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Raucherparadies Japan – ändert sich was? Oder doch nicht?

Februar 9th, 2017 | Tagged , | 1 Kommentar | 585 mal gelesen

Vor 11 Jahren habe ich einen Beitrag mit dem Titel Schwere Zeiten auch für Raucher in Japan ins Netz gestellt – damals fing man damit an, dass Rauchen auf der Straße in einigen Stadtvierteln von Tokyo zu verbieten. Jedoch – Raucher, die in den vergangenen Jahren in Japan weilten, werden es bestätigen können: Japan ist noch immer Paradies für Raucher – zumindest im Vergleich zu vielen anderen, westlichen Ländern. Komischerweise treibt man in Japan jedoch nicht die Raucher auf die Straße, sondern eher andersrum: Man verjagt sie von der Straße ins Innere.

Natürlich ändern sich auch die Zigarettenpreise, doch der Anstieg ist im Vergleich zu anderen Ländern eher moderat: Zahlte man vor 20 Jahren rund 270 Yen pro Schachtel, sind es heute eher um die 440 Yen. Ein Anstieg auf 1’000 Yen ist seit Jahren im Gespräch, doch man befürchtet damit einhergehende Steuereinnahmen. Und mehr und mehr Cafés und Restaurants ergreifen Maßnahmen, um Nichtrauchern entgegenzukommen – manchmal durch Rauchverbote, mehr aber durch 分煙 bun’en – „Rauchtrennung“ – durch gesonderte „Abteile“. In den meisten Bars und Restaurantkneipen wird jedoch weiterhin fröhlich gequalmt. In dieser Woche nun brachte das Gesundheitsministerium eine Gesetzesvorlage im Parlament ein, nach derer das Rauchen in öffentlichen Bereichen, inklusive Restaurants, gänzlich verboten werden soll. Bei einer ersten Diskussion im Parlament schlug dem Ministerium jedoch heftiger Protest entgegen: Vor allem Vertreter der regierenden Liberaldemokraten halten die Maßnahme für zu radikal und argumentierten sogar damit, dass das Gesetz womöglich verfassungsrechtlich bedenklich sein könnte, da es die Rechte der Menschen einschränkt. Man solle sich eher auf Maßnahmen wie besagte Rauchtrennung beschränken.

Letztendlich wird Japan sicherlich in Sachen Nichtraucherschutz den gleichen Weg wie andere Länder einschlagen. Nur eben nicht so radikal. Das kann man gut am Flughafen beobachten: Während man zum Beispiel im gesamten, riesengroßen internationalen Flughafen von Peking nirgendwo rauchen kann (das geht erst, wenn man ins Land eingereist ist – und dann nur außerhalb des Terminals), gibt es in Japan sogar einen kleinen, abgetrennten Raum in der großen Gepäckhalle des Internationalen Terminals von Haneda, Tokyo. Omotenashi für Raucher eben.

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Staatlich geförderte Scharlatanerie an japanischen Schulen

Februar 7th, 2017 | Tagged , , | 3 Kommentare | 793 mal gelesen

labsaEine Textmitteilung meiner Frau schaffte es heute, mich auf die Palme zu bringen. In der Nachricht klagte sie über vergeudete Zeit in der heutigen PTA-Sitzung. PTA = Parent Teacher Association (ich glaube, das hieß? heißt? Elternbeirat im Deutschen). Die PTA besteht aus mehr oder weniger freiwilligen Mitgliedern und veranstaltet Sachen wie „Schulessen – wie es gemacht wird (und wie es schmeckt)“ und dergleichen. In diesem Jahr gab es insgesamt vier Veranstaltungen – in der zweiten ging es um „Kinder und der Umgang mit Smartphones“, ein durchaus legitimes Thema. Bei der dritten Veranstaltung kam eine Vertreterin der 誕生学® – der „Geburtenwissenschaft“ (man beachte das ®!). Betrieben von der 誕生学協会, der „Life and Birth Studies Association“. Ein staatlich als „allgemeinnützig“ anerkannter Verein, gegründet von 大葉ナナコ Nanako Ōba, Ex-Model und Absolventin einer Kunst-Kurzuni (zwei Jahre Pseudostudium). Eine Frau ohne jegliche medizinische oder psychologische Ausbildung, die dutzende Bücher zum Thema Geburt, Babymassage und dergleichen veröffentlichte und sich selbst illustre Titel wie „Geburtsberaterin“ und dergleichen gibt. Und mit klugen Thesen daherkommt wie:

  • Schangerschaftserbrechen ist bei Frauen mit gelassenerem Charakter weniger schlimm
  • Wehen sind weniger heftig, wenn die Gebährende unter Stress steht
  • Wehenbeschleuniger sollten nur dann eingesetzt werden, wenn der Gebährenden klargemacht wird, dass dies die Freude der Geburt schmälert
  • Bei Müttern, die nicht stillen können, mangelt es an Fürsorge (gegenüber der Mutter)

Und so weiter. Und so tingeln Vertreter des Vereins dank des eigens ins Leben gerufenen Schulprogramms durch japanische Kindergärten und Schulen und verkünden ihre kruden Botschaften aus Laienmund.

