You are currently browsing posts tagged with Geschichten

Saginuma?

Juli 10th, 2017 | Tagged | 10 Kommentare | 761 mal gelesen

Letzten Freitag gab es viel zu tun. Als ich das Büro abschloss, war es bereits nach 22:00 Uhr. Draussen war es mollig warm und schön schwül. Wurde die Regenzeit etwa schon für beendet erklärt? nach 10 Minuten Fußmarsch kam ich am Bahnhof Ebisu an und stieg in die Yamanote-Linie. 2 Minuten später stieg ich in Shibuya aus, lief diverse Treppen (83 Stufen, um genau zu sein) herab zur Den’entoshi-Linie. Vor den Ticketschranken eine riesengroße Masse schwitzender Menschen. Aha. Die Den’entoshi-Linie fährt dann wohl nicht. „Wegen Rauchentwicklung im Bahnhof Shibuya verkehrt die Linie nicht. Wahrscheinlich geht es ab 23:10 weiter“ stand an der Anzeige. So lange wollte ich nicht warten. Nach 5 Minuten Fußmarsch durch die Eingeweide von Shibuya stellte ich mich an die lange Schlange vor der Rolltreppe zum Bahnsteig der Toyoko-Linie an. Ich war offensichtlich nicht der einzige mit der Idee, einen kleinen Umweg zu nehmen, um trotzdem ans Ziel zu kommen. Der Plan: Mit der Toyoko-Linie nach Jiyugaoka fahren, dort in die Ōimachi-Linie steigen und bis Futako-Tamagawa fahren. Dort kann man in die Den’entoshi-Linie umsteigen, die ja nur rund um Shibya nicht fuhr.

Trotz der vielen Menschen war der Zug weit weniger voll als die Den’entoshi-Linie um diese Zeit. Zwei Minuten später fuhr der Zug ab. Hauptsache weg vom Gewimmel in Shibya. Neben mir steht ein älterer, sehr elegant gekleideter Mann, neben ihm ein jüngeres Pärchen. Der Mann betrachtet angestrengt einen Streckenplan der Bahnlinien in und um Tokyo. Sind ja nur über tausend Bahnhöfe. Er sieht etwas verloren aus – und schaut nun hilflos-fragend das Pärchen an. „Wissen Sie vielleicht, wie ich nach Hiyoshi komme?“ Der junge Mann überlegt nur kurz und sagt dann“ Dieser Zug fährt unter anderem durch Hiyoshi!“ Allerdings fahren wir gerade mit dem „kakueki“, dem Zug, der an jedem Bahnhof hält. Sicherhaltshalber melde ich mich nun auch zu Wort und sage dem Mann: „Sie können auch in Jiyugaoka in den Express umsteigen, der hält ebenso in Hiyoshi und ist schneller da!“

Der ältere Mann schaut erst den jungen Mann und dann mich (also zwei junge Männer, ähem) an, lächelt, seufzt erleichtert und dankt uns. Doch etwas scheint ihn nicht in Ruhe zu lassen, denn wieder schaut er angestrengt auf den Plan. Das wiederum läßt weder den jungen Mann noch mich in Ruhe. Der junge Mann bohrt nach: Wo wollen Sie denn eigentlich hin? Geht es von Hiyoshi noch weiter? Der Mann lässt sich mit der Antwort einige Zeit. Dann sagt er „Saginuma!“. Der junge Mann zuckt mit den Achseln. Also springe ich ein: „Also wenn Sie nach Saginuma wollen, wäre Hiyoshi ein Umweg. Am besten steigen Sie dann in Jiyugaoka in die Ōimachi-Linie um, fahren dann bis nach Futako-Tamagawa, oder wenn der Zug bis dahin durchfährt nach Mizonokuchi, und dort können Sie dann in die Den’entoshi-Linie umsteigen. Wenn Sie einen Express erwischen, ist Saginuma bereits der nächste Bahnhof.“ Ich fühle genau, dass ich jetzt mehr als einen Zuhörer habe, aber das soll mir egal sein. „Ich fahre ebenfalls in die Richtung, ich kann Ihnen gern den Weg weisen“ biete ich ihm noch an.

Gesagt, getan. Er steigt mit mir in Jiyugaoka aus. Wir laufen die Treppen herunter zur Ōimachi-Linie, und schon bald kommt ein Zug, der sogar bis Mizonokuchi durchfährt. Der Mann beginnt, sich mit mir mit leiser Stimme und sehr freundlichem, gebildeten Japanisch zu unterhalten. In den folgenden 15 Minuten reden wir über Deutschland, Angela Merkel, Ministerpräsident Abe, Informationstechnologie und so weiter und so fort. Ich erfahre, dass er gerade von einem klassischen Konzert kommt und nun jemanden besucht, dem er ein Mitbringsel gekauft hat. Wir nähern uns der Endhaltestelle. Als wir aussteigen – ich steige hier in den Bus um, da mein Fahrrad in Reparatur ist – sage ich ihm sicherheitshalber noch mal, wie es weitergeht: Auf der anderen Seite des Bahnsteiges fährt soeben die Den’entoshi-Linie ein – wenn er dort einsteigt, sei er in 5 Minuten in Saginuma. Plötzlich macht der Mann ein so hilf- wie ratloses Gesicht und fragt ganz erstaunt: „Saginuma?“

Oh je. Ich fragte noch mal nach: „Aber Sie sagten doch, dass Sie nach Saginuma wollen!?“ Er überlegt kurz, dann erhellt sich sein Gesicht: „Ja! Genau! Das war ja einfach! Gut, dass ich Sie getroffen habe!“, bedankt sich mehrfach und läuft zur anderen Seite des Bahnsteigs. Und er lässt mich mit einigen Fragen zurück. Wo wollte er denn nun wirklich hin? Wird jemand in Saginuma auf ihn warten – nachts, um halb 12? Und: Werde ich auch mal so enden? Ich hoffe nicht. Aber das fragende „Saginuma?“ wird wohl noch eine Weile in meinen Kopf herumschwirren.

