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Haben es „weiße“ Männer in Japan wirklich leichter?

Mai 18th, 2017 | Tagged | 10 Kommentare | 1169 mal gelesen

Dieser interessanten Frage wurde einmal in der Kolumne „Spare a thought for the Western men trapped in Japan“ in der Digitalausgabe der Japan Times nachgegangen (Link) – garniert mit einem Titelfoto, das einen 32-jährigen Deutschen zeigt, der nach 12 Jahren XY-Tours in Japan seine grosse Liebe fand, von ihr aber nach einem Jahr fallengelassen wurde, weil sie der Meinung war, dass er keine Perspektive in Japan habe.

Eine interessante Frage. Vorab aber vorsichtshalber eine Anmerkung zum Begriff „weisser Mann“ im Titel (Japankenner können das überspringen). In Japan unterscheidet man im Wesentlichen in アジア人 ajia-jin (Asiate), 黒人 kokujin (Schwarzer) und 白人 hakujin (Weißer). Das ist in Japan nicht abwertend gemeint und linguistisch verständlich. Alle Umschreibungen des Begriffes im Titel würden zu lang oder zu unkorrekt werden, schliesslich leben „die weissen Menschen“ westlich, östlich und südlich von Japan.

Als Mann hört und liest man so oft darüber, wie leicht es doch weiße Männer in Japan hätten. Sie hätten einen Ausländerbonus (den Chinesen und Koreaner jedoch nicht haben), könnten jede Frau rumkriegen und allein mit halbwegs passablen Englischkenntnissen Geld scheffeln bis de Arzt kommt. Zudem leben sie in Japan in einem veritablen Patriarchat, was für Männer natürlich, so sagt man zumindest, eine Spitzensache sei. Ist dem wirklich so?

Was das Geldscheffeln mit Englischkenntnissen angeht – nein, eher nicht. Sicher, man kann sich mit Unterrichten irgendwie über Wasser halten, doch wirklich reich wird man davon nicht. Nicht mehr. Die Englischindustrie hat, trotz fortlaufenden Bildungshungers der Insulaner, auch schon bessere Zeiten gesehen. Und gnadenlose Ausbeutung von Ausländern in einigen Privatschulen gab es auch schon immer und gibt es immer noch. Wenn man Pech hat.

Roppongi - wer hier auf Brautschau geht, sollte wissen, worauf er sich einläßt

Roppongi – wer hier auf Brautschau geht, sollte wissen, worauf er sich einläßt

Doch wie sieht es mit den Frauen aus? Genau hier liegt das Problem. Sicher, wenn man in punkto „aufreißen“ die richtigen Wasserlöcher kennt (Stichwort Roppongi), muss nicht gerade blendend aussehen, ein guter Unterhalter sein oder mit Geistesblitz brillieren. Irgendein Deckel findet sich dort allemal für jeden Topf. Doch allzu viele ausländische Männer scheinen sich da blenden zu lassen. Der Fokus auf „kawaii“ (niedlich) sollte nicht davon ablenken, dass natürlich auch japanische Frauen ihre eigene Agenda haben. Die sieht in vielen Fällen nur zwei Optionen vor: Entweder soll der exotische Lover dazu dienen, Japan entfliehen zu können (um nach etlichen Jahren dann festzustellen, dass man ganz unbedingt wieder zurückziehen muss, ob das dem Mann gefällt oder nicht). Oder man hat den typischen japanischen Weg im Sinn: Der Mann soll möglichst viel Geld verdienen, denn die Frau denkt nach der möglichen Geburt von Kindern gar nicht daran, zu arbeiten (was zu einem grossen Teil leider an der Gesellschaft liegt, die einen solchen Schritt nicht gerade fördert). Ein schönes Haus, ein dickes Auto, viele Geschenke und gutes Essen sollen es dann aber natürlich dennoch sein. Nach der Geburt der Kinder ist der Mann oftmals vorerst sowieso passé, was aber nicht so schlimm ist, wenn er in einer japanischen Firm arbeitet, denn dann kommt er eh kaum nach Hause.

A propos Arbeit: Egal ob man japanisch spricht oder nicht, man ist und bleibt immer der Exot. Das kann in einigen Firmen gut sein, in vielen Firmen ist es jedoch eher schlecht: Verwehrte Aufstiegschancen haben schon so manchen verzweifeln lassen, zumal japanische Firmen nach wie vor immer noch nicht nach dem Leistungsprinzip, sondern nach dem Senioritätsprinzip funktionieren. Da kann man noch so gut sein – man steigt einfach in den nächsten 10 Jahren nicht auf. Wenn man bis dahin nicht an der Arbeitsmoral der Kollegen verzweifelt, die tagsüber sinnlos rumrödeln und dann versuchen, das ganze mit täglichen und sinnlosen, oft unbezahlten Überstunden wieder wettzumachen – vom ausländischen Mitarbeiter wird oft verlangt, dabei mitzumachen.

Doch wie in jedem Fall gibt es zum Glück auch Ausnahmen. Und das eine Frau lieber einen Partner wählt, der „Potential“ hat, ist einfach nur menschlich. Doch während es genügend Ausnahmen gibt, bei den Partnerinnen wie auch bei den Arbeitsplätzen, sollten glühende Japanfans, die mit dem Gedanken spielen, sich „mal eben“ in Japan niederzulassen, gewarnt sein. Japan ist eben kein Schlaraffenland – auch hier muss man sich gehörig ins Zeug legen. C’est la vie.

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Lose Gedanken zur japanischen Arbeitswelt

April 8th, 2016 | Tagged , | 7 Kommentare | 1189 mal gelesen

April – das ist nicht nur der Beginn des neuen Schuljahres in Japan, sondern – logischerweise – auch der Monat, an dem die frischgebackenen Schul- und Universitätsabsolventen ihre neue Arbeit antreten.
So auch bei meinem Kunden, bei dem ich einen Tag in der Woche vor Ort arbeite. Dieser Kunde ist eine mittelgrosse, rein japanische Softwareschmiede, die sich auf Oracle und Salesforce-Entwicklung spezialisiert hat. Und zwar ziemlich erfolgreich – man residiert quasi direkt neben der Ginza. Heute war dabei der erste Tag für 5 Neuankömmlinge: 4 Uni-Absolventen und 1 Quereinsteiger. Die Absolventen haben übrigens – und das ist typisch in Japan – noch nie ernsthaft programmiert und noch nie von Salesforce gehört. Sie sind jedoch die Überlebenden eines interessanten Rekrutierungsprozesses, bei dem Fragen wie „Wie viele Toilettenrollen verbraucht man in Japan pro Jahr?“ gestellt werden. An der Frage scheitern schon mal sehr viele, denn diese Frage setzt voraus, dass man ungefähr weiss, wie viele Einwohner das Land hat. Die meisten wissen es nicht.

Und in der Nacht geht es im kuscheligen Nahverkehr nach Hause

Und in der Nacht geht es im kuscheligen Nahverkehr nach Hause

Es gibt da die Mär der Sushiköche, die angeblich jahrelang Teller spülen müssen, bevor sie ihren ersten Fisch aufschlitzen dürfen. Das kommt nicht von ungefähr. Altehrwürdige Sushiläden funktionieren in der Tat nach dem Prinzip: Ein paar Jahre Teller waschen, dann ein paar Jahre Reis zubereiten, dann darf man irgendwann an weissfleischigen Fisch, später an roten (wie Thunfisch und so weiter). Bis man endlich selbst an der Theke steht, können so schnell fast 10 Jahre vergehen. So in etwa läuft das auch bei meinem Kunden. In den ersten zwei Jahren dürfen die Neuankömmlinge quasi nur eines: Testen. Hunderttausende Datensätze erstellen, in allen nur erdenklichen Kombinationen, dann hochladen und testen, bis der CPU schlapp macht. Irgendwann beginnen sie dann, das Programmieren zu lernen – damit sie dann sogenannte Testklassen schreiben dürfen, mit der die richtigen Klassen getestet werden (bei Salesforce ist das Pflicht). Dann wird für eine Prüfung nach der anderen gelernt. Und nach ein paar Jahren darf man, wenn man sich gut geführt hat, zum Kunden – und Spezifikationen für Kunden schreiben. Und Programmieren, so sich herausstellt, dass man das Zeug dafür hat. Das ist eine harte Schule – zwei Jahre nur testen ist nicht Jedermanns Sache, und so verlassen eins, zwei Leute pro Jahr die Firma wieder.

Wer es geschafft hat, darf dann weitermachen wie bisher: Arbeiten bis der letzte Zug fährt, mit hohem Termindruck – aber tagsüber eher döselig und am Handy herumspielend. Gelegentlich mit Kommentaren von oben nach dem Motto „na zum Mittagessen gehen ist diese Woche leider nichts“. Soll heissen, man soll sich das Essen gefälligst während der 13, 14 Stunden vor dem Rechner in den Rachen stopfen. Das ist freilich furchtbar effektiv: Sicher, das Prinzip des jahrelangen Trainings an der „Basis“ hat ungemeine Vorteile. Das dröge Überarbeiten am Computer nicht. Gerade beim Programmieren nicht. Es gibt Ausnahmen, aber in der Regel kann man ein Problem, für das man nach 10 Stunden Arbeit eine Stunde braucht , um es zu lösen, am nächsten Morgen in 10 Minuten lösen.

Kein Themenwechsel, aber eine andere Geschichte: Gestern traf ich im morgendlichen Berufsverkehr jemanden, den ich ein paar Wochen zuvor in meiner Stammkneipe (etwas übertrieben vielleicht, bei rund einer Sitzung pro Monat) kennengelernt hatte. Er ist jetzt im dritten Jahr an der gleichen Universität, bei der ich vor 18 Jahren ein Jahr lang studiert hatte. Zu Beginn des dritten Jahres beginnen japanische Studenten normalerweise ihre Stellensuche. Entschieden wird dann meist noch vor dem Sommer – also fast ein Jahr vor den eigentlichen Abschlussprüfungen, aber die sind ja in Japan nur eine Formsache. Er war frisch gebügelt auf dem Weg zur Informationsveranstaltung einer Firma. Ich fragte ihn, ob er denn plane, vor Arbeitsantritt noch eine grössere Reise zu planen – das machen viele Japaner so. Aus guten Gründen: Er antwortete, dass das wohl angebracht sei – schliesslich könne man ja danach „für die nächsten 40 Jahre nicht mehr verreisen“. Das ist keine sensationelle Feststellung, aber mich überraschte die Selbstverständlichkeit, mit der er das sagte. Da klang kein bisschen Bedauern mit, sondern einfach nur der Tenor, dass das eben der unabänderbare Lauf der Dinge sei, mit dem man sich abgefunden hat. Uni. Fertig. 40 Jahre ohne wesentlichen Urlaub arbeiten. Fertig. Und wenn dann noch genügend Lebensenergie bleibt und nicht der Krebs oder eine andere Krankheit gegen Ende des Arbeitslebens zugeschlagen hat, vielleicht noch ein bisschen Urlaub.

Ja, ich lebe gern in Japan. Ja, ich passe mich natürlich an meine Umwelt an. Nein, an diese Arbeitsweise, und an diese Denkweise werde ich mich nie anpassen. Ich werde sie aber auch nicht bewerten. Mich versöhnte letztendlich, dass der Kollege mit seinem ihn erwartenden Schicksal versöhnt schien.

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Zwei Jahre danach – und, was gelernt?

