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Die japanische Seite bzw. eine Art Japanisch zu lernen

Dezember 12th, 2013 | Tagged , | 6 Kommentare | 7967 mal gelesen

Aus furchtbar alt...

Aus furchtbar alt…

Seit rund 12 Jahrene existiert sie – die japanische Seite meiner Webseite. Im Kern sind dies rund 150 verschiedene Seiten über Osteuropa. Ein recht ausführlich-willkürlicher Reiseführer, um genau zu sein, und diese Seiten gibt es auch auf Deutsch und Englisch. Seit vielen Jahren dümpelten die japanischen Seiten vor sich hin, eingefasst in einem Layout, das so schrecklich war, dass ich mich nicht wagte, jemanden auf die Seiten zu verweisen. Hinzu kommt, dass alle Seiten selbstgestrickt waren – wollte ich also eine Änderung hinzufügen, musste ich dies auf rund 150 Seiten machen, Vor zwei Jahren reifte der Entschluss, alles noch mal grundlegend zu überarbeiten. Das ging ein paar Nächte lang gut, dann gab es ein grosses Erdbeben, ein AKW ging in die Luft und andere Dinge liessen mich das Projekt auf localhost vergammeln. Im Oktober habe ich mich endlich wieder aufgerafft, und nach unzähligen Stunden ist die Arbeit endlich getan. Nun ja. Fast. Ein paar Seiten, die zwar auf Deutsch und Englisch existieren – hauptsächlich die über Montenegro und Albanien – müssen erst noch geschrieben werden.

...mach halbwegs neu

…mach halbwegs neu

Wozu das ganze, mag sich der eine oder andere fragen. Das Motiv war eigentlich ganz einfach: Ich wollte damit Japanisch lernen. Meine Odyssey durch die Eingeweide des Japanischen fusste letztendlich auf drei Säulen, und diese halfen mir enorm, die 4 wichtigsten Fähigkeiten beim Sprachenlernen anzueignen:

Lesen:
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Es ist ungewöhnlich, damit anzufangen. Es begann jedoch damit, dass mein Forschungsthema (Stadtplanung) mit Japan zu tun hatte, und die meisten Quellen nur auf Japanisch vorhanden waren. Nun lernt man gerade im Japanischen nicht gerade einfach mal so, zu lesen: Anfangs weiss man ja nicht mal, wo die Wörter aufhören und wo sie anfangen. Natürlich musste ich mich zu allererst mit den Schriftzeichen herumquälen: Woraus bestehen sie? Wie kann man sie nachschlagen? Wie erkennt man, welche Lesung richtig ist? Und das auch noch ohne Internet und (anfangs) elektronische Hilfsmittel! Es war eine Qual, aber ich war hoch motiviert, denn ich wollte ja wissen, was in den Texten steht. Und so viel steht fest: Wenn man mit entzündeten Augen nach zahllosen Stunden feststellt, dass man das Schriftzeichen, das man gerade mühsam nachschlägt, schon mindestens fünf Mal vorher nachgeschlagen hat, lernt man die Schriftzeichen ganz, ganz flink. Zu lesen. Schreiben ist etwas anderes.

Schreiben
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Denksport: Aus dem Gedächtnis alle Kanji mit einem bestimmten Radikal aufschreiben

Denksport: Aus dem Gedächtnis alle Kanji mit einem bestimmten Radikal aufschreiben

Im Japanischen, aber auch im Chinesischen, ist Schreiben natürlich etwas komplexer: Man muss ja nicht nur lernen, wie man verständliche Sätze zusammenbaut, sondern überhaupt erstmal, wie man nun an sich schreibt: Im Griechischen, Russischen usw. ist das noch dank der „geringen“ Zahl neuer Zeichen überschaubar. Auch Koreanisch geht noch, auch wenn es dort schon etwas kniffliger ist, da man sich ja dort die Silben aus Einzelbestandteilen erst zusammenbasteln muss. Im Japanischen und Chinesischen ist man jedoch anfangs ein blanker Analphabet.
Mir halfen beim Zeichen lernen letztendlich hauptsächlich zwei Sachen: Permanentes Üben sowie der Versuch, Logik ins System zu bringen. Das ist bei den chinesischen Schriftzeichen durchaus machbar, doch bei Katakana zum Beispiel schon schwerer. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich des öfteren kurz vor dem Verzweifeln war und mich fragte, wann ich denn endlich die Katakana fliessend (wohlgemerkt) lesen und schreiben könne. Es sollte eine ganze Weile dauern. Hiragana waren da etwas einfacher.
Um die Kanji nicht ganz zu vergessen, hatte ich es mir damals zur Angewohnheit gemacht, in jeder freien Minuten einen Zettel und einen Stift hervorzukramen und ein „Radikal“, also ein Schriftzeichenelement, zu bestimmen, und dann alle Schriftzeichen mit diesem Radikal, die mir einfielen, aufzuschreiben. Beispiel 人偏(Radikal „Mensch“): 人 全 会 儘 傑 仁 任 仕 使 便 usw. In guten Zeiten kam ich allein bei diesem Radikal auf über 130 Zeichen, aber da ich das lange nicht mehr gemacht habe und nur noch selten mit der Hand schreibe, werde ich da wohl nicht mehr herankommen.

