In den vergangenen Wochen hatte ich im Rahmen meiner Arbeit ziemlich viel mit dem Schulwesen in Japan zu tun. In der Theorie, und in der Praxis. Genauer gesagt ging es um die Oberstufe in Japan. Kurze Einleitung: In Japan gehen Schüler erst 6 Jahre lang zur Grundschule (小学校, Elementary School), danach 3 Jahre lang zur 中学校 Junior High School (Mittelstufe) und anschliessend zur 高校 Senior High School (Oberstufe). Grund- und Mittelschule (6 Jahre bis 15 Jahre) sind Pflicht in Japan; Oberstufe hingegen nicht, aber gesellschaftlich gesehen ist die Oberstufe schon Pflicht – knapp 95% der Japaner besuchen die Oberstufe (und fast 50% später die Uni bzw. andere weiterführende Bildungseinrichtungen).
Nun hatte ich im Auftrag eines Schulbuchverlages mit dem Bildungswesen an Oberstufen zu tun und gewann so ein bisschen mehr Einblick in das System, welches mit dem System in Deutschland zum Beispiel nicht sehr viel zu tun hat: In Japan gibt es öffentliche und private Oberstufen – im Grossraum Tokyo sind zum Beispiel mehr als 50% der Oberstufen privat; auf dem Land hingegen gibt nur sehr wenige private Schulen. In Großstädten schicken Eltern ihre Kinder auf Privatschulen, um ihren Kindern bessere Bildungschancen zu gewähren (und weil sie es sich leisten können). Auf dem Land sind private Schulen hingegen oftmals die letzte Chance für Schüler, die Privatschule zu besuchen, wenn sie es wegen mangelnder Leistungen nicht zu einer regulären Schule geschafft haben.
Im Unterricht müssen vom Bildungsministerium (文部科学省, kurz MEXT) genehmigte Schulbücher benutzt werden. Dabei gibt es für jedes Fach offiziell genehmigte Lehrbücher von mehreren Verlagen. Welche Lehrbücher benutzt werden, entscheidet dabei der Träger der Schule: Ist es eine Präfekturoberstufe (県立 – kenritsu), entscheidet das das Bildungskomitee der Präfektur. Ist es eine städtische Schule (市立 – ichiritsu), entscheidet dies das Bildungskomitee der Stadt. Bei privaten Schulen (私立 – shiritsu) hingegen entscheidet das der Besitzer und / oder der Lehrerrat. Diese offiziellen Schulbücher kann man nicht öffentlich erwerben, und mit den Büchern selbst machen Verlage aufgrund der niedrigen Preise kaum Gewinn.
Doch da kommen die 副教材 – fukukyōzai – Begleitmaterialien ins Spiel. Die müssen nicht vom Ministerium genehmigt sein. Und: Diese Zusatzmaterialien müssen von den Schülern (bzw. natürlich deren Eltern) bezahlt werden – ohne das die Eltern da ein Wort mitreden können, versteht sich. Die Summe der Zusatzmaterialien für ein einziges Fach kann dabei durchaus schon mal ca. 100 Euro pro Jahr betragen. Und das gilt nicht nur für private Schulen, sondern auch für öffentliche (und damit eigentlich kostenfreie) Schulen. Und es gibt neben Sport 9 verschiedene Fächer. Doch wer entscheidet, welche Zusatzmaterialien benutzt werden? Es gibt für jedes Fach zahlreiche Verlage, die um die Gunst der Lehrer buhlen. Und so schicken die Verlage in regelmässigen Abständen ihre Vertreter in die Schulen, die sich dort die Lehrer schnappen und ihnen ihre neuesten Begleitmaterialien unter die Nase reiben.