März 12th, 2013 | Tagged , , | 16 Kommentare | 1283 mal gelesen

Zwei Jahre ist es nun also her, seit ein schweres Erdbeben halb Japan durch- und ein anderes Land 10’000 km westlich in Sachen Kernenergie aufrüttelte. Über 15’000 Tote, mehr als 3’000 Vermißte, verwüstete Landstriche, mindestens 50’000 Menschen, die aufgrund der Atomkatastrophe in Fukushima auch in den nächsten 4 Jahren (von der Regierung optimistisch geschätzt) nicht zurück nach Hause können, Schlagzeilen wie „Häusliche Gewalt im Katastrophengebiet steigt an“ und so weiter und so fort – die Katastrophe zieht eine lange Spur des Schreckens hinterher und sie wird auf lange Zeit im Gewissen der Bevölkerung eine große Rolle spielen. Im positiven Sinne, da die Katastrophe eine große Menge positiver Energie freisetzte, vermittelt durch unzählige Menschen im In- und Ausland, die sich bereit erklärten, helfen zu wollen, egal wie. Im negativen Sinne ebenso, da das Beben und der Tsunami eine riesengroße Menge Dreck hervorspülte – aus den Eingeweiden der Politik und der Wirtschaft. Dieser Dreck ist noch immer für Schlagzeilen gut in Japan (so erst kürzlich, als bekannt wurde, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit bereits das Erdbeben und nicht erst der Tsunami war, der dem AKW den Garaus machte).

Hat man in Japan aus der Katastrophe gelernt? Jein. Es ist noch zu früh, dies beurteilen zu können. Und Japan hat bereits, leider, viele Chancen gehabt, aus vergangegenen Erdbebenkatastrophen zu lernen, und man hat auch vieles gelernt: Zumindest was Erdbeben anbelangt. Nicht aber, was Tsunami und eine ordnungsgemäße Risikoanalyse beim Bau von Kernkraftwerken angeht. In puncto Tsunami wiesen schon vor langer Zeit Geologen daraufhin, dass bis zur Katastrophe dicht besiedelte Gebiete aus gutem Grund früher nicht besiedelt wurden.
Bei der geologischen Risikoanalyse von AKW-Kraftwerken muss man vorsichtig sein, auf wen man mit dem Finger zeigt: Geologen und Ingenieure haben heute ganz andere Meßtechniken und Erfahrungswerte zur Verfügung als vor 40 Jahren. Immerhin ist man jetzt jedoch dabei, die AKW-Standorte aufs Neue genauer unter die Lupe zu nehmen, und – dies das eigentliche Novum – die Öffentlichkeit von den Resultaten zu unterrichten. Oder, anders gesagt, ist die Presse endlich daran interessiert, da die Leserschaft mehr zu wissen wollen scheint.

Diese Taktik birgt ihre Risiken – für die Bevölkerung: Letztendlich versuchen die Verantwortlichen damit, einzelne AKW zu legitimieren. Jedoch sind Presse und Öffentlichkeit mittlerweile genügend sensibilisiert, und da es in Japan kaum einen Winkel gibt, in dem es keine aktiven Verwerfungen gibt, fällt ein AKW nach dem anderen durch. So scheint es zumindest momentan. Mit etwas Glück sorgt die Wissenschaft damit vielleicht sogar zur Einsicht. Aber das ist sehr optimistisch ausgedrückt, denn es sieht nicht gerade so aus, als ob man ernsthaft nach Alternativen für eine nachhaltige Energieversorgung zu suchen scheint.

Zwei Jahre nach der Katastrophe leben noch cirka 310’0000 Menschen in Notunterkünften. Das ist nicht unbedingt damit zu erklären, dass es an Aufbaumitteln mangelt. Mancherorts liegt es schlichtweg daran, dass man sich nicht entscheiden kann, wo man die jeweilige Stadt wieder aufbaut. Die Überlebenden werden durchaus am Entscheidungsprozess beteiligt, und so kommt es in manchen Orten zu einem Stuttgart 21 im Kleinstadtformat: Die einen wollen genau dort wieder bauen, wo das Wasser wütete – nur hinter höheren Deichen. Die anderen, und mancherorts sind die in der Minderheit, wollen lieber ein paar Kilometer landeinwärts siedeln. Wieder andere, und das sind nicht wenige, haben genug und wollen einfach nur ganz weg. Man befürchtet eine beschleunigte Entvölkerung des Nordostens, und das zu recht – die Abwanderung hält sowieso schon seit Jahrzehnten an.

Heute hiess es um 14:46 also wieder 黙祷! (mokutō – „Schweigegebet“) und vielerorts heulten die Sirenen. Ich hätte nichts dagegen, wenn man eigenartige Feiertage wie den Tag des Grüns oder den Tag des Meeres abschafft, und stattdessen den 11. März zum Feiertag erklärt: Einem Feiertag zum Gedenken an die Erdbeben- und Tsunamiopfer sowie ein Tag der Mahnung daran, was passieren kann, wenn man leichtsinnig mit dem Feuer spielt.

Wer in letzter Zeit auf gute Reportagen zum Thema gestoßen ist – egal ob Print oder Fernsehen, Japanisch, Englisch oder Deutsch – nur her damit!

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Schalt‘ den Fernseher aus – Unterhaltung im japanischen Fernsehen

Februar 14th, 2012 | Tagged , | 18 Kommentare | 5209 mal gelesen

Den folgenden Artikel habe ich für die Herbst-Ausgabe (2011/04) der Zeitschrift Midori geschrieben – und wie immer erscheint hier – mit Verspätung – die Online-Ausgabe. Viel Spass beim Lesen!

Je schräger desto plumps!

Ein Mensch im Hummerkostüm, der mit einem riesigen Plastikhammer auf wehrlose Mädchen eindrischt. Ein nackter Mann, der im öffentlichen Bad Seife ausschüttet, Schemel aufschichtet und dann bäuchlings schlitternd als menschliche Billiardkugel die Schemel umkippt. Ein paar Verrückte, die sich irgendwo für 24 Stunden einsperren lassen und jedes Mal einen auf das Hinterteil verpasst bekommen, wenn sie lachen. Wo sind wir? Genau. Im Japanischen Fernsehen.

Eine Fremdsprache zu können hat seine Vor- und Nachteile. Wohl eher zu den Nachteilen gehört die Tatsache, daß man leider versteht, was da so alles in der Flimmerkiste läuft. Andererseits – Fernsehen kann auch durchaus dazu beitragen, etwas über das Land und seine Bewohner zu erfahren. Und es hilft mitunter ungemein, die Sprache zu erlernen – das gilt besonders für das japanische TV, da hier sehr gern Untertitel eingeblendet werden – bei fast allen Sendungen. Dieses Mal soll es also um ein paar Beobachtungen über das japanische Fernsehen gehen – ein kleines Einmaleins für Fernsehhasser und Fernsehfreunde.

Die Tasten 11 und 12 kosten nicht extra

Dass Japan gern sein eigenes Süppchen kocht, ist ja hinlänglich bekannt. Weniger bekannt ist, daß man das sehr gern konsequent betreibt. Das beginnt bereits bei der Fernbedienung für den Fernseher. Während sich der Großteil der Menschheit recht erfolgreich mit dem Dezimalsystem angefreundet hat – schließlich haben ja 99,9% aller Menschen 10 Finger (nun gut, selbst das ist in Japan gelegentlich anders) oder zumindest 10 Zehen, findet man auf japanischen Fernbedienungen in der Regel 12 Knöpfe mit Nummern drauf. „Aha, 12 Programme also“ könnte der nichtsahnende Japanbesucher also denken – aber nichts da! Nicht alle Programme sind belegt. Das geht dann in etwa so beim Schalten: Programm – extrem lautes Rauschen und Flimmern auf dem Bildschirm – Programm – Programm – lautes Rauschen usw. Damit auch ja jeder in den Genuss dieses Nervenkitzels kommt, variiert die Belegung natürlich je nach Region: Hier sind die Programme 1, 3, 4, 5, 7, 8, 10 und 12 belegt, anderswo nur die 1, 2, 4, 6, 8 und 10.

Gehen wir mal davon aus, daß wir uns die Zahlenfolge genausogut eingeprägt haben wie unsere Kontonummer, Bankleitzahl, Geburtstag der Schwiegermutter usw. Was erwartet uns also? Zum grossen Teil erstmal Werbung, unterbrochen durch Programm. Japan folgt hier eher dem amerikanischen Modell, also sehr kurze, aber unzählige Werbepausen, die weder dafür ausreichen, zum Örtchen zu schlendern, noch sonst etwas anderes anzustellen. Wohl deshalb befindet sich in japanischen Hotelzimmern die Minibar meist direkt neben dem Fernseher (das kann freilich auch an der Enge vieler Hotelzimmer liegen). So man sich mal eine Sendung mit einem Ansatz von Spannungsbogen ansieht, werden die Werbepausen zum Ende hin richtig penetrant: Dann gibt es wirklich mehr Werbung als Inhalte.

Dazu habe ich allerdings meine eigene Theorie: Die Werbung wird nicht etwa nur gezeigt, um jene gewinnbringend an Kunden zu verkaufen. Nein, man hat einfach nicht genug Inhalte, um mehr Substantielles auszustrahlen. Beleg: Nach dem großen Erdbeben haben die meisten Firmen und Fernsehsender aus Pietätsgründen darauf verzichtet, Fernsehwerbung auszustrahlen. Stattdessen wurden jedoch in genau der gleichen Anzahl Spots gezeigt, in denen menschliche Grundwerte wie Freundlichkeit, Zuvorkommen, Lächeln usw, vermittelt werden. Da die Werbung auf allen Kanälen vom gleichen Verband organisiert wird, dudelten also die gleichen Spots mehrfach pro Stunde auf allen Kanälen hoch und runter. Tagelang. Bis man, welch Erleichterung, nach einer guten Woche wieder damit begann, normale Werbung auszustrahlen.

Wer japanisches Fernsehen verstehen möchte, kommt vor allem am Nachmittag mit einem sehr geringen Wortschatz aus. Eigentlich reicht ein Wort, um das Gros der Sendung zu verstehen: oishii. Dieses wohl meistbenutzte Adjektiv im Japanischen bedeutet „lecker“ und kommt mindestens ein Mal pro Minute zur Anwendung, da sich 90% aller Sendungen am Nachmittag, oft aber auch in der Nacht, ums Essen drehen. Da schiebt dann der Studiogast in Großaufnahme ein irgendwas in den Mund, darauf folgt gemächliches Kauen, und dann – die Spannung steigt ins unerlässliche – jetzt erstmal Werbung – folgt endlich ein lautes, wer hätte das gedacht, oishii!!!. Natürlich mit noch vollem Munde. Und Schnitt. Wieder eine Sendung im Kasten. Programme dieser Art gibt es in rauhen Mengen und unzähligen Variationen. Aus Japan. Aus dem Ausland. Mal nur mit Nudelsuppen. Mal mit den 10 beliebtesten Variationen, wie Japaner ihre Fertignudelsuppen aufpeppen.

Filme werden erstaunlicherweise kaum gezeigt auf den normalen Kanälen. Erst recht nicht am Sonnabend abend oder feiertags, und das ist eigentlich ganz vernünftig: An freien Tagen soll man die Zeit schließlich nutzen, und nicht wie gebannt und pausenlos vor der Glotze sitzen. Auch Dokumentationen gibt es nur wenige. Ernsthafte Talkshows mit mehr oder weniger prominenten Zeitgenossen? Kaum. Es sei denn, es wird dabei gekocht und gegessen. Big Brother? Gott bewahre! Davon wird man zum Glück verschont am Rand der Welt.