Kinderspiel !? Umsteigen im Bahnhof Shibuya

Kinderspiel !? Umsteigen im Bahnhof Shibuya

Teilen:  

Überraschender Service am Flughafen | Japankenner dringend gesucht

September 3rd, 2016 | Tagged | 10 Kommentare | 937 mal gelesen

Die weltweit Maßstäbe setzende Kundenfreundlichkeit in Japan hat oftmals ihren Preis: Vieles wird durch unglaublich viele, und unglaublich penible Handbücher geregelt, die von den jeweiligen Firmen verfasst und den Angestellten eingebleut werden. Nicht selten bleibt dabei die Flexibilität auf der Strecke. Beispiel: Als ich mal in einem Supermarkt nach einer kleinen Tüte fragte (draussen gab es plötzlich einen Wolkenbruch, aber ich hatte nicht die Zeit, extra was zu kaufen, um eine Tüte für umsonst zu bekommen), wurde dies sehr wortreich abgelehnt – es gehe einfach nicht, ich muss auf jeden Fall etwas kaufen. Das ist eben Vorschrift und damit Basta. Doch es gibt, und ich habe das Gefühl, das mehrt sich in jüngster Zeit, positive Ausnahmen. So auch neulich am Flughafen Haneda.

Geschafft nach 24 Stunden auf Achse, dazwischen 17 Stunden Flug und ein sehr hektischer Transit in Doha – das alles mit zwei Kindern – kamen wir gegen Mitternacht im Internationalen Terminal des Flughafens Haneda an. Losgeflogen nach Europa waren wir mit zwei Koffern und Handgepäck. Ziemlich erledigt waren wir hocherfreut, als unsere beiden Koffer kurz hintereinander auf dem Gepäckband heranrollten. Also wurde alles aufgesattelt und der Zoll passiert. Rein ins Taxi, es war schon fast 1 Uhr, und los ging es. Nach cirka zehn Kilometern meinte meine bessere Hälfte plötzlich: Wo ist eigentlich der Rucksack? Richtig. Den hatten wir beim Hinflug leer in den Koffer gestopft – und beim Rückflug voll als Gepäck aufgegeben. Oh je. Da klingelte auch schon das Telefon, denn in weiser Voraussicht hatten wir in Berlin brav die Namenskärtchen für das Gepäck ausgefüllt – inklusive Telefonnummer und Email-Adresse. Leider bemerkten wir den Anruf zu spät, und die Nummer des Anrufers wurde nicht mitgeschickt. Also suchten wir die Telefonnummer des Terminals raus und riefen an. Nachts, um eins. Eine Minute später hatten wir die Person am Apparat, die versucht hatte, uns anzurufen. Wir fragten, ob man den Rucksack eventuell schicken könnte – „着払い chakubarai“, also der Empfänger bezahlt. Kurzes Überlegen am anderen Ende, doch dann kam der berechtigte Einwurf, dass das Gepäck noch nicht den Zoll passiert hat. Aber er könne ja mal kurz mit dem Zoll sprechen und sehen, ob sie mit sich reden lassen. Ich war nicht sicher, ob das eine tolle Idee war, denn die untere Hälfte des über einen Meter hohen Rucksacks war Schmuggelfach und voll mit Salamis, Schinken, Käse und anderen Leckereien – die Hälfte davon durfte man so eigentlich gar nicht einführen (wenn man ertappt wird, wirft der Zoll das weg – mehr passiert da nicht). Aber gut. Am nächsten Tag noch Mal extra zum Flughafen zu fahren erschien mir weniger attraktiv, zumal man mich auch dann noch filzen könnte. Das ist mir in Japan allerdings schon sehr, sehr lange nicht mehr passiert.

Keine 10 Minuten rief uns der Angestellte zurück: Der Zoll habe das Gepäck inspiziert und passieren lassen – er könne uns den Rucksack dann „朝一 asaichi“ – als erste Handlung des Tages – zuschicken. Die Adresse hatte er ja. Und siehe da: Rund 12 Stunden nach unserer Landung erreichte uns auch das letzte Gepäckstück. Die knapp 10 Euro Versandkosten haben wir gern bezahlt. Doch eine Sache interessierte mich nun wirklich: Hat der Zoll wirklich das Gepäck inspiziert? Ich glaube nicht. Sonst wäre der Rucksack wohl etwas leichter geworden. Jedenfalls war ich begeistert von dem Angestellten, denn das war sicher Extra-Arbeit für ihn, und keiner hätte etwas gesagt, wenn er sie nicht gemacht hätte. Mehr davon!


An dieser Stelle möchte ich diesen Blog noch kurz für eine Anzeige nutzen. Ein in Aufbau befindliches, nagelneues Japanportal sucht noch nach Japanexperten, die interessiert daran sind, Vollzeit oder Teilzeit für das Portal über Japan zu schreiben. Auf Deutsch. Das kann in Deutschland, aber auch von Japan aus geschehen. Schreiberfahrung ist natürlich von grossem Vorteil. Bei Intesse bitte bei mir melden – ich schicke dann mehr Informationen!

Teilen:  

Wertvoll

Juni 15th, 2012 | Tagged , | 11 Kommentare | 1085 mal gelesen

20120615-204652.jpgJeden Morgen fahre ich mit dem Fahrrad zum Bahnhof, und jeden Morgen fällt es mir ins Auge – gleich hinter der ersten Kreuzung, am Straßenrand einer kerzengeraden, über einen Kilometer langen Straße: Ein kleiner Korb vor einem Baum, direkt am Bordstein. Im Korb: Ein Strauß frischer Blumen. Ein Hund aus Keramik. Und eine Ultraman-Figur, vom Wetter gegerbt. Vor dem Korb liegt ein Stein, und auf dem Stein steht eine leere Flasche eines beliebten Kindergetränks.

