You are currently browsing posts tagged with Historisches

Baidu vs. Google – Ein Vergleich

März 25th, 2010 | Tagged , , | 9 Kommentare | 98579 mal gelesen

Google hat sich nun also aus rein humanitären Gründen dazu entschlossen, den chinesischen Markt zu verlassen, weil man plötzlich nicht mehr einsehen will, warum man Suchergebnisse zensiert (oder zensieren lassen soll). Über die wahren Gründe mag man spekulieren – ist das ein geordneter, geschäftspolitisch sinnvoller Rückzug? Steckt Druck aus Washington dahinter? Oder wird Google mit anderen Mitteln unter Druck gesetzt?

Der grösste Konkurrent von Google in China heisst Baidu (baidu.com) (百度 = „hundert Mal“ – hat aber bestimmt noch eine andere Bedeutung), und der ist, so heisst es, in staatlicher Hand und hat heuer den Alexa-Rank 8 – will heissen, die chinesische Ausgabe von Baidu wird in Sachen Seitenaufrufe nur von 7 Seiten auf der Welt übertroffen (als da wären Google, Facebook, Yahoo, YouTube, Live, Wikipedia und Blogger – ausser Wikipedia alles .com).

Baidu versucht auch seit Jahren Fuss in Japan zu fassen – auf unseren Servern in der Firma wimmelt es nur so vor Baidu-Spiders – hat aber soweit noch keinen Erfolg. Und es ist fraglich, ob sich das ändern wird: Baidus sales point in Japan ist, dass nur Baidu sich wirklich mit Algorithmen auskennt, welche leerzeichenlose, japanische und chinesische Sätze auseinanderklamüsern können. In einem Punkt ist dabei – nach eigenen Tests – Baidu gelegentlich auch besser als Google oder Yahoo in Japan: Baidu sucht mehr nach Inhalten, bewertet also Seiten wie Social Bookmark-Sites (hatena.jp zum Beispiel oder aber auch Goo, Excite usw.) geringer. Ausserdem ist Baidu im Gegensatz zu Google nicht ständig damit beschäftigt, firmeneigenen Kram wie YouTube oder Blogger.com nach oben zu pushen (entschuldigt die Anglizismen). Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Suche mit Baidu auf Anhieb auf einer brauchbaren Seite zu landen, erschien mir – in vielen Fällen zumindest – höher.

Nach dem Rückzug von Google interessierte mich nun doch brennend, was passiert, wenn man zum Beispiel nach dem Vorfall auf dem Tiananmen-Platz „baidugelt“. In Festlandschina werden die Seiten dazu ja gnadenlos herausgefiltert. Versuch eins (alles aus Japan heraus): Ich suche nach 「天安門事件」 – dem „Tian’anmen-Vorfall“. Übrigens gab es zwei davon – der bekanntere von 1989 wird offiziell richtig „六四天安門事件“ (64 Tian’anmen-Vorfall – 64 steht für 4. Juni) genannt. In Japan ist jedoch die Kurzform (siehe oben) bekannter. Also rein damit in baidu.jp – und hier ist das Ergebnis:


Die ersten Suchergebnisse sind allesamt kritisch – die Videos auf You Tube, der Eintrag in der Wiki usw. usf. Ähnliches (wenn auch ohne die Bilder oben) kommt heraus, wenn man nach 六四天安門事件 sucht, also dem vollen Namen.

Was passiert aber nun, wenn man – vom Ausland aus – auf der Originalseite von Baidu (baidu.com) sucht? Auf chinesisch ist der Vorfall schlicht als 六四事件 (64-Vorfall) bekannt. Und das kommt dabei raus:


Bitte auf die Domainnamen achten: people.com.cn, chinanews.com.cn und wahrscheinlich noch mehr sind regierungsnahe Seiten (Nr. 5 beschäftigt sich dabei mit einem chinakritischen Artikel im deutschen Internet). Ich habe nicht sehr weit gesucht, aber zumindest unter den ersten Seiten waren ganz offensichtlich keine kritischen Seiten. Das kann freilich mehrere Gründe haben:

1) Es gibt keine kritischen Seiten zu dem Thema auf Chinesisch. Darf bezweifelt werden – der chinesische Artikel zum Thema in der Wikipedia ist sehr umfangreich und kritisch

2) Weil kritische Seiten in China selbst nicht gesehen werden können, tauchen sie mangels Klicks auch im Ausland in der Suchmaschine nicht oben auf. Wäre zu überprüfen.