Das ganze ist immerhin ein riesiger Markt. Gehen wir mal von einer durchschnittlichen Oberstufenschule aus: Die hat in Japan ca. 1’000 Schüler. Wird also jeder Schüler von der Schule “gezwungen”, alljährlich Begleitmaterialien für Fach XYZ im Wert von 100 Euro zu erwerben, macht das 100’000 Euro Umsatz für den Vertreter für diese eine Schule. In Japan gibt es übrigens momentan gute 5’000 Oberstufen. Nun gibt es jedoch von Schule zu Schule durchaus Unterschiede: 進学校 (Shingakkō) genannte, “gute” Schulen mit dem Ruf, ihre Schüler später an guten Unis platzieren zu können, benutzen mehr Begleitmaterialien. Genauer gesagt passiert folgendes: Diese Schulen kaufen die offiziellen Unterrichtsmaterialien, da dies Pflicht ist (auch bei privaten Schulen). Da das Niveau dieser Lehrbücher für diese Schulen zu gering sind, werden diese Lehrbücher praktisch nicht benutzt: Begleitmaterialien werden zu Hauptlehrbüchern.
Es gibt aber auch das Gegenteil davon: Die 教育困難学校 – Kyōiku-Konnan-Gakkō: “Schulen im Bildungsnotstand”. Einige Vertreter erzählten mir dabei, dass sie diese Schulen prinzipiell melden. O-Ton: “An diesen Schulen werden keine Begleitmaterialien benutzt. Das Niveau dort ist dermassen schlimm, das manche Oberschüler mit Ach und Krach den eigenen Namen in Schriftzeichen schreiben können.” Ein Manager des Vertriebs fragte mich später, wo ich wohne und ob ich Kinder habe. Ich gab bereitwillig Auskunft, und er sagte sofort “Ah ja. Schicken Sie Ihre Kinder auf gar keinen Fall an diese und jene Schule!”.
Leider liessen meine Nachforschungen keine Gelegenheit, etwas tiefer zu bohren. Zum Beispiel die Frage danach, was dieses System eigentlich schmiert. Bekommen Lehrer zum Beispiel Vergünstigungen irgendeiner Art, wenn sie sich für Verlag soundso entscheiden? (Ein Vertreter meinte daraufhin nur lapidar: “Früher war das wohl so, heute aber nicht mehr).
Wie auch immer – ich kann leider nicht mit dem System in Deutschland vergleichen, da ich es nicht gut genug kenne. Aber die Ungleichheit im japanischen Bildungssystem verblüfft mich immer wieder. Genauso auch all die versteckten Kosten und Ungereimtheiten: Warum müssen Eltern für ihre Kinder in öffentlichen Schulen für Begleitmaterialien von Verlagen bezahlen – ganz einfach weil es die Schule und/oder der Lehrer so entscheidet? Und wieso sitzen selbst in privaten Schulen in der Regel ca. 40 Schüler in einer Klasse? Und wieso scheint das nur mich zu stören? Die meisten Japaner nicken bei dem Thema nur – wahrscheinlich, weil sie es selbst nicht besser kennen.
Da steht man also plötzlich in Japan da mit seinen sieben Sachen und weiss nicht so recht, wohin mit sich, und was man von nun an mit seinen zauberhaften Deutschkenntnissen anfangen soll. Da gibt es die einen, denen das überhaupt nichts ausmacht, und die auf den deutschen Sprachgebrauch nebst Muttersprachlern ganz gern verzichten können. Da gibt es die anderen, hauptsächlich jene, die nur begrenzt im Land sind und kein oder kaum Japanisch sprechen, die lieber gern Anschluss hätten zu ihren Landsleuten und sich von daher gern irgendwie zusammenraufen. Und dann gibt es noch die dazwischen, und dazu zähle ich mich auch, die zwar nicht aktiv nach Verbindungen zu Landsleuten suchen, aber sich durchaus gern mal mit Mitgefangenen treffen wollen. Deshalb an dieser Stelle mal eine kleine Auflistung von Gruppen und Möglichkeiten, die man hier so hat, um Anschluss zu finden:
DinJ steht für “Deutsche in Japan” und ist eine seit vielen Jahren betriebene Newsgroup auf Yahoo. Diskutiert wird dort so ziemlich alles, und natürlich ist vieles dort für die meisten irrelevant. Die Moderatoren sind auch nicht gerade zimperlich, aber in der Liste gibt es etliche Auskenner, die schon ewig im Land sind, und somit so ziemlich jede Frage beantworten können.