Einst selbst erstelltes Kanji-Merkblatt

Einst selbst erstelltes Kanji-Merkblatt

Das „andere Schreiben“ ist in jeder Sprache mit Schrift erforderlich: Das Formulieren von Sätzen. Damals dachte ich mir entsprechend: Warum das ganze nicht mit etwas Sinnvollem verbinden, und auf Deutsch geschriebenes und auf der Webseite veröffentlichtes Material auf Japanisch zu übersetzen? Das allein wäre, vor allem in den ersten Jahren, natürlich zur Lachnummer geworden. Doch das ganze hatte ich damals mit „Tandem“ verbunden: Sprich, ich traf mich mit meinem Tandempartner (die wechselten natürlich im Laufe der Jahre), und legte dem armen Geschöpf dann meine „Machwerke“ hin und bat darum, das ganze mit mir durchzugehen. Und zwar nicht im Sinne von „korrigier mal“, sondern nur zusammen und mit Erklärung, warum was und wieso falsch ist und wie es besser gesagt werden könne. Jedoch: Das kann nicht jeder. Es gab Tandempartner, die quasi jeden Satz zerrissen haben und alles komplett neu umschreiben wollten – nach eigenem Geschmack. Mit einem Tandempartner hatte ich jedoch grosses Glück: Er beschränkte sich darauf, mir zu erklären, was falsch ist, und die Sätze so zu redigieren, dass sie war zwar lesbar (und unterhaltsam) sind – meinen eigenen Stil jedoch beibehielten. An dieser Stelle: Danke, Ken!

Die japanische Website ist dementsprechend eigentlich nur ein „Abfallprodukt“. Aber immerhin ein offensichtlich brauchbares: Ein Leser verlinkte zum Beispiel auf die Seite mit dem Kommentar:

Sehr umfangreicher Reiseführer über die Ukraine. Mit dem Lonely Planet und der ausgedruckten Webseite über die Ukraine von Tabibito ist man bestens ausgerüstet. Das Japanisch ist manchmal zwar etwas seltsam, aber durchgehend verständlich.

Nun gut, Kritik muss sein. Und das ist ja auch schon 10 Jahre her…

Hören & Sprechen
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Beides habe ich letztendlich an einem eher ungewöhnlichen Ort wirklich gelernt: In einem Irish Pub. Dort hatte ich während meines Studiums in Japan allabendlich gearbeitet. Und es gibt keinen besseren Ort, beides zu lernen. In einem rein japanischen Restaurant wäre es etwas schwieriger, da dort die Konversation in der Regel beschränkt ist auf ein paar Floskeln. Und den üblichem Frage-und-Antwort-Spiel (getreu dem Motto: Stimmt es, dass man in Deutschland fast nur Würstchen isst?). Im Pub konnte man, so es die Zeit erlaubte, lange und ausgiebig mit den Gästen sprechen.

Letztendlich wären da noch die ganzen Sprachkurse – in meinem Fall an einer Universität. Und obwohl diese Kurse sehr fruchtbar waren, so waren sie letztendlich doch der, zugegebenermassen sehr wichtige, Kitt, der alles anderweitig angeeignete zusammenhalten konnte.

Zugegeben, ein kurzer Beitrag für ein weites Thema. Zumal heutzutage ungleich mehr Mittel (Computer! Internet!! Smartphones!!!) zur Verfügung stehen. Doch der Schweiß bleibt natürlich. Nur ein empirischer Wert meinerseits, aber wer ernsthaft Japanisch lernen möchte, sollte meines Erachtens – zumindest in den ersten Jahren – 20 Stunden oder mehr pro Woche lernen. Das muss nicht nur stures Lernen sein (so etwas konnte ich selbst zum Beispiel nie), aber ein bewusstes, konzentriertes Beschäftigen mit der Sprache sollte es schon sein. Und wenn es das Übersetzen des Lieblingsmangas ist – da stimmt auf jeden Fall die Motivation (so man Manga mag).

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Telefonmann

Juni 11th, 2013 | Tagged , | 20 Kommentare | 3352 mal gelesen

Es gibt Momente, in denen ich in der Firma das Telefon beantworte – zum Beispiel wenn die anderen Leitungen besetzt sind, und das ist in einer kleinen IT-Firma durchaus nichts ungewöhnliches. Das bringt mich jedes Mal in den Genuß des einen oder anderen komischen Anrufes. Heute hatte ich mal wieder das Vergnügen. Eine Firma, mit der wir gelegentlich zu tun haben, rief an, aber der 担当者 (tantōsha, die „zuständige Person“) hat mittlerweile die Firma verlassen, und so hatte ich die Ehre. Wie es sich gehört, fragte der Anrufer zum Schluss „もう一度お名前をお聞かせいただけませんか“ – „dürfte ich nochmal nach Ihrem Namen fragen“. Sicher doch. „Matthias“ sage ich dann, und das ist in der Geschäftswelt völlig unüblich, erst recht in Japan, denn man redet sich natürlich erstmal mit dem Familiennamen an. Jedoch – während „マティアス“ (sprich: Matiasu, wobei das „u“ am Schluß mehr oder weniger verschluckt wird) halbwegs vermittelbar ist, kann man das über meinen Nachnamen („Reich“) leider nicht sagen. Den kriegen weder Japaner (Aussprache: „raihi“) noch Angloamerikaner (Aussprache bestenfalls ein genuscheltes „Reyk“) auf die Reihe, weshalb ich es aufgegeben habe, meinen Nachnamen zu benutzen. Macht ja nichts, da die meisten sowieso nicht wissen, was bei mir Vor- und was Nachname ist.

Also sagte ich heute wieder brav meinen Vornamen, und der Anrufer begann mit dem in Japan üblichen Spielchen: „Hmm, ist dass das ‚ta‘ wie in ‚tanbo‘ (Reisfeld) und ‚Yasu‘ wie in ‚Yasuda‘ (gängiger Familienname in Japan)?“ So wurde – und das nicht zum ersten Mal – aus meinem Namen also ein „田安 – Tayasu“. Natürlich klärte ich ihn auf und sagte „Da ich Ausländer bin, hat mein Name keine Schriftzeichen. In Katakana bitte: ma-ti-a-su“. Ein paar Sekunden Schweigen, gefolgt von einer Entschuldigung, war die Folge. Wofür entschuldigt er sich eigentlich?

Dieses „Schriftzeichen am Telefon erraten“ ist natürlich wichtig: Will man später per Email im Kontakt bleiben, gehört es zum guten Ton, nicht nur den Namen, sondern auch die Schriftzeichen richtig zu schreiben. Da ist es schon wichtig zu wissen, ob Herr Takahashi „高橋“ oder „髙橋“ geschrieben wird. Was, sieht beides gleich aus? Aber nicht doch! Einfach mal im Browser die Schriftgröße maximal vergrössern!