3) Baidu zensiert auf chinesisch – egal, ob im Land oder im Ausland gesucht wird.

Übrigens – wenn man die erste Seite der Suchergebnisse im chinesischen Baidu anklickt, landet man auf einer 404-Seite (Seite kann nicht gefunden werden). Schlüsse über obiges Gesagtes überlasse ich dem Leser. Doch Vorsicht: Auch im Falle Chinas gilt, zwei Mal überlegen, bevor man die chinesische Politik verurteilt: China ist gross und Peking weit weg.

Das Wort des Tages: 天安門事件 Tenanmon-Jiken. Der Tian’anmen-Vorfall.

Teilen:  

Vorbildliche Meinungsfreiheit?

Februar 25th, 2010 | Tagged , , | 7 Kommentare | 669 mal gelesen

Gestern war ich zufällig mal wieder auf der offiziellen Seite der Korean Central News Agency – das ist die öffentliche Pressestelle der Demokratischen Volksrepublik Korea, sprich Nordkorea. Es ist immer ganz interessant, zu lesen, was Nordkorea zu all den Dingen sagt. Parallelen zur „Neuen Deutschland“ sind dabei ganz gewiss nicht zufällig. Dieses Mal habe ich mir die Seite (ist nicht viel) einmal genauer angesehen und bin dem Link zur Korea News Service Stock Photos (株)朝鮮通信社 gefolgt – das ist eine in Japan registrierte, nordkoreanahe Aktiengesellschaft. Die gibt unter anderem die Monatszeitschrift 月間論調 (Gekkan Ronchō) heraus – gekkan bedeutet Monatlich, Ronchō „Argumentationsweise, Beweisführung“. Klingt ein bisschen holprig, aber die Übersetzung trifft es ganz gut.

Nun kostet die Zeitschrift etwas (10,000 Yen pro Jahr), aber man kann online zumindest das Inhaltsverzeichnis einsehen, und das fand ich schon… nun ja, witzig: Ganz unten gibt es drei Sparten: 対南 (Anti-Süd(korea)), 対米 (Antiamerikanisch) und 対日 (antijapanisch), jeweils gefolgt von einer Auflistung von Aufsätzen. In letzterem Fall waren es im Januar:

„ianfu“ hanzai no sekinin kaihi suru nihon
「慰安婦」犯罪の責任回避する日本
(Wie Japan sich der Verantwortung gegenüber dem Verbrechen an den Trostfrauen entzieht)

sowie

nihon wa hikaku kokka dewa nai
日本は「非核国家」ではない
(Japan ist kein Antikernwaffenstaat)

– beides Artikel, die im Januar in den nordkoreanischen Medien zu finden waren. Wie es die Sache so will, ist an beiden Aussagen (die Artikel kann man leider nicht einsehen) zumindest etwas dran. Ach ja: Die Zeitschrift ist komplett auf Japanisch.

Ich fand es immerhin beachtlich, diese Zeilen auf einer japanischen Webseite einer in Japan registrierten Firma zu lesen – mit klarer Affinität zu Nordkorea, einem Land, das Japan seit etlichen Jahren vollends boykottiert. Wahrscheinlich denken sich die japanischen Verantwortlichen im Sicherheitsdienst wohl „Lieber gewähren lassen, dann wissen wir wenigstens, was los ist“, aber da kann man nur mutmassen. Fakt ist allerdings, dass die japanische Regierung seit Jahren schrittweise versucht, Nordkorea-nahen Firmen und Organisationen das Leben zu erschweren.

Teilen:  

Pure Geldgier? Zeitvertreib Staat verklagen

Dezember 15th, 2009 | Tagged , | 2 Kommentare | 750 mal gelesen

Es gibt berechtigte, sinnvolle Klagen und Klagen, bei denen man sich fragt, was das eigentlich soll. Dem japanischen Staat hängen sehr viele Klagen an – von ausserhalb und innerhalb. Von ausserhalb zum Beispiel durch ehemalie Kriegsgefangene und sogenannten „Trostfrauen“ (euphemisch für Zwangsprostituierte während des Krieges). Von innerhalb zum Beispiel durch Hepatitis-C-Patienten, die in den 70ern und 80ern durch verseuchte Blutkonserven angesteckt wurden – dieser Prozess zieht sich bereits seit 2002 hin. Da der Staat damals womöglich in der Tat etwas hätte unternehmen können, sind diese Klagen natürlich mehr als legitim.

