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Mit Essen spielt man nicht. Es sei denn, es ist Hina-Matsuri

März 9th, 2017 | Tagged , | Kommentare deaktiviert für Mit Essen spielt man nicht. Es sei denn, es ist Hina-Matsuri | 505 mal gelesen

Wie die Zeit vergeht. Gerade eben Neujahr gefeiert (obwohl es dieses Jahr aufgrund einer in der Familie grassierenden Augengrippe geradezu ausfiel), und schon ist es schon wieder Zeit für das ひな祭り (hina matsuri) – das Puppenfest, zelebriert am 3. März jeden Jahres. Und da ich heute mal nicht über nordkoreanische Raketen, die gen Japan fliegen, berichten möchte, hier also ein Foto vom diesjährigen Hina-Matsuri. Dass man glanzvolle Puppen dabei ausstellt, ist ja bereits vielen bekannt, doch immer wieder amüsant finde ich, was man den Kindern an besagtem Tag zum Essen hinstellt. Beziehungsweise, was die Kinder, so sie gross genug sind, an jenem Tag aus Essen basteln. Denn das Basteln mit Essen hat nicht nur beim Bento Tradition, sondern auch hier:

Drappierter Reis mit Wachtelei

Drappierter Reis mit Wachtelei

Je nach Region und Familie scheint die Gestaltung dabei zu variieren. Und je größer die Kinder werden, desto interessanter werden die kleinen Kunstwerke. Die männliche Hälfte des obigen Paares hat zum Beispiel nicht deshalb eine Glatze, weil das Ei heruntergerutscht ist. Nein, die polierte Platte, auf japanisch von Kindern gern つるつるぴっか tsurutsuru pikka genannt, ist mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit eine Anspielung auf die Haupthaarpracht des Vaters, vom dreikäsehohen Sohn gern auch mal so vor fremdem Publikum, zum Beispiel in einer vollbesetzten Bahn, angepriesen. Doch auch wenn die Figuren dieses Jahr irgendwie auch ein bisschen an Kermit den Frosch erinnern – Spaß macht es immer wieder, dabei zuzusehen.

Über das Hina-Matsuri werde ich mich nun aber doch nicht weiter auslassen, denn das haben andere Blogger bereits wesentlich ausführlicher getan:

Weltentdeckerfrosch Hina-Matsuri (Mädchenfest)
Ginkgo Leafs 雛祭り – Hinamatsuri, das Puppenfest bzw. Mädchenfest
8900 km Hinamatsuri, das Mädchenfest.
Nippon Insider Hinamatsuri – Das Puppenfest für die Mädchen
Tabibito (2008) Hoch die Tassen: Hina-Matsuri
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Was Kinder in Japan so anschleppen

Februar 1st, 2017 | Tagged , | 4 Kommentare | 857 mal gelesen

Wer Kinder hat, kennt das Problem. Die lieben Kleinen bringen nicht nur das eine oder andere lustige Bild aus dem Kindergarten oder der Schule mit, sondern auch diverse Krankheiten. Als kleine Sprachübung möchte ich heute mal die Top 10 vorstellen. Interessant ist an der Sache übrigens, dass man die Namen nicht immer 1:1 übersetzen kann.

胃腸炎 Ichōen – Magen-Darm-Grippe


Magen-Darm-Grippe (also Gastroenteritis). Der Klassiker. Das gute daran ist allerdings, dass man sich, zumindest bei den japanischen Varianten, als Erwachsener kaum ansteckt, beziehungsweise wenn, verläuft das in der Regel mild. Allerdings kann die Magen-Darm-Grippe verschiedene Ursachen haben, und am meisten fürchtet man sich hier vor dem ノロウイルス Noro-Virus, der in Japan in regelmäßigen Abständen durch die Kindergärten und Schulen geistert. Das Wort 嘔吐 Ōto (Erbrechen) löst bei den Eltern deshalb umgehend Alarmsignale aus. Und ich kann bestätigen, dass Kinder mit Noro-Viren keinen grossen Spass machen.

おたふく風邪 Otafuku-Kaze – Mumps


Der eigentliche Name lautet 流行性耳下腺炎 Ryūkōsei Jikasen-en, aber alle nennen es nur Otafuku-Kaze (Kaze = die Erkältung). Auch in Japan gibt es Impfungen dagegen, die allerdings nicht Pflicht sind. Untersuchungen haben ergeben, dass eines von 1,000 an Mumps erkrankten Kindern später taub wird – dementsprechend gross ist die Angst vor Mumps.

