Volumenabnahme im Untergrund absackt. Neben dem Wasser sprudelt natürlich auch grauer Schlamm aus dem Untergrund – und das in nicht unbeachtlichen Mengen.

 

 

Herausragende Gullies sind quasi das Symbol der Bodenverflüssigung.

Rein theoretisch hätte es in unserer Stadt nicht zu solch extremer Bodenverflüssigung kommen sollen – bei uns wurde „nur“ eine starke 5 nach der japanischen Skala (Maximalwert: 7) verzeichnet. Jedoch: Die Besonderheit dieses Bebens war die Länge: Das Beben dauerte fast zwei Minuten. Wer obiges Experiment einmal ausprobiert – und zwei Minuten rüttelt, wird sehen, was ich meine…

Teilen:  

Wikileaks – was kommt auf Japan zu?

Dezember 3rd, 2010 | Tagged , , | 5 Kommentare | 713 mal gelesen

Wikileaks ist mal wieder in aller Munde – zwar sind bis zum heutigen Tag nur 598 von insgesamt 251’287 Dokumenten aus dem Fundus der amerikanischen Aussenpolitik veröffentlicht wurden, aber wie schon bei den Dokumenten zum Krieg in Irak und Afghanistan wurden die Dokumente bereits vorher diversen Nachrichtenmagazinen, namentlich DER SPIEGEL, der New York Times, dem Londoner Guardian, der Pariser Le Monde und Madrids El Pais zugänglich gemacht.
Nun haben sich ganz offensichtlich nur westliche Publikationen für eine Vorabveröffentlichung interessiert bzw. qualifiziert. Verständlicherweise stehen da Analysen zu Vorgängen im Fernen Osten, von Nordkorea einmal abgesehen, eher weiter unten auf der Dringlichkeitsstufe.
Dementsprechend ist Wikileaks momentan auch nur eine Randnotiz in den japanischen Medien wert – vor allem in Hinsicht auf Nordkorea-China-bezogene Dokumente und der Tatsache, was ein solcher Diplomatiegau in Zukunft für Auswirkungen haben werde. Aber man darf gespannt sein: Welche japanbezogenen Dokumente werden da wohl ans Licht kommen? Dass man japanische Politiker für austauschbar, schwer durchschaubar und teilweise hoffnungslos hält dürfte eine Selbstverständlichkeit sein. Obwohl ich mir nur schwer vorstellen kann, dass japanische Politiker gegenüber amerikanischen Botschaftsangestellten ähnlich geschwätzig sind wie diverse deutsche Politiker und Funktionäre. Aussenpolitisch gesehen darf man jedoch davon ausgehen, dass es einigen Zündstoff geben wird: Böse Kommentare oder Absichten dürften sich dabei jedoch im Hinblick auf japanisch-koreanische sowie chinesisch-japanische Beziehungen jeweils beiderseits die Waage halten.
Eine Frage interessiert freilich jedoch bereits jetzt schon die Medien hier: Ist an den Anschuldigungen gegenüber dem WikiLeaks-Gründer Julian Assange was dran – oder ist das ganze eine infame Kampagne irgendeines Geheimdienstes? Die Wahrheit wird wohl momentan nur Herr Assange wirklich kennen…

Das Wort des Tages: 漏洩 rōei. Beide Zeichen bedeuten „durchsickern“. Das Leck – auch im Zusammenhang mit 情報 jōhō – Information – benutzt.

Teilen:  

Nächste Panikwelle? Vulkanausbruch in Island in japanischen Medien

April 20th, 2010 | Tagged , , | 13 Kommentare | 1146 mal gelesen

Die Medien können auch hierzulande nicht ohne ein Thema leben, mit dem Panik geschürt werden kann. Da bietet sich, nach dem leisen Ende der Schweinegrippe und den ganzen Schauergeschichten um unverfrorene Kindermeuchler ganz unerwartet ein neues Thema an: Der Ausbruch des Vulkans mit dem unaussprechlichen Namen im fernen Island. Fern? Gar nicht mal so sehr: Wenn die Asche einmal in den Jetstream erreicht, ist es nicht mehr weit bis Japan.
Und so wird von den Medien schon ein düsteres Bild gemalt. Begünstigt auch vom bereits jetzt aussergewöhnlich kalten April (wohl der kälteste seit gut 30 Jahren), der jetzt schon die Preise für einige Gemüsesorten um bis das Dreifache hat ansteigen lassen.

