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Abgeschminkt: Tokyu Railways verprellt Frauen in Tokyo

Oktober 28th, 2016 | Tagged | 2 Kommentare | 2000 mal gelesen

Seit es Eisenbahnen in Japan gibt, versuchen sich die Eisenbahngesellschaften an der Erziehung ihrer Fahrgäste. Das ganze geschieht mal mehr, mal weniger provokant, und nach Meinung der meisten Tokyo-Besucher ziemlich erfolgreich, denn trotz der Menschenmengen sind die Leute vergleichsweise diszipliniert. Natürlich gibt es trotzdem Sachen, die den Leuten auf den Zeiger gehen – das ist kein Wunder bei den vollen Zügen. Darüber gibt es sogar richtige Ranglisten, zum Beispiel diese hier¹:

  1. Beim Ein- und Aussteigen die Türen blockieren
  2. Mehr als einen Sitzplatz vereinnahmen
  3. Seniorensitz nicht freimachen, wenn eine bedürftige Person kommt
  4. Kopfhöhrer benutzen, aus denen Musik nach aussen dringt
  5. Ohne Maske niesen oder husten
  6. Sich im Zug schminken
  7. Schweres Parfüm benutzen
  8. Obwohl es andere stört, am Handy herumspielen
  9. Mit Tasche auf dem Rücken einsteigen
  10. Obwohl es andere stört, Zeitungen oder Magazine lesen

Eine interessante Reihenfolge, bei der meine persönliche Nummer 1 fehlt – meist ältere Männer, ganz selten auch mal Frauen, die plötzlich austicken und einen Fahrgast aufs übelste Beschimpfen – davon gibt es hier ein schönes Video, und ich erlebe das im Schnitt ein Mal im Monat, irgendwo im selben Waggon.

Zur Zeit veranstaltet 東急電鉄 Tokyū Railways eine Kampagne gegen vermeintliche und echte Unsitten im Zug und auf den Bahnhöfen – auf YouTube und in den Eisenbahnwaggons selbst. Eine Folge verursachte nun einen Aufschrei unter den weiblichen Fahrgästen. Die Sprecherin beginnt die Belehrung mit den Worten, dass „die Frauen in der Grossstadt (都会 tokai) alle sehr schön seien, manchmal aber nicht so schön anzusehen sind“. Trotzdem sollen sich die Damen nicht im Zug schminken, denn das will niemand sehen. Das ganze kommt ziemlich aggressiv herüber. Von der unnötigen Betonung des Wortes „Grossstadt“ mal abgesehen, fragen sich viele Frauen – zu recht, finde ich – was das eigentlich soll, und ob das wirklich so schlimm ist, wenn sich jemand im Zug schminkt. Also mich stört es nicht. Im Gegenteil: Ich bewundere die Frauen manchmal, denn es wackelt auch in japanischen Zügen ordentlich, und es wundert mich immer wieder, dass die Damen beim Aussteigen um den Mund herum nicht aussehen wie Robert Smith von The Cure.

Man kann es mit den Belehrungen auch übertreiben. Verständlicher ist da allerdings das nächste Video – in dem geht es gegen Fahrgäste, die beim Herumlaufen an ihrem Handy herumspielen: „Wie in einer Fernsehserie sind wir aneinandergerempelt. Das war jedoch kein Schicksal, sondern ein Smartphone auf Beinen“. Das ist in der Tat wirklich nervend:

Und dennoch – nirgendwo in der Welt habe ich diszipliniertere Fahrgäste gesehen, vor allem wenn man bedenkt, wie voll die Züge hier tagtäglich sind und wie viel Stress das in Menschen verursachen kann.

abgeschminkt

¹ Siehe hier

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​Phänomen Pikotaro

Oktober 20th, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 1935 mal gelesen

​Seit ein paar Wochen schon hört man in Japan überall den Namen ピコ太郎 Piko Tarō (PIKOTARO) und sein eigenwilliges Liedchen, das so kompliziert ist, dass man es nunmehr einfach nur mit PPAP abkürzt. Das steht für Pen Pineapple Apple Pen, beziehungsweise um es korrekt auf Japlish bzw. Engrish zu sagen, ペンパイナッポーアッポーペン (Penpainappoappopen). Und damit ist eigentlich schon der ganze Text verraten. Mit diesem gerade mal 1:09 langen Stück, wohlgemerkt sein Erstlingswerk, hat es der Komiker beim heutigen Stand nicht nur auf 57 Millionen Abrufe seines Youtube-Videos gebracht – sondern heute auch in die Top 100 der amerikanischen Billboard-Charts. Als Neueinsteiger landete er auf Platz 77, und ist damit der erste Japaner seit 26 Jahren, der es in die amerikanischen Top 100 geschafft hat. Sowie der 7. Japaner überhaupt. Nicht schlecht für einen 54-jährigen Entertainer, den bis dato kaum einer kannte.

