Ist es ein Menetekel? Verlassen die Ratten das sinkende Schiff? Man weiß es nicht. Da bin ich also fast jedes Wochenende an der Eiscremebude von Häagen-Dazs bei uns im örtlichen Einkaufszentrum vorbeigelaufen – ohne zu wissen, dass dies die einzige Niederlassung in ganz Japan ist! Wie konnte ich das nur verschlafen. Und diese Niederlassung hat heute dicht gemacht, was seit Bekanntgabe vor einigen Tagen zu langen Schlangen vor dem Laden führte.
Wer es nicht kennt: Häagen-Dazs ist ein amerikanischer Eisproduzent. Und der alberne Umlaut im seltsamen Namen hat rein gar nichts zu bedeuten. Der ist nur da drin, weil man in den USA so sehr auf diakritische Zeichen steht, da man sie ja selbst im Alphabet vermisst. Soll man der Wikipedia glauben schenken, stammt “Häagen” von “Kopenhagen” ab und “Dazs” wurde nur angeheftet, damit es besser klingt. Fertig ist die Marketingmasche.
Die Masche scheint zu ziehen, denn die Marke gibt es (fast) weltweit, und sie fehlt in keinem japanischen Supermarkt. Das Eis zeichnet sich durch zwei Sachen aus: Es ist schweinesüß und sauteuer. Ein Minibecher kostet um die 200 Yen – und das ist ordentlich, denn es gibt auch zahlreiche Eissorten für 80 Yen und weniger. Aber das ist natürlich das Kalkül der Marke, und es geht gut auf: In Japan mag man es gern etwas luxuriöser, und Luxus muss natürlich seinen Preis haben.
Der 4-Euro-Becher. Quelle: Herstellerseite
Dazu zählen geschickte Aktionen wie ein Tie-up mit 7-Eleven, der großen Convenience-Store-Kette: Ein Eisbecher, der nur in den Filialen von 7-Eleven verkauft wird, und nirgendwo anders. Stolzer Preis der Sorten “Opera” und “Chocolat Rouge”: 420 Yen, also rund 4 Euro. Inklusive Goldstaub obendrauf. Wie’s schmeckt? Opera schmeckt nicht. Chocolat Rouge ist in Ordnung…
Aber es verschwindet ja auch nur die letzte Filiale. Natürlich bleibt das Eis erhalten, und ich bin mir ziemlich sicher, dass Japan einer der wichtigsten Märkte der Inhaber General Mills und Nestlé ist. Mich dünkt, am Bahnhof Zoo in Berlin auch mal eine Niederlassung gesehen zu haben… aber im Supermarkt hatte ich sie früher zumindest nie bemerkt. Dazu sollte ich vielleicht auch erwähnen, dass ich Deutschland in Sachen Eis vermisse. Von Matcha-Eis (Grüner Tee) einmal abgesehen halte ich Japan eiscremetechnisch für ein Entwicklungsland.
Mit den Verpackungen ist das so eine Sache in Japan. Alles muß schön verpackt sein, wenn möglich mehrfach, denn nur so taugt das ganze auch als Mitbringsel. Das war so, bevor das Wort Umweltschutz auftauchte, und das ist noch immer so. Einzig bei den Plastikeinkaufstüten hat es sich mittlerweilen eingeschlichen, dass man oft nicht mehr ungefragt mit den Tüten nach den Kunden wirft, sondern erst fragt, ob wirklich eine gebraucht wird. Wenn man auf eine Tüte verzichtet, bekommt man sogar vielerorts 2 Yen Rabatt auf seinen Einkauf – ob der eine Artikel nun 20 Yen kostet oder 2’000 Yen. Das ganze ist freilich, wie kann es anders sein, durchaus skurril: Damit man nicht mit dem gemeinen Volk, das da Registrierkasse bedient, kommunizieren muss, hängen kleine Karten an der Kasse, auf denen steht: “Ich brauche keine Tüte”. Die legt man dann in seinen Korb, und schon muss man nicht mit dem Kassenknecht kommunizieren. Natürlich läuft das Ganze dabei natürlich genau nach Kundenhandhabungshandhabe ab. Wer kein “Ich-brauch-echt-keine-Tüte”-Schild im Korb liegen hat, wird vorsichtshalber nochmal verhört: “Brauchen Sie eine Tüte?” Da steht man dann also, der Korb randvoll, und rein gar nichts am Mann, was darauf hindeuten könnte, dass man die Sachen irgendwo verstauen könnte. “Wenn ich den Einkaufskorb mit nach Hause nehmen kann, nicht!”, möchte man da gerne antworten.