りんご病 Ringo-byō – Ringelröteln


Der eigentliche Name lautet 伝染性紅斑 Densensei Kōhan etwa: Ansteckende Röteln). Vom Verlauf her eher harmlos, aber auch in Japan weiss man natürlich, dass die Krankheit gefährlich für ungeborene Kinder sein kann, weshalb vor allem Schwangere sehr vorsichtig sind.

RS(ウイルス) aaru essu (uirusu) – RS-Virus


Eines der Begriffe, die man nicht so ohne weiteres übersetzen kann, da hier der Erreger (Humane Respiratorische Synzytial-Virus) genannt wird und nicht die Krankheit. In den meisten Fällen meint man in Japan mit RS aber eine vom RS-Virus (RSV) verursachte akute Bronchitis. Und die macht vor allem bei kleinen Kindern definitiv keine Freude: Hohes Fieber, quälender Husten usw. usf. Auch Erwachsene sollten sich in Acht nehmen. Die von den Kindern angeschleppte RSV-Erkrankung entwickelte sich zumindest bei mir einmal zu einer astreinen Lungenentzündung.

溶連菌 yōrenkin – Streptokokken


Auch hier benutzt man im Japanischen aus mir nicht bekannten Gründen nicht den Namen der Krankheit, sondern den des Erregers. Vor allem zwei Krankheiten sind damit gemeint: Mandelentzündung und Scharlach. Da Streptokokken gut mit Antibiotika behandelbar sind, ist diese Krankheit meistens schnell ausgestanden.

はやり目 hayarime – Augengrippe


Der wissenschaftliche Name lautet 流行性角結膜炎 ryūkōsei kakuketsumakuen – Keratoconjunctivitis epidemica – im Englischen gern auch als pink eye bezeichnet. Kennzeichen: Extrem ansteckend. Kinder, bei denen das diagnostiziert wird, müssen mindestens zwei Wochen, gern aber auch einen ganzen Monat zu Hause bleiben. Wir haben dieses Jahr zur Abwechslung mal mit dieser Krankheit begonnen – 3 von vier Familienmitgliedern hat es erwischt. Dauert mit Medizin zwei Wochen und ohne 14 Tage.

Wir lassen uns den Spaß nicht durch eine Augengrippe verderben!

Wir lassen uns den Spaß nicht durch eine Augengrippe verderben!

インフルエンザ infuruenza – Grippe


Grippewellen sind auch in Japan sehr häufig. In den meisten Kommunen gilt: Sind 10% (manchmal auch 20%) der Schüler einer Klasse an Grippe erkrankt, gibt es 学級閉鎖 gakkyū heisa – grippefrei.

マイコプラズマ maikopurasuma Mycoplasma


Auch hier nennt man in Japan nur den Erreger, die Mykoplasmen. Ergebnis: Mehr oder weniger schwere Erkrankung der Atemwege, nicht selten bis hin zur atypischen Lungenentzündung.

手足口病 teashikuchibyō Hand-Fuß-Mund-Krankheit


Gehört zu den weniger gefürchteten Kinderkrankheiten, da sie meist harmlos verläuft und selten auf Erwachsene überspringt.

ロタウイルス rota-uirusu Rota-Viren


Schwerer Durchfall und Erbrechen – vor allem bei Kindern unter 3 Jahren. Laut Wikipedia erkranken daran in Deutschland pro Jahr 50,000 Menschen — in Japan hingegen 800,000 (offizielle Zahl, siehe hier). Gehört zu den unangenehmsten Kinderkrankheiten hier. Es gibt zwar eine Impfung, aber die ist recht teuer.

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Willkommen in der Spielhölle

Dezember 12th, 2016 | Tagged , , | 4 Kommentare | 701 mal gelesen

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich in einem Cafe im 2. Stock am Fenster auf einen Gast aus Deutschland wartete. Ich sah, wie besagte Person aus dem Bahnhof kam und die Straße entlang ging. Dabei kam sie so nahe an einer Pachinko-Halle vorbei, dass sich die automatische Tür öffnete. Aus der Tür heraus drang umgehend ein mörderischer Lärm – und mörderischer Zigarettenqualm. Sie stolperte regelrecht und wäre fast auf den Bürgersteig gepurzelt. Dabei hatte sie die Halle noch nicht einmal betreten…