Der Erfolg des Stückchens zeigt, wie zufällig und eigenwillig Erfolg sein kann. Die ersten, die auf Pikotaro aufmerksam wurden, waren sehr wahrscheinlich japanische Oberstufenschülerinnen – die berühmten 女子高校生 joshi kōkōsei fungieren ja nicht selten als Trendsetter. Und in diesem Fall kommt das auch nicht von ohne her: Die betont japanische Aussprache der vier englischen Wörter sowie die Wahl der Wörter erinnert unweigerlich an den oftmals absurden Englischunterricht an japanischen Schulen, der sich nicht selten auf das sture Pauken abstruser grammatikalischer Konstrukte, stumpfes Vokabellernen und das gemeinsame Nachsprechen so wichtiger Sätze wie „This is a pen“ und „This is an apple“ beschränkt – in nicht selten radebrechender Aussprache seitens des Lehrers selbst. Das Lied ist schlichtweg eine Parodie auf die englische Sprachbildung in Japan. Und als solches ist das Opus ein kleines Meisterstück, nicht zuletzt wegen seiner Schlichtheit.

Ach ja: Japanisch lernen kann man mit Pikotaro jetzt auch. Zumindest drei Vokabeln. Bei der er allerdings auch die Aussprache herrlich verhunzt:

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Also das mit dem omotenashi…

Oktober 12th, 2016 | Tagged , | 1 Kommentar | 1474 mal gelesen

… muss vor den Olympischen Spielen scheinbar noch ein bisschen geübt werden. Schliesslich war „Omotenashi“ (in etwa: „Gastfreundschaft“) eines der Schlagwörter bei der Bewerbung für die Olympischen Spiele 2020. Und auf besagtes „omotenashi“ ist man in Japan ganz besonders stolz — gerade so, als ob so etwas wie Gastfreundschaft in anderen Ländern auf gar keinen Fall existiert.

Heute wurde bekannt, dass ein Angestellter der Nankai-Eisenbahnlinie am 10. Oktober eine Lautsprecherdurchsage der etwas anderen Art durch den Äther pustete: „Heute fahren viele Ausländer mit diesem Zug, weshalb es sehr voll ist. Wir bitten die japanischen Passagiere um Verständnis für die damit verbundenen Unannehmlichkeiten“.¹ Ein japanischer Fahrgast erkundigte sich daraufhin an der Endhaltestelle, ob besagte Durchsage etwa eine Standarddurchsage sei. Der Angestellte wurde daraufhin befragt und letztendlich abgemahnt. Seine Begründung für sein Verhalten: Ein japanischer Passagier hatte sich lautstark beschwert, dass so viele Ausländer im Zug seien und es deshalb unerträglich laut sei. Laut Befragung sah sich der Schaffner daraufhin genötigt, sich mit der Durchsage zu entschuldigen — wohl aber nicht mit der Absicht, diskriminieren zu wollen. Nun ja. Laut Bahnlinie gab es schon häufiger Beschwerden über Ausländer in dem Zug aufgrund der Lautstärke und ihres Gepäcks, das die Wege versperrt. Allerdings: Bei der Bahnlinie handelt es sich um einen Flughafenzubringer (zum nicht gerade kleinen Kansai International Airport bei Osaka).

Passend zum Thema – quasi gleich in der Nähe, im Stadtzentrum von Osaka, wurde in der vergangenen Woche aufgedeckt, dass ein Sushirestaurant mit dem Namen Ichiba Zushi ausländischen Gästen wesentlich mehr Wasabi ins Sushi unterjubelt als einheimischen Gästen. Während sich die Japaner genüsslich das Sushi schmecken liessen, hatten so die ahnungslosen Ausländer einfach nur Tränen in den Augen². Der Vorfall erhielt bald Beinamen wie Wasabi-Terror und dergleichen. Letztendlich entschuldigte sich der Restaurantbetreiber öffentlich für das Fehlverhalten seiner Angestellten. Die hatten allerdings auch eine Erklärung parat: Vor allem koreanische Gäste fragten oft nach extra viel Wasabi, denn wie ja allgemein bekannt, speisen Koreaner gern scharf. Irgendwann sind die Sushimeister deshalb darin übergegangen, ungefragt den Wasabigehalt zu erhöhen. Das ist in der Tat jedoch nicht normal: Extra viel oder gar kein Wasabi sind bei Sushirestaurants Standardwünsche, doch die Betonung liegt da auf „-wünsche“.