Die Veranstaltung heute war aber scheinbar noch besser: Ein selbsternannter 統計心理学者 – „Statistischer Psychologe“ – tauchte heute auf – mit einer lustlos zusammengewürfelten PowerPoint-Präsentation. Beruflicher Hintergrund: Bankangestellter, heute Cafébesitzer. Seine These: Es gibt im wesentlichen vier Arten von Menschen, und das ist bei Kindern genauso. Wenn man nicht weiß, mit welcher Art Kind man es zu tun hat, macht man Fehler bein Loben, Schimpfen und überhaupt. Woran man erkennt, zu welcher Gruppe das Kind gehört? Die Antwort: Am Geburtsdatum. Jawohl, am Geburtsdatum. Einige Mütter baten dann darum, ihnen eine Analyse ihrer Kinder zu geben, oder zumindest zu offenbaren, wo man denn die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie einsehen könne, aber der tapfere Ex-Bankangestellte zierte sich: Er fragte stattdessen die Mütter nach deren Geburtsdatum und legte drauf los. Und sagte zum Schluß, wer seine Kinder aufgrund der Geburtstage analysiert haben möchte, solle in sein Café kommen – er sei öfter dort und könne dann dort Auskunft geben.

Wohlgemerkt: Eltern zahlen PTA-Beiträge. Und Redner, die dort auftauchen, bekommen eine Aufwandsentschädigung. Und: Schuldirektoren und Lehrer müssen die Veranstaltung absegnen. Bei der Geburtenexpertin keine einmalige Sache – sie macht diese Veranstaltung schon seit Jahren in dieser Schule. Einer öffentlichen Schule.

PTA & Co. verlangen den Müttern in Japan sehr viel Zeit ab – so viel steht fest. Japanische Mütter haben dank dieses Systems kaum Zeit, selber arbeiten zu gehen. Dass die Zeit dann aber damit verbracht werden soll, sich so einen Stuss anzuhören, spottet jeder Beschreibung. Sicher, der Hang zum Metaphysischen ist in Japan besonders stark ausgeprägt (Stichwort: Blutgruppenhoroskop), aber das so etwas auch noch staatlich gefördert wird, schlägt dem Fass den Boden aus.

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Was Kinder in Japan so anschleppen

Februar 1st, 2017 | Tagged , | 4 Kommentare | 839 mal gelesen

Wer Kinder hat, kennt das Problem. Die lieben Kleinen bringen nicht nur das eine oder andere lustige Bild aus dem Kindergarten oder der Schule mit, sondern auch diverse Krankheiten. Als kleine Sprachübung möchte ich heute mal die Top 10 vorstellen. Interessant ist an der Sache übrigens, dass man die Namen nicht immer 1:1 übersetzen kann.

胃腸炎 Ichōen – Magen-Darm-Grippe


Magen-Darm-Grippe (also Gastroenteritis). Der Klassiker. Das gute daran ist allerdings, dass man sich, zumindest bei den japanischen Varianten, als Erwachsener kaum ansteckt, beziehungsweise wenn, verläuft das in der Regel mild. Allerdings kann die Magen-Darm-Grippe verschiedene Ursachen haben, und am meisten fürchtet man sich hier vor dem ノロウイルス Noro-Virus, der in Japan in regelmäßigen Abständen durch die Kindergärten und Schulen geistert. Das Wort 嘔吐 Ōto (Erbrechen) löst bei den Eltern deshalb umgehend Alarmsignale aus. Und ich kann bestätigen, dass Kinder mit Noro-Viren keinen grossen Spass machen.

おたふく風邪 Otafuku-Kaze – Mumps


Der eigentliche Name lautet 流行性耳下腺炎 Ryūkōsei Jikasen-en, aber alle nennen es nur Otafuku-Kaze (Kaze = die Erkältung). Auch in Japan gibt es Impfungen dagegen, die allerdings nicht Pflicht sind. Untersuchungen haben ergeben, dass eines von 1,000 an Mumps erkrankten Kindern später taub wird – dementsprechend gross ist die Angst vor Mumps.

