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Stimmen der Unvernunft – Deutschland vs. Japan

August 28th, 2017 | Tagged , | 14 Kommentare | 789 mal gelesen

Im letzten Beitrag habe ich wohl eine etwas kühne These aufgestellt: Dass es im öffentlichen Raum, online wie offline, in Japan weniger unvernünftig zugeht als zum Beispiel in Deutschland. Kühn deshalb, weil das alles in allem eine subjektive Meinung ist, die man so nur schwer in Zahlen ausdrücken kann. Kühn auch deshalb, weil es sicherlich davon abhängt, wo genau man in Deutschland (in meinem Fall: zumeist Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt) ist – und wo genau man in Japan ist (meistens im Großraum Tokyo).

Was die reale Welt anbelangt, stehe ich zu meiner Behauptung. Wohin ich in meiner alten Heimat auch schaue – der Wahnsinn springt mich überall an. Auf Tattoos. Auf T-Shirts. Von den oftmals sinnlos vollgesprayten Häuserwänden. Von Ritzungen im Fensterglas der Züge. Und nicht zuletzt von den Unterhaltungen im Zug. All das erlebt man in Japan äußerst selten: Tattoos gibt es von vornherein viel weniger, und bedruckte T-Shirts bestechen in der Regel höchstens durch ihr radeberechendes Ausländisch. Graffiti? Muss man suchen. Unterhaltungen im Zug? Sind eher selten, vor allem im Berufsverkehr. Telefon klingelt im Zug? Peinlich. Zerkratzte Scheiben? Bisher noch nicht gesehen. Der Unterschied ist so stark, dass das meinen Kindern als allererstes in Deutschland auffiel: Graffiti. Und das laute Unterhalten in öffentlichen Räumen.

Online hingegen sind sich Japan und Deutschland jedoch näher. Vor allem die Rechte macht in den Foren Dampf, aber besorgniserregender ist in Japan der unbewußte Rassismus, der überall durchdringt. Aber auch hier gibt es einen feinen Unterschied, und als Beispiel fallen mir da zunächst die Benutzerkommentare auf Yahoo! Japan, das beliebteste Nachrichtenportal in Japan, und Benutzerkommentare bei der Tagesschau ein. Die Tagesschaukommentare werden dabei etwas stärker moderiert. Was zum Beispiel rechtes Gedankengut anbelangt, nehmen sich beide Portale nicht viel. Doch ein guter Teil der Kommentare auf der Tagesschau bestehen aus Medien-Bashing und grob gesagt ausgewiesener Klugscheißerei. Medienschelte ist dabei natürlich völlig in Ordnung, erst recht bei den Öffentlich-Rechten (die Tagesschau schafft es oftmals nicht einmal, wenigstens die Überschriften korrekturzulesen – das ist unterstes Niveau und muss einfach erwähnt werden) – schließlich werden sie von allen mitfinanziert. Nein, es ist das sinnlose Herumkloppen auf Artikel, die oftmals ganz offensichtlich noch nicht mal zu Ende gelesen wurden. Eine sinnfreie Herumdeuterei, hin und wieder abgeschlossen mit einem falsch platzierten „but what about“-Totschlagargument. Dieses Pseudo-Intellektuelle Rumgehacke sieht man in Japan weniger in den Medien – und darüber bin ich froh. Kommentare schreiben, einfach um Frust abzulassen – gefühlt zumindest ist das in Japan weniger der Fall.

Rassistisches Gedankengut findet man jedoch auch in Japan im Internet sehr schnell – und da die Exekutive in Sachen rechtsextremes Gedankengut (Stichwort Volksverhetzung), vorsichtig ausgedrückt untersensibilisiert ist, sind die Gedanken oftmals krasser formuliert.

Aber wie eingangs erwähnt, ist das alles sehr subjektiv – und sicherlich streitbar.

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Personen, um die man in Japan einfach nicht herumkommt – heute: Matsuko DeLuxe

Juni 2nd, 2017 | Tagged , | 4 Kommentare | 644 mal gelesen

In einer losen Folge möchte ich an dieser Stelle einmal Personen vorstellen, um die man in Japan einfach nicht drumherum kommt. Weil sie allgegenwärtig sind, etwas Besonderes geleistet haben und/oder meinungsbildend sind.

Heute geht es um マツコ・デラックス Matsuko Deluxe, einem Schriftsteller und Fernsehunterhalter, der seit vielen Jahren als seine eigene Kunstfigur durch die Landschaft tobt. Der 44-jährige Mann taucht nur in weiten Frauenkleidern auf und hat eigenen Angaben zufolge die perfekten Körpermasse: 180/180/180. Begonnen hat Matsuko Deluxe, Baujahr 1972, seine Karriere als Schriftsteller, mit Beiträgen für ein Schwulenmagazin.