Fairerweise muss man allerdings dazu sagen, dass solche Vorfälle relativ selten sind – so selten, dass sie es in die Hauptschlagzeilen schaffen, so sie denn entdeckt werden. Sicher – Diskriminierung gibt es auch in Japan (in sehr vielen Fällen wird das von den Betroffenen mangels Sprachkenntnisse nicht einmal bemerkt, aber es gibt sie eben auch). So wurde mir ein Mal eine Reservierung in einem Hotel verweigert, mit der Begründung, man nehme keine Ausländer auf, da man kein Ausländisch spreche und deshalb nicht den üblichen Service garantieren könne (sehr einleuchtend!). Dass die obigen Fälle jedoch in Kansai stattfanden, überrascht mich zumindest nicht sehr. Denn dort wird man oben genannte negative Extreme als auch positive Extreme wie diesen hier eher erleben als zum Beispiel in Tokyo.

¹ O-Ton: „本日は多数の外国人のお客さまが乗車されており、大変混雑しておりますので、日本人のお客さまにはご不便をおかけしております“. Siehe hier (Mainichi Shimbun)
² Siehe unter anderem hier (Nikkei)

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„Hikikomori“ – Japans moderne Einsiedler werden älter

September 9th, 2016 | Tagged | 2 Kommentare | 952 mal gelesen

Quelle: http://lightrend.com/light/post-12535/

Quelle: http://lightrend.com/light/post-12535/

Die sogenannten 引きこもり hikikomori – Menschen, die sich komplett aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen – sind zwar keine rein japanische Besonderheit, aber dieser japanische Begriff hat es dennoch in die weite Welt geschafft, genauso wie das ebenfalls nicht auf Japan begrenzte, aber gern als japanisches Phänomen bezeichnete, da hier gehäuft auftretende 過労死 karōshi („Tod durch Überarbeitung“). Beide Phänomene sind äußerst negative Randerscheinungen der japanischen (Arbeits)welt und werden von der Politik durchaus ernst genommen, beziehungsweise zumindest gut untersucht. So veröffentlichte gestern das japanische Kabinettsamt zum ersten Mal seit 2010 eine umfangreiche Studie¹ zum Thema und stellte dabei fast, dass es in ganz Japan insgesamt 540,000 hikikomori in der Gruppe der 15 bis 39-jährigen gibt². Als hikikomori gilt, wer mindestens 6 Monate lang maximal zum Convenience Store oder zum Frönen des eigenen Hobbys nach draussen geht, ansonsten aber weder einer Arbeit nachgeht noch an irgendeinem Unterricht teilnimmt. Zu dieser Altersgruppe gehören insgesamt 35 Millionen Japaner – damit liegt der Anteil der freiwilligen Einsiedler bei 1,5%. Im Vergleich zur Studie im Jahr 2010 sind es immerhin 150’000 Menschen weniger, jedoch:  Zum einen schrumpft diese Altersgruppe, zum anderen hat man diese Zahl aus der vergleichsweise kleinen Versuchsgruppe von 3’115 Menschen extrapoliert (befragt wurden 5’000 Menschen, geantwortet haben gut 3’000). Immerhin hat man so herausgefunden, dass ein gutes Drittel der hikikomori bereits seit mehr als 7 Jahren nichts anderes macht als zu Hause zu sitzen.

Die Studie stellte ebenfalls fest, dass sich der Anteil der 35 bis 39-jährigen mehr als verdoppelt hat, was möglicherweise bedeutet, dass die hikikomori einfach älter werden und nicht geringer, denn wie viele +40-jährige dazu zählen, wurde nicht untersucht. Ob die Zahlen nun etwas grösser sind oder kleiner ist jedoch nebensächlich, denn Japan kann es sich nicht leisten, eine halbe Million Menschen an den heimischen Futon zu verlieren, denn diese Menschen fehlen in der Wirtschaft. Immerhin gibt es aber einen Hoffnungsschimmer: Suga, Chef des Kabinettssekretariats, und noch weitere Politiker, mutmassten bereits, dass möglicherweise Pokémon GO die Einsiedler raus ins tobende Leben locken könnte³. Das wage ich allerdings zu bezweifeln, denn die Gründe für das komplette Zurückziehen aus der Gesellschaft sind oft nicht ohne weiteres zu beseitigen – in vielen Fällen waren es traumatische Erlebnisse in japanischen Firmen…

¹ Den Fragebogen der Studie „Zum Leben junger Menschen“ kann man hier einsehen.
² Siehe unter anderem hier (Japanisch) und hier (Englisch).
³ Siehe unter anderem hier (Japanisch).

