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Neulich stolperte ich als regelmässiger Nutzer der Tagesschau-App (die, so viel Lob muss sein, sehr gut gemacht ist) über einen kurzen Artikel mit dem Titel “Das vielfache Vergessen von Fukushima“. Ein Video dazu war auch da (nun scheint es wohl weg zu sein) und dutzende Kommentare, bei denen sich mir wirklich der Magen umdrehte. Auch die Kommentare kann ich nicht mehr finden. Ist wohl auch besser so.
Lese ich mir den Artikel so durch, bekomme ich es mit der Angst zu tun. Sind alle Themen der Tagesschau so schlecht recherchiert? Eigentlich sollte man doch von der ARD vergleichsweise hochwertigen Journalismus erwarten können, oder?
Mein erster Eindruck nach meiner Ankunft in Tokio war ernüchternd: Für die Bewohner der Millionen-Metropole scheint Fukushima genauso weit weg zu sein wie für die Menschen in Köln oder Berlin. Auf den Straßen herrscht Betriebsamkeit, wie man sie von Fotos oder Filmen her kennt.
Du meine Güte – was hat der Berichterstatter erwartet? Das alle mit gesenktem Kopf und Gasmaske trist und traurig durch die Strassen schleichen? Hätte der Reporter doch mit Hilfe seines Dolmetschers, den er doch hoffentlich dabei hatte, wenigstens ein paar Leute interviewt! Dann hätte er wahrscheinlich schnell herausgefunden, dass die Katastrophe den Leuten noch immer in den Knochen steckt! Es vergeht kaum ein Tag ohne bemerkenswerte Erdstösse. Und Fukushima taucht nahezu täglich in den Nachrichten auf. Viele Leute haben das Gefühl, dass das noch nicht alles war. Vor allem nicht in Sachen Erdbeben, denn zahlreiche Wissenschaftler haben erst kürzlich vermeldet, dass die Wahrscheinlichkeit, das Tokyo in ziemlich naher Zukunft einen schweren Direkttreffer erleben könnte stark gestiegen ist.
Auch die Sorge um verstrahlte Lebensmittel und das Gefühl, dass im AKW Fukushima noch lange nicht alles in trockenen Tüchern ist, ist bei vielen vorhanden. Aber, lieber Reporter, drei Mal darfst Du raten, wovor der Hauptstädter mehr Angst hat: Vor einem schweren Erdbeben direkt unter der Hauptstadt mit zehntausenden Toten, hunderttausenden zerstörten Häusern, wochenlangen Versorgungsengpässen und so weiter und so fort, oder vor Fukushima? Vor Fukushima natürlich? Ist klar…
Am Abend flimmert und leuchtet die Stadt, keine Spur von Stromausfällen – obwohl inzwischen nur noch ganze drei der einst 54 AKW des Landes am Netz sind.
Klingt alles so einfach, oder? Als ob man die 54 AKW ganz aus Spass betrieben hatte! Vielleicht sollte mit einer winzigen Fussnote erwähnt werden, das Japan einen sehr hohen Preis dafür zahlt. Aufgrund der jetzigen Lage verzeichnet Japan das erste Handelsdefizit seit Erhebung der Daten 1979. Warum? Fossile Brennstoffe müssen teuer importiert werden. Die Folge, vor allem aufgrund der seit Monaten steigenden Energiepreise: Rezession. Wieder. Klar, ohne die AKW ist es besser – und die letzten 3 kann man jetzt auch ruhig abschalten (aber das wird so schnell nicht passieren).
Immerhin hat sich der Reporter mit japanischer Begleitung nach Minami-Sōma gewagt, und seine Beobachtungen dort decken sich zum Teil mit dem, was ich dort erlebt habe. Die Region ist nachwievor im Ausnahmezustand.
Wesentlich schlimmer als der Artikel waren die Kommentare. Eine arme, gut deutsch schreibende Japanerin verzweifelte schier daran und versuchte zu erklären, welchen Stellenwert welcher Teil der Katastrophe für die Japaner hat. Sie wurde natürlich gleich als Atomlobbyistin abgetan. Wer nicht wie wir ist, muss einer von denen sein. Ein Kommentator war sich auch ganz sicher, dass in Kürze ganz Japan, Korea und Sibirien verstrahlt sein werden.
Nun – Ziel des Reporters war es, sich “… ein Bild davon machen, welche Spuren die größte Reaktorkatastrophe seit Tschernobyl in diesem Land hinterlassen hat – auf den Straßen, Feldern und Dächern der Städte rund um den Reaktor, aber auch in den Köpfen und Herzen der Menschen.” Ziel verfehlt. Vielleicht begreift irgendwann mal ein Reporter, das man die drei Komponenten – Tsunami, Erdbeben und Reaktorkatastrophe – nicht so ohne weiteres trennen sollte? Allein in Minamisōma sind über 400 Leute vom Tsunami getötet worden, und rund 1’000 Bewohner gelten als vermisst. Auch das beschäftigt die Menschen nachwievor. Aber Erdbeben und Tsunami sind wahrscheinlich zu abstrakt und so weit entfernt wie Köln oder Berlin…
In den vergangenen Wochen hatte ich im Rahmen meiner Arbeit ziemlich viel mit dem Schulwesen in Japan zu tun. In der Theorie, und in der Praxis. Genauer gesagt ging es um die Oberstufe in Japan. Kurze Einleitung: In Japan gehen Schüler erst 6 Jahre lang zur Grundschule (小学校, Elementary School), danach 3 Jahre lang zur 中学校 Junior High School (Mittelstufe) und anschliessend zur 高校 Senior High School (Oberstufe). Grund- und Mittelschule (6 Jahre bis 15 Jahre) sind Pflicht in Japan; Oberstufe hingegen nicht, aber gesellschaftlich gesehen ist die Oberstufe schon Pflicht – knapp 95% der Japaner besuchen die Oberstufe (und fast 50% später die Uni bzw. andere weiterführende Bildungseinrichtungen).