Persönlich halte ich mich dort lieber zurück, aber ich schaue durchaus regelmäßig in die Tageszusammenfassungen rein. Tipp: Anmelden, und bei den Einstellungen “Tägliche Zusammenfassung schicken” wählen. Alles andere artet sonst in Spam aus.
DoitsuNet ist eigentlich eine Ein-Mann-Veranstaltung – die Idee dahinter ist, regelmäßig Deutsche und Japaner, die an Deutschland (und Deutsche?) interessiert sind, in abwechselnden Etablissements zusammenzutrommeln, um miteinander Spaß zu haben. Der Verantwortliche organisiert auch andere, internationale Partys ziemlich erfolgreich. Hinter den Veranstaltungen steckt kommerzielles Interesse, aber die DoitsuNet-Partys sind in der Regel gut organisiert und können durchaus Spaß machen. Die Preise sind dabei auch recht zivil (wenn man sich über den Newsletter anmeldet).
Ich schaffe es leider immer nur maximal ein Mal pro Jahr dorthin – es wird mal wieder Zeit, denn letztes und vorletztes Jahr habe ich es nicht geschafft. Selbstredend lohnen sich diese Veranstaltungen nur in Tokyo.
Edo-Rhenania: Mal wieder Lust, einen Salamander zu reiben? Ich hatte weiland während meiner Studienzeit in Japan nicht schlecht gestaunt, als mich der damalige Germanistikprofessor völlig mit seiner eigenen, kleinen Burschenschaft überrumpelte. In Deutschland habe ich jene mit dem Allerwertesten nicht angeschaut, aber einen Einblick in Japan war es mir wert. So kam ich dabei auch in den Genuss einer grossen Festveranstaltung der Edo-Rhenania. Diese nicht schlagende Verbindung gibt es seit 1963. Gerüchten zufolge sollen wohl sogar Mitglieder der kaiserlichen Familie dabei sein. Als ich 1998 bei der Veranstaltung war, hatte man eigens Burschenschaftler aus Deutschland einfliegen lassen. Ich kam mir dabei in etwa wie ein Ethnologe vor, der gerade einen völlig neuen Stamm entdeckt hatte. Es war faszinierend. Aber so recht ist das trotzdem nicht meine Welt.
Demographischer Wandel 1930-2055 in Japan: Quelle: www.ipss.go.jp
Heute veröffentlichte das staatliche 国立社会保障・人口問題研究所 (Nationales Forschungsinstitut für Bevölkerung und Soziale Sicherheit) alarmierende Forschunsergebnisse. Alle 5 Jahre veranstaltet das Institut Umfragen dieser Art. Befragt wurden gut 10,000 Japaner jeglicher Altersgruppen, sozialer Schichten und Geschlechts – darunter gut 7,000 Männer und Frauen zwischen 18 und 34 Jahren. Das wichtigste Ergebnis der Umfrage: 61.4% der befragten Männer sowie 49.5% der Frauen jener Altersgruppe gaben an, keinen Partner zu haben.
Prinzipiell wollen rund 86% der Männer und gut 89% der Frauen zwar irgendwann mal heiraten, aber die 18 bis 24-jährigen geben an, sich noch zu jung dafür zu fühlen – die 25 bis 34-jährigen finden irgendwie nie nicht den Passenden oder die Passende. Interessant ist übrigens, dass bei der Umfrage explizit mit dem Attribut 異性 – isei (andersgeschlechtlich) gefragt wird: Homosexuelle zählen hier also nicht. Andererseits würden die sicher den Kohl auch nicht fett machen. Der Anteil der Partnerlosen ist der grösste seit Beginn der Befragungen: Jener stieg in den vergangenen Jahren um 10% bei Männern und 5% bei Frauen.
Überraschende Ergebnisse? Im Prinzip schon. Es war schon klar, dass der Anteil der Partnerlosen gross ist. Aber die Untersuchung zeigt, dass alles noch viel schlimmer ist. Das Problem in diesem Land ist nicht etwa eine hohe Scheidungsrate oder zu wenige Kinder: Es hapert bereits beim allerersten Schritt. Schaue ich mich dabei in meiner Umgebung um, kann ich diese Zahlen nur bestätigen. Quo vadis, Japan? Wäre ich ein halbwegs junger Politiker in diesem Land, würde ich mir jedenfalls sehr grosse Sorgen machen.