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Goroawase – das Spiel mit den Zahlen

Oktober 31st, 2012 | Tagged , | 12 Kommentare | 1526 mal gelesen

Japanischer Wortspiel-Generator

Aufgrund einer Fernsehsendung bin ich neulich auf eine völlig unnütze Statistik gestossen: Und zwar die Statistik¹ der von Love Hotels in Japan am meisten benutzten Telefonnummern. Auf Platz 1: 1919 (als Bestandteil der Telefonnummer): Das kann man sich nämlich als „wakuwaku“ merken (wa = wan (=one) für die 1, -ku für die 9). „Wakuwaku“ bedeutet „erregt sein“, und das ist natürlich eine passende Assoziation. Laut der Statistik haben 43 Love Hotels diese Nummernkombination in der Zahl. Gefolgt von der Nummer 2, 5151 – gelesen „koi koi“ (ko bzw. go = 5, i für ichi = 1), zu Deutsch „Liebe Liebe“ mit 17 Love Hotels.

Die Statistiken sind generell interessant: So erfährt man, dass es in Tokyo allein 799 Love Hotels gibt. 300 davon sollen sich allein in Ikebukuro finden, das damit dem eigentlich am meisten als Rotlichtbezirk bekannten Viertel Kabukichō in Shinjuku den Rang abgelaufen hat. Lange muss man hier wirklich nicht nach den Hotels suchen. Von mir bis zum nächsten Etablissement sind es keine 500 m, und besagtes Love Hotel befindet sich direkt neben dem Schulungszentrum der Mun-Sekte. Damit die Leute gleich was nach der Gehirnwäsche zu tun haben.

Aber das sollte nicht das Thema sein. Zum Thema „Nummern wie Worte lesen“ habe ich eine schöne Seite entdeckt (für Japanisch-Sprechende und Lernende), in der man tausende 語呂合わせ goroawase – (Nummern-)Wortspiele nachschlagen kann: Den Goroawase Generator. Einfach Telefonnummer oder irgendeine andere Nummer eingeben und schon bekommt man ein paar Vorschläge. Die natürlich nicht immer Sinn ergeben. Aber so kann man gleich mal Japanisch lernen – und sich die eine oder andere Nummer sogar merken. Dem Programm sei verziehen, dass es zu meinem Geburtstag das Wort „人糞マシン jinpun maschin – Exkrementenmaschine“ ausspuckte. Weia.


¹ Quelle:Love Factory (Portalseite für Love Hotels).

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Kleinkind-TÜV / Bargehilfe gesucht

September 11th, 2012 | Tagged , , | 12 Kommentare | 1237 mal gelesen

Heute war unser Jüngster zum Kleindkind-TÜV: Der Untersuchung für 1½-jährige, die von der Stadt durchgeführt wird. So etwas gibt es sicherlich in Deutschland auch, aber ich fand den Fragebogen, den man vorher auszufüllen hat, recht interessant. Hier einmal ein Auszug aus dem Fragenkatalog – diese Fragen sind in der Regel mit Ja oder Nein zu beantworten:

Bereich Alltag:

  1. Zeigt Ihr Kind mit dem Finger auf Dinge, die es möchte?
  2. Wenn Ihrem Kind etwas auffällt, zeigt es mit dem Finger darauf und schaut Ihnen dabei ins Gesicht?
  3. Wenn Ihr Kind ein Bilderbuch oder etwas Echtes sieht und sie fragen, „welches davon ist…“ (auf Japanisch: ○○どーれ), zeigt es dann mit dem Finger darauf?
  4. Kann Ihr Kind Wörter wie „manma“ (Essen) oder „buubu“ (Trinken) sagen? Wenn ja, welche? (in unserem Fall zum Beispiel: Mama, Papa, Neenee (=Schwester), Jiiji (Opa), Baaba (Oma), hai (ja), Manma, Buubu, Wanwan (Wauwau), Baibai (Bye Bye) und noch ein paar mehr (darunter lustigerweise auch das Wort „heiß“)
  5. Reagiert Ihr Kind, wenn sie ihm sagen, „bringe dies oder das her“?
  6. Klammert sich Ihr Kind/folgt Ihnen Ihr Kind, wenn es krank ist oder sich vor etwas fürchtet?
  7. Freut sich Ihr Kind, wenn ein Erwachsener ihm widmet/mit ihm spielt?
  8. Macht Ihr Kind Sachen nach, die Erwachsene machen (z.B. Telefonat imitieren, Zahnbürste benuzten usw.)?
  9. Spielt Ihr Kind mit Spielzeug?
  10. Bringt Ihr Kind Sachen zu Ihnen, wenn es Ihnen etwas zeigen will?
  11. Treffen sich Ihre Blicke, wenn Sie mit Ihrem Kind reden?
  12. Zeigt Ihr Kind Interesse, wenn es andere Kinder spielen sieht?
  13. Gibt es etwas, was Ihnen an ihrem Kind seltsam vorkommt (z.B. übermäßige Furcht vor Fremden, ungebremste und ungezielte Rastlosigkeit, Desinteresse an der Umwelt, starke Weinkrämpfe in der Nacht, ungewöhnlich ruhig usw.

Und so weiter. Ein Zahnart kommt auch zu dieser Untersuchung (und laut bildhafter Beschreibung kam der Zahnarzt gar nicht gut an…).
Nun ja, TÜV bestanden. ASU gab es dieses Mal nicht. Und da der Wonneproppen kerngesund und sehr lebhaft ist, brauchen wir uns (vorerst!?) wohl keine Sorgen zu machen. Mich würde freilich interessieren, ob es eine ähnliche (Pflicht)untersuchung in Deutschland gibt und ob dort ähnliche Fragen gestellt werden.

