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46 Jahre versteckt – der japanische Untergrund

Juni 8th, 2017 | Tagged , | 1 Kommentar | 547 mal gelesen

Fahndungsplakat Masaaki Ōsaka

Fahndungsplakat Masaaki Ōsaka

Am 18. Mai 2017 machte die Polizei von Hiroshima Hausdurchsuchungen bei mutmaßlichen Mitgliedern der extremistischen Gruppe 中核派 chūkakuha („Kernzelle“). Der eigentliche Name der Gruppe lautet 革命的共産主義者同盟全国委員会 kakumeiteki kyōsanshugisha dōmei zenkoku iinkai (Nationales Komitee der revolutionären kommunistischen Liga) und wird aus verständlichen Gründen gern abgekürzt. Das Programm der Gruppierung findet sich sogar auf Englisch im WWW¹.

Die 1957 gegründete Gruppe vertritt Marxismus in seiner Reinform und brandmarkte somit auch den Stalinismus oder das nordkoreanische Modell als eine Regierungsform, die ebenfalls nicht im Interesse der Arbeiterklasse handelt. Man organisierte Streiks und verlegte sich später auf Anschläge, einige davon tödlich. Der letzte Anschlag fand 2001 statt – weshalb die Meldung der Hausdurchsuchung recht überraschend kam.

Während der Durchsuchung versuchte ein älterer Mann zu fliehen, doch er kam nicht weit: Die Beamten nahmen ihn wegen des Verdachts der Behinderung der Staatsgewalt fest. Später erhärtete sich ein Verdacht: Der Festgenommene könnte womöglich der seit 46 (!) Jahren gesuchte 大坂正明 Masaaki Ōsaka sein. Jener wurde seit 1971 wegen der 渋谷暴動事件 Shibuya Bōdō Jiken – Shibuya-Unruhen gesucht. Damals demonstrierten vornehmlich Studente und Mitglieder der Kernzelle gegen das Abkommen über die Rückgabe von Okinawa mit der USA. Eine Polizeiwache wurde angegriffen, mehrere Polizisten schwer verletzt – und ein Polizist wurde erst mit Stahlstangen niedergeschlagen und danach angezündet. Er verstarb am nächsten Tag an seinen Verletzungen. Ōsaka galt als Haupttäter, konnte aber im Gegensatz zu 6 Mitangeklagten fliehen. Bis jetzt.

Da der Angeklagte sich nicht äußerte, wurde letztendlich eine DNA-Untersuchung veranlaßt, und so wurde in dieser Woche bekannt, dass es sich tatsächlich um den gesuchten Ōsaka handelt.

Der Fall erinnert etwas an den Lindsay-Fall vor 8 Jahren: Damals schaffte es der Mörder der britischen Englischlehrerin Lindsay auch, sich knapp 3 Jahre lang im Land zu verstecken – und er reiste sogar durch die Gegend. Beide zählen zum 蒸発 jōhatsu – „Verdunsten“-Phänomen, bei der Japaner, in vielen Fällen sind es hochverschuldete Ehepartner, einfach so verschwinden. Im Untergrund.

Zwei französische Autorinnen haben zu diesem Thema etwas recherchiert (und fotografiert) und dazu ein Buch verfasst – The Vanished: The „Evaporated People“ of Japan in Stories and Photographs – erhältlich auf Französisch und Englisch, wie es scheint. Ihren Recherchen zufolge entscheiden sich alljährlich rund 100’000 Japaner, „abzutauchen“. Sie sind einfach nicht mehr auffindbar, schlagen sich mit Gelegenheitsarbeiten herum und wohnen in Absteigen, in denen man sich nicht registrieren braucht. Sie leben quasi außerhalb der Matrix, und die Familienangehörigen wissen davon nichts.

Ob das Buch gut ist oder nicht, weiss ich (noch) nicht, aber ich werde es mir sicher demnächst mal durchlesen, denn dieser Aspekt der japanischen Gesellschaft ist sehr interessant – und kaum durchleuchtet.

¹ Siehe hier

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Spektakuläres Forschungsergebnis: Englischlehrer in Japan können kein Englisch!

März 1st, 2017 | Tagged | 15 Kommentare | 1269 mal gelesen

Manche Sachen gehen einfach nach hinten los. Und man fragt sich hinterher, was man da eigentlich, unbewussterweise, angerichtet hat. Und wie man aus der Bredouille wieder rauskommt. Ähnliche Gedanken müssen den Mitgliedern des Bildungsausschusses der Präfektur Kyōto vor gut zwei Wochen durch den Kopf gegangen sein. Jemand hatte nämlich die geniale Idee, einfach mal zu testen, wie gut die Englischlehrer an den Mittelschulen in der Präfektur eigentlich Englisch können. Ausgenommen von der Studie waren zwar die Lehrer der Stadt Kyoto selbst, aber das spielt hier nur eine untergeordnete Rolle. Man entschloss sich, die Englischkenntnisse mit dem in Japan so heißgeliebten TOEIC-Test zu messen¹.

