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Indoktrinierung mit Hotellektüre: APA-Hotels

Januar 19th, 2017 | Tagged | 7 Kommentare | 858 mal gelesen

Rechter Mist: Erhältlich in allen APA-Hotels

Rechter Mist: Erhältlich in allen APA-Hotels

In den letzten Jahren sprossen sie wie Pilze aus dem Tokyoter Boden: APA-Hotels. Wenn irgendwo im unmittelbaren Stadtzentrum, vor allem aber in der Region um die Ginza, auch nur ein 200 Quadratmeter großes Grundstück frei wurde, stand wenig später ein sehr schmales, aber 8 oder mehr Etagen hohes APA-Hotel drauf. APA-Hotels sind klassische Business-Hotels, mit winzigen, aber bezahlbaren Zimmern. APA steht übrigens für „Always Pleasant Amenity“.  Im September 2016 gab es bereits 413 APA-Hotels (man findet sie auch in der Provinz) mit insgesamt fast 70’000 Betten.

Gegründet und geleitet wird das APA-Imperium (dazu zählen nicht nur die Hotels, sondern auch Luxuswohnungen und Resorts) von Toshio Motoya 元谷外志雄, einem erzkonservativ-reaktionärem Schriftsteller, der unter dem Namen Seiji Fuji publiziert. Seine Frau wiederum ist Geschäftsführerin und Aushängeschild der Hotelsparte. In allen Hotelzimmern und Lobbys der APA-Hotels in Japan nun findet man ein kleines schwarzes Buch mit dem Titel 本当の日本の歴史 (hontō no nihon no rekishi) – „Die wahre Geschichte Japans“  – und es gibt sogar eine englische Übersetzung: „The Real History of Japan“. Allerdings mit dem Zusatz versehen „Theoretical Modern History II“. Was schon aufhorchen lässt, denn einerseits wird das Buch als „theoretische Geschichte“ bezeichnet, andererseits deklariert der Autor, dass es sich hier um die „wahre Geschichte“ handelt.

Laut Motoya aka Fuji sieht die Wahrheit unter anderem so aus:

The false Nanking Massacre has been inscribed on the International Memory of the Word Register despite Japan’s objections.

Ein Nanking-Massaker-Leugner also. Und nicht nur das – das gesamte Buch ist ein Sammelsurium rechtsextremen Gedankenguts, beim Lesen derer sich einem die Fußnägel kräuseln. Aus gutem Grund gibt es keine chinesische Übersetzung, doch da es auch Chinesen gibt, die Englisch oder gar Japanisch verstehen. Kat und Sid, eine Amerikanerin und eine Chinesin, haben der Hotelkette deshalb auf der chinesischen Plattform Weibo ein Video  gewidmet, und das hat enormen Anklang gefunden: Über 90 Millionen mal wurde das Video bisher gesehen. Die Chinesen sind nicht amüsiert: Man fordert zum Boykott der Hotelkette auf. Zu recht, wie ich finde, denn das ist eine besonders perfide Art der Indoktrinierung. Sicher ist es das Recht der Hotelbesitzer, dieses schwachsinnige Buch auszulegen – es ist aber auch das Recht der Japanbesucher, vor allem der chinesischen, zum Boykott aufzurufen.

Wer mehr über das Buch erfahren will, inklusive zahlreicher Zitate – bei Buzzfeed gibt es einen längeren Artikel auf Englisch und Japanisch.

 

 

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Interview mit Botschafter Dr. Hans Carl von Werthern

November 10th, 2016 | Tagged , , , | 2 Kommentare | 2295 mal gelesen

Dieses Interview war schon länger in Planung und soll in dieser Form auch nicht das einzige bleiben – geplant ist eine ganze Reihe von Interviews mit Deutschen in Japan. Ein Interview mit dem Botschafter ist natürlich eine ganz besondere Angelegenheit, denn es handelt sich hier um den höchsten Repräsentanten Deutschlands in Japan, und damit um einen ganz eigenen Blickwinkel.

Das Interview fand am 29. September 2016 zwischen dem Botschafter und mir in der Kanzlei der Deutschen Botschaft in Tokyo statt. Zum besseren Verständnis jedoch erstmal eine kurze Biographie des jetzigen Botschafters.

Werdegang
1971 Abitur
1972 Amerikanisches High School Diplom, St. Albans School, Washington, D.C.
1973-1975 Wehrdienst
1979 Diplom-Volkswirt, Universität Mainz
1979-1984 Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Mainz
1984-1986 Attaché (Ausbildung) im Auswärtigen Amt, Bonn
1986-1987 Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Hamburg
1987-1990 Botschaft Hanoi, Vietnam
1990-1992 Ständige Vertretung bei der NATO, Brüssel
1992-1994 Stv. Ausbildungsleiter für den Höheren Dienst, Auswärtiges Amt, Bonn
1994-1997 Botschaft Asunción, Paraguay
1997-2000 Stv. Leiter des Westeuropa-Referats, Bonn/Berlin
2000-2002 Referent für Europapolitik, FDP-Bundestagsfraktion, Berlin
2003 Royal College of Defence Studies, London
Magister in Internationalen Beziehungen, King’s College, London
2004-2005 Leiter des Arbeitsstabes “Deutschland in Japan 2005/2006”, Auswärtiges Amt, Berlin
2005-2007 Leiter des Ostasienreferats, Auswärtiges Amt, Berlin
2007-2010 Gesandter, Botschaft Peking, China
2010-2011 Beauftragter für Personal, Auswärtiges Amt, Berlin
2011-2014 Leiter der Zentralabteilung, Auswärtiges Amt, Berlin
seit März 2014 Botschafter in Tokyo
Interview mit Botschafter von Werthern