りんご病 Ringo-byō – Ringelröteln


Der eigentliche Name lautet 伝染性紅斑 Densensei Kōhan etwa: Ansteckende Röteln). Vom Verlauf her eher harmlos, aber auch in Japan weiss man natürlich, dass die Krankheit gefährlich für ungeborene Kinder sein kann, weshalb vor allem Schwangere sehr vorsichtig sind.

RS(ウイルス) aaru essu (uirusu) – RS-Virus


Eines der Begriffe, die man nicht so ohne weiteres übersetzen kann, da hier der Erreger (Humane Respiratorische Synzytial-Virus) genannt wird und nicht die Krankheit. In den meisten Fällen meint man in Japan mit RS aber eine vom RS-Virus (RSV) verursachte akute Bronchitis. Und die macht vor allem bei kleinen Kindern definitiv keine Freude: Hohes Fieber, quälender Husten usw. usf. Auch Erwachsene sollten sich in Acht nehmen. Die von den Kindern angeschleppte RSV-Erkrankung entwickelte sich zumindest bei mir einmal zu einer astreinen Lungenentzündung.

溶連菌 yōrenkin – Streptokokken


Auch hier benutzt man im Japanischen aus mir nicht bekannten Gründen nicht den Namen der Krankheit, sondern den des Erregers. Vor allem zwei Krankheiten sind damit gemeint: Mandelentzündung und Scharlach. Da Streptokokken gut mit Antibiotika behandelbar sind, ist diese Krankheit meistens schnell ausgestanden.

はやり目 hayarime – Augengrippe


Der wissenschaftliche Name lautet 流行性角結膜炎 ryūkōsei kakuketsumakuen – Keratoconjunctivitis epidemica – im Englischen gern auch als pink eye bezeichnet. Kennzeichen: Extrem ansteckend. Kinder, bei denen das diagnostiziert wird, müssen mindestens zwei Wochen, gern aber auch einen ganzen Monat zu Hause bleiben. Wir haben dieses Jahr zur Abwechslung mal mit dieser Krankheit begonnen – 3 von vier Familienmitgliedern hat es erwischt. Dauert mit Medizin zwei Wochen und ohne 14 Tage.

Wir lassen uns den Spaß nicht durch eine Augengrippe verderben!

Wir lassen uns den Spaß nicht durch eine Augengrippe verderben!

インフルエンザ infuruenza – Grippe


Grippewellen sind auch in Japan sehr häufig. In den meisten Kommunen gilt: Sind 10% (manchmal auch 20%) der Schüler einer Klasse an Grippe erkrankt, gibt es 学級閉鎖 gakkyū heisa – grippefrei.

マイコプラズマ maikopurasuma Mycoplasma


Auch hier nennt man in Japan nur den Erreger, die Mykoplasmen. Ergebnis: Mehr oder weniger schwere Erkrankung der Atemwege, nicht selten bis hin zur atypischen Lungenentzündung.

手足口病 teashikuchibyō Hand-Fuß-Mund-Krankheit


Gehört zu den weniger gefürchteten Kinderkrankheiten, da sie meist harmlos verläuft und selten auf Erwachsene überspringt.

ロタウイルス rota-uirusu Rota-Viren


Schwerer Durchfall und Erbrechen – vor allem bei Kindern unter 3 Jahren. Laut Wikipedia erkranken daran in Deutschland pro Jahr 50,000 Menschen — in Japan hingegen 800,000 (offizielle Zahl, siehe hier). Gehört zu den unangenehmsten Kinderkrankheiten hier. Es gibt zwar eine Impfung, aber die ist recht teuer.

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Japans Start in die kommerzielle Raumfahrt | Syphilis im Kommen

November 25th, 2015 | Tagged , , | 2 Kommentare | 853 mal gelesen

Im Hafen von Tanegashima: Man ist stolz auf sein Raketenzentrum.

Im Hafen von Tanegashima: Man ist stolz auf sein Raketenzentrum.

