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Wie ein bunter Hund

Oktober 11th, 2011 | Tagged | 4 Kommentare | 1499 mal gelesen

Tass' Käffchen gefällig? Kann bis zu 4 Leute einladen!

Wenn man lange Zeit im Ausland lebt und auch noch die Sprache spricht, vergißt man nach einigen Monaten? Jahren?, daß man Ausländer ist. Das ist soweit in Ordnung, wenn man zum Beispiel in die USA gezogen ist oder nach Frankreich. Etwas anders sieht es in Japan aus, wo der Anteil der nicht-ostasiatischen Ausländer bei unter einem Prozent liegt. Ob man sich als Ausländer fühlt oder nicht ist dabei vollkommen Wurst: Man ist Ausländer. Man fällt auf. Man fragt sich manchmal, ob man bunte Flecken im Gesicht hat oder einem gerade das Gesicht zerfliesst, wenn man angestarrt wird. Oder ob man als jemand angesehen wird, der gerade erst aus dem Wald kam (letzteres artikuliert sich meist dadurch, daß irgendjemand angeturnt kommt und ganz gekonnt „No, No“ ruft, wobei auch eine im fliessenden Japanisch vorgebrachte Gegenfrage, was denn des Rufers Unmut errege, nicht den Wortschatz des nun leicht grenzdebil wirkenden Störenfriedes wiederbringt).

Der wahre Sinn des Lebens: Bic Camera-Karte vollmachen und leermachen

Der Bekanntheitsgrad hat in der näheren Umgebung jedoch nicht nur Nachteile, sondern auch einige Vorteile. Erst gestern zog es mich mit meiner Familie mal wieder zum Doutor. Das ist eine japanische Kaffeehausfiliale, und ja, ich bin schon soweit tatamisiert, daß ich eben nicht zu Starbucks gehe, denn da ist der Kaffee einfach mal zu groß, zu teuer und nicht mal besonders wohlschmeckend. Nicht, daß Doutor in punkto Geschmack wesentlich besser ist, aber da sind wenigstens Tasse und Preis kleiner. In Doutor-Filialen kann man mit der sogenannten T-Card seiner Punktesammelwut fröhnen. Eigentlich bin ich kein Freund solcher Karten und Systeme, aber die Sache mit der T-Card ist clever: Jene ist gleichzeitig die Mitgliederkarte für Tsutaya, der wahrscheinlich größten Video- und CD-Verleihkette in Japan. Also schleppt man die Karte sowieso mit sich herum. Warum also nicht gleich beim Gang zu Doutor oder zum Family Mart die T-Card vorzeigen. Immerhin ist damit jede 210. Tasse Kaffee umsonst (man bekommt überall 1 Prozent des Preises gutgeschrieben). A propos Punktekarte: Ein absolutes Muß meinerseits ist da die Bic Camera- Karte, mit der man meistens 10% auf Elektroartikel gutgeschrieben bekommt. Was habe ich der Karte nicht schon alles zu verdanken. Wäre doch glatt eine Geschäftsidee, vor Bic Camera Touristen abzufangen, ihnen beim Einkauf mit Rat und Tat beiseite zu stehen und sich dann die Punkte gutschreiben zu lassen. Da hat jeder was davon. Wie? Gute Idee? Na warte, wehe ich erwische einen von Euch vor Bic Camera!

Ich glaube, ich schweife ab. Doutor. Gestern ging ich also an den Tresen, um zu bestellen. Weiss nicht, welcher Hund bunter ist – ich oder meine Tochter. Die Bedienung schaut mich an, als ob sie lange auf mich gewartet hätte, greift kurz unter den Tresen und überreicht mir meine… T-Card. Da ich sie seit dem letzten Besuch, muss wohl vor 2, 3 Wochen gewesen sein, eigentlich nicht vermisst hatte, war ich umso überraschter. Und ein bisschen glücklich, denn auf der Karte haben sich mittlerweilen um die 5 Tassen Kaffee angesammelt. Es gibt wohl verschiedene Arten, Zeit zu messen.

Ob mir das in Deutschland in einem sehr gut besuchten Cafe, das ich zwei, drei Mal im Monat besuche, auch passieren würde? Ausgeschlossen ist das nicht. Aber dank des Bunten-Hund-Prinzips passiert so etwas in Japan sehr häufig.

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Absurditäten Teil soundso: Bankenverhör

Oktober 6th, 2011 | Tagged , | 12 Kommentare | 3711 mal gelesen

Schon mal erwähnt, daß ich ein riesengrosser Freund japanischer Banken bin? Ach ja, hatte ich schon. Aber da die hiesigen Banken eine unendliche Quelle abstruser Vorschriften sind, bin ich ihnen einfach mal einen weiteren Artikel schuldig.

Viele Leser werden sich an den Spendenaufruf für Minami-Sōma erinnern. Es kam einiges zusammen, und das sammelte sich auf meinem Paypal-Konto an. Und das musste irgendwie zum japanischen Spendenkonto der Organisation gelangen, da diese leider kein ausländisches Konto und auch kein Paypal haben. Mein Paypal-Konto ist mit meinem japanischen Bankkonto verbunden – will heissen, ich kann – begrenzt – Geld von meinem Paypal-Konto zu meinem Bankkonto schicken. Ist auch nicht allzu teuer. Ja, und? Nun, Paypal hat seinen Sitz im Ausland. Irgendwo da draussen. Jedenfalls nicht in Japan. Und Japanern, allen voran Banken, ist ja bekanntlich vieles, was aus dem Ausland kommt, suspekt. Dazu zählen insbesondere Überweisungen. Man könnte ja mit dem Geld, auch wenn es nur ein dreistelliger Eurobetrag ist, einen japanischen Politiker bestechen! Also setzt sich eine Maschinerie in Gang. Drei Tage, nachdem ich die Überweisung in Paypal in Gang gebracht hatte, bekam ich einen Anruf von meiner örtlichen Bankfiliale:

B: Sind sie Matthias? Matthias R***** (Name ist der Redaktion bekannt)
M: Ja!
B: Hier ist die Mizuho-Bank. Sie haben bei uns ein Konto…
M: Korrekt.
B: Wir haben heute eine Überweisung aus dem Ausland auf ihr Konto erhalten. Von (kurze Pause, es raschelt etwas) Pei… – Pei…
M: Peiparu! (Paypal)
B: Genau! Sie wissen davon?
M: Ja, ich habe die Zahlung erwartet.
B: Wir müssen Sie aufgrund von Verordnung soundso fragen, woher das Geld kommt.
M: Das ist von meinem eigenen Paypal-Konto. Ich überweise da quasi zwischen meinen eigenen Konten.
B: Und darf ich Sie nach dem Verwendungszweck fragen? Woher kommt das Geld?
M: Ich habe da eine Webseite, und da haben die Leser für einen wohltätigen Zweck für eine Organisation in Japan gespendet.
B: etto… (auf Deutsch in etwa: wie jetzt?)
M: Tja, und das Geld muss ich weiterleiten.
B. (sammelt sich und läuft zur Hochform als Detektivin auf) Wie heisst die Organisation?
M: „Save Minami-Sōma“
B: Hä?
M: Minami-Sōma! Sie wissen schon, die Stadt in Fukushima, Tsunami, AKW, Erdbeben und so!
B: Hmmm. Und was war das andere nochmal?
M: Save! Auf Japanisch 救助 oder 救う, oder in diesem Fall auch 応援する (da ich gerade Laune hatte, gab ich ihr noch mehr Übersetzungen, damit sie meinen prächtigen japanischen Wortschatz etwas mehr würdigen kann)
B: Und was macht die Organisation?
M: Nun, die fahren regelmäßig mit Hilfslieferungen nach Minami-Sōma…
B: Wohin?
M: (fallen gerade die Udon aus dem Mund) Na nach Fukushima, um das an die Evakuierten zu verteilen.
B: Achso. Ist die Organisation eingetragen?
M: Ich glaube, noch nicht. Das dauert ja in Japan immer ein paar Jahre… aber die gehören zu Second Harvest?
B: Sekando… was? Was machen die?