Zur Erinnerung: Der TOEIC-Test wurde einst von der japanischen Regierung in Auftrag gegeben, ist nunmehr weltbekannt und vor allem in Japan das Maß aller Dinge. Dieser Test konzentriert sich auf Wirtschaftsenglisch und hat ein gewaltiges Manko: Die Sprechfähigkeiten werden nicht getestet. Und: Die Struktur des Tests erlaubt es, mittels diverser Tricks den Test zu bewältigen, ohne wirklich brauchbare Englischkenntnisse vorweisen zu können. Damit ist der Test natürlich nur mäßig geeignet für das Messen der Sprachfähigkeiten von Mittelstufenlehrern.

Jedoch: Wer halbwegs Englisch beherrscht, kommt zwangsläufig zu einem besseren Ergebnis. Die volle Punktzahl beim TOEIC beträgt 990 Punkte, und da es bei den meisten Fragen 4 Antwortmöglichkeiten gibt, liegt die niedrigste Punktzahl bei circa 280 Punkten. Wer weniger Punkte erreichen möchte, muss schon absichtlich danebentippen.

Nun sollte man eigentlich von Englischlehrern, die 12 bis 14-jährige Kinder unterrichten, eine halbwegs gesunde Punktzahl (score) erwarten können. Dem war jedoch in Kyoto leider nicht so:

– Von 74 getesteten Lehrern erreichten nur 16 (also rund 20%) mehr als 730 Punkte
– 14 Lehrer hatten eine Punktzahl unter 500
– der Durchschnitt lag bei 578 Punkten

Dazu kommen auch noch diverse Fußnoten: So testete man nur Lehrer, die jünger als 50 Jahre alt sind. Und man testete nur die Hälfte der rund 150 Lehrer.

Wenn man bedenkt, dass die Lehrer eigentlich ihr Brot damit verdienen, Englisch zu unterrichten, dann mag man meinen, dass hier lauter Scharlatane am Werk sind. Doch das wäre zu einfach: Hier versagt nämlich – seit Jahrzehnten – das gesamte System. Es wird schlichtweg versäumt, die Lehrer angemessen auszubilden – teacher training ist ein Konzept, das vor allem an öffentlichen Schulen quasi fehlt.

Nicht, dass der Fund wirklich spektakulär wäre. In meiner Stammkaschemme geistert auch ein Mittelschul-Englischlehrer herum. Über 50, mit grauenhaften Englischkenntnissen – und jedes Mal sturzbetrunken. Was aber noch fast schlimmer ist: Ihm fehlen jegliche kulturelle Kenntnisse. Und eine Fremdsprache zu unterrichten, ohne auf die kulturellen Hintergründe einzugehen, ist beinahe noch schlimmer, als eine Fremdsprache zu unterrichten, ohne selbige selbst zu beherrschen. In diesem Punkt ist das japanische Bildungssystem, vor allem beim Englischunterricht, eine riesengroße Baustelle. Aber wie heißt es so schön: Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.

¹ Siehe Kyoto Shimbun (Online-Version)

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Raucherparadies Japan – ändert sich was? Oder doch nicht?

Februar 9th, 2017 | Tagged , | 1 Kommentar | 611 mal gelesen

Vor 11 Jahren habe ich einen Beitrag mit dem Titel Schwere Zeiten auch für Raucher in Japan ins Netz gestellt – damals fing man damit an, dass Rauchen auf der Straße in einigen Stadtvierteln von Tokyo zu verbieten. Jedoch – Raucher, die in den vergangenen Jahren in Japan weilten, werden es bestätigen können: Japan ist noch immer Paradies für Raucher – zumindest im Vergleich zu vielen anderen, westlichen Ländern. Komischerweise treibt man in Japan jedoch nicht die Raucher auf die Straße, sondern eher andersrum: Man verjagt sie von der Straße ins Innere.

Natürlich ändern sich auch die Zigarettenpreise, doch der Anstieg ist im Vergleich zu anderen Ländern eher moderat: Zahlte man vor 20 Jahren rund 270 Yen pro Schachtel, sind es heute eher um die 440 Yen. Ein Anstieg auf 1’000 Yen ist seit Jahren im Gespräch, doch man befürchtet damit einhergehende Steuereinnahmen. Und mehr und mehr Cafés und Restaurants ergreifen Maßnahmen, um Nichtrauchern entgegenzukommen – manchmal durch Rauchverbote, mehr aber durch 分煙 bun’en – „Rauchtrennung“ – durch gesonderte „Abteile“. In den meisten Bars und Restaurantkneipen wird jedoch weiterhin fröhlich gequalmt. In dieser Woche nun brachte das Gesundheitsministerium eine Gesetzesvorlage im Parlament ein, nach derer das Rauchen in öffentlichen Bereichen, inklusive Restaurants, gänzlich verboten werden soll. Bei einer ersten Diskussion im Parlament schlug dem Ministerium jedoch heftiger Protest entgegen: Vor allem Vertreter der regierenden Liberaldemokraten halten die Maßnahme für zu radikal und argumentierten sogar damit, dass das Gesetz womöglich verfassungsrechtlich bedenklich sein könnte, da es die Rechte der Menschen einschränkt. Man solle sich eher auf Maßnahmen wie besagte Rauchtrennung beschränken.