Japan hat heute zum ersten Mal in seiner Geschichte einen ausländischen Satelliten ins All geschossen – und zwar einen kanadischen Kommunikationssatelliten. Und das auch noch erfolgreich. Damit meldet sich JAXA (Japan Aerospace Exploration Agency) erstmals auf der internationalen Bühne, denn man möchte langsam mit der Raumfahrt Geld verdienen und den Russen, Amerikanern und Europäern Konkurrenz machen. Erstaunlicherweise spielte ja Japan trotz all der Technikfreudigkeit international gesehen bisher eher eine untergeordnete Rolle. Der erfolgreiche Start heute war, wie es in Japan so Usus ist, die Nachricht des Tages und wurde in allen Medien gebührend gefeiert. Das geht wahrscheinlich so lange, bis die erste japanische Rakete beim Start explodiert.

Die Raketen werden übrigens von der Insel Tanegashima in der Präfektur Kagoshima abgefeuert – denn je näher man dem Äquator ist, desto weniger Energie braucht man, die Raketen ins All zu schiessen. Die Starts kann man auch von der nahegelegenen Insel Yakushima gut sehen, wo sich zu diesem Anlass jeweils die halbe Inselbevölkerung auf halber Strecke einer Bergstrasse einfindet. Man kann es verstehen – faszinierend ist der Anblick bestimmt.

Eine andere Nachricht des heutigen Tages war der Vormarsch der Syphilis in Japan: In diesem Jahr wurden bisher gut 2’000 Fälle der auch in Japan meldepflichtigen Geschlechtskrankheit registriert – im letzten Jahr waren es wohl nur 1’600 Fälle. Kein Wunder, möchte man meinen, wo doch Präser oder andere Vorsichtsnahmen in Japan nahezu unbekannt sind. Allerdings gab es im bevölkerungsärmeren Deutschland in den letzten Jahren rund 5’000 neue Fälle pro Jahr. Damit ist die Krankheit also weniger häufig anzutreffen. Interessanterweise nennt man die Krankheit auf Japanisch 梅毒 baidoku (wörtlich: Pflaumengift). Ein Schelm, wer da… aber die Wortgenese ist wohl anders. Die Furunkel auf der Haut im fortgeschrittenen Stadium ähneln in Grösse und Farbe den Bergpfirsichen, und in dem Wort kommt eben das Schriftzeichen „梅“ (BAI, ume – alleinstehend: Pflaume) vor. Ergo: Immer schön aufpassen.

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Buschdoktoren am Werk

April 16th, 2015 | Tagged , | 7 Kommentare | 1932 mal gelesen

Ich brauche nur eine Viertelstunde von meinem Haus immer die Strasse herunterlaufen, bis ich vor einem trutzburgähnlichen Gebäudeensemble stehe: Das 聖マリアンナ医科大病院 St. Marianna University School of Medicine Hospital. Eine Universitätsklinik. Das klingt schön, wenn man es sich auf Deutsch auf der Zunge zergehen lässt. Doch kaum sind wir in diese Gegend gezogen, hörten wir schon die ersten, warnenden Stimmen: Geht um Gottes Willen niemals zum St. Marianna! Das sind alles ヤブ医者 – Yabu-Isha (Buschdoktoren). Das Krankenhaus ist wohl so schlimm, dass Bürger die örtlichen Kōmeitō-Abgeordneten drängten, etwas zu tun – und so baute schliesslich die Sōka-Gakkai-Sekte in der Nähe ein anderes, vom Ruf her wesentlich besseres Krankenhaus.

Die Gerüchte scheinen sich zu bewahrheiten. Seit gestern geistert das Krankenhaus durch alle Nachrichten¹. Bei einer Untersuchung wurde festgestellt, dass 20 Psychiater ihren Abschluss auf unrechtmässige Art und Weise erworben hatten. Allen 20 Ärzten wurde nun die Lizenz entzogen, und es tauchen Geschichten über unrechtmässige Einweisungen und mehr auf. Da fragt man sich freilich, wer denn überhaupt in dieses Krankenhaus geht, wenn der Ruf so schlecht ist.

Aber das ist nichts Neues in Japan: Die Unterschiede zwischen den Ärzten und den Krankenhäusern sind riesig, und das schlägt sich durchaus auch in den Preisen nieder. Wobei das nicht bedeutet, dass schlechte Krankenhäuser billig sind. Sie sind ebenfalls sauteuer – aber die richtig „guten“ sind nochmal um einiges teurer. Aber gut: Ich hoffe doch, so bald kein Krankenhaus von innen sehen zu müssen. Und wenn doch, dann lieber nicht das St. Marianna, auch wenn es gleich um die Ecke liegt.

¹ Siehe unter anderem hier.