Nun, ich möchte nicht das ganze, ca. 10-minütige Gespräch wiedergeben. Die Dame war auch so freundlich, mich zu warnen, dass sie mich jedes Mal anrufen, wenn ich so eine Überweisung bekomme. Bis dahin werde ich mir wohl eine einfachere Geschichte ausdenken müssen (na damit will ich den Wirtschaftsminister bestechen, damit er dieses alberne Bankengesetz kippt – zum Beispiel).
Ende vom Lied: Die gute, leider etwas begriffsstutzige Frau gab endlich die Überweisung frei, sodass ich sie noch am gleichen Tag weiter überweisen konnte.

Dieser Prozess war mir nicht neu. Da wir in der Firma mehrmals im Monat auch Zahlungen aus dem Ausland erhalten, kenne ich diese Gespräche. Aber als Firma hat man freilich den Vorteil, meistens mit der gleichen Person sprechen zu können.

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Minami-Sōma – im Katastrophengebiet Teil 2

August 17th, 2011 | Tagged , | 5 Kommentare | 1612 mal gelesen

Nach Teil I also wie versprochen Teil 2 der Tour nach Minami-Sōma. Es ging gegen 9:30 los mit den LKW’s und Autos zu den ersten Behelfsunterkünften. Schätzungen zufolge hatten rund 50’000 Einwohner der 70’000 Einwohner Minami-Sōmas die Stadt in den Wochen nach dem Beben verlassen. Mit anderen Worten – wer wegziehen konnte, zog weg. Man kann aber – in jedem Land und Landstrich – ausgehen, dass es Menschen gibt, die einfach nicht wegkönnen oder wegwollen. Ein Teil dieser Leute lebt in Minami-Sōma in Behelfsunterkünften – und zwar die, deren Häuser weggespült oder vom Beben zerstört wurden, und die, die aufgrund der Lage ihrer Häuser in der Sperrzone nicht nach Hause zurückkönnen. Viele Betroffene erhielten mittlerweilen vom Stadt eine einmalige Unterstützung in Höhe von rund 1 Million Yen, also knapp 9’000 Euro, aber die Leute wissen nicht, wie lange das reichen muss, und die meisten Leute haben ihre Eunnahmequellen verloren, stehen also vor dem Nichts. War das Haus noch nicht abbezahlt, sitzen sie zudem auf einem grossen Schuldenberg.
Aufgrund diverser Vorkommnisse darf nicht einfach jeder in die Lager und etwas machen, denn es kam schon vor, dass sich Nepper, Schlepper, Bauernfänger und Organisationen mit dubiosen Absichten in solchen Lagern breitmachten. Wir hatten jedoch die notwendigen Genehmigungen. An die Familien wurden zudem vorher kleine Flugblätter verteilt, auf denen das Projekt vorgestellt und angekündigt wurde.

Behelfsunterkünfte in Minami-Sōma

Die Lager sind über die ganze Stadt verteilt. Sie stehen völlig im Freien, ohne jeglichen Schatten, auf einer mit Schotter belegten, ebenen Fläche. Graue, containerähnliche Wohneinheiten mit kleiner Küche, Wohnraum, Bad und Klimaanlage. Alles in allem sehr trostlos, aber als Behelfsunterkunft akzeptabel.
Als wir im ersten Lager ankamen, baten wir die Freiwilligen aus dem Ort, den Bewohnern erstmal zu erklären, dass sie besser warten sollten, bis es losgeht, da die Vorbereitung etwas Zeit brauchte und wir die Leute nicht in der Hitze unter praller Sonne warten lassen wollten. Die zwei LKW’s wurden nebeneinander geparkt und ein Vorzelt errichtet. Dann ging es los: Die Bewohner kamen quasi alle auf einmal und stellten sich an. Dann wurde verteilt. Da die Menge für eine Person allein schon 8 Dosen Wasser, zwei Pampelmusen, etliche Kartoffeln, Zwiebeln, Mohrrüben, Rettich (sehr gross in Japan!) umfasste, wog das ganze bereits über 10 Kilo. Da viele der Leute, die auftauchten, sehr alt waren – oder Mütter in sehr jungen Jahren – trugen wir den meisten Leuten ihre Ration bis zu ihrer Wohnung. Auch Kinder jeglichen Alters waren dort, aber es überwogen alte Leute.
Die Reaktion war und ist prinzipiell positiv. Die Leute bedanken sich, oftmals etwas beschämt, und scheinen sehr froh zu sein, dass es die Aktion gibt. Schön war es zu sehen, dass manche offensichtlich ihren Humor nicht ganz verloren hatten: Ein Bewohner meinte wohl bei einer der ersten Touren „Das ist ja die vierte Tragödie! Erst das Beben, dann der Tsunami, dann das AKW – und jetzt die ganzen Ausländer hier!“. Er meinte das jedoch nicht böse sondern schlichtweg ironisch.
Keine anderthalb Stunden später waren Portionen an über 250 Leute verteilt. Wir packten ein und machten eine kleine Inventur, um zu sehen, ob die kalkulierten Mengen pro Person reichen würden. Sie sollten. Wir fuhren weiter, und keine 5 Minuten später waren wir am nächsten, identisch aussehenden Lager. Dort ging es wieder wie gehabt los. Dort hatten wir sogar Schubkarren – das war praktisch bei 5-köpfigen Familien, deren Rationen für eine Einzelperson kaum zu tragen gewesen wären.