Letztendlich wird Japan sicherlich in Sachen Nichtraucherschutz den gleichen Weg wie andere Länder einschlagen. Nur eben nicht so radikal. Das kann man gut am Flughafen beobachten: Während man zum Beispiel im gesamten, riesengroßen internationalen Flughafen von Peking nirgendwo rauchen kann (das geht erst, wenn man ins Land eingereist ist – und dann nur außerhalb des Terminals), gibt es in Japan sogar einen kleinen, abgetrennten Raum in der großen Gepäckhalle des Internationalen Terminals von Haneda, Tokyo. Omotenashi für Raucher eben.

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Staatlich geförderte Scharlatanerie an japanischen Schulen

Februar 7th, 2017 | Tagged , , | 3 Kommentare | 801 mal gelesen

labsaEine Textmitteilung meiner Frau schaffte es heute, mich auf die Palme zu bringen. In der Nachricht klagte sie über vergeudete Zeit in der heutigen PTA-Sitzung. PTA = Parent Teacher Association (ich glaube, das hieß? heißt? Elternbeirat im Deutschen). Die PTA besteht aus mehr oder weniger freiwilligen Mitgliedern und veranstaltet Sachen wie „Schulessen – wie es gemacht wird (und wie es schmeckt)“ und dergleichen. In diesem Jahr gab es insgesamt vier Veranstaltungen – in der zweiten ging es um „Kinder und der Umgang mit Smartphones“, ein durchaus legitimes Thema. Bei der dritten Veranstaltung kam eine Vertreterin der 誕生学® – der „Geburtenwissenschaft“ (man beachte das ®!). Betrieben von der 誕生学協会, der „Life and Birth Studies Association“. Ein staatlich als „allgemeinnützig“ anerkannter Verein, gegründet von 大葉ナナコ Nanako Ōba, Ex-Model und Absolventin einer Kunst-Kurzuni (zwei Jahre Pseudostudium). Eine Frau ohne jegliche medizinische oder psychologische Ausbildung, die dutzende Bücher zum Thema Geburt, Babymassage und dergleichen veröffentlichte und sich selbst illustre Titel wie „Geburtsberaterin“ und dergleichen gibt. Und mit klugen Thesen daherkommt wie:

  • Schangerschaftserbrechen ist bei Frauen mit gelassenerem Charakter weniger schlimm
  • Wehen sind weniger heftig, wenn die Gebährende unter Stress steht
  • Wehenbeschleuniger sollten nur dann eingesetzt werden, wenn der Gebährenden klargemacht wird, dass dies die Freude der Geburt schmälert
  • Bei Müttern, die nicht stillen können, mangelt es an Fürsorge (gegenüber der Mutter)

Und so weiter. Und so tingeln Vertreter des Vereins dank des eigens ins Leben gerufenen Schulprogramms durch japanische Kindergärten und Schulen und verkünden ihre kruden Botschaften aus Laienmund.

Die Veranstaltung heute war aber scheinbar noch besser: Ein selbsternannter 統計心理学者 – „Statistischer Psychologe“ – tauchte heute auf – mit einer lustlos zusammengewürfelten PowerPoint-Präsentation. Beruflicher Hintergrund: Bankangestellter, heute Cafébesitzer. Seine These: Es gibt im wesentlichen vier Arten von Menschen, und das ist bei Kindern genauso. Wenn man nicht weiß, mit welcher Art Kind man es zu tun hat, macht man Fehler bein Loben, Schimpfen und überhaupt. Woran man erkennt, zu welcher Gruppe das Kind gehört? Die Antwort: Am Geburtsdatum. Jawohl, am Geburtsdatum. Einige Mütter baten dann darum, ihnen eine Analyse ihrer Kinder zu geben, oder zumindest zu offenbaren, wo man denn die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie einsehen könne, aber der tapfere Ex-Bankangestellte zierte sich: Er fragte stattdessen die Mütter nach deren Geburtsdatum und legte drauf los. Und sagte zum Schluß, wer seine Kinder aufgrund der Geburtstage analysiert haben möchte, solle in sein Café kommen – er sei öfter dort und könne dann dort Auskunft geben.

Wohlgemerkt: Eltern zahlen PTA-Beiträge. Und Redner, die dort auftauchen, bekommen eine Aufwandsentschädigung. Und: Schuldirektoren und Lehrer müssen die Veranstaltung absegnen. Bei der Geburtenexpertin keine einmalige Sache – sie macht diese Veranstaltung schon seit Jahren in dieser Schule. Einer öffentlichen Schule.

