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Kollektivtrauma Englisch

Oktober 26th, 2009 | Tagged , | 31 Kommentare | 1707 mal gelesen

Am Freitag hatte ich ein Meeting mit vier Japanern in einem heimeligen Café in Shibuya. Thema: Wie erreichen wir die japanischen Englischlehrer an japanischen Schulen? Ich möchte hier nicht mit Details langweilen, also versuche ich mich, kurz zu halten. Die vier Japaner waren ein ehemaliger (und jetzt wieder) Mittelschulen-Englischlehrer und Phonetikexperte, der Chef einer Publikationsfirma nebst Kollegen sowie die Chefeditorin eines kostenlosen Magazins für Schullehrer. Warum ich dabei war? Ich hatte um das Meeting gebeten. Drei der vier Leute kannte ich. Und unsere Firma ist sehr stark in Sachen Englisch-Erziehung involviert.

Was hat das mit dem Titel zu tun? Viele Japanreisende und erst recht in Japan Wohnende werden es bereits irgendwann erahnt haben: Englisch ist nicht so recht des Japaners‘ Sache (ich weiss, politisch nicht korrekt). Man muss suchen, um Japaner mit ausreichenden Englischkenntnissen zu finden – der allgemeine Stand in Sachen Englisch ist gelinde gesagt miserabel, obwohl jeder ab dem 12. Lebensjahr Englisch lernen muss.

Nun muss man folgendes dazu sagen: Japanisch und Englisch sind grundverschieden. Nehmen wir mal das alptraumhafte japanische Schriftsystemgemansche zur Seite, ist es für Japaner im Grunde genommen schwerer, Englisch zu lernen, als für Englischsprecher Japanisch. Und welcher Engländer oder Amerikaner spricht schon fliessend Japanisch? Es sind nicht allzu viele. Grund für diese Behauptung: Sowohl die englische Grammatik als auch die Aussprache sind komplexer und schwerer zu erlernen.

Das allein kann jedoch keine Entschuldigung sein. Japan hatte dereinst eine Institution beauftragt, einen Englisch-Test zu entwickeln, um festzustellen, wie fit Japaner für eine Arbeit mit Ausländern oder im Ausland sind: den TOEIC-Test. Der wurde schnell sehr populär – weltweit – und nun kann geraten werden, wer im internationalen Vergleich am schlechtesten abschneidet: Japaner. Malaysier sind besser. Chinesen sind besser (nun gut, in punkto Grammatik haben Chinesen einen klaren Vorsprung). Koreaner sind besser – letzteres ist das Hauptargument gegen die Behauptung, dass die Sprachbarriere als solche der Grund sein könnte.

Hierbei soll erwähnt werden, das die Englisch-Industrie in Japan eine wirkliche Industrie ist: Der Jahresumsatz englischbezogener Wirtschaftszweige (inkl. Übersetzung, Privatschulen, Lehrmaterialien usw) liegt bei ca. 720,000,000,000 Yen – das sind über 5 Millarden Euro (Zahlen: 2008, Quelle: Yano Research 2009) oder das Bruttosozialprodukt eines ganzen Jahres – in Namibia (…ja ja, Statistiken). Den Löwenanteil machen Übersetzungsdienste sowie private Englischschulen aus. Dieses ganze Geld muss doch irgendwo Wirkung zeigen, sollte man denken, und doch: Englisch ist ein kollektives Trauma in Japan.

Warum ist also Englisch in Japan so ein grosses Problem? Erklärung: Das hiesige Bildungssystem. Die ersten sechs Jahre (6-12 Jahre) verbringt man in der 小学校 (Grundschule / Elementary School). Die nächsten drei Jahre (12-15) in der 中学校 (Mittelstufe, Junior High School) sowie die folgenden drei Jahre (15-18) in der 高等学校 (Oberstufe, Senior High School). Englisch ist ab der Mittelstufe Pflicht – Kinder „normaler“ (also nicht besonders reicher) Eltern lernen vorher kein Englisch. Und dann geht es los: In der Mittelstufe lernen die Kinder in Klassen mit ca. 38 Kindern pro Klasse – von einem Lehrer, der selber nur radebrechend Engrish (!) daherredet. Was soll dabei rauskommen? Genau: Nothing. Wenn die Eltern halbwegs gut verdienen, schicken sie die Kinder zur Nachhilfe. Wenn die Eltern stinkreich sind, schicken sie die Kinder auf internationale Schulen. In öffentlichen Oberstufen wird der Unterricht auch nicht viel besser – es sei denn, man schickt seine Kinder auf teure private Schulen.