Interview mit Botschafter von Werthern

Tabibito: ​Herr Botschafter, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben. Sie waren vor Japan ja unter anderem in China, Vietnam und in Paraguay tätig. War Japan Ihr Wunschland? Oder wie hat es Sie letztendlich nach Japan verschlagen?
Botschafter von Werthern: ​ Ich war in Deutschland ab 2004 zuständig für ein Großprojekt, das sich „Deutschland in Japan 2005/2006“ nannte, und anschließend Referatsleiter für Ostasien; auch mit der Zuständigkeit für unsere Beziehungen zu Japan. Deswegen habe ich mir immer gewünscht, mal nach Japan versetzt zu werden. Dass ich als Botschafter kommen würde, habe ich mir eigentlich gar nicht zu erträumen gewagt. Deswegen könnte man sagen, dass die Berufung nach Japan die Erfüllung eines Wunsches ist, den ich eigentlich nie ernsthaft gehegt habe.
Tabibito: ​Dann brauche ich Sie wahrscheinlich nicht nach Ihrem ersten Gedanken fragen, der Ihnen durch den Kopf ging, als Sie gehört haben, dass es nach Japan geht.
Botschafter von Werthern: ​Ich war natürlich sehr, sehr froh, denn ich hatte damit eigentlich nicht gerechnet. Ich wusste, dass Japan einer der offenen Posten war, denn die Botschafterstelle war schon seit vier Monaten vakant. Aber es standen auch noch einige andere Posten zur Auswahl, wo ich natürlich auch gerne hingegangen wäre. Japan stand jedoch ganz oben auf meiner Liste.
Tabibito: ​ Haben Ihnen Ihre Erfahrungen in China eigentlich in Japan helfen können?
Botschafter von Werthern: ​ Ja, sehr. Ich habe in Peking beziehungsweise von Peking aus auch auf die Region im weiteren Sinne geschaut, inklusive der Beziehungen Chinas mit seinen Nachbarn, mit Japan und Korea, die Territorialkonflikte im Südchinesischen und im Ostchinesischen Meer. Ich finde, dass mir das geholfen hat, weil ich sozusagen auch die andere Seite gut kenne. Das hilft natürlich beim Verständnis des Konfliktes als solchem, aber auch beim Verständnis dafür, wie Japan auf manche Dinge reagiert.
Tabibito: ​Dazu aus aktuellem Anlass: Vor zwei Stunden ist in fünfhundert Metern Entfernung von der Botschaft eine anti-chinesische Demonstration vorbeigezogen. Haben Sie das in China eigentlich auch einmal erlebt?
Botschafter von Werthern: ​ Ja, es gab anti-japanische Demonstrationen, es gab auch anti-europäische, z.B. anti-französische Demonstrationen. So hat es 2008, als das olympische Feuer durch die Welt getragen wurde, einen sehr unschönen Vorfall in Paris gegeben. Da ist die chinesische Fackelträgerin – eine Rollstuhlfahrerin – angegriffen worden. Danach hat es wilde Proteste in China gegeben, zum Beispiel auch einen Boykott von Carrefour. Es hat auch anti-japanische Demonstrationen gegeben; zum Teil sicher auch staatlich gelenkt. Weder in China noch hier in Japan gefallen mir diese Dinge. Ich verstehe zwar nicht, was sie sagen, aber diese von der Intonation her hasserfüllten Brüllereien sind nicht nur unjapanisch, sondern auch unschön.
Tabibito: ​ Das war ja zum Glück nur ein sehr kleines Häufchen. Aber nun zu etwas anderem. Sie haben ja die Stelle an der Botschaft in Tokyo im Frühjahr 2014 angetreten. Keine drei Monate später waren Sie bereits in Fukushima vor Ort. Es ist schon eine Weile her, aber was war Ihr persönlicher Eindruck von der Lage vor Ort?
Botschafter von Werthern: ​Das war schon ein spannender Besuch in jeglicher Hinsicht. Ich war zum ersten Mal überhaupt im Leben im Inneren eines Atomkraftwerks, noch dazu im Inneren eines havarierten Atomkraftwerks. Uns wurde alles gezeigt, was wir sehen wollten – und wo man hin konnte, natürlich – einige Stellen sind natürlich immer noch viel zu gefährlich wegen der hohen Strahlung. Ich hatte das Gefühl, dass die Betreiber des Kraftwerks das Menschenmögliche tun, um dort die Schäden zu beseitigen. Nach eigener Aussage wird das aber mindestens vierzig Jahre dauern. Das hängt natürlich damit zusammen, dass die Probleme unglaublich groß sind. Also auch jetzt, zwei Jahre nach meinem Besuch, haben sie den Durchfluss des Grundwassers immer noch nicht im Griff. Und auch die Dekontaminierung des Grundwassers, sowie die Dekontaminierung der Erde außenrum, ist sehr, sehr schwierig und langwierig. Nachdem ich das gesehen habe, verstehe ich noch besser den Beschluss der deutschen Bundesregierung – kurz nach Fukushima ist der ja gefallen – den Zeitplan für den Ausstieg aus der Kernkraft vorzuziehen. Das hat die Bundeskanzlerin ja auch hier öffentlich gesagt im letzten Jahr. Sie hat sich gedacht: Wenn noch nicht einmal ein so hochtechnologisiertes und so hervorragend organisiertes Land wie Japan offensichtlich mit den Risiken der Atomkraft umgehen kann, wer soll das dann eigentlich können?
Tabibito: ​Warum denken Sie, dass Japan nicht damit umgehen kann? Ist es die Natur, ist es menschliches Versagen, ist es politisches Versagen?
Botschafter von Werthern: ​Es ist wie immer ein Zusammenspiel mehrerer Dinge. Ich habe dort auch gelernt, dass das Ausmaß der Katastrophe sehr viel geringer gewesen wäre, wenn man sich an die Auflagen der Aufsichtsbehörde gehalten hätte. Denn die Aufsichtsbehörde hat ja bestimmt, dass die Notfallgeneratoren nicht mehr vor dem Kernkraftwerk, sozusagen am Strand, stehen dürfen, sondern hinter das Kernkraftwerk, höher ins Gelände, verlegt werden müssen. Das haben sie auch getan. Aber die Schaltzentrale ist unten am Strand geblieben, und nachdem sie überflutet war, fiel das ganze Notstromkonzept dort aus. Es ist aber vielleicht wirklich so, dass wir mit den Risiken der Atomkraft gerade in einem Land, das immer wieder von Naturkatastrophen heimgesucht wird, letztendlich nicht jedes Risiko ausschließen können. Und das zeigt Fukushima. Von der auch hier völlig ungelösten Frage der Endlagerung mal ganz abgesehen.
Tabibito: ​Sie haben neulich den Deutsch-Japanischen Kooperationsrat zur Energiewende, kurz GJETC¹, mit ins Leben gerufen. Was wird da im Hinblick auf die Atomkraft geschehen?
Botschafter von Werthern: ​ Dieses Gremium wird sich hauptsächlich mit erneuerbaren Energien beschäftigen. Es geht nicht um Atomkraft, sondern um die Förderung der Erneuerbaren, also Windkraft, Sonnenkraft, Wasserkraft und so weiter. Da haben Deutschland und Japan ohnehin eine enge Zusammenarbeit vereinbart. Anfang des Jahres, als sich die Umweltminister hier getroffen haben, wurde ein Memorandum of Understanding unterschrieben. Dieser Energierat versammelt jetzt Experten und Leute, die ganz praktisch mit erneuerbaren Energiequellen zu tun haben, um Erfahrungen auszutauschen, voneinander zu lernen und in beiden Ländern möglichst die erneuerbaren Energien voranzutreiben.

¹ Siehe Webseite des GJETC und Nachrichten zum Start

Tabibito: ​ Sie haben im Jahr 2015 an der Akita International University eine Rede zum Thema „Deutsch-französische Versöhnung und was man daraus lernen kann“ gehalten. Was kann Japan davon lernen? Ist da irgendwas übertragbar?
Botschafter von Werthern: ​Eins-zu-eins ist sicher nichts übertragbar. Die Situation sowohl unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg als auch in der Zwischenzeit bis heute ist in Ostasien und in Europa doch sehr unterschiedlich. Die Essenz dessen, was ich damals und bei anderen Gelegenheiten gesagt habe, ist aber dies: Die deutsch-französische Erfahrung, dass zwei Länder, die über Jahrhunderte hinweg Erzfeinde waren und viele Kriege gegeneinander geführt haben, jetzt so eng zusammenarbeiten, wie zwei souveräne Länder nur zusammenarbeiten können; dass auch die Zivilgesellschaften eng miteinander verflochten und verbunden sind – diese Erfahrung macht auch für andere Länder oder andere Regionen in der Welt Hoffnung. Wir sagen nicht, dass wir in Europa oder gar die Deutschen es richtig gemacht haben und die anderen falsch – das wäre nicht nur überheblich, sondern auch nicht richtig. Aber gerade letztes Jahr, siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, haben wir oft darüber gesprochen, welche Erfahrungen wir gemacht haben. Wir bieten diese Erfahrungen an, aber Japan und die Japaner müssen daraus ihre eigenen Schlüsse ziehen, wenn sie das überhaupt wollen.
Tabibito: ​Angela Merkel hat rund einen Monat später beim Forum in der Asahi Pressezentrale genau das gleiche Thema angesprochen. Warum gilt das als so wichtig?
Botschafter von Werthern: ​ Zu besonderen Jahrestagen stellt man sich die Frage: „Was können wir lernen, was haben wir mitgenommen?“ So, wie wir uns 2014 die Frage gestellt haben „Befindet sich die Welt möglicherweise in einer Situation, die mit 1914 vergleichbar ist, als der Erste Weltkrieg ausgelöst wurde?“, so hat man sich 2015 eben die Frage gestellt: „Was ist eigentlich 1945 gewesen und warum ist es hier so und dort anders gewesen und welche Schlüsse können wir daraus ziehen?“ Im Wesentlichen lag das an diesem Jubiläum. Und nicht zuletzt hat Premierminister Abe zu dem gleichen Jubiläum im August eine viel beachtete Erklärung abgegeben. Auch in Europa ist natürlich in allen Hauptstädten des Endes des Zweiten Weltkrieges gedacht worden.
Tabibito: ​Was müsste Ihrer Meinung nach eigentlich passieren, damit, die Beziehung zwischen Japan und China sich ähnlich entwickelt wie die zwischen Deutschland und Frankreich oder Deutschland und Polen? Ist das überhaupt möglich in der jetzigen Konstellation?
Botschafter von Werthern: ​Wir hatten in Europa eine wahrscheinlich historisch einmalige Chance. Und insofern hatten wir Deutsche 1945 und in den Jahren danach auch ein unglaubliches Glück, dass wir direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Nachbarn wie Frankreich hatten, die die Hand zur Versöhnung ausgestreckt haben. Schon knapp zwanzig Jahre später, bei der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags 1963, war das Verhältnis zu Frankreich schon schwieriger. Und der Élysée-Vertrag wäre auch beinahe nicht zustande gekommen. Es war wirklich eine historische Chance, die weder für Deutschland heute wiederholbar wäre, noch ist sie für Japan und China wiederholbar. In Europa ist es uns vielleicht besonders gut gelungen, und das ist immer noch weit davon entfernt, vollständig gelungen zu sein, dass wir Deutsche gelernt haben, uns als Täter im Zweiten Weltkrieg zu verstehen – dass wir gelernt haben, in Europa uns selber und die Konflikte mit unseren Nachbarn in der Vergangenheit auch durch die Augen der anderen zu sehen. Jemand hat mal gesagt: „Die Erinnerung an die eigene Vergangenheit ist immer dann unvollständig, wenn sie nicht auch die Erinnerung der Opfer mit umfasst.“ Ich glaube, das haben wir in Deutschland in einem langen, sehr, sehr schmerzhaften und umstrittenen Prozess inzwischen einigermaßen hinbekommen. Und das ist eine Regel, die überall anwendbar sein sollte: Wir müssen versuchen, auch durch die Augen des Anderen sehen zu lernen. Dadurch wären, glaube ich, Fortschritte möglich.
Tabibito: ​Japan und Korea zum Beispiel scheinen ja da noch immer gerade mal auf halbem Wege zu sein. Im August wurde der Oberbürgermeister von Freiburg im Breisgau gefragt, ob er in einem Park der Stadt eine Trostfrauen-Statue aufstellen könne. Und er sagte erst mal ja, hat das aber wieder später zurückgezogen. Was wäre eine diplomatische Antwort auf diese Problematik mit der Trostfrauen-Statue?
Botschafter von Werthern: ​ Die Antwort hat der Oberbürgermeister von Freiburg ja selber gefunden. Er hat gesagt, dass ihm die internationale Implikation nicht klar war, als er dieses Angebot bekommen und ihm zugestimmt hat. Es war ihm nicht klar, welche Gefühle er damit in Japan verletzen würde. Und deswegen hat er diese Entscheidung dann auch zurückgenommen. Das passt schon auch ein bisschen auf die Antwort auf die letzte Frage. In diesem Fall hat man nur auf Korea geschaut und nicht auf Japan. Wenn man beide Winkel in den Blick nimmt, dann findet man auch bessere Antworten. Im Übrigen haben sich Japan und Korea ja in der sogenannten Trostfrauen-Frage doch sehr aufeinander zubewegt. Die Vereinbarung vom 28. Dezember letzten Jahres, die jetzt auch zu großen Teilen umgesetzt worden ist, ist doch nicht nur objektiv eine erfreuliche Entwicklung, sondern wird so auch in Japan und Korea von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung als positiv angesehen.

