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Kyoto-Starbucks im traditionellen japanischen Stil / Tokyo-Tirade in der „Zeit“

Juni 28th, 2017 | Tagged , , , | 6 Kommentare | 712 mal gelesen

Heute stellte Starbucks Japan seine neueste Niederlassung in der alten Kaiserstadt Kyoto vor¹. Die Filiale öffnet am 30. Juni 2017 ihre Pforten und befindet sich an der altehrwürdigen 二寧坂 Ninen-zaka-Gasse unweit des Kiyomizu-Tempels. Das zweigeschossige Gebäude ist mehr als 100 Jahre alt und komplett im traditionellen Stil aus Holz gebaut. Im Inneren gibt es die obligatorischen Tatami (Reisstrohmatten).

Ein geschickter Schachzug von Starbucks, das muss man den Marketingleuten lassen. スタバ sutaba, wie die Läden in Japan abgekürzt werden, hat hierzulande über 1’000 Filialen und mehr als 3’000 Angestellte. Die erste Niederlassung wurde 1996 an der Ginza eröffnet. Doch die neueste Filiale in Kyoto sollte auch etwas nachdenklich stimmen. Sicher, man kann es nicht vermeiden, dass sich globale Ketten in historischen Gassen breit machen – das geschieht überall. Auch McDonalds hat schon vor Jahrzehnten in Kyoto Filialen eröffnet und war sogar kompromissbereit: Man verzichtete auf die übliche, in der Tat sehr aufdringliche rot-gelbe Farbmischung und einigte sich mit der Stadt auf einen Braunton. Doch man kann sich jetzt schon ausmalen, dass nicht wenige Touristen (die meisten davon werden wohl nicht aus Europa sein) einen Besuch in der traditionell japanischen Starbucks-Filiale als ein Highlight ihres Kyoto-Besuches empfinden werden. Und das ist etwas traurig, verliert man doch dabei den ursprünglichen Sinn des Reisens komplett aus den Augen.

Kyoto-Starbucks-Filiale

Quelle: Fashion-press.net ( https://www.fashion-press.net/news/31621)

Das erinnerte mich ein bisschen an den Artikel Im Land der aufgehenden Langeweile erschienen bei Die Zeit und verfasst von Ulf Lippitz. Dort bedauert der Autor auch die Tatsache, dass die Globalisierung auch die japanische Hauptstadt fest im Griff hat. Mehr aber noch erinnert mich der Artikel daran, dass manche Menschen scheinbar nicht mehr die Essenz des Reisens erkennen. Vollgepumpt mit Erwartungen hat sich da der Autor auf die Reise nach Tokyo gemacht und war ganz überrascht, an den absoluten Touristenfallen nicht den Kick zu bekommen, den er erwartet hat. Wie man ein Reiseziel so absolut oberflächlich „durchrennen“ kann, ist mir ein Rätsel (genau so ist es mir ein Rätsel, wie er in ein Restaurant mit „Cover Charge“ gelangte – danach muss man eigentlich heute fast suchen). Sicher, Tokyo muss man nicht mögen – an den meisten Ecken ist es nicht schön. Aber bevor man als bezahlter Korrespondent Sätze wie „Ein Helene-Fischer-Konzert hätte es auch getan“ in einer Beschreibung über Shibuya in der Nacht von sich gibt, hätte man sich ja wenigstens ein kleines bisschen Mühe geben können…

¹ Siehe unter anderem hier (Starbucks-Pressemitteilung, Japanisch) und hier (Japan Times, Englisch).

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METI’s Patriotenporno

April 3rd, 2017 | Tagged , , | 9 Kommentare | 689 mal gelesen

Da bin ich doch neulich über ein zweisprachiges Pamphlet mit dem klangvollen Namen „Wonder NIPPON!“ gestolpert, das da bereits vor einem Jahr vom japanischen Wirtschaftsministerium (METI) herausgebracht wurde. Der japanische Titel ist viel besser: 世界が驚く ニッポン! – „Worüber die Welt staunt: Nippon!“.  Auf der folgenden Seite wird man umgehend mit der Schlagzeile „Did you realize that Japan is getting this much attention?“ – „Wussten Sie, dass Japan in der Welt so viel Aufmerksamkeit bekommt?“ konfrontiert. Was folgt, sind ein paar schöne Fotos, und ein paar Seiten weiter lustlos zusammengewürfelte Grafiken, anhand derer der staunende Leser erklärt bekommt, warum Japan so dermassen einzigartig ist, dass es ganz viel Aufmerksamkeit, gewiss zumindest mehr Aufmerksamkeit als andere Länder, verdient. Das ganze geschieht im Rahmen der Vorbereitungen für die Olympischen Spiele in Tokyo 2020.

Wundervolles Japan. Und die Menschen erst!

Wundervolles Japan. Und die Menschen erst!

Da erfährt man unter anderem, das  Japaner (und zwar alle!) die Natur ganz anders wahrnehmen, quasi mit anderen Sinnen fühlen – vorgeführt an „fünf japanischen Schlüsselwörtern, die die Welt beeindrucken könnten“ („Five Japanese keywords that may impress the world“). Man erfährt auch, dass Japaner Farben anders wahrnehmen. Und da darf auch mein Lieblingsthema nicht fehlen: Ganze vier Seiten der 64-seitigen Broschüre sind den 4 Jahreszeiten gewidmet, von denen viele Japaner immer noch glauben, dass diese etwas ganz Besonderes sind. Man glaubt es kaum: Diese vier Jahreszeiten sind: Frühling, Sommer, Herbst und Winter!