Gestern hatten wir uns mit guten Freunden aus unserem alten Wohnort verabredet – in der Mitte, in einem sehr bekannten Vergnügungs- und Einkaufsviertel (Odaiba). Nach ein paar Runden Bowling, Tischtennis und dergleichen zog es die lieben Kleinen in ein ゲームセンター Game Center. Einer der Orte, die ich in Japan versuche, zu vermeiden. Der ganz normale Wahnsinn eines Japanischen Game Centers kommt übrigens in der Komödie Wasabi ganz gut rüber. Das Game Center im Diver City in Odaiba gehört zu den größeren, und braucht nur ein paar wenige Schritte vom Empfang laufen, um mitten drin zu stehen. Das ganze sieht dann so aus, und um die Atmosphäre auch möglichst authentisch zu geniessen, sollte man beim Betrachten des Videos die Laustärke auf Maximal stellen:

gamecenter

Alle Achtung: 100 Dezibel im Game Center

Alle Achtung: 100 Dezibel im Game Center

Schnell mal eine App zur Geräuschpegelmessung heruntergeladen, und siehe da: Der Pegel liegt bei konstanten 99 Dezibeln. Da darf man mal ganz kurz raten, wo die gesetzliche Obergrenze für den Geräuschpegel in Game Centers in Japan liegt, in denen auch Kinder spielen dürfen. Immerhin ist das ein bisschen leiser als in Pachinko-Hallen, denn dort geht es bis 110 Dezibel hoch.

Als Vergleich einmal die Beschreibung der Laustärke in der Süddeutschen:

80 bis 100 dB (A) erreichen vorbeifahrende LKWs, Motorsägen oder Winkelschleifer. Hier droht bei Dauerlärm bereits der Gehörschaden.

beziehungsweise von 110 Dezibel:

Bei 110 dB (A) ist die Schmerzgrenze erreicht. Kreissägen und Presslufthämmer liegen in diesem Bereich, aber auch der Lärm in Diskotheken oder die Musik aus dem Walkman.

Kein Ort also, an dem man sich freiwillig länger aufhalten möchte. Bei Kindern ist jedoch etwas ganz erstaunliches festzustellen: Sonst überaus geräuschempfindlich, scheint ihnen dank Reizüberflutung die Lautstärke im Game Center völlig egal zu sein. Wieso sich jedoch so viele japanische Paare zum Date im Game Center treffen, ist mir persönlich etwas schleierhaft, denn eine Unterhaltung ist dort fast unmöglich. Aber vielleicht bin ich da auch nur zu altmodisch. Auf jeden Fall habe ich nach einer guten Stunde im Game Center die Stille der japanischen Schnellstraßen und Einkaufsviertel sehr genossen.

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Revolutionäre Entwicklungen im Spielplatzmilieu

Mai 10th, 2016 | Tagged , , | 2 Kommentare | 648 mal gelesen

Mitten in der Goldenen Woche lag der „Tag des Kindes“ – immerhin ein offizieller Feiertag. Und Schwiegermutter wartete mit dem guten Rat auf: „Heute ist Kindertag! Also unternehmt etwas mit den Kindern! Macht was, was ihnen Spass macht!“ Die Bemerkung, dass wir genau das seit über neun Jahren an jedem einzelnen freien Tag machen, habe ich mir erspart.

Da man den lieben Kleinen hin und wieder etwas Neues bieten möchte, ging es am besagten Tag der kleinen Monster in einen neuen Park, nur 8 km von uns entfernt. Und damit die Kinder auch ja Freude daran haben, durfte die 9-jährige das natürlich mit dem Fahrrad zurücklegen, denn nichts ist schöner als vor Freude und Bewegung erschöpfte Kinder, die es gegen 9 Uhr abends gerade noch so ins Bett schaffen.

Kawasaki - Kodomo yume park (子ども夢パーク)

Kawasaki – Kodomo yume park (子ども夢パーク) – das ist allerdings nur ein kleiner Teil davon

Besagter Park wurde uns von Bekannten empfohlen. Der sei ganz toll, irgendwie anders und sogar noch kostenlos. Schon im Januar hatten wir deshalb unser Glück versucht, nur um dann vor verschlossenen Türen zu stehen. Aus Schaden wird man jedoch klug, also wurde flugs recherchiert – und siehe da, er war geöffnet. Ganz sicher. Fahrrad abgestellt und flugs hereingetreten. Und sofort schoss mir eine einzige Assoziation in den Kopf: Mad Max-Kulisse! Vom feinsten! Eine riesige Schlammkuhle, in der sich scheinbar auf sich allein gestellte, nicht selten nackte Kinder lustvoll suhlten, eine Betonstruktur, bemalt von oben bis unten und architektonisch… nun ja, gewagt hergerichtet, und dazu noch offene Feuer, die hier und dort loderten. Kurzum: Hätte ganz plötzlich Tina Turner mit Löwenmähne vor mir gestanden, hätte ich das als vollends normal empfunden. Selbst unsere Kleinen, defintiv keine Kinder von Traurigkeit, blieben wie angewurzelt stehen und wussten nicht so recht, was sie von diesem Spielplatz der ausgefallenen Sorte halten sollten.