Nun hatte ich im Auftrag eines Schulbuchverlages mit dem Bildungswesen an Oberstufen zu tun und gewann so ein bisschen mehr Einblick in das System, welches mit dem System in Deutschland zum Beispiel nicht sehr viel zu tun hat: In Japan gibt es öffentliche und private Oberstufen – im Grossraum Tokyo sind zum Beispiel mehr als 50% der Oberstufen privat; auf dem Land hingegen gibt nur sehr wenige private Schulen. In Großstädten schicken Eltern ihre Kinder auf Privatschulen, um ihren Kindern bessere Bildungschancen zu gewähren (und weil sie es sich leisten können). Auf dem Land sind private Schulen hingegen oftmals die letzte Chance für Schüler, die Privatschule zu besuchen, wenn sie es wegen mangelnder Leistungen nicht zu einer regulären Schule geschafft haben.
Im Unterricht müssen vom Bildungsministerium (文部科学省, kurz MEXT) genehmigte Schulbücher benutzt werden. Dabei gibt es für jedes Fach offiziell genehmigte Lehrbücher von mehreren Verlagen. Welche Lehrbücher benutzt werden, entscheidet dabei der Träger der Schule: Ist es eine Präfekturoberstufe (県立 – kenritsu), entscheidet das das Bildungskomitee der Präfektur. Ist es eine städtische Schule (市立 – ichiritsu), entscheidet dies das Bildungskomitee der Stadt. Bei privaten Schulen (私立 – shiritsu) hingegen entscheidet das der Besitzer und / oder der Lehrerrat. Diese offiziellen Schulbücher kann man nicht öffentlich erwerben, und mit den Büchern selbst machen Verlage aufgrund der niedrigen Preise kaum Gewinn.
Doch da kommen die 副教材 – fukukyōzai – Begleitmaterialien ins Spiel. Die müssen nicht vom Ministerium genehmigt sein. Und: Diese Zusatzmaterialien müssen von den Schülern (bzw. natürlich deren Eltern) bezahlt werden – ohne das die Eltern da ein Wort mitreden können, versteht sich. Die Summe der Zusatzmaterialien für ein einziges Fach kann dabei durchaus schon mal ca. 100 Euro pro Jahr betragen. Und das gilt nicht nur für private Schulen, sondern auch für öffentliche (und damit eigentlich kostenfreie) Schulen. Und es gibt neben Sport 9 verschiedene Fächer. Doch wer entscheidet, welche Zusatzmaterialien benutzt werden? Es gibt für jedes Fach zahlreiche Verlage, die um die Gunst der Lehrer buhlen. Und so schicken die Verlage in regelmässigen Abständen ihre Vertreter in die Schulen, die sich dort die Lehrer schnappen und ihnen ihre neuesten Begleitmaterialien unter die Nase reiben.
Das ganze ist immerhin ein riesiger Markt. Gehen wir mal von einer durchschnittlichen Oberstufenschule aus: Die hat in Japan ca. 1’000 Schüler. Wird also jeder Schüler von der Schule “gezwungen”, alljährlich Begleitmaterialien für Fach XYZ im Wert von 100 Euro zu erwerben, macht das 100’000 Euro Umsatz für den Vertreter für diese eine Schule. In Japan gibt es übrigens momentan gute 5’000 Oberstufen. Nun gibt es jedoch von Schule zu Schule durchaus Unterschiede: 進学校 (Shingakkō) genannte, “gute” Schulen mit dem Ruf, ihre Schüler später an guten Unis platzieren zu können, benutzen mehr Begleitmaterialien. Genauer gesagt passiert folgendes: Diese Schulen kaufen die offiziellen Unterrichtsmaterialien, da dies Pflicht ist (auch bei privaten Schulen). Da das Niveau dieser Lehrbücher für diese Schulen zu gering sind, werden diese Lehrbücher praktisch nicht benutzt: Begleitmaterialien werden zu Hauptlehrbüchern.
Es gibt aber auch das Gegenteil davon: Die 教育困難学校 – Kyōiku-Konnan-Gakkō: “Schulen im Bildungsnotstand”. Einige Vertreter erzählten mir dabei, dass sie diese Schulen prinzipiell melden. O-Ton: “An diesen Schulen werden keine Begleitmaterialien benutzt. Das Niveau dort ist dermassen schlimm, das manche Oberschüler mit Ach und Krach den eigenen Namen in Schriftzeichen schreiben können.” Ein Manager des Vertriebs fragte mich später, wo ich wohne und ob ich Kinder habe. Ich gab bereitwillig Auskunft, und er sagte sofort “Ah ja. Schicken Sie Ihre Kinder auf gar keinen Fall an diese und jene Schule!”.
Leider liessen meine Nachforschungen keine Gelegenheit, etwas tiefer zu bohren. Zum Beispiel die Frage danach, was dieses System eigentlich schmiert. Bekommen Lehrer zum Beispiel Vergünstigungen irgendeiner Art, wenn sie sich für Verlag soundso entscheiden? (Ein Vertreter meinte daraufhin nur lapidar: “Früher war das wohl so, heute aber nicht mehr).
Wie auch immer – ich kann leider nicht mit dem System in Deutschland vergleichen, da ich es nicht gut genug kenne. Aber die Ungleichheit im japanischen Bildungssystem verblüfft mich immer wieder. Genauso auch all die versteckten Kosten und Ungereimtheiten: Warum müssen Eltern für ihre Kinder in öffentlichen Schulen für Begleitmaterialien von Verlagen bezahlen – ganz einfach weil es die Schule und/oder der Lehrer so entscheidet? Und wieso sitzen selbst in privaten Schulen in der Regel ca. 40 Schüler in einer Klasse? Und wieso scheint das nur mich zu stören? Die meisten Japaner nicken bei dem Thema nur – wahrscheinlich, weil sie es selbst nicht besser kennen.