Den kompletten Report kann man hier herunterladen.
Die Konstellation, die im Jahr 2012 auf japanische Arbeitnehmer zukommt, gibt es gottseidank nur cirka alle 30 Jahre. Leider ist es nächstes Jahr soweit. Und danach erst wieder im Jahr 2040.
Zu den japanischen Feiertagen – es gibt zwei verschiedene Arten. Die traditionellen Feiertage wie zum Beispiel Neujahr, sowie “künstliche” Feiertage wie der Tag des Meeres zum Beispiel. Bei letzteren gibt es dazu oftmals keine genaue Datumsangabe, sondern eine Regelung wie “der dritte Montag im September”. Glücklicherweise hat man in Japan vor etlichen Jahren jedoch eine gescheite Regelung eingeführt: Fällt ein Feiertag auf einen Sonntag, wird der folgende Montag zum gesetzlichen Feiertag. Fällt der Tag allerdings auf einen Sonnabend, hat man einfach Pech gehabt. Und da dies 2012 vier Mal der Fall ist, hat man es einfach mit einem schlechten Jahr zu tun.
Eine Übersicht der Feiertage 2012 – grau steht für Feiertage, die 2012 auf ein Wochenende fallen:
1. Januar
元旦 (gantan)
Neujahr
Sonntag
2. Januar
振替休日 (furikae kyūjitsu)
Ersatzfeiertag
Montag
9. Januar
成人の日 (Seijin no hi)
Tag des Erwachsenen
immer am 2. Montag im Januar
11. Februar
建国記念の日 (Kenkoku kinen no hi)
Tag der Staatsgründung
Sonnabend
20. März
春分の日 (shunbun no hi)
Frühjahrs-Tag- und Nachtgleiche
Dienstag
29. April
昭和の日 (Shōwa no hi)
Shōwa-Tag (vorheriger Kaiser)
Sonntag
30. April
振替休日 (furikae kyūjitsu)
Ersatzfeiertag
Montag
3. Mai
憲法記念日 (kempō kinenbi)
Tag der Verfassung
Donnerstag
4. Mai
みどりの日 (midori no hi)
Tag des Grüns
Freitag
5. Mai
こどもの日 (kodomo no hi)
Tag des Kindes
Sonnabend
16. Juli
海の日 (umi no hi)
Tag des Meeres
immer am 3. Montag im Juli
17. September
敬老の日 (keirō no hi)
Tag des Respekts für alte Menschen
immer am 3. Montag im September
22. September
秋分の日 (shūbun no hi)
Herbst-Tag- und Nachtgleiche
Sonnabend
8. Oktober
体育の日 (taiiku no hi)
Tag des Sports
immer am 2. Montag im Oktober
3. November
文化の日 (bunka no hi)
Tag der Kultur
Sonnabend
23. November
勤労感謝の日 (rōdō kansha no hi)
Tag des Dankes für die Arbeit
Freitag
23. Dezember
天皇誕生日 (tennō tanjōbi)
Tennō-Geburtstag
Sonntag
24. Dezember
振替休日 (furikae kyūjitsu)
Ersatzfeiertag
Montag
Zur Erinnerung: Ja, es gibt viele, mitunter recht seltsame Feiertage in Japan. Die Regierung wollte damit vor Jahren erzwingen, dass Arbeitnehmer, so sie denn schon keinen richtigen Urlaub nehmen oder bekommen, gelegentlich ausruhen können. Fakt ist jedoch leider, dass nachwievor viele Firmen Feiertage schlichtweg ignorieren.
Bloggerkollege Coolio hat in einem seiner letzten Artikel auf ein Problem aufmerksam gemacht, das mich schon seit längerem interessiert: Wie geht es eigentlich den anderen Ausländern, vor allem aus dem deutschsprachigen Raum, in Japan?