Wer sich mehr für Babysprache auf Japanisch interessiert – hier gibt es eine längere Liste (ein paar Begriffe sind streitbar, aber die wichtigen Wörter wie an’yo (Fuß), encho (sitzen), poppo (Taube) usw. sind dabei.

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Ganz anderes Thema: Ein guter Bekannter betreibt eine kleine, aber feine Sportbar. Falls jemand von Euch gerade Japanisch lernt, an drei Nächten in der Woche frei hat und ein bisschen dazu verdienen möchte, meldet Euch. Der Stundenlohn ist nicht üppig, aber ich kann jedem versichern: Die schnellste Art, echtes Japanisch zu lernen, ist Arbeit in einer Bar in Japan. Das kann ich persönlich wärmstens empfehlen.

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Debu!

September 2nd, 2012 | Tagged , , | 6 Kommentare | 1272 mal gelesen

Nun ist der Sommer eigentlich schon fast vorbei – theoretisch zumindest, denn nächste Woche sollen es wohl wieder jeden Tag bis 35 Grad und nachts nicht weniger als 27 Grad werden. Trotzdem möchte ich an der Stelle noch schnell einen Sommerhit einschieben. Die Gruppe nennt sich 豊満乃風 hōman no kaze – wörtlich „Sturm der Vollschlanken“. Das sind vier verhältnismässig stabil gebaute Japaner, die aus ihrer Körperfülle keinen Hehl machen. Sie tauchten zuerst bei „Bakasoul“ auf, einer etwas ungewöhnlichen Live-Show und Fernsehsendung. Eine nette Sendung eigentlich, wäre da nicht der nervende Hauptsponsor „Gree“ – eine relativ junge Firma, die Handyspiele verbreitet und seit etlichen Monaten durch sehr nervende Werbung auffällt (wenn Telefonsexwerbung eine 10 hat und Tamponwerbung eine 5, hat die Werbung für Gree-Kartenspiele eine 7). Gibt’s eigentlich noch Telefonsexwerbung!? In Japan gottseidank nicht…

Aber da mir die Gruppe gefällt, möchte ich Euch das nicht vorenthalten. Solange ich bei Musik Spaß an der Musik und am Leben erkenne, kann ich mich mit fast jedem Genre anfreunden – auch mit diesem. Eigentlich erstaunlich für jemanden, der eigentlich Bands wie Goethes Erben, Dimmu Borgir, Relatives Menschsein, Current 93, Nine Inch Nails usw. bevorzugt.

Was da im Video vor sich geht? Unter anderem singen sie „Schwingt Eure schweißgetränkten Handtücher – everybody wet! wet! wet!“. Deshalb an dieser Stelle eine Randbemerkung: In Japan liebt man es, Englisch in japanische Liedtexte einzubauen. In der Regel ist das sehr schlechtes und sinnfreies Englisch. In diesem Fall ist es zwar auch schlechtes Englisch, aber wenigstens nicht so viel davon. Man hört in diesem Lied auch oft das Wort デブ debu – das bedeutet „Dicker/Dicke“ und stammt vom Wort でっぷり (deppuri – korpulent) ab. Ein wichtiges Wort, das man sicher nicht im Japanisch-Lehrbuch findet. An dieser Stelle noch schnell ein anderes Wort: ブス busu (häßlich). Stammt vom Wort 不細工 busaiku (eigentlich: unbeholfen, aber auch „häßlich“) ab und ist natürlich herabwürdigend, obwohl man mit den Wörtern „busu“ und „debu“ auch in Japan durchaus humorvoll umgeht. Es gibt auch zahlreiche Komiker, die sich dieser Charaktere bedienen.

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Die Qual mit den Namen

März 7th, 2012 | Tagged , | 37 Kommentare | 3312 mal gelesen

Neulich hatten wir auf unserer Webseite eine kleine Leserumfrage, bei denen wir unsere japanischen Leser fragten, welche Reihenfolge sie bevorzugen, wenn sie sich auf Englisch vorstellen. Logischerweise gab es zwei Möglichkeiten:

1) Vorname Nachname, also „I am Akiko Yamada“

oder

2) Nachname Vorname, also „I am Yamada Akiko“

Bei gut 1,700 Antworten siegte schliesslich Variante 1 mit 50%, gefolgt von Variante 2 mit 12% (den restlichen Lesern war es egal… oder sie haben die Frage nicht verstanden).

Die Sache hat natürlich einen ernsten Hintergrund. Das Bildungsministerium hatte nämlich vor einer Weile beschlossen, in englischen Lehrbüchern Variante 2 zu benutzen. Das sorgte für Diskussionen hier und dort, und so auch unter unseren Lesern. Beide Seiten haben gute Argumente:

„Auf Englisch klingt es natürlicher, sich mit dem Vornamen zuerst vorzustellen“ oder „nur mit dem Vornamen zuerst kann man Verwirrung und Mißverständnissen vorbeugen“ meinten da die Befürworter der ersten Variante. Verfechter der Variante 2 spürten zum Teil gleich wieder ihr Heimatland in Gefahr: „In Korea nennt man auch den Nachnamen zuerst, und in China auch. Nur Japan muss mal wieder nach der westlichen Pfeife tanzen!“. Da ist was dran: Sowohl im Englischen als auch im Deutschen hat jeder schon von Kim Jong-Il, Mao Zedong und Chiang Kai-shek gehört, wohl aber weniger von „Zedong Mao, Jong-Il Kim oder Kai-shek Chiang“.

Da steht Japan also wieder da mit seiner Extrasuppe: Die meisten benutzen entgegen ihrer Muttersprache den Vornamen zuerst und dann den Nachnamen, und andere – darunter die Schuloberen – bevorzugen die japanische Reihenfolge.