Mehr als gerne verweisen die Programme so ganz nebenbei zum Beispiel auf die 天明の大飢饉 (Tenmin no Daikikin – die Tenmin-Hungersnot) – die dauerte von 1782 bis 1788 und war hauptsächlich dem Vulkanausbruch des Asama-yama nördlich von Tokyo zu verdanken. Historiker bewegen sich bei den Opferzahlen um die 100,000 herum – kein Vergleich zwar zur Great Potatoe Famine in Irland im 19. Jahrhundert, aber immerhin – so dicht war Japan damals nämlich noch nicht besiedelt.

Erste Japan-Blogger lassen sich auch schon von der Welle erfassen und schreiben zum Beispiel darüber, was passieren würde, wenn der Fuji-san ausbricht. Dessen Ausbruch ist nicht allzu lange her (geologisch gesehen) – es war 1707 und bescherte Edo (=Tokyo) damals eine 4 cm dicke Ascheschicht. Irgendwann im 20. Jahrhundert wurde der Fuji-san zum ruhenden Vulkan erklärt, doch davon sind die Wissenschaftlicher wieder abgerückt – man stuft ihn heute wieder als aktiven Vulkan ein.
Mir würde da allerdings doch eher der ziemlich aggressive Asama-yama in der Präfektur Gunma Sorgen bereiten, aber für Tokyo wäre das Ergebnis wohl in der Tat halbwegs das Gleiche: Verheerend.

Eigentlich kann man da nur alle auffordern, nicht allzu viel darüber nachzudenken und sich nicht von den Medien kirre machen zu lassen – über die Gefahren, die von schlummernden Riesen wie dem Fuji oder gar dem Yellowstone ausgehen, kann man zwar grübeln, aber helfen wird das im Fall der Fälle auch nicht.

Auch in Japan sind freilich zahlreiche Reisende vom Flugverbot betroffen – im Flughafen Narita campieren seit einigen Tagen etliche gestrandete Japanbesucher, die es sich nicht leisten können, mal eben so eine Woche oder mehr an den bestimmt schon genug teuren Japanurlaub ranzuhängen.

Das Wort des Tages: 火山灰 kazanbai. Feuer-Berg-Asche. Die Vulkanasche.

Teilen:  

The Cove – und keinen interessiert’s?

März 23rd, 2010 | Tagged , , | 26 Kommentare | 1096 mal gelesen

Dreckige Delphinkiller – diesen Kommentar hatte mir vor Jahren mal ein vorausschauender, wenn auch wortkarger Leser meiner Japan-Seiten ins Gästebuch geschrieben, immerhin versehen mit „freundlichen Grüssen aus Berlin“. Rund zwei Jahre später dann gewinnt ein Film über genau solche Gestalten den Oscar als besten Dokumentarfilm. Eine Filmkritik kann ich dabei leider nicht liefern – mangels Gelegenheit, das Objekt des Anstosses in Japan zu sehen.

Vorurteil hin oder her – japanische Medien und viele Japaner schlechthin sind unheimlich daran interessiert, welchen Eindruck man im Ausland über Japan hat. Wobei viele das ganze auch durchaus selbstkritisch angehen. Eines jedoch kann man hier nicht verknusen: Wenn ein dahergelaufener Ausländer einen kritischen Film über Japan dreht. Auf diese Art und Weise wurde auch schon vor zwei Jahren der kritische Film Yasukuni abgewürgt, der es aus Angst der Kinobesitzer, Randale unter rechten Gruppierungen zu schüren, schliesslich in kein Kino mit mehr als 20 Sitzplätzen schaffte (behaupte ich jetzt mal – jedenfalls hat ihn keine einzige Kinokette ins Programm genommen, und unabhängige Kinos gibt es nur selten).