Religious-Filmposter
Freitag Nacht, genauer gesagt 23:30 bis 00:30, gibt es eine Sendung auf Tokyo MX, die ich immer wieder gerne sehe – so ich die Gelegenheit dazu habe:
未公開映画を観るTV - das Fernsehen der unveröffentlichten Filme (mehr dazu
hier). Mit “unveröffentlicht” ist dabei allerdings lediglich “unveröffentlicht in Japan” gemeint.
松嶋尚美 Matsushima Naomi (sie ist recht bekannt… und rennt mir in der Nähe meines Büros manchmal über den Weg) und
町山智浩 Machiyama Tomohiro, ein Kolumnist und Filmkritiker, schauen sich in der Sendung zusammen einen Film, oftmals eine Art Dokumentarfilm, an und diskutieren darüber. Diskutieren ist vielleicht zuviel gesagt – Machiyama erklärt, und Matsushima hakt nach. Das erstaunliche an der Sendung (erstaunlich für japanisches Fernsehen zumindest) ist die Tatsache, dass Machiyama wirklich weiss, wovon er redet. Mit Matsushima klappt es auch recht gut, und so machen nicht nur die gut gewählten Filme Spass, sondern sogar die (relativ seltenen) Einblendungen mit den beiden Kommentatoren.
Heute wurde der zweite Teil eines Films gezeigt, der mir deutlich macht, wie sehr ich doch einiges hier verschlafe. Vom Film Religulous, 2008 in den USA veröffentlicht, hatte ich vorher noch nie, wirklich nie etwas gehört. Aber ich habe mich köstlich amüsiert – und gegruselt. Der Regisseur hat auch “Borat” gedreht – der Film sagt mir sogar was, da schau mal einer an. Beim Anschauen des Films erinnerte ich mich nach und nach an zahlreiche Begegnungen mit hochreligiösen Menschen, hauptsächlich mit Amerikanern, aber auch mit Juden und Arabern im Nahen Osten und Arabern und Palästinensern an meiner ehemaligen Uni, und schlagartig fiel mir auf, was ich hier nicht vermisse: Religiösen Wahnsinn und die ganzen Debatten darum. Keine Debatte, ob der Islam gut oder schlecht ist. Keine Debatte, wessen Religion besser oder schlechter ist. Die einzigen negativen Erscheinungen sind die “Wir-sagen-allen-Japanern-zu-Weihnachten,und-nur-zu-Weihnachten,-dass-sie-in-der-Hölle-schmoren-werden-Christen” und ganz gelegentlich mal Missionare aus Salt Lake City usw., obwohl mir diese schon lange nicht mehr begegnet sind.
Stattdessen haben wir hier eine Nation voller Ignoranten (im eher englischen Sinne): Für die meisten bedeutet Religion, am Neujahrstag zum Schrein zu gehen, gelegentlich mal eine Münze in eine Box zu werfen und den Ahnen ein Räucherstäbchen anzustecken. Nicht mehr, nicht weniger. Ich könnte jederman hier erzählen, ich sei Satanist – es würde niemanden wirklich stören.
Auf jeden Fall kann ich den Film nur empfehlen. Natürlich hat der Film seine Lücken und rennt teilweise sperrangelweit offenstehende Türen ein, aber er ist trotzdem lustig.
Von Spam einmal abgesehen gilt für diesen Blog eigentlich, dass alle Kommentare freigeschaltet werden. Und zwar ungeschnitten. Von dieser eigentlich selbstverständlichen Regelung musste ich mich leider nach dem Erdbeben am 11. März verabschieden. Die meisten Leser werden sich kaum vorstellen können, womit ich bzw. der Blog hier zugeschüttet wurde. Da ich mir jedoch selbst ein gewisses Mass an Seriösität verschrieben habe (ob berechtigt oder nicht), musste ich leider etliche Kommentare aussen vor lassen: Ich hatte und habe keine Lust, wilden Spekulationen und Fehlinformationen oder einfach nur unseriösem Quatsch ein Forum zu bieten.
Beispiele?
Schon gewusst? Das Erdbeben war nicht etwa ein normales Erdbeben, sondern wurde von den Illuminati mittels geschickt plazierter Bomben am Meeresgrund eingeleitet, um damit Japan auseinanderzubrechen und untergehen zu lassen. Ihr glaubt es nicht? Doch, doch! Steht alles ganz genau im Internet, also da, wo all die richtigen Informationen herkommen. Hier, guck:
http://www.politaia.org/wichtiges/japan-staged-or-an-attack-video-englisch/
http://erbeben-earthquake-terremoto.blogspot.com/2011/04/haarp-japan-erdbeben-tsunami-die.html
Anmerkung 1: Man achte auf die Schreibweise des ersten Wortes im Link! Bürgt schon von anfang an für Qualität!!
Anmerkung 2: Ja, genau – die gleichen Illuminati, die auch schon bei den grossen Beben 1923, 1854, 1707, 1605, 1498 (soll ich weitermachen!?) die Bomben gelegt hatten.