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Staatlich finanzierter Heuschnupfen

April 7th, 2015 | Tagged , | 7 Kommentare | 2116 mal gelesen

Sicheltannen - hier in Kashima (Chiba)

Sicheltannen – hier in Kashima (Chiba)

Jedes Jahr im Februar geht es los: Die Zahl der Maskierten steigt sprunghaft an. Manche können einem regelrecht Angst einjagen, wenn sie plötzlich mit kompletter Gesichtsmaske und Taucherbrille vor einem stehen. Die japanische Variante von Zorro? Oder haben die Leute panische Angst vor radioaktiven Partikeln, wie einige Reporter nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima mutmassten? Eher nicht. Der Grund lautet in den meisten Fällen 杉 Sugi, inoffiziell Japanische Zeder und offiziell Sicheltanne genannt. Der vulgäre Lateiner nennt sie Cryptomeria japonica. Und dieser Baum ist der Verursacher einer besonders heftigen Variante des Heuschnupfens. Schätzungen gehen davon aus, dass 25 bis 40 Millionen Japaner unter Sicheltannenheuschnupfen leiden. Wenn eine Krankheit hier den Namen „Volkskrankheit“ verdient hat, dann diese. Viele können zwischen Februar und April kaum noch aus ihren Augen schauen und schweben irgendwo zwischen dieser und einer anderen Welt. Wenn ich es genau bedenke, kenne ich in meinem Umkreis wahrscheinlich mehr Menschen mit dieser Pollenallergie als Menschen ohne.

Heute habe ich bei der Sendung TV Tackle von Takeshi „Beat“ Kitano erfahren (und das Fernsehen lügt ja bekanntlich nicht), dass man in Japan trotz allem Jahr für Jahr 15 Millionen neue japanische Zedern pflanzt. Ganz offiziell – 70% der Zedernforst wird zudem mit Steuergeldern bezahlt. Das sind viele Millionen Euro pro Jahr. Als man – wie oben beschrieben von weitem identifizierbare – Pollenallergieopfer mit diesen Fakten konfrontierte, waren diese verständlicherweise hellauf begeistert: Die eigene, alljährlich wiederkehrende Krankheit wird mit ihren eigenen Steuergeldern lanciert. Der Verdruss ist verständlich. Sicher, die Bäume werden grösstenteils in den Bergen gepflanzt, aber man hat festgestellt, dass die Pollen gut und gerne 300 km weit fliegen können.

Natürlich gibt es Gründe für die Baumwahl: Die Bäume wachsen sehr schnell, sind äusserst stabil und das Holz eignet sich hervorragend zum Bauen, und in Japan wird ja bekanntlich sehr, sehr viel mit Holz gebaut. Keine schnell wachsenden Bäume = erhöhte Hangrutschgefahr (die fast überall in Japan latent ist) = Eigenversorgung mit Holz als Baumaterial in Gefahr. Aber makaber ist das Ganze schon, denn die Kosten für das Gesundheitssystem sowie die Arbeitsausfälle dürften erstaunliche Dimensionen erreichen. In diesem Sinne wird sich so schnell also wohl nichts ändern.

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Rauer Ton im Krankenhaus

Januar 30th, 2015 | Tagged , , | 6 Kommentare | 2193 mal gelesen

In dieser Woche tauchte ein – anfangs zumindest heimlich aufgenommenes – Video bei YouTube auf, das momentan ziemlich hohe Wellen schlägt. Der Hintergrund: Ein brasilianischer Vater brachte sein krankes Kleinkind in die Notaufnahme eines Krankenhauses der Stadt Iwata in der Präfektur Shizuoka (dort leben sehr viele japanischstämmige Brasilianer). Die Ärzte schauten sich das Kind an und meinten hernach, das sei nichts Schlimmes, und der Vater solle am nächsten Tag noch mal bei einem regulären Arzt vorbeischauen. Daraufhin verlangte der Vater ein 診断書 shindansho – Attest, doch der Arzt weigerte sich, das Dokument auszustellen – mit der Begründung, so etwas gibt es in der Notaufnahme nicht.

Damit gab sich der besorgte Vater jedoch nicht zufrieden. Verständlicherweise. Wie sich später herausstellte, hatte er 5 Kinder, und eines der Kinder war bereits sehr jung verstorben. Und so redete er in brüchigem, aber höflichen Japanisch weiter auf den Arzt ein: „Was passiert nun, wenn es doch etwas Schlimmes ist?“ fragte er den Arzt, worauf jener lapidar „Dann verklag uns doch“ antwortete. Als der Arzt einen Anruf auf sein Handy empfing, gab er den Vater mit einem gemurmelten くそ野郎 kusoyarō (wörtlich: Scheißkerl) an seinen Kollegen weiter. Dabei fiel wohl auch das Wort 死ね (Verrecke!). Der Vater hatte dummerweise schon vorher die Kamera seines Handys angeschaltet, und so existiert alles schön auf Video.