PTA & Co. verlangen den Müttern in Japan sehr viel Zeit ab – so viel steht fest. Japanische Mütter haben dank dieses Systems kaum Zeit, selber arbeiten zu gehen. Dass die Zeit dann aber damit verbracht werden soll, sich so einen Stuss anzuhören, spottet jeder Beschreibung. Sicher, der Hang zum Metaphysischen ist in Japan besonders stark ausgeprägt (Stichwort: Blutgruppenhoroskop), aber das so etwas auch noch staatlich gefördert wird, schlägt dem Fass den Boden aus.

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Das traurige (?) Ende der Yakuza

Januar 11th, 2017 | Tagged , | 2 Kommentare | 791 mal gelesen

Vorgestern lief in einem kleinen japanischen Spartensender (東海テレビ Tōkai Terebi) eine interessante Dokumentation über den Kampf der Yakuza mit der japanischen Verfassung. Der japanische Titel lautet „ヤクザと憲法“ – Yakuza to Kempō (Yakuza und die Verfassung). Wie ich später herausfand, wurde die Doku von VICE gedreht, und VICE ist bekannt für seine Vorliebe für japanische Yakuza (es gibt dazu dutzende Dokus auf YouTube). Doch diese Dokumentation war etwas anders als die anderen. Hier wurde man nicht in die schillernde Welt der Yakuza mit all ihren Tattoos, Ehrbezeugungen, seltsam anmutenden Ritualen und dergleichen eingeführt, sondern man erlebte auf bedrückende Weise, was es bedeutet, dieser Tage ein Mitglied der Yakuza in Japan zu sein.

Vor 26 Jahren wurde in Japan ein Gesetz mit dem klangvollen Namen 暴力団員による不当な行為の防止等に関する法律 – „Gesetz zur Vermeidung unerlaubter Handlungen durch Mitglieder von gewalttätigen Banden“ erlassen. Hinzu kommen noch einige andere Gesetze und Richtlinien sowie unzählige Initiativen. Immobilienmakler, Banken, Bildungseinrichtungen, Firmen – ja, selbst Hotels, Restaurants, Bestattungsunternehmen und dergleichen müssen sich seitdem dazu verpflichten, die Kundschaft nach einer möglichen Zugehörigkeit zu einer 指定暴力団 – shitei bōryokudan – als gewalttätig eingestuften Gruppierung (so das Neusprech für Yakuza) zu durchleuchten. So muss man zum Beispiel beim Eröffnen eines Bankkontos oder beim Anmieten von Räumlichkeiten versprechen, dass man eben nicht zu einer solchen Gruppierung zählt. Wer das nicht verspricht, bekommt weder ein Konto, noch eine Wohnung. Stellt sich im Nachhinein jedoch heraus, dass man gelogen hat, wird man wegen Betrugs vor Gericht gestellt.

Filmausschnitt 'Yakuza und die Verfassung' (Quelle: Tokai TV)

Filmausschnitt ‚Yakuza und die Verfassung‘ (Quelle: Tokai TV)

Das ganze geht noch weiter: Yakuza-Kinder bekommen keinen Kindergartenplatz. Bestattungsunternehmer akzeptieren keine Bestattung von Gangmitgliedern. Finanzen kann man nur noch mit Bargeld regeln. Selbst das Wahlrecht wird bekannten Yakuza entzogen. Das jedoch steht im Widerspruch mit Artikel 14 Absatz 1 der japanischen Verfassung:

Alle Staatsbürger sind vor dem Gesetz gleich, es gibt keine unterschiedliche Behandlung in politischer, wirtschaftlicher oder sozialer Beziehung aus Gründen der Rasse, des Glaubens, des Geschlechts, der sozialen Stellung oder Herkunft.

So lautet zumindest die Meinung der Yakuza und ihrer Anwälte. Bei einigen Punkten lässt sich sicherlich streiten – das Eröffnen eines Bankkontos zum Beispiel ist meines Wissens nach kein gesetzlich garantiertes Grundrecht. Doch Kindern den Zugang zum Kindergarten zu verwehren ist etwas anderes. Zumal es in Japan nicht damit getan ist, den Yakuza abzuschwören: Es gibt zwar Aussteigerprogramme, aber selbst Jahre nach dem Ausstieg ist es für Bandenmitglieder nahezu unmöglich, einem geregelten Leben nachzugehen.

Der Staat macht so Täter zu Opfer. Den meisten Japanern ist das nur recht: Die Mehrheit möchte die Yakuza verschwinden sehen, denn wie man es auch dreht und wendet – es handelt sich um organisiertes Verbrechen. Allerdings muss es auch Aufgabe des Staates sein, Aussteigern, und die gibt es durchaus, auch eine Chance zu geben. Denn das wird bei dem jungen Mann, den VICE dort begleitete, deutlich: Er erklärte, offensichtlich verzweifelt, dass er auf keinen Fall die Yakuza verlassen werde, denn das, was ihn außerhalb der Organisation erwartet, ist keinen Deut besser.