​Wie das entstanden ist, weiß ich nicht, aber natürlich haben sich viele schon lange die Frage gestellt, warum es eigentlich zwei Demokratien und zwei Marktwirtschaften wie Japan und Korea nicht schon viel früher geschafft haben, im Angesicht eines immer übermächtiger werdenden China näher zueinanderzufinden.

Tabibito: ​Man könnte fast meinen, dass diese doch recht plötzliche und späte Einigung quasi unter dem Druck Chinas entstanden ist. Würden Sie dem zustimmen?
Botschafter von Werthern: ​Wie das entstanden ist, weiß ich nicht, aber natürlich haben sich viele schon lange die Frage gestellt, warum es eigentlich zwei Demokratien und zwei Marktwirtschaften wie Japan und Korea nicht schon viel früher geschafft haben, im Angesicht eines immer übermächtiger werdenden China näher zueinanderzufinden. Aber ob das – ich würde es nicht unbedingt Druck, sondern vielleicht einfach nur Vernunft nennen – eine Rolle gespielt hat, kann ich letztlich nicht beurteilen.

Die Diskussion in Japan heute erinnert mich sehr stark an die Diskussion in Deutschland nach der Wiedervereinigung Anfang der 90er-Jahre, als wir ja auch von der internationalen Staatengemeinschaft aufgefordert wurden, uns stärker an friedenserhaltenden Maßnahmen zu beteiligen.

Tabibito: ​ Die jetzige japanische Regierung versucht momentan, die Verfassung zu ändern. Und zwar geht es vor allem um die Änderung, wenn nicht gar Abschaffung, des sogenannten Pazifismus-Paragrafen 9. Dazu entstand vor zwei Jahren eine interessante Initiative, angestoßen von einer Hausfrau aus Kawasaki. Diese versuchte, genau diesen Paragrafen als Friedensnobelpreis-Kandidaten vorzuschlagen. Was halten Sie eigentlich von der Idee an sich, die Verfassung zu ändern?
Botschafter von Werthern: ​ Nach unserem Staats- und Verfassungsverständnis sind Verfassungsänderungen etwas völlig Normales. Auch das deutsche Grundgesetz ist unzählige Male verändert worden. Allerdings haben wir da den Kernbestand der ersten 19 Artikel, in denen unter anderem grundlegende Menschenrechte festgelegt sind, die nicht verändert werden dürfen. Nach unserem Verständnis ist eigentlich eine Verfassung, die seit fast siebzig Jahren unverändert ist, etwas unnormal. Wenn ich es richtig verstanden habe, will die Regierung auch nicht den Kernbestand des Artikels 9 verändern, also das Verständnis, dass Japan eine friedliche Nation ist und keinen Angriffskrieg mehr führen will, genauso, wie sich Deutschland das ja festgeschrieben hat, sondern Japan möchte in der Lage sein, sich auch mit militärischen Mitteln an internationalen Friedensmissionen zu beteiligen. Das begrüßen wir sehr. Die Diskussion in Japan heute erinnert mich sehr stark an die Diskussion in Deutschland nach der Wiedervereinigung Anfang der 90er-Jahre, als wir ja auch von der internationalen Staatengemeinschaft aufgefordert wurden, uns stärker an friedenserhaltenden Maßnahmen zu beteiligen. Damals dachten in Deutschland auch viele, dass das eine Rückkehr zum alten Militarismus bedeutet. Man muss derlei Veränderungen in der eigenen Bevölkerung sehr sorgfältig diskutieren, und man muss es eben auch dem Nachbarn verständlich machen.
Tabibito: ​Ich denke, da ist noch viel nachzuholen. Denn ein Grundtenor der Rhetorik ist zurzeit, dass sich Japan angeblich im Falle eines Angriffs nicht verteidigen dürfte. Der Eindruck scheint in vielen Schichten der Bevölkerung entstanden zu sein, die das nun befürworten.
Botschafter von Werthern: ​Dass sich Japan selber verteidigt, ist schon immer möglich gewesen durch die Interpretation des Artikels 9 und die Aufstellung der Selbstverteidigungskräfte.

Aber irgendwann werden die Zinsen wieder steigen, und dann wird der japanische Staat ein echtes Problem haben.