Nach einer Weile kam eine Krankenschwester, die portugiesisch kann, hinzu und begann zu vermitteln. Der Vater offenbarte schliesslich, dass er filmte, und das ist dem Arzt sichtbar peinlich. Das ganze ist für den Arzt freilich ganz dumm gelaufen: Man kann davon ausgehen, dass er sich sicher war, dass der Zugewanderte die Schimpfwörter nicht versteht. Verstand er aber.

Ist das nun Fremdenfeindlichkeit? Schwer zu sagen. Aber eins ist es auf jeden Fall: Ein akuter Fall von flatus cerebri auf Seiten des Arztes. So redet man nicht. Nicht mit Patienten, egal ob sie die gleiche Sprache sprechen oder nicht. Und schon gar nicht mit dem besorgten Vater eines kleinen Kindes.

iwata-krankenhaus

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Livebericht aus dem japanischen Gesundheitswesen

Mai 28th, 2014 | Tagged , | 13 Kommentare | 16407 mal gelesen

Richtig krank war ich schon lange nicht mehr, und selbst meine Zähne machten seit rund 10 Jahren keinen Ärger. Das ist verdächtig. Irgendwann kommt das bestimmt mal ganz dicke, dachte ich mir so. Und siehe da. Am Sonnabend sollte es los gehen. Irgendwie fühlte sich der Gaumen komisch an. Als ob ich mich verbrannt hätte. Die Schmerzen kamen in Wellen. Am Sonntag wurde es nicht besser, denn die Schmerzen begannen, sich auf die Zähne und den Kopf auszustrahlen. Will heissen, nicht ein Zahn tat weh, sondern gleich mal 10. Oder so. Plus Kopfschmerzen. Plus Gaumen, der in Flammen zu stehen schien. Ausgerechnet am Sonntag.
Aber wohin damit? Zahnarzt? HNO? Was war da los? Erstmal zum Zahnarzt. Nach einer Weile fand ich einen, der auch am Sonntag geöffnet hat. Also fahre ich mit dem Fahhrad hin – 2 km Berg und Tal, bei segender Sonne und explodierendem Kopf. Dort angekommen, merke ich, dass ich meine Krankenkassenversicherungskarte nicht dabei habe. Die habe ich sonst immer, wirklich immer dabei. Ausgerechnet heute aber nicht. Ob es ausreicht, wenn meine Frau ein Photo davon schickt? Das tat sie auch, aber der liebe Herr Doktor meinte, er brauche dann doch eher das Original. Also 2 km zurück. Und wieder 2 km hin. 10 Minuten später schaut man mir kurz ins Maul, immerhin mit Kamera, und sagt: „Man sieht nichts. Vielleicht leicht verbrannt?“ Ich verneine. Dann tastet er sich vor: Kalte Luft. Ach, hier tut’s weh, ja? Noch mal mit dem Instrument draufdrücken: Hier, ja? Haaaaaaaaaai! Ich muss mich arg zusammenreissen. Diagnose: Also das ist zu weit vom Zahn weg, das kommt bestimmt nicht vom Zahn. Ist bestimmt nur die Schleimhaut gereizt – das geht bestimmt von alleine wieder weg. Falls nicht, kommen sie in ein paar Tagen noch mal wieder, und ich gebe ihnen eine Überweisung zu einem Facharzt!“
Mit einem komischen Gefühl bezahle ich die 950 Yen Ins-Maul-schauen-Gebühr und trolle mich. Nicht die Zähne? Das ist gut. Ich hasse Zahnärzte. Aber was ist es dann? Dank des Abtastens und der Bestrahlung mit Luft haben sich die Schmerzen jedenfalls in etwas entwickelt, was nur schwer zu beschreiben ist. Ich habe jedenfalls keine Kraft mehr, noch einen anderen Arzt aufzusuchen.
Nun gut. Ich schleppe mich also am Montag zur Arbeit und gehe auf dem Weg dorthin zu einem Allgemeinarzt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Gaumen geschwollen ist, aber es liegt in der Natur des Gaumens, dass man sich jenen nur schwer selber ansehen kann. Ja, versucht es mal mit nur einem Spiegel! Also gehe ich zu einem Allgemeinarzt gleich neben unserem Büro. „Hmm, also man sieht nichts. Vielleicht haben Sie sich verbrannt? Ich verschreibe ihnen mal was zum Gurgeln. Geht bestimmt von allein wieder weg – wenn nicht, schreibe ich Ihnen eine Überweisung für den Facharzt“.