Convoy vor einem der Lager

Gegen 1 Uhr ging es schliesslich weiter zum letzten Einsatzort: Dabei handelte es sich um normale Wohnblocks, in denen Familien mit 6 und mehr Familienmitgliedern untergebracht wurden. In den Wohnblocks lebten die Flüchtlinge zusammen mit normalen Mietern. Wir hatten die Kisten jetzt schon im Voraus gepackt. Die Situation war aber insofern anders, dass wir die Kisten zu den Wohnungen tragen mussten – bis in den 5. Stock, ohne Fahrstuhl. Wer nicht da war, konnte nichts bekommen – da auch normale Mieter dort wohnten, konnten wir nicht einfach die Kiste voller Essen vor die Tür stellen. Also klingelten wir bei allen Familien, die sich gemeldet hatten. Nahezu alle waren da. Manchmal öffneten die Kinder die Tür – drei Kinder zum Beispiel, deren Eltern gerade nicht da waren. Manche waren sichtbar überrascht, als sie die Tür aufmachten und ich plötzlich davor stand… Unter den Leuten war auch ein Tattergreis, der recht lustig zu sein schien. Er kam direkt zu unserem LKW. Wir fragten ihn nach seiner Wohnungsnnummer, aber er sagte „Woher soll ich das wissen. Ist da hinten, kann ich Euch zeigen“. Vorher hatten wir alle Familien gebeten, so möglich, beim Tragen mitzuhelfen. Er konnte das offensichtlich nicht. Also trug ich die schweren Kisten hinter ihm her. Er fand sofort seine Wohnung, machte erstmal die Tür auf und rief „おっか! Okka!“ – das Wort für Ehefrau im hiesigen Dialekt. Heraus kam eine junge, ca. 40 Jahre alte und offensichtlich kerngesunde Frau. Aber wer weiss – vielleicht war es auch seine Schwiegertochter. Aber beim Tragen hätte sie durchaus helfen können.
Man sollte auch erwähnen, dass es manchmal zu etwas seltsameren Reaktionen kommt. „Haben Sie Reis dieses Mal? Ohne Reis … also Reis wäre wirklich schön“. Ein anderer fragte einmal „Habt Ihr zufällig auch Bier dabei?“ Jemand anders meinte „Die Pampelmusen könnt Ihr behalten, die kann ich wegen meiner Medizin nicht essen. Habt Ihr kein anderes Obst?“
Kurz vor 4 Uhr war alles verteilt. Fast alles. Ein bisschen war noch da, und das wollten wir den Freiwilligen geben, damit sie darüber nach ihrem Gutdünken verfügen können. Wir konnten und wollten nichts zurück nach Tokyo mitnehmen. Ein gewisser Herr Sasa von den Freiwilligen lud uns in sein Haus ein auf eine kurze Stärkung. Das macht er immer. Ein ganz formidables, prachtvolles Holz mit herrlichem kleinen Garten und geschmackvoller Innenausstattung. Der Herr ist Schreiner und versteht sein Handwerk. Und da sass nun eine ganze Meute ziemlich fertiger Ausländer und Japaner und bekam dort Curry und grünen Tee serviert.
Endlich, gegen 17 Uhr, wurde der Rückzug angeordnet. Wir mussten ja noch nach Tokyo zurück. Auf Wunsch eines einzelnen Mitreisenden ging es nochmal kurz zur Küste. Dabei gerieten wir auf eine kleine Strasse, die zur Schnellstrasse führte und am Ende des Flusstales lag, in dem der Tsunami wütete. Gute 2 Kilometer vom Wasser entfernt lag das Gebiet, doch überall lagen zerstörte Schiffe auf den Feldern und Strassen. Ein surrealer, verstörender Anblick, der die Wucht des Tsunami erahnen liess:

Nach einer kurzen Pause ging es schliesslich zurück nach Tokyo. Gegen 22 Uhr waren wir dort… und landeten wenige Kilometer vor dem Ziel noch in einem langen Stau. Da meine Arbeit getan war, verliess ich die Autobahn über eine sehr lange Treppe – einer der Notausgänge auf der meist sehr hoch gelegenen Stadtautobahn, und so war ich schliesslich gegen Mitternacht zu Hause. Das Ende einer 28 Stunden langen Tour. Über 40 Stunden ohne Schlaf (das kommt aber bei weitem nicht an meinen Rekord von ca. 70 Stunden, aufgestellt im Nahen Osten, heran). Eine Tour mit verstörenden Eindrücken. Ich hatte vorher Kriegsgebiete gesehen – zum Beispiel in Mostar oder Vukovar, aber das Mass der Zerstörung durch den Tsunami war nicht vergleichbar. Der Tsunami liess nichts übrig.
Aber die Tour vermittelte das Gefühl, etwas getan zu haben. Inwieweit die Lebensmittellieferungen etwas bewirken, bleibt dahingestellt. Es ist unwahrscheinlich, dass jemand ohne sie verhungern würde. Aber sie sind auf jeden Fall in psychologischer Hinsicht mit Sicherheit wichtig: Die Betroffenen merken, dass sich jemand kümmert. Auch das kann Leben retten, denn die Selbstmordrate ist Monate nach dem Beben im Nordosten in exorbitante Höhen geschnellt.

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Minami-Sōma – im Katastrophengebiet Teil 1

August 15th, 2011 | Tagged , | 6 Kommentare | 1430 mal gelesen

In der vergangenen Woche habe ich an dieser Stelle ein Projekt vorgestellt, in dem es darum geht, den Bewohnern der Stadt Minami-Sōma (Präfektur Fukushima) zu helfen. Das Ergebnis dieses Beitrags war

1) Die Gelegenheit, dem Verantwortlichen des Projekts eine Spende von 10,000 Yen (11o Euro) geben zu können (im Namen der Leser dieses Blogs)

und

2) Ein Freiwilliger, der bei der Tour mithalf.

Soweit, so gut. Der eine oder andere möchte bestimmt wissen, wie das ganze verlaufen ist – von daher ein kurzer Bericht, der gleichermassen Einblick darin geben soll, wie es nun wirklich in den vom Tsunami sowie dem AKW Fukushima I betroffenen Gebieten aussieht.

Los ging es am Freitag, Treffpunkt war das Hauptquartier der Organisation Second Harvest – eine japanische Variante des Deutsche Tafel e. V. – die das Projekt logistisch und teils mit Waren stark unterstützt. Die Leute – 4 Japaner und 7 Ausländer, trafen sich um 19:30 bei Asakusabashi, um die beiden LKW’s zu beladen. Ich war eine halbe Stunde später dran, da ich bis um 19 Uhr noch im Büro war. Das Aufladen ging relativ schnell, und so war noch Zeit für ein Abendessen beim Chinesen um die Ecke. Um 22 Uhr war dann Abfahrt – zwei gemietete LKW’s und ein Privatauto machten sich auf dem Weg, aber als lose Kolonne. Es wurde verabredet, sich auf der Raststätte 那須高原 Nasu-Kōgen zu treffen. Die rund 200 km schafft man normalerweise in 2 Stunden (Tempolimit 100), aber in den O-Bon-Ferien ist der Verkehr etwas dichter, zumal momentan die Maut für die Autobahn nach Nordosten ausgesetzt wurde.

Gemüse aufladen in Kōriyama

Gemüse aufladen in Kōriyama

Gegen 1 Uhr waren wir dort, und die LKW’s kamen eine gute Viertelstunde später. Die Raststätte war voll; die Autos stauten sich bis auf die Autobahn, da keine Parkplätze frei waren. Ein paar Leute versuchten zu schlafen, andere lungerten einfach herum (so auch ich – ich kann leider nicht auf Knopfdruck schlafen). Um 3 Uhr ging es weiter, zum Gemüsegroßhandel in Kōriyama 郡山, einer Stadt im Süden von Fukushima. Dort wollten wir Gemüse kaufen und laden. Unser Kontaktmann sollte eigentlich um 4:30 kommen, aber er schien noch zu schlafen – er dachte, wir würden erst 7:30 da sein. Das wäre jedoch zu spät – wir würden es nicht rechtzeitig zum Zielort schaffen. Kurz nach 6 Uhr trudelte er schliesslich ein. Wir hatten im Voraus etliche Tonnen Gemüse geordert – hauptsächlich Kartoffeln, Zwiebeln, Mohrrüben und Rettiche. Das Aufladen dauerte keine 20 Minuten. Wir wurden zudem von ihm vor einem Stau vor Fukushima gewarnt, und so fuhren wir auf der normalen Strasse weiter. Das Navigationssystem eines LKW’s schien schon lange kein Update mehr gehabt zu haben: Es lotste einen LKW plötzlich genau Richtung Sperrzone, aber zum Glück warnten etliche Schilder schon lange vorher, dass es dort nicht weitergeht: Der kürzeste Weg nach Minami-Sōma führt direkt am AKW Fukushima I vorbei, doch bekannterweise gibt es heute eine 20 km Sperrzone rundherum.