Dank meiner Arbeit bin ich relativ gut informiert darüber, wie es vielen Englischlehrern und Ex-Englischlehrern geht, aber bei Einwanderern aus dem deutschen Sprachraum bin ich mir da nicht so sicher. Und ich glaube nicht, dass es dazu irgendwo zuverlässige Zahlen gibt.
Das schreit geradezu nach einer Umfrage, denn das Thema ist durchaus interessant. Japan hat noch immer unter vielen den Ruf, das Land zu sein, in dem Milch und Honig fliessen, aber wie Coolio bereits ziemlich deutlich andeutet, ist dem nicht unbedingt so. Und der Dittman-Fond der Deutschen Botschaft in Japan belegt dies auch recht deutlich.
Die Fragen gehen ziemlich ins Detail und sind streckenweise etwas direkt, deshalb liste ich lieber die Fragen unten auf. Ich logge keine IP’s, ich will nicht wissen, wer hinter den Antworten steckt. Aber ich hoffe auf rege Teilnahme, denn erst dann ist es sinnvoll, die Ergebnisse auszuwerten und zu veröffentlichen. Nachdem dieser Beitrag im Blog nach unten gerutscht ist, werde ich das Umfragemodul für eine Weile in die rechte Spalte bewegen – es sei denn, es finden sich schnell mehr als 100 Antwortende.
Eine Bitte an dieser Stelle: Bitte nur die Fragen beantworten, wenn Ihr
In Japan lebt UND arbeitet!
Hier die Fragen – mit Ausnahme der letzten Frage sind alle Fragen Pflicht.
1. Wie lange arbeitest Du schon in Japan?
2. Wie bist Du zu der Arbeit gekommen?
3. Wie ist Dein jetziges Beschäftigungsverhältnis?
4. Wieviel verdienst Du im Schnitt pro Jahr (inkl. Boni, netto)?
5. Wie schätzt Du Deine Japanischkenntnisse ein?
6. Wie schätzt Du Deinen Lebensstandard in Japan ein im Vergleich zum Durchschnitt?
7. Wenn Du möchtest, kannst Du hier Dein Berufsfeld angeben (nicht zwingend)
Die Nachrichten gestern warteten gleich mit 2 Hiobsbiotschaften für Tarō Normalverbraucher auf: Zum einen verkündete Finanzminister Azumi bei eibem Treffen mit der Spitze des Keidanren (hiesiger Wirtschaftsverband), daß er auf jeden Fall gedenkt, im nächsten Jahr einen Gesetzesentwurf einzureichen, demzufolge die Mehrwertsteuer erhöht werden soll. Dies ist seit geraumer Zeit im Gespräch, nicht erst seit der Erdbebenkatastrophe. Die Zahl, die man am häufigsten hört, ist 10%, und dieser Prozentsatz soll Mitte dieses Jahrzehnts erreicht werden. Momentan liegt er bei 5%, vor wenigen Jahren lag er noch bei 3%. Nicht-Japan-Kundigen sollte an dieser Stelle allerdings gesagt sein, daß die Mehrwertsteuer im Bezug auf die Endverbraucherpreise ein relatives Maß ist: 5% klingt niedrig für die meisten Europäer, bedeutet aber nicht, daß die Endverbraucherpreise klein sind.
Ein anderer Vorstoß kam zeitgleich aus anderen Ecken: Man wird nicht anders können als das Rentenalter zu erhöhen. In vielen traditionellen Firmen liegt das Renteneintrittsalter noch bei 60 Jahren, oft auch bei 62. Die Rente setzt sich dabei in der Regel aus der staatlichen Rente (mickrig) und der Betriebsrente (kann je nach Firma durchaus stattlich sein) zusammen. In Sachen Renteneintrittsalter möchte man scheinbar nicht gern kleckern, sondern klotzen: Sofort war die Zahl 70 im Gespräch.
Dies ist freilich nicht weiter verwunderlich: Japan hat eine der höchsten Lebenserwartungen, aber gleichzeitig dummerweise eine der niedrigsten Geburtenraten. Momentan zahlen 2.5 Angestellte die Rente eines Rentners, und das Verhältnis wird nicht besser. Will heissen, Japans Rentenkasse steuert auf die Pleite zu, wenn sich sobald nichts ändert.