Stutzig machten mich jedoch die Nachrichten von der Abweisung einer Klage gegen den Staat bezüglich der Bombenangriffe auf Tokyo. Tokyo wurde ja Anfang 1945, ganz besonders aber am 10. März 1945, massiv aus der Luft bombardiert – Schätzungen gehen davon aus, dass damals ca. 100,000 Menschen ums Leben kamen (das sind mehr als unmittelbar durch die Atombombe in Hiroshima und Nagasaki). Die Taktik der Amerikaner war dabei einfach: Da die meisten Häuser aus Holz gebaut waren, warf man überwiegend Streubrandbomben ab, die von grossen Teilen Tokyos nichts übrigliessen.

Zurück zur Klage: 2007 reichten 131 Kläger eine Sammelklage gegen den japanischen Staat ein: Die Begründung – die japanische Regierung habe zu jener Zeit nichts unternommen, um den gewaltigen Schaden von ihren Bürgern abzuwenden. Und während Militärangehörige später Entschädigung enthielten, gingen die Zivilisten leer aus. Und so forderten die Kläger insgesamt eine Summe von 1,44 Milliarden Yen vom Staat – also gute 10 Millionen Euro.

Nun ja, ganz unverständlich ist die Begründung natürlich nicht, aber warum erinnert man sich nach 62 Jahren plötzlich daran!? Für mich riecht das nur danach, dass sich ein gewiefter Anwalt und/oder ein Haufen Leute auf irgendeine Art und Weise bequem an Geld kommen wollen.

Das Gericht des Amtsbezirks Tokyo wies die Klage jedenfalls ab: „Während des Krieges habe so ziemlich jeder gelitten, da ist es schwer, auseinanderzuhalten, wer wie wo und warum Verluste erlitten habe“.
Mal davon abgesehen, dass diese Klage bei etwaigem Erfolg gravierende Folgen hätte – haben die Kläger auch daran gedacht, wie es ist, einem nackten Mann (=japanischer Staat) in die Taschen zu greifen?

Das Wort des Tages: 棄却 Kikyaku. Zurückweisung (einer Klage).

Teilen:  

753 / Alte Freunde ausgraben

November 7th, 2009 | Tagged | 4 Kommentare | 1142 mal gelesen

Der Tag, als meine Tochter das Licht der Welt erblickte, liegt eigentlich gar nicht so lange zurück – denke ich zumindest, und doch wird sie in anderthalb Monaten bereits 3 Jahre alt. Das bedeutet in Japan Zeit für das 七五三 (Shichigosan) – „753“, ein Ritual, das vor allem in der Kanto-Region sehr beliebt ist. Da die Wikipedia diesbezüglich sowieso alles besser weiss, fasse ich mich kurz: Das Fest wird für 3 und 7-jährige Mädchen sowie für 3- und 5-jährige Jungs veranstaltet. Man (Eltern, oft auch Grosseltern), geht zum Shintō-Schrein, bezahlt ein paar Tausend Yen und der Priester sorgt mittels eines Rituals dafür, dass die lieben Kleinen ab jenem Tag wohlbehütet von allem Bösen durchs Leben schreiten können. Das interessiert 3, 5 bzw. 7-jährige Kinder reichlich wenig, und so gibt es, quasi als Anreiz, nach dem Ritual sogenannte 千歳飴 (Chitose-Ame, 1000-Jahre-Bonbons) – lange, weiss-rote Zuckerstangen.