Seit 2005 wohne ich in der Gegend, und seit 2005 kenne ich den kleinen Altar. Meine Frau lebt schon wesentlich länger da, und meint, das steht da schon immer. Man braucht nicht viel Phantasie, um den Zweck zu erahnen. Hier wurde ein kleines Kind, offensichtlich ein Junge um die sechs Jahre alt, totgefahren.

Ich fand die vielen Holzkreuze am Wegesrand brandenburgischer Alleen schon immer sehr bedrückend. Dieser kleine Altar ist noch bedrückender, und die Tatsache, dass auch nach Jahrzehnten dort immer frische Blumen stehen, macht den Anblick nicht leichter. Mit einem Blick weiß man, womit der Junge am liebsten spielte, was er gern trank und dass die Familie einen Hund hatte. Dieses Leben wurde offensichtlich abrupt beendet. Und das kleine Mahnmal sagt mir jeden Tag, was wirklich wichtig ist. Das Leben.

Teilen:  

Endlich amtlich bestätigt: Ich bin toll!

Juni 10th, 2012 | Tagged , | 13 Kommentare | 1119 mal gelesen

Ich wusste es schon immer. Aber endlich habe ich die amtliche Bestätigung dafür bekommen. Und das ging so: Heute trieb es mich mal wieder zum Rathaus, da ich ein paar Dokumente für das Kindergeld abgeben musste. Wie immer war der Service einfach umwerfend. Kaum betrat ich das Großraumbüro, sprang eine junge Angestellte auf und rannte zu mir. Ich erklärte mein Anliegen, aber sie war nicht völlig sicher, was zu tun ist. Da sprang eine ältere Angestellte auf und erklärte, mir zu helfen. Plötzlich sagte sie: „Sie sind doch ******’s Mann, stimmt’s?“. Es stimmte. Gerüchteweise hatte ich schon gehört, dass eine ehemalige Nachbarin (das ist schon mehr als zehn Jahre her) manchmal im Rathaus aushilft. Sie erklärte mir kurz, welche Dokumente ich wo ausfüllen muss und was ich brauche und was nicht. Dann schrieb sie schnell ein paar Zeilen auf einen leeren Zettel und bat mich, das ihrer Frau zu geben. Auf dem Zettel stand: „Liebe ******, Ich bin Frau XYZ und  habe heute Ihren Antrag beantwortet. Da haben sie aber einen tollen Ehemann!“ Na bitte, wusste ich’s doch! Der Zettel wird aufgehoben, und jedes Mal, wenn meine Frau das Gegenteil zu behaupten wagt, werde ich den Zettel hervorholen. Ausgestellt vom hiesigen Rathaus! Jaha, wer hat das schon!

So recht wohl war mir bei der Konversation nicht. „Ich sehe ganz gelegentlich ihre Frau in dem Supermarkt soundso, und sie sagte, dass sie ganz, ganz nett sind!“ – „Hmmpfff…“. Oder: „Ihre Großeltern sagen, dass sie zwei ganz süsse Kinder haben“ … „Tja, also…“ So langsam glaube ich, diese Stadt (150,000 Einwohner) wird zu klein für mich. Fast alle Angestellten des nächsten Convenience Store kennen mich – persönlich oder über zwei, drei Ecken. Im Steakhaus kennt man mich (bzw. uns). In zwei, drei Bars kennt man mich (obwohl ich dort nur sehr, sehr selten bin – ehrlich!). Selbst im Zug bin ich nicht unbeobachtet. Gelegentlich bekommt meine Frau von Ehemännern ihrer Freundinnen brühwarm erzählt, was ich während der Zugfahrt gemacht habe. Die Welt ist klein. Und sie wird immer kleiner. Man gut, dass ich nicht paranoid bin!

Teilen:  

Costco

Februar 29th, 2012 | Tagged , | 8 Kommentare | 99873 mal gelesen

Letzten Sonntag gab es mal wieder grausiges Wetter – kalt, nass, einfach unbrauchbar. Meine Frau witterte ihre Chance: Das perfekte Wetter, um zu Costco zu fahren! Costco ist kurz gesagt wie Metro in Deutschland – ein Einzelhandelsunternehmen in Grossformat. In Riesenformat. Costco ist durch und durch amerikanisch und betreibt über 400 Filialen in den USA. In Japan sind es 9 Filialen, und laut Wikipedia ist Costco in Europa nur in Großbritannien tätig. Mich dünkt, ich hatte Costco dort auch schon mal gesehen.

Also auf zu Costco, mit den Schwiegereltern. Auf dem Dach des 6-stöckigen Monstrums fanden wir endlich einen freien Parkplatz. Schnell einen der riesengrossen Einkaufswagen geschnappt und rein ins Getümmel. Costco sieht aus wie das Lager von IKEA, nur eben mit Haushaltswaren. Ein echter Alptraum also. Bevor man rein darf, muss man zudem auch erstmal Mitglied werden. Das kostet 4,200 Yen pro Jahr, also rund 40 Euro. 40 Euro, nur um den Laden zu betreten! Alle Achtung.

iMac bei Costco

Da viele Sachen aus Amerika kommen, eine überraschende Abwechslung zu den üblichen japanischen Läden. Costco verdient natürlich auch seinen grössten Teil mit Non-Food Sachen, darunter Gartenkram, Kleidung, Computer, Fernseher… bei den Preisen ist die Qualität bestimmt auch ganz, ganz super! Sogar iMacs hatten sie herumstehen, und das überraschte mich schon. Apple verkloppt ja schliesslich seine Geräte nach dem EVP-Prinzip (na, wer kennt noch EVP?) zu festen Preisen. Der günstigste iMac kostet entsprechend 108’800 yen. Mit etwas Glück bekommt man bei BicCamera oder anderswo ein paar Punkte dazu, aber am Preis beisst die Maus keinen Faden ab: 108’800 yen, und keinen Heller weniger. Ausser bei Costco: Dort kostet er nur 94’800 yen. Scheinbar importiert Costco direkt und profitiert so vom billigen Dollar. Der iMac kostet 1’199 Dollar in den USA – das sind 95,920 yen. Will heissen, Apple verdient sich momentan eine goldene Nase in Japan.