An Matsuko muss man sich erstmal gewöhnen. Seine Stimme, seine Erscheinung, seine Körperfülle, sein Lachen, dass durch Mark und Bein dringt. Matsuko sprengt – vollkommen bewusst – alle Geschlechtergrenzen. Er ist nicht Mann, er ist nicht Frau – er ist Matsuko (ein Frauenname). Das ist in Japan, wo gleichgeschlechtliche Liebe zwar bekannt und nicht verboten ist, wohl aber totgeschwiegen wird, eine besondere Leistung, auch wenn Matsuko bei weitem nicht der Erste ist (andere bekannte Personen aus dem Genre sind Haruna und Ikko, um nur zwei zu nennen). Das „der“ ist dabei gewußt gewählt – er bevorzugt die Anrede mit männlichen Personalpronomen.

Bemerkenswert ist seine Allgegenwar im japanischen Fernsehen. Lediglich am Sonntag hat Matsuko sendefrei, an den anderen Tagen hat er eins, an manchen Tagen auch zwei Programme, die alle am Abend oder in der Nacht laufen. Dafür braucht man sehr, sehr viel Energie, zumal er in allen Programmen mehr oder weniger die Hauptrolle spielt.

Matsuko kann man mögen oder nicht. Manchmal kann ich ihn mir antun, aber jeden Tag wäre zu viel. Persönlich ganz interessant finde ich 夜の巷を徘徊する yoru no chimata o haikai suru („durch die nächtlichen Gassen ziehen“) – läuft jeden Freitag in der Nacht auf TV Asahi und zeigt Matsuko, wie er mit dem Kamerateam (das auch in die Sendung einbezogen wird) durch diverse Gassen streift und wahllos in Geschäfte reinspaziert. Das kann er gut – er ist äußerst direkt, nicht selten unverschämt, aber meistens auf seine Art erfrischend. Er scheut sich auch nicht vor Konflikten – bleibt aber in seinen Ansichten meistens recht neutral. In Berlin jedenfalls würde man ihn einfach „ein Orijinal“ nennen.

Matsuko Deluxe ist dabei gleichzeitig der lebende Beweis, dass es vollkommen okay ist in Japan, schwul zu sein: Solange man nur schrecklich schrill und extravagant ist.

Hier zur bildlichen Veranschaulichung drei ziemlich amüsante Werbespots mit Matsuko Deluxe:

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Pressefreiheit in Japan

April 27th, 2017 | Tagged , | 1 Kommentar | 551 mal gelesen

In letzter Zeit wird viel über die Pressefreiheit beziehungsweise über die Beschneidung selbiger berichtet – unterlegt vom aktuellen Report der Vereinigung „Reporter ohne Grenzen“, die eine prinzipielle Verschlechterung der Lage im diesjährigen Report beklagten¹. Mit besonderer Sorge werden da die Entwicklungen in den USA, der Türkei, Ungarn und einigen anderen Ländern gesehen. Doch wo steht da eigentlich Japan?

Nun, die gute Nachricht ist, dass Japan auf dem gleichen Platz steht wie im vergangenen Jahr. Die schlechte Nachricht: Es ist der 72. Platz. Damit steht Japan ziemlich weit im Mittelfeld – für eine Demokratie, die seit 72 Jahren Bestand hat, eigentlich eher traurig. Burkina Faso, Papua Neuguinea und Haiti können das offensichtlich wesentlich besser. Die Lage wird auch nicht besser – im Gegenteil. Seit 2012 bemüht sich die Regierung unter Abe, die Pressefreiheit zu beschneiden, indem man zum Beispiel ein Gesetz verabschiedete, das Geheimnisverrat mit bis zu 10 Jahren Gefängnis ahnden kann (siehe Beitrag Angriff auf die Meinungsfreiheit in Japan im Verzug) – selbst die UNO protestiert(e) gegen dieses Gesetz – erfolglos. Hinzu kommen Vorfälle wie dieser hier: Sendeunfall bei Asahi: Vergreift sich der Staat an den Medien?.