Was seltsamerweise fehlt, ist das in letzter Zeit so gerühmte „omotenashi“ – die japanische Gastfreundschaft. In einem interessanten Bogen schlägt diese Kolumne in der Japan Times  dabei einen Bogen zu einem wichtigen Aspekt von omotenashi – dem Begriff 忖度 sontaku. Die direkte Übersetzung ist nicht ganz einfach, aber es bedeutet im Prinzip, jemanden einen Wunsch abzulesen/zu erfüllen, bevor selbiger überhaupt geäußert wurde. Damit wurde jüngst im Skandal um die Verwicklung des Ministerpräsidenten Abe nebst Gemahlin bei der Vergabe eines Grundstückes weit unter Wert an den ultrarechten Schulbetreiber Moritomo Gakuen (siehe hier) auch erklärt, wieso das Finanzministerium den Deal um das Grundstück  überhaupt absegnen konnte: Der Moritomo-Chef nahm an, dass es sich um „sontaku“ handelte – die Verantwortlichen im Finanzministerium gingen davon aus, Abe einen Gefallen zu tun, ohne das der Ministerpräsident selbst davon wüsste. Anderswo nennt man das Filz oder Korruption, in Japan hingegen wird daraus eine Tugend. Sontaku eben. Oder vorauseilender Gehorsam.

Japan ist etwas Besonderes, keine Frage. Es ist eben eine Inselnation, die lange Zeit in freiwilliger Isolation verbrachte. Dass Japaner jedoch Farben und dergleichen anders wahrnehmen als andere Menschen, ist hanebüchener Blödsinn. Und ob das Überkippen ganzer Berge mit grauem Beton zum besonderen Naturverständnis der Japaner zählen soll, darf auch diskutiert werden. Das METI könnte deshalb auch gern mal eine andere, vielgerühmte Tugend anwenden: 謙虚 kenkyo. Bescheidenheit. Denn Japan hat auch ohne diese seltsamen Übertreibungen genug zu bieten. Da mache ich mir auch weniger Sorgen um die Ausländer, die dieses Pamphlet lesen – sondern mehr um die Japaner, die das lesen und womöglich alles glauben, was da drin steht. Denn merke: Es soll sogar Orte außerhalb Japans geben, in denen es vier Jahreszeiten gibt. Es soll Gerüchten zufolge auch andere Länder geben, in denen Gastfreundschaft wichtig ist. Und es soll sogar Länder geben, in denen das Essen schmeckt. Kaum zu glauben, aber wahr.

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Kontext, Baby, Kontext…

Februar 13th, 2017 | Tagged , | 10 Kommentare | 808 mal gelesen

In letzter Zeit erhalte ich wieder vermehrt Emails und Nachrichten mit Links zu besorgniserregenden Nachrichten über den Zustand der havarierten Nuklearmeiler in Fukushima, nicht selten mit der Annotation, dass die Situation dort außer Kontrolle zu geraten scheint (ergo: Ihr werdet alle sterben!). Eine der Meldungen findet sich bei Heise zum Beispiel. Demzufolge wurden bisher nie gemessene Werte von rund 650 Sievert/Stunde festgestellt. „Rund“ deshalb, weil die Strahlung so hoch ist, daß man den Wert nur extrapolieren kann – mit einer hohen Fehlerquote. Diese Strahlung hält kein Mensch mehr als ein paar Sekunden aus.

Soweit, so gut. Den Kontext jedoch scheinen viele Nachrichtenseiten (und demzufolge auch etliche besorgte Leser) zu übersehen: Man stellte diese extrem hohen Werte erstmals deshalb fest, weil man nun erstmals direkt dort gemessen hat, wo sich einst die Brennstäbe befanden. Bilder des Roboters zeigen auch, dass es im innersten Druckbehälter ein passables Loch gibt, durch die sich das nukleare Material scheinbar gefressen hat. Diese unglaublich hohen Messwerte sind deshalb nichts Neues – die Intensität der Strahlung dürfte seit 2011 die Gleiche sein, nur dass man eben erst jetzt bis dorthin vorgedrungen ist. Weitere Untertitel wie „selbst Roboter halten diese Strahlung keine zwei Stunden aus“ sorgen natürlich für zusätzliche Gänsehaut (welcher Laie kann schon ermessen, was das wirklich bedeutet).

Grund zur Panik also? Ja und nein. Beziehungsweise: Nicht mehr als vorher. Zwar weigert sich TEPCO noch immer, von einer Kernschmelze zu sprechen, aber das ist nur noch Wortklauberei, denn das Problem bleibt bestehen: Eine hochgradig verstrahlte Reaktorruine steht direkt am Pazifik, mit geschmolzenen Brennstäben in löchrigen Reaktorbehältern, die so schnell nicht geborgen werden können. Was würde wohl bei einem erneuten, kräftigen Tsunami geschehen? Würden dann nicht Teile der Masse ins Meer herausgespült werden? Man mag es sich nicht ausmalen. Und dennoch: Bevor wieder davon die Rede ist, dass jetzt alles aus sei und sich die Lage dramatisch verschlechtert hat, sollte man sich des Kontexts klar werden. Und die Essenz des selbigen ist halt, dass die Werte nicht etwa gestiegen sind – sondern dass man erstmals ins Innerste des Reaktors vorgedrungen ist und dort bisher nie gemessene Werte festgestellt hat.