Aber es geht ja um Erdbeeren. Was ich da neulich im örtlichen Supermarkt (200 m von mir entfernt) sah, ließ selbst mich erstaunen. Besondere Melonen für 50 Euro und mehr oder bilderbuchmäßige Weintrauben für 20 Euro pro Rebe usw. kenne ich ja zur Genüge, aber einzeln in einer Plastikglocke verpackte Erdbeeren waren mir neu. Mit Rosatuch darunter. Und nochmal in weißem Krepp eingehüllt. Für 150 Yen pro Erdbeere – also rund 1,20 Euro. Aber schauen wir mal genauer hin: Grad Brix (salopp gesagt – der Zuckergehalt): 9°Brix. Rechts daneben ein Hinweis: 9°Brix = mäßiger Geschmack, 10°Brix = guter Geschmack, 11°Brix = sehr guter Geschmack. Klasse, da soll man also 1,20 Euro für eine dreifach verpackte Erdbeere ausgeben – die dann laut Auszeichnung nur mäßig schmeckt. Interessant ist zudem, was man zum Thema bei Wikipedia findet: Laut Beitrag sind Erdbeeren mit 12°Brix mäßig, mit 16°Brix gut und mit 18°Brix hervorragend. Ein Wert von 8 hingegen ist “Schlecht”.
Wer kauft denn bloß sowas? mag der eine oder andere fragen. Nicht wenige! Aber sicher kaum jemand für sich selbst. In Japan herrscht, mehr noch als in Europa, eine Kultur der Gefälligkeiten. Für alles revanchiert man sich auf die eine oder andere Weise. Und egal wie groß der Gefallen war: Die kleine Dankbarkeit muß auf die eine oder andere Weise etwas Besonderes sein. Und wenn es eine mäßig schmeckende, weil überdimensionierte Erdbeere ist.
Was mich da neulich aus der Fischabteilung im hiesigen Supermarkt anschaute, hatte Format: 1 (ein) Thunfischauge, hübsch verpackt im Plastikzylinder und wesentlich größer als meine Faust und leicht getrübt. Na, ist wohl nicht mehr ganz frisch! Aber wer kauft so was? Und wie isst man sowas? Nein, selbst probieren möchte ich es nicht. Ich kann nicht mal ein Karpfenauge aus dem Kadaver pulen. Aber mal kurz recherchiert – und siehe da, Thunfischaugen sind (angeblich) sehr beliebt, da sie viel Kollagen, DHA und EPA (beides Omega-3-Fettsäuren) enthalten, was ja alles bekanntlich sehr gesund ist und zu einem geschmeidigen Pelz verhilft. Der ganze Kram befindet sich allerdings nicht im Augapfel selbst, sondern rundherum.
Ganz so beliebt scheint das Thunfischauge dann aber auch selbst in Japan nicht zu sein, denn echtes Thunfischfleisch ist mittlerweilen sehr teuer, aber dieses riesige Auge hier, und bekanntlich haben die Tiere ja nur zwei davon (Ergebnisse von der Küste vor Fukushima liegen noch nicht vor), kostet nur ni-kyū-pa (298) Yen, also keine 3 Euro. Und von einer Miso-Suppe mit diesem einen Riesenauge (wiegt wohl ein halbes Kilogramm) wird man doch bestimmt satt. Ich jedenfalls wäre nach einem Schluck schon pappesatt.