Standarte des prestigeträchtigen Foreign Correspondence Club of Japan

Standarte des prestigeträchtigen Foreign Correspondence Club of Japan

Doch nicht nur das: Reporter werden von Regierungsbeamten gegängelt und teilweise unverhohlen verbal angegriffen – so erst geschehen in der letzten Woche bei einem Pressetermin des Wiederaufbauministers Imamura. Ach ja: Imamura ist nun seit vorgestern weg vom Fenster, nachdem er noch einen vom Stapel gelassen hatte: Bei einem offiziellen Empfang verlautete er nämlich, dass man „…Glück hatte, dass die Erdbeben- und Tsunamikatastrophe die Tohoku-Region getroffen hatte“. Klar, er meinte damit, dass es auch stärker besiedelte Gegenden hätte treffen können, aber die Betroffenen waren verständlicherweise nicht begeistert von der Aussage ihres Wiederaufbauministers.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Gefahr, die Reportern durch die sehr starke und einflussreiche politische Rechte droht. Sofort wird dort auf allen Kanälen von Vaterlandsverrat und Nestbeschmutzung gesprochen und Zeter und Mordio geschrien. Morddrohungen gehören wie selbstverständlich zum Repertoire und gehen den Reportern schnell an die Nieren.

Ein anderes, älteres Problem sind die 記者クラブ Kisha kurabu – die „Reporterclubs“. Ein freier Reporter kann in Japan nicht einfach so in eine Pressekonferenz marschieren – er muss Mitglied im Club sein, und der Club entscheidet auf eigene Faust, wer rein darf und wer nicht. Oder wer fliegt.

Eine Verschlechterung der Pressefreiheit bringt zum Anfang auch immer ein besonders trauriges Phänomen mit sich – nämlich das der Selbstzensur. Und wenn man sich die Nachrichtensendungen in Japan so anschaut, dann sind so ziemlich alle Sender voll bei der Selbstzensur dabei (siehe Artikel zum Niedergang der japanischen Fernsehnachrichten). Nach Besserung sieht es leider nicht aus: Auf jeden Fall nicht unter der jetzigen Regierung.

Ach ja: Im Jahr 2010 rangierte Japan beim gleichen Index übrigens auf Platz 11².


¹ Siehe hier
² Siehe hier

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METI’s Patriotenporno

April 3rd, 2017 | Tagged , , | 9 Kommentare | 675 mal gelesen

Da bin ich doch neulich über ein zweisprachiges Pamphlet mit dem klangvollen Namen „Wonder NIPPON!“ gestolpert, das da bereits vor einem Jahr vom japanischen Wirtschaftsministerium (METI) herausgebracht wurde. Der japanische Titel ist viel besser: 世界が驚く ニッポン! – „Worüber die Welt staunt: Nippon!“.  Auf der folgenden Seite wird man umgehend mit der Schlagzeile „Did you realize that Japan is getting this much attention?“ – „Wussten Sie, dass Japan in der Welt so viel Aufmerksamkeit bekommt?“ konfrontiert. Was folgt, sind ein paar schöne Fotos, und ein paar Seiten weiter lustlos zusammengewürfelte Grafiken, anhand derer der staunende Leser erklärt bekommt, warum Japan so dermassen einzigartig ist, dass es ganz viel Aufmerksamkeit, gewiss zumindest mehr Aufmerksamkeit als andere Länder, verdient. Das ganze geschieht im Rahmen der Vorbereitungen für die Olympischen Spiele in Tokyo 2020.

Wundervolles Japan. Und die Menschen erst!

Wundervolles Japan. Und die Menschen erst!

Da erfährt man unter anderem, das  Japaner (und zwar alle!) die Natur ganz anders wahrnehmen, quasi mit anderen Sinnen fühlen – vorgeführt an „fünf japanischen Schlüsselwörtern, die die Welt beeindrucken könnten“ („Five Japanese keywords that may impress the world“). Man erfährt auch, dass Japaner Farben anders wahrnehmen. Und da darf auch mein Lieblingsthema nicht fehlen: Ganze vier Seiten der 64-seitigen Broschüre sind den 4 Jahreszeiten gewidmet, von denen viele Japaner immer noch glauben, dass diese etwas ganz Besonderes sind. Man glaubt es kaum: Diese vier Jahreszeiten sind: Frühling, Sommer, Herbst und Winter!

Was seltsamerweise fehlt, ist das in letzter Zeit so gerühmte „omotenashi“ – die japanische Gastfreundschaft. In einem interessanten Bogen schlägt diese Kolumne in der Japan Times  dabei einen Bogen zu einem wichtigen Aspekt von omotenashi – dem Begriff 忖度 sontaku. Die direkte Übersetzung ist nicht ganz einfach, aber es bedeutet im Prinzip, jemanden einen Wunsch abzulesen/zu erfüllen, bevor selbiger überhaupt geäußert wurde. Damit wurde jüngst im Skandal um die Verwicklung des Ministerpräsidenten Abe nebst Gemahlin bei der Vergabe eines Grundstückes weit unter Wert an den ultrarechten Schulbetreiber Moritomo Gakuen (siehe hier) auch erklärt, wieso das Finanzministerium den Deal um das Grundstück  überhaupt absegnen konnte: Der Moritomo-Chef nahm an, dass es sich um „sontaku“ handelte – die Verantwortlichen im Finanzministerium gingen davon aus, Abe einen Gefallen zu tun, ohne das der Ministerpräsident selbst davon wüsste. Anderswo nennt man das Filz oder Korruption, in Japan hingegen wird daraus eine Tugend. Sontaku eben. Oder vorauseilender Gehorsam.