Eine deutsche oder englische Version der Doku habe ich leider noch nicht finden können, aber die japanische Version, inklusive Erklärung gibt es hier. Wer eine deutsche oder englische Version findet, bitte hier posten!

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Fukushima-Bazille oder Von geistig verarmten Lehrern

Dezember 5th, 2016 | Tagged , , | 2 Kommentare | 711 mal gelesen

Dass Kinder aus Fukushima, die 2011 nach der Erdbeben- / Tsunami- / AKW-Katastrophe in anderen Gegenden Japans zogen, um dem Strahlenrisiko zu entkommen, in manchen Schulen Probleme bekommen würden, war leider von vornherein klar. Zu groß ist in gewissen Teilen der japanischen Gesellschaft das Bedürfnis, andere Menschen zu stigmatisieren – egal ob Ausländer oder Japaner. Das war und ist bei den burakumin so, oder bei Koreanern, bei Opfern der Atombombenabwürfe oder bei Betroffenen der Minamata-Krankheit. Oder bei Kindern mit ausländischem Elternteil.

So kam in der vergangenen Woche ans Licht, dass ein Viertklässler in der Präfektur Niigata von seinen Mitschülern gehänselt wurde – indem sie an seinen Namen nicht das übliche „-kun“ (wird für Jungs verwendet) benutzten, sondern „-kin“ – mit dem Schriftzeichen „菌“ geschrieben. Und das steht für „Bazille“. Die Mitschüler spielten damit auf die Herkunft des Jungen an und das Gerücht, dass von der Reaktorkatastrophe Betroffene unrein sind und Krankheiten verbreiten könnte.

Dem Jungen war es irgendwann genug, und er beschloss, nicht mehr zur Schule zu gehen. Doch nachdem die Eltern nachbohrten, kam etwas besonders Abscheuliches ans Tageslicht. Der Junge hatte sich nämlich vorher bei seinem Lehrer darüber beklagt, „~kin“ genannt zu werden. Dem Lehrer war also die Problematik bewusst gewesen. Doch einige Zeit später nannte eben jener Lehrer vor anderen Schulkindern den Jungen ebenfalls „~kin“.

Die Eltern hörten davon und setzten sich mit der Schule in Verbindung. Der Lehrer stritt den Vorfall erst ab. Später verbesserte er sich und sagte aus, dass er „womöglich, aber unabsichtlich den allgemeinen Rufnamen“ benutzt haben könnte. Bei einer dritten Anfrage gab er letztendlich zu, den Jungen im Beisein anderer Schüler „~kin“ genannt zu haben.
Heute berief der Direktor der Schule eine außerordentliche Schulversammlung an und entschuldige sich öffentlich bei dem Jungen. Der Direktor, wohlgemerkt — nicht der besagte Lehrer.

Der Junge ist Viertklässler, genau wie meine Tochter. Wenn ich nur daran denke, dass ein Grundschullehrer (!!!) sich so benehmen kann, mache ich mir ernsthafte Sorgen. Auch in der Schule meiner Tochter gibt es einen „Spezi“ – ein Lehrer, dem jetzt endgültig der Führerschein abgenommen wurde, da er wiederholt ohne Führerschein (der ihn wegen diverser Delikte zuvor abgenommen wurde) erwischt wurde.

Schaut man sich Kommentare in den sozialen Netzwerken so an, findet man zahlreiche Japaner, die beklagen, dass das Niveau der Schullehrer stark gesunken sei. Man fühlt sich versucht, diesen Kommentaren Glauben zu schenken, aber ich bin mir da nicht ganz so sicher. Denn Vorfälle wie diese, insbesondere die Diskriminierung von Kindern vor anderen Schulkindern, gab es in Japan eigentlich schon immer – das ist nichts Neues. Man kann sich natürlich enttäuscht darüber zeigen, dass sich offensichtlich nicht viel geändert hat.

Fälle von Schikanierung von Fukushima-„Flüchtlingen“ sind keine Seltenheit, und die berichteten Fälle sind sicherlich nur die Spitze des Eisberges. Dass jedoch auch ein Lehrer daran beteiligt ist, macht diesen Fall besonders tragisch.

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Karōshi oder: Die Scheinheiligkeit mancher grosser Unternehmen

November 4th, 2016 | Tagged | 4 Kommentare | 1986 mal gelesen

Es gibt sie noch immer in Japan – Fälle von Menschen, die aufgrund exzessiver Arbeit tot umfallen oder sich dafür entscheiden, ihrem Leben mit eigener Hand ein Ende zu bereiten. Das japanische Wort dafür, 過労死 karōshi, hat es sogar in den englischen und deutschen Wortschatz gebracht, obwohl Tod durch überarbeitung ganz sicher kein rein japanisches Phänomen ist (in China und Korea sieht die Lage weitaus ernster aus).