Es dauerte rund eine Viertelstunde, bis sich der Nachwuchs für das Basteln von … Dingen … entschied. Das ging mit Malen los und nahm mit Holzarbeiten seinen Lauf. Nägel, altes Holz, Sägen und dergleichen lagen ja genug rum. Und man sollte sich mindestens ein Mal im Leben mit dem Hammer auf den Finger schlagen, um die Schwere des Hammers schätzen zu lernen – oder? Die Erziehungsberechtigten waren derweilen auch nicht faul und begannen, eine Partie Federball zu spielen. In Sichtweite, versteht sich. 5 Minuten später sahen wir, wie unser 5-jähriger hochinteressiert von einem der unscheinbaren Aufpasser lernte, wie man ein offenes Feuer entfacht. Wie putzig. Weitere 10 Minuten später bemerkten wir plötzlich, wie eben jener 5-jährige mit voller Kraft versuchte, Holzscheite mit einer Axt zu spalten. 5-jähriger? Axt??? Ohne Aufsicht, mit einem schwer zu deutenden Lächeln auf seinem Gesicht. Der Stift versuchte die heranrennenden Versorgungsberechtigten zu beruhigen und versicherte, dass eine freundliche Dame ihm vorher ganz genau erklärte, wie das zu machen sei – er weiss jetzt bescheid und wir bräuchten uns keine Sorgen zu machen. Ich fragte noch vorsichtshalber nach, ob das „beinahe-mit-der-erhobenen-Axt-über-dem-Kopf-nach-hinten-kippen“ und das „mit-geschlossenen-Beinen-und-voller-Wucht-das-Holz-verfehlen-und-mit-der-Axt-kurz-vor-dem-Knie-innehalten“ auch zum Trainingsprogramm gehörte, bekam aber keine zufriedenstellende Antwort.

Im Hanegi-Park (羽根木公園) in Setagaya-ku, Istanbul

Im Hanegi-Park (羽根木公園) in Setagaya-ku, Istanbul

Immerhin verliessen wir den Abenteuerspielplatz ohne Verlust irgendwelcher Extremitäten. Doch zwei Tage später trafen wir Freunde nebst einer Horde Kinder in einem anderen Park mitten im schmucken Setagaya-Distrikt von Tokyo. Und siehe da: Etwas weniger Mad-Max, mehr Wagenburg, aber vom Prinzip her das gleiche: Offene feuer hier und da, die Kinder können über Dächer klettern, Sachen aus Holz basteln und so weiter und so fort. Ein ähnlicher Park wurde wohl zudem in unserer alten Heimat, in Urayasu, gerade eingeweiht. Zwar sind die beiden oben genannten Parks nicht gerade neu, aber das Konzept als solches scheint um sich zu greifen in einem Land, in dem die meisten Spielplätze nahezu steril sauber und sicher sind. Das sind ungewohnte Freiheiten für die Kinder und Eltern – und Eltern müssen da natürlich doppelt aufpassen. Aber so viel steht fest: Den Kindern macht so etwas natürlich mehr Spass als blitzsaubere Parks und Spielplätze mit ellenlangen Listen, was da alles verboten ist (Eis essen! Ball spielen!!). Insofern eine angenehme Entwicklung.

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Pädophilenalarm – Enjokosai

November 26th, 2015 | Tagged , | 3 Kommentare | 762 mal gelesen

Sittenpitti-Alarm in Japan

Sittenpitti-Alarm in Japan

Ich weiss die App 防災速報“ (bōsai sokuhō) – Katastrophenschutz-Blitzmeldung von Yahoo! Japan zu schätzen. Sie kostet nichts und sagt mir regelmässig bescheid, wenn Gefahr im Verzug ist. Das kann man auch wunderbar einstellen – was interessieren mich denn Erdbeben unterhalb der Stärke 5? Eben. Wenn es „pling“ macht und mein Handy mir sagt, dass es in ein paar Minuten exakt dort, wo ich gerade bin, gleich fürchterlich regnen wird, dann regnet es auch in der Regel ein paar Minuten später in Strömen.