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Was Japaner so über das Ausland denken

August 18th, 2016 | Tagged | 8 Kommentare | 1176 mal gelesen

Heute bin ich zufällig über ein Video gestolpert, in dem wahllos Japaner ganz normal und unaufgeregt über ihre Auslandserfahrungen sprechen – wo sie waren, was sie als positiv und was sie als negativ empfunden haben. Für Japanischlernende ist dieses Video übrigens eine gute Sprachübung.

Neues kam dabei nicht raus – nicht für mich zumindest – aber man ertappt sich nach mehr als über einem Jahrzehnt in Japan dabei, die Seiten zu wechseln. Erst recht, wenn man selten nach Hause fliegt und gerade erst wieder da war. Doch eine Sache bleibt mir nach wie vor ein Rätsel: Ich habe nun schon von unzähligen Japanern zu hören bekommen, dass es in Europa zum Beispiel anders riecht, und das ist nicht positiv gemeint. Viele Japaner denken, dass Ausländer stärker riechen. Sicher, echte Stinkbomben trifft man in Japan weniger häufig als anderswo, und Japaner baden wahrscheinlich wirklich häufiger und ausgiebiger als andere Nationen. Die Behauptung aber, dass viele Ausländer unangenehm riechen, konnte und kann ich jedenfalls so nicht teilen.

Beschwerden über das Essen oder die mangelnde Sicherheit in den Strassen (in Barcelona haben sich innerhalb von fünf Tagen gleich zwei Mal Trickbetrüger um mein Geld bemüht – ging jedoch beide Male zum Glück glimpflich aus) sowie über unverlässliche Eisenbahnen sind weitgehend bekannt; auch die positiven Erfahrungen über nette Menschen, stärkere Familienbunde usw. sind so häufig zu hören.
Was denken Japaner über Ausländer?

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Sag mir wo die Japaner sind…

Juli 30th, 2016 | Tagged , | 13 Kommentare | 1170 mal gelesen

Ein munteres ¡Hola! aus Barcelona… und nur ein kurzer Beitrag am Rande. Seit 8 Tagen bin ich nebst Familie auf Tour – über Doha (Qatar) ging es erst nach Berlin und nun schliesslich nach Barcelona, dessen bekanntester Fussballclub ja auch von Qatar gesponsert wird, womit sich der Kreis wunderbar schliesst.

Was mir bei dieser Reise allerdings von Anfang an auffiel, ist das nahezu vollständige Fehlen japanischer Touristen. Normalerweise sieht man sie überall – vor allem um diese Jahreszeit, denn schliesslich haben in Japan bereits die Ferien begonnen. Doch selbst im Flieger nach Doha waren mehr Ausländer im Flugzeug als Japaner, und weder in Deutschland noch in Barcelona sind mir welche begegnet (mit Ausnahme von zwei Japanern am Bahnhof von Wittenberg), was recht merkwürdig ist. Allerdings habe ich bisher auch keine Koreaner – und nur sehr wenige Chinesen gesehen.

Die Ursache dürfte klar sein. Nachrichten von Terror- und anderen Attacken in Europa mehren sich, und obwohl Europa natürlich sehr gross ist, wird schnell die Assoziation Europa = Terror = Hochgefährlich in den Köpfen implantiert. Selbst meine Geschäftskollegen quittierten meine Nachricht, dass ich nun eine Weile in Europa sein werde, mit einem mitleidsvollen Blick und den Worten „passen Sie bloss auf sich auf!“.

Ewige Baustelle Sagrada Família - so gesehen könnte man den neuen Hauptstadtflughafen BER auch zum UNESCO-Weltkulturerbe erklären!

Ewige Baustelle Sagrada Família – so gesehen könnte man den neuen Hauptstadtflughafen BER auch zum UNESCO-Weltkulturerbe erklären!