Wenn es essenstechnisch zwei Dinge gibt, die mich hinter dem Ofen vorlocken können, dann sind das Käse (nun gut, vom Harzer Roller mal abgesehen) und Rāmen – diese würzige Nudelsuppe, die selbst mich als sonst eher suppenabweisenden Genießer zu Begeisterungsstürmen hinreißen lässt. Nun gehört Käse als solcher eher nicht zum Standardrepertoire der japanischen Küche. Der Verbrauch scheint auch hier zuzunehmen, aber meist nur in der Gestalt möglichst harmloser, sprich geruchsneutraler Vertreter. Trotzdem staunen Japaner immer wieder, wenn ich mir Käse auf meine Yakisoba brösele. Dabei passen Käse und Yakisoba eigentlich zusammen wie der Arsch auf den Eimer. Und zwar so gut, dass es sogar Instant-Yakisoba mit Käse gibt. Ich hätte ein Patent anmelden sollen… Auch zu Pasta passt Käse eigentlich fast immer, vor allem, wenn man richtigen Käse mit den richtigen Saucen vermählt. Pasta mit in Olivenöl gebratenem Chili, Basilikum und Knoblauch zum Beispiel wird in Italien zumeist ohne Käse serviert – das aber wahrscheinlich nur, weil die Leute nicht wissen, wie das ganze mit geriebenem Emmenthaler schmeckt. Und ich meine nicht den Ersatzemmenthaler (den es in Japan sowieso nicht gibt). Aber so sehr ich auch Käse liebe – wenn es nicht passt, passt es nicht. Japanische Mentaiko-Pasta (mit scharfem Rogen) zum Beispiel würde ich im Leben nicht mit Käse berieseln – das wäre einfach verkehrt. Zumindest kommt mir das so vor.
Neulich stieß ich jedoch auf einen Bericht über 九十九らあめん – 99 Rāmen – einem Laden in Ebisu, meiner Wirkungsstätte. Jener Laden rühmt sich vor allem seiner Käse-Rāmen, hat aber auch andere Sachen im Programm. Um das Angebot knapp zu halten und das eigene Image zu “mystifizieren”, macht man nur 200 Portionen Käse-Rāmen pro Tag. Wer zu spät kommt, hat halt Pech. In meiner gestrigen Mittagspause machte ich mich also auf den Weg. Offentlich war ich nicht zu spät, aber es sprach für den Laden, dass ich, obwohl es schon halb zwei Nachmittags war, kurz anstehen musste – die Mittagszeit ist für die meisten dann schließlich schon vorbei. Innen sah es heimelich aus, und der Laden ist für eine Rāmen-Bude ziemlich groß.
So sieht's aus - Käse auf Rāmen
Keine 5 Minuten später saß ich vor einer dampfelnden Schüssel Nudelsuppe – und darauf ein Berg weißer, in einer eigens dafür gebauten Maschine geschredderter Käse. Der langsam aber sicher in der Suppe verschwand und sich am Boden der Schüssel in eine glitschige Masse verwandelte. Erwartungsgemäß hatte der Käse keinen starken Eigengeschmack, und überhaupt wunderte ich mich, welchen Käse sie eigentlich dazu verwenden. Geschmacklich konnte ich ihn nicht richtig zuordnen. Die Suppe war auf Miso-Basis gemacht und sehr mild. Dem mußte mit 辛味噌 Kara-Miso – scharfes Miso nachgeholfen werden.
Prädikat: Genießbar. Und der Laden ist prinzipiell richtig gut. Aber Käse und Rāmen ist dann doch nicht so das Richtige – beim Essen verspürte ich plötzlich Kohldampf auf “richtige” Rāmen. Beim nächsten Mal dann. Warum nicht bei 99 Rāmen, dann aber ohne Käse…
Dank familiärer Beziehungen kam neulich wieder eine Ladung Tiefgekühltes ins Haus. Fischiges. Und ich bin immer wieder fasziniert, wie gross die Unterschiede sind zwischen Meeresgetier im Supermarkt und Meeresgetier direkt vom Produzenten: Die meisten Sachen sind einfach mal wesentlich grösser. Nun habe ich schon etliches gesehen, aber als ich neulich den Kühlschrank aufmachte und mich eine ganze Batterie mehr als daumengrosser Saugnäpfe anschaute, war ich etwas überrascht: Dieser Oktopus hatte verdammt dicke und lange Tektakel! Alle Achtung!