„The Cove“ handelt ja von einer alten Tradition im Fischerstädtchen Taiji (Präfektur Wakayama, südlich von Ōsaka), bei der gute tausend Delphine in einer Bucht zusammengetrieben und getötet werden. Diese Tradition hält, obwohl die Tiere nachweislich stark schwermetallbelastet sind, an, und das Fleisch wird gegessen. Der Film wurde teilweise mit versteckten Kameras gedreht und erzählt aus der Perspektive von Tierschützern.

So ganz liess sich der Film freilich nicht verstecken – auch hier war er nach der Oscarverleihung eine Randnotiz in den Nachrichten wert. Und: Momentan spaltet der Film die Nation – und zwar in Einheimische und Zugereiste. Mehr und mehr Ausländer nehmen sich des Themas an und versuchen, auf den Film aufmerksam zu machen. Wird das Erfolg haben? Wohl kaum.

Ohne den Film bewerten zu wollen – das kann ich, wie eingangs beschrieben nicht – gibt es hier ein paar klitzekleine Probleme:

– Die meisten Japaner wussten bis dato nicht, dass überhaupt Delphine getötet und gegessen werden in Japan. Taiji und noch eine handvoll anderer Gemeinden sind nicht gerade sehr repräsentativ für das Land, wenngleich auch ein Beleg dafür, dass in Japan alles, was mit dem Rücken nach oben im Meer schwimmt, als jagd- und damit essbar gilt.

– Die Tatsache, dass eine Handvoll Ausländer mit versteckten Kameras den Fischern von Taiji bei ihrer Arbeit zuschaut, sorgt eher für Kopfschütteln – wer wagt sich da wohl, den ersten Stein zu werfen?

– Die Tierliebe manifestiert sich in Japan anders (oder … tut sie das überhaupt!?), und das ist teilweise sogar in der Religion begründet. Die Idee, dass ein Tier Symbolcharakter besitzt und dermassen verehrt wird, dass sich unzählige Teenager damit die eigenen Wände zupflastern, ist den Leuten hier völlig fremd. Und ich gebe es zu: Mir ist die Idee auch fremd – schon seit langem, nicht erst seit Japan. Wieviel Geld wurde wohl bisher dafür aufgewendet, den Grossen Panda zu schützen – hauptsächlich aufgrund seines Kuschelfaktors – während alltäglich Arten wie der Gemeine Rotbauchpfeifdrüsling, der Gefleckte Steppenelch oder die Brünftige Heckenhornisse vor die Hunde gehen – und dies ausser einer Handvoll örtlicher Bauern und Biologen niemanden interessiert?

Mit den Walen ist dies nicht anders – alle mögen die Wale und schwärmen davon, wie intelligent die Tiere sind – aber nur wenige haben wirklich eine Ahnung über aktuelle Bestandszahlen oder warum Pferde- und Schweinefleisch in Ordnung ist, Walfleisch aber nicht. Bewohner von Nationen wie dem lebertrantraumatisierten Deutschland können da schnell mit dem Finger auf ferne Länder zeigen (ohne zu ahnen, dass Japaner zum Beispiel schockiert sind, wenn sie hören, dass in Deutschland die putzigen Kaninchen einfach so auf dem Teller landen).

Einen Effekt könnte der Film jedoch haben: Womöglich wird die Tradition in Taiji bald beendet, zumindest wird darüber nachgedacht. Dass der Film jedoch ausserhalb von Taiji jemals wirklich von sich Reden machen wird, darf bezweifelt werden: So funktioniert Japan nicht.

Das Wort des Tages: イルカ iruka – der Delphin. Interessant sind hier die Schriftzeichen (wobei man jedoch fast nur Katakana verwendet): 海豚 – „Meer“ und „Schwein“. Dies sagt möglicherweise schon etwas darüber aus, auf welche Art und Weise die Tiere früher in Japan betrachtet wurden.