Shichigosan: Zeit, die vergangenen drei Jahre zu rekapitulieren…

Das Ritual wird irgendwann um den 15. November begangen, aber man sieht es nicht so eng – viele machen es kurz vorher oder kurze Zeit später. Unsere Tochter ist zwar eigentlich noch 2 Jahre alt, aber sie wird am 1.1. 3 Jahre alt (und beginnt somit ihr 4. Lebensjahr), weshalb uns der Priester in einem Vorgespräch empfohlen hatte, es dieses Jahr zu machen.
Wir waren natürlich nicht die einzigen – ca. 12 Kinder nebst Familien quetschten sich in den engen Raum. Das dauert dan etwas, denn der Priester liest dann litaneienhaft wie folgt vor „Und hiermit bete ich für Taro Yamada, geboren am 12. Oktober 2006, wohnhaft in Matsudo, Horie 2-14-7, Grand Heights Apartment 341…“ und so weiter – und das für 12 Kinder. Gelegentliche Zwischenfälle gibt es natürlich in dieser Altersgruppe, denn die Kinder müssen alle vorne in erster Reihe sitzen und kennen das alles gar nicht. Unser Kind schoss wie immer den Vogel ab, als es (aber nicht als erste!) irgendwann beschloss, den Priester fürchten zu müssen, als der mit einem Zweig auf sie zuging, und zu schreien anfing (das ist noch normal), kurze Zeit später aber, noch halb weinend, auf Aufforderung des Priesters ein fröhlich-ängstliches „Konnichiwa“ Richtung Gott schmetterte. Alle lachten… und suchten in der Menge nach den Gesichtern der Eltern.

Eine sehr freundliche Mutter mit ihrer liebreizenden Tochter sass vorher neben mir. Kind: „Wo ist Papa?“ – Mama: „Auf Arbeit“. Meine Güte – es ist Shichigosan, ein wichtiger Tag, und Sonnabend – und Papa krebst auf Arbeit herum.
Verbunden wird das ganze natürlich anschliessend mit einem guten Essen – und wie überall, sind alle Beteiligten danach ziemlich erschöpft.

Themenwechsel. Dank des Internets ist es ja nun relativ einfach, alte Freunde wiederzuentdecken. So war ich vor etlichen Monaten sehr überrascht, als mich eine alte Freundin wiederentdeckte – eine Japanerin, die ich 1995 kennenlernte, da sie damals im Studentenwohnheim direkt unter mir wohnte. Ich hatte sie später auch in Japan getroffen, aber seit guten 10 Jahren hatten wir keinen Kontakt mehr. Mittlerweilen treffen wir uns wieder gelegentlich. Es war recht interessant – damals sprachen wir nur Deutsch. Heute spricht sie kein Deutsch mehr, ich aber dafür Japanisch. Aber – es machte nicht den geringsten Unterschied.
Den Vogel schoss aber nun jemand ab, den ich beinahe völlig vergessen hatte: Ein Russe, der 1992 für ein paar Wochen an meiner Schule war (vorher war ich für ein paar Wochen dort). Das er mich nun gefunden hat, grenzt schon ein bisschen an ein Wunder, denn er spricht kein Deutsch mehr und nur leidlich Englisch. Es ist jedenfalls sehr interessant zu sehen, was aus ihm geworden ist. Das ganze wäre ja wirklich mal wieder eine gute Entschuldigung für einen Zwischenstopp in Russland…

Das Wort des Tages: 行事 gyōji – Ritual, Fest, Anlass.

Teilen:  

DDR? BRD? JAPAN? … Zeitreise

November 5th, 2009 | Tagged , | 12 Kommentare | 1509 mal gelesen

So es meine Zeit zulässt, versuche ich momentan, jeden Abend 15 Minuten Vergangenheit Revue passieren zu lassen – dank der Tatsache, dass die ARD momentan unter dem Titel Wendeherbst jeden Tag die Tagesschau von vor genau 20 Jahren zeigt. Ein Dankeschön dafür an die ARD. Im Herzen zahle ich immer noch GEZ…

Im Herbst 1989 war ich gerade mal 15 Jahre alt und lebte in einem kleinen Schloss in einem noch kleineren Kaff im Hohen Fläming. Jaja, klingt wie ein Märchen, war aber wirklich so – im Schloss war eine Sprachschule mit unaussprechlich langem Namen untergebracht. Meine Heimatstadt lag beinahe „gegenüber“ von dem weissen Flecken da mitten in der DDR, in Atlanten profan mit Westberlin betitelt. Will heissen, so ca. jedes zweite Wochenende fuhr ich mit der Bahn immer schön an der Grenze entlang.

Als 15-jähriger, bis dato ohne Werbung aber mit viel Propaganda aufgewachsen, war man freilich ein kleines bisschen irritiert, denn – zumindest ich – kannte die Stasi bis dato nicht und hatte so meine Bedenken gegenüber einem System, das Arbeits- wie Obdachlose hervorbringen kann. Aber die Zeit war aufregend, und jeder wollte wissen, wie es weiter geht. So richtig Angst vor der Zukunft – so ich mich recht erinnere – hatte dabei keiner. Und so sassen alle wie gebannt vor dem Fernseher und schauten Elf-99, die damalige, plötzlich sehr „peppige“ (sic) Fernsehsendung für Heranwachsende. Westfernsehen war ja dort, zumindest tagsüber, verboten.