Und so bleiben die Touristen aus, werden Geschäftstreffen abgeblasen oder verschoben und so weiter und so fort. Dass einige der Geschehnisse in jüngster Zeit keine Terrorattacken waren sondern einen anderen Hintergrund hatten spielt da kaum eine Rolle, denn in den ersten Schlagzeilen taucht meistens das Wort Terror auf. Ob dahinter ein Fragezeichen stand oder nicht weiss am nächsten Tag niemand mehr. Und dass so etwas auch in Japan vorkommen kann (Sarin-Anschlag der Aum-Sekte, Amoklauf in Akihabara oder das Massaker an den Einwohnern einer Behinderteneinrichtung in Sagamihara vor 4 Tagen mit 19 Toten) scheint auch keine Rolle zu spielen.

Der indirekte wirtschaftliche Verlust für Europa wird enorm sein, und er wird mit jedem Anschlag oder jeder Tat, die nach Anschlag aussieht, wachsen. Mehr Sorge als die Anschläge selbst machen mir jedoch die „Massnahmen“, die danach immer ergriffen werden – greifen sie doch in der Regel tief in das Leben der „Unbescholtenen“ ein. Man denke nur daran, wie unkompliziert das Fliegen vor 2001 war und wie kompliziert es heute ist.

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Banzai! 63,4% zahlen wirklich ihre Rente!

Juli 1st, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 639 mal gelesen

Besser gut aufheben: Das japanische Rentenbeitragsbuch

Besser gut aufheben: Das japanische Rentenbeitragsbuch

Eine sensationelle Nachricht drang heute aus dem Arbeits- und Wohlfahrtsministerium: Seit 4 Jahren steigt die Rate derer, die in die staatliche Rentenkasse einzahlen, an, und lag so im Jahr 2015 bei … Fanfaren bitte … 63,4%¹. Damit ist jedoch nicht der Anteil derer gemeint, die in die Rentenkasse an sich einzahlen, sondern der Anteil derer, der eigentlich einzahlen müsste — und letztendlich auch wirklich zahlt!

In dieser Hinsicht ist Japan schon sehr eigenartig. Es gibt für alles Regeln, und im Grossen und Ganzen hält man sich hier an die Gesetze, aber wenn es um Steuern und Beiträge geht, ist der Anteil derer, der nicht zahlt, enorm hoch. Im Falle der Rente ist ein Drittel eine gigantische Menge und ein massives Problem, denn die Nichtzahler müssen natürlich auch irgendwie im Alter versorgt werden — den zahlenden zwei Dritteln kann man jedoch nicht zumuten, deren Beiträge mitzuzahlen. Im rasch alternden Japan ist das besonders schwerwiegend. Solange man diese Beiträge nicht ernsthaft einfordert, helfen auch so schön klingende Projekte wie das umstrittene 年金積立金管理運用独立行政法人 nenkin tsumitatekin kanri un’yō dokuritsu gyōsei hōjin – kurz „GPIF“ (Government Pension Investment Fund)² nicht viel. Der GPIF ist übrigens der grösste Rentenfond der Welt und hantiert mit knapp einer Billion Euro.

Rente muss jeder, ob Japaner oder Ausländer, zahlen, der zwischen 20 und 60 Jahre alt ist. Fest Angestellten wird die Rente direkt vom Gehalt abgezogen – diese Rente wurde bis vor kurzem noch 厚生年金 kōsei nenkin („Wohlfahrtsrente“) genannt, und von ihr ging direkt die oben genannte 国民年金 Kokumin nenkin, wörtlich Volksrente, ab.

Diese Kategorie mit einbezogen gibt es in Japan rund 40 Millionen Menschen, die eigentlich auf den einen oder anderen Weg einzahlen müsste. Wenn die Statistik nun besagt, dass man von einem Drittel keine Beiträge einsammeln konnte, so beinhaltet das noch nicht mal die Menschen, deren Zahlungen aus Härte- oder anderen Gründen gestundet wurde. Nimmt man diese Gruppe mit in die Rechnung auf, so sind es lediglich 50% derer, die eigentlich einzahlen müssten, dieses aber nicht tun.

Das ist auch insofern erstaunlich, dass die Strafen eigentlich hart sind. Firmen bezahlen zum Beispiel bis zu 15% Strafzins, wenn sie mehr als zwei Monate mit der Weiterleitung der Beiträge im Verzug sind. Auch bei Privatpersonen werden saftige Zinsen draufgeschlagen. Nach ein paar Monaten wird dann auch sowohl Firmen als auch Privatpersonen mit Pfändung (差押え sashiosae) gedroht – doch die Statistik macht klar, dass das nicht funktioniert.