Teilen:  

960 Tage-Hatz beendet: Lindsay-Mörder gefasst?

November 10th, 2009 | Tagged , , | 9 Kommentare | 959 mal gelesen

Heute nachmittag brach medientechnisch die Hölle los: Tatsuya Ichihashi war von der Polizei gefasst worden, und zwar in Osaka. Wer ist Ichihashi? Rückblende:

Im März 2007 wurde die damals 22-jährige Englischlehrerin Lindsay Hawker, angestellt bei der damals grössten (und jetzt bankrotten) Sprachschulgruppe Nova und wohnhaft in 市川 Ichikawa (Chiba), von Freunden als vermisst gemeldet. Bei ihren Sachen findet man eine auf einem Zettel gekritzelte Telefonnummer. Die gehört besagtem Ichihashi. Die Polizei fuhr also zu dessen Wohnung – doch während der Befragung springt der damals 28-jährige barfuss aus seiner Wohnung und flieht.

Kurze Zeit später findet man auf dem Balkon seiner Wohnung eine Badewanne – gefüllt mit Gartenerde und der nackten, gefesselten Leiche von Lindsay. Nun begann eine beispiellose Suche: Ein 140-Mann starkes Polizeiteam beschäftigte sich mit dem Fall. Es wurden zahllose Fahndungsplakate gedruckt – unter anderem mit Bildern, wie Ichihashi wohl aussehen würde, wenn er sich die Haare gefärbt oder als Frau verkleidet hätte usw. Die Eltern kamen eigens aus England nach Japan und traten auch vor die Presse – um sich über die schlampige Polizeiarbeit zu beschweren. Dieses Jahr wurde das Kopfgeld auf bisher einmalige 10 Millionen Yen erhöht – das sind um die 70,000 Euro.

Im vergangenen Jahr hiess es lapidar von der Polizei, dass „der Mann bestimmt bereits Selbstmord begangen habe und deshalb nicht zu finden sei“ (siehe u.a. hier). Das wurde natürlich von den Eltern angeprangert, zumal ja in Japan nachwievor selbst Mord verjährt.

Während der letzten Tage gab es jedoch plötzlich Bewegung: Ein Schönheitschirurg in Nagoya gab an, dass sich der Verdächtige bei ihm Muttermale entfernen und die Nase verändern liess. Ein neues Fahndungsfoto wurde erstellt. Kollegen einer Baufirma in Osaka stellten fest, dass sie über ein Jahr mit dem Mann gearbeitet hatten – bis vergangenen Monat. Auch in Fukuoka war er gesichtet worden. Heute wurde er also entdeckt – gemeldet von einem Angestellten einer Fährgesellschaft: Er wollte nach Okinawa.
Fahndungsplakat

Was die Polizei danach jedoch machte, wird mir ein Rätsel bleiben: Sie schaffte den Verdächtigen heute abend in einem normalen Shinkansen nach Tokyo. Das weiss natürlich die Presse, und so versammelten sich hunderte Presseleute am Shinkansen und am Bahnhof. Momentan wird Ichibashi zur Polizeiwache Gyōtoku gebracht, und er müsste bald da sein: Gyōtoku liegt drei Kilometer von mir entfernt, und gerade flog ein Pressehubschrauber ca. 100 m von meinem Haus entfernt vorbei (wir liegen auf dem Weg). Warum die Polizei ihn nicht mit Hubschrauber oder Sonderwagen bringt – oder statt im Bahnhof Tokyo nicht bereits in Shinagawa aus dem Zug holt, ist mir schleierhaft.

Wie auch immer – mit Ruhm hat sich hier die japanische Polizei nicht gerade bekleckert: Inmitten des Ballungsgebietes Tokyo, in einer dicht besiedelten Wohngegend, flieht ein Verdächtiger barfuss vor der Polizei – und lebt danach unbehelligt in verschiedenen Orten des Landes, und das beinahe 1’000 Tage lang. Dieser Fall dürfte hierzulande noch hohe Wellen schlagen.

Im Übrigen wird der Mann nicht wegen Mordes gesucht, sondern wegen 死体遺棄容疑 – shitai iki hōgi – Verdacht des Zurücklassens einer Leiche. Und das war auch das Wort des Tages. Kein schönes zwar, aber das sieht man sehr oft in Presse- und Polizeimeldungen.

Teilen:  

« Ältere Einträge Jüngere Einträge »