Japan ist etwas Besonderes, keine Frage. Es ist eben eine Inselnation, die lange Zeit in freiwilliger Isolation verbrachte. Dass Japaner jedoch Farben und dergleichen anders wahrnehmen als andere Menschen, ist hanebüchener Blödsinn. Und ob das Überkippen ganzer Berge mit grauem Beton zum besonderen Naturverständnis der Japaner zählen soll, darf auch diskutiert werden. Das METI könnte deshalb auch gern mal eine andere, vielgerühmte Tugend anwenden: 謙虚 kenkyo. Bescheidenheit. Denn Japan hat auch ohne diese seltsamen Übertreibungen genug zu bieten. Da mache ich mir auch weniger Sorgen um die Ausländer, die dieses Pamphlet lesen – sondern mehr um die Japaner, die das lesen und womöglich alles glauben, was da drin steht. Denn merke: Es soll sogar Orte außerhalb Japans geben, in denen es vier Jahreszeiten gibt. Es soll Gerüchten zufolge auch andere Länder geben, in denen Gastfreundschaft wichtig ist. Und es soll sogar Länder geben, in denen das Essen schmeckt. Kaum zu glauben, aber wahr.

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Yomiuri – der Gigant

Dezember 19th, 2016 | Tagged | 5 Kommentare | 589 mal gelesen

Neulich hatte ich ein Meeting mit Vertretern der 読売新聞 Yomiuri Shimbun (shimbun = „neues + hören“ = Zeitung) in deren nagelneuen Hauptquartier direkt am nördlichen Ende des Kaiserpalastes. Der Zeitungsverlag ist ein Gigant – zum Imperium zählen nicht nur diverse Zeitungen und Magazine, sondern auch einer der stärksten Baseballvereine Japans, ein Vergnügungspark („Yomiuri Land“), ein Fernsehsender (Nittere 日テレ – Yomiuri gehört zumindest das mit Abstand grösste Aktienpaket) und vieles mehr. Yomiuri ist seit vielen Jahren die Tageszeitung mit der weltweit höchsten Auflage, und das mit Abstand, wie man an der folgenden Tabelle sehen kann (Quelle: Wikipedia):

Tageszeitung Land Auflage
2013 2008
Yomiuri Shimbun Japan 9,690,000 10,021,000
Asahi Shimbun Japan 7,450,000 8,038,000
Mainichi Shimbun Japan 3,322,000 3,857,000
The Times of India India 3,322,000 2,951,000
Dainik Jagran India 3,113,000 2,523,000
Reference News China 3,073,000 2,751,000
The Nikkei Japan 2,769,000 3,056,000
Bild Germany 2,658,000 3,142,000
People’s Daily China 2,603,000 2,315,000
Chunichi Shimbun Japan 2,533,000 2,761,000

Die beiden auflagenstärksten Tageszeitungen kommen also aus Japan, aber die Zahlen zeigen deutlich, dass es in Japan mit den Auflagen deutlich bergab geht, während es – nicht überraschend – in Indien (und vorerst auch noch in China) stark bergauf geht. Die Zeitungsverlage von Yomiuri, Asahi und Nikkei stehen übrigens dicht an dicht beieinander, was aber in Tokyo, wo sich Gewerbezweige auch heute noch gern im gleichen Stadtviertel tümmeln, durchaus üblich ist.

Von der Kantine des Hauptquartiers hat man einen bemerkenswerten Blick auf den Kaiserpalast und den Rest der Gegend südlich des Palastes.

Westteil des Kaiserpalastes, dahinter: Shinjuku

Westteil des Kaiserpalastes, dahinter: Shinjuku

Bei der Gelegenheit durfte ich mir auch noch den enormen newsroom der Yomiuri ansehen (in dem Fotografieren allerdings strikt verboten ist). Im selbigen, bestückt mit einem riesigen Konferenztisch, dutzenden Bildschirmen und Uhren an den Wänden, tobt jeden Abend eine regelrechte Schlacht, wenn es darum geht, was am nächsten Tag auf das Titelblatt soll. Bei knapp 10 Millionen Lesern sollte das in der Tat gut überlegt sein. Um 1 Uhr abends muss dann alles entschieden sein – danach kann nichts mehr geändert werden. Für die Redakteure ist das sicher keine leichte Sache, denn die meisten müssen natürlich bis zum Schluss dableiben.