Hätte ich nicht von Arbeit wegen ein solches Gerät zu Hause stehen, wäre das meine Chance gewesen. „Du, Schatz, wenn wir das Gerät hier kaufen, haben wir die dämliche Jahresgebühr drei Mal wett gemacht! Das ist doch toll, oder!“. So funktioniert doch weibliche Logik, oder habe ich da nicht aufgepasst?

Letzten Endes habe ich lediglich einen W-Lan-Router eingeheimst (endlich). Und endlich haben wir auch 2-Liter-Vorratspackungen Shampoo und Pflegespülung. Wer mich kennt, wird wahrscheinlich gerade seinen Kaffee über das Keyboard versprühen.
Aber es gab dann doch noch ein kleines Highlight: Costco-Pizza zum selber backen. Die Teile sind quadratisch, 43 mal 43 cm gross und kosten gerade mal 1,200 yen. Etwas mehr als die Hälfte haben wir am Abend geschafft. Und waren gut satt. Der Rest endete in der Tiefkühltruhe. Und die Pizza ist gar nicht mal so schlecht. Würde man eine ähnlich grosse Pizza bei einem der Pizza-Dealer hier bestellen, würde man sich dumm und dämlich bezahlen. Also vielleicht doch mal wieder zu Costco. Irgendwie muss man doch die 4,200 yen wieder reinholen…

Teilen:  

Iwate 9 Monate nach dem Tsunami: Teil II

Januar 8th, 2012 | Tagged , , | 3 Kommentare | 1713 mal gelesen

(Teil I ist hier)

Ich beeile mich, zur Haupstrasse zu gelangen – die verläuft parallel zum Fischereihafen und führt Richtung Zentrum. Plötzlich gibt es eine Lautsprecherdurchsage in der ganzen Stadt, eingeleitet von einem „ding dong dong ding!“ Lautsprechersysteme gibt es in allen japanischen Städten und Nachbarschaften, und normalerweise werden sie nur zu festlichen oder traurigen Angelegenheiten genutzt. Während der kommenden Jahre werde ich diese Durchsagen jedenfalls mit Sicherheit mit der Zeit nach dem Beben assoziieren – „Ding dong dong ding – bitte gedulden Sie sich noch ein paar Tage, bis das Wasser wieder da ist“, oder „ding dong dong ding – in 30 Minuten wird der Strom abgestellt“ waren da typische Durchsagen. In Miyako warnte die Durchsage hindes vor einer höheren Flut als üblich. Da, wie im vorigen Teil bereits erwähnt, weite Gebiete entlang der Küste um mehrere Meter nach unten absackten, bedarf es heuer keines Tsunami und keiner Springflut mehr, um Teile der Stadt unter Wasser zu setzen. Ende der Durchsage.

Tankstelle in Miyako

Langsam laufe ich Richtung Bahnhof zurück. Das Meer sehe ich dabei nicht, da es hinter einem grossen, schwarzen Betonwall versteckt liegt. Jenen hatte der Tsunami mühelos überwunden, aber nicht zerstören können. Bis ins Stadtzentrum hinein sind die Spuren der Katastrophe noch erkennbar – vereinzelte Häuser fehlen, bei anderen ist das Erdgeschoss zugenagelt, einige Tankstellen und andere Anlagen sind zwar freigeräumt, stehen aber nachwievor stark zerstört herum.

Nach einer kurzen Runde und einer Stärkung im überschaubaren Zentrum von Miyako laufe ich über eine Brücke Richtung Süden, denn dort steht mein Hotel. Zwei der drei Brücken, darunter die Eisenbahnbrücke, wurden zerstört. Die Strassenbrücke wird gerade wieder hergestellt, aber die Bahn wird wohl in den kommenden Jahren nicht fahren. Bis zum Hotel läuft man eine gute dreiviertel Stunde – auch hier das gleiche Bild: Hohe Schutzmauer zwischen Stadt und Hafen, und starke Zerstörungen hinter der Schutzmauer. Aber immerhin steht hier noch mehr als die Hälfte. Das Hotel hatte es damals auch erwischt – das gesamte Erdgeschoß war damals unter Wasser und kann immernoch nicht genutzt werden. Im Hotelzimmer entsprechende Anweisungen: Bei Tsunamiwarnungen mindestens bis in den 3. Stock laufen, alles darüber ist sicher. Nachts finde ich gottseidank eine kleine Rāmen-Bude in der Nähe – mehr gibt es nicht, auch keinen Konbini oder ähnliches. Das einzige, was es in der Nähe gibt, ist ein riesengrosser Pachinkoladen, und der sieht nagelneu aus. Die Rāmen heben meine Stimmung auch nicht gerade: So schlechte Rāmen habe ich seit langem nicht mehr gegessen.