Das lässt einen Ausländer natürlich auch ins Schwitzen kommen. Wie stelle ich mich vor? Vornamen zuerst? Oder nicht? Zumindest im Schriftverkehr hat sich da das folgende mehr oder weniger eingebürgert:

Japanischer Name: 田中明子 oder 田中明子 Tanaka Akiko (Nachname, evtl. ein Leerzeichen, Vorname)
Ausländischer Name: ライヒ マティアス oder マティアス・ライヒ (Nachname – Leerzeichen – Vorname ODER Vorname – Hochpunkt (japanisch: nakaguro) – Nachname.

Mit deutschen bzw. nicht englisch klingenden Namen hat man freilich ganz verloren: In dem Fall wissen viele (nicht nur Japaner) gar nicht so recht, was nun Vor- und was Nachname ist. Und so erhalte ich recht häufig Emails, in denen ich mit „Dear Reich“ oder „Dear Mr Matthias“ angesprochen werde. Man gewöhnt sich daran.

Die Tatsache, dass auch Japaner immer häufiger zu ausgefallenen Namen greifen, macht die Sache für Ausländer auch nicht unbedingt einfacher. Vor gut 10 Jahren endeten 90% aller Frauennamen noch auf -ko oder -mi – heute ist die Vielfalt schon grösser. Wobei dazu gesagt werden sollte, dass man, so lange man halbwegs Japanisch beherrscht, nachwievor eigentlich keine Probleme damit hat, Vor- und Nachnamen auseinanderzuhalten.

Welche Variante ich bevorzuge? Ich tendiere zu 1), denn diese Reihenfolge wurde bisher gelehrt, und die meisten Japaner sind damit vertraut. Warum soll man das nun ändern? Nationalistische Gründe kann man da wohl kaum gelten lassen.

Wenn ich das so schreibe, frage ich mich zwangsläufig, welche Japaner eigentlich im deutschen Sprachraum mit Vor- und Zunamen bekannt sind. Sicher, bekannt sind einige Japaner – aber mit beiden Namen? Wie heisst Pikachū eigentlich mit Nachnamen?

Mehr Lesestoff:
• Artikel + Diskussion zum Thema auf Japan Probe
Mehr über kuriose Namen in Japan auf diesen Seiten

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Okuizome – Das erste Mahl

Mai 29th, 2011 | Tagged , , | 4 Kommentare | 2471 mal gelesen

Zahlreiche Rituale und Bräuche drehen sich in Japan um Kinder. Eines davon ist das sogenannte お食い初め Okuizome – der „Beginn des Essens“, ein Ritual mit festen Regeln und
voller Symbolen. Begangen wird dieses Ritual entweder am 100., 110. oder 120. Tag nach der Geburt des Kindes. Wie es der Zufall so will, passte es bei uns: Heute war der 110. Tag. Na dann! Da die Kleinen nach 110 Tagen „draussen“ selten wirklich etwas essen, hat dieses Ritual eher Symbolcharacter: Man führt dies und jenes zwar zum Mund des Kindes, aber essen lässt man es die Sachen nicht. Wie auch beim Neujahrsessen steht das Menü, von kleineren regionalen Unterschieden abgesehen, so gut wie fest, und jede Speise hat ihre eigene Bedeutung.
Das Essen besteht aus 一汁三菜 Ichijū Sansai – einer Suppe und drei Nebengerichten, die traditionelle Zusammenstellung eines Mahls für freudige Anlässe. Auf jeden Fall dazu gehören:

1. 赤飯 Sekihan (=Roter Reis), obligatorisch in Japan bei freudigen Anlässen (Sekihan ist klebriger Reis mit roten Bohnen. Rot und Weiss stehen für Glück/Feiern),
2. 吸い物 Suimono (sui = saugen, mono = Sache, zu deutsch: eine [meist dünne] Suppe)
3. 香の物 (kō-no-mono, kō = Geruch, mono = Sache) – eingelegtes Gemüse
4. (尾頭付き)魚 Fisch – und zwar ein ganzer, von Kopf bis Schwanz. In der Regel nimmt man dafür 鯛 tai – Meerbrassen.

Auch ein Stein gehört dazu – der muss vom örtlichen Schrein geholt und danach wieder zurückgebracht werden. Der Stein soll den Wunsch ausdrücken, dass das Kind im Laufe
seines Lebens immer gesunde Zähne hat (die Tradition ist schon weit über 1000 Jahre alt – schon damals fürchtete man ganz offensichtlich Zahnärzte). Anstelle eines Steins wird
aber vor allem im westlichen und südlichen Teil Japans auch gern Tako (Oktopus) genommen, der erfordert schliesslich auch viel Beisskraft. Die Suppe steht für ausreichend (Saug)kraft, siehe Wortbedeutung.
Selbst das Geschirr ist bei dieser Tradition vorbestimmt: Jungen wird das Essen auf einem schwarzen Lacktablett mit roter Innenseite serviert; Mädchen hingegen auf einem vollständig roten Lacktablett. Davon wird dem Kind das Essen von den 3年長 (3 nenchō – den drei ältesten Teilnehmern der Zeremonie) verabreicht.

Der Zeitpunkt für Okuizome ist natürlich mit Bedacht gewählt: Rund um 100 Tage nach der Geburt beginnen die ersten Zähne zu wachsen, und man beginnt das Kind an andere Speisen als nur an Muttermilch oder Ersatzmilch zu gewöhnen (auf Japanisch 離乳食 rinyūshoku – „sich entfernen – Milch – Essen“ genannt).

Das Photo vom Tai (Meerbrasse) konnte ich mir hier leider nicht verkneifen: Die Zahnleiste sah einfach zu imposant aus. Gebratene Meerbrasse taucht auch in vielen japanischen Filmen auf – denn das ist wirklich der beliebteste, symbolträchtigste Fisch bei feierlichen Anlässen.