Den Alarm, der heute jedoch, an einem schüttelfreien und blaubehimmelten Donnerstag reinkam, hatte ich vorher auch noch nicht gesehen. Laut Katastrophenschutzeilmeldung wurde ich darüber informiert, dass nur einen Kilometer von meinem Haus entfernt ein wildfremder und verdächtig aussehender Mann kleine Mädchen auf ihrem Nachhauseweg anquatscht – und zwar mit der Aufforderung, sie solen doch in eine 援助交際 enjo kōsai-Beziehung¹ einwilligen. Diese Nachricht wurde ihnen präsentiert von ihrer freundlichen Polizeiwache um die Ecke.

Sieh an – so vielfältig ist die Funke heutzutage. Böse kann ich ihr dafür nicht sein, denn just zu diesem Zeitpunkt war auch meine Tochter auf dem Heimweg, und die soll natürlich bitteschön keinen Sittenstrolch begegnen. Mich würde allerdings dann doch brennend interessieren, wie viele Mütter in der Gegend durch die Nachricht mobilisiert wurden. Und zu guter letzt hoffe ich natürlich, dass das für eine ausgemachte Menschenjagd hervorragend geeignete Werkzeug nie zur selbigen eingesetzt wird.

¹ Enjo Kōsai – siehe Wikipedia. A propos: Erst Anfang diesen Monats veröffentlichte die UN einen Bericht über das Enjo Kōsai-Phänomen. Demzufolge sind 13% der japanischen Schülerinnen (älteren Semesters) mehr oder weniger mittelbar daran beteiligt. Da der Übergang zur Prostitution hier sehr fliessend ist, wurde die japanische Regierung deshalb stark kritisiert – Regierungsvertreter wiesen den Bericht und die Kritik jedoch zurück und halten den Bericht für übertrieben. Mehr dazu siehe unter anderem hier.

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Seltenheit: Integrativer Kindergarten

Oktober 20th, 2015 | Tagged , , | 3 Kommentare | 814 mal gelesen

Beim Sportfest im Kindergarten

Beim Sportfest im Kindergarten

Wo ich doch neulich erst beim Thema Sportfest war: In den Genuss komme ich selbst jedes Jahr zwei Mal – ein Mal im June an der Schule, und ein zweites Mal im Oktober im Kindergarten. Beim Sportfest des Kindergartens hier in der Gegend war ich zum ersten Mal dabei, und das ganze war regelrecht dramatisch.  Das Sportfest sollte am Sonntag stattfinden, und Montag war ein Feiertag (Tag des Sports!). Bei Regen wird die Veranstaltung auf den nächsten Tag verschoben. Und es sah seit Mittwoch schon stark nach Regen am Sonntag aus. Und doch: Der Kindergarten bestand auf Sonntag. Also ging der halbe Sonnabend für das Vorbereiten des obligatorischen Picknicks beim Sportfest drauf. Sonntag morgen, um 5:50, kam dann der Anruf vom Kindergarten: Es findet statt. Draussen: Strömender Regen. Wir rufen die nächsten Eltern in der Meldekette an, und so verbreitet sich die Nachricht. Um 6:50 dann wieder ein Anruf: Es regnet. Wir verschieben auf morgen. Natürlich sind die Reisbällchen und vieles andere bis dahin nicht haltbar, also das ganze noch mal von vorn.

 

Elternstaffel. Der Mann im Pooh-der-Bär -Kostüm ist der 62-jährige Kindergartenbesitzer

Elternstaffel. Der Mann im Pooh-der-Bär -Kostüm ist der 62-jährige Kindergartenbesitzer

Wenigstens war am Montag schönes Wetter. Da der Kindergarten zu gross ist (1’000 Kinder, das ganze dann ungefähr mal vier: Eltern und mindestens ein Großelternpaar), wird das Sportfest zweigeteilt. 500 Kinder – das reicht auch. 15 verschiedene Programmpunkte, von 9 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags zwei Mal vorzubereiten stelle ich mir auch anstrengend vor, aber man gab sich reichlich Mühe. Nun gut, wir zahlen ja schliesslich auch 300 Euro pro Monat dafür. Was mir jedoch sehr positiv auffiel – und daher schon wieder ein Artikel über ein Sportfest – war die Tatsache, dass der Kindergarten Kinder mit Behinderungen in den Klassen integriert. In der Klasse meines Kleinen gibt es ein Mädchen mit Trisomie 21, und in anderen Klassen Kinder, die sich gar nicht bewegen können und durch den Schlauch atmen müssen. Nichtsdestotrotz werden diese Kinder beim Staffellauf mit einbezogen, halten stolz wie Oskar den Stab, während die Betreuerinnen mit ihnen durch die Kurven fegen und so weiter. Das ist – zumindest in Japan – ziemlich revolutionär, denn mit Integration (in jeglicher Hinsicht) hat man es hier nicht so.