Autowracks im Hafen von Miyako

Morgens geht es gegen 8 Uhr raus. Erstmal wage ich aber einen Blick aus dem Fenster – von dort kann man schön die Bucht und Teile des Hafens überblicken. Sowie einen grossen Autofriedhof, auf dem die nach dem Tsunami eingesammelten Autowracks zusammengeschoben wurden. Ich packe meine Sachen und begebe mich zur Bushaltestelle. Der Bus kommt auch fast pünktlich und fährt immer die Küste entlang bis nach 陸中山田 Rikuchū-Yamada. Der Bus fährt Berge hoch und Berge runter, zur Küste und wieder von der Küste weg. Kaum sind wir in Wassernähe, ist alles zerstört. Kaum fahren wir weg, sieht alles ganz normal aus. Vom Stadtzentrum der Gemeinde Yamada steht nur noch ein Betondeich und vier modernere Wohnblöcke, die scheinbar bis zum 2. Stock überschwemmt worden waren. Alles andere ist weg – nur noch Fundamente stehen. Der Bus fährt quer durch den ehemaligen Ort, hier und da steigen eins, zwei Leute ein und bald wieder aus. Hinter dem Ort geht es eine Anhöhe hinauf, und der Bus hält an einem 道の駅 Michi-no-eki – einer Art grösserer Raststätte an Fernverkehrsstraßen. Solche Raststätten gibt es überall.

Die Gegend sieht fantastisch aus – das Meer, die Bucht, die Berge – eine traumhafte Landschaft. In der Raststätte hängen Photos von Yamada nach dem Tsunami: Offensichtlich rollte der Tsunami erst über die Stadt hinweg, und anschliessend brannte der Rest der Stadt nieder. Ein grauenhafter Anblick auf den Photos – schwelende Trümmer in trübem, brackigen Wasser.

Bucht von Rikuchū-Yamada

In der Raststätte warte ich auf den nächsten Bus, der mich dann nach Kamaishi bringen soll. Der Ort ist nur gute 45 Minuten entfernt. Während ich da so warte, nähern sich mir zwei Japanerinnen: Eine sehr junge Frau und eine ältere Frau. An irgendetwas erinnert mich diese Kombination, aber ich komme nicht rechtzeitig drauf, denn schon spricht mich die junge Frau an – auf Englisch, ob ich Japanisch könne. Ja ja. Ob ich durch das Katastrophengebiet toure. Nein, eigentlich nicht. Bin nur auf der Durchreise. Ja, sie seien auch auf Tour durch das Katastrophengebiet – um Trost zu spenden. Eine böse Ahnung bewahrheitet sich: Sie sind Zeugen Jehovas, auf Seelenfang. Ich bleibe freundlich, aber schmallippig. Ob ich nicht… „Nein, ich bin Atheist“ (stimmt zwar nicht ganz). Ich will die beiden nur noch los werden. Die Menschen hier können die Zeugen Jehovas bestimmt genauso gut gebrauchen wie ein drittes Bein.

Endlich kommt der Bus und ich bin die beiden los. Neben mir sitzen zwei Fahrgäste im Bus, irgendwo vor mir. Nach etlichen Kilometern kommen wir an einem provisorischen Krankenhaus in den Bergen vorbei. Dann geht es steil abwärts zu einer weiteren Bucht. Der Name auf dem Strassenschild kommt mir sehr bekannt vor: 大槌 Ōtsuchi. Das war doch die Stadt, in der nach dem Tsunami fast alle Einwohner vermisst waren! An einem zerstörten Krankenhaus vorbei geht es in die Stadt beziehungsweise dahin, was davon übrig blieb. Und das ist nicht viel. Es sieht genau so aus, wie auf den Photos von Nagasaki und Hiroshima nach dem Atombombenabwurf: Hier und da steht der Rest eines robusteren, höheren Gebäudes – alles andere ist einfach weg. Ein absoluter Albtraum. Diese Stadt wurde wirklich völlig ausradiert, doch der Bus fährt seine ganz normale Route ab. Dann biegt der Bus nach rechts ab, Richtung Inland. Ein Schwenk des Blickfeldes, doch auch hier: Alles weg. Da hinter mir niemand sitzt, filme ich einen Stück der Fahrt mit meiner Kamera:

Karte des Zentrums von Ōtsuchi: Fast das ganze Zentrum lag unterhalb des Meeresspiegels

Schaut man sich allein Ōtsuchi an, grenzt es fast an ein Wunder, dass die Opferzahl die ist, die sie ist. Allein in dieser Stadt würde die Zahl nicht weiter verwundern. Der Bus hält derweilen auf Fahrgastwunsch an, und zwar an der Bushaltestelle 中央公民館 (Zentrales Gemeindehaus). Nur – da steht nichts mehr. Eine der beiden Fahrgäste steigt trotzdem aus. Mein Gott, was müssen die Bewohner dieser Stadt hier durchgemacht haben. Und was wird hier in Zukunft geschehen? In Miyako hatte ich bereits beobachtet, was ich beinahe befürchtet hatte: Viele Leute bauten einfach ihre Häuser an der gleichen Stelle wieder auf. In Ōtsuchi herrscht jedoch, soweit ich weiss, Baustopp. Die Frage ist nicht, wann, sondern ob und wenn ja wo man wieder bauen wird. Wird die Stadt womöglich aufgegeben? Das besonders prekäre in der Stadt war übrigens die Tatsache, dass der Bürgermeister und alle Abteilungsleiter im Rathaus vom Tsunami mitgerissen wurden: Die Bewohner der Stadt waren deshalb nach dem Tsunami für mehrere Tage komplett auf sich allein gestellt, es gab keine Verbindung zur Aussenwelt.

Mehr im Teil 3 später: Dann aus Kamaishi.