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Der Vorleser

Mai 24th, 2011 | Tagged , , | 14 Kommentare | 1265 mal gelesen

Kamishibai hajimaru yo! – wie der Rattenfänger aus Hameln streicht der alte Mann zwischen all den Kindern auf einem grossen Spielplatz im Tokyoter Bezirk Edogawa-ku umher, gebückt, und mit sonorer Stimme in ein uraltes Megaphon sprechend. Ich wage zu bezweifeln, dass die Batterien, so überhaupt vorhanden, frisch sind. Sein Gebiss sitzt sehr locker, weshalb er schwer zu verstehen ist. Was macht der Greis hier? Verkündet er das Ende der Welt? Immer wieder dreht er seine Runde, und schlägt zwei alte Holzstücke zusammen, immer wieder gebetsmühlenartig den einen Satz verkündend. Und wie sein Kollege aus Hameln nimmt er dann tatsächlich die Kinder mit, und verfrachtet sie, bis zu 10 von ihnen, in den mit Pappe ausgeschlagenen Kofferraum seines Kleinwagens.

Erst beim zweiten Mal verstand ich endlich, was er da verkündet. 紙芝居、始まるよ! (kamishibai, hajimaru yo) – das „Papiertheater“ fängt an! Die Kinder kriechen in seinen Wagen, unter den skeptischen Augen der Eltern. Zwar ist die folgende, keine fünf Minuten dauernde Vorstellung, kostenlos, doch der Mann sammelt trotzdem „auf freiwilliger Basis“ 100 Yen von den Eltern ein – und lässt die Kinder dafür aus zahlreichen Süssigkeiten, Getränken und manchmal auch Eis auswählen. Dann baut er eine uralte Holzkiste auf einem uralten Schemel auf. Nach vorn hat die Holzkiste ein Glasfenster. An der Seite ist die Kiste offen. Das muss so sein, denn nur so kann der Erzähler die alten, abgegriffenen, schwarzweissen Bilder herausziehen, während er – ebenfalls mit sonorer Stimme – eine Geschichte vorliest.

 

 

Sie sind selten geworden, die Geschichtenerzähler. Diese japanische Besonderheit begann Anfang des 20. Jahrhunderts und war vor allem in Tokyo sehr populär. Der Zweck war nicht nur pure Kinderliebe: Auf diese Weise wurden gerne Süssigkeiten „vertickt“. Daraus wuchs eine ganze Industrie. Laut Wikipedia gab es nach dem Krieg gute zehntausend Erzähler, die schliesslich erst nach der Verbreitung des Fernsehens verdrängt wurden. Der alte Mann im Park von Edogawa-ku muss auch gut und gerne 90 Jahre auf dem gekrümmten Buckel haben. Ich bedankte mich bei ihm nach der Vorstellung und fragte ihn, wie lange er das schon mache. „Weit mehr als 50 Jahre lang“ war seine Antwort. Die Kinder hören kaum zu, da man ihn kaum versteht. Aber sie verstehen, dass dies etwas Besonderes, Anderes ist. Und laben sich an den Süssigkeiten. Welche Eltern können da schon sagen „Nein, das isst Du jetzt nicht!“.

Zur Veranschaulichung noch ein Video – ohne Höhepunkte, wohlgemerkt. Aber wer weiss, wie lange es sie noch gibt – die Geschichtenvorleser.

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Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XVI

April 12th, 2011 | Tagged , , , , | 18 Kommentare | 2700 mal gelesen

Letzte Woche Donnerstag, ca. 11 Uhr abends: „Mensch, heute war der erste Tag seit dem grossen Erdbeben vor vier Wochen, an dem ich kein Erdbeben gespürt habe! Das lässt hoffen!“. Nix war. Eine halbe Stunde später ein vernehmliches Rütteln, das sich langsam aufschaukelte. Wie ein Schnellzug, der direkt neben dem Haus vorbeifährt – nur lautlos, und es ist ein sehr langer Zug. Stärke 7,4 dieses Mal, Tsunamiwarnungen, Kurznachrichten aus dem AKW: Strom weg. Kurze Zeit später – Strom doch wieder da, alles in Ordnung.

Was zieht ein starkes Nachbeben nach sich? Genau, Nach-nachbeben. Ich hoffe, dass genau das gerade der Fall ist. Am Wochenende gab es konsequenterweise wieder mehr Nachbeben als in der vergangenen Woche. Und heute am späten Nachmittag der Nachschlag – wieder sehr deutlich spürbar, Stärke 7,1, Epizentrum bei Fukushima. Dieses Beben war zwar wesentlich schwächer als das Hauptbeben, aber es reichte, da auch näher in Tokyo, aus, um den Zugverkehr wieder ein bisschen ins Stocken geraten zu lassen. Eins kann ich den Lesern versichern: Das macht wirklich langsam keinen Spass mehr.

Natürlich hat meine Tochter auch die Nase voll und Angst, aber wir haben es auf eine clevere Art und Weise geschafft, sie zu beruhigen: Wir haben ihr gesagt, das seien alles 余震 yoshin – Nachbeben. Jedes Mal, wenn es bebt, fragt also unsere 4-jährige: これは余震? 地震? (ist das ein Nachbeben? Oder ein Erdbeben?) und wir antworten „Nachbeben“, worauf sich ihre Mine jedes Mal schlagartig erhellt. Zwar hatten wir ihr mal irgendwann erklärt, dass Nachbeben auch Erdbeben sind, aber wenn wir ihr bei einem Beben jetzt sagen würden: „DAS ist ein Erdbeben“, würde sie definitiv in Panik verfallen.
Überhaupt, Kinder – meine Tochter ist also keine vier-einhalb Jahre alt, bringt aber Sätze wie diese:

– „計画停電中止だって“ – keikaku teiden chūshi datte – „Heute wird der planmässige Stromausfall nicht stattfinden, wurde gerade gesagt!“

oder

– „放射線って何?“ hōshasen tte nani – „Was ist Radioaktivität“?

oder

– „この家は倒れない?“ – kono ie wa taorenai? „Unser Haus fällt nicht um?“

und, daraufhin, ganz die Eltern, verlangt sie auch sofort nach einer Quellenangabe:

– „誰が言うった?“ – dare ga iutta? „Wer hat das gesagt (dass es nicht umfällt)?“

… der Onkel von der Stadt!