Nun, in solchen Erinnerungen kann man natürlich schwelgen, wenn man die damaligen Nachrichten sieht. Bis zum Höhepunkt des Ganzen sind es auch nur noch wenige Tage. Und natürlich betrachtet man viele Dinge aus der Retrospektive alles ein bisschen anders.

Natürlich will ich diesen Artikel nicht ohne Japanbezug enden lassen. Die meisten Japaner (aber auch Engländer, Amerikaner – eigentlich alle) sind nachwievor an der genauen Herkunft interessiert. Ich sage meist, „bei Berlin“, da die meisten Ausländer – und Deutsche – meine Heimatstadt sowieso nicht kennen (mit Ausnahme einer Irin, die ich mal auf einer Fahrt in einem alten Kutter entlang des Mekhongs in Laos traf – sie hatte nämlich genau dort jahrelang in einem Pub gearbeitet). In der Regel wird – meist vorsichtig – weitergebohrt: West? Ost?
Häufig höre ich daraufhin die Frage oder den Kommentar, ob bzw. das es interessant sein muss, zwei so verschiedene Systeme zu kennen. Ich antworte dabei gern (und sehr, sehr subjektiv, bevor mich jetzt Politologen und Soziologen auseinanderreissen), dass es zumindest hilft, beide Systeme zu kennen, wenn man in Japan lebt: Irgendwo ist Japan mit der sehr stark ins Getriebe eingreifenden Politik eine Mischform. Mit dieser Aussage lehne ich mich freilich mal wieder sehr stark aus dem Fenster – dies soll kein Vergleich zwischen den Rechtssystemen, staatlichen Organen usw. sein. Ein bisschen beginnt der Vergleich auch zu hinken, da ja die ewig regierende Partei hier just abgewählt wurde.

Das Wort des Tages: 思い出 omoide – die Erinnerung.

Teilen:  

Mt. Bandai und Aizu Wakamatsu

September 24th, 2009 | Tagged , , , | 11 Kommentare | 1384 mal gelesen

So, heute hatte ich etwas mehr Glück mit dem Wetter: Morgens vereinzelte Wolken, die sich später wohlwollend in Luft auflösten. Ziel war der 磐梯山 Mt. Bandai, ein 1’819 m hoher Berg bei Aizu Wakamatsu. Jener gehört zu einer Vulkankette, und früher gab es zwei Berge namens Bandai: Der kleine und der grosse Bandai. 1881 beschloss der Vulkan Bandai jedoch, etwas aktiver in das Projekt Terraforming einzugreifen: Ohne Vorwarnung explodierte der kleine Gipfel und verschwand daraufhin Richtung Tal. Etliche Dörfer verschwanden, ein Fluss wurde aufgestaut und eine neue Seenplatte entstand.

Soviel steht erstmal fest: Antizyklisch reisen in Japan ist jedes Mal ein Vergnügen: Man hat die gesamte Infrastruktur beinahe für sich allein. So geschehen heute in 猪苗代 (Inawashiro) – der einzige Insasse im Bus Richtung Bandai-Plateau war ich. 750 Yen ärmer und 30 Minuten später war ich in 五色沼入口 (Goshiki-Numa Iriguchi – Eingang zu den fünffarbigen Seen). Dort gibt es einen leichten, ca. 4 km langen Wanderweg vorbei an verschiedenfarbenen Seen.