Links:
YouTube: Tsunami in Miyako
YouTube: Tsunami in Yamada
YouTube: Tsunami in Ōtsuchi

Teilen:  

Die Küste von Iwate 9 Monate danach – eine Momentaufnahme: Teil 1

Januar 6th, 2012 | Tagged , , | 5 Kommentare | 2092 mal gelesen

Ein etwas ausführlicherer, zweiter Teil (Teil 1 von unterwegs hier) meiner kurzen Tour durch die Präfektur Iwate:

Karte der Tour durch Iwate

Erstmal zur Route, um die Lage der Orte etwas zu veranschaulichen. Es ging zuerst mit dem Shinkansen nach Morioka, der Präfekturhauptstadt von Iwate. Das dauert nicht mal drei Stunden. Nach einer Nacht in Morioka ging es weiter mit einem Schnellzug an die Küste, nach Miyako (gute 2 Stunden). Nach einer Übernachtung dort sollte es weiter nach Tōno gehen. Tōno ist von der Küste aus von Kamaishi her ziemlich gut erreichbar. Da die Bahnlinie von Miyako nach Kamaishi jedoch auf unvorhersehbare Zeit unbenutzbar bleibt, ging ich davon aus, wieder nach Morioka zurück und von dort ziemlich umständlich nach Tōno fahren zu müssen. Es sei denn… in Miyako erfuhr ich, dass es mittlerweilen eine reguläre Busverbindung nach Kamaishi geben soll. Daher wurde die Route spontan in die kürzere umgeändert – also nach Kamaishi, und von dort mit dem Zug nach Tōno. Das sollte mir ein paar Stunden Zeit und einige Tausend Yen sparen, aber das bedeutete auch, dass ich mit dem Bus quer durch das 被災地 (hisaichi) Katastrophengebiet fahren würde. Das sollte gute 9 Monate nach dem Tsunami eigentlich in Ordnung sein. Allerdings: Würde ich das Gleiche machen, wenn ich diesen Blog nicht schreiben würde? Wahrscheinlich nicht. Spätestens seit dem Beben hat mich dieser Blog bzw. seine Leser insofern verändert, dass ich das Gefühl habe, vernünftig informieren zu müssen (oder es ganz sein zu lassen). Aber ich schweife schon wieder ab. Nach einer Nacht in Miyako ging es also mit dem Bus nach 陸中山田 Rikuchū-Yamada (1 Stunde) und von dort mit einem anderen Bus nach 釜石 Kamaishi (45 Minuten). Nach ein paar Stunden Aufenthalt ging es von dort mit der Bahn nach 遠野 Tōno (1 Stunde). Am nächsten Tag ging es von Tōno mit frisch diagnostizierter Lungenentzündung nach 平泉 Hiraizumi, wo ich mir dort in der Herberge dann mit frischen Austern den Magen verdorben habe. Ja, diese Tour wird in Erinnerung bleiben. Am folgenden Tag (noch nichts ahnend von der verhängnisvollen Wirkung schlechter Austern) ging es zurück nach Tokyo.

Aber zuerst einmal nach Miyako: Miyako war eine der ersten vom Tsunami getroffenen Städte, da es relativ nah am Epizentrum lag. Allerdings: Obwohl es so nah (gute 100 km) am Epizentrum lag, hatte das Beben hier „nur“ eine starke 5 auf der japanischen Skala (Maximum: 7) – eine starke 5 hatten wir auch dort, wo ich wohne, und das ist gute 400 km entfernt. Das Hauptbeben fand 14:46 statt – die grösste Welle erreichte Miyako nach 35 Minuten, und späteren Berechnungen zufolge war die Welle stellenweise knapp 38 Meter hoch.

Küste bei Jōdo-ga-hama

Miyako bzw. nahezu die gesamte Küste der Präfektur Iwate ist für seine besondere Form bekannt – diesen Typ Küste nennt man Ria-Küste. Will heissen, die Küste ist sehr stark zergliedert, mit unzähligen, langen und verzweigten Buchte und sehr vielen Inseln und Inselchen. So etwas gibt es auch anderswo – in Irland oder der Bretagne zum Beispiel. Die Küste ist gerade bei Miyako sehr schön. Besonders bekannt ist dort ein Abschnitt namens 浄土ヶ浜 Jōdo-ga-hama. Vom Bahnhof Miyako fährt man mit dem Bus keine 15 Minuten bis dorthin. Von der Bushaltestelle läuft man dann noch knappe 10 Minuten, und schon steht man am Pazifik – an einem weissen Strand, der vom Horizont durch eine kleine Kette winzigster Inselchen getrennt wird. Auf den schroffen Felsen trotzt eine Kiefer dem Wind. Zwischen den Inseln schwallt das Wasser über die Felsen. Am Strand steht ein kleines Denkmal vom örtlichen Rotary-Club, welches an den Tsunami vom 24. Mai 1960 erinnern soll: Damals schickte ein schweres Erdbeben in Chile eine 10 Meter hohe Wasserwand nach Miyako. Dank des vorher errichteten Schutzdeiches blieb die Welle damals ohne Folgen.