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Schmälern Sportfeste die Lebenserwartung?

Oktober 2nd, 2015 | Tagged , | 4 Kommentare | 726 mal gelesen

Minipyramiden an eiiner Grundschule

Minipyramiden an eiiner Grundschule

Schulsportfeste, genannt 運動会 undōkai, an japanischen Kindergärten und Schulen sind ein fester Bestandteil der Kindheit aller Japaner: Die lange Vorbereitung, der Stolz, die Tränen… es ist ein Großereignis, zumal meistens auch die Verwandten zur Leistungsschau antreten um zu sehen, wie tapfer sich der Nachwuchs schlägt. Die Krönung der Sportfeste ist überall der Staffellauf, denn nur die besten dürfen dort mitlaufen. Die Auserwählten. Weitere Highlights sind das 綱引き tsunahikiTauziehen (mit weit mehr als 100 Schülern pro Mannschaft), der 騎馬戦 kibasen – bei dem ich mir gar nicht sicher bin, wie das auf Deutsch heisst, auf Englisch heisst es jedenfalls chicken fight (vielleicht Pferd-und-Reiter-Kampf!?) sowie 組体操 kumi taisō – das Gruppenturnen, beziehungsweise, um genau zu sein, die menschliche Pyramide. Jedes Jahr kommt es dabei zu mehr oder weniger folgenschweren Unfällen. So auch vor 3 Tagen: Bei einer 10-stöckigen menschlichen Pyramide an einer Mittelschule in Osaka sackte das Gebilde plötzlich ein: 157 14 bis 16-jährige Schüler fielen da plötzlich übereinander, es gab 6 Verletzte, darunter auch mindestens ein Knochenbruch¹. Interessant daran: Ein Lehrerkollege meinte danach, dass die Pyramide mit den 10 Stockwerken bei den Proben nicht ein einziges Mal geklappt hat. Da war dann wohl jemand etwas fahrlässig, äh, ich meine natürlich ehrgeizig.

Ob der Bilder flammte natürlich sofort eine alte Diskussion auf. Sollte man die menschlichen Pyramiden nicht untersagen? Sind die nicht zu gefährlich? Und gab es beim Massentauziehen nicht sogar schon tödliche Unfälle? Nun ja, das japanische Sportkomitee hat dazu ein paar nette Statistiken erstellt² und die sprechen eigentlich eine deutliche Sprache: Zwar sehen die Unfälle bei den Pyramiden am spektakulärsten aus, doch sind die anderen Sportarten genauso gefährlich. Auch beim Staffellauf kommt es immer wieder zu Verletzungen. Wer also nach der Abschaffung dieser Sparte kräht, muss eigentlich ganz gegen Sportfeste sein. Eine 10-stufige Pyramide mit ungeübten Halbwüchsigen ist und bleibt allerdings ziemlich gewagt…

Neulich wurde ich gefragt, ob es auch in Deutschland Sportfeste an den Schulen gibt. Ich konnte da nur mit den Schultern zucken. In meiner Zeit gab es Sportfeste – das war dann aber mit allen Schulen der Stadt gleichzeitig. Ich erinnere mich da noch gut an meine Silbermedaille im Freistil-Ringen. Zweiter! Der ganzen Stadt! Und das beim ersten Ringkampf meines Lebens! Wie viele Schüler in dieser Sportart in der gleichen Gewichtsklasse antraten bleibt mein Geheimnis.

¹ Nachrichten, inklusive Video, gibt es hier.
² Siehe hier.

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Sommer, Sonne, Sonnenschein…

Juli 28th, 2015 | Tagged , , | 14 Kommentare | 1540 mal gelesen

Strand kommt immer gut, Zumindest für die Kinder. Hier am Pazifik, bei Kamakura

Strand kommt immer gut, Zumindest für die Kinder. Hier am Pazifik, bei Kamakura

… und schon fällt man in das Sommerloch. Das geht noch einfacher mit zwei kleinen Kindern, die von Mitte Juli bis Ende August Ferien haben, und während dieser Ferien natürlich tagein, tagaus bespaßt werden wollen. Das ist leichter gesagt als getan, denn der Sommer hat sich kraftvoll zu Wort gemeldet mit Temperaturen, die in den letzten Tagen zumindest in Tokyo regelmäßig über 36 Grad liegen.
Was macht man also mit den lieben Kleinen? Freunde treffen ist eine Sache. Man kann sie auch in Museen oder Galerien schleifen, wo es etwas kühler ist, aber das ist auf Dauer nicht sehr unterhaltsam. Der Kindergarten unseres Jüngsten bietet ein Übernachtungsprogramm an, bei der Mütter mit ihren Kindern im Kindergarten übernachten können. Und nachts mit dem Kindergartengründer einen bechern können.
Neulich, im Okamoto Tarō-Museum