Bleiben noch die Serien und Komik. Über erstere kann ich hier mangels Kompetenz nichts sagen. Aber was ist mit den ganzen Spaßsendungen – schließlich ist ja das japanische Fernsehen bis über die Landesgrenzen berühmt beziehungsweise berüchtigt. Eines steht jedenfalls fest: Wer es in Japan als ambitionierter Fernsehkomiker zu etwas bringen möchte, muß ein sehr dickes Fell haben. Den nackten Hintern in die Kamera zu halten zählt da noch zu den harmloseren Aufgaben. Regelmäßig auf mehr oder weniger brutale Art und Weise Schläge einzustecken gehört zum täglich Brot: Es ist teilweise sehr erstaunlich, wie gewaltvoll japanisches Unterhaltungsfernsehen sein kann. Dabei orientiert man sich gern an Slapstick aus den Anfangsjahren des Kinos, manchmal aber auch, wie mir scheint, an Monty Python in ihren besten Jahren. Das muss nicht immer schlecht sein – vorausgesetzt, man mag Slapstick und Monty Python.

Razor Ramon alias Hard Gay bei der Arbeit

Mitunter ist man als westlicher Beobachter auch recht überrascht und fragt sich, wer eigentlich in punkto Humor im japanischen Fernsehen die Grenzen zieht. Als Beispiel sollte eine Lichtgestalt namens Razor Ramon dienen. Jener war ein ganz normaler Komiker und Ex-Wrestler, der plötzlich als Hard Gay seine Runden im japanischen Fernsehen drehte: Schwarze, enganliegende Latexkleidung, extrem kurze Hosen, Ketten überall und die exakte Verkörperung dessen, was man dank Bildung aus dem Fernsehen mit dem Namen „Hard Gay“ assoziieren würde. Nicht, daß Razor Ramons Alter Ego sehr gesprächig war – meistens war er damit beschäftigt, seine Hüften anzüglich kreisen zu lassen und dabei „Fufuuu!“ und ähnliches zu rufen. Das geschah nicht etwa nur spätabends, sondern auch gelegentlich bei Aufnahmen mit echten (!) Kindern am Nachmittag auf einem Spielplatz. Und siehe da: Razor Ramon alias Hard Gay kam richtig gut an bei Kindern! Ob Razor Ramon jedoch mit dieser Rolle den Homosexuellen, die sich in Japan nachwievor aus gesellschaftlichen Gründen eher verstecken als outen, einen echten Gefallen tat, sei dahingestellt. Es war wohl eher ein Bärendienst. Und irgendwann verschwand der vorher omnipräsente Razor Ramon ganz plötzlich von der Bildfläche. Übrigens: Hard Gay ist im realen Leben mit einem Ex-Model verheiratet und hat zwei Kinder.

Wer zum Star wird und wer vom Himmel fällt, wird gelegentlich direkt oder indirekt von den Yakuza entschieden. Fällt jemand bei gewissen Leuten durch, ist er ruckzuck aus dem Fernsehen verschwunden. Häufigste Form des Verschwindenlassens: Ein kleiner, schmutziger und natürlich anonymer Brief an dubiose Zeitschriften. Drogen machen sich da ganz besonders gut, das wird selten verziehen in einem Land, in dem auch Marihuana als harte Droge gilt. Das denke ich mir übrigens nicht aus – ich weiß es zumindest in einem Fall aus erster Hand. Andererseits verschwinden derzeit auch Prominente indirekt durch die Yakuza: Indem ihnen nämlich eine Verbindung zu Jenigen nachgewiesen werden kann (wer auch immer dazu den Tipp gibt).

Ohne Worte

Einige Sendungen bestechen jedoch durchaus durch Kreativität: Gerne erinere ich mich persönlich an eine Sendung Ende der 90er mit dem Namen Denpa Shōnen, in denen verschiedenen Leuten verschiedene Aufgaben gegeben wurden: Einer wurde da nackt in ein leeres Zimmer eingesperrt, nur versorgt mit Stiften und unendlich vielen Rätselheften. Der Arme musste daraufhin versuchen, sich allein mit Rätselpreisen durchzuschlagen. Zwei andere Teilnehmer wurden in Südafrika ohne Geld ausgesetzt – sie mussten sich dann trampenderweise bis zum Nordkapp durchschlagen. Dass da gerade im japanischen Fernsehen sehr viel yarase (gestellte Szenen) dabei ist, schmälert das Vergnügen zwar etwas, aber wer mag schon Böses dabei denken.

Es gibt noch viel mehr zu sagen zum japanischen Fernsehen. Es kann – diese Aussage kann man wahrscheinlich auf die meisten Länder beziehen – ganz unterhaltsam und lehrreich sein. In gesunden Dosen genossen, versteht sich. Sonst hat man nur noch Essen im Kopf.

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Kolumne: Abenteuer Wohnen

November 16th, 2011 | Tagged | 10 Kommentare | 2191 mal gelesen

Den folgenden Artikel habe ich für die Sommer-Ausgabe (2011/03) der Zeitschrift Midori geschrieben – und wie immer erscheint hier – mit Verspätung – die Online-Ausgabe. Viel Spass beim Lesen!

Japanische Wohnungen – mal sehen, was uns da so einfällt. Enge, kleine Wohnungen. Sehr dünne Wände. Alles zugestopft mit irgendwelchen Sachen. Niedrige Decken. Gedränge. Alte Häuser aus dunklem, wettergegerbtem Holz mit schönen, verzierten Giebeln auf dem Land. Mit Papier bespannte Schiebetüren. Was man eben so in Filmen und Dokumentationen zu sehen bekommt.
Nach etlichen Jahren in Japan und unzähligen Reisen durch das Land sollte man um einiges schlauer sein – normalerweise. Doch mich beschleicht allmählich das Gefühl, das die Ungereimtheiten in punkto Wohnen in Japan eher zunehmen als abnehmen. Warum baut man zum Beispiel in Japan so gut wie nie Keller? Warum lässt man zwischen den Häusern häufig nicht mal einen halben Meter Platz – und das teilweise sogar auf dem Land? Warum ist Wärmedämmung in Japan ein absolutes Fremdwort – trotz der grossen Temperaturunterschiede zwischen Sommer und Winter? Warum setzt man selbst bei mehrgeschossigen Wohnhäusern in Japan noch immer so viel auf Holz – trotz der zahlreichen Erdbeben? Warum müllen in Japan viele ihre Wohnung und ihre Büros bis zur Decke voll? Um es vorwegzunehmen – bei einigen Fragen muss ich leider eine Antwort schuldig bleiben, denn oftmals gibt es keine schlüssige Erklärung.

Eine eigene Wohnung in Japan zu haben kann mit schmerzhaften Erfahrungen verbunden sein. Da wäre meine winzige Wohnung zu Studentenzeiten – mit umgerechnet 500 Euro für 14 Quadratmeter ein wahres Schnäppchen. Mit winzigem Balkon, für die Waschmaschine. Das Nachbarhaus war 50 cm entfernt, und der Aussenkorridor (die Regel in Japan) jenes Hauses lief direkt auf meinen Balkon und das „Wohnzimmer“ dahinter zu. Will heissen, die Bewohner der letzten Wohnung des Nachbarhauses liefen direkt auf mein Wohnzimmer zu, um knapp einen Meter davor in ihre Wohnung einzutreten. Da wäre eine andere Wohnung, in der ich gut 4 Jahre lebte – mit einer riesengrossen, klobigen Lampe in der Küche, die direkt vor dem Herd hing, und die man nicht entfernen konnte. Jene Lampe war massiv – sie hatte einen grossen, kegelförmigen Schmuckstein am unteren Ende. So oft wie ich mir an dieser Lampe den Kopf eingerannt habe, grenzt es an ein Wunder, dass ich noch in ganzen Sätzen sprechen kann. Von den Türzargen jener Wohnung ganz zu schweigen – jene waren 1.80 m hoch und damit ein paar Zentimeter niedriger als der Author. Leider. Schlaftrunken durch die Wohnung zu laufen erwies sich mehrfach als äusserst schlechte Idee.

Schöner Wohnen in Japan: Altes Haus im Zentrum von Tokyo (Ebisu)

Interessant zu beobachten ist der Wandel in Sachen Wohnen in Japan: Noch bis vor gar nicht allzu entfernter Zeit hatte eine Wohnung in Japan einen ganz anderen Stellenwert als zum Beispiel in Europa. Eine Wohnung hatte ihren Zweck zu erfüllen und mehr nicht. Die eigene Wohnung galt weniger als eigenes Refugium, dass es als so angenehm und individuell auszugestalten galt wie irgend möglich, sondern nur als Raum, in dem man schläft, isst und Fernsehen schaut. Diese Lektion musste zum Beispiel IKEA lernen. 1974 betrat der schwedische Möbelbauer den japanischen Markt und musste 1986 entnervt aufgeben. 20 Jahre später schien den Schweden die Zeit reif genug für einen erneuten Anlauf, und siehe da: Das Geschäft brummt, die mittlerweilen 5 Niederlassungen sind äusserst beliebt und gut besucht. Das mag man teilweise mit der Preispolitik und dem Exotenstatus erklären, aber der Erfolg fusst eher auf der Wandlung der Wertvorstellungen in Sachen Wohnraum: Man legt heutzutage wesentlich mehr wert auf eine angenehme, individuell ausgestattete Wohnung. Oder um es im Neusprech der Werbebranche auf den Punkt zu bringen: Man beginnt in Japan, Spass am Wohnen zu haben. Schaut man sich allerdings einige japanische Wohnungen so an, fragt man sich ernsthaft, woher die Bewohner den Platz nehmen, um alle Einzelteile von Knud oder Olaf auszulegen und zusammenzubauen. Denn japanische Wohnungen sind nachwievor häufig sehr eng und, vorsichtig ausgedrückt, „optimal genutzt“ – man könnte den Zustand auch „zugemüllt“ nennen. Das gilt auch für Büros, meist in Form von Grossraumbüros, in denen oftmals ein Dauerwettbewerb in Sachen „Wie viele Blätter, Briefe und Bücher kann man wohl lose übereinanderlegen?“ stattzufinden scheint.

Na, jemand zu Hause? Teure Eigentumswohnungen in Tokyo

Verständlicherweise sehen sporadische Japanbesucher diesen Aspekt japanischen Lebens kaum. Wer viel Geld erübrigt, kann heuer auch sehr schöne, grosse und gut eingerichtete Wohnungen mieten. Oder kaufen. Wer im Grossraum Tokyo eine 100 Quadratmeter grosse Wohnung sucht, ist im Schnitt mit einem Preis ab 300’000 Euro dabei. Eine schöne Wertanlage, könnte man da denken, doch halt: In Japan wird mit anderen Regeln gespielt. Häuser werden in Japan schon seit eh und je so gebaut, dass man sie nach ca. 30 bis 40 Jahren abreisst und ersetzt. Das nennt sich „scrap and build“, also „abreißen und neubauen“. Otto Normalverbraucher im Raum Tokyo, so im Besitz einer besseren Arbeitsstelle, kauft sich Mitte oder Ende 20, meistens kurz nach der Hochzeit, eine Wohnung. Manchmal auch ein Haus. Da nicht jeder oben genannten Betrag im Sparstrumpf hat, nimmt man dazu einen Wohnungskredit bei der Bank auf – Laufzeit in der Regel 35 Jahre. Man bezahlt also für die nächsten 35 Jahre keine Miete, sondern tilgt seinen Kredit. Das ist schön und gut, doch taugt die Wohnung später kaum als Wertanlage, da es unwahrscheinlich ist, dass das Haus länger als 50 Jahre stehen wird. Eher als Wertanlage taugen Grundstücke, doch als Ausländer kann man leider keine Grundstücke erwerben. Wer Grund und Boden in Japan besitzen möchte, muss vorerst zum Japaner werden (das geht übrigens, aber die Prozedur ist schwer und langwierig).