Tabibito: ​Sie haben ja vor einiger Zeit auch Volkswirtschaft studiert.
Botschafter von Werthern: ​ Vor sehr langer Zeit, ja.
Tabibito: ​Was sagt der Volkswirt in Ihnen in Anbetracht der japanischen Schuldensituation?
Botschafter von Werthern: ​Die Schulden sind, wenn man die reinen Zahlen anschaut, schon atemberaubend: Fast 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Andererseits gibt es das Argument, dass die japanischen Staatsschulden fast zu 100 Prozent von Japanern selbst gehalten werden – es gibt also keine Auslandsverschuldung, sodass die Gefahr eines Zusammenbruchs dadurch, dass sich zum Beispiel Ausländer von japanischen Staatspapieren trennen, und dass es dadurch riesige Wechselkursverwerfungen und mehr gibt, nicht besteht. Trotzdem muss natürlich auch eine Verschuldung, die im Inland gehalten wird, bedient werden. Das geht verhältnismäßig leicht, wenn die Zinsen niedrig sind. Aber irgendwann werden die Zinsen wieder steigen, und dann wird der japanische Staat ein echtes Problem haben. Dies umso mehr, da ja noch enorme demografische Probleme hinzukommen – größere, als wir sie in Deutschland kennen. Denn die Japaner bekommen genauso wenige Kinder wie wir, aber sie werden noch viel älter, und das wird eine weitere Belastung des Staatshaushaltes mit sich führen. Und da ist der Rat der Experten teuer.
Tabibito: ​Die Deutsche Botschaft kümmert sich wie, ja, wie jede Botschaft in jedem Land, zu einem gewissen Grade um die deutschen Staatsbürger in Japan. Über wie viele Deutsche sprechen wir da?
Botschafter von Werthern: ​ Wir wissen es nicht genau. Wir schätzen etwa 6.000. Wir ermutigen alle Deutschen, sich bei der Botschaft online zu registrieren. Das geht auch ganz leicht über die gemeinsame Website von Botschaft und Generalskonsulat (www.japan.diplo.de). Denn wir möchten gerne die Deutschen erreichen im Falle einer Katastrophe. Ich halte das auch deswegen für wichtig, weil der deutsche Anteil an den Ausländern in Japan verschwindend gering ist. Also wenn die Japaner, sagen wir mal im Fall einer großen Katastrophe, an Ausländer denken, denken sie zunächst an Chinesen, Koreaner und so weiter. Das heißt, uns als Botschaft wird in einem solchen Fall eine große Verantwortung zukommen. Und dafür wäre es gut, wenn wir wüssten, wie wir unsere Landsleute erreichen können. Es registrieren sich aber nicht alle, und man ist dazu auch nicht verpflichtet.
Tabibito: ​ Es gibt ja seit geraumer Zeit den „Fonds für hilfsbedürftige Deutsche“ in Japan, einst als Dittman-Fond bekannt. Was macht der Fond? Was geschieht da eigentlich?
Botschafter von Werthern: ​Der BDF genannte Fond kümmert sich um Deutsche, die hier in Japan in Not geraten. Auf den ersten Blick kommt einem das etwas merkwürdig vor, es gibt aber doch immer wieder Fälle. Zum Beispiel deutsche Frauen, die mit japanischen Männern verheiratet waren, inzwischen geschieden oder verwitwet sind, und die Mühe haben, die Ausbildungskosten für ihre Kinder zu bezahlen. Es gibt natürlich auch ein paar, glücklicherweise nicht sehr viele, deutsche Familien, die mit Krankheit oder sonstigen Dingen zu kämpfen haben, wo einfach die Finanzierung und manchmal auch die Basis dafür fehlt, um sich hier im Sozialsystem oder überhaupt in der japanischen Gesellschaft zurechtzufinden. Da hat der BDF eine wirklich sehr wichtige Aufgabe, die natürlich auch unsere Arbeit in der Botschaft sehr erleichtert, indem er Geld sammelt und es diesen Familien zur Verfügung stellt, sowie ihnen auch mit Rat und Tat zur Seite steht.
Tabibito: ​ Wie viele Leute, schätzen Sie, werden so unterstützt?
Botschafter von Werthern: ​Das weiß ich gar nicht, denn ich bin nicht Mitglied des BDF, und das unterliegt natürlich auch der Schweigepflicht. Um zum Beispiel einem Kind die Schulausbildung oder auch ein Studium zu bezahlen, ist in Japan eine Menge Geld notwendig. Deswegen macht der BDF auch jedes Jahr im Residenzgarten sein Sommerfest, zu dem man zugegebenermaßen ziemlich teure Tickets kaufen kann. Das Geld geht eben alles in die Arbeit des BDF und – wenn ich ein bisschen Reklame dazu machen darf – ist auch eine schöne Gelegenheit, bei normalerweise gutem Wetter, deutsches Essen und Getränke im Residenzgarten zu genießen und an einer Tombola teilzunehmen, wo es auch schicke Preise gibt.
Tabibito: ​Um einmal zur Botschaftssituation von vor vier Jahren zu kommen. Sie haben ja gesagt, dass sich die Botschaft zum Beispiel im Falle einer neuen Katastrophe um die Mitbürger im Land kümmert, nur haben das viele Deutsche, ob das nun gerechtfertigt ist oder nicht, sich vor fünf Jahren, ja, im Stich gelassen gefühlt, weil die Botschaft relativ schnell im Vergleich zu anderen Botschaften nach Ōsaka umgezogen ist und auch viele Leute keine Benachrichtigung erhalten haben. Wenn jetzt wieder ein schweres Erdbeben geschieht, und wenn dann vielleicht auch noch das AKW in Niigata wieder in Betrieb gegangen ist und havariert – würde irgendwas anders laufen? Es gab ja zum Beispiel Town-Hall-Meetings mit Ihrem Vorgänger. Gab es irgendwelche Konsequenzen oder Schlüsse, dass irgendetwas anders gemacht werden wird?

Natürlich ist ein solcher Vorfall wie 2011 nicht im Voraus planbar. Es bricht immer – das ist völlig unvermeidlich – erst mal das große Chaos aus.

Botschafter von Werthern: ​Wir haben versucht, so viel wie möglich aus der damaligen Situation zu lernen. Ich habe ja, als ich hier ankam, auch noch ein Town-Hall-Meeting gehalten, und habe zum Beispiel die Deutschen aufgefordert, sich bei uns zu registrieren, habe versucht, auf die vielfältigen Fragen einzugehen. Wir halten auch in der Botschaft seitdem jedes Jahr eine große Krisenübung ab, in der wir – auch weil unsere Belegschaft ja ständig wechselt – versuchen, uns ganz praktisch auf eine solche Situation einzustellen. Also das wird sozusagen unter echten Bedingungen gespielt. Wir haben ja einen Verteidigungsattaché hier. Die Soldaten wissen, wie man solche Übungen macht und wie man da auch Szenarien einspielt, die realistisch sind. Da kommt so mancher, einschließlich meiner Person, schon ins Schwitzen. Aber es ist gut, dass wir uns darauf einstellen. Wir wollen in Zukunft diese Übungen auch ausweiten, indem wir zum Beispiel die deutsche Schule in Yokohama oder das Goethe-Institut, die Handelskammer und so weiter, deren Rolle wir bisher nur gespielt haben, auch einbeziehen, sodass ich glaube, dass wir verhältnismäßig gut vorbereitet sind. Natürlich ist ein solcher Vorfall wie 2011 nicht im Voraus planbar. Es bricht immer – das ist völlig unvermeidlich – erst mal das große Chaos aus. Aber je besser man sich darauf eingestellt hat, desto schneller kriegt man das Chaos dann auch in den Griff. Zu Ihrer Bemerkung über die Verlagerung der Botschaft nach Ōsaka-Kōbe – da war ich ja noch nicht hier, aber wenn ich es recht verstehe, stand man damals vor der Frage „Was passiert, wenn die radioaktive Wolke nach Tokio kommt? Ist es dann nicht besser, wir operieren von einem Gebiet aus, in dem wir einigermaßen sicher sind, als dass die Botschaft, wenn sie hier geblieben wäre, vielleicht völlig außer Funktion gesetzt wäre?“ Es hätten dann alle im Keller gesessen und gar nichts mehr tun können. Damals ist die Entscheidung gefallen, dass es vernünftiger ist, zu verlagern. Aber natürlich ist das auch immer eine Frage der Kommunikation. Andere haben es anders entscheiden. Im Nachhinein sind wir natürlich auch klüger. Aber im Nachhinein sieht immer alles leichter aus, als wenn man in der Situation steht.
Tabibito: ​Dann wollen wir hoffen, dass es so schnell nicht wieder zu der Situation kommt.
Botschafter von Werthern: Dazu kann ich nur Amen sagen.
Tabibito: ​ Dann möchte ich mich herzlich bei Ihnen für das Interview bedanken.
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​Japan droht UNESCO mit Boykott

Oktober 16th, 2015 | Tagged | 6 Kommentare | 2155 mal gelesen

​Am vergangenen Wochenende trat eine Entscheidung der UNESCO einen Sturm der Entrüstung los in Japan. Es ging um die Aufnahme zahlreicher Sammlungen in das sogenannte Weltdokumentenerbe – ein weniger bekannter Ableger des Weltkulturerbes. Neben zwei japanischen Dokumentensammlungen wurden dort auch Dokumente über das Massaker in Nanjing (auch als Vergewaltigung von Nanking) aufgenommen – mit dem Ziel, diese Dokumente auch in Zukunft der Nachwelt zu erhalten. Das schmeckt den meisten Japanern natürlich überhaupt nicht: Nach offizieller japanischer Lesart gab es zwar durchaus „einige Zwischenfälle“ in Nanking nach der Einnahme durch die kaiserliche japanische Armee im Jahr 1937. China hingegen behauptet, dass Japan damals nicht nur ein paar, sondern rund 300’000 Chinesen, hauptsächlich Zivilisten, vergewaltigt und/oder ermordet hat. Augenzeugen sprachen von einem wahren Blutrausch, der über einen Monat lang anhielt. Andere Historiker gehen von 50’000 bis über 200’000 Opfer aus. Nach inoffizieller, aber weit verbreiteter Lesart in Japan geschah damals jedoch gar nichts – alles sei schlichtweg Erfindung und Teil der, nun ja, schwer zu leugnenden chinesischen Propaganda.