Küste bei Miyako

Anders am 11. März 2011: Infolge des Bebens der Stärke 9.0 vor der Küste sank ein breiter Streifen entlang der Küste von Iwate ein paar Meter ab. Am Strand gibt es einen schönen Uferweg, der teilweise durch Tunnel führt. Dieser Weg steht heute grösstenteils unter Wasser und kann nicht mehr betreten werden. Ich laufe in das kleine Tal hinter der Bucht. Dort steht ein grosses Haus, in dem man früher essen und Souvenirs kaufen konnte. Das Gebäude ist mit Brettern verrammelt, das Toilettenhäuschen und die Trafomasten sind weggespült. Ich laufe zum Ende des schmalen Tals. Dort beginnt ein kleiner, unbeleuchteter Tunnel. „Wegen des Bebens Betreten Verboten“ steht dort, aber der Eingang ist nicht versperrt, und weit hinten sieht man das andere Ende. Der Tunnel scheint frei zu sein, also laufe ich hinein, etwas gebückt, da der Tunnel keine 2 Meter hoch ist. Nach ca. 250 Metern stehe ich wieder am Freien – nicht ganz ungefährlich, da ein Teil des Weges unterhalb des Ausgangs weggebrochen ist. Ich muss auch gleich springen, denn mir springt gleich die Gischt entgegen. Auch hier hat sich das Ufer deutlich abgesenkt. Überall liegen Trümmer herum; der Weg am Ufer ist halb überspült und voller Risse. Den gleichen Weg möchte ich nicht zurückgehen, also gehe ich schnell Richtung Ende der kleinen Bucht. Dort gibt es zwei Brücken – eine grosse Autobrücke und darunter eine kleine, zerbrochene Brücke – offensichtlich vom Tsunami zerbrochen. Überall liegen Holz und Trümmer herum.

Stadtviertel von Miyako nach Tsunami

Ich laufe die Treppen hoch von der Bucht, vorbei an einem Friedhof. Nach einigen Metern aufwärts geht es wieder abwärts, vorbei an ein paar Wohnhäusern, doch dann verschwinden die Häuser. Plötzlich sind nur noch Fundamente da: Das hier ist 蛸の浜町 – „Oktopusstrand-Viertel“, und alles von hier bis zum Hafen wurde weggespült. Nun, die Trümmer sind alle aufgeräumt – was heute noch steht in diesem engen Tal sind die Fundamente, versehen mit Markierungen wie „Kann abgerissen werden“ usw. Die Strassen sind alle frei und werden auch befahren, was etwas merkwürdig anmutet – ein Geflecht kleiner Strassen, ohne Häuser. Auch der Bus fährt hier durch und hält an den alten Haltestellen, auch wenn im weiten Umkreis nichts steht. Am Talrand stehen völlig unversehrte Häuser – der Tsunami interessiert sich logischerweise nicht dafür, was woneben steht, sondern nur dafür, wie hoch die Dinge liegen.

Teil 2 folgt…

Teilen:  

Fundstücke: Tekitōismus oder: ein verlorenes Stück Holz

Dezember 8th, 2011 | Tagged , , | 2 Kommentare | 1080 mal gelesen

Jetzt, da ich endlich mit einer für das Internet halbwegs brauchbaren Kamera ausgestattet bin (mit der man sogar telefonieren kann), kann ich endlich mal spontan Aufnahmen von alltäglichen Nichtigkeiten machen und ein paar Zeilen dazu schreiben. Sonst geht mir ja nach fast 650 Artikeln der Stoff aus, oder ich muss wieder lange suchen, um sicher zu gehen, nicht schon einmal darüber geschrieben zu haben.

Das Photo rechts entstand heute auf meinem Weg zur Arbeit. Der Ort: Bahnhof 新木場 Shinkiba, Bahnsteig der リンかい線 Rinkai-sen (wörtlich in etwa: Ufer-Bahnlinie). Diese Linie ist eine der jüngsten Bahnlinien in Tokyo; der erste Abschnitt (von Shinkiba bis Tōkyō Teleport) wurde 1996 fertiggestellt, der Rest (bis 大崎 Ōsaki an der Yamanote-Linie) erst 2002. Die Linie verläuft größtenteils unterirdisch und hat Anschluss an die 埼京線 Saikyō-Linie (Saikyō steht für SAItama ↔ TōKYŌ – Saitama ist die Präfektur nördlich der Hauptstadt). Das bedeutet, man kann bequem und ziemlich schnell von Shinkiba im Osten nach Ebisu, Shinjuku, Ikebukuro usw. fahren. Einziger Nachteil: Die Linie ist im Vergleich zu anderen Linien fast doppelt so teuer. Vorteil dessen wiederum: Die Züge sind meistens ziemlich leer. Ich habe jedenfalls noch nie stehen müssen. Das ist gut, denn so kann ich unterwegs etwas arbeiten. Oder sinnlose Blogeinträge verfassen.

Zurück zum Photo: Da die Linie neu ist, ist die ganze Anlage inkl. aller Bahnhöfe natürlich auch neu. Eine Orgie aus Beton und Stahl, und wie man es in der Regel gewohnt ist in Japan, ist alles blitzsauber. Nur dieses kleine Brett am Zugende, mit dem aufgeschraubten 発車ベル (Zugabfahrtssignalknopf), passt irgendwie gar nicht so recht ins Bild. Was war da wohl passiert?

„Du, Cheffe, alles fertig! Sieht toll aus, oder?“ – „Ach ja? Und wo ist der Zugabfahrtssignalknopf bitteschön? Deinen Bonus kannste vergessen! Und bis morgen früh um 4 Uhr erwarte ich eine handschriftliche Erklärung von Dir, warum Du so versagt hast! In 20-facher Ausfertigung! Aber jetzt lass uns erstmal beim Karaoke-Schuppen einen antütern. Ich schau morgen dann mal zu Hause, habe da irgendwo noch ein altes Brett liegen..“

Ist es das? Oder steht auf Seite 1328 des 5. Anhanges zur 42. revidierten Ausgabe der Eisenbahnbauanleitung (gültig nur für Südosttokyo), daß der Zugabfahrtssignalknopf ganz unbedingt auf einem Brett zu montieren ist, da sonst durch die Vibrationen des einfahrenden Zuges eine Schraube herausfallen könnte? Man weiss es nicht.

In der Regel sind Japaner im Beruf und im Hobby Perfektionisten. Allerdings mit einer nur allzu menschlichen Neigung zum Tekitōismus*.