Prima! Zwei Ärzte, eine Meinung. Beide scheinen zu denken, dass da gerade ein Hypochonder vorbeigeschaut hat. Das hilft mir freilich wenig, und ein explodierender Kopf erschwert das Programmieren, Übersetzen, Buchführung und Meetings und alles ungemein. Ich rufe also das hiesige Krankenkaus in Hiroo an. Ob ich einen Termin beim Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen bekommen kann. „Also diese Woche wird das nichts… ach nein, warten sie! Freitag? Ginge das?“. Geht nicht. Also erstmal doch, aber ich bin mir sicher, nicht den Freitag zu erleben, wenn das so weiter geht. Falls es ein Notfall sei, könnte ich aber auch direkt dort anrufen und fragen, ob es eher geht.

Es war ein Notfall. Obwohl, mal davon abgesehen, dass Essen, Trinken, Schlucken und Schlafen beinahe unmöglich waren, ging es mir eigentlich blendend. Ich schilderte also meine Lage. Die Schwester am anderen Ende schien gestresst zu sein. Aber meine Beschreibung war offensichtlich plastisch genug. Sie bat mich, kurz zu warten, und sagte schliesslich: „Könnten Sie jetzt vorbeikommen? Der Arzt meinte, er könne sich das vor dem Mittag ansehen“. Ich konnte. Alles andere musste einfach warten.

10 Minuten später. Da ich zum ersten Mal dort bin, melde ich mich erstmal im Krankenhaus an. Dann werde ich zum Facharzt geführt. Noch mal Formular ausgefüllt (Allergien? Trinken sie Alkohol? …) – und keine 5 Minuten später ruft mich ein Arzt in eine von insgesamt 7 nur doch Vorhänge abgetrennte Boxen. Ich setze mich also hin, erkläre – so weit das eben mit geschwollenem Gaumen geht – meine Lage. Er schaut einmal rein, drückt kurz rauf und meint: „Ah ja. Das ist deftig! Das müssen wir sofort mit dem Skalpell aufschneiden“.

Das Gefühl, gleichzeitig geschockt und begeistert zu sein, kannte ich bis dahin nicht so ausgeprägt. Der Mann scheint zu wissen, was er macht! Er erklärte lang und ausgiebig, was da los war. Betäubung, aufschneiden usw. usf… und er schickte mich herauf sofort zum Röntgen, Zahn-CT und Blutbild. Ein Marathon, der letztendlich fast 3 Stunden dauern sollte. Aber immerhin mit Happy End: Die Besserung stellte sich nach ein paar Stunden ein. Sicher, das war es noch nicht ganz, und ich werde wohl auf geraume Zeit Stammgast beim Zahnarzt werden… bestimmt aber nicht bei dem oben genannten. 11,000 Yen (rund 80 Euro) ärmer, aber halbwegs glücklich konnte ich mich dann endlich zurück zum Büro trollen.

Nach all den schlechten Dingen, die ich so über japanische Krankenhäuser gehört habe, muss ich meine erste Erfahrung damit erstmal als positiv einstufen. So schnell möchte ich da allerdings nicht wieder hin….

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Chinesische Medizin vs. Schnupfen