Anmerkung: Meine Tochter versteht und spricht auch ein bisschen Deutsch, aber die jetzigen Ereignisse überfordern verständlicherweise ihre Deutschkenntnisse. Leider sah sie zwangsläufig auch die Bilder vom Tsunami im Fernsehen, da wir vor allem in den ersten Tagen schlichtweg auf umfangreiche Informationen angewiesen waren.

Nun gut, ich will nicht nur Negatives schreiben. Die Strahlenwerte in und um Tokyo sinken seit Wochen langsam aber stetig, Chiba verzeichnete heute 0.055 Mikrosievert/Stunde. In Bayern sind es im Schnitt wohl 0.042 (→ Quelle. Eigentlich ein Wunder, das Bayern noch nicht wie leergefegt ist, Politiker wie Reporter sich nach Bayern trauen und Gerüchten zufolge selbst die Lufthansa regelmäßig München und Nürnberg anfliegen soll.

Was sonst noch passierte:

Ausweitung der Evakuierungszone
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Heute weitete die Regierung die Zone der „planmässigen Evakuierung“ aus – so wird nunmehr auch den Bewohnern von 飯館 Iitate, gut 30 km nordwestlich des AKW Fukushima I – empfohlen, sich evakuieren zu lassen. Dort lag die Strahlenbelastung teilweise bei 50 Mikrosievert, jetzt ist sie seit Wochen im einstelligen Bereich, also immer noch 100 Mal mehr als in Tokyo. Die Bewohner sind ob der Evakuierung erbost: „Erst erzählt man uns, alles sei in Ordnung und nicht gesundheitsgefährdend – und jetzt sollen wir doch von hier weg?“ Verständlich. Iitate liegt übrigens in einem Talkessel, was die Strahlenbelastung noch zusätzlich erhöht. Vor allem einige Bauern wollen nicht weg, da sich niemand um die Tiere kümmern würde. Es ist bedauerlich, dass man ihnen, so bitter es ist, keinen reinen Wein einschenkt: Was helfen ihnen die Kühe, wenn deren Milch innerhalb der nächsten Jahre/Jahrzehnte nicht verkauft werden darf?

Flughafen Sendai geht wieder in Betrieb
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Im Norden wird der Flughafen der Stadt Sendai wieder für Linienflüge geöffnet. Der Flughafen liegt nahe am Meer und wurde ebenfalls durch den Tsunami verwüstet. Bei der Wiederherstellung halfen – wie an vielen anderen Orten auch – die amerikanischen Streitkräfte nach Leibeskräften mit. Die sind momentan im Rahmen der Operation „トモダチ“ (tomodachi – „Freunde“) sehr stark bei den Wiederaufbauarbeiten dabei, und man dankt es ihnen sehr.

Nachbeben und Folgen verzögern Wiederaufbau
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Die zahlreichen Nachbeben lassen im Norden regelmässig den Strom ausfallen. Beim Nachbeben Donnerstag nacht (7. April 2011) gab es Tote und teilweise 4 Millionen Haushalte ohne Strom, und auch beim heutigen Nachbeben (11. April) gab es mindestens einen Toten und Sachschäden. Diese Nachbeben machen die Wiederaufbauarbeiten mit Sicherheit nicht einfacher.

Nachbeben
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Man ging anfangs davon aus, dass sich die Nachbeben nach einem Monat halbwegs legen. Diese Hoffnung wurde leider zunichte gemacht – man rechnet nunmehr damit, dass die Plattengrenze entlang der Region Miyagi-Chiba auf ca. 400 km Länge auf längere Zeit aktiv sein wird. Auch mit Anschlussbeben im Raum Tōkyō und Tōkaidō (zwischen Tokyo und Nagoya) muss zwangsläufig gerechnet werden.

Disneyland öffnet am 15. April
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Und das ist gut so! Das ist weder pietätslos noch unnütz: Ich bin froh, dass Disneyland wieder aufmacht. Wem nutzt es, dass viele tausend Angestellte auf lange Zeit ihre Einkommen verlieren? Was Japan jetzt nicht braucht, ist eine lange Periode der „自粛“ jishuku – Selbstbeschränkung.
Disneyland blieb, von ein paar Parkplätzen abgesehen, im Gegensatz zum Rest meiner Stadt relativ unversehrt, da das Neuland dort solider angelegt wurde. Man hätte auch eher öffnen können, aber Disneyland verbraucht viel Strom und Wasser – und aus Rücksicht auf die Stadtbewohner, die teilweise noch immer ohne Wasser/Abwasser dastehen, hatte man die Wiedereröffnung verschoben. Das ist anständig.
Der Unterschied war allerdings auch zu krass: Ich fahre vom Disneyland-Bahnhof zur Arbeit, seit Jahren, und sehe so jeden Morgen und jeden Abend hunderte, tausende glückliche Gesichter. So glücklich, dass es manchmal schon fast unerträglich war :)
Von einem Tag zum anderen verschwanden diese Gesichter. Stattdessen sieht man nur mürrische Mienen, die sich grau und trist durch den abgedunkelten Bahnhof schieben. Ja, ich gehöre dazu…

Versorgungslage
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Holt mich hier raus! Es gibt kaum noch Bier zu kaufen! Im Ernst – zahlreiche Brauereien liegen/lagen im Norden, und so verzögert sich der Nachschub. In einigen Supermärkten sind die Bierregale quasi leergefegt. Ausser Sapporo’s „Creamy White“ – das gab’s neulich noch, aber das hat auch seinen Grund.
Prinzipiell hat sich die Lage leicht gebessert. Es gibt teilweise auch wieder Wasser in Flaschen. Es gibt Windeln. Es gab neulich sogar wieder Joghurt. Teilweise werden die Dinge rationiert. Und das Auftauchen von Joghurt hatte einen Beigeschmack: Gleichzeitig wurde von der Regierung bekanntgegeben, dass das Verbot der Milchausfuhr aus Teilen der Präfektur Fukushima und Ibaraki aufgehoben wurde.