Und das der ganze Tsunami nur eine Inszenierung war und eigentlich gar nicht stattfand, sollte auch jedem klar sein: Schliesslich kann ja auch nicht sein, was man nicht selbst sieht. Glaubt Ihr auch nicht? Nee, ehrlich. Ihr müsst nur die richtigen Nachrichtenquellen finden, nicht immer die kommerziellen, von der Politik gegängelten Medien. Denn nur unabhängige Quellen mit ganz dollen Experten wissen wirklich, was los ist:
http://www.terra-germania.org/japaner-zweifeln-an-tsunami-katastrophe/
http://polskaweb.eu/japan-tsunami-erdbeben-und-radioaktivitat-mit-zweifeln-5887978.html
Glücklicherweise gibt es im Internet Menschen, die mich ganz doll kennen und sehr besorgt um mich sind. Zum Beispiel darüber, dass ich eventuell vor Langeweile und Müdigkeit vom Stuhl falle. Und da ich ja diesen Blog schreibe und zufällig auch noch vor Ort bin, passt das ja richtig gut, um ein paar wichtige Infos zu kommunizieren. Beispiel – erst vor zwei Stunden reingekommen:
Ich habe zu Beginn der “Krise” geschrieben, verlasst Japan und das war ernst gemeint. Nun nachdem immer mehr Infos bekannt werden, zeigt sich, dass mein Rat 100% richtig war, denn die ganze Welt wurde ob des Ausmaßes der Katastrophe belogen. Wesentlich dabei ist jedoch folgendes Bild.
1) Unfall mit variierenden Infos
2) Laufende Beschwichtigungen ducrh Medien
3) Verschwinden des Messpunkts bei Fukushima von internat. Strahlungskarten. (letzter Messwert 6,2 Sievert/h)
4) Verschwinden der Stahlenkarten der USA aus www.
5) Anhebung der internat. Strahlengrenzwerte
6) Einzug der Strahlenmessgeräte der Schweizer ABC Truppe durch die Armeeführung (die Geräte sind bei den Soldaten zu Hause)
7) Lieferzeiten für Messgeräte in Europa auf März 2012 verschoben. (derzeit KEINE Messgeräte am Markt)
8) Langsames Durchsickern des wahren Ausmaß des Unglücks über alternative Medien.
Ja, herrlich. 6.2 Sievert pro Stunde in Fukushima. Na, das wäre ja dann wirklich mal besorgniserregend! Als ich das las, wollte ich am liebsten meinen Kopf in die Mikrowelle stecken. Ach ja, untermauert werden diese Informationen (naja, zumindest ein paar) auch mit sehr wichtigen, ernstzunehmenden Links:
http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/geostrategie/mike-adams/das-gebiet-von-fukushima-ist-jetzt-eine-radioaktive-todeszone-wie-ein-von-einer-atombombe-getroffe.html
http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2011/05/schweizer-armee-zieht-geigerzahler-ein.html
(Lesetipp: Sucht nach dem Kommentar von elektromagnetisch und einer Antwort darauf weiter unten von Torsten
Ist aber auch egal, ob wir das alles lesen oder nicht, denn bekanntermassen geht die Welt ja sowieso 2012 unter. Ob ein bisschen radioaktiver als vorher dürfte dann ja egal sein.
Ach ja, der Quartalspreis für vollkommene Unverfrorenheit geht an
http://www.biallo.at/
die unzählige Male versuchten, mit grösstenteils irrelevanten Beiträgen Besucher auf ihre eigene Seite zu führen. Danke dafür – hatte sowieso nichts besseres zu tun als Spreu vom Weizen zu trennen!
Anmerkung 1: Da ich oben erwähnten Webseiten keinen Aufwind geben möchte, sind die Seiten nicht verlinkt.
Anmerkung 2: Ich danke allen von Herzen, die versucht haben, teilweise sehr bedeutsame Links/Informationen auf diesem Wege zu teilen. Das half nicht nur mir sondern mit Sicherheit auch vielen anderen Lesern.
Erst hörte man von der deutschen Botschaft gar nichts – obwohl ich mich extra vor Jahren in eine Notfallliste eingetragen hatte. Lediglich offizielle Statements waren über Umwege aus der Presse vernehmbar: Ihr Deutschen, verschwindet aus Tokyo. Dann erfuhr man nebenbei, dass die Botschaft sich nach Osaka verlegt hat.
Am 25. März, zwei Wochen nach dem Erdbeben, kam schliesslich ein Schreiben: Ein schieft eingescanntes Schriftstück. Vorgestern, also gute sechs Wochen nach dem Beben, nun ein zweites Schreiben: 5 Mal kam innerhalb von 8 Minuten das gleiche Schriftstück von der Botschaft an – alles an die gleiche Email-Adresse geschickt, wohlgemerkt. Das wäre in meiner Firma eigentlich schon ein Kündigungsgrund. Ein Doppelklick auf das PDF auf meinem Mac – und ich sehe gar nichts, ausser schwarzen Linien und der eingescannten Unterschrift. Herrlich. Das Problem kenne ich – und es lässt sich relativ einfach vermeiden. Nun gut, Adobe Illustrator gestartet, und dann konnte ich endlich den Inhalt lesen.
Der Botschafter lädt ein zu einem Town Hall Meeting – am Dienstag, den 10. Mai 2011 von 18.00-21.00 Uhr im Atrium der Botschaft. Ob die eigentliche Botschaft in Tokyo oder die provisorische Botschaft in Osaka gemeint ist, hält man nicht für erwähnenswert. Warum auch – sollen die Leute doch googeln. Im Schlepptau hat man wohl Experten für Kernenergie und es soll zu einer offenen Diskussionsrunde kommen, denn:
Mit Abklingen der akuten Gefährdung werden die Fragen zu unserem weiteren Verhalten jedoch immer komplexer.
Was auch immer das heissen mag. In der DinJ (Deutsche in Japan)-Gruppe auf Yahoo ruft schon der erste zum Boykott auf, aber das halte ich für falsch – wer hin kann, sollte hingehen. Ich habe auch grosse Lust, hinzugehen, sitze aber dummerweise just zu dieser Zeit im Flieger, und das ist schon wesentlich länger geplant als das Erdbeben.
Falls jemand hingeht, wäre ich an einem Bericht hoch interessiert.
Aber ich muss es noch mal hier loswerden: Das Krisenmanagement der deutschen Botschaft in Japan nach der Katastrophe halte ich nachwievor für höchst unprofessionell und sehr enttäuschend. Ich erwarte nicht viel von einer Botschaft – aber zumindest in Sachen Informationspolitik gibt es hier einen enormen Nachholbedarf, von Kleinigkeiten wie 5 mal an die gleiche Adresse gesendeten offiziellen Schreiben mal ganz abgesehen.