Wo wir beim Thema Essen sind: Neulich bin ich mal auf eine interessante Liste gestossen: Durchschnittliche Kalorienaufnahme pro Tag und Land, erstellt von der FAO. Nicht überraschend liegen die USA auf Platz 1 mit 3’770 Kalorien, gefolgt von Österreich (schau an!) mit 3’760 Kalorien. Deutschland (3,530 Kalorien) liegt auf Platz 12 und die Schweiz mit 3,420 Kalorien auf Platz 21. So weit, so gut. Allerdings war ich von Japan etwas überrascht: So weit hinten, auf Platz 82 (2,810 Kalorien) hätte ich es nicht erwartet. Jamaika, Iran, Mauretanien – alle vor Japan.
Nun könnte man einfwerfen: Die sind doch alle so dünn, ist doch kein Wunder! Sicher, aber das gleiche gilt für Chinesen (Rang 65). Wer aber die Liebe der Japaner zum Essen kennt, ist doch – angenehm – überrascht. Gottseidank lässt sich noch immer behaupten: Japaner lieben Essen. Und die Betonung liegt auf Qualität, nicht Quantität. Natürlich gibt es auch Ausnahmen.
Die Liste kann kann man in Excel-Format von der FAO (hier klicken) herunterladen.
Das Wort des Tages: タコ tako. Mit Schriftzeichen (eher selten): 蛸. Der Oktopus. Bitte nicht mit Tintenfisch (イカ ika) verwechseln!
Heute gibt es mal ein buntes Potpourri zur Abwechslung: Ein Stück Video, ein Stück Audio und ein Stück Photo. Nicht, dass wir hier noch zu textlastig werden. Fangen wir mal mit dem Photo an – mit versteckter Kamera aufgenommen und zu schön, um es nicht zu zeigen.
"Veggie" auf Japanisch
Neulich war ich mal wieder bei Firma X zu einem Meeting. Im Erdgeschoss des Wolkenkratzers gibt es ein Café – ein “Tully’s” – das japanische Pendant zu Starbucks. Da ich noch etwas Zeit und bis dato keine Gelegenheit zum Mittag essen hatte, liess ich mich dort nieder und schaute, was es essbares gibt. Nun, es gab “Veggie Pizza”. Nun bedeutet ja “Veggie” eigentlich “vegetarisch” (gelegentlich auch “vegetable”). Da das Wort neu ist, steht es natürlich nirgendwo fest definiert, aber unter “Veggie” versteht man nunmal Vegetarisch. Nicht in Japan: Ich konnte bei der Veggie-Pizza wählen zwischen Tomate+Schinken oder Chicken Gratin. Nun bin ich kein Vegetarier, aber Vegetarier sollten gewarnt sein: Zwar gibt es sehr viele vegetarische Gerichte in Japan, aber für voll nimmt man hier Vegetarier ganz bestimmt nicht.
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Ein Audio: Tja, da lebt man also in einer gewaltigen Metropole mit geschätzten 30 Millionen Einwohnern. Einer gewaltigen Großstadt. Aber das ist den Katzen egal. Diese Aufnahme habe ich vorgestern nachts um 3 Uhr gemacht. Hinweis: Ab ca. der Hälfte wird es richtig laut. Und wer gut hinhört, hört in der zweiten Hälfte auch einen fluchenden, genervten Anwohner. Ach ja: Gegenüber von uns wohnt ein Fischhändler. Kein Wunder, dass die Katzen sich da wohl fühlen.
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Zu guter letzt ein Video – aufgenommen heute morgen auf dem Shinkansenbahnsteig in Tokyo, bevor ich mich auf den Weg nach Sendai machte. Über diesen neuen Typ Getränkeautomat hatte ich hier schon einmal geschrieben, aber heute konnte ich zufällig zuschauen, wie der Automat bestückt wird. Sieht ein bisschen wie Raumschiff Enterprise aus. Original-Audio habe ich entfernt, da es schlicht zu laut war. Die Hintergrundmusik war ein Vorschlag von YouTube und entspricht nicht meinem Geschmack, also einfach ignorieren.