Manchmal steht das Haus auch viel kürzer als gedacht. Zum Beispiel nach einem Erdbeben. Zwar gibt es Erdbebenversicherungen in Japan, aber die sind verständlicherweise sehr teuer. Fraglich ist zudem, ob der Besitzer des Hauses, in dem sich die Eigentumswohnung befindet, eine solche Versicherung hat: Falls nicht, bleibt man auf seinem Schaden sitzen. Wohnung weg, Kredit noch da und kein Anspruch auf eine neue Ersatzwohnung. Dabei hat man in Sachen Erdbebensicherheit bereits enorme Fortschritte gemacht. Bis zu drei Etagen hohe Häuser werden dabei nachwievor oft zu einem grossen Teil aus Holz gebaut. Interessanterweise ohne Keller – stattdessen werden bis über 10 Meter lange Metallträger in den Untergrund gerammt, Gruben ausgehoben und mit Beton gefüllt und darauf wird schliesslich gebaut: Mit Holz. Und das aus gutem Grund, denn Holz gilt nachwievor als vorzügliches Baumaterial in erdbebengefährdeten Gebieten.

Grundsolide: Bauen mit Holz und Stahl

Klar, Holz brennt auch gut und die winzigen Abstände zwischen den Häusern in Wohngebieten sorgen bei grossen Erdbeben regelmässig für Feuerwalzen, die sich durch die Städte fressen (so zuletzt in Kesennuma im März 2011 sowie in Kōbe 1996), aber die Vorteile überwiegen. Ziegelfreunde haben deshalb in Japan einen besonders schweren Stand – Ziegel verhalten sich im Falle eines Erdbebens äusserst unfreundlich und haben die unangenehme Eigenschaft, sich flugs in einen grossen Trümmerhaufen zu verwandeln. Vorbei sind auch die Zeiten enormer Fehlschläge. So baute man in den 1960ern erdbebensichere Wohnblocks in Niigata, doch die halfen bei dem schweren Erdbeben 1964 nicht viel – da der Untergrund nachgab, kippten die Wohnblocks einfach im Ganzen um wie riesige Legosteine (siehe hier).

Besonders interessant wird es in Japan bei der Wetterfestigkeit der Häuser. Bei Temperaturen bis unter 0 Grad im Winter in grossen Teilen Japans und bis über 35 Grad und extrem hoher Luftfeuchtigkeit im Sommer sollte man meinen, dass Wärmedämmung in Japan die Wohnqualität erheblich steigern beziehungsweise den Energieverbrauch im von Rohstoffen nicht gerade gesegneten Japan erheblich mindern helfen sollte. Das hat sich jedoch im hochtechnologisierten Japan noch nicht herumgesprochen. Wärmedämmung? Gibt es nicht. Fenster aus Doppelglas? Fehlanzeige. Das gilt nicht nur für Wohnhäuser, sondern erstaunlicherweiseoft auch für Bürohochhäuser.
Da man aufgrund des Hitzeinselphänomens in japanischen Großstädten auch nur sehr schlecht ohne Klimaanlage im Sommer auskommt, werden Wohnungen in der Regel mit der Klimaanlage im Winter beheizt und im Sommer gekühlt. Aufgrund fehlender Wärmedämmung hält der Effekt leider nicht lange vor: Kaum ist die Klimaanlage aus, wird es im Winter einfach nur kalt und im Sommer einfach nur heiss. Über die Gründe mangelnder Isolierung kann man nur mutmassen. Ist es technisch zu anspruchsvoll oder zu teuer, eine Wärmeisolierung anzubringen, die den hiesigen Taifunen und der hohen Luftfeuchtigkeit standhält? Oder sind die Energiepreise einfach zu niedrig, um den Aufwand zu rechtfertigen?

Wer jedoch einmal in den Genuss kommt, ein altes, nach traditioneller Art gebautes Wohnhaus zu betreten, wird überrascht sein: Diese Häuser sind von alters her so ausgelegt, dass man wirklich ohne Klimaanlage auskommt: Rund um den Innenbereich führt nämlich ein schmaler Gang, durch den die Luft wunderbar zirkulieren kann. Ausserdem lassen sich oft mindestens zwei Seiten des Hauses nahezu komplett öffnen. Aber wer weiss, vielleicht entdeckt Japan ja in den kommenden Jahren das Potential effektiver Wärmedeckung. Der Zwang zum Energiesparen besteht ja seit dem grossen Erdbeben im März 2011 und dem als Konsequenz daraus verkündeten Ausstieg aus der Kernenergie.

Mehr zum Thema: Wohnen in Japan

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Fernostalgie

Juni 9th, 2011 | Tagged , , | 4 Kommentare | 1090 mal gelesen

Den folgenden Artikel habe ich für die Frühjahrs (2011/02)-Ausgabe der Zeitschrift Midori geschrieben – und wie immer erscheint hier – mit Verspätung – die Online-Ausgabe. Viel Spass beim Lesen!

Irgendwann fällt es einfach auf: Eine gewisse Szene, die so ziemlich in fast jedem Film, so nicht Samurai oder gewisse Riesenechsen drin vorkommen, auftaucht: Eine ländliche Gegend, durch die ganz gemächlich ein Triebwagen zuckelt. Ein Triebwagen, den man zumindest in meiner Gegend ganz profan als Ferkeltaxe zu bezeichnen pflegte. Interessanterweise taucht diese Szene meist auch in der Filmvorschau auf, als ob dieses eine Szenenbild eine besondere Bedeutung hätte und so die Leute haufenweise zum Kino oder DVD-Dealer treiben würde.

„Ferkeltaxe“ in tiefster japanischer Provinz

 

Nun, die Szene hat symbolträchtige Bedeutung und verfehlt ihre Wirkung nicht. Zwar sind Ferkeltaxen alles andere als ausgestorben – man braucht gar nicht lange suchen, um in Japan noch welche zu finden, aber der Anblick solcher Züge und die damit verbundenen Emotionen lassen einen leisen Verdacht aufkommen: Ist dieses glitzernde, hochtechnologisierte, innovative, knallbunte und etwas verrückte Japan etwa im Herzen eher ländlich, sentimental und in sich gekehrt? Das wäre ja mal ein ganz anderes Bild!

Wie überall hat Sentimentalität zwei Dimensionen: Die örtliche und die zeitliche. Besagte Ferkeltaxen haben da den Vorteil, gleich beide Dimensionen anzusprechen, denn diese Bahnen gab es früher überall und sie sind damit für jeden über 40-jährigen in Japan fester Bestandteil der Erinnerungen an die Kindheit (von den Bewohnern kleiner und kleinster Inseln einmal abgesehen). Zum anderen gibt es die Bahnen immer noch, und zwar auf dem Land. Man sollte dabei bedenken, dass Tokyo zum Beispiel zwar ganz schön gross ist – jedoch in Japan gern schlicht als grosses Dorf bezeichnet wird, denn die meisten Bewohner kommen eigentlich gar nicht aus Tokyo, sondern aus Regionen irgendwo hinter den sieben Bergen. Wenn ich beruflich oder privat jemanden in Tokyo kennenlerne, werde ich – verständlicherweise – zumeist nach meiner Herkunft gefragt. Den Spiess drehe ich freilich danach gerne um (immer Gefahr laufend, als Antwort ein verwirrtes „Na, aus Japan!“ zu hören), und bin dabei nicht etwa über die Antwort „Okinawa!“ sondern mehr über die Antwort „aus Tokyo“ überrascht. Echte Tokyoter muss man suchen.
Man sollte eigentlich meinen, dass ein fortgeschrittenes Land wie Japan Phänomene wie massenhafte Landflucht hinter sich hat, doch dem ist nicht so. Die Landflucht hält an. Wer gute Bildung sucht, kommt um die Hauptstadt nicht herum. Wer in internationaler Atmosphäre arbeiten will – und damit sind nicht die berüchtigten Philippino-Bars gemeint, muss in die Hauptstadt. Es sei denn, man hält es eher mit Portugiesisch oder Spanisch, denn die meisten Einwanderer aus Südamerika leben mehr in der Gegend um Nagoya.

Wer wissen will, wie Tokyo ohne Zugezogene aussieht, sollte mal den ersten oder zweiten Januar in der Hauptstadt verbringen – viel ist da nicht los, da alle zum Neujahrsfest in die Heimat, aufs Land, gefahren sind. Leider erfreut sich die ländliche Gegend eines solchen Andrangs nur zwei Mal im Jahr – zum Neujahrsbeginn und während der お盆 O-Bon Feiertage Mitte August – ansonsten wirken weite Landstriche in Japan wie ausgestorben, und man kann froh sein, hier und da gelegentlich mal einen 80-jährigen Bauern zu treffen. Anzumerken sei hier auch, dass die Landflucht oftmals nicht etappenweise geschieht – selbst größere Städte in der Provinz, als Beispiel möchte ich hier mal Wakayama oder auch Akita, beides immerhin Präfekturhauptstädte, kämpfen mit stark und konstant schwindenden Einwohnerzahlen, was nicht nur der geringen Geburtenrate zuzuschreiben ist. In solchen Städten muss man oft nicht lange nach den sogenannten シャッター通り Shutter dōri – Rollläden-Strassen – suchen: Ehemalige Einkaufsstrassen, in denen man heute nur noch heruntergezogene Rollläden vorfindet. Nein, die meisten Leute wenden sich gleich richtig von der Heimat ab und gehen umgehend in die Hauptstadt, nach Ōsaka, Fukuoka usw. So mag es nicht verwundern, dass ca. jeder vierte Japaner in der Hauptstadtregion lebt.

Wohnzimmer vor 40 Jahren (Shōwa-Museum, Takayama)

 

Nun aber zur zeitlichen Dimension. Vor wenigen Jahren erschien in Japan der Kassenknüller Always – 三丁目の夕日 3-chōme no Yūhi, wörtlich „Always – Abendsonne im 3. Abschnitt“. Dieser Film trieb nicht nur die Leute scharenweise ins Kino, sondern auch unzähligen japanischen Männern im besten Alter die Tränen in die Augen. Der Film spielt in einem Tokyoter Stadtviertel und in Sichtweite des Tokyo Tower, welcher in der Zeit, in der es im Film geht – Ende der 1950er – gerade gebaut wird. Im Viertel geht es arm, laut aber herzlich zu – Jeder kennt Jeden, es gibt viel zu feiern und viel zu hauen. Der erste Kühlschrank und der erste Fernseher im Viertel sorgen für unglaubliche Szenen – während Wasser immer noch mit der Handpumpe im staubigen Hinterhof geholt werden muss. Kurzum, alle sind arm aber glücklich, und der Fortschritt steht vor der Tür. Dieser Tage ist ein solches Viertel zwar nicht völlig undenkbar (obwohl sehr selten geworden) – aber in der Nachbarschaft des Tokyo Tower sieht es heute, gelinde gesagt, doch etwas ander aus.