Neulich, im Okamoto Tarō-Museum


Nein, das ist dann erst später, wenn die Kinder schlafen. Wie das allerdings so vonstatten geht, kann ich mir nicht so recht vorstellen, denn der Kindergarten beherbergt rund 1,000 Kinder. Interessanterweise sind die Väter aber sowieso von vornherein von der Aktion ausgeschlossen. Das ist zwar schade, aber das ändert bei mir nichts, da ich sowieso zur Arbeit muss. Und das sieht im Sommer so aus:

8:45 – bei praller Sonne und 32 Grad mit dem Fahrrad 4,5 km zum Bahnhof fahren
9:00 – im vollbesetzten, auf 22 Grad heruntergekühlten Zug nach Shibuya fahren
9:25 – bei 32 Grad in Shibuya mit Tausenden anderen gleichzeitig ca. 200 Stufen Treppe steigen
9:30 – im vollbesetzten, auf 22 Grad heruntergekühlten Zug nach Ebisu fahren
9:32 – bei 33 Grad gut 10 Minuten und stets schattensuchend vom Bahnhof zum Büro laufen
9:45 bis 20:45 – im auf 26 Grad heruntergekühlten Büro staunen, wie heiss es draussen aussieht

und danach das gleiche wieder zurück. Währenddessen kann sich meine Frau ausdenken, was sie am besten am nächsten Tag mit den Kindern anstellt, die natürlich am nächsten Morgen wieder punkt 6:30 auf der Matte stehen und im Chor sagen: „Und was machen wir heute?“ Das sind die Momente, bei denen ich mir nicht sicher bin, wer mehr bezahlt werden sollte. 4 Wochen Ferien noch. Und während dieser Zeit habe ich sogar selbst eine Woche Urlaub. Allerdings werde ich ein paar Tage davon ganz allein auf einer einsamen Insel verbringen: Yakushima. Aus Recherchegründen, versteht sich.

Wer ein paar Geheimtipps abseits von Disneyland, Ueno-Zoo (um Gottes Willen…) und dergleichen hat — immer her damit!

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Unverhoffte Ferien

Februar 3rd, 2014 | Tagged | 2 Kommentare | 3594 mal gelesen

wettervorhersage-20140202Nein, nicht ich kam in diesen Genuss, sondern meine Tochter – ihres Zeichens Erstklässlerin an der hiesigen Grundschule. 29 Schüler gibt es in ihrer Klasse, und am Montag fehlten 9 von ihnen. 4 Schüler wurden mit Grippe diagnostiziert, bei weiteren 5 war es nicht klar, ob sie Grippe haben oder haben könnten. Schnurstracks wurde dann entschieden: Schulfrei für den Rest der Woche. 4 Tage Ferien, eben mal so. Töchterchen war natürlich putzmunter, und prinzipiell wird den Eltern empfohlen, bei solch ausserplanmäßigen Ferien nicht plötzlich dies und das zu unternehmen. Gut, das ist verständlich. Andererseits ist das natürlich leichter gesagt als getan, wenn man noch ein zweites, kleineres und ebenfalls putzmunteres Kind hat. Als meine Frau mit Tochter wie immer am Dienstag das Kind zum Tanzunterricht brachte, fauchte eine andere Mutter meine Frau auch prompt an: „Ist das wirklich okay, zum Tanzunterricht zu kommen, wenn die Klasse wegen Grippe frei hat?“ Natürlich ist es das, schließlich ist unsere Tochter gesund. Und besagte Mutter brachte ihrerseits vormals selbst ihr Kind zum Tanzunterricht, als sie selbst Grippe hatte.

4 Tage schulfrei erschien mir ziemlich viel. Mal kurz im japanischen Gesetz nachgeblättert – siehe unter anderem hier – und siehe da, wenn mehr als 20% der Schüler einer Klasse oder einer Schule mit ähnlichen Symptomen dem Unterricht fernbleiben, wird schulfrei gegeben. Die Regelung ist natürlich sinnvoll. Beim jetzigen Wetter sind Erkältung und Grippe auch kein Wunder: Die Luft ist staubtrocken. In Zügen wird geheizt, was das Zeug hält. Morgen soll es 18 Grad warm werden, und am folgenden Tag schneien siehe Photo. Also dann, immer schön gesund bleiben!