Ein anderer Fall für die Kontextpolizei: Als ich neulich für eine andere Internetseite einen Artikel über japanische Studienfächer und den späteren Bezug zum Berufsleben schrieb, erwähnte ich, dass vor allem Frauen ihre an den Universitäten studierten Fächer später kaum benutzen können, da für Frauen Karriere und Familie noch immer sehr schwer vereinbar sind. Zurück kam von der Redakteurin eine Grafik, die zeigt, dass der Anteil der 共働き tomobataraki (=beide arbeiten)-Paare in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist, und schon vor ein paar Jahren den Anteil der Ehepaare, in denen nur der Mann arbeiten geht, überholt hat. Diese Grafik sollte widerlegen, dass die meisten Frauen ihr Studienfach später im Beruf nicht anwenden können. Leider wurde auch hier der Kontext völlig übersehen, denn die Grafik war 1) nicht auf Studienabgänger beschränkt, und 2) sagte sie überhaupt nichts darüber aus, in welchen Beschäftigungsverhältnissen die Frauen standen: Dort wird völlig übersehen, dass der Anteil der Doppelverdiener unter anderem deshalb so stark ansteigt, weil in mehr und mehr Fällen das Gehalt des Mannes nicht mehr ausreicht. Die Grafik zeigt auch nicht, dass viele Frauen, die heute arbeiten gehen, nicht etwa als „Studierte Spezialistin für englische und amerikanische Literatur“ tätig sind, sondern im örtlichen Krimskramsladen Tünnef an Hausfrauen verkaufen, die nicht darauf angewiesen sind, arbeiten zu gehen (oder, auch das gibt es durchaus oft, die zwar arbeiten wollen, aber nicht können, weil sie keinen Kindergartenplatz bekommen – oder weil der Mann nicht will, dass die Frau arbeiten geht.

Ich bemühe mich auf meinem Blog seit nunmehr 11 Jahren, diese Zusammenhänge herauszuarbeiten. Ich hoffe, mit ein wenig Erfolg. Allerdings wird es auch immer Zusammenhänge geben, die ich selbst übersehe. Man kann nur hoffen, es sind nicht allzu viele.

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Staatlich geförderte Scharlatanerie an japanischen Schulen

Februar 7th, 2017 | Tagged , , | 3 Kommentare | 826 mal gelesen

labsaEine Textmitteilung meiner Frau schaffte es heute, mich auf die Palme zu bringen. In der Nachricht klagte sie über vergeudete Zeit in der heutigen PTA-Sitzung. PTA = Parent Teacher Association (ich glaube, das hieß? heißt? Elternbeirat im Deutschen). Die PTA besteht aus mehr oder weniger freiwilligen Mitgliedern und veranstaltet Sachen wie „Schulessen – wie es gemacht wird (und wie es schmeckt)“ und dergleichen. In diesem Jahr gab es insgesamt vier Veranstaltungen – in der zweiten ging es um „Kinder und der Umgang mit Smartphones“, ein durchaus legitimes Thema. Bei der dritten Veranstaltung kam eine Vertreterin der 誕生学® – der „Geburtenwissenschaft“ (man beachte das ®!). Betrieben von der 誕生学協会, der „Life and Birth Studies Association“. Ein staatlich als „allgemeinnützig“ anerkannter Verein, gegründet von 大葉ナナコ Nanako Ōba, Ex-Model und Absolventin einer Kunst-Kurzuni (zwei Jahre Pseudostudium). Eine Frau ohne jegliche medizinische oder psychologische Ausbildung, die dutzende Bücher zum Thema Geburt, Babymassage und dergleichen veröffentlichte und sich selbst illustre Titel wie „Geburtsberaterin“ und dergleichen gibt. Und mit klugen Thesen daherkommt wie:

  • Schangerschaftserbrechen ist bei Frauen mit gelassenerem Charakter weniger schlimm
  • Wehen sind weniger heftig, wenn die Gebährende unter Stress steht
  • Wehenbeschleuniger sollten nur dann eingesetzt werden, wenn der Gebährenden klargemacht wird, dass dies die Freude der Geburt schmälert
  • Bei Müttern, die nicht stillen können, mangelt es an Fürsorge (gegenüber der Mutter)

Und so weiter. Und so tingeln Vertreter des Vereins dank des eigens ins Leben gerufenen Schulprogramms durch japanische Kindergärten und Schulen und verkünden ihre kruden Botschaften aus Laienmund.

Die Veranstaltung heute war aber scheinbar noch besser: Ein selbsternannter 統計心理学者 – „Statistischer Psychologe“ – tauchte heute auf – mit einer lustlos zusammengewürfelten PowerPoint-Präsentation. Beruflicher Hintergrund: Bankangestellter, heute Cafébesitzer. Seine These: Es gibt im wesentlichen vier Arten von Menschen, und das ist bei Kindern genauso. Wenn man nicht weiß, mit welcher Art Kind man es zu tun hat, macht man Fehler bein Loben, Schimpfen und überhaupt. Woran man erkennt, zu welcher Gruppe das Kind gehört? Die Antwort: Am Geburtsdatum. Jawohl, am Geburtsdatum. Einige Mütter baten dann darum, ihnen eine Analyse ihrer Kinder zu geben, oder zumindest zu offenbaren, wo man denn die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie einsehen könne, aber der tapfere Ex-Bankangestellte zierte sich: Er fragte stattdessen die Mütter nach deren Geburtsdatum und legte drauf los. Und sagte zum Schluß, wer seine Kinder aufgrund der Geburtstage analysiert haben möchte, solle in sein Café kommen – er sei öfter dort und könne dann dort Auskunft geben.

Wohlgemerkt: Eltern zahlen PTA-Beiträge. Und Redner, die dort auftauchen, bekommen eine Aufwandsentschädigung. Und: Schuldirektoren und Lehrer müssen die Veranstaltung absegnen. Bei der Geburtenexpertin keine einmalige Sache – sie macht diese Veranstaltung schon seit Jahren in dieser Schule. Einer öffentlichen Schule.

PTA & Co. verlangen den Müttern in Japan sehr viel Zeit ab – so viel steht fest. Japanische Mütter haben dank dieses Systems kaum Zeit, selber arbeiten zu gehen. Dass die Zeit dann aber damit verbracht werden soll, sich so einen Stuss anzuhören, spottet jeder Beschreibung. Sicher, der Hang zum Metaphysischen ist in Japan besonders stark ausgeprägt (Stichwort: Blutgruppenhoroskop), aber das so etwas auch noch staatlich gefördert wird, schlägt dem Fass den Boden aus.

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4 x 6 = 24? Denkste!