Redaktion der Japan News

Redaktion der Japan News

Die konservativ ausgelegte Yomiuri Shimbun verlegt auch gleichzeitig eine der beiden übriggebliebenen Tageszeitungen auf Englisch in Japan: Die hieß früher „Daily Yomiuri“, heute heißt sie schlicht „The Japan News“ (die andere, übriggebliebene Zeitung ist die „The Japan Times„). Übriggeblieben deshalb, weil es bis vor ca. 10 Jahren noch mehr gab.

Die beiden englischen Tageszeitungen in Japan sind vor allem auf japanische Leser angewiesen — die paar Ausländer reichen nicht aus, um eine anständige Tageszeitung zu betreiben. Zumal sie mit den üblichen Problemen von Tageszeitungen in den meisten Ländern zu kämpfen haben: Die Werbekundschaft bricht weg, und die Leserschaft wird immer digitaler, so dass auch die großen japanischen Zeitungen begonnen haben, ihre Ausgaben zu digitalisieren – kostenpflichtig natürlich.

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Novum: Erstmals japanischer Twitter-Nutzer wegen Fehlinformation verurteilt

November 28th, 2016 | Tagged , , | Kommentare deaktiviert für Novum: Erstmals japanischer Twitter-Nutzer wegen Fehlinformation verurteilt | 635 mal gelesen

Es dauerte keine volle Stunde, als nach dem schweren Erdbeben von Kumamoto am 14. April 2016 plötzlich die Telefone im Zoo von Kumamoto zu klingeln begannen. Die besorgten Anrufer wollten alle das gleiche wissen: Ob es denn stimme, dass ein Löwe aus dem Gehege ausgebrochen sei und nun frei durch die Stadt spaziere. Die Zoowächter konnten das nicht bestätigen und waren berechtigterweise verdutzt: Woher kamen plötzlich all diese Anrufe?

Der Grund für die Panik der Anrufer war ein einziger Tweet. Dieser beinhaltete das Foto eines Löwen, der gemächlich durch eine Straße spaziert, und die kurze Mitteilung

Gerüchte-Tweet: Angeblich ausgebrochener Löwe in Kumamoto

Gerüchte-Tweet: Angeblich ausgebrochener Löwe in Kumamoto

Das kann doch nicht wahr sein – wegen des Erdbebens ist ein Löwe aus dem nahegelegenen Zoo ausgebrochen. — Kumamoto

In Windeseile verbreitete sich die Mitteilung über Twitter – in wenigen Stunden wurde die Nachricht von über 25’000 Nutzern geteilt und damit von hunderttausenden gelesen. Menschen, die wie im Falle eines schweren Erdbebens üblich sich draussen in Evakuierungszentren trafen (üblicherweise sind das Parks oder Schulhöfe, Sportstätten usw.) gingen aus Angst vor dem Löwen schnell wieder in ihre halb zerstörten Häuser zurück – verständlicherweise bekamen es nicht wenige mit der Angst zu tun.

Wenn man sich das Bild im nachhinein ansieht, erkennt man umgehend, dass dies nicht in Japan aufgenommen sein kann: Das Grün und die Form der Ampel links gibt es so nicht in Japan, auch die Strassenmarkierungen sehen anders aus, und dann steht da auch noch ein Straßenname auf Englisch am Bordstein rechts unten. Sicher werden das auch viele erkannt haben, aber wenn man das Photo auf einem winzigen Handy-Display sieht – bibbernd, draussen in der Kälte, nach einem schweren Erdbeben – achtet man natürlich weniger auf die Details.

Der Verursacher schien ganz aus dem Häuschen und postete noch Sachen wie „So viele Retweets – das macht Spass!“ und „Über 20’000 – vielen Dank!“. Am nächsten Tag wurde sein Twitter-Konto gesperrt, und die Polizei in Kumamoto nahm ihre Arbeit auf. Am 20. Juli schließlich wurde ein 20-jähriger Angestellter in der weit von Kumamoto entfernten Präfektur Kanagawa festgenommen. Der Mann hatte nicht das Geringste mit Kumamoto zu tun und gab an, den Tweet nur aus Jux geschrieben zu haben. Das Bild mit dem Löwen hatte er im Internet gefunden – es wurde im April 2016 in Südafrika aufgenommen und es handelte sich um einen zahmen Löwen, der für Filmaufnahmen durch die Strasse schlenderte.