飯館 - Iitate, Fukushima

Stattdessen ging es also hoch nach Fukushima und von dort auf der Staatsstrasse 6 nach Osten, Richtung Küste. Unter anderem ging es dabei auch durch 飯館 Iitate – der Ort, der durch horrend hohe Strahlenwerte sehr berühmt wurde: Wochenlang herrschten dort Werte von 20 bis 50 Mikrosievert (Tokyo: 0.1, Hotspots bei Tokyo um 0.5) vor. Und dort begann es, merkwürdig zu werden: Die Landschaft bei Iitate ist betörend schön – eine sehr schöne, bewaldete Bergregion mit schönen Tälern, saftigen Wiesen und interessanten Strassen. Halb ausgestorben. Die meisten Felder – nicht bestellt. Alle Läden und öffentlichen Gebäude ganz offensichtlich seit längerem geschlossen. Nur hier und dort noch Autos vor den Häusern. Die Gegend sieht aus, wie das Paradies auf Erden. Jedoch: Mehr oder weniger unbewohnbar, auch wenn man nichts sieht. Wenn man das sieht, begreift man allmählich, warum die Einwohner so irritiert sind und viele nicht wegwollen. Warum soll all das von einem auf den anderen Tag einfach schlecht und ungeniessbar sein? Es ist sehr schwer zu begreifen.

Um 9 Uhr war Treffpunkt am stillgelegten Bahnhof Kashima 鹿島 in Minami-Sōma mit den freiwilligen Helfern vor Ort. Wir waren eher da als die LKW’s, und so fuhren wir kurz Richtung Küste. An der Stelle ein paar Worte zur Stadt: Minami-Sōma ist zwar eine Stadt, aber in Wahrheit eher eine Ansammlung unzähliger Dörfer. Die „Stadt“ ist 400 km² gross und hatte knapp 70’000 Einwohner. Das Gebiet reicht vom Meer bis zu den Bergen, mit zahlreichen Hügeln und Bergen im Stadtgebiet. Zur Stadt gehört ein ca. 2 km langes und ein 2, 3 km breites, topfebenes Flusstal. Am Nachmittag des 11. März 2011, mehr als eine halbe Stunde nach dem Beben mit der Stärke 9.0 rund 200 km nordöstlich, fegte ein schätzungsweise 15 m hoher Tsunami durch die Ebene: Die dritte Welle war besonders heftig und zermalmte den 10 Meter hohen Schutzwall aus Beton mit Leichtigkeit. Der Tsunami vernichtete alles im Flusstal – ausser ein paar wenigen Betonbauten und ein paar Bäumen, die man an einer Hand abzählen kann, wurde alles weggespült. 1’800 Häuser waren völlig zerstört; 300 Tote nach wenigen Tagen gezählt und 1,180 Menschen galten als vermisst.

Nahe der Küste in Minami-Sōma: Nichts steht mehr

Die Erdbeben vom 11. März – Hauptbeben und schweres Nachbeben eine halbe Stunde später – richteten auch mehr oder weniger starke Schäden im Rest der Stadt an; schlimmer war aber wohl ein Nachbeben am 11. April, also einen Monat später, der Stärke 6.6 in unmittelbare Nähe. Auch jetzt noch waren viele Dächer mit blauen Planen abgedeckt – Dächer, die während der zahlreichen Erdbeben abgedeckt wurden. Leider erwischte es jedoch die Stadt auch noch anderweitig: Das AKW Fukushima I liegt nur 30 km entfernt, und aufgrund sehr hoher Strahlenwerte wurdem grosse Teile von Minami-Sōma zur 屋内退避区域 – Okunai Taihi Kuiki erklärt: Das Wort steht für „Im Haus – Evakuierung – Gebiet“. Soll heissen, die Bewohner wurden angewiesen, ihre Häuser nicht zu verlassen. Das bedeutete jedoch auch, dass alle Firmen und Medien sich danach richteten: Minami-Sōma wurde regelrecht von der Aussenwelt abgeschnitten – keiner lieferte mehr etwas. Was folgte, war ein dramatischer Apell des Bürgermeisters Katsunobi Sakurai an die Weltöffentlichkeit – über YouTube.

Chor der Freiwilligen in Minami-Sōma

Chor der Freiwilligen in Minami-Sōma

Zurück zum Tagesablauf: Gegen 9 Uhr trudelten die Freiwilligen des Ortes ein: Über 10 Leute, die meisten ältere, sehr illustre Damen, aber auch 2, 3 Herren und ein netter Mann, der seine halbe Familie mitbrachte: Zwei Söhne und einen Onkel. Allesamt sehr, sehr nett. Einer der Köpfe der Freiwilligen war, nun ja, etwas anders: Er fährt einen ziemlich dicken Benz, geschmückt mit einer Jogginghose rund um den Stern und irgendeinem anderen Kleidungsstück am Einparkstab (keine Ahnung, wie die heissen – die Stäbe am Kotflügel, damit man sieht, wo das Auto aufhört). Damit fuhr er fast die ganze Zeit durch die Stadt – wohl um die Wäsche zu trocknen?

Wir machten Lagebesprechung: Wer bekommt wieviel? Welche behelfsmässigen Unterkünfte besuchen wir zuerst? Und was machen wir mit dem Bestand an Soyasauce, Mirin, Reisessig und Tsuyu – alles hatten wir in Mengen, die ausreichten, um die über 500 Leute gerecht zu versorgen, aber die vier Sachen hatten wir nicht in ausreichenden Mengen, also mussten wir überlegen, wie das verteilt werden kann, ohne das sich jemand ungerecht behandelt fühlt. Die Stimmung war gut: Kein Regen, und mit 30 Grad sollten die Temperaturen noch in erträglichen Massen bleiben (bei einer vorherigen Tour waren wegen der Hitze ein paar der Freiwilligen umgekippt).

So, das wird zu lang – deswegen werde ich mehr in Bälde schreiben. Hoffentlich morgen.

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Der Vorleser

Mai 24th, 2011 | Tagged , , | 14 Kommentare | 1265 mal gelesen

Kamishibai hajimaru yo! – wie der Rattenfänger aus Hameln streicht der alte Mann zwischen all den Kindern auf einem grossen Spielplatz im Tokyoter Bezirk Edogawa-ku umher, gebückt, und mit sonorer Stimme in ein uraltes Megaphon sprechend. Ich wage zu bezweifeln, dass die Batterien, so überhaupt vorhanden, frisch sind. Sein Gebiss sitzt sehr locker, weshalb er schwer zu verstehen ist. Was macht der Greis hier? Verkündet er das Ende der Welt? Immer wieder dreht er seine Runde, und schlägt zwei alte Holzstücke zusammen, immer wieder gebetsmühlenartig den einen Satz verkündend. Und wie sein Kollege aus Hameln nimmt er dann tatsächlich die Kinder mit, und verfrachtet sie, bis zu 10 von ihnen, in den mit Pappe ausgeschlagenen Kofferraum seines Kleinwagens.