Das ist alles schön und gut, und bis zu einem gewissen Grad wahrscheinlich unvermeidlich, zumal die Staatsverschuldung Japans vorsichtig ausgedrückt enorm ist (das Gros der Schuldpapiere wird jedoch glücklicherweise von Japanern gehalten). Leider bekämpft man hier allerdings – wie schon seit sehr langem – nur die Folgen und nicht die Ursache: Die lange versprochene Aufstockung der finanziellen Anreize für Eltern wurde bereits über Bord geworfen, mit der offiziellen Begründung, das Geld werde für den Wiederaufbau der Katastrophenregion gebraucht. Dabei wurde bereits vor dem Beben laut darüber nachgedacht, dieses für viele Wähler stimmentscheidende Wahlversprechen zu brechen. Da Japan sich auch nicht gerade um Zuwanderer reißt, tickt die demographische Bombe weiter.
A propos schlechte Nachrichten: Schon erwähnt, daß TEPCO, die Betreiberfirma der AKW’s in Fukushima und alleiniger Stromlieferant im Großraum Tokyo, bereits im 9. Monat in Folge den Strompreis erhöht hat? Offizielle Begründung: Gestiegene Preise für fossile Brennstoffe auf dem Weltmarkt. Diese Begründung ist natürlich der blanke Hohn – der Yen jagt ein Rekordhoch nach dem anderen. Man kann sicherlich nur schwer zugeben, daß letztendlich die Verbraucher für den kompletten AKW-Schaden aufkommen werden müssen.
Heute kam ich zum ersten Mal in den Genuß eines 運動会 – Sportfestes in einem japanischen Kindergarten. Diese Sportfeste finden in allen (soweit ich weiss) Kindergärten und Schulen in Japan ein Mal im Jahr statt und sind ein fester Bestandteil japanischen Familienlebens, da die Eltern auch mehr oder weniger stark eingebunden werden: Bereits vor einem Monat saß ich um Mitternacht mit meiner Frau zu Hause und zerpflückte rote Tüten, um Pompons für unsere Tochter herzustellen. Falls sich also jemand fragt, warum tabibito mal wieder den Blog schleifen lässt – er ist beim Pompon-Machen.
Nichts zu tun am Sonnabend? Geh' doch zum Sportfest!
Um 8:45 ging es los (Sonnabends, wohlgemerkt). 150 Kinder, mindestens zwei Mal so viele gähnende Erwachsene mit noch ein paar Dutzend kleineren und grösseren Kindern sowie rund 30 Betreuer und Helfer versammelten sich auf einem tristen, staubigen Schulhof. Nach kurzer Ansprache der Lagerleitung wurde erstmal zusammen zur japanischen Nationalhymne (“Tonari no Totoro, Totoooooroooo ♪”) geturnt. Gefolgt vom Mickey-Mouse- und dann vom Pooh-der-Bär-Lied. Damit die lieben Kleinen auch wissen, was sie sich zu Weihnachten von den Eltern wünsche sollen, schliesslich liegen ja Disneyland und Disney-Store gleich um die Ecke.
Es folgten diverse Spielchen und Turnübungen und Tanzeinlagen der lieben Kleinen, mit mehr oder weniger grosser Einbeziehung der immernoch gähnenden Eltern. Darunter: Lustiges Tauziehen der Eltern. Dazu wurde den Vätern oder bei Abwesenheit selbiger den Müttern ein 鉢巻き Hachimaki (japanisches Stirnband) in der Farbe der jeweiligen Klasse ausgehändigt, und schon konnte es losgehen. Hinter mir: Jemand, der direkt aus einem Yakuza-Film entsprungen sein könnte, vor mir: eine junge Mutter in Stöckelschuhen.