Mit dem schalen Scherz beschäftigten sich nun die Gerichte und kamen zu dem Schluss, dass es sich um „Behinderung der Behördenarbeit durch falsche Informationen“ handelt – belegt mit gut 2 Jahren auf Bewährung und einer Geldstrafe von über 4’000 Euro. Dies ist somit der erste Fall von デマ dema (kurz für Demagogie), der in Japan ein juristisches Nachspiel hatte. Und das ist auch gut so. Denn Demagogie hat in Japan vor allem nach schweren Naturkatastrophen Tradition und kostete zahlreichen Koreaner nach dem Erdbeben von Tokyo im Jahr 1923 das Leben, da verbreitet wurde, dass die in der Hauptstadt lebenden Koreaner die Brunnen vergiften würden. Auch nach dem Erdbeben in Tohoku 2011 und in Kumamoto 2016 gab es antikoreanische Demagogie, zum Beispiel in Form der Behauptung, dass Koreaner plündernd durch die Straßen zögen.

Der juristische Tatbestand der absichtlichen Fehlinformation ist brisant, denn es gibt mit Sicherheit eine Grauzone, die zum Beispiel für Journalisten gefährlich werden könnte. Doch allgemein betrachtet ist die Festnahme und Verurteilung in diesem Fall nur begrüßenswert, denn im Falle einer Katastrophe – dazu noch aus sicherer Entfernung – gefährliche Gerüchte in die Welt zu setzen sollte nicht ungestraft bleiben.

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​Phänomen Pikotaro

Oktober 20th, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 1927 mal gelesen

​Seit ein paar Wochen schon hört man in Japan überall den Namen ピコ太郎 Piko Tarō (PIKOTARO) und sein eigenwilliges Liedchen, das so kompliziert ist, dass man es nunmehr einfach nur mit PPAP abkürzt. Das steht für Pen Pineapple Apple Pen, beziehungsweise um es korrekt auf Japlish bzw. Engrish zu sagen, ペンパイナッポーアッポーペン (Penpainappoappopen). Und damit ist eigentlich schon der ganze Text verraten. Mit diesem gerade mal 1:09 langen Stück, wohlgemerkt sein Erstlingswerk, hat es der Komiker beim heutigen Stand nicht nur auf 57 Millionen Abrufe seines Youtube-Videos gebracht – sondern heute auch in die Top 100 der amerikanischen Billboard-Charts. Als Neueinsteiger landete er auf Platz 77, und ist damit der erste Japaner seit 26 Jahren, der es in die amerikanischen Top 100 geschafft hat. Sowie der 7. Japaner überhaupt. Nicht schlecht für einen 54-jährigen Entertainer, den bis dato kaum einer kannte.

Der Erfolg des Stückchens zeigt, wie zufällig und eigenwillig Erfolg sein kann. Die ersten, die auf Pikotaro aufmerksam wurden, waren sehr wahrscheinlich japanische Oberstufenschülerinnen – die berühmten 女子高校生 joshi kōkōsei fungieren ja nicht selten als Trendsetter. Und in diesem Fall kommt das auch nicht von ohne her: Die betont japanische Aussprache der vier englischen Wörter sowie die Wahl der Wörter erinnert unweigerlich an den oftmals absurden Englischunterricht an japanischen Schulen, der sich nicht selten auf das sture Pauken abstruser grammatikalischer Konstrukte, stumpfes Vokabellernen und das gemeinsame Nachsprechen so wichtiger Sätze wie „This is a pen“ und „This is an apple“ beschränkt – in nicht selten radebrechender Aussprache seitens des Lehrers selbst. Das Lied ist schlichtweg eine Parodie auf die englische Sprachbildung in Japan. Und als solches ist das Opus ein kleines Meisterstück, nicht zuletzt wegen seiner Schlichtheit.

Ach ja: Japanisch lernen kann man mit Pikotaro jetzt auch. Zumindest drei Vokabeln. Bei der er allerdings auch die Aussprache herrlich verhunzt:

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Pokémon Go überall – nur nicht in Japan. Was ist da los?

Juli 19th, 2016 | Tagged , | 7 Kommentare | 1066 mal gelesen

App Store Japan: Lauter Pokemon Go-Guides aber kein Pokemon Go

App Store Japan: Lauter Pokemon Go-Guides aber kein Pokemon Go

Nintendo scheint mit seiner Pokemon-App mal wieder einen besonderen Nerv getroffen zu haben. Wenn man den Fernsehberichten Glauben schenken darf, ist das Spiel ein absoluter Renner – jedenfalls dort, wo es zu haben ist. Und Japan gehört lustigerweise nicht dazu. Und nicht nur das – ein Datum für die Veröffentlichung steht noch nicht einmal fest. Gerüchten zufolge soll es im Juli so weit sein, aber so genau weiss man das scheinbar noch nicht.