Erst beim zweiten Mal verstand ich endlich, was er da verkündet. 紙芝居、始まるよ! (kamishibai, hajimaru yo) – das „Papiertheater“ fängt an! Die Kinder kriechen in seinen Wagen, unter den skeptischen Augen der Eltern. Zwar ist die folgende, keine fünf Minuten dauernde Vorstellung, kostenlos, doch der Mann sammelt trotzdem „auf freiwilliger Basis“ 100 Yen von den Eltern ein – und lässt die Kinder dafür aus zahlreichen Süssigkeiten, Getränken und manchmal auch Eis auswählen. Dann baut er eine uralte Holzkiste auf einem uralten Schemel auf. Nach vorn hat die Holzkiste ein Glasfenster. An der Seite ist die Kiste offen. Das muss so sein, denn nur so kann der Erzähler die alten, abgegriffenen, schwarzweissen Bilder herausziehen, während er – ebenfalls mit sonorer Stimme – eine Geschichte vorliest.

 

 

Sie sind selten geworden, die Geschichtenerzähler. Diese japanische Besonderheit begann Anfang des 20. Jahrhunderts und war vor allem in Tokyo sehr populär. Der Zweck war nicht nur pure Kinderliebe: Auf diese Weise wurden gerne Süssigkeiten „vertickt“. Daraus wuchs eine ganze Industrie. Laut Wikipedia gab es nach dem Krieg gute zehntausend Erzähler, die schliesslich erst nach der Verbreitung des Fernsehens verdrängt wurden. Der alte Mann im Park von Edogawa-ku muss auch gut und gerne 90 Jahre auf dem gekrümmten Buckel haben. Ich bedankte mich bei ihm nach der Vorstellung und fragte ihn, wie lange er das schon mache. „Weit mehr als 50 Jahre lang“ war seine Antwort. Die Kinder hören kaum zu, da man ihn kaum versteht. Aber sie verstehen, dass dies etwas Besonderes, Anderes ist. Und laben sich an den Süssigkeiten. Welche Eltern können da schon sagen „Nein, das isst Du jetzt nicht!“.

Zur Veranschaulichung noch ein Video – ohne Höhepunkte, wohlgemerkt. Aber wer weiss, wie lange es sie noch gibt – die Geschichtenvorleser.

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Kulturschock Bahn

Mai 11th, 2011 | Tagged , , | 18 Kommentare | 2510 mal gelesen

So, da bin ich wieder in Japan, nach einer guten Woche in der Heimat. Nun war ich „nur“ 2½ Jahre nicht in Europa, was sicherlich im Vergleich zu vielen anderen nicht sehr lang ist – aber es reichte dann doch mal wieder für ein paar kleine Kulturschocks (das beginnt gleich am Flughafen, wenn man sieht, wie alle Leute gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen in den Bus drängen, anstatt sich anzustellen).
Für einen Kulturschock erster Güte qualifiziert sich jedoch die Deutsche Bahn jedes Mal, denn scheinbar ist man dort stetig bemüht, den Service und das ganze System permanent zu verschlechtern. Meinen ganz besonderen Spass hatte ich da an den Fahrscheinautomaten im Bahnhof von Halle/Saale: Dort wollte ich eine einfache Fahrkarte nach Leipzig erwerben. Also Reiseziel ausgewählt, und fröhlich ging es weiter: Da bittet mich der Kasten doch, den Regionalverbund bzw. die Strecke auszuwählen – vier Möglichkeiten hatte ich zur Auswahl: Über Schkeuditz, über Delitzsch (glaube ich) und noch zwei andere Nester, von denen ich noch nie was im Leben gehört hatte. Ich hatte Glück: Mir fiel ein, dass die kürzeste Route über den Flughafen und über Schkeuditz führt, und deshalb wählte ich die Route. Puh, das war knapp. Schnell noch ein paar weitere Fragen beantwortet, und dann ging es zum Bezahlbildschirm: 6 Euro. Die hatte ich nicht in Münzen, also schob ich meinen kleinsten Geldschein ein: Ein 10-Euro-Schein. Darauf erklärte mir der Automat hämisch, dass er momentan nur maximal 5-Euro-Geldscheine annehmen kann. Klasse. Machte nichts, ich hatte noch knapp 10 Minuten. Also am nächsten Automaten anstehen. Als ich dran bin, kannte ich ja schon die Antworten. Das schien den Automaten so sehr verblüfft zu haben, dass er gleich mal vor dem Bezahlbildschirm abstürzte: Gute zwei Minuten bestaunte ich das drehende Symbol und gab auf. An Automat 3 klappte es schliesslich. Und gottseidank fiel mir grade noch rechtzeitig ein, dass ich den Fahrschein eventuell vor Fahrtantritt entwerten muss.

Kaum ein Japan-Reiseführer kommt drumherum, zu erwähnen, wie vertrackt das Verkehrssystem in Japan ist und wie schwer es ist, als Ausländer die richtigen Fahrkarten zu kaufen (alle zeigen jedoch einen Ausweg auf: Einfach den billigsten Fahrschein kaufen und wenn man am Ziel ist am Automaten nachlösen – dies ist in Deutschland jedoch nicht möglich, da das System gänzlich anders ist). Aber die Deutsche Bahn holt mittlerweilen nicht nur preislich mit Japan auf, sondern auch in Sachen Kompliziertheit der Automaten. Mich wundert es immer wieder, dass man bei der Deutschen Bahn schlichtweg davon ausgeht, dass der Fahrgast umfassende Kenntnisse über den Start- und Zielbahnhof und die komplette Strecke dazwischen besitzt. Anders kann ich mir den Aufbau des Systems nicht erklären. Das ist freilich nicht neu. Als ich einmal in einer mir eigentlich unbekannten Stadt umsteigen musste und der an der Anzeigentafel und im Fahrplan ausgewiesene Zug einfach nicht kam, ging ich zur Information, um mich zu erkundigen was los sei. Dort wurde mir gesagt: „Na der fährt wegen Bauarbeiten jetzt immer 10 Minuten eher und von einem anderen Bahnsteig ab“ – und schob auch umgehend ein „Das ist aber schon seit drei Wochen so!“ hinterher.

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Weihnachten beim Zoll

Dezember 7th, 2010 | Tagged , | 5 Kommentare | 1496 mal gelesen

Vor dem deutschen Zoll hat es mir schon immer gegraust. Scheinbar wurde und wird dort mit dem Knobelbecher entschieden, was dort mit den eingehenden Paketen geschieht. Dieses Jahr zum Beispiel hat man sich wieder was Hübsches einfallen lassen: Wir haben just ein fettes Weihnachtspaket nach Deutschland geschickt – darin allerlei Geschenke für die Familie und Freunde. Alles zusammen ist einfach um ein Vielfaches günstiger, denn so haben wir für die über 8 Kilo „nur“ rund 100 Euro Porto bezahlt. Im Paket natürlich zahlreiche schön verpackte Geschenke unterschiedlichster Grössen.
Manchmal hat man Glück – dann wird das Paket einfach zugestellt. Manchmal hat man weniger Glück – die Sachen kommen zwar an, aber man fragt besser nicht nach dem Zustand. Manchmal jedoch darf dann der Beschickte in Deutschland zum Zollamt traben, so geschehen auch dieses Jahr: Dort durfte dann mein Vater im Beisein der Zollbeamten (beinahe alle) Weihnachtsgeschenke schon mal vorher auspacken. Eine romantischere Bescherung kann man sich doch kaum vorstellen, oder!? Immerhin liess man ihn dann nach geschehener Bescherung ohne Extrazahlungen ziehen lassen.