*tekitō (適当) – eigentlich „angemessen“ bzw. „passend“, wird dieses Wort auch oft für „irgendwie hinbiegen“ benutzt.

Teilen:  

Mann im Himmel – Abteilung Traumjobs

November 4th, 2011 | Tagged , | 6 Kommentare | 1594 mal gelesen

Spannender Arbeitsplatz!

Neulich rief mein Kind – in unserer Wohnung wohlgemerkt – „Papa, da ist ein Mann im Himmel, vor unserem Haus!“. Während wahrscheinlich alle normalen Eltern sofort „Na klar, mein Kind! Nun komm, iß Dein Fliegenpilzkompott auf!“ entgegnet hätten, war ich doch zu neugierig und beschloß, der Sache mit einem Blick aus dem Fenster auf den Grund zu gehen. Und siehe da, da war ein Mann im Himmel! Er hing direkt in der Hochspannungsleitung, die ca. 100 Meter schräg über unserem Haus vorbeigeht. Nein, ich lebe nicht auf dem Land, ehrlich nicht! Eine überirdische Hochspannungsleitung mitten in der Stadt ist hier kein Thema, und aus noch nicht erforschten Gründen sterben die Leute, die unterhalb der Leitungen wohnen, eher an Altersschwäche als an basketballgrossen Gehirntumoren. Das soll allerdings nicht heissen, daß ich übermäßig erbaut bin über die Leitung – bei hoher Luftfeuchtigkeit gibt es immer ein verdächtiges Kribbeln und Brummen in der Leitung…

Wie auch immer: Der gute Mann krabbelte recht gekonnt durch die Leitungen, um … irgendwas zu machen. Zusammen mit dutzenden Kollegen, die ihn von beiden Masten linker- und rechterhand und von unten mit Argusaugen beobachteten. Aber das ist ja normal hier: Einer arbeitet, 10 Leute schauen zu. Ein, wie soll ich sagen, interessanter Job. Er wird schon gut genug gesichert sein, aber ich stelle mir das schon spannend vor, in ca. 20, 30 m Höhe über Strassen, Kreuzungen und Häusern durch Starkstromkabel zu klettern.

Teilen:  

Zwei Stunden Anstehen für ’ne Wurst / The Meat Guy

Oktober 25th, 2011 | Tagged , , | 17 Kommentare | 1895 mal gelesen

Würstchenbude in Tokyo: 2 von 4 Sorten ausverkauft, zwei Stunden Wartezeit

Nein, die Rede ist nicht von einer Suppenküche oder einem Flüchtlingslager, sondern vom Deutschlandfest, welches gestern in und um die deutsche Botschaft herum stattfand. 150 Jahre Deutsch-Japanische Freundschaft sollten da gefeiert werden – Höhepunkt des Jahres der Deutsch-Japanischen Freundschaft. Hoch die Tassen.

An der Außenmauer genau jener Botschaft, die sich kurz nach dem Erdbeben erstmal selbst in Sicherheit gebracht hatte, ohne die bei Ihr registrierten Bundesbürger irgendwie zu informieren, klebten riesengrosse Plakate, auf denen die Heldentaten gefeiert wurden, die Deutschland für das leidgeprüfte Japan nach der Katastrophe volbrachte – mit Photos von Cargomaschinen, Hochdruckreinigern, Räumgerät und dergleichen. Ich glaube, ein Photo vom THW, das zwar schnell vor Ort, aber noch schneller wieder verschwunden war, war glaube ich nicht dabei.

Das soll aber unser aller Freude nicht trüben. Ich war dann doch zu neugierig, und bin also mit meiner Tochter nach Hiroo gefahren. Schliesslich sollte ja sogar der Bundespräsident auftreten. Das tat er wohl auch, aber dafür waren wir zu spät, und meine Tochter wäre sicherlich auch nicht so sehr an einer Rede interessiert gewesen. Schon am Bahnhof von Hiroo ging es los: Menschenmassen, soweit das Auge reichte. Irgendwie Kind an den Cafes vorbei bis zum Park gezerrt – Menschenmassen überall. Hin zum Teich im Park, dann ein paar wenige Stufen hoch – dort begann eine Schlange, die bis zum oberen Teil des Parks reichte. Die Wurstschlange! Ein Zurechtweiser mit Schild „Hier Ende der Schlange“ beantwortet gutmütig die Frage nach der Wartezeit: 2 Stunden. Um Gottes Willen.

Es war viel Trubel. Unzählige Menschen, unzählige Kinder. Schnell was zum essen kaufen? Ausgeschlossen. Nun ja, hier etwas gespielt, da etwas gespielt, kurzer Heulkrampf, weil der gerade erkämpfte Heliumluftballon gen Himmel flog… nach anderthalb Stunden wurde es eh schon langsam dunkel, und so traten wir wieder den Rückweg an. So gesehen muss das Fest ein voller Erfolg gewesen sein.

—–

The Meat Guy

A propos Wurst: Heute bin ich über eine Webseite gestolpert, die ich vorher noch nie bemerkt habe: „The Meat Guy“. Der Name an sich ist schon herrlich. Und Programm. Der Laden wird von einem in Nagoya lebenden Ausländer betrieben – und das Angebot sieht fantastisch aus. Es gibt sogar (Fanfarenton!) ganze Enten – mit 6,600 yen, also guten 60 Euro, pro Tier (wenn auch klein) sogar relativ preiswert. Sogar Speck hat er. Naja, im Moment ausverkauft… Ich war so begeistert, dass ich hier doch prompt umsonst Werbung für den Laden mache.
Die Seite ist übrigens zweisprachig (Englisch & Japanisch) – und gut gemacht. Sprich, die Artikelbeschreibungen sind regelrecht amüsant. Hier geht’s zum Meat Guy.

Teilen:  

« Ältere Einträge