¹ Siehe unter anderem hier (Japanisch)
² Hier ist die offizielle Seite des GPIF (Englisch)

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Neues und grandioses Gesetz gegen Volksverhetzung tritt in Kraft

Juni 1st, 2016 | Tagged , | 4 Kommentare | 839 mal gelesen

Bisher war das in Japan kein Problem und absolut legal: Mit Postern und Megaphonen durch Wohnviertel ziehen und dabei laut verkünden, dass alle ethnischen Koreaner aufgehängt oder anderweitig ermordet werden sollen. Solche Demonstrationen sind in der Regel klein – die Teilnehmerzahlen sind oft zweistellig, wenn es hochkommt dreistellig. Doch Bekundungen dieser Art reichen trotzdem aus, um in den vor allem von zahlreichen ethnischen Koreanern bewohnten Vierteln wie zum Beispiel 大久保 Ōkubo (bei Shinjuku) für Verunsicherung zu sorgen. Das ist auch klar: Wer möchte zum Beispiel seinen Kindern so etwas zumuten? Gruppierungen wie die berüchtigte 在特会 Zaitokukai suchte sich natürlich gezielt Wohngebiete mit hohem Koreaneranteil beziehungsweise im Falle von Kyoto sogar eine koreanische Schule aus, denn das Ziel ist das gleiche wie bei allen anderen extremistischen, menschenverachtenden Gruppierungen: Man will Angst und Verunsicherung schüren.

In Japan waren bisher Verleumdungen und Drohungen strafbar, doch Volksverhetzung nicht. Japan ratifizierte 1995 das Internationale Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung (UN-Rassendiskriminierungskonvention und wurde mehrfach angemahnt, etwas gegen Volksverhetzung zu unternehmen, doch das hielt man bislang nicht für nötig. Jetzt wurde jedoch wenigstens eine Maßnahme gegen die im Neujapanischen ヘイトスピーチ hate speech genannte Krankheit Volksverhetzung getan: Nach einjähriger Diskussion im Parlament beschlossen Regierung und Opposition am 24. Mai gemeinsam, ein Gesetz gegen Volksverhetzung zu verabschieden – das ヘイトスピーチ対策法 hate speech taisaku-hō (Gesetz zu Massnahmen gegen Volksverhetzung).

Auf einer Anti-Korea-Demo in Japan

Auf einer Anti-Korea-Demo in Japan

So weit, so gut. Das ganze hat jedoch einen gewaltigen Haken: Das Gesetz verbietet Volksverhetzung nämlich gar nicht, und Strafen sind dementsprechend auch nicht vorgesehen – lediglich Massnahmen zur Eindämmung. Und die sollen am 3. Juni zu greifen beginnen. Dank dieses Gesetzes war es heute jedoch zum Beispiel dem Bürgermeister von Kawasaki möglich, einer ultrarechten Gruppierung eine Demonstration im Viertel Sakuragi zu verwehren. Dieses Viertel ist Kawasaki’s eigenes Koreanerviertel, und so kann die Demo nur einen Zweck haben: Gift zu sprühen und Hass zu verbreiten. Am 5. Juni sollte es soweit sein: Eine Hassdemonstration mit dem Titel 川崎発!日本浄化デモ第3弾 Aufbruch in Kawasaki: Die Säubert-Japan-Demo – dritte Auflage sollte in zwei Parks (Fujimi-Park und Inage-Park) stattfinden, doch zum ersten Mal gab eine Kommune dem Antrag nicht statt. Immerhin etwas. Wenn man sich jedoch mal wieder die Kommentare unter den betreffenden Meldungen (zum Beispiel hier) durchliest, merkt man schnell, dass nicht das Zaitokukai das Problem ist, sondern die zahllosen Unterstützer im Dunkeln, die sich nur feige-anonym im Internet dazu äussern. Rassismus in Japan ist ein nachwievor latentes Problem, und so richtig will keiner der etablierten Politker etwas dagegen unternehmen. Anders kann ich es mir nicht erklären, wie man ein Gesetz zur Volksverhetzung verabschiedet, ohne jene zu sanktionieren.

Wer wissen will, wie es auf einer japanischen Kundgebung der Ultrarechten so zugeht — einfach mal hier auf Youtube vorbeischauen – es gibt genug Material. Achtung – es wird laut.