Februar 17th, 2015 | Tagged , | 23 Kommentare | 2308 mal gelesen

Mathelehrbuch der 2. Klasse

Mathelehrbuch der 2. Klasse

Neulich kam Töchterchen, zweite Klasse Grundschule, etwas geknickt nach Hause. Eigentlich mag sie ja Mathe, aber dieses Mal gab es keine 100 Punkte, sondern nur 85. Das ist zwar nicht weiter tragisch, schliesslich könnten es cirka 85 Punkte weniger sein, aber das Problem lag daran, dass Töchterchen den Grund für den Punkteabzug nicht verstand.

„Ein Blumenstrauß beinhaltet 6 Blumen. Es gibt vier Sträuße. Wie viele Blumen gibt es insgesamt?“

Als Antwort schrieb Töchterchen also „4 x 6 = 24“. Und eben das ist falsch. Genau wie die folgende Aufgabe:

„Es gibt 9 Bänke. Auf einer Bank finden 7 Menschen Platz. Wie viele Menschen können insgesamt sitzen?“

9 x 7 = 63? Aber nicht doch.

Mathe war früher eigentlich meine Stärke. Beziehungsweise hatte ich keine größeren Probleme damit. An die Anfänge kann ich mich jedoch natürlich nicht mehr erinnern, und von daher hat es nicht viel zu sagen, wenn mir die Begründung für den Punkteabzug völlig unbekannt vorkommt. Ach so, ja, die Begründung lautet wie folgt:

Bei der Multiplikation schreibt man zuerst die Anzahl einer Einheit, und danach wie oft das ganze vorkommt. Richtig ist also:

6 (eine Blume mal 6) x 4 = 24 Blumen

(7 Menschen x 1 Sitzplatz) x 9 Bänke = 63

Auf Japanisch sieht die Regel so aus:

「1つ分の数」×「いくつ分」

Sprich: Anzahl der Untereinheiten * Wie viele Einheiten.

Schau an! Das Ergebnis mag noch so richtig sein – man legt Wert auf die Reihenfolge! Flugs mal etwas recherchiert, und siehe da: Es gibt sogar einen richtig langen Eintrag bei Wikipedia zur Problematik der Reihenfolge bei Multiplikationen. Und dort liest man gar Erstaunliches: Das MEXT (Bildungsministerium) zum Beispiel empfiehlt, die oben genannte, „richtige“ Reihenfolge zu lehren. Letztendlich überlässt jedoch das MEXT den Schulen (bzw. Lehrern) die Entscheidung, OB die „falsche“ Reihenfolge als Punktabzug zu werten ist oder nicht. Wie bitte? Da geht man also an Schule X in Japan, lernt dort das Einmaleins und dass 7 mal 9 = 63 ist – dann wird man an eine andere Schule versetzt und erfährt dort, dass 7 mal 9 nicht das gleiche ist wie 9 mal 7?

Im Wikipedia-Eintrag erfährt man auch, dass in den USA wohl die umgekehrte Reihenfolge unterrichtet wird – „Verstösse“ jedoch nicht geahndet werden.

Warum man nun in Japan so viel Wert darauf legt, diese „Regel“ (deren Sinn sich mir wirklich nicht vollständig erschliesst) durchzusetzen, ist mir unbekannt. Da bin ich dann wohl doch zu sehr ergebnisorientiert. Sicher, Regeln helfen – wenn sie helfen. Aber in diesem Fall scheint die Regel nur eins zu tun: Die Kinder zusätzlich zu verwirren. Im japanischen Internet scheinen sich sehr viele Eltern – zurecht – darüber zu ereifern. Der Tenor – und das gilt nicht nur bei Mathematiklehrbüchern – lautet: „Warum müssen Kinder, exakt nach unsinnigen Inhalten in Lehrbüchern schreiben, um keine Punkte zu verlieren?“. Gute Frage. Aber die Qualität japanischer Schullehrbücher lässt im Großen und Ganzen sowieso zu wünschen übrig. Da werden keine frei denkenden Menschen gebildet, sondern Ja-Sager.

Interessanterweise sollte noch vermerkt werden, dass im ganzen Mathelehrbuch der 2. Klasse kein Wort von dieser Regel steht. Das wird wohl nur in Begleitmaterialien erwähnt. Und entweder hat die Lehrerin die Regel nicht gut erklärt, oder meine Tochter war mit etwas anderem beschäftigt. Die Chancen stehen 49:51. Oder 51:49?

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Der Frauenflüsterer – bald wieder in Tokyo

November 8th, 2014 | Tagged , | 12 Kommentare | 35487 mal gelesen

Man trifft sie gelegentlich – und leider besonders häufig in Japan: Arrogante Ausländer, die sich im Paradies wähnen, da es ja doch allzu leicht ist, mit dem Ausländerbonus alle möglichen Frauen herumzubekommen. Der König dieser Spezies scheint ein gewisser Julien Blanc zu sein, der sein Geld mit dubiosen Seminaren zum Thema Frauen anmachen verdient. Und zwar weltweit. Da tauchte vor nicht allzu langer Zeit ein Video von ihm auf, in dem der gute Herr erklärt, wie die Dinge in Japan mit den Frauen so laufen. Das Originalvideo ist schwer zu finden, und ich möchte auch keine weiteren Besucher seines Kanals hinzusteuern, aber ein kurzer Zusammenschnitt befindet sich hier auf einem japanischen Kanal:

Laut Twittermitteilung soll Julien Blanc wieder Mitte November nach Japan kommen. Und es gibt genügend Leute, die das gern verhindern würden – siehe unter anderem hier. Es gab und gibt sogar zahlreiche Petitionen gegen (und für!) den Mann – die unter anderem dafür gesorgt haben, dass Veranstaltungsorte in Australien ihm kündigten und sogar sein Visum gestrichen wurde. Eine ähnliche Petition ist auf dem Weg, die die japanische Einwanderungsbehörde auf den Mann aufmerksam machen soll.