Bekannterweise leidet Japan seit geraumer Zeit an Bevölkerungsschwund mit einhergehender Überalterung der Bevölkerung. Steht ja quasi in Verbindung miteinander. Die Stadtobersten der Verwaltungseinheit Tokyo haben sich jetzt dabei zumindest eine Maßnahme gegen die Überalterung der Bevölkerung ausgedacht: Die Stadtversammlung möchte eine Anordnung aus dem Jahre 1949 kippen, die da heisst ふぐ取扱業等取締条例 – zu deutsch: Anordnung zur Regulierung kugelfischverarbeitender Wirtschaftszweige. Schöner Name, oder. In Tokyo, aber auch in vielen anderen Präfekturen, benötigen Köche, die Kugelfisch zubereiten wollen, eine Sondergenehmigung. Dazu müssen sie Kurse belegen und Prüfungen ablegen. Das kostet ziemlich viel Geld, und so gibt es Fugu (Kugelfisch) nur in Spezialitätenrestaurants. Fugu ist entsprechend teuer in der Hauptstadt.
Doch dem 東京ふぐ料理連盟 (Tokyo-Verband für Fugu-Zubereitung) droht Unheil. Die Stadtversammlung ist dabei, die Prüfungspflicht ab Oktober aufzuheben. Oh je, was wird wohl geschehen? Werden tagtäglich dutzende betrunkene Salaryman Opfer ihrer Kugefischsucht, weil sie in irgendwelchen billigen Kaschemmen ihrem Gourmetwahn fröhnen? Kann man so der Überalterung vorbeugen?
Frittierter Kugelfisch – hier in Ise, Präfektur Mie
Naja, letztendlich eher nicht. Unausgebildete Köche dürfen zwar dann Kugelfisch anbieten, aber sie dürfen nur mit ausgeweidetem Kugelfisch arbeiten. Ungiftigem also. Ausgenommenen Kugelfisch kann bereits jetzt jedermann im Internet bestellen, und vor allem in Shikoku und Kyushu sind die Regeln schon lange nicht so streng – dort ist Fugu gang und gäbe und weit günstiger zu haben als in Tokyo. Von daher wirkt das Gesetz in der Tat überholt.
Das Gesetz wurde übrigens erlassen, weil es nach dem Krieg an Essen mangelte und dementsprechend gegessen wurde, was vorhanden war. War es Kugelfisch, wurde jener eben verzehrt – natürlich von Laien zerlegt. Das kann ins Auge gehen.
Ach ja: Der ursprüngliche Reiz beim Kugelfischverzehr lag früher übrigens darin, eine wohldosierte Menge des Gifts im Fisch zu lassen. Das soll ein besonderes Kribbeln im Rachen erzeugt haben. Russisch Roulette für Feinschmecker eben.
Ein krankes Kind mit hohem Fieber, eine erschöpfte Gemahlin und der übliche Stress auf Arbeit liessen mich heute abend, bzw. eigentlich nachts, zum ersten Mal seit langem zur Tiefkühlfrost greifen, denn Lust zum kochen hatte keiner mehr. Kurze Suche – ich hatte 5 Minuten Zeit, bis der Supermarkt punkt 21:45 dicht macht – und schon hatte ich zwei Packen “Pasta Genovese” in der Hand. Pasta Due porzioni quasi, das klingt nicht so verfressen. Auf dem Bild: Grüne Spaghetti, darauf schwarze Oliven, ein paar verirrte grüne Böhnchen und ein Hauch von Parmesan. Und irgendwas Weisses.
Irgendwas Weisses? Das war mir vorher gar nicht aufgefallen. Vor dem Beschicken der Mikrowelle – mein Gott, was für ein Freitag abend – schaue ich noch mal genauer hin. Was Weisses. Gut, der Kontrast stimmt: Grün, dann schwarze Oliven, und eben weisse Würfel. Das sind doch nicht etwa… oh doch, ein Blick auf die Verpackung bestätigt meine Befürchtung: Kartoffelstückchen! Auch noch frittiert! Na klasse. Wer kommt eigentlich auf die aberwitzige Idee, Kartoffeln in die Nudeln zu tun? Kartoffeln? Gerne, her damit! Nudeln? Aber Hallo! Ohne Nudeln hätte die Menschheit gar keine Daseinsberechtigung. Gnocchi? Auch gut! Liebend gern! Aber Nudeln mit Kartoffeln drauf? Ich kann mir so etwas partout nicht vorstellen: “Du, Schatz! Danke für den tollen Abend! Und für das Essen! Also die Pasta mit den Kartoffelstückchen drauf, die haben mich echt zum Schmelzen gebracht!” Gibt es auch nur eine Person auf diesem Planeten, die so etwas sagt!?