Was muss das für eine Zeit gewesen sein – jede nur halbwegs grössere Stadt lag am Ende des Zweiten Weltkrieges komplett in Schutt und Asche, und die Niederlage im Krieg war ein gewaltiger Schock. Wie auch in Deutschland folgten Jahre der Mühen und des Hungers, bis es endlich in den 1950ern aufwärts ging – in gewaltigen Schritten. Das Wirtschaftswunder gab es nicht nur in Deutschland, sondern auch in Japan. Doch in Japan verlief es schon immer etwas anders. In Deutschland baute man seit jeher Stein auf Stein, mit dicken Mauern, auf dass das Haus auch lange stehen möge. Erst später begann man mit dem Bau von Zweckbauten mit begrenzter Lebenserwartung. In Japan war letzteres schon immer so. Stein auf Stein, womöglich noch mit Ziegelsteinen, war in Japan kaum populär – man baute und baut am liebsten mit Holz. Das ist kein Wunder – ein Ziegelsteinhaus hat bei einem stärkeren Erdbeben kaum Überlebenschancen, während Holzhäuser flexibel genug sind, um auch stärkere Stösse abzufedern. Dies hatte zur Folge, dass in Deutschland unzählige Häuser nach dem Krieg repariert wurden. In Japan hingegen brannten die Städte bis zum Grund nieder – alles musste neu gebaut werden (dabei hatte man zum Beispiel in Tokyo erst gute 20 Jahre vorher alles neu bauen müssen – nach einem verheerenden Erdbeben). Auch Regeln wie „Häuser dürfen nicht grösser sein als die Kirche im Ort“ sind in Japan unbekannt. In guten Zeiten wurde und wird gebaut, was das Zeug hält.

Es ist aber nicht nur der Anblick alter Holzhäuser in einem staubigen Viertel, der bei der Generation 40+ das Herz höher schlagen lässt, schliesslich findet man solche Häuser noch immer, sondern auch der Gedanke an das Zusammenleben von damals. Das soziale Gefüge in den Grossstädten hat sich wie anderswo auch stark verändert – nach einem richtigen Kiez muss man mittlerweilen suchen, man geht heutzutage meistens seine eigenen Wege. Oder? Dies ist sicherlich richtig für Wohngebiete mit grossen Wohnhäusern. Doch dort, wo man maximal 2-geschossige, sehr günstig zu mietende, zusammengeschusterte Wohnhäuser sieht, gibt es ihn noch – den Zusammenhalt der Bewohner. Da wird dann im Sommer spontan draussen gegrillt und gefeiert und man hilft sich bei der einen oder anderen Angelegenheit. Dass die Teilnehmer dabei ein aus allen Landesteilen zusammengewürfelter Haufen darstellt, ist der meist guten Stimmung nicht abträglich – im Gegenteil. Jedoch scheint dabei auch in Japan eine Faustregel zu herrschen: Je ärmer, desto grösser die Warhscheinlichkeit, einen solchen Zusammenhalt zu finden.

Tokyo Tower

 

Zurück zum Tokyo Tower: Jener wurde damals quasi zum Symbol der Nachkriegsgeneration und wird von daher von vielen ganz sentimental betrachtet. Dafür eignet sich der rot-weisse, 332 m hohe Turm auch ganz hervorragend: Er ist schlichtweg photogen und liebenswert. Der Tokyo Tower steht entsprechend für die Shōwa-Epoche (1926-1989, 昭和 Shōwa war das Motto des Kaisers Hirohito). Die jüngste Generation braucht sich gottseidank um ein ähnliches symbolträchtiges Bauwerk keine Sorgen machen: Der Nachfolger, genannt Tōkyō Sky Tree, wird fast doppelt so hoch (634 m) und 2011 fertig sein. Und die Japaner sind schon jetzt ganz versessen danach.

An dieser Vorliebe für Nostalgie muss etwas dran sein – immerhin spiegelt sie sich sogar in der Sprache nieder. Was geht uns durch den Kopf, wenn wir zum Beispiel ganz plötzlich ein Poster sehen oder einen Geruch wahrnehmen, welches uns umgehend an die Kindheit erinnert? Wie kann man dieses Gefühl in deutsche Worte packen? Ich bin mir bis heute nicht sicher, aber woran ich auch denke, es wird eine ganze Wortkaskade – wie „oh, das habe ich ja schon ewig nicht gesehen“ oder „ach, das waren Zeiten“. Im Japanischen gibt es für dieses Gefühl ein eigenens Wort: 懐かしい natsukashii. Und man hört dieses Wort sehr, sehr oft. Einfach mal einen mindestens 30 Jahre alten Japaner nach Wooper Looper fragen (Leser der letzten Kolumne mögen sich erinnern), und die Chance, als Antwort ein „natsukashii“ zu hören ist ziemlich gross.

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Kolumne: Frittierter Axolotl gefällig?

März 2nd, 2011 | Tagged , , | 5 Kommentare | 4427 mal gelesen

Den folgenden Artikel habe ich für die Winter (2010/11)-Ausgabe der Zeitschrift Midori geschrieben – und wie immer erscheint hier – mit Verspätung – die Online-Ausgabe. Viel Spass beim Lesen!

 

Axolotl – (Quelle: Wikimedia Commons)

 

Just in diesem Moment vergessen, was ein Axolotl ist? Kein Problem. Ein Axolotl ist eine Art Möchtegern-Salamander, der kurz vor der Salamanderwerdung vergessen hat, ein solcher zu werden: Das Ergebnis ist ein, nun ja, Salamanderfisch – sieht aus wie ein Fisch mit Beinen und nach oben gekämmten Kiemen. Ursprünglich kommen die Tierchen aus Mexiko und sind dort eine stark gefährdete Spezies. In Japan kannte man sie nicht – bis 1985, als ein findiger Marketingexperte des Trockennudeln-in-Dosen-Herstellers Nisshin so ein Tierchen, zudem auch noch ein Albino – in einem Werbespot dem Durchschnittstarō in Japan näher brachte. Nicht etwa unter dem Namen Axolotl – das kann ja keiner aussprechen – sondern unter dem zu Recht verdächtigen Kunstnamen „Wooper Looper“.

Es kam, wie es kommen musste: Jeder wollte plötzlich einen Axolotl kaufen oder zumindest sehen, und Zuchtfarmen schossen wie Pilze aus dem Boden. Doch irgendwann verlor die Öffentlichkeit das Interesse an den Tieren und die Züchter mussten sehen, wo sie bleiben. Sicher sattelten die meisten irgendwann um oder gingen pleite, aber zumindest ein Züchter beziehungsweise findige Restaurantbesitzer hatten eine famose, wirklich urtypisch japanische Idee: Kann man die Tiere nicht essen? Und siehe da, man kann! Angeblich schmecken sie am besten frittiert und dann irgendwie nach etwas zwischen Huhn und Fisch (dass scheint kulturübergreifend zu sein: Sobald man bisher unbekanntes Fleisch isst, sagt jeder es schmecke irgendwie nach Huhn).

Das bedeutet jetzt nicht, dass überall in Japan in Öl gebackene Axolotl feilgeboten werden – die Anzahl der Trinkhallen und Restaurants dürfte sehr begrenzt sein. Aber die Geschichte ist ein schönes Beispiel dafür, wie unvoreingenommen man in Japan (aber auch in Korea und China) dem Essen als solches gegenüber eingestellt ist: Kulturelle Tabus gibt es da erstaunlich wenig, und eines kann man Japanern bestimmt nicht vorwerfen: Das sie mäklig sind. In Japan muss man einfach kein schlechtes Gewissen haben, wenn man gutes oder (für unseren Geschmack) ausgefallenes Essen mag. „Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht“ ist ein Sprichwort, das im Japanischen ausserordentlich langer Erklärungen bedarf und trotzdem nicht richtig verstanden wird. Das soll nicht heissen, dass jeder alles mag – auch ich habe schon Japaner getroffen, die Fisch nicht mögen oder Soyasauce nicht ausstehen können – beides immerhin Ingredienzien, ohne die man nicht weit kommt.

Japan und seine ostasiatischen Nachbarn geraten aufgrund ihrer jeweiligen Ess- und sonstiger Gewohnheiten dabei nicht selten ins Kreuzfeuer internationaler Kritik: Blauflossenthunfisch und Wal sind da nur zwei Beispiele. Bei letzterem sollte jedoch angemerkt sein, dass es dabei weniger um die Liebe der Japaner zum Walfleisch, sondern eher um Prinzipien und Bürokratie geht.
Es ist auch immer wieder faszinierend, zu sehen, wie wenig man allgemein über fremde Kulturen weiß: Bis zu meinem ersten Abstecher nach Japan, das war vor 15 Jahren, dachte ich, wie wahrscheinlich viele Andere auch, dass man in Japan nahezu pausenlos rohen Fisch und Reis verzehrt und dazu Sake trinkt. Hätte mir jemand vorher gesagt, dass in Japan zum Beispiel Bohnen fast die grösste Rolle in der Esskultur spielen, wäre ich vielleicht nie nach Japan gefahren. Vergorene Bohnen, schleimige Bohnen, süße Bohnen – weiß, grau, braun, rund, lang, groß, klein – ich war schockiert. Aber dafür gab es genügend andere, positive Überraschungen, und an ein paar Bohnen gewöhnt man sich früher oder später auch.

Als vor wenigen Jahren erstmals der Michelin-Guide für Japan erschien, herrschte helle Aufregung: Im fernen Tokyo gab es wesentlich mehr Sternerestaurants als irgendwo anders. Und geehrt wurden nicht nur japanische, sondern auch europäische Restaurants mit japanischen Starköchen. Trotz der eigenen, exzellenten und sehr vielfältigen Küche ist ausländisches Essen – und das beinhaltet auch Fast Food – in Japan seit jeher populär. Die meisten Restaurants belassen es zum Glück auch nicht dabei, einfach nur die fremde Küche zu imitieren – in Japan wird fröhlich gemischt was das Zeug hält, Rindfleisch mit Miso gebraten, Brot mit Reismehl gebacken und Nattō auf die original italienischen Spaghetti gekippt (vor allem letzteres kann man mögen, muss man aber nicht).
„Was vermisst Ihr an Essen eigentlich am meisten?“ fragte ich gelegentlich mal Japaner in Deutschland – man kommt im Gespräch mit Japanern früher oder später immer aufs Essen – und ich war überrascht, das manche nicht irgendein Gericht oder Sushi oder so etwas nannten, sondern einfach nur Gemüse. Komisch – dabei haben wir doch so viel Gemüse: Grünkohl, Rotkohl, Weisskohl, Rosenkohl, Blumenkohl… Alles da. In Japan schlägt man sich stattdessen mit unzähligen Sorten von Lauch, viel Knoblauch (auch das hatte mich überrascht) und allerlei exotischen Gemüsesorten herum. Beeindruckend ist vor allem die Vielfalt grüner Blattgemüsesorten, die ich auch nach etlichen Jahren in Japan noch immer gern durcheinanderbringe.

Nicht, dass das Halbwissen bezüglich der Essgewohnheiten anderer ein deutsches Phänomen ist: Deutsches Essen besteht für Japaner meistens aus Würstchen und Kartoffeln, zumindest aber aus Kartoffeln. Kartoffeln auf der Pizza? German Pizza! Kartoffeln und Zwiebeln halbherzig angebraten? German potato. Kartoffel als Sushibelag habe ich noch nicht gesehen, aber das soll nichts heißen – irgendeine findige, billige Familiensushikette hat bestimmt schon mal Kartoffelsalat auf den gesäuerten Reis gelegt. In Punkto Essen wundert mich da in Japan rein gar nichts mehr.