Da hatte er dann noch Glück im Unglück. Ich kann mich noch an ein Mal erinnern, als ich weniger Glück hatte: Jemand hatte mir zu meinen Studentenzeiten mal zu Weihnachten einen kompletten Pullover handgestrickt. Der Pullover war auch das einzige im ganzen Paket – und der Wert (der Wolle) war damals mit 80 Mark deklariert. Das Geschenk war – unnötig zu sagen – eine Überraschung. Genauso überraschend war dementsprechend der Anruf vom Zollamt: Es gäbe da ein Paket für mich, dass ich mir abholen kann – nach Zahlung von 60 Mark Lösegeld. Das war viel Geld zu meinen Studizeiten – und ich wusste noch nicht mal, warum ich löhnen sollte. Als ich den Absender sah, blieb mir freilich nichts anderes übrig als zu zahlen. Ich fragte beim Zollamt nach, warum denn Zoll fällig sei. Man verwies mich jedoch zum Hauptzollamt in Frankfurt/Main – schliesslich hätten die die Ware verzollt. Das Argument, dass doch in Deutschland meines Erachtens die Zollsätze landesweit einheitlich sind, half nicht. Nach einer guten Stunde in der Telefonwarteschleife des Hauptzollamtes in Frankfurt gab ich entnervt auf – damals kosteten Ferngespräche schliesslich auch noch ziemlich viel Geld.

Verständlicherweise kennen sich nur die Wenigsten mit den Zollregelungen aus und tappen so regelmässig in die Falle. Das mit der einen Stange Zigarette und dem maximal 1 l Alkohol kennen die meisten, mehr aber auch nicht:

1) Sendungen von privat aus dem Ausland (nicht-EU) nach privat in Deutschland sind nur dann steuerfrei, wenn der Warenwert einzelner Waren im Paket den Gegenwert von 45 Euro nicht übersteigt. Will heissen, zwei Sachen im Wert von jeweils 40 und 30 Euro schicken geht in Ordnung – schickt man aber eine Sache, die 70 Euro kostet, wird Zoll fällig. Es geht hier um „teilbare“ Ware: Kostet eines der Inhalte mehr als 45 Euro und ist nicht teilbar, wird es teuer. Mehr dazu siehe bei Zoll Online hier (kurz) und hier (länger, Stichwort Internethandel).

2) Sachen schicken, die nach Medizin aussehen (auch wenn es nur Halsbonbons sind – auch schon erlebt) kann für den Empfänger teuer werden – wenn der Zoll entscheidet, dass der Inhalt vom Labor analysiert werden muss. Das kann teuer werden und die Kosten trägt der Empfänger.

3) Vorsicht beim Ausfüllen der Zollerklärung: Die muss auf deutsch oder englisch geschrieben werden und sollte halbwegs ausführlich sein. Achtung bei der Deklarierung der Werte – siehe oben.

In Japan scheint man im Allgemeinen kulanter zu sein: Eingeführt (und wenn ich mich recht erinnere geschickt) werden können Dinge im Wert von JPY 200’000, also knapp 2’000 Euro. Einzelne Waren im Paket können bis 10’000 Yen wert sein – also fast 100 Euro (Umtauschkurs vom 6. Dez 2010 – 1 Euro = 110 Yen).

Dies nur als kleine Einführung. Man kann aus der Materie bestimmt eine richtig grosse, lange Seite machen…

Das Wort des Tages: 郵送 yūsō. Mit der Post verschicken. Senden.

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Unternehmen Spass

November 17th, 2010 | Tagged , | 7 Kommentare | 1133 mal gelesen

Ab jetzt geht’s nur noch abwärts

 

Sssssshhh….Wusssch! Mit gut 170 Stundenkilometern schießt das katapultgetriebene Projektil aus dem Acryltunnel. Im Projektil: 8 kreischende Menschen, meist mit hochgerissenen Armen. Von 0 auf 170 – dafür braucht die „Dodonpa“ genannte Achterbahn gerade mal 1.8 Sekunden. Zu sehen im Fuji-Q-Highland Vergnügungspark direkt am Fusse des Fujiyama. Mit halb offenem Mund schaue ich der Bahn zu, wie sie nahezu ungebremst in eine weite Kurve rast, aber Töchterchen zerrt bereits – wo denn nun das vorhin angesprochene „Thomas-die-kleine-Lokomotive-Land“ sei.

Fuji-san am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen

 

Ich hatte schon viel über besagten Vergnügungspark gehört, und die Nähe zur Mutter aller japanischen Berge ließ das ganze noch schmackhafter erscheinen Viele Hotels gibt es nicht, aber das zum Park gehörende Park Resort Hotel ist nicht schlecht – entweder schaut man aus dem Fenster auf die gigantischen Achterbahnen oder auf den noch gigantischeren (oh ja! Der gigantische Superlativ!) Fuji-San. Zum Glück hatten wir ein Zimmer der letzteren Kategorie, und das zahlte sich am frühen Morgen aus: Das einzige, was zwischen Hotel und Fuji liegt, ist eine Autobahn, und das war es auch schon – ab da gibt es nur Wald und eine erst sanfte, dann nach oben hin immer steilere Bergflanke – natürlich liegt Mitte November auch schon Schnee auf dem Gipfel.

Mag man nun Achterbahn- oder technikversessen sein: Allein die drei Achterbahnen sind beeindruckend. Eine nennt sich passenderweise „Fujiyama“, ist einfach riesengroß und sehr hoch. Da Loopings und dergleichen fehlen, hätte ich auch keine Sorge, mich da reinzuquetschen. Anders sieht die Sache bei „eejanaika“ (wörtlich in etwa: „passt doch, oder?“ aus. Die Achterbahn ist mir nicht ganz geheuer, und ganz freiwillig würde ich mich da nicht reintrauen. Nicht nur wegen der zwei Loopings, sondern vor allem, weil sich die Sitze während der Fahrt auch noch um die eigene Achse drehen – es geht kopfüber in die Loopings. Das riecht nach Flugpizza… Laut Wikipedia ist es wohl auch die Achterbahn mit den meisten Inversionen auf der Welt: 14 Mal hat man während der Fahrt Gelegenheit, entweder sein Mittagessen oder den Inhalt sämtlicher Taschen zu verlieren.

Oben genannte „Dodonpa“ würde mich persönlich aber am meisten reizen. Aber dazu war dieses Mal leider keine Zeit – die Wartezeiten liegen bei jeder Bahn meistens bei weit über einer Stunde, und wir waren ja schließlich auch nicht wegen uns, sondern wegen unserer Tochter da. Meiner Frau wurde dabei selbst der Zugang zu den einfachsten Kinderkarussels und -Bahnen versagt: Schwangere dürfen nicht mitfahren. Und der Bauch in seiner jetzigen Grösse lässt sich weissgott nicht mehr verstecken. Letztendlich musste sie sich als einziges mit dem Riesenrad begnügen.

Patienten gesucht: Geisterbahn auf Japanisch

 

Ach ja, ein Geisterhaus gibt es dort freilich auch: Da dürfen aber auch weder Schwangere noch Kinder unter 20 Jahren rein. Der Wärter mit dem alten, blutverschmierten Kittel am Eingang des als heruntergekommenen Krankenhauses kaschierten Geisterhauses verspricht aber auch nichts Gutes: Japaner sind für ihren Fimmel für Horror bekannt (Stichwort „Guinea Pig“-Filme), und das Geisterhaus dürfte es in sich haben.