Doch wer bestimmt, was karōshi war und was nicht? Die Anerkennung von Überarbeitung als Todesursache spielt eine enorm wichtige Rolle für die Angehörigen, aber auch für die Gesellschaft sowie, theoretisch zumidnest, für die verbliebenen Kollegen der Firma. Wird nämlich Überarbeitung als Todesursache anerkannt, können die Angehörigen sehr leicht zivilrechtlich gegen die Firma vorgehen und Schadensersatz fordern. Und nicht nur das – die Firma wird von den Behörden abgemahnt und aufgefordert, Massnahmen gegen Überarbeitung zu treffen.

Doch die Einschätzung ist schwer, vor allem, wenn die Person bereits vorher krank – Depressionen eingeschlossen – war, zumal noch zahlreiche andere Faktoren eine Rolle spielen können. Das Hauptaugenmerk gilt dabei natürlich der geleisteten Anzahl von Überstunden vor dem Tod, doch selbst das ist nicht so einfach, da nicht viele Japaner ihre Arbeit mit nach Hause nehmen. Und die Latte ist hoch angesetzt: Erst bei 80 Überstunden und mehr pro Monat geht man davon aus, dass der Tod durch Überarbeitung wahrscheinlich ist.

Publik werden letztendlich nur wenige Fälle. Da muss es schon eine grosse, bekannte Firma betreffen – so geschehen im Oktober, als sich eine 26-jährige Angestellte von 電通 Dentsū das Leben nahm. Dentsū ist ein Gigant in der japanischen Werbebranche. Firmen, die es ernst meinen und viel Geld haben, gehen zu Dentsū. Dort zu arbeiten ist entsprechend eine Ehre, und offensichtlich kein Zuckerschlecken. Nachdem der Freitod der jungen Angestellten als karōshi anerkannt wurde, gab es seltsamerweise keinerlei Stellungnahme vom sonst eher sendungsfreudigen Unternehmen, doch der Druck der Medien wurde schliesslich so gross, dass man sich dann doch zu einer Reaktion bewegen liess. Und zwar liess man vernehmen, dass man die Anzahl der maximal erlaubten Überstunden pro Monat von 70 Stunden auf 65 Stunden reduzieren wird. Angestellte dürfen also nur noch maximal 3 Stunden pro Werktag länger arbeiten. Soweit, so gut. 65 ist besser als 70. Das ganze hat nur einen, kleinen Haken: Die Betroffene hat laut Untersuchung im Monat vor ihrem Tod 131 Überstunden im Monat gearbeitet – die Firma versuchte das zu vertuschen und meldete knapp 70 Stunden. Das bedeutet, dass die von Dentsū (und vielen anderen japanischen Unternehmen) gesetzte Überstundenobergrenze das Papier nicht wert ist, auf dem sie gedruckt steht. Ob die Zahl denn nun 70 oder 65 – beide Zahlen sind sowieso zu hoch – lautet, spielt also keine Rolle.

Zur Verteidigung muss man sagen, dass Massnahmen zur Vermeidung des Todes durch Überarbeitung durchaus zu greifen begonnen haben. Doch man ist noch weit davon entfernt, das Überstundenproblem gelöst zu haben – an die sonstigen Folgen wie geringe Hochzeits- und Geburtenraten, Verluste durch ineffektives Arbeiten und so weiter denkt man momentan scheinbar noch nicht.

Mit dem Begriff „Tod durch Überarbeitung“, das ist nichts weiter als die wortgetreue Übersetzung des Begriffes karōshi (過 = zu viel, 労 = Arbeit, 死 = Tod), muss man übrigens vorsichtig sein. Der Begriff versetzt nämlich den Betrachter in den Glauben, das hier jemand zu viel gearbeitet hat und deswegen gestorben ist/sich das Leben genommen hat. Wäre dies der Fall, müssten Bauern oder Barbesitzer (oder wenn wir weiterdenken, Mütter) der Reihe nach tot umfallen. Nein, karōshi beruht in der Regel auf Schikane in der Firma, beziehungsweise auf eine untragbare Arbeitsatmosphäre, inklusive exzessiver, aber oft unnötig erweiterter Arbeitszeiten. An der Zahl der Überstunden herumzuschrauben ist deshalb nur bedingt effektiv – wichtiger ist, Managern zu erklären, dass eine Arbeitsatmosphäre, die zu karōshi und Depressionen führt, schlecht für die Arbeiter und schlecht für die Firma ist. Und da gibt es in Japan noch viel zu tun.

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Shibuhallo – wenn Fasching auf Japan trifft

November 1st, 2016 | Tagged , , | Kommentare deaktiviert für Shibuhallo – wenn Fasching auf Japan trifft | 2135 mal gelesen

Halloween ist in Japan seit ein paar Jahren schwer im Kommen — und das nicht nur bei den Kindern. 2012 kamen ein paar Clubs im Tokyoter Trendviertel auf die Idee, sich zusammenzuschliessen und regelrechte Kostümballe zu veranstalten. Und es gibt viele Clubs in Shibuya. Nach zwei Jahren lag die geschätzte Teilnehmerzahl bei über 50’000, doch diese Zahl hat sich 2015 und auch 2016 vervielfacht — wobei es schwer ist, genaue Zahlen zu schätzen, denn bei weitem nicht alle gehen wirklich in die Clubs. Stattdessen brodelt die ganze Gegend zwischen Bahnhof und dem oberen Ende der Dogenzaka. Und dieses Jahr dauert das ganze Spektakel auch noch 4 Tage – vom 28. Oktober bis zum 31. Oktober.