Nun sind weder er noch die Besucher seiner Seminare wirklich einen Blogeintrag wert. Schaut man sich aber sein „Spiel“ an – genannt „The Game“ – kann einem nur Angst und Bange werden. Hier geht es nicht um Anmachtricks, sondern um mitunter schon grausame psychologische Spielchen, teilweise gepaart mit Gewalt beziehungsweise der Androhung der selbigen, um sich Menschen gefällig zu machen. Was mich jedoch wirklich verstört, ist das folgende Zitat:

… just grabbing girls and it’s like (motions) head on dick (pfft) head on dick, yelling ‘PIKACHU’ with a Pikachu shirt on….Every foreigner who is white does this. When you see that one foreigner in the crowd in Tokyo and your eyes will lock and you know that he knows and he knows that and it’s this guilty look like you both fucked a hooker or something.”

Na schön! Wenn auch nur ein Japaner glaubt, dass dem so ist – oder noch schlimmer – wenn auch nur einer der Besucher seiner Seminare das glaubt und deswegen auf den Weg nach Japan macht – dann ist das durchaus eine Stellungnahme wert. Klar, der Mann polarisiert. Er ist es nicht wert, ernstgenommen zu werden. Aber es ist gibt leider Leute, die ihn durchaus Ernst nehmen. Und die Frauen, die ihm nichtsahnend über den Weg laufen, sind gelinde gesagt auch nicht beneidenswert. In diesem Sinne: You’re not welcome.

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Buchrezension: „Der lange Atem“ von Nina Jäckle

Juli 17th, 2014 | Tagged , , | 3 Kommentare | 3193 mal gelesen

"Der lange Atem" von Nina Jäckle. ISBN: 9783863510770

„Der lange Atem“ von Nina Jäckle. ISBN: 9783863510770

Eigentlich habe ich mich innerlich dagegen gesträubt, dieses Buch zu lesen. Eine deutsche Autorin beschäftigt sich da aus der Ferne mit der nur gut drei Jahre zurückliegenden und damit noch recht jungen Dreifachkatastrophe im Nordosten Japans. Was soll das werden? Eine Anreihung von Vermutungen? Phantasievoll ausgeschmückte Berichte vom Leben nach dem Tsunami? Moralinsaure Abhandlungen über Fukushima? Wer lange in Japan lebt, die Sprache spricht und die Kultur kennt, und zudem auch noch die Katastrophengebiete – vor und nach der Katastrophe – gut kennt, dürfte ähnlich empfinden.

Das Buch erzählt über das Leben nach der Katastrophe aus der Sicht eines Phantombildzeichners, der anhand von Photos unidentifizierter, oder um genauer zu sein, unidentifizierbarer Opfer Gesichter rekonstruiert, um den namenlosen Toten ihren Namen zurückzugeben. Der Hintergrund ist real – noch heute versucht die japanische Polizei, unter anderem hier, auf diese Art Opfer zu identifizieren. Sicher, Phantombildzeichner sind einiges gewohnt, aber die schiere Menge der Opfer dürfte auch die abgebrühtesten ihrer Art auf eine Belastungsprobe gestellt haben.

Aber zurück zum Buch. Gottseidank hält sich die Autorin mit dem Versuch, die japanische Kultur und Denkweise zu ergründen, zurück. Stellenweise tauchen Besonderheiten auf, an denen man ablesen kann, was genau recherchiert wurde oder auf welche Nachrichten zu jener Zeit die Autorin zurückgegriffen hat. Aber im wesentlichen lässt sie die Nationalität und Kultur aussen vor und beschreibt das allzu Menschliche: Der Schock über das plötzlich Verlorene. Die Ohnmacht, die Menschen befällt, wenn auf einen Schlag nichts so ist, wie es einmal war. Und das beginnt in dem Roman so:

Es war der elfte März, und das Meer atmete aus, ins Land hinein atmete es aus und dann atmete es tief wieder ein.

Diese einerseits recht allgemein gehaltene, und trotzdem sehr ausdrucksstarke Sprache war für mich das besondere an diesem Buch. An die Ich-Erzählweise hat man sich schnell gewöhnt, und auch daran, dass viele Sätze mit „Meine Frau“ beginnen, was – da bin ich dann plötzlich konservativ, wenn ich das aus der Feder einer Autorin lese – mich anfangs irritierte. Doch die Art und Weise, wie sich Konflikte in dem Buch aufbauen, ist sehr gelungen beschrieben und treibt an zum Weiterlesen.

Was mich vor dem Lesen am meisten interessierte, war die Bedeutung, die Fukushima zugemessen werden sollte. Wir erinnern uns: Während in Japan fast 20,000 Menschen hauptsächlich durch den Tsunami ums Leben kamen, hallte nur der Name Fukushima durch die deutsche Presse und liess alles andere beinahe vergessen. Und siehe da, gleich zweimal ist da die Rede von mutierten Schmetterlingen oder Sätzen wie:

Aus den Wörtern Jod, Cäsium und Plutonium werden bald die Abzählreime sein, die Kinder lernen schnell.

Das klingt zwar sehr poetisch, aber genau das ist eben alles andere als Japanisch. Genau dies oder ähnliches wird nicht passieren, und die mutierten Schmetterlinge tauchten auch nur ein einziges Mal in den Nachrichten auf – mit genügend skeptischen Stimmen darüber. Den folgenden Satz mit Hinblick auf den nuklearen Teil der Katastrophe könnte man hingegen passender nicht schreiben:

Es sind noch lange nicht alle Verletzten geboren worden, heißt es.

Überhaupt – beim Lesen traf ich gelegentlich auf unübliche, nachdenklich stimmende Sätze, die mir in ihrer Art gefielen – darunter zum Beispiel diesen hier:

… und wer setzt sich hinter dich, rufen draußen die Kinder. Es ist das Meer, rufen die Kinder nicht.