Eine weitere interessante Entdeckung war das Fehlen der anderswo üblichen Politisierung der eigenen Essgewohnheiten oder gar der Versuch, andere aufgrund ihrer Essgewohnheiten zu kritisieren. Fast und Junk Food sind ganz und gar nicht verpönt, sondern werden – von vielen zumindest – in gesunden Massen verzehrt. Immerhin ist ja Fast Food in Japan das, was es ursprünglich sein sollte: Äusserst billig. Hinzu kommt eine ganze Reihe einheimischer Fastfoodketten, die sich auf japanische und/oder chinesische Gerichte konzentrieren. Vegetarier muss man in Japan schon suchen, obwohl das Land dank der Vielfalt an Gemüse und reisbasierten Gerichte eigentlich ein Paradies für Vegetarier sein müsste. Auch Sätze wie „Wie kannst Du nur Thunfisch essen? Der stirbt doch aus!“ oder „Das stammt bestimmt aus der Massentierhaltung – das esse ich nicht“ hört man höchstens von Japanern, die sehr, sehr lange im westlichen Ausland gelebt haben.

Gerade die japanische (und auch die chinesische) Küche bietet einen großartigen Beweis für die unbegrenzte Vorstellungskraft und Experimentierfreudigkeit der Menschen: Wer schon mal eine Seegurke oder eine Seescheide lebenderweise gesehen hat, muss sich doch unweigerlich fragen, wer eigentlich zum ersten Mal auf die Idee kam, in eine solche zu beißen – und sie hernach auch noch weiterzuempfehlen! Wie viele – letale – Versuche hat es gekostet, bis man herausfand, welchen Teil des Kugelfisches man doch lieber seinem Ehepartner überlassen sollte? Und wie gelang man zu der Entdeckung, dass Rindviecher zart marmoriertes, extrem zartes Fleisch entwickeln, wenn man sie regelmäßig massiert? Über Essen in China sagt man ja oft, dass alles gegessen wird, was mit dem Rücken gen Himmel zeigt. In Japan ist das auch (fast) war: Komischerweise hält man sich aber beim Verzehr von Hunden zurück, und einen Japaner mit der Tatsache zu konfrontieren, dass man in Deutschland auch mal gern Karnickel verzehrt, erzeugt ungläubiges Erstaunen bis mildes Entsetzen.
Natürlich gibt es jedoch auch für Japaner gewisse Grenzen beim Probieren. Die sind allerdings sehr spezifisch und nicht allgemein. In mitteleuropäischen Kreisen zum Beispiel hat man seine liebe Not mit Essen, das sich noch bewegt, ergo scheinbar noch lebt, oder mit Bestandteilen die an ein Gesicht erinnern – Augen zum Beispiel. In Japan sind es eher sehr spezifische Geschmacks- oder Kombinationseigenarten: Lakritze zum Beispiel oder auch Milchreis empfindet man hierzulande regelrecht als pervers.

Der Blick auf japanische Essgewohnheiten kann uns in jedem Fall zumindest eines lehren: Einen Weg, über den Tellerrand der westlichen Denkart heraus zu blicken. Bloss weil man es nicht kennt, muss man es nicht ablehnen. Das soll nicht heissen, dass man alles nachmachen muss und herzhaft in den Walspeck beissen soll, aber ein wenig Offenheit kann nicht schaden – und warum sollte man nicht beim Essen beginnen?
Das schreibt jemand, der auch vergorene, schleimige Bohnen, verfaulte Eier (gut, das war China), rohes Pferdefleisch und marinierte Heuschrecken gegessen hat – partout aber keine Lust dazu hat, jedes Mal die grossen Augen aus den gekochten oder gebratenen Meerbrassen zu pulen, obwohl die angeblich das beste am ganzen Fisch sein sollen. Sagt man jedenfalls so.

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Kolumne: Wahnsinn Arbeitswelt

Dezember 13th, 2010 | Tagged , | 9 Kommentare | 1249 mal gelesen

Den folgenden Artikel habe ich für die Herbst (2010)-Ausgabe der Zeitschrift Midori geschrieben – und wie immer erscheint hier – mit Verspätung – die Online-Ausgabe. Viel Spass beim Lesen!

Neulich in einem Geschäftshotel in Japan: Ich bin zu früh dran, um einzuchecken, würde aber trotzdem ob der Hitze gern mein Gepäck abstellen. Im selbigen befindet sich ein iPad, das ich für das spätere Meeting brauchen werde. Der Batterieanzeiger deutet allerdings sachte an, dass ich das Gerät womöglich umsonst mitgebracht habe. Kein Problem, denke ich mir, denn an der Rezeption steht ein Schild mit dem Verweis, dass man auf Anfrage sein Handy oder auch Computer am Empfang aufladen lassen kann. Ich reiche also iPad und Aufladegerät herüber und bitte, es aufzuladen. Umgehend verschwindet das Berufslächeln vom Gesicht meines Gegenübers. Sein Kollege merkt das und gesellt sich dazu. Kurz darauf taucht eine weitere Angestellte auf. Getuschel. Da müsse man erstmal den Manager fragen, ob das geht, lautet das Ergebnis. „Aber wieso – dort steht doch, dass Handys und Computer aufgeladen werden können“, versuche ich zu argumentieren. „Das schon“, entgegnet man mir, „aber das hier ist ja was Anderes“.
Flink entschwand der erste Angestellte und kam umgehend mit dem Manager zurück. Der schaut sich kurz das Gerät an – und entscheidet, dass man es wohl doch irgendwo in die Kategorie Computer einordnen und entsprechend aufladen könne.

Wie oft wurde und wird mir doch von Japanern bei Offenbarung meiner Nationalität gesagt, dass sich Deutsche und Japaner ja so sehr ähneln und bestimmt deshalb schon immer gut auskamen (gelegentlich, bei älteren Semestern, garniert mit dem Dauerbrenner „Nächstes Mal aber ohne Italien, oder!?“). Laut Ansicht nicht weniger Japaner ähnelt sich dabei wohl vor allem die Einstellung zur Arbeit. Wirklich? Warum jammern dann die meisten Deutschen, die ich in Japan treffe, über ihre Arbeit und was das doch für Nerven koste, in einer japanischen Firma zu arbeiten?

Eines der ersten Dinge, die mir in Japan auffielen, war die schiere Masse von Angestellten, egal, wo man hinkommt. An Baustellen zum Beispiel sieht man sehr oft eine Person arbeiten und vier Leute drumherumstehen, die über jeden Handgriff diskutieren. Nein, da wird keiner angelernt – das sind alles gestandene Bauarbeiter. Vor und hinter der Baustelle stehen dazu oft noch angeheuerte Jedi-Ritter, die mit ihren Leutchstäben dem Verkehr oftmals mehr Schaden als Nutzen bringen.
In manche Läden und Restaurants traut man sich kaum alleine rein, weil man sich dort plötzlich mutterseelenallein einem Heer von Angestellten gegenüber sieht – alle sehen dabei irgendwie beschäftigt aus, obwohl niemand da ist. Man fragt sich beim Anblick solcher Massen oft, wie um alles in der Welt das Geschäft Gewinn einbringt. Andererseits erklärt sich so auch die in Japan permanent niedrige Arbeitslosenrate, die nur sehr selten über 5% klettert.

Wenn es also so viele Arbeiter und Angestellte gibt, müsste doch eigentlich alles innerhalb eines normalen Arbeitstages zu schaffen sein, könnte man versucht sein zu denken. Pustekuchen! Es ist schlichtweg unglaublich, wie man es in Japan schafft, Angestellte mit sich selbst zu beschäftigen. Da wird jeder kleine Schritt in unglaublich wichtigen Meetings besprochen, da wird bestätigt, verschoben, komplett umgekrempelt, verworfen was das Zeug hält. Ist kein Entscheidungsträger vor Ort, wird die Misere besonders ersichtlich – trotz mehrstündiger Besprechungen kommt es zu keinem einzigen Ergebnis, da erstmal später nach oben berichtet werden muss. Vorpreschen und spontan Verantwortung übernehmen sind dabei verpönt – es geht um den gesamtheitlichen Konsens, und der muss vom Oberen letztendlich noch abgesegnet bzw. bestätigt werden. Wehe dem, der es wagt, diese Kette zu unterbrechen! Einzelgängerische Entscheidungen und Handlungen stören den Betriebsfrieden empfindlich, und die Strafen dafür können drakonisch sein. Grosse Unternehmen wie JR West oder Toyota wurden deshalb in jüngerer Zeit schon oft an den Pranger gestellt. Wer mehr über die Art und Weise des Umgangs in japanischen Firmen lesen möchte, dem sei an dieser Stelle der autobiographische Roman „Mit Staunen und Zittern“ der Belgierin Amélie Nothomb empfohlen.

Die Art und Weise, Unternehmen zu führen, kann es jedenfalls nicht sein, was Deutsche und Japaner verbindet. Es gibt sicherlich viele Ausnahmen und zwischenmenschliche Scharmützel mit diversen Kollateralschäden in deutschen Firmen, doch unsinnig erscheinende Sachen wie das zig-malige Verfassen ein- und desselben Briefes aus Übungs- oder Bestrafungsgründen oder das ungeschriebene Gesetz, dass man zum Beispiel nie zeigen sollte, dass man eine Fremdsprache besser beherrscht als sein Vorgesetzter, auch wenn es der Firma nützen würde, sollte in europäischen Gefilden doch eher die Ausnahme sein. Hoffe ich zumindest.

Man ist also sehr nach Harmonie aus, nach Konsens, und nach Perfektion. „Herausstehende Nägel müssen eingeschlagen werden“, besagt ein altes japanisches Sprichwort. Schaut man allerdings genau hin, packt einen mitunter das kalte Grausen: Zwar sehen ausnahmslos alle ab Montag morgen im Büro ganz furchtbar beschäftigt und gestresst aus, doch sobald man zum Rapport antreten lässt und fragt, was heute ansteht, kommt oft nur Gestammel und sehr schwammige Angaben wie „ich muss noch ein paar Emails verfassen“ usw. Man fühlt sich regelrecht schlecht dabei, Aufgaben zu verteilen. Allerdings: So richtig viel passiert während der nächsten Tage nicht, der Alltag plätschert dahin und alle sind irgendwie so beschäftigt, dass unbedingt Überstunden geschoben werden müssen. Doch dann: Es ist Freitag (oder je nach Unternehmen Sonnabend). Plötzlich herrscht Panik, es wird telefoniert wie verrückt, und es werden Unmengen an Emails herausgeschickt. Gleichzeitig mehren sich auf wundersame Art und Weise die Anrufe von irgendwelchen mehr oder weniger dubiosen Firmen sowie die ungebetenen Besuche nicht minder dubioser Vertreter.

Das irritierte mich anfangs, und auch nach vielen Jahren kann ich mich nicht so recht daran gewöhnen. Mir fiel da die aussergewöhnliche Telefonierwut unseres Vertriebes an Freitagen auf. Welchen Sinn macht eine Kaltaquise am Freitag um 7 Uhr abends? Würde jemand am Freitag nachmittag, geschweige denn Abend, eine Firma in Deutschland anrufen und sagen „Darf ich mir vorstellen, wir sind die und der, wären Sie eventuell an unserem Service interessiert?“ so kann ich mir das Ergebnis lebhaft vorstellen: Mildes bis deutliches Desinteresse (vielleicht war ich aber auch zu lange nicht mehr in Deutschland). Ich war neugierig: Steckte dahinter eine schlaue Taktik? Gab es eine Strategie? Die Antwort war desillusionierend: „Ist uns gar nicht aufgefallen. Rufen wir wirklich mehr an am Freitag?“. Und das Schlimme: Die Leute gehen am Freitag abend nach 7 Uhr ans Telefon und zeigen sich interessiert!