Da ich sowieso in Shibuya umsteigen muss, habe ich mir heute mal das Spektakel kurz selbst angesehen. Die Stimmung rund um den Bahnhof war ausgelassen, und es war extrem voll. Schätzungen gehen davon aus, dass die berühmte „Scramble-Crossing“ genannte Kreuzung pro Tag von einer halben Millionen Menschen überquert wird – während des mittlerweile liebevoll シブハロ shibuharo, von SHIBUya HALLOween genannten Events hingegen von einer Millionen Menschen. Die sind natürlich nicht alle gleichzeitig da, daher die ungenauen Teilnehmerzahlen.

Trotz der enormen Menschenmassen verlief das ganze bisher immer recht friedlich – mit Ausnahme einer Festnahme im Jahr 2015, als ein paar Vermummte einen Polizisten angriffen. Der Vorfall fand in den Medien viel Beachtung, da vielen diese neue Grossveranstaltung ohnehin suspekt ist. Die Polizei hingegen kann nur gelobt werden: Die auf ihren typisch japanischen Polizeiwagen stehenden Beamten mit ihren Mikrofonen sind bereits unter dem Namen „DJ Police“ berühmt geworden und versuchen nach Leibeskräften, die Kreuzung freizuhalten und für ein bisschen Ordnung zu sorgen, was nicht so einfach zu sein scheint. Anbei ein kurzes Video, heute gedreht (leider hatte ich nur mein Handy dabei):

Mir fielen jedenfalls viele Ausländer auf — überall hörte man koreanisch, chinesisch, aber auch Englisch und andere Sprachen. Ganz offensichtlich hat sich die Veranstaltung über die Landesgrenzen hinweg herumgesprochen. Und warum auch nicht: Shibuhallo ist Tokyos jüngste Attraktion und ich hoffe sehr, dass es nicht zu Zwischenfällen kommt, denn dann könnte die Veranstaltung sehr schnell verboten werden. Übrigens sieht das ganze weniger wie Halloween sondern mehr wie Fasching aus: Gruselkostüme sieht man zwar oft, aber noch häufiger sind harmlosere Verkleidungen.

Bei der Recherche zu aktuellen Zahlen bin ich auf diese Seite hier gestossen, wo auch auf die negativen Begleiterscheinungen aufmerksam gemacht wird. Dazu zählen die enormen Müllberge, aber auch die potentielle Terrorgefahr. Ungefährer Wortlaut: „Da die Menschen verkleidet sind, sieht man nicht, ob sie Ausländer sind oder nicht, oder ob sie gefährliche Waffen dabei haben“. Dieser Satz macht mich wirklich sprachlos. Scheinbar ist das Gedächtnis hier sehr kurz, denn der schlimmste (und eigentlich einzig nennenswerte) Terrorangriff wurde eben nicht von Ausländern verübt, sondern von *reinrassigen* Japanern – den Verrückten der Aum-Sekte.

Anbei noch ein paar Fotos:

  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016 - Bahnhofsvorplatz
  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016
  • Diese Polizisten sind echt
  • Diese auch: DJ Police bei der Arbeit
  • Shibuhallo 2016
  • Diese Polizistinnen sind jedenfalls nicht echt
  • DJ Police
  • Mitgehangen, mitgefangen
  • Shibuhallo 2016
  • Armeeeinheiten sind auch dabei
  • Mehr Fasching als Halloween
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Abgeschminkt: Tokyu Railways verprellt Frauen in Tokyo

Oktober 28th, 2016 | Tagged | 2 Kommentare | 1977 mal gelesen

Seit es Eisenbahnen in Japan gibt, versuchen sich die Eisenbahngesellschaften an der Erziehung ihrer Fahrgäste. Das ganze geschieht mal mehr, mal weniger provokant, und nach Meinung der meisten Tokyo-Besucher ziemlich erfolgreich, denn trotz der Menschenmengen sind die Leute vergleichsweise diszipliniert. Natürlich gibt es trotzdem Sachen, die den Leuten auf den Zeiger gehen – das ist kein Wunder bei den vollen Zügen. Darüber gibt es sogar richtige Ranglisten, zum Beispiel diese hier¹:

  1. Beim Ein- und Aussteigen die Türen blockieren
  2. Mehr als einen Sitzplatz vereinnahmen
  3. Seniorensitz nicht freimachen, wenn eine bedürftige Person kommt
  4. Kopfhöhrer benutzen, aus denen Musik nach aussen dringt
  5. Ohne Maske niesen oder husten
  6. Sich im Zug schminken
  7. Schweres Parfüm benutzen
  8. Obwohl es andere stört, am Handy herumspielen
  9. Mit Tasche auf dem Rücken einsteigen
  10. Obwohl es andere stört, Zeitungen oder Magazine lesen

Eine interessante Reihenfolge, bei der meine persönliche Nummer 1 fehlt – meist ältere Männer, ganz selten auch mal Frauen, die plötzlich austicken und einen Fahrgast aufs übelste Beschimpfen – davon gibt es hier ein schönes Video, und ich erlebe das im Schnitt ein Mal im Monat, irgendwo im selben Waggon.