Fazit: Dieser lediglich 170 Seiten lange Roman aus dem Verlag Klöpfer & Meyer ist eine nachdenlich stimmende und gut recherchierte Lektüre zum Thema 11. März 2011 – ob man nun viel mit Japan zu tun hat oder nicht.

Mehr über die Autorin Nina Jäckle erfährt man hier. Und das Buch gibt es natürlich beim gut sortierten Buchhandel oder bei Amazon.

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Filmkritik: Emperor – Kampf um den Frieden

Dezember 23rd, 2013 | Tagged , , | 1 Kommentar | 5901 mal gelesen

Filmplakat 'Emperor'

Filmplakat ‚Emperor‘

Was sahen da meine entzündeten Augen heute beim Videoverleih: Ein neuer Film aus Hollywood, mit dem Titel 終戦のエンペラー shūsen no emperaa (Wörtlich: Der Kaiser zum Ende des Krieges), mit Tommy Lee Jones als General MacArthur. Uninformiert wie ich bin, war mir das Herannahen dieses Filmes völlig entgangen. Nun kenne ich zwar die gesamte Hintergrundgeschichte, aber natürlich war ich trotzdem – oder gerade deshalb – neugierig, wie das Thema verpackt wurde. MacArthur kennt in Japan jedes Kind, denn der General spielte die zentrale Rolle im Nachkriegsjapan. Im wesentlichen ging es im Film um die Kriegsschuld des japanischen Kaisers. Es gab während und nach des zweiten Weltkrieges genügend Stimmen, die den Kaiser wenn nicht am Galgen, so doch wenigstens vor dem Kriegsgericht sehen wollten. Schliesslich waren ja alle japanischen Soldaten quasi im Namen des Kaisers „unterwegs“. Um es vorwegzunehmen: Der Kaiser blieb unangetastet, verlor aber seinen Götterstatus. Sicherlich zurecht war befürchtet worden, dass das Entfernen des Kaisers Japan vollends gegen die Gewinner des Krieges aufgebracht hätte.

Nun, der Film beginnt, wie er beginnen musste: Mit historischen Aufnahmen des Atombombenabwurfs auf Hiroshima. Kurze Zeit später tritt Tommy Lee Jones in Szene – als bärbeißiger, selbstverliebter aber weitblickender General MacArthur. Und er spielt seine Rolle gut. Die Szenen mit ihm sind erfrischend und interessant. Auch Toshiyuki Nishida, ein sehr bekannter Schauspieler in Japan, brilliert als General Kajima. Früher war ich kein Fan von Nishida, aber ich habe meine Meinung schon vor einer Weile geändert, und dieser Film ist für mich ein weiterer Beweis, dass Nishida vorzüglich geeignet ist für solche Rollen. Auch Masatō Ibu als Lordsiegelbewahrer Kido spielt seine Rolle hervorragend und ist ebenfalls in Japan sehr bekannt.

Soweit, so gut. Die Bilder Tokyos in den ersten Wochen nach Kriegsende sind erwartungsgemäß apokalytpisch und erinnern an historische Fotos aus der Zeit. Es gäbe bestimmt auch ganz viele weitere interessante Dialoge und Szenen, die die damals Beteiligten und die historischen Hintergründe stärker hätten ausleuchten könnten. Doch oh weh – stattdessen entschied man sich, in die Handlung auch noch eine Liebesgeschichte einzubauen, und zwar die zwischen Brigadegeneral Bonner Fellers, gespielt von Matthew Fox, und einer japanischen Lehrerin namens Aya, die Fellers vor Ausbruch des Krieges in Amerika kennenlernte. Und so wird der vom Gesprächsstoff her auf jeden Fall interessante Film mit zahlreichen Rückblenden in die Liebesgeschichte zwischen Aya und Bonner regelrecht zerstückelt. Brennende Trümmerwüste Tokyo – Schnitt – Aya rennt, vo Sonnenlicht geblendet, durch einen Bambushain. Das ist grausam und verstörend. Diese Rückblenden, beziehungsweise AYA an sich braucht kein Mensch. Schade eigentlich, denn mit dieser Besetzung und diesem Thema hätte daraus wirklich ein guter Film werden können.

Randbemerkung: Interessanterweise wird der 宮城事件 Kyūjō Jiken – Palastzwischenfall im Film relativ ausführlich erklärt: Nachdem Gerüchte die Runde machten, dass der Tennō bereit sei, zu kapitulieren, versuchten Kreise der Armee einen Militärputsch, der sich direkt gegen den Kaiser richtete. Nachdem sich jedoch weite Teile der Armee weigerten, sich anzuschliessen, beging der Anführer, General Tanaka, Selbstmord. Viele andere begingen ebenfalls Selbstmord und der Putschversuch scheiterte. Zum Glück, muss man wohl sagen, denn hätte Japan nicht kapituliert, wären die Dinge für Japan sicher nicht besser geworden. Durch die Kapitulation entging das Land womöglich sogar dem Schicksal Deutschlands – will heissen, eine Teilung des Landes. Dieser Putschversuch fehlt (wie viele anderen Vorkommnisse auch) in japanischen Schulbüchern, und so ist es durchaus begrüßenswert, dass dieser Film diesbezüglich ein klein wenig Aufklärungsarbeit leistet.

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Warum trifft Journalismus über Japan nachwievor nicht den Punkt?

Februar 23rd, 2012 | Tagged , , | 33 Kommentare | 3040 mal gelesen

Neulich stolperte ich als regelmässiger Nutzer der Tagesschau-App (die, so viel Lob muss sein, sehr gut gemacht ist) über einen kurzen Artikel mit dem Titel „Das vielfache Vergessen von Fukushima„. Ein Video dazu war auch da (nun scheint es wohl weg zu sein) und dutzende Kommentare, bei denen sich mir wirklich der Magen umdrehte. Auch die Kommentare kann ich nicht mehr finden. Ist wohl auch besser so.