Japan kritisierte vor allem, dass Japaner überhaupt nicht bei der Entscheidungsfindung beteiligt wurden, und bezeichneten die Wahl deshalb als politisch motiviert. Der Verdacht liegt durchaus auf der Hand: Land A sagt, das war so, und Land B sagt, es war ganz anders – wenn nun die UNESCO hinzukommt und Land A recht gibt, ohne Land B zu fragen, dann fühlt sich B natürlich hintergegangen. Dazu muss man allerdings sagen, dass beinahe jedes Land ausser Japan kaum Zweifel daran hegt, dass die japanische Armee in Nanking Kriegsverbrechen im grossen Stil begangen hat.
Dabei hatte Japan erst vor ein paar Monaten einen Streit mit Südkorea vor dem UNESCO-Komitee für das Weltkulturerbe für sich entscheiden können: Es ging um die Aufnahme einiger Industriedenkmäler aus der Meiji-Zeit, und Südkorea setzte etliche Hebel in Bewegung um die Aufnahme zu verhindern, da viele der Anlagen auch für die Ausbeutung koreanischer Zwangsarbeiter stünden und dies nicht hinreichend gewürdigt würde.

Nun drohten in dieser Woche umgehend ranghohe Regierungsmitglieder damit, Beitragszahlungen an die UNESCO bis aufs weitere einzustellen. Das wäre für die Organisation ein herber Schlag, da seit dem Beitragsboykott der Amerikaner Japan einer der wichtigsten Geldgeber ist. Ob es so weit kommen wird, ist aber noch nicht klar. Klar ist hingegen, dass es kaum eine wirksamere Methode für Japan gibt, seinen eigentlich guten Ruf im Ausland gründlich zu ruinieren. Blinde Geschichtsverleugnung und absolute Sturheit sind einfach mal keine Tugenden. Angesichts all der Dokumente, teilweise auf Japanisch, wohlgemerkt – zum Beispiel über den Wettbewerb zweier Offiziere, so schnell wie möglich 100 Chinesen nur mit dem Schwert zu töten – und inklusive zahlreicher, sehr verstörender Photos und Filmaufnahmen des Missionars John Magee, fällt es wirklich schwer, Fassung zu wahren ob der japanischen Haltung zu diesem Thema.

Japan hat bei der Entscheidung übrigens noch Glück gehabt – Dokumente zum Schicksal der Trostfrauen, auch diese werden vehement verleugnet, standen ebenfalls zur Wahl, doch die Kommission entschied sich am Ende gegen eine Aufnahme.

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70 Jahre Kriegsende: Historisches

August 18th, 2015 | Tagged | 9 Kommentare | 1855 mal gelesen

Asahi-Shimbun vom 7. November 1937: Gefeiert wird der Beitritt Italiens zum Anti-Komintern-Pakt zwischen Japan und Deutschland

Asahi-Shimbun vom 7. November 1937: Gefeiert wird der Beitritt Italiens zum Anti-Komintern-Pakt zwischen Japan und Deutschland

Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg endgültig – mit der Kapitulation Japans. Zum Jahrestag gab es einiges Bemerkenswertes: So kramte man bei der ARD noch einmal in den Archiven und recherchierte zu den Atombombenabwürfen, um so an einem Mythos zu rütteln: Dem Mythos, dass nur die Atombomben Japan in die Knie zwangen und, so paradox es klingen mag, dabei halfen, mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden. Man hatte schliesslich an Okinawa gesehen, wozu Japaner fähig sind, wenn es um den Endkampf geht. Der Schlüsselsatz ist meiner Meinung nach die folgende Aussage:

Warum aber hat Japan nach Hiroshima nicht kapituliert? „Weil es für Tokio nur eine weitere zerstörte Stadt war“, sagt Sherwin. „Zuvor waren schon Dutzende andere zerstört worden. Was für das Kriegskabinett viel entscheidender war, war die Kriegserklärung der Sowjets.“

(Quelle: Siehe obiger Link). Richtig. Tokyo und nahezu alle mehr als mittelgrossen Städte des Kaiserreichs waren bereits nahezu komplett zerstört. Auch in Deutschland hatte die völlige Zerstörung der Städte nicht den gewünschten Effekt. Warum sollte die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki da plötzlich ins Gewicht fallen?

Mit viel Spannung wurde dann schliesslich Ministerpräsident Abes Rede zum Jahrestag erwartet. Der von mir sehr geschätzte Professor Zöllner hat die Rede umgehend ins Deutsche übersetzt und danach hervorragend zusammengefasst und kommentiert. Allzu viel will ich da nicht hinzufügen. Die Rede war ein merkwürdiger Spagat zwischen der Richtung, die Abe längst eingeschlagen hat, und dem, was das Volk und die Weltgemeinschaft im Allgemeinen erwarten. Natürlich gab es nach der Rede sehr kritische Stimmen aus Korea und China. Allerdings muss ich dazu sagen: Ich hatte Schlimmeres erwartet. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn Abe ordentlich aussenpolitisches Porzellan zerschlagen hätte, aber er tat es nicht.

Wie immer hielt auch der Kaiser eine Ansprache. Die ist jedes Mal ziemlich kurz, aber dieses Jahr fügte er das Wort 反省 hansei Selbskritik mit ein, und das war schon ein verhältnismäßig starkes Wort, das der Kaiser hier benutzte. Den Wortlaut der Rede findet man… genau, bei Prof. Zöllners „Kotoba“.

Glico-Werbung während des Krieges

Glico-Werbung während des Krieges

A propos: In der letzten Woche fand ich im „Heimatmuseum“ der Gemeinde 西之表 Nishi-no-Omote auf der Insel Tanegashima ein paar Ausgaben der Asahi-Shimbun aus Kriegszeiten. Die konnte man sich dort einfach so ansehen, und das ist relativ selten. Die Zeitungen damals waren voller Kriegsberichte und Brandreden gegen die Feinde, aber das kennt man ja vom Völkischen Beobachter. Was mich beim Betrachten alter Zeitungen aus Kriegszeitungen jedoch jedes Mal mitnimmt, ist die Werbung auch heute noch existierender Firmen. So zum Beispiel die Werbung von Glico, einem Süßwarenhersteller, dessen Logo sich in den all den Jahren nicht geändert hat. Slogan:

イマニ僕等モ征ク (imani bokura mo yuku) – „Bald ziehen auch wir los!“

und daneben die Aufforderung, eine gesunde, zweite kaiserliche Armee zu erziehen. Mit „nährhaften Süßigkeiten“ von Glico natürlich. Links oben steht dann noch die Aufforderung 慰問袋ニ何ヨリ – „gehört mehr noch als alles andere ins Heimatpaket“. Natürlich geschah das gleiche auch in Deutschlands Zeitungen. Aber es ist immer wieder schockierend, zu sehen, mit welcher Leichtigkeit Gesellschaften Kinder mit in den Krieg einbeziehen und somit eine ganze Generation aufs Spiel setzen. Mit kräftiger Unterstützung geschäftstüchtiger Firmen.

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Abe kauft sich Zeit

Juni 23rd, 2015 | Tagged , | 9 Kommentare | 1876 mal gelesen

Auf die Gefahr hin, meine Leser zu langweilen, kommt hier schon wieder… Politik. Denn es tut sich so einiges – die nächsten Monate könnten spannend werden. Im Wesentlichen dreht sich alles um den 安全保障関連法案 Anzen Hoshō Kanren Hōan – den Gesetzesentwurf zur (Landes)sicherheit, mit dem man quasi die pazifistische Verfassung aushebeln möchte. Erst sah es so aus, als ob Abe mittels einer bequemen Mehrheit im Parlament den Gesetzesentwurf irgendwie durchmogeln kann. Doch es regt sich Widerstand. Anfangs manifestierte sich der erst durch Rentner, die vor Bahnhöfen davor warnten, dass Japans friedliebender Charakter in Gefahr ist. Hinzu kam eine Graswurzelbewegung, ins Leben gerufen von einer Hausfrau, mit dem gleichen Ziel – den Pazifismusartikel in der Verfassung zu erhalten. Daraus wiederum entstand eine Bewegung zahlreicher Honoratioren im In- und Ausland, die sich darum bemühen, die japanische Verfassung mit dem Friedensnobelpreis zu krönen. Keine schlechte Idee, wie ich finde.