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Senryū-Wettbewerb 2016: Die Gewinner und mehr

Mai 24th, 2016 | Tagged , , | 5 Kommentare | 867 mal gelesen

sararimanAuch in diesem Jahr fand er wieder statt – der サラリーマン川柳コンクール Sarariman-Senryū-Wettbewerb, ausgetragen von der der Daiichi Seimei Hoken (“Erste Lebensversicherung”). Und zwar zum 29. Mal. Die Gewinner wurden heute bekanntgegeben, und bis März hatte jeder die Möglichkeit, aus den 100 besten Senryūs den persönlichen Favoriten zu nominieren. Da diese Senryu immer ein herrlicher Spiegel der Zeit sind und zudem noch eine gute Sprachübung, möchte ich an dieser Stelle wieder eine kurze Auswahl vorstellen:

退職金もらった瞬間 妻ドローン
Taishokukin moratta shunkan tsuma dorōn
Kaum erhalte ich mein Altersgeld, die Gattin zur Überwachungsdrohne mutiert

Der Sieger des diesjährigen Wettbewerbs. Drohnen sind auch in Japan ein ganz grosses Thema, und dieses Haiku deutet an, dass so manche japanische Ehefrau sicherlich sehr genau darüber wacht, was der Göttergatte mit dem (zumindest bei grossen japanischen Firmen) sehr üppigen Altersgeld macht.

じいちゃん建てても孫がばあちゃんち
Jiichan tatetemo mago ga baachanchi
Obwohl der Opa das Haus gebaut, nennen es die Enkel „Omas Haus“

Der Zweitplazierte. Und auch das ein schöner Spiegel der Gesellschaft in Japan. Japanischlerner sollten das -chi am Ende bemerken: Das ist Kindersprache und eine Abkürzung von „uchi“ (Haus).

君だけは俺のもの マイナンバー
Kimi dake ha ore no mono da yo my number
Du bist das einzige, was nur mir gehört – My Number

Der drittplatzierte. Ledige, jeden Tag bis Mitternacht arbeitende junge Schlipsträger werden darüber wohl nur gequält lächeln können.

娘来て 「誰もいないの?」オレいるよ
Musume kite „dare mo inai no?“ Ore iru yo
Kommt die Tochter vorbei „Niemand da?“ – Doch, ich!

Dieser Haiku fand auch sehr viel Zuspruch und deutet daraufhin, dass der durchschnittlich rackernde japanische Schlipsträger so gut wie nie zu Hause ist — und damit zu Hause quasi Luft ist.

「できません‼︎」 言えるあなたは 勝ち組です
„Dekimasen!!“ ieru anata wa kachigumi desu
Der, der „das kann ich nicht“ sagen kann, ist der eigentliche Gewinner

Dieser hier ist herrlich: Die meisten wagen es nicht, „nein“ zu sagen, wenn sie vom Vorgesetzten gebeten werden, etwas zu machen – ob sie es können oder nicht. Die Arbeiter, die alles annehmen, bezahlen natürlich den Preis dafür: Schnell sind zahllose Überstunden die Folge (siehe alte Managerregel: Wenn Du etwas sehr schnell erledigt haben möchtest, frage den, der am beschäftigsten ist!).

本物の ビール3本 わが爆買い
Honmono no biiru sanbon wagabakugai
Drei richtige Dosen Bier – so sieht mein „Kaufrausch“ aus

Über „bakugai“ habe ich ja erst im letzten Artikel berichtet. Wie praktisch.

我が家では イエスかハイの 二択制
Wagaie de wa yes ka hai no nitakusei
„Yes“ oder „hai“: Bei uns zu Haus‘ gibt es zwei mögliche Antworten

辞書にない 難読難解 生徒の名
Jisho ni nai Nandoku nankai seito no na
Schwer zu lesen, schwer zu entziffern – steht in keinem Wörterbuch: die Vornamen meiner Schüler

Diesem Thema habe ich in meinem Buch sogar ein ganzes Kapitel gewidmet.

Ältere Artikel zu den Senryu auf diesem Blog: Die besten Senryu 2015, 2013, 2009 und 2007.

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Unbeliebtes China oder können 83% der Japaner irren?