Ja, doch, der Name des Erdbebenereignisses vom 11. März 2011 wurde schon wieder geändert: Man hat sich nun auf 東日本大震災 Higashi-Nihon Daishinsai, Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe geeinigt. Der Name trifft es auch gut, denn auf die eine oder andere Weise war bzw. ist dieses Erdbeben eine Katastrophe für (fast) ganz Ostjapan.
Zwischen Westerwelle und Libyen scheint das AKW in Fukushima noch immer gelegentlich für eine Hauptmeldung in den Nachrichten gut zu sein: Immerhin wurde man ja rhetorisch auch schon seit drei Wochen auf die Apokalypse vorbereitet – da kann man die ja schliesslich nicht so einfach abblasen. Natürlich ist der Reaktor noch immer nicht stabil. Natürlich ist die Lage kritisch, da stark radioaktiv verseuchtes Wasser direkt in den Pazifik fliesst. Natürlich wird man hier noch lange mit den Langzeitfolgen kämpfen müssen. Trotz allem bleibt uns hier in Tokyo nichts weiter übrig, als nach vorne zu schauen, und auch die wenigen Erfolgsnachrichten zu bewerten. “Leck, durch das radioaktiv stark verseuchtes Wasser in den Pazifik gelangt, konnte noch nicht geschlossen werden” kann man nämlich auch anders lesen: “Leck, durch das radioaktiv stark verseuchtes Wasser in den Pazifik gelangt, gefunden”. Zynismus hin oder her: Das ist wenigstens ein Fortschritt. Man weiss, wo das Wasser herkommt. Und wenn man das weiss, kann man auch über Massnahmen nachdenken. Vor eins, zwei Wochen wusste man – gar nichts.
Andere, momentan leicht beruhigende Nachrichten sind z.B., das die Strahlungsbelastung in ganz Ostjapan seit zahlreichen Tagen zwar langsam, aber stetig abnimmt. Und das das Trinkwasser in der Region um Tokyo nicht mehr mit über 100 Becquerel pro Liter, sondern nur noch mit knapp einem Becquerel belastet ist. 0 wäre natürlich besser, aber weniger als 1 ist besser als 100. Oder? Das sich die Lage beim nächsten Regen wieder verschlechtern kann/wird, ist natürlich klar.
In diesem Sinne stiess ich gerade auf einen Beitrag von Reinhard Zöllner für “Die Welt Online”. Ich kenne Professor Zöllner flüchtig – er stiess zur Japanologie der Martin Luther Universität Halle-Wittenberg, als ich wegging. Als Japanologe ist er dem Thema gegenüber sicherlich nicht unvoreingenommen, aber besagter Artikel Apokalypse jetzt! Wir Deutschen sollten uns schämen trifft es meiner Meinung nach genau auf den Kopf. Und es rückt den kurzen THW-Einsatz erneut in ein schlechtes Licht, wie hier schon einmal diskutiert.
Eines der Wörter, die man zur Zeit am häufigsten liest und hört, ist das Wort 自粛 – jishuku – Selbstbeschränkung. Das bedeutet zum Beispiel, dass plötzlich die Werbung von den Fernsehbildschirmen verschwindet, da Firmen und Agenturen aus Pietätsgründen darauf verzichten. Grössere, eher erfreuliche Veranstaltungen (Feuerwerke im Sommer, Festivals, Konzerte usw) werden auch abgesagt. Auch die nächtliche Beleuchtung der Kirschblüten usw. usf. Mittlerweilen melden sich jedoch auch die Kritiker: Versinkt Japan in einer monatelangen Selbstbeschränkung, schadet das der Wirtschaft und der Gesellschaft eher. Ein verständliches Argument, drei Wochen nach dem Beben. Aber es fällt natürlich schwer, so unbeschadet wie vorher weiterzumachen. Jedoch: Selbst die Kirschblüten betreiben jishuku. Normalerweise stehen die Kirschbäume vor unserem Haus ab Ende März in voller Blüte – jetzt sind noch nicht mal Blütenansätze zu sehen. Der Grund ist der ungewöhnlich lange Winter / kalte Frühling: Normalerweise herrschen zu dieser Zeit 18 Grad am Tag und 9 Grad in der Nacht. Die Tageshöchsttemperatur war heute 9 Grad. Den Apokalyptikern sei jedoch versichert: Dies ist nicht der atomare Winter!
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Anbei noch ein paar Bilder, die ich heute in meiner Stadt gemacht habe: Die Bilder entstanden innerhalb einer halben Stunde – auf dem Weg von unserem Haus zum Bahnhof (mit ein paar Umwegen). Alle Bilder zeigen Schäden durch Bodenverflüssigung – sie sind also eine indirekte Folge des Bebens.
Dazu eine schlichte Erklärung zur “Bodenverflüssigung”. Man kann dies eigentlich ganz leicht zu Hause darstellen. Man nehme eine kleine Kiste und fülle Sand hinein. Dann giesst man etwas Wasser dazu – und zwar so viel, dass der Sand feucht wird, sich aber keine Wasseroberfläche bildet. Dann lege man etwas auf den Sand – Hauptsache, es hat ein kleines bisschen Gewicht. Dann schüttele man das ganze sanft für eine Weile – und man kann zuschauen, wie das Objekt langsam versinkt und Wasser hochsteigt.
Im Extremfall können Gebäude umstürzen – in vielen Fällen passiert jedoch folgendes: Flächen mit geringem Bebauungsgewicht sacken ab, während schwerere Objekte wie Inseln stehenbleiben. Absackungen von bis zu einem Meter sind keine Seltenheit. Gullis bleiben meist stehen und ragen aus der Oberfläche, da sie mit Rohren im Untergrund verankert sind.