Fragt mich jemand nach der Arbeitsmoral in Deutschland, entgegne ich gerne, dass das Prinzip „Dienst ist Dienst, Schnaps ist Schnaps“ ein wichtiger Grundgedanke ist. In Japan hingegen wird gern vermischt. Wo hört der Dienst auf, wo beginnt das Private? Die Grenzen verwischen. Im Handy stehen dutzende bis hunderte Telefonnummern. Kunde? Freund? Manchmal erhält man keine klare Antwort. Wie viele Verträge werden wohl in Japan nicht im Büro, sondern ausserhalb, in Trinkhallen oder Restaurants abgeschlossen? Möchte jemand in Japan Industriespionage betreiben, muss er einfach nur Angestellter oder Stammgast in diversen beliebten Treffs werden.

Komischerweise finden sich dann aber doch Parallelen in Deutschland und in Japan – so zum Beispiel die Reglementierwut in Firmen und Ämtern. Die aber wie am oben genannten Beispiel im Hotel mitunter recht seltsame Blüten treibt: Steht etwas nicht in den Anweisungen, kann es nicht gemacht werden oder setzt erstmal die ganze Apparatur in Gang. Hinzu kommen Anweisungen von diversen Verbänden. So fällt es zum Beispiel auf, das beinahe alle Geschäfte ein englisches Schild an der Kasse stehen haben: „Bitte verstehen Sie, dass wir kein Geld wechseln können“. Zum Teil versehen mit dem Zusatz „Aufgrund zahlreichr Probleme damit in der Vergangenheit“. Als ob die 2% Ausländer in Japan (von denen über 80% kein Englisch sprechen) nichts anderes zu tun hätten als pausenlos von Laden zu Laden zu ziehen um Geld zu wechseln.

Und doch sind sowohl Japan als auch Deutschland wirtschaftlich sehr erfolgreich – japanische und deutsche Marken sind im Ausland beliebt und machen beide Nationen zu Exportnationen. Japaner begründen das am liebsten mit Fleiss und dem Hang zum Perfektionismus. Trotz allem ist es unglaublich schwer für Deutsche (und andere Ausländer), sich problemlos in japanischen Unternehmen zu integrieren. Und für Japaner, in fast ausschliesslich von Ausländern geführten Unternehmen zu arbeiten – Japan ist eben Japan.

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Geschlechterkampf auf Japanisch – oder: Nichts ist, wie es scheint

September 6th, 2010 | Tagged , | 14 Kommentare | 3771 mal gelesen

Den folgenden Artikel habe ich für die Mai-Ausgabe der Zeitschrift Midori geschrieben – und wie immer erscheint hier – mit Verspätung – die Online-Ausgabe. Viel Spass beim Lesen!

Schaut man sich Japan und die Bewohner des Archipels von Weitem an oder von mir aus auch für kurze Zeit von Nahem, ganz zu schweigen von Japan in den Medien, so mag man schnell den Einblick bekommen, japanische Frauen haben nicht viel zu sagen sondern schlichtweg ihre Rolle als wohlwollende Ehefrau zu erfüllen. Jedoch: Stimmt das? Ist Japan das Paradies für Chauvinisten, die da zwischen devoten Vertretern des anderen Geschlechts alles Erdenkliche ausleben können? Und wie stehen japanische Frauen in der Gesellschaft heute da?

Ein Blick auf die Sprache gibt da einen Vorgeschmack: Es gibt einige Wörter für Ehefrau – darunter das Wort 家内 kanai (wörtlich: „im Hause“), oku-san (oku = hinten, da Frauen früher in den nobleren Häusern die hinteren Zimmer belegten) oder auch 愚妻 gusai (wörtlich: „dumme Ehefrau“, eine mittlerweilen leicht veraltete Bescheidenheitsform für das Wort „Ehefrau“). Schwiegermütter kommen dabei erst recht nicht gut weg: das Schriftzeichen für Schiwegermutter – 姑 shūtome – besteht aus den beiden Elementen „Frau“ und „alt“. Ach ja: Das chinesische Schriftzeichen für „gut“ besteht aus „Frau“ und „Kind“ (好). Aber die Zeichen sind ja auch schon vor tausenden von Jahren entstanden. Und gegen Frau und Kind ist ja auch nichts einzuwenden.

Noch erschreckender ist im Falle Japans jedoch zum einen der Blick auf die Medien, insbesondere die werbebasierten Massenmedien, sowie auf internationale Statistiken wie zum Beispiel dem Gender Gap Index, erstellt vom Weltwirtschaftsforum. A propos: Was haben Aserbaidschan, Madagaskar, Indonesien und Simbabwe gemeinsam? Ganz einfach: Laut des genannten Indikators haben Frauen in diesen Ländern mehr mitzureden in Wirtschaft und Politik als die Geschlechtsgenossinnen in Japan. Der Index wurde 2009 für 134 Länder erhoben, und Japan schaffte es nicht einmal unter die Top 100. Und tatsächlich: In der Politik sowie in den höheren Ebenen von Firmen sind Frauen schlichtweg unterrepräsentiert. Und zwar derart unterrepräsentiert, dass ich mich jedes Mal erschrecke, wenn ich Nachrichten aus Deutschland gerade aus jenen Bereichen sehe: So viele Frauen!

Was erwartet die Gesellschaft in Japan von Frauen? Jeder in Japan kennt den Begriff der yamato nadeshiko, dem Idealbild der japanischen (Ehe)frau. Als Kojima Akiko, Gewinnerin des Miss World-Titels 1959, dereinst gefragt wurde, ob sie denn nun nicht Schauspielerin werden möchte, antwortete sie, dass sie lieber eine liebende Ehefrau werden möchte – eine 大和撫子 yamato nadeshiko eben. Als ich vor etlichen Jahren an einer deutschen Universität die ersten Bekanntschaften mit Japanern machte, war ich ebenso verblüfft – auf die Frage, was sie denn nach dem Studium so machen möchten, antworteten die meisten weiblichen Befragten „Na heiraten, Kinder bekommen – Hausfrau eben“. Diejenigen, die sagten, sie wollen mit dem Studierten später mal was anfangen, waren in der Minderheit.

Für Ausländer, die bereits seit vielen Jahren mit, für oder gegen die Emanzipation kämpfen, mag das alles ungewohnt klingen, und ich habe nicht selten schlechte Meinungen über Japanerinnen – hauptsächlich von ausländischen Frauen – gehört. Dabei muss man jedoch erstmal schauen, warum viele Japanerinnen mit diesen Vorstellungen in die Zukunft schauen: Unterwerfen sie sich da den Erwartungen der Gesellschaft? Ist das pure Resignation? Wollen die Frauen in Japan viel lieber in Arbeit und Politik, wissen es jedoch selbst noch nicht? Und warum ist die Geburtenrate in Japan so katastrophal gering, wenn doch so viele eher an Familie als an Karriere denken?

Nun, zum einen mag man das mit dem sehr hohen Stellenwert der Familie in Ostasien begründen, doch das reicht nicht aus. Die meisten werden wohl eher daran denken, was ihnen als Frau in Japan im Berufsleben so blühen wird: Schikane durch Vorgesetzte, schlechtere Gehälter, unzählige Überstunden, kaum Freizeit (und damit auch kaum eine Gelegenheit, nach dem Märchenprinzen zu suchen – denn der manifestiert sich ganz bestimmt nicht in dem vulgären, frauenfeindlichen Vorgesetzten, der sich die letzten paar Haare wie einen Strichcode quer über den Scheitel zieht und sich an jedem zweiten Abend ganz unsittlich mit seinen Untertanen besäuft. Schaut man sich in japanischen Firmen so um, gibt es zwar viele Frauen – meistens jedoch in der Rolle der Empfangsdame, in der Verwaltung oder … bei der Dateneingabe.

Bei diesen Aussichten wundert es nicht, wenn viele sich nach einer Familie sehnen – und die Logik des Studiums, mit dem man später sowieso nichts anfangen wird, sollte dabei auch klar sein: ein abgeschlossenes Studium, wenn möglich an einer guten Uni, erhöht die Chancen auf einen gut erzogenen, gut verdienenden Ehegatten ganz ungemein. Doch was erwartet die japanische Ehefrau so im Familienleben? Ist sie dort wirklich so unterwürfig, wie es viele Filme, Bücher und der allgemeine Eindruck von aussen glauben machen wollen?

Der traditionelle Werdegang sieht so aus: Nach der Hochzeit geht der Ehemann wie zuvor seiner Arbeit nach, und noch immer ist es nicht selten, dass die Faru ihren Mann nur selten zu Gesicht bekommt: Von morgens bis spät abends sind die meisten Männer auf Achse, und ein Wochenende ist für viele nur einen Tag lang. Viele Frauen hören nach der Hochzeit auf, zu arbeiten, um sich dem eigentlichen Zweck der Ehe zu widmen: Ein Kind oder zwei oder mehrere bekommen und sich danach der Erziehung und dem Haushalt widmen. An der Erziehung beteiligen sich viele Männer dabei kaum, da sie zu selten zu Hause sind – und wenn sie zu Hause sind, zu kaputt (oder vorgeben, zu kaputt zu sein). Dass das nicht unbedingt das solideste Fundament einer Beziehung ist, kann man sich denken. In sehr vielen Haushalten ist zudem die Ehefrau auch für die Finanzen zuständig – will heissen, das Gehalt wird auf das Konto der Gattin überwiesen und letzterem ein durch zähe Vehandlungen abgerungenes Taschengeld ausgezahlt – in guten Zeiten und bei guter Führung mehr, ansonsten weniger. Irgendwie muss man ja verhindern, dass der Göttergatte alles beim Pachinko verjubelt.

Mitunter legt sich Frau Gemahlin derweilen oft ein erkleckliches Sümmchen zur Seite – dieser Notgroschen wird へそくり hesokuri genannt, in der Regel geheim gehalten und soll für den Fall der Fälle dienen. Für welchen Fall insbesondere, überlasse ich der Phantasie des Lesers. Die Chefs einiger? etlicher? nach traditionellen Regeln geführten Firmen kennen freilich die Misere ihrer Angestellten – und überweisen in manchen Fällen an der Ehefrau vorbei eine kleinere Summe auf das Konto der Männer, damit sie das zusammen mit Kollegen bei Trinkgelagen unbedarft durchbringen können.

Bis vor einigen Jahren war die Scheidungsrate in Japan übrigens trotz alledem erstaunlich niedrig. Nicht, dass Scheidungen aus religiösen Gründen in Japan verpönt sind – der Grund lag eher darin, dass viele Frauen, die heute über 60 Jahre alt sind, kaum gearbeitet haben und damit auch kaum Anspruch auf Rente haben. Eine Scheidung, besonders im fortgeschrittenen Alter, bedeutete damit (je nach Grösse des bereits erwähnten Notgroschen) den Absturz in die Armut. Vor einigen Jahren wurde jedoch schliesslich beschlossen, dass geschiedene Frauen einen Anspruch auf einen Teil der Rente des Mannes haben, womit auch die Scheidungen anstiegen: Verständlich, wenn der Gatte, den man vorher kaum zu Gesicht bekam, plötzlich in Rente geht und damit schlagartig jeden Tag zu Hause herumhängt.