Das Wort des Tages: 遊園地 yūenchi. Spielen-Park-Land/Boden. Der Vergnügungspark.

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Hindernislauf in Südkorea – Teil 2

August 16th, 2010 | Tagged , , | 6 Kommentare | 1029 mal gelesen

Nach dem ersten Teil über die letzte kurze Tour nach Südkorea will ich den kurzen Reisebericht nicht unvollendet lassen.

Was vorher geschah: Anreise in Seoul, Hauptgrund Geschäftstreffen geplatzt. Brütende Hitze. Am nächsten Tag: Fahrt an die Ostküste bei strömendem Regen, vorbeiziehender Taifun verspricht, auch die nächsten Tage Bergwanderungen unmöglich zu machen – und das war eigentlich der Hauptgrund für den Abstecher an die Ostküste. Alternative: Fahrt an die nordkoreanische Grenze am nächsten Morgen. Ein zufällig am Abend kennengelernter Koreaner möchte mit – ich soll ihn am nächsten Tag um 10 Uhr anrufen.

Und so ging es weiter: Eigentlich will ich lieber allein los – erst recht, da besagter Koreaner nur ca. 100 Wörter Englisch kann, wobei er mir dabei um Längen voraus ist: Ich kann gerade mal Hallo, Tschüss, Danke und „Ein Bier bitte“ sagen. Obwohl ich (erneut) festgestellt habe, dass Japanischkenntnisse mitunter nützlich sind: Der „Intercity-Busterminal“ heisst „Shigai taaminaru“ auf Japanisch, und „Sige tominar“ (oder so) auf Koreanisch – ich brauche nur zu nuscheln und man versteht mich. Das ist aber eher eine Ausnahme. Andererseits das gleiche Phänomen wie auch in Japan: Man sagt etwas auf Koreanisch, wird aber nicht verstanden, da das Gegenüber die Kombination „grosser weisser Mann (mit Bart!)“ + Koreanischkenntnisse als invalide Eingabe abtut und auf stumm schaltet – so sage ich einer jungen Dame in einem abstrusen Cafe „Hat Koppi juseyo“ – „heissen Kaffee bitte“. Sie schaut mich an wie ein Alien, aber ein anderer Bediensteter hinter ihr sagt exakt die gleichen Wörter nochmal, mit der gleichen Intonation: „Hat!“ … „Koppi!“.

Südkorea
Diskriminierung mal anders rum: Schild an einer Toilettentür (westliche Toilette) im Busbahnhof von Sok’cho. Die Übersetzung ist nicht 100% korrekt, auf Koreanisch steht dort nämlich nur „Oeguk-in chon’yo“ – „Für Ausländer“, aber es impliziert in der Tat ein bisschen, dass Koreaner diese Toilette nicht nutzen sollen.

Ach ja – eigentlich will ich also nicht, aber da ich es versprochen hatte, rief ich doch den Koreaner an. Genauer gesagt zerrte ich eine Koreanerin im Hostel herbei, schilderte ihr die Lage und hielt ihr mein Handy ans Ohr. Antwort: „Teilnehmer vorübergehend nicht erreichbar“. Na sieh mal einer an, da hatte wohl noch einer kalte Füsse bekommen.

Also ging es allein los. Natürlich goss es in Strömen. Ich habe einen japanischen Reiseführer bei mir. Klar komme ich mir damit ein bisschen blöd vor, aber mein Lonely Planet von Korea ist über 10 Jahre alt, und wegen einer knappen Woche einen Neuen kaufen lohnt nicht. Zumal der japanische Reiseführer den Vorteil hat, dass Stadtpläne mit Schriftzeichen UND Hangul (koreanisches Alphabet) versehen sind – beides hilfreicher als lateinische Buchstaben.

Laut Reiseführer muss ich mit dem Bus knapp 50 km bis nach Daejin fahren, von dort „etwas“ laufen und dann auf Glück hoffen: Wer zur Grenze will, muss sich vor dem Sperrgebiet (ca. 12 km von der Grenze entfernt) registrieren – und sich dann irgendwie durchschlagen, denn ohne Auto darf man nicht rein. Ich hatte freilich gerade keins dabei. Klingt … interessant. Ich bin der einzige Fahrgast im Bus, und es geht immer weiter nach Norden entlang der Küste. Koreanische Busfahrer rasen wie die Wilden, und so bin ich gute 30 Minuten später an der Endhaltestelle – im Nirgendwo. Ich laufe erstmal los – erstaunlicherweise regnet es hier kaum. Nach ca. 2 km komme ich zum grossen Besucherzentrum. Ich gehe zur Anmeldung. „Ihr Auto?“ werde ich gefragt. „Halte ich später an“ antworte ich. Der Mann guckt etwas schräg, und deutet an, dass ich in der Ecke warten möge. Die nächsten melden sich an. Dann die Nächsten – ein junges Pärchen. Der Schaltermensch erklärt etwas, und zeigt in meine Richtung. Dann winkt er mich herüber: Er hatte die beiden gefragt, ob sie mich mitnehmen könnten, und die beiden hatten nichts dagegen.

Ich danke den beiden auf Koreanisch und bleibe erstmal stumm. Will sie ja schliesslich nicht sinnlos zutexten. Wir schauen zusammen einen kurzen Film zur Verhaltensweise im Sperrgebiet an. Dann gehen wir zum Auto. Er spricht mich dann schliesslich an – offenbar kann er ein bisschen Englisch. Madam scheint weniger begeistert.

Los geht es also mit dem Auto – durch zahllose Barrikaden und vorbei an einem hypermodernen Grenzübergang – hier wurde optimistischerweise schwer in die Infrastruktur im Falle einer plötzlichen Wiedervereinigung investiert. Wenig später erreichen wir das Ziel – das 고성통일전망대 Gonseng (Wieder)vereinigungsobservatorium. Immerhin geht es etwas leiser zu als vor 11 Jahren, als ich an einem anderen Punkt der Grenze war: Damals beschallte man sich noch lautstark von beiden Seiten.

Südkorea
Grenze zu Nordkorea: Die eigentliche Grenze liegt in etwa auf Höhe der kleinen Halbinsel

Die DMZ (entmilitarisierte Zone) ist an dieser Stelle Koreas besonders interessant: Dank der sogenannten „Sonnenscheinpolitik“ Südkoreas, die allerdings schon wieder beendet ist, war es an diesem Ort nämlich für zahlende Südkoreaner möglich, ein paar Kilometer weit nach Nordkorea hereinzufahren – zu einem besonders schönen Abschnitt der koreanischen Bergwelt. Bis eine Touristin quasi „aus Versehen“ von einem nordkoreanischen Soldaten erschossen wurde.

Und so hat man unter sich die kompletten Grenzanlagen mit allerneuester Strassen- und Eisenbahnanbindung vor sich, und keiner darf sie benutzen. Automatisch denkt man dabei an die Wiedervereinigung Deutschlands zurück – an all die Probleme die Kosten und die Tatsache, dass selbst nach 20 Jahren noch erhebliche Unterschiede bestehen. Dabei waren sich Ost- und Westdeutschland noch relativ nah: Der Unterschied zwischen Nordkorea und Südkorea sowie die Probleme bei einer potentiellen Wiedervereinigung dürften jeglicher Vorstellungskraft trotzen. Nur als Beispiel: Es gibt zahlreiche Berichte von Flüchtlingen und Hilfsorganisationen aus dem Norden, dass die Menschen dort aufgrund der desaströsen Nahrungsmittelknappheit entgegen dem allgemeinen Trend nicht immer größer, sondern immer kleiner werden: 1.4 m „grosse“ Soldaten sollen wohl keine Seltenheit sein.