Dort wimmelt es nur so von Rentnern, und wie es in Japan Usus ist, grüsst man sich mit einem freundlichen Nicken und „konnichiwa“, wenn man sich beim Wandern begegnet.
Nach dem Rundgang ging es endlich los. Erstmal eine lange, staubige Strasse entlang. Dann eine lange Skipiste herauf. Dann geht es in den Wald. Es riecht leicht nach Schwefel, der daran erinnert, dass man sich auf einem nachwievor aktiven Vulkan befindet.
Der Waldweg ist angenehm, aber es geht gut bergauf. Im Vergleich zum Gassan ist der Aufstieg aber noch recht zivil: Man kann sich nahezu ausnahmslos aufrecht durch das Gelände bewegen. Nichtsdestotrotz läuft man fast zwei Stunden lang nur bergauf – kein Wunder: Es gilt, 1’000 Höhenmeter, verteilt auf rund 2 Kilometer, zu bewältigen. Wann hört die Vegetation auf, dachte ich dabei die ganze Zeit: Schaut man von Norden auf den Berg, sieht man nämlich keine Bäume, nur blankes Gestein und fast senkrechte, vulkantypisch sehr bröcklige Wände. Irgendwann bemerkte ich rechterhand einen grossen, roten Hügel: Aha, der Herbst hat hier definitiv schon begonnen. Aber wo ist der Gipfel?
Auf ca. 1,600 m stehen zwei Hütten – dort werden Getränke und Andenken verkauft. Die Besitzer, ein altes Ehepaar, sprechen mich vorsichtig an. Und geben mir einen kleinen Becher mit Kaffee, für umsonst. Sie betreiben den Laden seit vielen Jahren. Sie steigen jeden Morgen hoch und jeden Abend herunter. Im Gepäck: die Getränke, die sie verkaufen. Wahnsinn.
Der Ausblick ist grandios – in der näheren Umgebung gibt es nur einen einzigen Berg, der höher ist – der 西吾妻 Nishi-Azuma, 2’035 m hoch und ebenfalls ein Vulkan. Man sieht die Stelle, an der der kleine Bandai stand, mehr als deutlich. Ein Traumanblick für Geografen und Geologen. Ich bin überrascht, denn der rote Hügel ist bereits der Bandai – von der Hütte sind es nur noch 20 Minuten – die letzten Meter sind wirklich steil, aber man bewegt sich mitten durch Krüppel… nein, Kiefern sind das nicht. Und dann steht man auf dem Bandai und überschaut einfach alles. Ein grandioser Berg und relativ leicht zu ersteigen.

Schnell ein Onigiri verzehrt, die Aussicht genossen und allmählich zum Abstieg klargemacht – es ist immerhin schon 14:30. Die gleiche Route zu nehmen halte ich für langweilig und wähle deshalb die Südroute (bei diesem Berg auch „Vorderseite“ genannt). Vorteil: Ich muss nicht wieder mit dem Bus fahren, sondern kann direkt zum Bahnhof laufen. Nachteil: Andere Wanderer hatten mich schon gewarnt, dass die Route 険しい (steil, schroff) ist. Sie hatten recht. Kein Zickzack, sondern steil den Berg hinunter. Keine Bäume, an denen man sich zur Not festhalten kann, stattdessen loses Geröll und ein Gefälle, dass jeden Fehltritt zur echten Gefahr macht – hier kann man sich an nichts festhalten, es geht einfach steil bergab. Dass die Steine dort zum Teil bimssteinartig sind, macht die Sache nicht einfacher – nicht nur, dass selbst grosse Steine oft unerwartet lose sind, nein, sie zerbröseln teilweise sogar beim rauftreten. Und so geht es auf allen vieren runter.

Das letzte klitzekleine Problem war nur noch, den Bahnhof zu finden. Letztendlich erwies sich der Abstieg als ebenso anstrengend wie der Aufstieg – zumindest erfordert er weit mehr Konzentration. Wer auch immer den Bandai in Angriff nehmen möchte, sei gewarnt: Für die Südroute braucht man eine sehr gute Kondition beim Aufstieg – und gutes Schuhwerk + ein Mindestmass an Erfahrung beim Abstieg.

Seit gestern mittag bin ich übrigens in Aizu Wakamatsu – ein Ort, den jeder Japaner aus den Geschichtsbüchern kennt, da die Stadt historisch bedeutsam ist. Sehr bekannt ist die Geschichte der 白虎隊 (Byakkotai – „Trupp der weissen Tiger“), die während der Meiji-Restauration gegen die kaiserliche Armee für alte Werte kämpfte. Besagte Gruppe sah von einem Hügel die Stadt brennen, und dachte, die Burg sei gefallen (was aber wohl nicht der Fall war). Sie hielten die Lage daraufhin für aussichtslos und so beschloss eine Gruppe von 20 16 bis 17-Jährigen Samurai-Azubis, Seppuku (aka Harakiri) zu begehen. Einer überlebte (die einen sagen, seine Frau fand ihn, andere sagen, ein Bauer fand ihn) und lebte noch bis 1931, die anderen waren „erfolgreich“.
Diese Geschichte ist sehr beliebt in Japan, und sowohl Mussolini als auch die Nazis liebten die Geschichte sehr. Mussolini sandte eine Originalstele aus Pompei:

Darin preist er die „BIACCOTAI“ (vorletzte Zeile). Gezeichnet wurde mit ANNO MCMXXVIII VI ERA FASCISTA – Jahr 1928 – Jahr 6 der Faschisten (Mussolini wurde 1922 Ministerpräsident). Auf der Rückseite würdigt man „Allo Spirito du Bushido“ – das wurde wohl nach 1945 von den Alliierten entfernt, später aber wieder erneuert. Aiuch ein deutscher Gedenkstein, gezeichnet „Ein Deutscher – Den jungen Rittern von Aizu“ von 1935 steht dort – das Hakenkreuz wurde und bleibt bei diesem Stein entfernt.

Wie es der Zufall so will, war gestern in Aizu auch grosses Festival – Mittelalterspektakel auf Japanisch, sozusagen:

Das schönste am Bergsteigen heute – ca. 20 km Längenkilometer und 2,500 Höhenmeter – war erwartungsgemäss das Herumlümmeln im Onsen und das Bier danach. Prost!

Teilen:  

Leichen im Keller

August 20th, 2009 | Tagged , | 13 Kommentare | 794 mal gelesen

Es ist Wahlkampf – ganz eindeutig. Einhergehend damit zahlreiche neue Ideen von Politikern. Die DPJ (Demokraten) haben nun versprochen, dass sie, so sie die Wahl gewinnen werden (wonach es momentan zumindest aussieht) zahlreiche Dokumente über diverse Geheimabkommen mit den USA freigeben werden.
Ein interessanter Zug, den ich mit Spannung erwarte. Welche Leichen verbergen sich da wohl in den Kellern der japanischen Aussenpolitik? Etliche Gerüchte sind bereits seit langer Zeit im Umlauf, doch es macht schon einen Unterschied, ob es sich um Gerüchte handelt oder offiziell zugegeben wird. Kostprobe gefällig?

1. Gerüchten zufolge floss eine nicht unerhebliche Geldsumme von Japan in die USA bei der Rückgabe von Okinawa an Tokyo (Okinawa wurde von den USA gegen Ende des 2. Weltkrieges besetzt und bis 1972 verwaltet.
Die offizielle Lesart war und ist, dass Okinawa als Zeichen guten Willens und guter Partnerschaft an Japan zurückgegeben wurde – wobei jedoch nachwievor rund 20% des Territoriums von den USA als Militärbasis gehalten werden.

2. Ist schon sehr viel brisanter. Japan verfolgt seit Ende des 2. Weltkrieges eine „Gebranntes Kind scheut das Feuer“-Politik, auf die es immer wieder pocht: Diese stützt sich auf drei Grundsatzprinzipien, nach denen Japan die Herstellung, den Besitz sowie die Lagerung von Atomwaffen generell ablehnt. In Wirklichkeit jedoch sollen durchaus Atomwaffen im Land gewesen sein – und sei es nur an Bord von Flugzeugen auf Durchflug. Dies soll vor allem während des Koreakrieges der Fall gewesen sein.

Beide Gerüchte wurden bereits von ranghohen Diplomaten Japans und der USA bestätigt, doch die offizielle Bestätigung gab es nie. Stattdessen gab es von der Regierung in Auftrag gegebene Untersuchungen, mit denen festgestellt werden sollte, ob es solche Geheimdokumente wirklich gibt. Ergebnis: Gibt’s nicht, fertig. Gutgläubig wie wir ja alle sind, wollen wir natürlich alle diesem Ergebnis vertrauen…

Es gibt freilich auch Stimmen, die davor warnen, dass die Bekanntmachung solcher Dokumente – so wirklich vorhanden – das Verhältnis zwischen Japan und den USA stark beeinträchtigen könnte. Diese Bedenken sind freilich berechtigt. Aber warten wir es ab – mehr dazu auf diesem Kanal, nach dem 30. August.

Das Wort des Tages: maruhi maruhi. maru ist „rund“, „hi“ bedeutet Geheimnis. Maruhi ist ein runder Kreis mit dem Schriftzeichen „Geheim“ in der Mitte und ist so oft auf entsprechenden Dokumenten zu finden.

Teilen:  

Jüngere Einträge »