Warum die Verspätung? Immerhin ist dies doch Pokemons Heimatland! Nun, zum einen wird vermutet, dass Nintendo noch untersucht, ob das Spiel möglicherweise von den Behörden reguliert werden könnte. Nachrichten von verunfallten Pokemon Go-Spielern im Ausland werden auch in Japan mit grossem Interesse vernommen, und die Idee, dass eine Behörde das Spiel verbietet, ist nicht ganz abwegig: 安全第一 – anzen daiichi (safety first) ist ein in Japan immer und überall wiederholtes Mantra. Ob sich mit Veröffentlichung des Spiels jedoch wirklich was zum Schlechten ändert, darf man bezweifeln: Schon jetzt läuft geschätzt die Hälfte aller Japaner mit den Klüsen auf den Miniapparat gerichtet durch die Gegend. Die andere Hälfte ist bemüht, jener Hälfte auszuweichen, und das ist im Stadtzentrum von Tokyo nicht immer ganz einfach.

Andere Gerüchte besagen, dass das Patent noch nicht anerkannt worden ist oder dass die Server-Architektur noch nicht steht. Da müssen sich die Fans dann also wohl oder übel noch gedulden. Da aber schon jetzt, auch dank der Nachrichten, ein Riesenrummel um das nicht erhältliche Spiel herrscht, dürfte die Veröffentlichung in Japan ungehend alle Rekorde brechen.

Zur gleichen Zeit werden in China (auch dort ist das Spiel noch nicht erhältlich) Stimmen laut, die vor dem Spiel warnen¹ – das ganze sei womöglich ein von Japanern und Amerikanern gemeinsam entwickeltes trojanisches Pferd, mit dem Google und wer auch immer die Google-Daten mitliest geschickt Menschen so manipulieren kann, dass sie unwissenderweise zu Kundschaftern werden. Das klingt nach einer gesunden Portion Paranoia, aber bei rechtem Licht betrachtet muss man nicht lange überlegen, um das Potential zum Mißbrauch zu erkennen. Und Spiel hin oder her – der Gedanke, dass mein Telefon, zwei Softwaregiganten und mir unbekannte Algorithmen mir befehlen, wo ich als nächstes hingehen soll, ist mir auch nicht gerade geheuer. Aber davon einmal abgesehen ist die Idee als solche schlichtweg bahnbrechend.

¹ Siehe unter anderem hier

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Rap in Japan. Und es gibt sie doch: Politische Texte

November 3rd, 2015 | Tagged , | 1 Kommentar | 717 mal gelesen

Was mich an, wie sagt man so schön, „zeitgenössischer“ Musik in Japan schon jeher stört, ist die Seichtigkeit. In der Regel sind die Texte so seicht, wie es nur geht – wenn überhaupt, denn meistens hat man es nur mit einem sinnfreien Kauderwelsch aus Japanisch und Englisch zu tun. Aber das ist der Mainstream und wäre letztendlich so, als ob man die deutsche Musikszene an den üblichen Schlagerbarden misst. Oder an Helene Fischer, würde ich jetzt gern schreiben – leider habe ich noch nie etwas von ihr gehört, sondern nur einiges über sie gelesen, weshalb ich da mal lieber nicht vergleiche.

Heute wurde ich gleich auf zwei Ausnahmen aufmerksam – beides Rapper, die sehr wohl ziemlich politisch werden in ihren Texten. Der eine sagt mir dabei auch textlich zu, der andere eher weniger. Zum einen wäre da KEN THE 390, hier mit ZORN,NORIKIYO und dem Lied „Make Some Noise“:

In dem Stück geht es letztendlich darum, dass das Volk letztendlich nur veräppelt wird (unter anderem wird die Wiederinbetriebnahme der Kernkraftwerke kritisiert) und das es doch langsam mal an der Zeit sei, die Stimme zu erheben. Nicht schlecht gemacht und professionell produziert.

Ein anderer ist show-k, eigenen Angaben nach ein 愛国ラッパー – also ein patriotischer Rapper. Und was patriotisch in Japan bedeutet, wissen wir ja. So heisst es dann auch in diesem Stück, dass sich gegen das Freihandelsabkommen der Pazifikanrainerstaaten, TPP, wendet: „selbst in Deinem heißgeliebten Korea“. Die Musik ist nicht schlecht, die Sprache gut – aber mir ist der Bursche dann doch etwas zu national. show-k & LB: TPP Swag:

Dabei fällt mir, dem Gelegenheits-Rap-Goutierer, ein, dass ich früher einmal der festen Überzeugung war, dass es Sprachen gibt, die sich für Rap eignen, und solche, die sich nicht eignen. Das hat sich geändert. Mit dem richtigen DJ, der richtigen Technik und passenden Reimen ist wahrscheinlich jede Sprache gleich gut geeignet.

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„Sendeunfall“ bei Asahi: Vergreift sich der Staat an den Medien?