Jedoch: Auch in Japan haben sich diesbezüglich die Dinge bereits mehr oder weniger stark geändert. Es gibt mehr arbeitende Frauen als früher. Frauen scheinen selbstbewusster geworden zu sein, und nicht wenige kleine, moderne Firmen wurden von Frauen gegründet. Viele Ehepaare entscheiden sich für 共働き tomobataraki (=beide arbeiten), was sicherlich durch die wirtschaftlich mageren 1990ern und den letzten beiden Jahren begünstigt wurde. Mehr Väter kümmern sich auch wirklich um ihre Kinder. Und mehr Frauen legen Wert auf Karriere und steigen in – meist jungen, modernen Firmen – höher und höher.

Im Vergleich zu sehr vielen anderen Ländern liegt Japan jedoch nachwievor meilenweit zurück in Punkto Gleichberechtigung: Japanische Frauen haben es noch immer sehr schwer, sich im Berufsleben durchzusetzen oder, und auch das ist wichtig, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen – die gesellschaftliche Barriere dafür ist sehr gross. Das freilich hindert auch in Japan Frauen nicht daran, zu Hause „die Hosen anzuhaben“ – logisch, schliesslich müssen sie sich ja um Haushalt und Erziehung kümmern.

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International Partys oder – lust’ge Brautschau in Japan

April 27th, 2010 | Tagged , | 12 Kommentare | 1524 mal gelesen

So – für die folgenden 10 oder so Tage werde ich leider keine Zeit haben, viel zu schreiben. Die Goldene Woche beginnt morgen, und es steht Besuch aus Deutschland an. Danach melde ich mich aber wieder – ganz bestimmt.

Anbei zuerst jedoch ein Artikel, den ich für die Februar-Ausgabe der Midori verfasst habe, und den möchte ich Euch nicht vorenthalten. Viel Spass beim Lesen – und Kommentare sind wie immer sehr willkommen!

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Sonnabend, abends um 19 Uhr vor irgendeinem Club in Roppongi im Herzen Tokyos: Vor der Tür wartet eine bunte Schar von Menschen, so um die 100, um sich alsbald am Türsteher vorbeizudrängen und umgerechnet 30 Euro zu zahlen, nur um an einer sogenannten „International Party“ teilnehmen zu dürfen. Es sind auffallend viele Frauen darunter (99% aus Japan), Durchschnittsalter um die 30, und zahlreiche Ausländer – meistens Männer – aus aller Herren Länder.
30 Euro zu bezahlen, um zwei oder drei Stunden lang viele Ausländer auf einem Haufen zu sehen, dürfte eine Besonderheit Japans sein – ich kann mir kaum vorstellen, dass dieses Konzept in anderen Gefilden besondere Aufmerksamkeit geschweige denn Profit bringen würde. Anders in Japan: Es gibt einige Firmen, die sich entweder ganz oder auch nur zum Teil darauf spezialisieren, eben solche Veranstaltungen abzuhalten. Auch meine Firma organisiert, in der Regel monatlich, solche Partys, allerdings eher als Nebengeschäft. Und zu guten Veranstaltungen kommen auch schon mal gut und gerne 300 Gäste zusammen, vor allem, wenn es um so unjapanische Anlässe wie Halloween oder St. Patricks-Day geht. Was sind das alles für Leute? Wer bezahlt so viel Geld, nur um eine bunte Schar von Ausländern zu treffen? Haben die alle kein Zuhause?

Zwei Erklärungen mögen da auf den ersten Blick helfen: Japan ist eine Insel, beziehungsweise eine langgezogene Anhäufung tausender Inseln. Hinter Japan, mal ungeographisch und vom eurozentrischen Standpunkt aus gesprochen, ist die Welt zu Ende. Viele tausend Kilometer Wasser, dann die Datumsgrenze und mehr nicht. Japan liegt zwar nicht am Ende der Welt, aber verdammt nah dran. Zweite Erklärung: Japaner sind weltoffen. Sagen Japaner jedenfalls über sich, aber da ist auch was dran. Nicht wenige Japaner können Beethovens Neunte besser rezitieren als die Bürger der Heimat Beethovens.

Es ist allerdings gar nicht so einfach, Ausländer in Japan zu treffen – verglichen zumindest mit den meisten europäischen Ländern. Die Ausländerquote betrug 2007 gerade mal rund 1,7% (in Deutschland gute 8%), und das ist schon ein historischer Höchstwert. 55% davon sind entweder aus China und Korea – nicht wenige von ihnen leben schon seit Generationen in Japan. Im Japanischen unterteilt man übrigens ganz ungezwungen in Ajiajin (Asiaten), Kokujin (Schwarze) und Hakujin (Weisse). Hinzu kommen noch Nikkei-jin (Ausländer japanischer Abstammung, meist aus Südamerika). Amerikaner machen den grössten Anteil der Nicht-Asiaten und Nicht-Japanischstämmigen aus – mit 2,4% am gesamten Ausländeranteil. Will heissen, vor allem ausserhalb der Hauptstadt muss man schon ein bischen suchen, um einen „Weissen“ zu finden.

Fassen wir also zusammen: Wer einmal der harschen japanischen Arbeits- und Moralwelt entfliehen möchte, muss als Japaner in einen Flieger steigen. Und wer nicht das Vergnügen hat, für eine ausländische Firma oder in einer Universität zu arbeiten, hat ausser den Sprachschulen vielleicht kaum Gelegenheiten, mit Ausländern zusammenzukommen.
Warum sind nun jedoch wesentlich mehr japanische Frauen bei den Partys? Sicher – nicht alle kommen, weil sie auf Brautschau sind. Aber einige sind es schon. Es hält sich nachwievor das hartnäckige Gerücht, dass Ausländer (bzw. Nicht-Ostasiaten, genauer gesagt) die angenehmeren Lebens(abschnitts)partner hergeben. Zu den unbestätigten Gerüchten zählt da zum Beispiel, dass Ausländer ihre Partner quasi auf Händen tragen, sogar im Haushalt helfen und ihre Partner einfach besser behandeln. Das möchte ich so erst mal im Raum stehen lassen – zumal sich auch zunehmend japanische Männer um Haushalt und Partner kümmern. Fakt ist jedoch, dass zum Beispiel geschiedene Frauen über 30 in Japan arge Probleme haben, einen neuen, japanischen Partner zu finden. Ja, selbst ledige Frauen über 30 haben bereits grosse Mühe, jemanden zu finden. In Japan werden Frauen über 25 bereits mitunter als „Christmas Cake“ (Weihnachtstorte) bezeichnet – vor dem 25. (Dezember) will sie jeder haben, und nach dem 25. (Geburtstag) niemand mehr.
Allerdings muss dazu erwähnt werden, dass diese Redewendung bereits jetzt ein Anachronismus ist: Das Durchschnittsalter bei der ersten Hochzeit in Japan folgt dem gleichen Trend wie in Deutschland – die Menschen werden immer älter, bis sie sich trauen. Männer waren 2008 im Durchschnitt bereits gute 30, Frauen 28,5 Jahre alt.

Was versprechen sich nun also japanische Frauen, wenn sie in einschlägigen Orten in Japan auf Partnersuche sind? Im Japanischen gelten bei vielen Frauen in Sachen Partnerwahl die „Sandaka“ (wörtlich: Drei Hochs) genannten „Tugenden“: Hoher Bildungsabschluss, hohes Einkommen, hohe Körpergrösse. Wahlweise wurde das noch durch eine vierte Voraussetzung erweitert – der Kandidat sollte nicht der älteste Sohn der Familie sein, denn sonst hat derjenige später die Ehre, sich um seine alternden Eltern zu kümmern – und das Verhältnis zwischen Mutter und Schwiegertochter in Japan wird von angehenden Ehefrauen mehr gefürchtet als alles andere zusammen. Man könnte das (erwartete) Verhältnis mit dem zwischen Schmetterling und grosser, schwarzer Spinne vergleichen.
Natürlich darf man aber auch hier nicht alle Menschen über einen Kamm scheren – es gibt auch genug Frauen in Japan, die sich nicht um solche Konventionen kümmern. Aber der besagte Begriff „Sandaka“ ist allgemein bekannt, und wenn die angehende Frau nicht so sehr darauf achten mag, dann doch mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit ihre Eltern.

Ob ein ausländischer Mann unbedingt dem „Sandaka-Schema“ entspricht, sei dahingestellt – es gibt genug Ausländer – auch aus Europa und Amerika – die in Japan am Rande des Existenzminimums wirtschaften beziehungsweise sich gerade so irgendwie durchschlagen. Zudem müssen die Frauen auch damit rechnen, bei den eigenen Eltern auf grossen Widerstand zu stossen, was zwar nicht die Regel ist, aber durchaus häufig vorkommt. Hinzu kommt die Sprachbarriere sowie diverse kulturelle Hürden: Anfangs genügt vielen der exotische Moment, aber wenn im Alltag plötzlich ungeahnte kulturelle Unterschiede auftreten, zerbrechen nicht wenige der Beziehungen. SIE stellt dann plötzlich fest, dass ER gar kein Interesse daran hat, mehr über ihre Sprache und Kultur zu erfahren, und ER merkt irgendwann, dass seine ach so niedliche, kleine Freundin ganz schön unwirsch werden kann, wenn ihr etwas nicht passt (viele ahnen gar nicht, wie resolut japanische Frauen sein können).
Bei vielen Paaren kommt die Ernüchterung auch erst später. Zum Beispiel wenn das erste Kind da ist. In Japan ist es üblich, dass die Eltern – jahrelang – mit ihren Kindern das Bett teilen. Nicht selten habe ich von Ausländern bitterböse Klagen darüber gehört, dass sie seit der Geburt des Kindes rein gar nichts mehr zu melden haben. Wer seine Kinder jedoch liebt, sollte sich allerdings gut überlegen, ob er sich dann wirklich scheiden lassen möchte, denn die Chance, seine Kinder daraufhin nie mehr wiederzusehen zu können, sind in Japan recht gross. Dafür sorgen fehlende Gesetze und Gerichte, die generell der Mutter das Sorgerecht zusprechen.

Und trotzdem – es gibt sie, die glücklichen Paare, die seit Jahrzehnten in mehr oder grosser Eintracht friedlich zusammenleben und Spass an der Kultur des Anderen haben. Paare mit Kindern, die als sogenannte „Half“ („halb“) bezeichnet werden – halb Ausländer, halb Japaner. Aus welchen Gründen auch immer sind diese Kinder in Japan sehr beliebt, man findet sie einfach irgendwie süss oder erwartet zumindest, dass sie süss sind. Einige haben jedoch auch mit weniger schönen Vorurteilen seitens der Lehrer und Klassenkameraden zu kämpfen, so sie eine normale Schule besuchen – dies scheint jedoch relativ selten der Fall zu sein.

Es dürfte jedenfalls interessant sein zu erfahren, wie viele glückliche Paare sich bei besagten Internationalen Partys gefunden haben. Und man darf nicht vergessen, dass viele Gäste auch einfach nur dabei sind, um sich zu amüsieren oder interessante Menschen kennenzulernen, die man sonst kaum treffen würde. Schliesslich trifft man dort auch Männer jeglicher Couleur und Frauen, die einfach nur mal wieder gepflegt auf Englisch (oder sogar Deutsch) reden möchten – oder aus Gründen der Erinnerung an gute alte Studienzeiten im Ausland dabei sind.
A propos Deutsch – es gibt auch internationale Partys mit deutschem Hintergrund, zumindest in Tokyo und das auch relativ regelmässig. Gerade diese spezielleren Partys sind dann auch durchaus zum Beispiel bei Deutschen in Japan sehr beliebt. Dort können sie nämlich ganz ungezwungen Japaner kennenlernen – denn auch das ist in Japan nicht immer unbedingt ganz einfach.

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