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Anfeuern auf Japanisch – mit Schmackes!

Mai 18th, 2013 | Tagged , | Kommentare deaktiviert für Anfeuern auf Japanisch – mit Schmackes! | 1084 mal gelesen

Sportfest an der Grundschule

Sportfest an der Grundschule

Vor gut über einem halben Jahr hatte ich das Vergnügen, über ein typisch japanisches Sportfest in einem Kindergarten zu berichten. Heute geht es um die nächsthöhere Stufe: Ein 運動会 undōkai (Sportfest) an einer japanischen Grundschule. Normalerweise finden diese im ganzen Land im Oktober statt, aber in unserer Stadt wurde irgendwann entschieden, dass der Mai wettertechnisch günstiger sei.

Die Grundschule hat sechs Jahrgänge in Japan – die Kinder sind also 6 bis 12 Jahre alt. In der Grundschule meiner Tochter gibt es 5 Klassen pro Jahrgang, mit durchschnittlich 30 Kindern pro Klasse. Das macht also insgesammt 900 Schüler – diese Grundschule ist für japanische Großstadtverhältnisse normal bis groß. Das ganze ist eine „Leistungsschau“ – und die zieht sich an unserer Grundschule 6 Stunden lang hin. Los geht es morgens um 9 (am Sonnabend), mittags gibt es eine Stunde Pause, und dann geht es weiter bis 16 Uhr. Dafür ist der folgende Montag schulfrei. Soweit die Eltern nicht arbeiten müssen, lassen sich die meisten Eltern das Sportfest nicht entgehen. 900 Kinder mal 2 Elternteile minus ein paar Väter, die arbeiten müssen, plus diverse Großeltern und andere Verwandte. Macht also 900 Kinder plus mindestens 1’800 Verwandte, die sich auf dem zugegebenermaßen großen Schulhof versammeln. Normalerweise bringt man in Japan dazu Picknickdecken und Essen mit und läßt sich so zur Mittagspause das Essen auf dem Schulhof schmecken. Nicht so an unserer Schule: Vor ein paar Jahren gab es einen Zwischenfall, bei dem sich ein paar Eltern auf dem Schulhof betranken und dann in die Wolle bekamen. Die Schüler dieser Eltern sind wohl noch an der Schule, weshalb die Schulleitung beschlossen hat, das übliche Prozedere zu verbieten – bis die Problemelternkinder nicht mehr an der Schule sind.

Beim Sportfest handelt es sich um eine Mischung aus Spielen (meist für die niedrigen Jahrgänge), Wettläufen und Tanzen. Der Höhepunkt ist dabei immer die リレー riree (vom englischen „Relay“ – Staffellauf). Nicht alle Kinder dürfen dabei mitmachen – nur ausgewählte, sprich die schnellsten Schüler. Bei Sportfesten werden die Schüler übrigens in zwei Gruppen unterteilt (die Unterteilung erfolgt je nach Schule unterschiedlich): Die sogenannten 紅白 kōhaku. kō (auch „beni“) gelesen bedeutet rot; haku (auch „shiro“ gelesen) bedeutet weiß. Rot und Weiß sind in Japan Festlichkeitsfarben. Und bei Wettkämpfen zwischen zwei Gruppen unterteilt man die Lager stets in „rot“ und „weiß“. „Ah, bestimmt wegen der japanischen Flagge!“ könnte man hier altklug einwerfen, aber der Grund ist eher historischer Natur: Während des Gempei-Krieges im 12. Jahrhundert trugen die Genji-Truppen weiße Fahnen und die Taira (das -pei in Gempei) trugen rot.

Die Sportfeste sind prinzipiell eine schöne Idee: Die Kinder lernen, sich zusammenzuraufen, treiben nebenbei Sport und können sich aneinander messen. Die Eltern haben ihren Spaß beim Zusehen – und können sich andere Eltern angucken. Eine gute Sache also. Am interessantesten war – für mich zumindest – der 応援合戦 Ōen-Gassen – der „Anfeuerungswettbewerb“, bei dem eigens ausgewählte „Einheizer“ ihre Gruppe dazu anhalten, sich gegenseitig anzufeuern. Das sieht dann so aus wie im Video unten (Anmerkung: Wer sich nicht die ganzen 10 Minuten ansehen will – richtig interessant wird es ab der 7. Minute). Diese Anfeuerungswettbewerbe sind auch im Baseball üblich und möglicherweise eine amerikanische Erfindung, aber ganz so sicher bin ich mir da nicht. Auch die Anfeuerungswettbewerbe gehen in die Punktwertung ein. Heute gewann Weiß.

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