Nun gut, ganz abwegig ist das nicht. In Ägypten schieben die Leute pausenlos kuschari in sich rein – ein wilder, hilflos wirkender Mix aus Linsen, Reis und Nudeln (zugegebenermassen kann das sogar schmecken – zumindest wenn man grossen Hunger hat. Liebe Ägypter – jetzt bitte nicht mit der Blutwurst zurückwinken). Aber diese Unsitte, Kartoffeln auf Nudeln und Pizza zu kippen, ist einfach abartig. Eigentlich ein Wunder, daß auf der Packung nicht “German Pasta Genovese” stand, denn eigentlich wird Essen mit unansehnlichen Kartoffelbrocken drin oder drauf gern das Prädikat “German” zugestanden. Genauso wie man in Deutschland ja gern Pizza mit Mais drauf als “American” deklariert. Die Unsitte mit dem Mais kennt man freilich auch hier: In Convenience Stores kippt man gern Mais auf Pasta Aglio e Olio. Das passt genauso gut zusammen wie Bier mit Tomatensaft. Jaja, ich weiss, das gibt es wirklich und nennt sich “Red Eye”. Immer, wenn das jemand bei mir im Pub bestellt hatte (zu meiner Studentenzeit in Japan), hätte ich am liebsten entgegnet: “Gern. Darf ich mich vorher kurz übergeben?” Aber ansonsten bin ich wirklich sehr tolerant. Ganz ehrlich!
Ach ja: Die Kartoffelstückchen habe ich natürlich vor dem Verzehr entfernt. Nein, ich habe sie nicht meinen Kindern gegeben. Ich bin nicht so gemein wie meine Tochter, die die Erdbeeren aus dem Kuchen entfernt und dann sagt: “Hier, darfst auch mal probieren!”
Am vergangenen Sonntag ging es auf Wunsch einer einzelnen Tochter in einen ziemlich grossen Park im Osten von Tokyo. Wunsch der Begierde waren sogenante クヌギ Kunugi. Im Deutschen unter dem Namen “Japanische Kastanieneiche” bekannt, bzw. wahrscheinlich eher unbekannt. Die Kastanieneicheln sind eher so groß wie Eicheln, nur rund, und während man Eicheln hier so ziemlich überall findet, gibt es Kunigi eher selten. Damit werden die Kunigis bei 4-jährigen zu einer beliebten Währung.
Gesagt, getan. Papa weiß natürlich, in welchem Park Kunigi-Bäume an welcher Stelle stehen. Dumm nur, daß wir etwas zu spät dran waren – nahezu alle Kunigi waren bereits von anderen Kindern aufgesammelt worden. Verdammt. Man sollte mehr Kunigi-Bäume pflanzen. Oder die Anzahl von Kindern in Parks einschränken. Ein anderer Baum weckte jedoch die Aufmerksamkeit einiger Kinder. Jener trug Früchte, die in Form, Farbe und Größe am ehesten Zitronen ähneln. Scheinbar war gerade Wurfzeit, denn der Baum war dabei, seine Früchte abzuwerfen. Die Teile waren extrem hart, rochen dafür aber sehr ansprechend. Das erste, was mir beim Geruch einfiel, war reife Birne. Mit einer leichten Zitronennote, aber da habe ich mich vielleicht einfach nur durch Farbe und Form beeinflussen lassen.
Warte noch 2 Jährchen: Karin-Schnaps
Berechtigte und wohlplatzierte Frage meiner Tochter, bevor sie sich anschickte, herzhaft hineinzubeissen: “Kann man die essen?” Botaniker, der ich bin (“ist grün, wird wohl ‘ne Pflanze sein”), antwortete ich natürlich sofort “öhhhmmmm”. Aber Halt. In Tokyo haben zwar Straßen keine Namensschilder, Bäume hingegen häufig schon. Mal schauen. 花梨 (karin) steht da drauf. Wörtlich übersetzt “Duftbirne”. Na sowas! Wäre der Name “Duftbirne mit einem leichten Anflug von Zitrone”, hätte ich mich wahrscheinlich an Ort und Stelle selber gefeiert.