In der vergangenen Woche schlossen sich nun zahlreiche Forscher zusammen, um vor Abes Plänen zu zu warnen: Sein Vorhaben sei 違憲 – iken – verfassungswidrig. Abe tobte – wer hat da die Wissenschaftler auf den Plan gerufen? Doch das war nicht alles. Seit der vergangenen Woche gibt es zudem Demonstrationen in Tokyo – oft organisiert und hauptsächlich besucht von jungen Japanern. Sehr jungen Japanern – einige Sprecher waren noch nicht mal im wahlfähigen Alter.

Heute trat Abe konsequenterweise auf die Bremse: Er verlängerte die diesjährige Parlamentssitzungsperiode um 95 Tage bis Ende September. So lange wurde die Sitzungsperiode im Nachkriegsjapan noch nie verlängert. Das Ziel ist klar: Abe möchte eine ausreichende Mehrheit sowie die Bevölkerung hinter sich sehen, denn seine Umfragewerte sind stark gefallen. Momentan erklären sich weniger als 40% der Bevölkerung mit Abes Arbeit zufrieden; nur 29% sind dabei für die Neuinterpretation der Verfassung und 53% dagegen¹. Abe wird freilich stur bleiben und auf sein Ziel hinarbeiten, aber dank des immer stärker werdenden Widerstandes könnte in den nächsten Monaten so einiges passieren.

Interessant ist in diesem Licht da die heutige Meldung zum Anlass des 50-jährigen Jahrestages der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen (Süd)korea und Japan. Abe sprach bei einer von der südkoreanischen Botschaft in Tokyo abgehaltenen Zeremonie² und versicherte dort, dass er an einer auf Freundschaft fussenden Beziehung mit Südkorea arbeiten möchte – zusammen mit der südkoreanischen Präsidentin. Dies sei schliesslich wichtig, um Friede und Stabilität in der Region zu gewähren. Auch aus Südkorea kamen heute ermunternde Töne von der Präsidentin. Meldungen dieser Art hat man seit Jahren nur noch selten gehört und lassen aufhorchen. Buhlt Abe da um Verständnis für sein Gesetzesvorhaben beim Nachbarn? Oder will er damit der eigenen Bevölkerung zeigen, dass er ja nichts Böses im Schilde führt? Es bleibt abzuwarten. Ich jedenfalls vertraue dem Burschen nicht.

¹Siehe hier.
²Siehe unter anderem hier.

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Geschichte schreiben lassen: Japan macht 15 Millionen USD locker für US-Universitäten

März 17th, 2015 | Tagged , | 2 Kommentare | 2987 mal gelesen

Um die einzig wahre Geschichtsschreibung in puncto Japans Rolle im Zweiten Weltkrieg herrscht ja nun schon seit dem Tag, an dem der Krieg endete, Streit zwischen den betroffenen Staaten. Das ist nichts Neues und trotzdem ein immer wieder kehrendes Thema, auch auf diesem Blog. Der Streit um die Deutungshoheit wird dabei offensichtlich in jüngster Zeit mehr und mehr ausserhalb des ehemaligen Kriegsgebietes ausgetragen. Ein Beispiel dafür ist das Errichten von Gedenkstätten für die sogenannten „Trostfrauen“ in Glendale, Kalifornien und New Jersey durch koreanische Initiatoren. Japanfreundliche Gruppen hatten im vergangenen Jahr erfolglos dagegen vor US-Gerichten geklagt¹.

Vor allem die „Trostfrauenfrage“ zieht sich wie ein roter Faden durch Japans Aussenpolitik und Geschichtsauffassung. Während man vor allem in Korea und China darauf beharrt, dass es systematisch und von staatlicher Ebene organisierte Versklavung und Zwangsprostitution von Frauen in den von Japan besetzten Gebieten gab – und Japan sich dafür nicht angemessen entschuldigt, von Reparationsleistungen ganz zu schweigen, hat, debattiert man in Japan noch immer, dass das ganze eine gewaltige Lüge und viel zu sehr aufgebauscht sei. Schliesslich war Krieg, und sowas kommt eben vor im Krieg – nicht nur in Japan. Und von „systematisch“ und „Versklavung“ beziehungsweise „Zwangsprostitution“ könne sowieso keine Rede sein. Die Debatte wurde nun auch noch durch einen Vorfall im vergangenen Jahr befeuert: Dabei stellte sich wohl heraus, dass ein von der links-liberalen Asahi-Shimbun veröffentlichter Artikel des Journalisten Takashi Uemura, der zu dem Schluss kam, dass Japan durchaus in der Schuld steht, teilweise gefälschte Daten enthielt. Nein, wir reden nicht von einem Artikel, der in der vergangenen Woche erschien, sondern vor sage und schreibe 23 Jahren. Es begann eine sehr hässliche Hetzjagd auf Asahi Shimbun und den Journalisten, der an einer Universität als Dozent arbeitet.

Südkorea, aber auch China lassen seit etlichen Jahren nichts unversucht, die Problematik ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, und wie man am obigen Beispiel sieht, durch teils recht einfallsreiche Methoden (so darf man zu Recht fragen, was ein an die Trostfrauen in Ostasien erinnerndes Mahnmal eigentlich in der USA zu suchen hat). In Japan deutet man diese Aktionen verständlicherweise als Rufmord – und dem will man entgegentreten. Ebenfalls mit allen Mitteln. So staunten die Mitarbeiter des grossen US-Schulbuchverlages McGraw-Hill Education nicht schlecht, als im vergangenen Jahr plötzlich Vertreter der japanischen Botschaft in der Redaktion standen und forderten, dass der Verlag doch bitte seine Beschreibung über die Rolle Japans im 2. Weltkrieg umschreiben solle². McGraw-Hill Education dachte freilich nicht daran.

Nun wurde heute also bekannt, dass die japanische Regierung im laufenden Jahr 9 Universitäten in den USA mit 15 Millionen Dollar Forschungsgelder ausstatten möchte³. So etwas gab es seit 40 Jahren nicht mehr. Und nein, hier geht es nicht um die Erforschung von Einzellern, sondern um „korrekte“ historische Forschung. Prinzipiell kann man dagegen nichts einwenden, obwohl mir der Gedanke, dass die Regierung eines Landes Universitäten eines anderes Landes mit Geld beschenkt, damit diese die Geschichte ins rechte (ja, rechte!) Licht rücken, nicht sehr behagt. Zu den Begünstigten zählt auch das weltberühmte MIT. Aber was sollen Japans Rechte auch machen? China und Korea werden auf keinen Fall lockerlassen in ihren Bemühungen, Japans Geschichte in ihrem Sinne zu verbreiten. Wenn ich jedoch daran denke, dass ich für so etwas Steuer zahle, wird mir ganz blümerant.


¹ Siehe hier: LA Times: Federal judge upholds ‚comfort women‘ statue in Glendale park
² Siehe unter anderem NY Times: U.S. Textbook Skews History, Prime Minister of Japan Says
³ Japan Times: To counter China and South Korea, government to fund Japan studies at U.S. colleges

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Filmkritik: Emperor – Kampf um den Frieden

Dezember 23rd, 2013 | Tagged , , | 1 Kommentar | 5894 mal gelesen

Filmplakat 'Emperor'

Filmplakat ‚Emperor‘

Was sahen da meine entzündeten Augen heute beim Videoverleih: Ein neuer Film aus Hollywood, mit dem Titel 終戦のエンペラー shūsen no emperaa (Wörtlich: Der Kaiser zum Ende des Krieges), mit Tommy Lee Jones als General MacArthur. Uninformiert wie ich bin, war mir das Herannahen dieses Filmes völlig entgangen. Nun kenne ich zwar die gesamte Hintergrundgeschichte, aber natürlich war ich trotzdem – oder gerade deshalb – neugierig, wie das Thema verpackt wurde. MacArthur kennt in Japan jedes Kind, denn der General spielte die zentrale Rolle im Nachkriegsjapan. Im wesentlichen ging es im Film um die Kriegsschuld des japanischen Kaisers. Es gab während und nach des zweiten Weltkrieges genügend Stimmen, die den Kaiser wenn nicht am Galgen, so doch wenigstens vor dem Kriegsgericht sehen wollten. Schliesslich waren ja alle japanischen Soldaten quasi im Namen des Kaisers „unterwegs“. Um es vorwegzunehmen: Der Kaiser blieb unangetastet, verlor aber seinen Götterstatus. Sicherlich zurecht war befürchtet worden, dass das Entfernen des Kaisers Japan vollends gegen die Gewinner des Krieges aufgebracht hätte.