Mai 20th, 2016 | Tagged , | 9 Kommentare | 1052 mal gelesen

Alljährlich und beginnend mit der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit der VR China vor 44 Jahren veranlasst das japanische Außenministerium eine Umfrage, in der unter anderem untersucht wird, was der Durchschnittstaro über eben jene Volksrepublik denkt¹. In diesem Jahr war das Ergebnis so schlecht wie nie: 83,2% der Befragten gaben an, der VR China und deren Bewohnern gegenüber „nicht wohlgesonnen“ oder „eher nicht wohlgesonnen“ zu sein. Das war früher anders: Bis zum Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 war es eher andersrum – bis zu 80% blickten dabei wohlwollend auf die Festlandschinesen. Logisch, könnte man hier einwerfen: In jener Zeit war es ja normalen Chinesen gar nicht möglich, nach Japan zu kommen – man konnte den Genossen gemütlich aus der Ferne zusehen und freute sich wahrscheinlich, dass sich das Riesenreich allmählich wirtschaftlich öffnete.

Veränderung der Unbeliebtheitsskala gegenüber China. Quelle: Aussenministerium

Veränderung der Unbeliebtheitsskala gegenüber China. Quelle: Aussenministerium

Mit dem Tian’anmen-Vorfall war das plötzlich vorbei: Der Anteil derer, der eher mißtrauisch auf das Treiben in China sah, war schlagartig in der Mehrheit. Und in den vergangenen Jahren kann man auch nicht gerade von einer Sonnenscheinpolitik Chinas gegenüber Japan sprechen: Die Gebietsansprüche sind enorm, auch gegenüber Japan (Senkaku-Inseln) und werden immer aggressiver vertreten. Doch das ist nicht das einzige Problem: Japanische Produkte sind in der explosionsartig entstandenen Mittelschicht Chinas aufgrund des Misstrauens in die heimischen Produkte enorm beliebt, doch da auch ein noch so gewiefter japanischer Windelhersteller mal nicht eben zusätzliche 100 oder mehr Millionen Chinesen mit Windeln versorgen kann, kommt die Produktion nicht hinterher, zumal es nach wie vor schwer ist, sich auf dem gut protektionierten chinesischen Markt niederzulassen. Aus diesem Grund begann vor ein paar Jahren ein regelrechter Einkaufstourismus gen Japan.

Geht weg wie warme Semmeln: Merries-Windeln.

Geht weg wie warme Semmeln: Merries-Windeln.

Mein Schwager, seines Zeichens jemand, der über mehrere Filialen einer Drogeriekette wacht, schildert dieses 爆買い bakugai (in etwa: Kaufrausch) genannte Verhalten so: Die Filiale hat noch nicht einmal geöffnet, aber schon parkt ein Bus voll mit Chinesen vor der Tür. Sobald die Filiale aufmacht, dauert es keine 2 Minuten, bis sämtliche Bestände eines gewissen Produkts (zum Beispiel Windeln der Marke Merries) restlos ausverkauft sind. Keiner spricht ein Wort Japanisch, aber das Personal wird mitunter unfreundlich angeraunzt, wenn die Menge nicht ausreichte. Mitunter klappen die Busgesellschaften etliche Filialen kurz hintereinander ab, und es wird gekauft, was in den Bus passt.

Das ist bzw. war aber nicht nur in Drogerien so – auch Luxusartikel sind sehr gefragt. Laut Untersuchung des Tourismusamtes² gibt angeblich ein Besucher aus China im Durchschnitt über 2,000 Euro in Japan aus – und das garantiert nicht nur für Hotel und Souvenirs. Es werden Waren gehamstert und schliesslich mit Gewinn in China weiterverkauft (deutsche Japanbesucher geben im Schnitt nur 1’200 Euro aus und Koreaner nur 500 Euro).

Ein positives Problem, möchte man meinen, denn ohne den für viele unheimlichen Besucherstrom würde es der ohnehin schon lange kränkelnden Wirtschaft noch schlechter gehen. 83,2% der Japaner geht das jedoch offensichtlich gegen den Strich. Man muss allerdings kein Psychologe oder Soziologe sein, um zu erahnen, dass es einfach Angst ist – Angst vor dem immer stärker werdenden Nachbarn, der mit Japan bald machen kann, was er will – denn Japan liegt an der Peripherie und ist wohl oder übel gezwungen, sich mit der Volksrepublik zu arrangieren. Das merkt man allein daran, dass wiederum 70% der Befragten angaben, gute Beziehungen zu China für sehr wichtig zu erachten.


¹ Die Umfrageergebnisse werden hier veröffentlicht. Gefragt wird auch nach Koreanern (64,7% sind jenen nicht wohlgesonnen).
² Ergebnisse siehe hier.

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