Was macht also der geübte Großstadtmensch? Funke rausgeholt und erstmal gegoogelt. Und siehe da, der erste Suchvorschlag lautet “花梨酒”. Auf deutsch “DuftbirnenSchnaps”. Na bitte. Wär’ doch gelacht, wenn man aus den Dingern nicht was machen könnte. Kind schaute daraufhin nur noch verblüfft zu, wie Papa sich bemühte, mit gezielten Würfen dem Baum noch mehr Früchte abzuringen.
Mit drei Karin in der Tasche ging es also nach Hause. Dort wurde natürlich erstmal recherchiert. Und erfreut festgestellt, daß die Dinger richtig gesund sind. Sie werden wohl auch in der traditionellen chinesischen Medizin (漢方) angewendet, vor allem um Erkältungen vorzubeugen bzw. kurieren, aber auch gegen Entzündungen jeglicher Art. Der englische Name bedeutet übersetzt “Chinesische Quitte”, und für die Lateiner unter uns: Pseudocydonia sinensis. Zyankali ist auch drin bzw. entsteht, wenn man sie zu sich nimmt, weshalb wohl vor übermässigem Genuß gewarnt wird.
Einfach so essen kann man die Karin nicht – sie sind viel zu hart. Laut Rezept nimmt man also ein Kilo Karin (wie das klingt!), knapp 400 Gramm Kandiszucker und 1.8 Liter weißen Schnaps. Früchte waschen, in ca. 2 cm breite Streifen schneiden und so wie sie sind, samt Kerne und ungeschält, zum Rest hinzufügen. Nach 6 Monaten unter Verschluß soll das Ganze wohl trinkbar sein. Nach einem Jahr soll man die Früchte entfernen. Nach 2 Jahren soll das Gebräu dann sogar richtig gut schmecken.
Nun gut, dann weiss ich, worüber ich im November 2013 bloggen kann. Vielleicht unter Karineinfluss.
Nur für’s Protokoll: “Selbstgebrautes Teil 1″ befindet sich hier: Bergpfirsich-Shōchū.
Ich liebe Jahreszeiten – beziehungsweise vieles, was Jahreszeiten so mit sich bringen. In Japan zelebriert man die Jahreszeiten dabei ausgiebig – jede Saison hat ihre eigenen Spezialitäten, vor allem in Punkto Essen und Traditionen (das ist nicht nur in Japan so, aber hier besonders ausgeprägt).
Bergpfirsich in Shōchū
Zu den weniger bekannten Anzeichen, dass es so langsam Sommer wird, gehört die ヤマモモ (Yamamomo)-Ernte. Wörtlich übersetzt heisst der Baum “Bergpfirsich”, aber die Früchte sehen weder aus wie Pfirsiche noch gehören sie zur gleichen Ordnung – Yamamomo zählt zu den Buchenartigen, und dort wiederum zur Familie der Gagelstrauchgewächse. Sagt zumindest die Wikipedia – mir ist der Name kein Begriff. Der lateinische Name lautet “Myrica Rubra”.
Etliche dieser immergrünen Bäume stehen bei uns in der Umgebung herum. Ende Juni fallen dann die tiefroten Früchte herunter und verursachen eine ordentliche Sauerei. Eines Tages sah meine Frau einen alten Mann, der ein paar Früchte einsammelt. “Was machen Sie damit?” fragte sie neugierig. “Na, in Shōchū (stärkerer, klarer japanischer Schnaps, meist aus Reis, Süsskartoffeln oder Zuckerrohr gebraut) einlegen, was sonst?”.
Gesagt, getan. Meine Frau sammelte also auch ein paar ein und warf sie in den besten (bzw. einzigen) Shōchū im Haus. Ein paar Wochen später wurde der langsam rosa. Und on the rocks getrunken schmeckte das ganze gar nicht mal so schlecht: Ein leicht saurer, aromatischer und sehr erfrischender Geschmack. Hat nicht viel Tiefe, aber ist dementsprechend auch nicht aufdringlich.
Heute war es dann also wieder soweit: Ein grosser Bergfirsichbaum voller reifer Früchte machte sich am Boden durch viele grosse dunkelrote Flecken bemerkbar. Also habe ich wieder Bergfirsichshōchū aufgesetzt. Jetzt ist Sommer. Mit all seinen schlechten Seiten (Hitze) und all seinen guten Seiten (Hitze).