Nun, der Film beginnt, wie er beginnen musste: Mit historischen Aufnahmen des Atombombenabwurfs auf Hiroshima. Kurze Zeit später tritt Tommy Lee Jones in Szene – als bärbeißiger, selbstverliebter aber weitblickender General MacArthur. Und er spielt seine Rolle gut. Die Szenen mit ihm sind erfrischend und interessant. Auch Toshiyuki Nishida, ein sehr bekannter Schauspieler in Japan, brilliert als General Kajima. Früher war ich kein Fan von Nishida, aber ich habe meine Meinung schon vor einer Weile geändert, und dieser Film ist für mich ein weiterer Beweis, dass Nishida vorzüglich geeignet ist für solche Rollen. Auch Masatō Ibu als Lordsiegelbewahrer Kido spielt seine Rolle hervorragend und ist ebenfalls in Japan sehr bekannt.

Soweit, so gut. Die Bilder Tokyos in den ersten Wochen nach Kriegsende sind erwartungsgemäß apokalytpisch und erinnern an historische Fotos aus der Zeit. Es gäbe bestimmt auch ganz viele weitere interessante Dialoge und Szenen, die die damals Beteiligten und die historischen Hintergründe stärker hätten ausleuchten könnten. Doch oh weh – stattdessen entschied man sich, in die Handlung auch noch eine Liebesgeschichte einzubauen, und zwar die zwischen Brigadegeneral Bonner Fellers, gespielt von Matthew Fox, und einer japanischen Lehrerin namens Aya, die Fellers vor Ausbruch des Krieges in Amerika kennenlernte. Und so wird der vom Gesprächsstoff her auf jeden Fall interessante Film mit zahlreichen Rückblenden in die Liebesgeschichte zwischen Aya und Bonner regelrecht zerstückelt. Brennende Trümmerwüste Tokyo – Schnitt – Aya rennt, vo Sonnenlicht geblendet, durch einen Bambushain. Das ist grausam und verstörend. Diese Rückblenden, beziehungsweise AYA an sich braucht kein Mensch. Schade eigentlich, denn mit dieser Besetzung und diesem Thema hätte daraus wirklich ein guter Film werden können.

Randbemerkung: Interessanterweise wird der 宮城事件 Kyūjō Jiken – Palastzwischenfall im Film relativ ausführlich erklärt: Nachdem Gerüchte die Runde machten, dass der Tennō bereit sei, zu kapitulieren, versuchten Kreise der Armee einen Militärputsch, der sich direkt gegen den Kaiser richtete. Nachdem sich jedoch weite Teile der Armee weigerten, sich anzuschliessen, beging der Anführer, General Tanaka, Selbstmord. Viele andere begingen ebenfalls Selbstmord und der Putschversuch scheiterte. Zum Glück, muss man wohl sagen, denn hätte Japan nicht kapituliert, wären die Dinge für Japan sicher nicht besser geworden. Durch die Kapitulation entging das Land womöglich sogar dem Schicksal Deutschlands – will heissen, eine Teilung des Landes. Dieser Putschversuch fehlt (wie viele anderen Vorkommnisse auch) in japanischen Schulbüchern, und so ist es durchaus begrüßenswert, dass dieser Film diesbezüglich ein klein wenig Aufklärungsarbeit leistet.

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Zeichen des Jahres 2011: 絆 (kizuna)

Dezember 13th, 2011 | Tagged , | 1 Kommentar | 1244 mal gelesen

Kizuna = Bindung

And the winner is… ein Zeichen, dass nicht einmal zu den ca. 2,300 wichtigsten Schriftzeichen gehört. Gelesen wird es „han“ oder „ban“, „kizuna“ sowie „hoda-sareru“. Das linke Radikal bedeutet Faden, und damit hat es auch etwas zu tun: Das Zeichen stand einst für ein Band, mit dem man Pferdefüsse fesselte. Heute wird das Zeichen, wenn überhaupt, nur mit einer Lesung benutzt: kizuna. Das bedeutet Bindung, und gemeint ist damit die seit dem schweren Erdbeben und Tsunami im März oft heraufbeschworene Bindung zwischen den Menschen / in der Gesellschaft, um die Tragödie zusammen durchstehen zu können. Das Wort bzw. Schriftzeichen sieht man in der Tat recht oft in diesen Tagen.

Mit der zwischenmenschlichen Bindung hat es nicht immer so geklappt, wie es sollte – nach dem Beben gab es auch in Japan Plünderungen, und aus zuverlässiger Quelle weiss ich von zumindest einem Fall, in dem jemand wegen eines Kanisters voller Treibstoff erstochen wurde – aber im grossen und Ganzen ist die Solidarität untereinander sehr bemerkenswert und die Disziplin sowieso: Es wird gespendet, was das Zeug hält, und sehr, sehr viele Japaner sind mindestens ein Mal nach Norden gefahren, um zu helfen.

Rund 500,000 Menschen beteiligten sich bei der Umfrage nach dem Zeichen des Jahres 2011. Gute 60,000 wählten „kizuna“ (nicht schlecht, bei ca. 10,000 Schriftzeichen insgesamt). Platz 2 belegte „災 – sai“ (Unglück, Zeichen des Jahres 2004) und 3 „震 – shin“ (Beben, Zeichen des Jahres 1995, siehe unten). So langsam gehen uns hier die Schriftzeichen für Katastrophen aus, und so hoffe ich mal auf ein positiveres Zeichen (pun intended) im nächsten Jahr.

Triviales zum Zeichen des Jahres: Nach dem Krieg wurden viele hundert Schriftzeichen vereinfacht. Darunter auch das Zeichen 半 – die beiden Schrägstriche oben verlaufen ursprünglich horizontal spiegelverkehrt (sie zeigen also nach oben-Mitte und nicht nach oben aussen). Auch Zeichen, die dieses Zeichen enthalten, wurden entsprechend geändert. Nicht aber 絆 – da dies nicht zu den wichtigsten Zeichen gehört.

Hier mal eine Übersicht der Zeichen des Jahres seit 1995:

1995 震 (Shin = Beben: Kōbe-Erdbeben)
1996 食 (Shoku = Essen: O-157 Lebensmittelvergiftungen, BSE usw.)
1997 倒 (Tō = Umfallen, pleitegehen: Zahlreiche Bankrotte grosser Kapitalfirmen)
1998 毒 (Doku = Gift: Dioxin- und Hormonskandale, Giftanschlag mit giftigem Curry usw)
1999 末 (Sue = Ende: Ende des Jahrtausends, Weltuntergangsszenarien, Nuklearunfall in Tokaimura etc.)
2000 金 (Kin = Gold, Geld: Medaillen in Sydney, Kim Song-Il, neue Geldstücke und -scheine usw.)
2001 戦 (Sen = Kampf: Terroranschlag auf World Trade Center usw.)
2002 帰 (Ki = Heimkehr: Wirtschaft zeigt Anzeichen der Erholung, Arbeiter reduzieren Überstunden usw.)
2003 虎 (Ko/tora = Tiger: Wirtschaft erstarkt, Hoffnung)
2004 災 (Sai/wazawai = Unglück: Extrem heisser Sommer, viele Taifune, schweres Erdbeben bei Niigata)
2005 愛 (Ai = Liebe: Motto der Expo, Wiederaufbau nach Katastrophen, prominente Hochzeiten)
2006 命 (Inochi = Leben: Prinzessin geboren, Selbstmord von Schulkindern, Unsicherheit im Leben)
2007 偽 (nise = fälschen: Zahlreiche Lebensmitteletikettenschwindel, Politikerskandale usw.)
2008 変 (kawaru = ändern: Große Veränderungen in Politik – Obama, Klimawechsel, Wirtschaftsprobleme)
2009 新 (Shin = neu: Neue Machtverhältnisse im Parlament, neue Gesetze usw.)
2010 暑 (Sho = Hitze: Rekordsommer, Bergleute in Chile überleben in heissem Stollen usw.)