Aufgrund unserer Kinder sind wir übervorsichtig: Wir versuchen, Gemüse aus der näheren Umgebung zu meiden (und benutzen nachwievor kein Leitungswasser). Aber eine vollständige Sicherheit wird es wohl nie geben. Letztendlich weiss man bei vielen Sachen (wie Joghurt, nur eins von vielen Beispielen) nicht wirklich, wo die Bestandteile herkommen.

AKW Fukushima 1
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Momentan bemüht man sich hauptsächlich um die Stabilisierung der Brennstäbe – das ultimative Ziel ist der „cold shutdown“, bei dem sich die Brennstäbe nicht über 100 Grad erhitzen.
Vor ein paar Tagen entschied TEPCO in einem logisch erscheinenden Schritt, schwach radioaktives Material ins Meer zu pumpen, um stark radioaktives Wasser auffangen zu können. Daraufhin hagelte es Kritik aus Korea, Russland und den Fischern der Region, da dies ohne Vorwarnung geschah. Das ist natürlich mehr als verständlich.
Hoffen wir, dass es gelingt, das Austreten radioaktiver Substanzen so schnell wie möglich einzudämmen. Hoffen wir auch, dass die Nachbeben nicht noch schwerere Schäden am AKW (und natürlich der ganzen Region) verursachen.

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Mit Japanisch spielen

Oktober 23rd, 2010 | Tagged , | 16 Kommentare | 1068 mal gelesen

Ein bisschen beneide ich ja die „heutige Generation“ wenn es um das Japanischlernen geht. Als ich 1996 anfing, Japanisch zu lernen, hatten wir lediglich die englische Ausgabe eines Japanischlehrbuches, herausgegeben von der Universität Nagoya. In Lektion 3 glaube ich tauchte dort ein 6-Schriftzeichen-Wortungetüm auf, welches da übersetzt etwas wie Krankenstation hiess. „Du liebe Güte, bis man das ausgeschrieben hat, ist man ja schon tot!“ dachte ich damals. Als ich das Wort dann mal Monate später in Japan anbrachte, schaute man mich reichlich schräg an. Was soll das denn? Zu Krankenstation bzw. Krankenhaus sagt man nur „病院 – byōin“ – nach einer kurzen Recherche stellte sich heraus, das jenes Wortungetüm nur an besagter Universität als Synonym für Krankenstation herhielt – das allgemein übliche, eigentlich doch recht wichtige Wort für Krankenhaus tauchte im ganzen Buch nicht auf.
Zu jener Zeit war es auch recht schwierig, an bezahlbare, gute Wörterbücher zu bekommen – oder an Sachen, die richtig Spass beim Lernen aufkommen lassen. Heute wird man dank Globalisierung, Internet und Japanisch-Boom regelrecht von Chancen erschlagen. Dazu zählt zum Beispiel das seit 2003 regelmässig frühmorgens und nachmittags im japanischen Fernsehen ausgestrahlte Programm „にほんごであそぼ“ – „Lass uns mit Japanisch spielen!“. Die Sendung ist nur 10 Minuten lang, die Zielgruppe 4 bis 10 Jahre alt. Und eins muss man sagen: Die Sendung ist mit viel Bedacht und Liebe gemacht. Beispiel: Das folgende Lied, in dem 一より小さい数 – „Zahlen kleiner als 1“ geübt werden:

Sinn der Übung ist es, Wörter für sehr kleine Mengen zu lernen – wie 刹那 (setsuna – Augenblick) zum Beispiel, oder 塵埃 (jin’ai- Staub) usw. Nicht, dass das Wörter für 4-jährige Kinder sind, aber in der Schule später wird das sehr nützlich. Und es macht halt Spass, zuzusehen.
Das schöne an der Sendung ist auch der Bezug auf ältere Theaterformen in Japan – 狂言 Kyōgen (wörtlich: „verrückte Worte“) zum Beispiel oder 落語 Rakugo (wörtlich: gefallene Worte) – beides volkstümliche, komische (nicht im Sinne von „seltsam“) Theaterform. Ein Klassiker darunter ist 寿限無 – „Jugemu“:

(Hintergrund: ein Vater fragt einen Priester um Rat, wie er sein Kind nennen soll: Der Priester erzählt dies und das, nennt einige Beispiele, erwägt pro und contra und so weiter. Letztendlich kann sich der Vater nicht entschliessen, findet alles gut und nennt sein Kind einfach

寿限無、寿限無				Jugemu-jugemu
五劫の擦り切れ				Gokōnosurikire
海砂利水魚の				Kaijarisuigyo-no Suigyōmatsu
水行末 雲来末 風来末			Unraimatsu Fūraimatsu
食う寝る処に住む処				Kūnerutokoroni-sumutokoro
やぶら小路の藪柑子				Yaburakōjino-burakōji
パイポパイポ パイポのシューリンガン		Paipopaipo-paiponoshūringan
シューリンガンのグーリンダイ			Shūringanno-gūrindai
グーリンダイのポンポコピーのポンポコナーの	Gūrindaino-ponpokopīno-ponpokonāno
長久命の長助				Chōkyūmeino-chōsuke

Das wird dem Kind irgendwann beinahe zum Verhängnis, als es im See zu ertrinken droht und keiner den Namen richtig aussprechen kann…)
Fast alle japanischen Kinder können dieser Tage diesen kompletten Namen irgendwann auswendig (und vergessen ihn später wieder – meine 3-jährige Tochter macht da keine Ausnahme).

Wer Interesse an Japanisch und der Sendung hat – es gibt mehr Videos bei YouTube und anderswo, und in Japan auch die CD’s zur Sendung (mit Booklet, versteht sich). So macht doch Lernen richtig Spass…

Das Wort des Tages: siehe oben – 寿限無 Jugemu. Wörtlich: Grenzenloses Glück.

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