Zur Zeit veranstaltet 東急電鉄 Tokyū Railways eine Kampagne gegen vermeintliche und echte Unsitten im Zug und auf den Bahnhöfen – auf YouTube und in den Eisenbahnwaggons selbst. Eine Folge verursachte nun einen Aufschrei unter den weiblichen Fahrgästen. Die Sprecherin beginnt die Belehrung mit den Worten, dass „die Frauen in der Grossstadt (都会 tokai) alle sehr schön seien, manchmal aber nicht so schön anzusehen sind“. Trotzdem sollen sich die Damen nicht im Zug schminken, denn das will niemand sehen. Das ganze kommt ziemlich aggressiv herüber. Von der unnötigen Betonung des Wortes „Grossstadt“ mal abgesehen, fragen sich viele Frauen – zu recht, finde ich – was das eigentlich soll, und ob das wirklich so schlimm ist, wenn sich jemand im Zug schminkt. Also mich stört es nicht. Im Gegenteil: Ich bewundere die Frauen manchmal, denn es wackelt auch in japanischen Zügen ordentlich, und es wundert mich immer wieder, dass die Damen beim Aussteigen um den Mund herum nicht aussehen wie Robert Smith von The Cure.

Man kann es mit den Belehrungen auch übertreiben. Verständlicher ist da allerdings das nächste Video – in dem geht es gegen Fahrgäste, die beim Herumlaufen an ihrem Handy herumspielen: „Wie in einer Fernsehserie sind wir aneinandergerempelt. Das war jedoch kein Schicksal, sondern ein Smartphone auf Beinen“. Das ist in der Tat wirklich nervend:

Und dennoch – nirgendwo in der Welt habe ich diszipliniertere Fahrgäste gesehen, vor allem wenn man bedenkt, wie voll die Züge hier tagtäglich sind und wie viel Stress das in Menschen verursachen kann.

abgeschminkt

¹ Siehe hier

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​Phänomen Pikotaro

Oktober 20th, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 1914 mal gelesen

​Seit ein paar Wochen schon hört man in Japan überall den Namen ピコ太郎 Piko Tarō (PIKOTARO) und sein eigenwilliges Liedchen, das so kompliziert ist, dass man es nunmehr einfach nur mit PPAP abkürzt. Das steht für Pen Pineapple Apple Pen, beziehungsweise um es korrekt auf Japlish bzw. Engrish zu sagen, ペンパイナッポーアッポーペン (Penpainappoappopen). Und damit ist eigentlich schon der ganze Text verraten. Mit diesem gerade mal 1:09 langen Stück, wohlgemerkt sein Erstlingswerk, hat es der Komiker beim heutigen Stand nicht nur auf 57 Millionen Abrufe seines Youtube-Videos gebracht – sondern heute auch in die Top 100 der amerikanischen Billboard-Charts. Als Neueinsteiger landete er auf Platz 77, und ist damit der erste Japaner seit 26 Jahren, der es in die amerikanischen Top 100 geschafft hat. Sowie der 7. Japaner überhaupt. Nicht schlecht für einen 54-jährigen Entertainer, den bis dato kaum einer kannte.

Der Erfolg des Stückchens zeigt, wie zufällig und eigenwillig Erfolg sein kann. Die ersten, die auf Pikotaro aufmerksam wurden, waren sehr wahrscheinlich japanische Oberstufenschülerinnen – die berühmten 女子高校生 joshi kōkōsei fungieren ja nicht selten als Trendsetter. Und in diesem Fall kommt das auch nicht von ohne her: Die betont japanische Aussprache der vier englischen Wörter sowie die Wahl der Wörter erinnert unweigerlich an den oftmals absurden Englischunterricht an japanischen Schulen, der sich nicht selten auf das sture Pauken abstruser grammatikalischer Konstrukte, stumpfes Vokabellernen und das gemeinsame Nachsprechen so wichtiger Sätze wie „This is a pen“ und „This is an apple“ beschränkt – in nicht selten radebrechender Aussprache seitens des Lehrers selbst. Das Lied ist schlichtweg eine Parodie auf die englische Sprachbildung in Japan. Und als solches ist das Opus ein kleines Meisterstück, nicht zuletzt wegen seiner Schlichtheit.

Ach ja: Japanisch lernen kann man mit Pikotaro jetzt auch. Zumindest drei Vokabeln. Bei der er allerdings auch die Aussprache herrlich verhunzt:

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