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Einheit 731

Februar 23rd, 2011 | Tagged , | 7 Kommentare | 2026 mal gelesen

Eine der vor allem in Japan vielbeschworenene Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Japan ist die Tatsache, dass die nationalistischen, totalitären Regime während des Zweiten Weltkrieges einen solchen Hass auf Andere entwickelte, dass man ihnen jegliche Menschlichkeit absprach und es dadurch als legitim befand, an lebenden Menschen herumzuexperimentieren. Das geschah in den Konzentrationslagern Deutschlands und das geschah auch im vom Japan besetzten China. Und möglicherweise auch im Herzen von Tokyo. Die Rede ist von der berüchtigten 731部隊 (nana-san-ichi butai) – Einheit 731. Die Einheit wurde vom Militärarzt und Generalleutnant Ishii Shirō angeführt.

Ishii und die Einheit 731 sind in Japan durchaus bekannt – vor allem durch den Roman 悪魔の飽食 (Akuma no hōshoku) – Des Teufels Sättigung von Seiichi Morimura. Der Roman legte die von Einheit 731 begangenen Verbrechen erstmals der Öffentlichkeit dar, wurde aber auch heftig kritisiert, da z.B. ein Foto nachweislich gefälscht war und alle Zeugen, die im Buch zitiert wurden, anonym waren (aus verständlichen Gründen, muss dazu gesagt werden, denn Nationalisten in Japan a) verleugnen die Existenz solcher Verbrechen und b) sind nicht gerade zimperlich). Einheit 731 gehörte der 関東軍 – Guandong-Armee an und war als Einheit zur Bereitstellung von sauberem Trinkwasser für die Truppen getarnt.

Eigentlicher Auftrag der Einheit war jedoch die Erforschung und Herstellung biologischer Waffen, die vor allem in China an gefangenen Chinesen ausprobiert wurden. In der Nähe der chinesischen Großstadt Harbin baute die Einheit 1940 eine riesige Anlage, die rund 6 km² und ca. 150 Gebäude umfasste – mit tausenden Containern, in denen z.B. Krankheitsüberträger wie Flöhe und Ratten gezüchtet wurden. Auf militärische Brauchbarkeit getestet wurden hochansteckende Krankheiten wie Pest, Cholera, Pocken, Tularämie(Hasenpest) und andere. An Menschen wurden dort aber auch Waffen getestet und vieles andere mehr – Organe wurden von lebenden Menschen entnommen, Gliedmassen amputiert und falschrum wieder angenäht, Körperteile gefroren und wieder aufgetaut usw. usf. Getestet wurde nicht nur an chinesischen Soldaten, sondern auch an Frauen und Kindern. Angaben über die Gesamtzahl der Opfer schwanken erheblich – man findet Zahlen von einigen Tausend Toten bis zu 400’000 Toten (die genaue Zahl dürfte genauso schwer zu ermitteln sein wie die Anzahl z.B. der Toten der Bombenangriffe auf Dresden – zumal die Diskussion um dieses Thema noch immer sehr aufgeheizt ist).

Zurück nach Tokyo: 1989 fand man im Stadtteil Shinjuku nahe eines grossen Krankenhauses und einer Schule für Infektionskrankheiten ein Massengrab, das auf mögliche Kriegsverbrechen hindeutete. 2006 meldete sich eine gewisse Frau Toyo Ishii zu Wort – sie arbeitete dereinst im Forschungslabor und der Militärschule der Einheit 731 in Tokyo und offenbarte, dass sie in den letzten Tagen des Krieges dabei half, Leichen und Leichenteile zu vergraben, um die Verbrechen zu vertuschen. Sie wurde sogar vom Gesundheitsminister heranzitiert, um ihren Bericht zu verifizieren.

Gestern war es schliesslich so weit: Nach langer Vorbereitung, immerhin wurden sogar Anwohner dazu umgesiedelt, begann man gestern, am 21. Februar 2011 damit, in Shinjuku/Tokyo (genauer gesagt Toyama 1chōme, genaue Lage siehe hier mit den Ausgrabungen am ehemaligen Standort der Einheit 731. Das ist beachtlich für Japan – einem Land, in dem man sich zwar irgendwie der Kriegsgräuel gewiss ist, die eigene Rolle dabei aber doch lieber vertuschen möchte. Man darf auf die Ergebnisse gespannt sein. China jedenfalls ist mehr als gespannt, denn die meisten Opfer waren Chinesen.

Ishii wurde übrigens nicht für seine Taten belangt: Er handelte mit Murray Saunders, einem amerikanischen Militärarzt, einen Deal aus – im Gegenzug zur Übergabe aller Forschungsergebnisse aus den biochemischen Experimenten wurde ihm Strafverfolgung gewährt. Ishii betrieb in den darauf folgenden Jahren ein kleines Bordell und war beliebt in der Nachbarschaft, da er umsonst Patienten behandelte. Ishii starb 1959 schliesslich eines natürlichen Todes. So zumindest eine Lesart. Es gibt auch die Auffassung, dass Ishii nach Maryland/US zog, um dort weiter in der Forschung zu arbeiten.

Japanische Nachrichten (Video) zur Ausgrabung
Nachrichten zum Thema auf Asahi
Augenzeugenbericht eines Einheit 731-Mitgliedes (Deutsch, TAZ)

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Geplänkel um Inseln in Fernost – ein Menetekel?

September 25th, 2010 | Tagged , | 3 Kommentare | 1070 mal gelesen

Heute haben die Justizbehörden in Okinawa den Kapitän des chinesischen Fischkutters freigelassen, welcher vor einer guten Woche nahe der 尖閣諸島 Senkaku-Inseln alias 釣魚台群島 Diaoyu-tai-Inseln (chinesischer Name) mit einem Boot der japanischen Küstenwache zusammenstiess.
Jene Inseln sind unbewohnt, werden im Allgemeinen als japanisches Territorium angesehen, jedoch gleichzeitig und schon immer vehement von Taiwan und der VR China beansprucht. Es geht bei den Inseln freilich weniger um die Inseln als um die Umgebung der Inseln – schliesslich gehört das Gebiet rund um die Inseln bis zu einer Entfernung von 200 km nach Völkerrecht dem Besitzer der Inseln als Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) zur Verfügung. Und rund um die Senkaku-Inseln gibt es viele Fische – und Erdgasfelder.

1895 riss sich Japan die Senkaku-Inseln zusammen mit Taiwan unter den Nagel. Laut des 1952 in Kraft getretenen Friedensvertrages von San Francisco gehörten die Inseln „offiziell“ zu Japan – die Kontrolle über die Inseln sowie ganz Okinawa wurde 1972 von den Amerikanern an Japan zurückgegeben. Dumm nur, dass weder die VR China noch Taiwan den Vertrag unterzeichneten.

Beim Vorfall vor einer Woche nahm die Küstenwache die Besatzung des Fischkutters fest – und liess bis auf den Kapitän alle wieder umgehend frei. China war darob empört: Man bestellte den japanischen Botschafter mehrfach ein (selbst nach Mitternacht), sagte alle Treffen zwischen Japan und China auf höherer und Provizebene ab und drohte mit allerlei Massnahmen. Quasi als Gegenzug wurden dazu gestern auch noch vier Japaner in China wegen Spionageverdachts angezeigt. Japan pochte derweilen auf eine sachliche Reaktion, China auf Kompromisslosigkeit. Die USA, immerhin Japans militärischer Verbündeter, schauten dem Treiben eher lustlos zu und hoben jüngst nur kurz den Zeigefinger.

Nun gibt es Zoff um Inseln in dieser Gegend schon immer (siehe z.B. hier) – auch mit Russland und Südkorea. In Sachen Senkaku-Inseln kann sich Japan jedoch mit Sicherheit auf etwas gefasst machen: China weiss ob seiner Grösse und Japans Abhängigkeit vom chinesischen Markt. Da wird sich sehr bald herausstellen, wessen Daumenpressen wirksamer sind.

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