Lese ich mir den Artikel so durch, bekomme ich es mit der Angst zu tun. Sind alle Themen der Tagesschau so schlecht recherchiert? Eigentlich sollte man doch von der ARD vergleichsweise hochwertigen Journalismus erwarten können, oder?

Mein erster Eindruck nach meiner Ankunft in Tokio war ernüchternd: Für die Bewohner der Millionen-Metropole scheint Fukushima genauso weit weg zu sein wie für die Menschen in Köln oder Berlin. Auf den Straßen herrscht Betriebsamkeit, wie man sie von Fotos oder Filmen her kennt.

Du meine Güte – was hat der Berichterstatter erwartet? Das alle mit gesenktem Kopf und Gasmaske trist und traurig durch die Strassen schleichen? Hätte der Reporter doch mit Hilfe seines Dolmetschers, den er doch hoffentlich dabei hatte, wenigstens ein paar Leute interviewt! Dann hätte er wahrscheinlich schnell herausgefunden, dass die Katastrophe den Leuten noch immer in den Knochen steckt! Es vergeht kaum ein Tag ohne bemerkenswerte Erdstösse. Und Fukushima taucht nahezu täglich in den Nachrichten auf. Viele Leute haben das Gefühl, dass das noch nicht alles war. Vor allem nicht in Sachen Erdbeben, denn zahlreiche Wissenschaftler haben erst kürzlich vermeldet, dass die Wahrscheinlichkeit, das Tokyo in ziemlich naher Zukunft einen schweren Direkttreffer erleben könnte stark gestiegen ist.

Auch die Sorge um verstrahlte Lebensmittel und das Gefühl, dass im AKW Fukushima noch lange nicht alles in trockenen Tüchern ist, ist bei vielen vorhanden. Aber, lieber Reporter, drei Mal darfst Du raten, wovor der Hauptstädter mehr Angst hat: Vor einem schweren Erdbeben direkt unter der Hauptstadt mit zehntausenden Toten, hunderttausenden zerstörten Häusern, wochenlangen Versorgungsengpässen und so weiter und so fort, oder vor Fukushima? Vor Fukushima natürlich? Ist klar…

Am Abend flimmert und leuchtet die Stadt, keine Spur von Stromausfällen – obwohl inzwischen nur noch ganze drei der einst 54 AKW des Landes am Netz sind.

Klingt alles so einfach, oder? Als ob man die 54 AKW ganz aus Spass betrieben hatte! Vielleicht sollte mit einer winzigen Fussnote erwähnt werden, das Japan einen sehr hohen Preis dafür zahlt. Aufgrund der jetzigen Lage verzeichnet Japan das erste Handelsdefizit seit Erhebung der Daten 1979. Warum? Fossile Brennstoffe müssen teuer importiert werden. Die Folge, vor allem aufgrund der seit Monaten steigenden Energiepreise: Rezession. Wieder. Klar, ohne die AKW ist es besser – und die letzten 3 kann man jetzt auch ruhig abschalten (aber das wird so schnell nicht passieren).

Immerhin hat sich der Reporter mit japanischer Begleitung nach Minami-Sōma gewagt, und seine Beobachtungen dort decken sich zum Teil mit dem, was ich dort erlebt habe. Die Region ist nachwievor im Ausnahmezustand.

Wesentlich schlimmer als der Artikel waren die Kommentare. Eine arme, gut deutsch schreibende Japanerin verzweifelte schier daran und versuchte zu erklären, welchen Stellenwert welcher Teil der Katastrophe für die Japaner hat. Sie wurde natürlich gleich als Atomlobbyistin abgetan. Wer nicht wie wir ist, muss einer von denen sein. Ein Kommentator war sich auch ganz sicher, dass in Kürze ganz Japan, Korea und Sibirien verstrahlt sein werden.

Nun – Ziel des Reporters war es, sich „… ein Bild davon machen, welche Spuren die größte Reaktorkatastrophe seit Tschernobyl in diesem Land hinterlassen hat – auf den Straßen, Feldern und Dächern der Städte rund um den Reaktor, aber auch in den Köpfen und Herzen der Menschen.“ Ziel verfehlt. Vielleicht begreift irgendwann mal ein Reporter, das man die drei Komponenten – Tsunami, Erdbeben und Reaktorkatastrophe – nicht so ohne weiteres trennen sollte? Allein in Minamisōma sind über 400 Leute vom Tsunami getötet worden, und rund 1’000 Bewohner gelten als vermisst. Auch das beschäftigt die Menschen nachwievor. Aber Erdbeben und Tsunami sind wahrscheinlich zu abstrakt und so weit entfernt wie Köln oder Berlin…

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Gleiche Bildung für alle? Ein kleiner Blick hinter die Kulissen

Februar 5th, 2012 | Tagged , | 15 Kommentare | 1864 mal gelesen

In den vergangenen Wochen hatte ich im Rahmen meiner Arbeit ziemlich viel mit dem Schulwesen in Japan zu tun. In der Theorie, und in der Praxis. Genauer gesagt ging es um die Oberstufe in Japan. Kurze Einleitung: In Japan gehen Schüler erst 6 Jahre lang zur Grundschule (小学校, Elementary School), danach 3 Jahre lang zur 中学校 Junior High School (Mittelstufe) und anschliessend zur 高校 Senior High School (Oberstufe). Grund- und Mittelschule (6 Jahre bis 15 Jahre) sind Pflicht in Japan; Oberstufe hingegen nicht, aber gesellschaftlich gesehen ist die Oberstufe schon Pflicht – knapp 95% der Japaner besuchen die Oberstufe (und fast 50% später die Uni bzw. andere weiterführende Bildungseinrichtungen).