Gegen 12 Uhr war alles zu Ende, aber die Erzieherin liess uns nur schweren Herzens ziehen. Nicht, weil sie uns und unseren Nachwuchs so mochte, sondern weil irgendjemand vergessen hat, sein Stirnband zurückzugeben. Alle Kinder bekamen noch schnell eine Medaille ausgehändigt (interessant, wie schnell die Stifte dabei verdrängen können, dass JEDES Kind eine Medaille bekam) und wurden nebst Eltern und Verwandten in die Wildnis entlassen. Das wars. Bis zum nächsten Jahr. Ihr dürft jetzt raten, wo ich jeden ersten oder zweiten Sonnabend im Oktober in den nächsten 18 Jahren verbringen werde: Genau, beim Sportfest. Vorausgesetzt natürlich, ich bin noch so lange in Japan.
Offizielles Kendama (basiert auf Photo von Isaak*)
Was hat man nicht alles importiert in Japan: Komplette Schriftsysteme, Religionen, Philosophien, Militärapparate, Lady Gaga… und Spielzeuge. Im 16. Jahrhundert war ein Spiel names Bilboquet in Europa sehr beliebt, und so fand es vor hunderten von Jahren auch seinen Weg nach Japan. Und blieb.
In Deutschland kennt es so gut wie keiner, aber in Japan gehört es quasi in jeden Haushalt mit Kind. Kendama ist ein Holzspielzeug und kann wörtlich mit “Schwert-Kugel” übersetzt werden. Es erinnert entfernt an ein Schwert – mit einer Spitze und drei unterschiedlich grossen Schalen, zwei am Schaft, eine am Knauf. Eine Holzkugel mit Loch ist mit dem Schwert durch eine Schnur verbunden.
Mit etwas Geschick kann man damit allerhand anstellen – zum Beispiel, die Kugel auf das Schwert oder in eine der drei Schalen befördern.
Man kann natürlich noch viel mehr Schabernack damit anstellen, wie diese Beiden hier beweisen:
Die Beiden nennen sich “ZoomaDanke” – einer ist 31 Jahre alt, der andere 21. Beide sind “Spielzeugberater” – ja, so etwas gibt es wirklich! Interessant ist übrigens der Hauptberuf des Älteren der Beiden: Jener hat jüngst das ドイツゲームスペース@Shibuya (Treff für Deutsche Spiele in Shibuya) gegründet – eine Mischung aus Geschäft und Ort, an dem man sich an deutschen Brett- und anderen Spielen austoben kann. (Link gibt es hier – Japanisch). Denn: Deutschland hat einen sehr guten Ruf, was Spiele angeht. Der Laden hatte Anfang dieses Jahres sogar einmal Besuch von Nitele – einem der grossen Privatsender Japans. Hier ein kurzer Mitschnitt, bei dem man sieht, wie es dort aussieht:
Nein, ich bekomme kein Geld für die Werbung. Aber ich finde die Idee witzig. Und: Wie ich von einer guten Freundin erfahren habe, reisen die Beiden mit Ihren Kendamas Mitte/Ende Oktober nach Deutschland, wo sie in Essen, Berlin und Frankfurt/Main ihre Kunststückchen vorführen wollen – auf der Strasse, gern aber auch in Clubs, Bars oder wo auch immer so etwas reinpasst. Wer Interesse hat, die Beiden zu treffen und Ihnen vielleicht mit ein paar Tipps unter die Arme zu greifen, kann sich gern bei mir melden. Kleiner Haken an der Sache: Die Beiden sprechen kein Deutsch und fast kein Englisch.
Greenpeace-Aktion: Kernenergie in Japan bis 2012 abschaffen
Greenpeace stellte gestern, am 12. Sep 2011, einen Bericht vor, in dem vorgerechnet wird, daß Japan es bis 2020 auf einen Anteil von 43% an erneuerbaren Energiequellen bringen könnte. Der Bericht wurde in Zusammenarbeit mit 環境エネルギー政策研究所 (ISEP – Institute for Sustainable Energy Policies) erstellt und trägt den Titel “自然エネルギー革命シナリオ” – “Szenario zur Revolution natürlicher Energiequellen”.