April 1st, 2015 | Tagged , , | 6 Kommentare | 3275 mal gelesen

Koga mit selbst gemachtem Schild. Photo mit freundlicher Genehmigung von Ryusaku Tanaka

Koga mit selbst gemachtem Schild. Photo mit freundlicher Genehmigung von Ryusaku Tanaka (Blogos.com)

Das, was da am 27. März in der Nachrichtensendung 報道ステーション Hōdō Station auf TV Asahi, einem der grossen Privatsender Japans, live in der Sendung geschah, war schon drehbuchreif: Da schweifte auf einmal der Stammkommentator 古賀茂明 Shigeaki Koga vom Thema ab. Eigentlich ging es um die Lage im Mittleren Osten, doch Koga merkte plötzlich an, dass dies sein letzter Auftrat als Sidekick des Moderators 古舘伊知郎 Ichirō Furutachi sein werde. Die Begründung: Er wäre vom Sender und Furutachi’s Produktionsfirma geschasst worden. Er hätte schon zuvor verbale Prügel vom Kantei, dem japanischen Pedant zum Kanzleramt, bezogen, aber dank der Unterstützung vieler Menschen bis hierher durchgehalten.

Furutachi war sichtlich überrascht, sprang aber sofort in die Diskussion ein und sagte „Aber das stimmt doch so gar nicht. Und ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich, so sich eine Gelegenheit ergibt, wieder mit Ihnen zusammen arbeiten möchte“. Koga entgegnete: „Aber Sie haben doch selbst gesagt, dass es Ihnen leid tut, dass sie nichts dagegen (gemeint ist seine Absetzung) tun konnten. Ich habe das alles aufgenommen … und wenn es sein muss, werde ich das veröffentlichen“, woraufhin Furutachi ebenso mit der Veröffentlichung von „allem“ drohte¹.

Koga kommentierte die politische Lage jeden Freitag in der Sendung, und er wusste, wovon er redete – er war einst selbst Amtsträger im Wirtschaftsministerium. Nun ist Asahi und auch die Nachrichtensendung dafür bekannt, nicht besonders angetan von Abe’s Politik zu sein, aber Koga war da wesentlich undiplomatischer und ein Kritiker vor dem Herrn. Als es um Abe’s Entscheidung ging, indirekt den Kampf gegen den Islamischen Staat zu unterstützen, hielt er sogar ein im Stil von „Je suis Charlie“ aufgesetztes Schild mit der Inschrift „I am not Abe“ in die Kamera.

Am 30. März folgte das Dementi aus der Kanzlei: Man habe keinerlei Einfluss auf den Sender genommen, das sei alles gelogen. Dass die japanische Rechte natürlich genüsslich über den Vorfall herzieht, ist nicht verwunderlich, denn man hat sich schon vor vielen Jahren auf die linksliberale Asahi eingeschossen.

Koga warnte schon vor geraumer Zeit, dass es drei Schritte bis zum Verlust der Pressefreiheit bräuchte²:

  1. Die Regierung unterdrückt mediale Berichterstattung
  2. Medien üben daraufhin Zurückhaltung aus
  3. Autokraten gewinnen die Wahlen aufgrund mangelnder Informationen

Dabei warnte Koga, dass Japan sich bereits mitten in der zweiten Stufe befindet.

Was trieb also Koga dazu, alle Tabus zu brechen und „on air“ seinem Frust freien Lauf zu lassen? Ist er paranoid? Oder ist er einer der letzten Rufer in der Wüste? Soll man ihm glauben? Soll man der Regierung glauben? Ist er ein Held oder ein Spinner? Naturgemäss tendiere ich zu ersterem. Denn der Regierung ist alles zuzutrauen – erst recht seit das Gesetz zum Schutz von Geheiminformationen erlassen wurde, um nur ein Beispiel zu nennen. Es wird auf jeden Fall interessant sein, den Werdegang Kogas zu verfolgen.

Eine Anmerkung hätte ich noch: Sucht man nach einem Videomitschnitt der besagten Szene, muss man schon sehr tief graben: Es tauchen tausend Videos auf, aber die meisten sind editiert und schlichtweg Hetze. Es ist schon ein bisschen wie bei „1984“: Man versucht mit allen Mitteln das Geschehene ungeschehen zu machen – als hätte es den Vorfall nie gegeben. Stattdessen findet man nur verzerrte Splitter.


¹ Den genauen Wortlaut gibt es hier (Japanisch): Huffingtonpost.jp: 古舘伊知郎氏、番組降板する古賀茂明氏と口論 報道ステーション(全文) (29. März 2015)
² Asahi Shimbun: Abe critic claims on air he was axed from TV program at behest of management (29. März 2015)

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