Dieses Haus (rechts) ist nicht mehr bewohnbar – es ist teilweise abgesackt. Das linke Haus ist noch halbwegs intakt.
Dieses Gebäude wurde von den Einwohnern liebevoll きのこ交番 – “Pilz-Polizeiwache” – genannt. Auch dieses Gebäude wird man wohl nicht retten können.
In diesem Fall hat es den kompletten Balkon abgerissen – da der Balkon weniger Druck auf den Untergrund ausübte.
Viele Japan-Besucher wundern sich, warum fast überall die Elektrik oberirdisch verlegt ist. Das mag verschiedene Gründe haben – ein Grund ist jedoch auf jeden Fall die hohe Anzahl von Erdbeben: Natürlich besteht eine gewisse Gefahr, dass die Masten umstürzen und die Trafos im schlimmsten Fall Brände auslösen. Andererseits sorgt die oberirdische Verkabelung dafür, dass so schnell der Strom nicht ausfällt. Selbst die am schlimmstenn betroffenen Gebiete in unserer Stadt hatten wochenlang zwar nichts – aber Strom und Internet funktionierten.
Als Folge der Bodenverflüssigung setzt sich das Wasser vom Sand ab und sprudelt nach oben, während der Rest in Folge der Volumenabnahme im Untergrund absackt. Neben dem Wasser sprudelt natürlich auch grauer Schlamm aus dem Untergrund – und das in nicht unbeachtlichen Mengen.
Herausragende Gullies sind quasi das Symbol der Bodenverflüssigung.
Rein theoretisch hätte es in unserer Stadt nicht zu solch extremer Bodenverflüssigung kommen sollen – bei uns wurde “nur” eine starke 5 nach der japanischen Skala (Maximalwert: 7) verzeichnet. Jedoch: Die Besonderheit dieses Bebens war die Länge: Das Beben dauerte fast zwei Minuten. Wer obiges Experiment einmal ausprobiert – und zwei Minuten rüttelt, wird sehen, was ich meine…
Vor dem deutschen Zoll hat es mir schon immer gegraust. Scheinbar wurde und wird dort mit dem Knobelbecher entschieden, was dort mit den eingehenden Paketen geschieht. Dieses Jahr zum Beispiel hat man sich wieder was Hübsches einfallen lassen: Wir haben just ein fettes Weihnachtspaket nach Deutschland geschickt – darin allerlei Geschenke für die Familie und Freunde. Alles zusammen ist einfach um ein Vielfaches günstiger, denn so haben wir für die über 8 Kilo “nur” rund 100 Euro Porto bezahlt. Im Paket natürlich zahlreiche schön verpackte Geschenke unterschiedlichster Grössen.
Manchmal hat man Glück – dann wird das Paket einfach zugestellt. Manchmal hat man weniger Glück – die Sachen kommen zwar an, aber man fragt besser nicht nach dem Zustand. Manchmal jedoch darf dann der Beschickte in Deutschland zum Zollamt traben, so geschehen auch dieses Jahr: Dort durfte dann mein Vater im Beisein der Zollbeamten (beinahe alle) Weihnachtsgeschenke schon mal vorher auspacken. Eine romantischere Bescherung kann man sich doch kaum vorstellen, oder!? Immerhin liess man ihn dann nach geschehener Bescherung ohne Extrazahlungen ziehen lassen.
Da hatte er dann noch Glück im Unglück. Ich kann mich noch an ein Mal erinnern, als ich weniger Glück hatte: Jemand hatte mir zu meinen Studentenzeiten mal zu Weihnachten einen kompletten Pullover handgestrickt. Der Pullover war auch das einzige im ganzen Paket – und der Wert (der Wolle) war damals mit 80 Mark deklariert. Das Geschenk war – unnötig zu sagen – eine Überraschung. Genauso überraschend war dementsprechend der Anruf vom Zollamt: Es gäbe da ein Paket für mich, dass ich mir abholen kann – nach Zahlung von 60 Mark Lösegeld. Das war viel Geld zu meinen Studizeiten – und ich wusste noch nicht mal, warum ich löhnen sollte. Als ich den Absender sah, blieb mir freilich nichts anderes übrig als zu zahlen. Ich fragte beim Zollamt nach, warum denn Zoll fällig sei. Man verwies mich jedoch zum Hauptzollamt in Frankfurt/Main – schliesslich hätten die die Ware verzollt. Das Argument, dass doch in Deutschland meines Erachtens die Zollsätze landesweit einheitlich sind, half nicht. Nach einer guten Stunde in der Telefonwarteschleife des Hauptzollamtes in Frankfurt gab ich entnervt auf – damals kosteten Ferngespräche schliesslich auch noch ziemlich viel Geld.
Verständlicherweise kennen sich nur die Wenigsten mit den Zollregelungen aus und tappen so regelmässig in die Falle. Das mit der einen Stange Zigarette und dem maximal 1 l Alkohol kennen die meisten, mehr aber auch nicht:
1) Sendungen von privat aus dem Ausland (nicht-EU) nach privat in Deutschland sind nur dann steuerfrei, wenn der Warenwert einzelner Waren im Paket den Gegenwert von 45 Euro nicht übersteigt. Will heissen, zwei Sachen im Wert von jeweils 40 und 30 Euro schicken geht in Ordnung – schickt man aber eine Sache, die 70 Euro kostet, wird Zoll fällig. Es geht hier um “teilbare” Ware: Kostet eines der Inhalte mehr als 45 Euro und ist nicht teilbar, wird es teuer. Mehr dazu siehe bei Zoll Online hier (kurz) und hier (länger, Stichwort Internethandel).
2) Sachen schicken, die nach Medizin aussehen (auch wenn es nur Halsbonbons sind – auch schon erlebt) kann für den Empfänger teuer werden – wenn der Zoll entscheidet, dass der Inhalt vom Labor analysiert werden muss. Das kann teuer werden und die Kosten trägt der Empfänger.