Japan hinkt in Sachen erneuerbarer Energiequellen leider stark hinterher, aber Organisationen wie Greenpeace sehen in der Erdbebenkatastrophe die Chance, einiges aufzuholen. Und die Argumentation ist schlüssig: Momentan sind nur 11 der insgesamt 54 Kernreaktoren in Japan in Betrieb – und trotzdem gab es im Sommer keine Stromausfälle. Warum? Weil viel Strom gespart wurde. Großverbrauchern wurde angeordnet, mindestens 15% weniger Energie zu verbrauchen. Das ist auf Dauer nicht gut für die Wirtschaft, aber das Potential zum Stromsparen ist ganz offensichtlich da.
Nun ist bei Greenpeace erfahrungsgemäß sehr viel Optimismus dabei. So auch beim erklärten Ziel, bis 2012 alle AKW’s in Japan auszuschalten. Zu begrüssen wäre es. Es wird sicherlich etwas länger dauern, aber vielleicht, mit ganz viel Glück, findet doch noch ein Umdenken statt.
Ein Land ganz ohne Rohstoffe sollte eigentlich ein hohes Interesse daran haben, energietechnisch möglichst autark zu sein.
Der ganze Bericht im Original (in diesem Fall auf Englisch) kann hier heruntergeladen werden.
Falls sich der oder andere Leser gerade fragt, was mich zu diesem Artikel bewegt hat: Ich hatte in meinem vorherigen Leben ziemlich viel mit Themen wie nachhaltiger Entwicklung zu tun – dazu zählte auch intensive Forschung in Japan.
Seit einigen Tagen häufen sich die “Go! Tohoku”-Werbeposter in den U-Bahnen und anderswo. 東北 (Tōhoku) bedeutet Nordosten (bzw. streng übersetzt Ostnord) und ist der Name für die 6 Präfekturen im Norden der Insel Honshū. Die Küste entlang der Osthälfte der Region wurde bekanntlich bei dem schweren Erdbeben am 11. März 2011 verwüstet.
Go! Tohoku-Kampagne
Mittlerweilen gibt es immer weniger Privatpersonen und Gesellschaften im Nordosten, die Freiwillige für körperliche Arbeit benötigen. Das bedeutet, dass vieles aufgeräumt wurde. Das bedeutet aber nicht, dass alles wieder aufgebaut wurde. Die meisten Schulen zum Beispiel wurden noch nicht wiederaufgebaut – da in zahlreichen vom Tsunami betroffenen Gemeinden erst noch geklärt werden muss, ob man eine erneute Bebauung überhaupt zulassen kann. Möglicherweise werden weite Gebiete für die Bebauung gesperrt, da zahlreiche überflutete Bereiche durch das Beben schlagartig derart abgesenkt wurden, dass sie unter dem Meeresspiegel liegen – und damit besonders anfällig für neue Tsunamis und Sturmfluten sind.
Die “Unterstützt den Nordosten einfach dadurch, dass Ihr hinfahrt und konsumiert”-Idee kam bereits im April/Mai auf – quasi zu dem Zeitpunkt, als die wichtigsten Verkehrstrassen wiederhergestellt und auch die Versorgung wieder halbwegs funktionierte. Der Grundgedanke ist auch verständlich. Viele Gemeinden lebten vom Tourismus, und wenn schlagartig auch noch alle Touristen ausbleiben, wird die Lage sicherlich nicht besser. Andererseits ist die ganze Angelegenheit jedoch auch moralisch heikel. Einfach mal Katastrophe angucken fahren hinterlässt einen faden Nachgeschmack. Ich weiss nicht, ob ich das könnte – meine Frau könnte ich damit jedenfalls nicht überzeugen.
Etwas apart ist der Slogan dieser Kampagne: 観て、食べて、感じて (Mite, Tabete, Kanjite) – wörtlich: “Ansehen, essen, (mit)fühlen”. Oha.
Immerhin wurden gestern die letzten Massennotunterkünfte (Turnhallen, Kongresszentren, Schulen usw.) in der Präfektur Iwate geschlossen: Alle Bewohner konnten – nach fast einem halben Jahr – mittlerweilen anderweitig untergebracht werden.
Anbei noch der Link zur oben genannten Kampagne. Das Portal sammelt quasi Veranstalter solcher Touren und vermittelt Reisen – wer über das Portal bucht, bekommt Rabatt: Go! Tohoku 被災地応援ツアー