Mit den beiden Koreanern komme ich mehr und mehr ins Gespräch. Sie spricht etwas Englisch, er etwas Japanisch. Zu einer Diskussion über Politik reicht es zwar nicht, aber wir unterhalten uns ganz gut. Danach geht es noch zusammen in ein hypermodernes Museum über die Grenze und die Teilung. Die beiden fragen, wohin ich nach der Grenze gehen möchte. Ich sage „nach Sok’cho“. Da wollen die
Beiden auch hin, und sie bieten an, mich bis dahin mitzunehmen. Unterwegs halten wir noch an einem See – dort steht die Villa des ersten südkoreanischen Präsidenten sowie – keinen Kilometer davon entfernt – das Wochenendhaus vom Kim Il Sung, dem nordkoreanischen Gottvater (die gesamte Region gehörte von 1945 bis 1950 zu Nordkorea).

Gegen 6 Uhr abends erreichen wir Sok’cho. Ob ich auch hungrig sei, fragt er – ja, sage ich, denn außer einer Scheibe Toastbrot am Morgen hatte ich noch nichts gegessen. Sie haben auch Hunger, sagt er – sie hatten ebenfalls kein Mittag. Toll. So hat keiner aus Rücksicht auf den Anderen was gegessen. Jedenfalls verabschieden wir uns dort – ich gebe ihnen meine Visitenkarte und sage ihnen, sie sollen sich unbedingt bei mir melden, falls sie mal nach Japan kommen – das kann durchaus passieren.

Am nächsten Tag hatte ich gerade mal den Vormittag zur Verfügung, denn am Nachmittag musste ich schon wieder zurück nach Seoul. Also früh aufgestanden, und raus mit dem Bus zum Nationalpark. Von den Bergen sieht man gerade mal die Füsse, und die Seilbahn fährt ins weiße Nichts. Aber man hofft ja. Aus purem Zeitmangel geht es also mit der Seilbahn in die Wolken und dann ein paar Hundert Meter durch zähen Nebel – sowie die letzten paar Meter am Seil entlang auf den Gipfel. Und wer hätte das gedacht: Die Wolken haben Löcher, und nach einer Weile kann man tatsächlich etwas sehen. Aber nur für kurze Zeit.

Südkorea
Glück gehabt: Die Wolken haben ein Loch

Am nächsten Tag ging es dann auch schon wieder zurück. bei strömendem Regen, versteht sich. Alles in allem gab es aber dank der Berge doch noch ein versöhnliches Ende.

Bei meiner ersten Tour nach Südkorea war ich nicht allein, bei dieser Tour jedoch schon. An der Stelle eine kleine Warnung an alle, die sich allein auf den Weg nach Südkorea machen: Ausserhalb der Grossstädte wie Seoul oder Pusan ist es sehr schwer für Einzelne, auswärts essen zu gehen – sehr viele koreanische Restaurants lassen Einzelpersonen gar nicht erst rein. Nein, das kann nicht nur an mir gelegen haben – ich sah eigentlich relativ gepflegt aus… Dachte ich so zumindest….

Mehr Fotos gibt es hier zu sehen:

Get the flash player here: http://www.adobe.com/flashplayer

So, nach dem kurzen Abstecher geht es ab dem nächsten Beitrag wieder um Japan….

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Hindernislauf in Südkorea

August 10th, 2010 | Tagged , , | 7 Kommentare | 1049 mal gelesen

Manchmal gibt es Reisen, bei denen man denkt, dass alles verflucht ist. Gestern kam ich nachmittags in Seoul an – und es war abgemacht, dass ich am Flughafen unseren koreanischen Geschäftspartner anrufe, um festzumachen, wann wir uns wo und warum treffen. Gesagt, getan. Eine Frauenstimme schimpfte auf mich umgehend am Telefon ein. Ich weiss nicht warum, aber für ungeübte Ohren klingt Koreanisch immer ein bisschen so, als ob man gerade was ausgefressen und nun dafür verbal bestraft wird. Eins war jedoch klar – es war eine Ansage vom Band. Versuchte mir wahrscheinlich beizubringen, dass der Teilnehmer momentan nicht erreichbar ist.

Nun gut. Also erstmal zum Hotel. Eine Stunde später halte ich der Rezeption das Telefon ans Ohr und bitte, zu übersetzen. Siehe da, Teilnehmer nicht erreichbar. Also rufe ich im Büro an. Lapidare Antwort dort: Ist nicht da. Erst als ich den Teilnehmer am anderen Ende der Leitung zur Schnecke mache – schliesslich bin ich gerade extra wegen des Meetings aus Tokyo angeflogen – erklärt er mir, dass die Mutter des Chefs am Vortag verstorben sei und er deshalb momentan nicht in Seoul ist. Oops. Mail gecheckt – siehe da, ein paar Stunden zuvor kamen zwei Emails von ihm und seinem Sekretär mit Lageschilderung. Soviel zum geschäftlichen Teil dieser Reise. Natürlich kann man ihm da keinerlei Vorwürfe machen.

Heute ging es schliesslich dann mit dem Bus nach Sok’cho an der Ostküste. Dort gibt es einen ganz famosen Nationalpark in den Bergen, und letztere riefen mich mit ganz lauter Stimme. Heute regnete es in Strömen, doch das sollte mir relativ egal sein – war die meiste Zeit sowieso im Bus. Dachte ich so. Meine Frau funkte mich derweilen an und sagte „Ach ja, da ist ein Taifun im Anmarsch. Sei vorsichtig“. Schnell im Internet nachgesehen – und schau an! Der Taifun zieht genau zwischen Korea und Japan lang und streift dabei die Gegend hier am Nachmittag. Wenn ein Taifun „vorbeistreift“ bedeutet dies in der Regel eins: Aushaltbare Windstärken, aber ungeheure Wassermengen. Klasse. Berge kann ich also getrost vergessen.

Dafür traf ich heute aber zufällig zwei nette Koreaner beim Abendessen, denen ich partout nicht ausreden konnte, mein Essen mitzubezahlen. Zwei Leute waren es – einer sprach gar kein Englisch, der andere ungefähr 100 Wörter. Als ich fragte, ob sie vielleicht Japanisch können (keineswegs abwegig hier) zeigten sie mir auch ohne Worte relativ deutlich, was sie von Japan halten. Als ich mit ihnen anhand einer Reisekarte in meinem (japanischen) Reiseführer etwas erklärte, erblickten sie die japanische Bezeichnung 日本海 Nihonkai, Japanisches Meer, worauf sich die Minen noch mehr verdüsterten. Aber egal – ich bin ja schliesslich Deutscher und kein Japaner. Weia.

Da die Berge wohl morgen ins Wasser fallen (bruhaha… was für ein Brüller), muss ich also nach Alternativen Ausschau halten. Eine wäre eine Fahrt an der Küste entlang bis zur Grenze nach Nordkorea. Dort gibt es ein Museum, eine Aussichtsplattform usw. Als Ostdeutscher ist man ja schliesslich nur den Blick von der anderen Seite der Mauer gewohnt :) Einer der beiden Koreaner möchte unbedingt mit – ich soll ihn deshalb morgens um 10 anrufen. Na, das wird bestimmt ein Gaudi.

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