3) Vorsicht beim Ausfüllen der Zollerklärung: Die muss auf deutsch oder englisch geschrieben werden und sollte halbwegs ausführlich sein. Achtung bei der Deklarierung der Werte – siehe oben.
In Japan scheint man im Allgemeinen kulanter zu sein: Eingeführt (und wenn ich mich recht erinnere geschickt) werden können Dinge im Wert von JPY 200’000, also knapp 2’000 Euro. Einzelne Waren im Paket können bis 10’000 Yen wert sein – also fast 100 Euro (Umtauschkurs vom 6. Dez 2010 – 1 Euro = 110 Yen).
Dies nur als kleine Einführung. Man kann aus der Materie bestimmt eine richtig grosse, lange Seite machen…
Das Wort des Tages: 郵送 yūsō. Mit der Post verschicken. Senden.
Laut Artikel der Japan Times sind seit Montag 60 Insassen des 東日本入国管理センター (Immigrationsverwaltungszentrum Ostjapan) in den Hungerstreik getreten.
“Immigrationsverwaltungszentrum Ostjapan” ist dabei (meine) wörtliche Übersetzung des offiziellen japanischen Namens, wobei diese Bezeichnung ein schlichtweg euphemischer Begriff ist: Die Anlage in 牛久 Ushiku in der Präfektur Ibaraki, in der Einflugschneise des Internationalen Flughafens Narita, ist kurz gesagt ein Knast für Ausländer, und mag man den Inhaftierten sowie diversen japanischen Gruppen glauben, so muss das dort die Hölle sein.
Die in den Hungerstreik getretenen Ausländer sitzen zumeist wegen Verstosses gegen das Einreisegesetz in Haft, und gute 200 der fast 400 Insassen sitzen dort bereits mehr als ein halbes Jahr ein. Ohne Verurteilung, wohlgemerkt! Für die meisten läuft der Aufenthalt letztendlich auf Zwangsabschiebung hinaus, egal, ob sie in ihrer Heimat verfolgt werden oder nicht. Die meisten kommen dabei aus Ländern wie Sri Lanka, China, Uganda, Pakistan, der Türkei (Kurden) usw.
Die Streikenden verlangen dabei eine Verbesserung der Lebenssituation, die Verkürzung der Verweildauer dort auf 6 Monate, die Befreiung von unter 18-Jährigen von der Inhaftierung, eine geringere Kaution – die liegt momentan bei guten 5’000 Euro – usw. In der Anstalt gibt es zum Beispiel nur einen Arzt, und selbst der ist nicht immer vor Ort. Brisant wird das ganze auch durch den Selbstmord zweier Insassen dieses Jahr in Ushiku.
Kurzum – was sich Japan da leistet, ist eine Schande. Man mag darüber mutmassen, warum sich nichts ändert – einerseits will man sich wahrscheinlich nicht reinreden lassen, andererseits soll das Ganze bestimmt auch als Abschreckung dienen. Die Verzweiflung der dort Inhaftierten kann man sich jedenfalls wahrscheinlich kaum ausmalen.
Mehr zu lesen über die Anstalt gibt es bei den japanischen Aktivisten des 牛久の会 Ushiku-Vereins in diesem langen Artikel sowie bei der Free Jamal Campaign.
Das Wort des Tages: 収容 shūyō. Die Haft, die Internierung.
Die Medien können auch hierzulande nicht ohne ein Thema leben, mit dem Panik geschürt werden kann. Da bietet sich, nach dem leisen Ende der Schweinegrippe und den ganzen Schauergeschichten um unverfrorene Kindermeuchler ganz unerwartet ein neues Thema an: Der Ausbruch des Vulkans mit dem unaussprechlichen Namen im fernen Island. Fern? Gar nicht mal so sehr: Wenn die Asche einmal in den Jetstream erreicht, ist es nicht mehr weit bis Japan.
Und so wird von den Medien schon ein düsteres Bild gemalt. Begünstigt auch vom bereits jetzt aussergewöhnlich kalten April (wohl der kälteste seit gut 30 Jahren), der jetzt schon die Preise für einige Gemüsesorten um bis das Dreifache hat ansteigen lassen.
Mehr als gerne verweisen die Programme so ganz nebenbei zum Beispiel auf die 天明の大飢饉 (Tenmin no Daikikin – die Tenmin-Hungersnot) – die dauerte von 1782 bis 1788 und war hauptsächlich dem Vulkanausbruch des Asama-yama nördlich von Tokyo zu verdanken. Historiker bewegen sich bei den Opferzahlen um die 100,000 herum – kein Vergleich zwar zur Great Potatoe Famine in Irland im 19. Jahrhundert, aber immerhin – so dicht war Japan damals nämlich noch nicht besiedelt.
Erste Japan-Blogger lassen sich auch schon von der Welle erfassen und schreiben zum Beispiel darüber, was passieren würde, wenn der Fuji-san ausbricht. Dessen Ausbruch ist nicht allzu lange her (geologisch gesehen) – es war 1707 und bescherte Edo (=Tokyo) damals eine 4 cm dicke Ascheschicht. Irgendwann im 20. Jahrhundert wurde der Fuji-san zum ruhenden Vulkan erklärt, doch davon sind die Wissenschaftlicher wieder abgerückt – man stuft ihn heute wieder als aktiven Vulkan ein.
Mir würde da allerdings doch eher der ziemlich aggressive Asama-yama in der Präfektur Gunma Sorgen bereiten, aber für Tokyo wäre das Ergebnis wohl in der Tat halbwegs das Gleiche: Verheerend.