Februar 18th, 2011 | Tagged , | 13 Kommentare | 1939 mal gelesen

Geboren am 7. Feb 2011: LouVor drei Tagen fielen abends selbst in Tokyo knapp 10 cm Schnee (immerhin!) – natürlich Schnee von der übelsten Sorte, grossflockig und nass, stellenweise auch mit Regen versetzt. Was macht die halbe Stadtbevölkerung dann? Genau, sich erkälten. Dem habe ich mich dank der täglichen Fahrten in vollen Bahnen triefender und schnaubender Zeitgenossen mal wieder angeschlossen.
Normalerweise koste ich dabei meine Erkältungen voll aus – warum nicht eine Woche leiden, wenn es mit Medizin nur 7 Tage dauert? Dieses Mal habe ich mich jedoch ausnahmsweise für Medizin entschieden – meinen Kindern zuliebe und weil man ja doch irgendwie Hoffnung hat, das ganze abkürzen zu können.
Da ich bereits weiss, dass normale japanische Erkältungsmedizin bei mir rein gar nichts bewirkt (vielleicht, weil sie auf 50 kg leichte Durchschnittsjapaner abgestimmt ist? Nur so ein Verdacht), habe ich dieses Mal zur Zauberwaffe gegriffen: 漢方 kanpō. Das ist traditionelle, chinesische Medizin, die auch in Japan sehr, sehr verbreitet ist. Man kann sie überall kaufen, ob verschreibungspflichtig oder nicht. Die Inhaltsstoffe klingen schon mal vielversprechend: Neben diversen Kräutern ist auch 牛黄 goō dabei – die Zeichen stehen für „Rind“ und „gelb“. Das klingt schon mal verdächtig – und ist es auch. Es sind Gallensteine vom lieben Rindvieh. Na dann! Gottseidank sind es Kapseln, die sich im Magen auflösen. Die Medizin hilft wohl gegen Halzschmerzen, Kopfschmerzen, leichtes Fieber, Triefnase und Schüttelfrost. Ob sie wirklich hilft? Gute Frage. Schlechter geht es mir nicht. Wesentlich besser aber auch nicht. Nächstes Mal werde ich mich dann wohl doch wieder für die masochistische Variante entscheiden.
Das Problem ist dabei bestimmt auch der Glaube. Nein, ich glaube nicht daran, dass alle Medikamente helfen. Ich weiss, dass Antibiotika z.B. unersetzlich sind und sehr schnell helfen, aber eine echte Medizin gegen Erkältung? Das ist dann wohl doch eher viel Schlaf, ab und an eine heisse Zitrone und zur Vorbeugung mehr Sport. Letzteres fehlt mir momentan leider wirklich.

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Das Ende der Homöopathie in Japan

Oktober 6th, 2010 | Tagged , | 10 Kommentare | 1261 mal gelesen

In letzter Zeit liest man des öfteren über Homöopathie in Japan – allerdings nichts Gutes. Auch in Japan hatte diese Art der Behandlung ihre Anhänger – auch unter Medizinern. Homöopathie besagt, dass eine Krankheit dadurch heilbar wird, indem man Mittel verabreicht, die bei gesunden Menschen ähnliche Symptome hervorrufen würde wie bei der Krankheit üblich. Dabei werden die Wirkstoffe in der Regel nach einem gewissen Schema verdünnt. Der deutsche Artikel in der Wikipedia zur Homöopathie fasst Meinungen zum Thema kurz und trocken so zusammen:

Das Hahnemann’sche Ähnlichkeitsprinzip (=die Homöopathie, der Autor) ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die behauptete selektive Steigerung erwünschter Wirkungen durch die rituellen Prozeduren des Potenzierungsverfahrens widerspricht naturwissenschaftlichen Erkenntnissen.

Nun bin ich zu wenig vom Fach, um das ganze objektiv beurteilen zu können. Sicher, das Wirkungsprinzip klingt schon nach einer grossen Spur Hokus-Pokus, aber das soll nichts heissen. Persönlich finde ich es allerdings immer wieder faszinierend unlogisch, wie manche Zeitgenossen nur allzu gern von den positiven Effekten natürlicher Substanzen im Gegensatz zu den bösen Eigenschaften künstlicher Substanzen reden – es dürfte der Gesundheit aber im allgemeinen abträglich sein, wenn man zu viel am Fingerhut lutscht oder etwas mehr vom Fliegenpilzwodka in sich hereinschüttet. Egal – kommt alles aus der Natur, muss also gut sein.

Um zum Thema zurückzukommen: Im vergangenen Jahr starb ein kleines Mädchen wenige Tage nach der Geburt in der Präfektur Yamaguchi. Das gesundheitliche Problem hätte sich mit Verabreichung von Vitamin K leicht lösen lassen können, doch die Hebamme vor Ort entschied sich dagegen und stattdessen für ein homöopathisches Mittel. Mit besagtem Resultat. Das trat eine Zahl neuer Forschungsprojekte und Diskussionen los – bis in dieser Woche der Vorsitzende des Wissenschaftsrates Japans (日本学術会議) Kanazawa Ärzte in Japan vor der Homöopathie warnte und die Methode mit 荒唐無稽 (kōtō mukei) betitelte – das bedeutet so viel wie Nonsens. Viele Ärzteverbände schlossen sich dem Aufruf an – das zusammen mit der von den Medien geprägten Meinung dürfte dieser Methode in Japan quasi den Garaus machen.

Das Wort des Tages: 漢方 kanpō. Der „chinesische Weg“ – die chinesische, traditionelle Heilkunde. Schon immer und ununterbrochen sehr beliebt in Japan – keine Modeerscheinung wie etwa die Homöopathie.

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