Nun hatte ich im Auftrag eines Schulbuchverlages mit dem Bildungswesen an Oberstufen zu tun und gewann so ein bisschen mehr Einblick in das System, welches mit dem System in Deutschland zum Beispiel nicht sehr viel zu tun hat: In Japan gibt es öffentliche und private Oberstufen – im Grossraum Tokyo sind zum Beispiel mehr als 50% der Oberstufen privat; auf dem Land hingegen gibt nur sehr wenige private Schulen. In Großstädten schicken Eltern ihre Kinder auf Privatschulen, um ihren Kindern bessere Bildungschancen zu gewähren (und weil sie es sich leisten können). Auf dem Land sind private Schulen hingegen oftmals die letzte Chance für Schüler, die Privatschule zu besuchen, wenn sie es wegen mangelnder Leistungen nicht zu einer regulären Schule geschafft haben.

Im Unterricht müssen vom Bildungsministerium (文部科学省, kurz MEXT) genehmigte Schulbücher benutzt werden. Dabei gibt es für jedes Fach offiziell genehmigte Lehrbücher von mehreren Verlagen. Welche Lehrbücher benutzt werden, entscheidet dabei der Träger der Schule: Ist es eine Präfekturoberstufe (県立 – kenritsu), entscheidet das das Bildungskomitee der Präfektur. Ist es eine städtische Schule (市立 – ichiritsu), entscheidet dies das Bildungskomitee der Stadt. Bei privaten Schulen (私立 – shiritsu) hingegen entscheidet das der Besitzer und / oder der Lehrerrat. Diese offiziellen Schulbücher kann man nicht öffentlich erwerben, und mit den Büchern selbst machen Verlage aufgrund der niedrigen Preise kaum Gewinn.

Doch da kommen die 副教材 – fukukyōzai – Begleitmaterialien ins Spiel. Die müssen nicht vom Ministerium genehmigt sein. Und: Diese Zusatzmaterialien müssen von den Schülern (bzw. natürlich deren Eltern) bezahlt werden – ohne das die Eltern da ein Wort mitreden können, versteht sich. Die Summe der Zusatzmaterialien für ein einziges Fach kann dabei durchaus schon mal ca. 100 Euro pro Jahr betragen. Und das gilt nicht nur für private Schulen, sondern auch für öffentliche (und damit eigentlich kostenfreie) Schulen. Und es gibt neben Sport 9 verschiedene Fächer. Doch wer entscheidet, welche Zusatzmaterialien benutzt werden? Es gibt für jedes Fach zahlreiche Verlage, die um die Gunst der Lehrer buhlen. Und so schicken die Verlage in regelmässigen Abständen ihre Vertreter in die Schulen, die sich dort die Lehrer schnappen und ihnen ihre neuesten Begleitmaterialien unter die Nase reiben.

Das ganze ist immerhin ein riesiger Markt. Gehen wir mal von einer durchschnittlichen Oberstufenschule aus: Die hat in Japan ca. 1’000 Schüler. Wird also jeder Schüler von der Schule „gezwungen“, alljährlich Begleitmaterialien für Fach XYZ im Wert von 100 Euro zu erwerben, macht das 100’000 Euro Umsatz für den Vertreter für diese eine Schule. In Japan gibt es übrigens momentan gute 5’000 Oberstufen. Nun gibt es jedoch von Schule zu Schule durchaus Unterschiede: 進学校 (Shingakkō) genannte, „gute“ Schulen mit dem Ruf, ihre Schüler später an guten Unis platzieren zu können, benutzen mehr Begleitmaterialien. Genauer gesagt passiert folgendes: Diese Schulen kaufen die offiziellen Unterrichtsmaterialien, da dies Pflicht ist (auch bei privaten Schulen). Da das Niveau dieser Lehrbücher für diese Schulen zu gering sind, werden diese Lehrbücher praktisch nicht benutzt: Begleitmaterialien werden zu Hauptlehrbüchern.

Es gibt aber auch das Gegenteil davon: Die 教育困難学校 – Kyōiku-Konnan-Gakkō: „Schulen im Bildungsnotstand“. Einige Vertreter erzählten mir dabei, dass sie diese Schulen prinzipiell melden. O-Ton: „An diesen Schulen werden keine Begleitmaterialien benutzt. Das Niveau dort ist dermassen schlimm, das manche Oberschüler mit Ach und Krach den eigenen Namen in Schriftzeichen schreiben können.“ Ein Manager des Vertriebs fragte mich später, wo ich wohne und ob ich Kinder habe. Ich gab bereitwillig Auskunft, und er sagte sofort „Ah ja. Schicken Sie Ihre Kinder auf gar keinen Fall an diese und jene Schule!“.

Leider liessen meine Nachforschungen keine Gelegenheit, etwas tiefer zu bohren. Zum Beispiel die Frage danach, was dieses System eigentlich schmiert. Bekommen Lehrer zum Beispiel Vergünstigungen irgendeiner Art, wenn sie sich für Verlag soundso entscheiden? (Ein Vertreter meinte daraufhin nur lapidar: „Früher war das wohl so, heute aber nicht mehr).

Wie auch immer – ich kann leider nicht mit dem System in Deutschland vergleichen, da ich es nicht gut genug kenne. Aber die Ungleichheit im japanischen Bildungssystem verblüfft mich immer wieder. Genauso auch all die versteckten Kosten und Ungereimtheiten: Warum müssen Eltern für ihre Kinder in öffentlichen Schulen für Begleitmaterialien von Verlagen bezahlen – ganz einfach weil es die Schule und/oder der Lehrer so entscheidet? Und wieso sitzen selbst in privaten Schulen in der Regel ca. 40 Schüler in einer Klasse? Und wieso scheint das nur mich zu stören? Die meisten Japaner nicken bei dem Thema nur – wahrscheinlich, weil sie es selbst nicht besser kennen.

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