Eigentlich kann man da nur alle auffordern, nicht allzu viel darüber nachzudenken und sich nicht von den Medien kirre machen zu lassen – über die Gefahren, die von schlummernden Riesen wie dem Fuji oder gar dem Yellowstone ausgehen, kann man zwar grübeln, aber helfen wird das im Fall der Fälle auch nicht.
Auch in Japan sind freilich zahlreiche Reisende vom Flugverbot betroffen – im Flughafen Narita campieren seit einigen Tagen etliche gestrandete Japanbesucher, die es sich nicht leisten können, mal eben so eine Woche oder mehr an den bestimmt schon genug teuren Japanurlaub ranzuhängen.
Das Wort des Tages: 火山灰 kazanbai. Feuer-Berg-Asche. Die Vulkanasche.
Dreckige Delphinkiller – diesen Kommentar hatte mir vor Jahren mal ein vorausschauender, wenn auch wortkarger Leser meiner Japan-Seiten ins Gästebuch geschrieben, immerhin versehen mit “freundlichen Grüssen aus Berlin”. Rund zwei Jahre später dann gewinnt ein Film über genau solche Gestalten den Oscar als besten Dokumentarfilm. Eine Filmkritik kann ich dabei leider nicht liefern – mangels Gelegenheit, das Objekt des Anstosses in Japan zu sehen.
Vorurteil hin oder her – japanische Medien und viele Japaner schlechthin sind unheimlich daran interessiert, welchen Eindruck man im Ausland über Japan hat. Wobei viele das ganze auch durchaus selbstkritisch angehen. Eines jedoch kann man hier nicht verknusen: Wenn ein dahergelaufener Ausländer einen kritischen Film über Japan dreht. Auf diese Art und Weise wurde auch schon vor zwei Jahren der kritische Film Yasukuni abgewürgt, der es aus Angst der Kinobesitzer, Randale unter rechten Gruppierungen zu schüren, schliesslich in kein Kino mit mehr als 20 Sitzplätzen schaffte (behaupte ich jetzt mal – jedenfalls hat ihn keine einzige Kinokette ins Programm genommen, und unabhängige Kinos gibt es nur selten).
“The Cove” handelt ja von einer alten Tradition im Fischerstädtchen Taiji (Präfektur Wakayama, südlich von Ōsaka), bei der gute tausend Delphine in einer Bucht zusammengetrieben und getötet werden. Diese Tradition hält, obwohl die Tiere nachweislich stark schwermetallbelastet sind, an, und das Fleisch wird gegessen. Der Film wurde teilweise mit versteckten Kameras gedreht und erzählt aus der Perspektive von Tierschützern.
So ganz liess sich der Film freilich nicht verstecken – auch hier war er nach der Oscarverleihung eine Randnotiz in den Nachrichten wert. Und: Momentan spaltet der Film die Nation – und zwar in Einheimische und Zugereiste. Mehr und mehr Ausländer nehmen sich des Themas an und versuchen, auf den Film aufmerksam zu machen. Wird das Erfolg haben? Wohl kaum.
Ohne den Film bewerten zu wollen – das kann ich, wie eingangs beschrieben nicht – gibt es hier ein paar klitzekleine Probleme:
- Die meisten Japaner wussten bis dato nicht, dass überhaupt Delphine getötet und gegessen werden in Japan. Taiji und noch eine handvoll anderer Gemeinden sind nicht gerade sehr repräsentativ für das Land, wenngleich auch ein Beleg dafür, dass in Japan alles, was mit dem Rücken nach oben im Meer schwimmt, als jagd- und damit essbar gilt.
- Die Tatsache, dass eine Handvoll Ausländer mit versteckten Kameras den Fischern von Taiji bei ihrer Arbeit zuschaut, sorgt eher für Kopfschütteln – wer wagt sich da wohl, den ersten Stein zu werfen?
- Die Tierliebe manifestiert sich in Japan anders (oder … tut sie das überhaupt!?), und das ist teilweise sogar in der Religion begründet. Die Idee, dass ein Tier Symbolcharakter besitzt und dermassen verehrt wird, dass sich unzählige Teenager damit die eigenen Wände zupflastern, ist den Leuten hier völlig fremd. Und ich gebe es zu: Mir ist die Idee auch fremd – schon seit langem, nicht erst seit Japan. Wieviel Geld wurde wohl bisher dafür aufgewendet, den Grossen Panda zu schützen – hauptsächlich aufgrund seines Kuschelfaktors – während alltäglich Arten wie der Gemeine Rotbauchpfeifdrüsling, der Gefleckte Steppenelch oder die Brünftige Heckenhornisse vor die Hunde gehen – und dies ausser einer Handvoll örtlicher Bauern und Biologen niemanden interessiert?
Mit den Walen ist dies nicht anders – alle mögen die Wale und schwärmen davon, wie intelligent die Tiere sind – aber nur wenige haben wirklich eine Ahnung über aktuelle Bestandszahlen oder warum Pferde- und Schweinefleisch in Ordnung ist, Walfleisch aber nicht. Bewohner von Nationen wie dem lebertrantraumatisierten Deutschland können da schnell mit dem Finger auf ferne Länder zeigen (ohne zu ahnen, dass Japaner zum Beispiel schockiert sind, wenn sie hören, dass in Deutschland die putzigen Kaninchen einfach so auf dem Teller landen).
Einen Effekt könnte der Film jedoch haben: Womöglich wird die Tradition in Taiji bald beendet, zumindest wird darüber nachgedacht. Dass der Film jedoch ausserhalb von Taiji jemals wirklich von sich Reden machen wird, darf bezweifelt werden: So funktioniert Japan nicht.
Das Wort des Tages: イルカ iruka – der Delphin. Interessant sind hier die Schriftzeichen (wobei man jedoch fast nur Katakana verwendet): 海豚 – “Meer” und “Schwein”. Dies sagt möglicherweise schon etwas darüber aus, auf welche Art und Weise die Tiere früher in Japan betrachtet wurden.
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