Problem erkannt, Lösung unterwegs? Ab 2011 wird Englisch Pflicht an den Grundschulen in Japan – für die 5. und 6. Klasse. Hierbei sei erwähnt, dass in den meisten Grundschulen Japans oftmals ein Lehrer alles (nochmal: a-l-l-e-s!) unterrichtet: Landeskunde, Mathe, Sport… und ab 2011 – Englisch. Ein Lehrer! Alles! Logisch, dass sich die Lehrer an den Grundschulen grundlos darauf freuen, ab 2011 auch noch Englisch unterrichten zu dürfen. Die Qualität kann man erahnen. Aber das 文部科学省 (Bildungs- und Forschungsministerium, Abkürzung: MEXT) hat ja alles im Griff: Die Vorbereitungen laufen bereits (und aus berufenen, aber leider nicht zitierbaren Quellen, weiss ich zu berichten, dass jene Vorbereitungen katastrophal sind).

Viele Eltern in Japan sind darob bereits besorgt und schicken ihre Kinder schon sehr, sehr früh (einige schon ab 2 Jahren!) in Einrichtungen, in denen die Kinder Englisch lernen – mit einem Muttersprachler. Und hier beginnen die Probleme: Grundstufenlehrer werden (angeblich) vorbereitet. Mittelstufenlehrer hingegen nicht: Die Kinder lernen also im 5. und 6. Jahr der Grundstufe Englisch – kommen in die Mittelstufe (oft eine andere Schule) und lernen dort – genau das Gleiche. Kinder betuchterer Eltern werden sehr, sehr schnell feststellen, dass der Unterricht rein gar nichts taugt. Das ist nicht gut – steht die Kompetenz des Lehrers in einer Klasse von 38 12-jährigen in Frage, entstehen enorme Probleme. Der Lehrer kann nur eins tun – von der Lehrerrolle (teacher) in die Moderatorrolle (facilitator) wechseln – was jedoch nicht funktionieren wird, da mindestens die Hälfte der Schüler keine Vorkenntnisse im Englischen hat.

Scheinbar sehen das viele Japaner genauso – vor einigen Monaten haben wir mal eine Umfrage durchgeführt – teilgenommen haben über 600 Menschen. Frage: Werden wegen der Einführung des Englischen als Pflichtfach in Grundschulen Japaner in 30 Jahren merklich besser Englisch sprechen? Es gab vier Antworten: Ja, wesentliche Besserung / Ja, etwas Besserung / Nein, nichts ändert sich / Nein, es wird schlechter. Mit 33% meistgewählte Antwort: Nein, nichts ändert sich.

Was soll ich sagen – die Stimmung wurde immer gedrückter beim Meeting. Man fragte mich, wie es eigentlich in Deutschland sei und was ich von der japanischen Bildung halte. Leider bin ich diesbezüglich reichlich inkompetent: Den Grossteil meiner Schulbildung habe ich in der DDR „genossen“ (pun intended…), den Rest unter diversen Übergangsregelungen. Das einzige, was ich sagen konnte: Japanische Klassen sind definitiv zu gross (sagt auch die OECD). Frage dabei an den (Ex-)Lehrer von den anderen Teilnehmern: „Könnten Klassen in Japan verkleinert werden?“ – einzig gültige Antwort: „Sicher. Wenn das Geld vorhanden wäre“. Und da liegt der Hund begraben – die Ausgaben für Bildung sind schlichtweg ungenügend.

Das Problem verschärft sich zudem noch. Auf makabre Weise: Beispiel 江東区 (Kōtō-Distrikt) in Tokyo: Aufgrund der negativen Bevölkerungswachstumsrate gehen den Schulen die Schüler aus. Ergo: Schulen werden geschlossen (durch Zusammenlegung). Ergo: Wertvoller Platz wird frei. Ergo: Ein neuer, teurer Wohnblock in Hochhausformat wird gebaut. Ergo: Die dort einziehenden Familien bringen viele Kinder mit – für die es keine Schulen mehr gibt.

Nun gut, das ganze ist Stoff für mehrere Doktorarbeiten. An dieser Stelle – der Eintrag ist schon lang genug – soll es erstmal reichen. Wer bis hierhin durchgelesen hat – alle Achtung! Bei Interesse gibt es später mehr dazu.

Das Wort des Tages: 英語 eigo. ei- steht für England, -go für Sprache. Englisch.

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